hi A
>"^1J
ZEITSCHRIFT
FÜE
DEUTSCHE PHILOLOGIE
BEGRÜNDET vox JULIUS ZACHER
HERAUSGEGEBEN
VON
HUGO GERING ^ , _
EINUNDZWANZIGSTER BAND
HALLE A. S.
VERLAG DER BUCHHA]ST)LTrNG DES WAISEJS'HAUSES
188 9.
Z3S'
ßo/. ^/
Inhalt.
Seite
Tius Things. You K. Weinliold 1
Briefe voa Opitz und Moscheroscli. Von G. "Witkowski 16. 163
Das sogeuante Hamburger Preisausschreiben. Von E. "Wolff 39
Die flauen in Wolframs Parzival. Von K. Kinzel 48
Das liederbuch der Anna von Köln. Von J. Bolte 129
Eex mortis. Von E. Peters 188
Beiträge zu Klopstocks Messias. III. Das gericht über die bösen könige. Von
J. Pawel 190
Ein Schreibfehler in Lessings Hamburgischer dramaturgie. Von G. Kettner . 199
Zu Saxo grammaticus. Von K. Elze 200
Zu Paul Gerhardt. Von F. Jonas 201
Miscellen zui- frage nach der waldensischen herkunft des Codex Teplensis und
der ersten bibeldrucke. I. Eine handschiift der PauHnischen briefe. Von
G. Ellinger 203
Einige vogelnamen aus dem nördücheu Böhmen. Von F. Branky . . . . 207
Zimi Jubiläum Eichendorffs. Von J. Minor 214
Zwei bruch stücke der Eeimchronik des Eudolf von Ems. Von I. Ziugerle . 257
Der ti'actat der Upsala-Edda „af setningu hattalykils." Von 0. Brenner . . 272
Eine bearbeitung des Papinianus auf dem repertoir der Wandertruppen. Von
C. Heine , . • 280
Einige bemerkungen zu Johann Peter Titzs deutschen gedichten. Von G. El-
linger • 309
Herder im Faust. Von A. Huther 329
Zu Anastasius Grün. Von F. Pro seh 335
Wieland und Lessings Laokoon. Von G. Kettner 336
Himnielgartner bruchstücke. Von E. Sievers 385
Der dichter des Jüngeren Titurel. Von P. Hamburger 404
Erasmus Alberus Gespräch von der schlangen Verführung (die ungleichen kinder
Evae). Von E. Matthias 419
Ein brief Johann Laui'embergs. Von J. Bolte 464
Nekrologe.
Friedrich Becker. Von K. Weiuhold 73
Karl Bartsch. Von K. v. Bahder 466
Jon Arnason. Von K. Maurer . • 470
Litteratur.
Neuere Schülerlitteratur. Von G. Kettner 75
Die lieder der Edda, herausgegeben und erklärt von B. Sijmous; angez. von
E. Sievers 102
Grundzüge der deutschen syntax von 0. Erdmann; angez. von H. Klinghardt 110
IV INHALT
Seite
Weitere mitteilungen zu Chr. Eeuters sehrifton von Fr. Zarncke ; Christ. Eeuter
als passionsdichter von dems. ; angez. von G. Ellinger 116
Pai'zival übers, von San Marte; angez. von G. Boetticher 120
Joh. Peter Titzs deutsche gedichte, herausg. von L. H. Fischer; angez. von
G. Boetticher 121
Schriftsprache und dialekte im deutschen nach Zeugnissen alter und neuer zeit,
von A. Socin; angez. von K. "Weinhold 122
YqIo spo, übers, und erläutert von A. Heusler; angez. von E. Mogk . . . 125
Das hohe lied vom rittertum von G. Boetticher; angez. von A. Schulz . . . 232
Das deutsche tagelied von "W. de Gruyter; angez. von H. Giske 242
Eeinke de vos, herausg. von Fr. Prion; angez. von H. Brandes 247
Joh. Spangenbergü Bellum grammaticale ed. Rob. Schneider; angez. von J. Minor 251
Deutsche altertumskunde II von K. MüUenhoff; angez. von H. Schweizer-
Sidler 253
Über die spräche Ulrichs v. Eschenbach von AV. Toischer; angez. von K. Wein-
hold 254
Gastmähler und trinkgelage bei den Deutschen von F. A. Specht; angez. von
K. Weinhold 2.54
Jahresbericht über die erscheinungen auf dem gebiete der german. phüologie,
IX. Jahrg.; angez. von H. Gering 255
Indogermanische mythen. 11. Achilleis von E. H. Meyer; angez. von E. Mogk 336
Beiträge zm- geschichte der älteren deutschen litteratur. IH. Der altdeutsche
reimvers, von W. Wilmanns, angez. von Fr. Kauffmann 346
Beowulf herausg. von M. Heyne und A. Socin; angez. von E. Sievers . . . 354
Beowulf- Studien von G. Sarrazin; angez. von E. Sievers 366
Kormaks saga herausg. von Th. Möbius; angez. von B. Sijmons 367
Goethes beziehungen zu Zürich von L. Hirzel; angez. von H. Düntzer. . . 372
Zur Strassburger schulkomödie von Joh. Crüger; angez. von H. Holstein . . 382
Die Griseldissage in der litteraturgeschichte von Fi', v. Westenholz; angez. von
J. Bolte 472
Tobiae komedie, Comoedia de Mundo etPaupere, udg. af S. Birket- Smith; angez.
von J. Bolte 477
Dobefonten i Akirkeby kirke af Ludw. Wimmer; angez. von H. Gering. . . 487
Die rmienschrift von Ludw. Wimmer; angez. von Finnur Jousson .... 492
Badenfahrt von Thomas Murner, herausg. von E. Martin; angez. von E. Mat-
thias 498
Miscellen.
Stiezen. Von M. Lexer 255
Zu Lauremberg. Von H. Gering 256
Erwiderung und antwoii. Von G. Boetticher und A. Schulz 383
Nachrichten 128. 256. 384. 502
Register von E. Matthias 503
TIUS THINGS.
Der germanische gott *Tius war ursprünglich der hinimelsgott,
gleich dem Zevs und dem Jupiter: der göttlich verehrte hiramel (skr.
dymis) als speuder des lichtes und der wärme.
In dem nordgermanischen mythus von Tyr und Fenrir zeigt sich
der gott noch in dieser uralten eigenschaft; auch in der erzähl ung von
der fahrt zu Hyniir lässt sich Tyr noch als himmelsgott erkennen,
seine mutter, die brünhvit und algullin, als die morgen röte.
In Deutschland sind die spuren dieser eigenschaft Tius verwischt.
Hier hat sich seine Weiterentwicklung zum kriegsgott früh volzogen,
die aber zur Voraussetzung eine gottheit hat, welche dem volke als
Inbegriff der höchsten lebenskraft dastund, da in dem kriege der ein-
zelne wie die gesamtheit den höchsten einsatz von dem, was sie ver-
mochten, zu wagen hatten. Nur ein gott der reichsten lebensfülle in
der natur, wie sie von dem himmel auf die menschen sich verbreitet,
konte der kriegsgott germanischer vöLker werden.
Aus dem, was die Römer aus westgermanischem lande von dem
Tius erfuhren, zogen sie den schluss, dass er dem Mars entspreche.
Und als die Deutschen die namen der sieben tage der römischen woche
sich übersezten, übertrugen sie den dies Martis als Tiives dag.
Mars -Tius verehrten die Tencterer als ihren höchsten gott (Tac.
histor. 4, 64). Bei den Hermunduren stund er über dem Wodan -
Mercurius (ann. 13, 57). Die Völker oder das volk, von dem Tacitus
seine nachricht über das opferwesen bezog, hatten dagegen den Wodan-
dienst über den des Thunar (Hercules) und des *Tius (Mars) gesteh.
Es werden Istnevonen gewesen sein. Bei den Erminonen hat *Tius im
mittelpunkt der religion gestanden. Der bundeskultus der swebischen
Völker war ihm gewidmet; von ihm leiteten sich noch später die Schwa-
ben ab, wie die Wessobrunner glosse Cynuari: Suapa (Diut. 2, 370)
bezeugt, die uns die mitia gentis, den rcgnator omnium deus in Ger-
mania c. 39 erläutert.
Bei Sachsen und Angelsachsen trug *Tius auch den Bein men
Saxnot Seaxneät, von dem schwort, seinem heiligen sinbilde, unter
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 1
2 WEINHOLD
dem ihn die Quaden verehrten (Ammian. Marc. 17, 12). Bei den Sach-
sen hiess er auch Er (altgerm. *Eras ^''L^Qrjg). Die Eresbiu'g, welche
k. Karl 772 eroberte, war ein befestigtes heiligtum des Sachsenvolkes,
worin das idolum oder fanum stund, quod vocahatur Irminsfd, die
gewaltige säule des kriegsgottes, wie solche die Sachsen nach dem
entscheidenden schlage gegen die Thüringer dem Mars (d. i. ihrem
ki-iegsgotte) nach Widukinds durch üble gelahrtheit verdunkelten bericht
als Siegeszeichen errichteten.
Den namen Er, der erreger, aus derselben wurzel gebildet wie
Irmiu,! ursprünglich nur attribut zu Tius, gaben üim auch jene dem
Swebenbunde früher angehörigen Völker, die sich almählich zum Baiern-
volke vereinigten, während ihre verwanten auf dem Imken Lechufer,
die Alemannen, an dem hauptnamen Ziu (so seit der Lautverschiebung)
festhielten.
So sehen wir den alten arisch -germanischen himmelsgott als prae-
ci'puus deoruni von dem grösten teile der Deutsclien verehrt, und zwar
als kiiegsgott verehrt.
Aber ein noch nicht alter inschriftenfund belehrte uns über eine
andere eigenschaft Tius: der kriegsgott war auch der über das ding,
die versamlung der Staats- und rechtsgemeinde mächtig waltende. In
dieser Stellung führte Tius den beinamen Things.
Professor Emil Hühner hat in der Westdeutschen Zeitschrift für
geschichte und kunst 3, 120 zwei Inschriften veröffentlicht, die im
nördlichen England, bei Housesteads, der alten römischen Station Borco-
vicium am Hadrianswall gefunden wurden. Der eine altar,- mit schwe-
rem aufsatz , trägt auf der ziemlich schmalen Vorderseite des haupt-
stücks, folgende Inschrift:
DEO
MARTI
THINOSO
ED\iBYS
A^AESIAGIS
BEDEa^FI
miile:ne
a^NATGGER
MCIWSTY
IHANTIV
YSLM
1) Partie, ermnas, ÖQ/xtvog vgl. Müllenhoff in der ztschr. f. d. a. XXTTT, 3.
2) Herr prof. HüLiier hatte die gute mir zwei Photographien des steins initziiteilou.
TIÜS THINGS 3
Nach lierrn Hübners lesung:
Deo Marti Thingso et duabus Alaesiagis Bede et Fimmilene et
nuimni Augusti^ Germani cives Tvihanti votiiQi solveriint libentes
merito.
Auf der rechten Seitenfläche sieht man in flacher arbeit auf einem
hohen fussgestell eine bekleidete behelmte gestalt, die den nackten
rechten unterarm empor hebt und die band ausstreckt. Das faltige
gewand ist über der hüfte gegürtet. An sie schmiegt sich rechts eine
kleine bekleidete gestalt, die bis an den gürtel der grossen reicht. Sie
legt die rechte band gegen die linke brüst. Unter dem langen gewande
sieht man die zwei füsse hervorkommen. Der köpf ist auf der Photo-
graphie wenigstens undeutlich. Auch lässt sich nicht sicher sagen, ob
der köpf der grösseren männliche oder weibliche züge trägt; lezteres
scheint aber das wahrscheinlichere.
Die linke Seitenfläche des altars ist ohne bildliche darstellung.
Der zAveite votivaltar- trägt über dem gesims, worein DEO
eingehauen ist, einen aufsatz aus je einem riindstücke mit verwitterter,
vielleicht ein rad darstellender meisseluug; in der mitte ein spitzes
giebelstück, aus dessen innerer fläche ein brustbild mit undeutlichem,
jedenfals kurzhaarigem köpf ziemlich flach hervortritt.
Das hauptstück des altars hat folgende inschrift:
MARTITEDVABVS
ALAISIAGIS-ffiYAVG
gerciwstviha^ti
cv:nei-frisiorvm
ter- ser- alexan)
rianivotvm
solyerynt
LIBENT--
M
Herr E. Hübner las das ganze:
Deo Marti et duabus Alaisiagis et niinüni Augusti Germani
cives Tvihanti cunei Frisiorum Yer. Ser. Alexandriani votum solverunt
libentes merito.
Aus dieser inschrift ergibt sich, dass der altar miter dem kaiser
Severus Alexander (222 — 235) von Deutschen aus der landschaft Twente,
die zu dem friesischen regiment gehörten, errichtet worden ist. In
1) Moimnsen liest numiuibus Augustoruin.
2) Auch von ihm teilte iiiir hen' pvof. Hübuer eiue Photographie mit.
1*
dieselbe zeit miiss bei der grossen Übereinstimmung der Inschrift auch
der erste altar gesez werden.
Der name Things ist von herrn E. Hübner noch auf einem drit-
ten stein bemerkt worden, der dem keltischen gotte Belatucadrus und
dem Tingsus von Germanen des friesischen cuneus errichtet wurde. ^
Die Inschrift lautet nach heiTD Hübners lesung:
Deo I Belatv | cadro a | mvro | sivitvs j Tiugso | ex cvne | vm
[Fr] is [iorvm Ger] mano | rvm
Sie ist unläugbar entstelt. Das tvs vor Tingso deutete herr Hüb-
ner auf Tius. Scherer fasste es so, freilich nur als unsichere möglich-
keit, dass der nominativ Tus ^//2^.s«<.s - misverstanden und daraus ein
dativ Tustkingso gebildet worden sei. Der Steinmetz hat hier über-
haupt geaii^eitet, ohne eine ahnuug zu haben von dem was er hieb.
Mutmasst man also , so kann man lieber gleich das richtige Tivo Thingso
mutmassen. Sicher bleibt aber Tiugso [Thingso)^ dativ zu dem bei-
namen des Tius, den jener altar vom Hadrianswall uns lehrte.
Ausser E. Hiibner hat sich W. Scherer mit diesen Inschriften
beschäftigt und darüber am 8. mai 1884 in der Berliner akadeniie der
Wissenschaften einen vertrag gehalten: Mars Thingsus betitelt,- wozu
er nach H. Brunners mitteilung am 29. mai dess. j. einen nachti'ag gab.^
Wir werden auf seine erklärungen fortwährend bezug nehmen müssen.
Das latinisierte Thingsus, deutsch Things ist attiibut zu Mars
d. i. Tms und bezeichnet des gottes Verhältnis zu dem thing. Gramma-
tisch ist es eine adjectivische Weiterbildung des Stammes thingsa durch
das secundäre suffix-a, durch welches adjectiva und appellativa gebil-
det werden, die irgend eine beziehung zu dem grundworte ausdrücken.*
Dieses' selbst ist dasselbe neutrum things, das aus dem longobardischen
edictus Rothari (171 fgg. thinx) bekant, ist mit der bedeutimg einer
rechtshandlung. Und in dieser bestimten, gewissermassen beschränkten
bedeutung möchte ich aus unsern Inschriften den Tius Things nehmen.
Er wird hier nicht als der gott gemeint, der über ilie volksversam-
lungen überhaupt waltet, sondern als der grosse gerichtsgott.
Allerdings stunden die Zusammenkünfte der sämtlichen freien
männer des landes oder des gaus wie der ortsgemeinde, in denen getagt
1) Bruce, lapidarium soptentriouale s. 412 ur. 807 und eplaeni. epigr. 3. 125
nr. 85.
2) Sitzungsbericlite der akad. d. wiss. zu Berlin. 1884. XXV.
3) Brunner in der Zeitschrift der Saviguy- Stiftung für rechtsgeschiclite. V. lid.
Germanist, abteil. s. 226 fgg. Weimar 1884.
4) Zimmer, die nominalsuffixc «unda s. 214 fg., vgl. Scherer a.a.O. s. 4 (574).
TIUS THINGS 5
und gedingt ward, in dem frieden des Tins, Aveil er der kiiegsgott war,
die Deutschen aber keine öffentliche noch persönliche sache anders als
in Waffen verhandelten. i Die begriffe volk und heer deckten sich vol-
kommen. Noch in den volksrechten bedeutet exercitiis das volk; in
exercito amholare wird in den erlassen des langobardischen königs
Liutprant von den reisen der judices iin lande gebraucht. -
Wir haben es aber in den beiden votivaltären von Borcoviciuiu
nicht mit einer grossen politischen Verhandlung zu tun, sondern sie
sind, nach allem was wir finden werden , denkmäler eines rechtsstreites,
dessen glücklichen ausgang die deutschen bürger aus der landschaft
Tvianti dem schütze des Tius Things und der beiden göttinnen ver-
dankten, zu denen sie vorher gebetet und denen sie, der römischen
Sitte sich anschmiegend, einen denkstein mit frommem gelübde zu
setzen sich verpflichtet hatten. Daheim hätten sie vielleicht eine art
irminsül aufgerichtet; hier im fremden lande, als teile des römischen
heeres, ward die römische form gewählt. Sprache, schriftzeichen, bil-
der, form des steins sind römisch. Auf dem dritten englischen stein,
welcher den namen Things trägt, ist derselbe sogar mit dem keltischen
kriegsgotte Belatucadi'us zusammen genant, w^as sich nur aus einer
gemeinschaftlichen angelegenheit gallischer und fiiesischer Soldaten des
römischen lagers erklären kann.
Die votivsteine sind also zunächst dem Tius als dem grossen
gerichtsgotte des Volkes geweiht. Wer sind aber die duae alaisiagae
{(daesiagae) ^ deren eigennamen Beda und FunmUa die eine Inschrift
glücklicherweise angibt, welche als genossinnen oder gehilfinnen neben
ihm oder unter ihm sich hilfreich bezeigt haben?
Das wort alaisiagae oder alaesiagae, wie das einemal römischer
eingehauen ist (denn germ. ai gaben die Eömer durch ce wider, wie
Aestii, Casia silva, Boihemum (= Boihmmum) ^ Istaevones zeigen),
gibt ein rätsei auf.
al ist zunächst abzutrennen als das zur Verstärkung des wort-
begrifs vorgestelte adjectiv al. Zusammensetzungen mit al erscheinen
auf rheinischen römisch -germanischen Inschriften mehrfach. Neben den
hiatronis Gabiabus werden steine den inafroms alagabiabus geweiht
(Corpus inscription. rhenanar. edid. Gu. Brambach n. 557. 559. 560.
1) 7iihil auiem neque publicae neqiie privatae rei nisi annati agunt. Germ.
c. 13. — ut turba placuit, considunt annati. Sin placuit, frameas concu-
tiunt. honoratissimum assensus geniis est armis laudare c. 11.
2) Liutpr. leg. 83. ed. Roth. c. 386; vgl. auch Waitz, deutsche verf. gesch.
I, 213 (N. 3). 362.
625. 2050. — 296). Wir finden dort ferner alateiviae (n. 197) oder
besser mafres alatervae, wie ein in Schottland gefundener stein lehrte. ^
Es mag daran erinnert werden, dass al sowol adjectiven als Sub-
stantiven in allen germanischen sprachen verstärkend vortritt.
Den hauptteil des wertes zerlegte Scherer (s. 9 oder 579) in aisia-
gae, indem er vorausschickte, dass unter den möglichen deutschen ety-
mologien diese die verhältnismässig wahrscheinlichste sei. al-aisia-gce
könne zur not^ erklärt werden die algeehrten, wenn man aus dem
einmaligen ahd. (1. prs. ind.) ereöm (gl. Ker. 109, 36) auf ein germa-
nisches '^aizjä, die ehre, schliessen dürfe.
Ich will hierzu anmerken, dass aus den rheinischen inschriften
die neigung erhelt, bei latinisieraug germanischer a- und «-stamme
dieselben als ja- und j« - stamme zu behandeln: man vergleiche ^a6^a-
hus, akitervice.
Aus jenem anzusetzenden *ahjä Aväre also durch das suffix-r/a
das adj. *aixjaga- abgeleitet, (ahd. crcif^^ das die bedeutung mit ehre
behaftet, im besitz von ehre, haben kann, aber nicht ehre verleihend,
wie Scherer s. 11 (581) auslegte, mit rücksicht auf zwei kranzhaltende
weibliche gestalten eines ganz andern, inschriftlosen steins (des stirn-
stücks einer csdicula), dessen beziehung auf die akesiagce doch höchst
unwahrscheinlich ist.
Wenn wir nun übersetzen „den zwei algeehrten", so kann es
auffallen, dass ein solches adjectivisches attribut in der einen inschrift
den eigennamen mit sichtlich substantivischer Selbständigkeit vorantritt,
und in der andern gradezu als Substantiv, ohne die eigennamen, dient.
Indessen ist das in alter poetischer spräche nicht unerhört. In dem
Grottasongr, dem lied von den zwei gefangenen göttinnen Fenja und
Menja, heisst es str. 1, unsrer inschrift ganz entsprechend:
nü ero komnar tu konungs hüsa
framvisar tvcer Fenja ok Menja
nun sind zu den königshäusern gekommen die zwei hervorragend wei-
sen, Fenja und Menja.
Und sti\ 13 lesen wir, zur andern inschrift stimmend, ohne die
namen :
en vit siäan ä Sripiöäu
framvisar^ tvoir i folktnn stiguni.
1) H. Kern, germaansche woorden in latijnsche opscluiften aan den Beneden -
Eijn (Amsterd. 1872.) s. 7.
2) Als notbehelf nahm auch Bruoner die Scherersche deutimg, zeitschv. der
Savignystift. f. rechtsgesch. V, 228.
TIUS THINGS
Freilich kann hier framvisar tvcer als apposition zu dem vorausgehen-
den Vit, wir zwei, gezogen Averden.
Für den Übergang adjectivischer attribute selbst in eigennamen
liegen belege genug vor. Hier sei nur an Heimdallr erinnert, der
heimfrohe nach seiner eigentlichen bedeutung, wenn Müllenhoff recht
hatte (zs. f. d. a. XXX, 245).
Aber trotzdem empfindet man bedenken gegen das adjectivische
wesen von alaisiagae. Sichtlich antwortet das wort dem DEO, und
man fühlt die berechtigung, ein gleich bedeutendes Substantiv hier zu
verlangen.
Ich wage daher eine andere erklärung, die ich für nichts anderes
als einen fraglichen versuch ausgebe, die mir aber einer berechtigung
nicht zu entbehren scheint.
Ich lese statt ALAISIAGIS oder ALAESIAGIS
ALAISAGIIS
und übersetze den grossen gesetzsprecherinnen, indem ich zu
dem latinisierten dat. plur. einen german. nom. sg. ^aisagjo aufstelle,
das femininum zu *aisagja, ahd. esegjo esecco. Bekant und belegt
sind ahd. esago (Trierer glossen; easagari esagari gl. Mens. Salzburg.),
alts. cosago, altfiies. äsega. Als ^a^^- stamm tritt das zweite glied der
Zusammensetzung ahd. in ivärsecco auf, imd auch das fries. äsega führt
auf ^'-sagjau zurück.
Über das gesetzsprecheramt ist durch die Untersuchungen von
Konrad Maurer imd Karl v. Richthofen vornehmlich licht verbreitet
worden.
Konr. Maurer hat bewiesen , dass es eine algemein nordische rechts-
einrichtung war, nur Dcänemark ausgenommen.^ Die deutschen rechts-
historiker erkanten dann, dass der gesetzsprecher bei den verschieden-
sten deutschen Völkern in sehr früher zeit, wenn auch unter verschie-
denen namen, erscheint. ^
Der csago (gesetzsprecher wörtlich) ist, um K. v. Richthofens
erklärung zu benutzen, „kein Vorsitzender des gerichts, kein urteiler,
sondern ein gesetzsprecher — ein lebendes gesetzbuch, der überall
befähigt und befugt ist, die urteiler über die rechtssätze zu belehren,
1) Festgabe der Müncliencr juristenfacultät zum doctorjulnliliuu von Arndts
s. 1 — 69 (1875). SitzuDgsber. der bayr. akad. d. wisscuscb. phil. bist. cl. 1887. II,
s. 363 fgg.
2) H. Bi-unner, deutscbe recMsgescMchte I, 110 fg. 150—153. 287. E.Schrö-
der in der zeitsckr. d. Savignystiftung f. recbtsgescb. IV, 215 fgg.
WEINHOLD
die beim aburteilen des einzelnen falles in anwendung zu kommen
haben." ^
Bei den Alemannen und Baiern finden wir ihn vor der einfüh-
rung der fränkischen gerichtsverfassung, die ihn beseitigte, neben dem
Vorsitzenden richter als bestelten rechtskundigen. In Baiern schläg-t er
{hier judex genant) sogar den urteilspruch vor, wenn der Vorsitzende
es fordert.
Für die abfassung der volksrechte waren nach der Überlieferung
sapientes, kgiskäores, jucUces tätig, welche das recht, das sie kanten,
mitteilten, worauf hin es füi- das volk durch die oberste Staatsgewalt
zusammengestelt wurde.
Die in den meisten handschriften des prologs der lex Salica
genanten vier edlen männer Wisogast, Bodogast, SaKgast und Widogast,
die vom volk aus einer grössern zahl ausgewählt wurden, um in drei
grossen dingen {per tres mallos) das recht zu Aveisen, woraus das sal-
fränkische gesetzbuch entstund, werden sich als ehsagen deuten lassen.
Mcht minder die sapientes Volemarus und Saxmimdus, von denen
Zusätze zur lex Frisionum überliefert sind. Ebenso Wlemarus, der
nachtrage zur lex Anglorum et Werinorum gegeben hat.
Auf die tätigkeit der ehsagen weist auch der prolog zur lex Rib-
nariorum, Alamannorum et Bajuvariorum hin, wonach der Frankenkönig
Theoderich viros sapientes auswählte, die mit den alten rechten in sei-
nem Staate vertraut waren. Nach der rechtsbelehrung, die sie gaben,
liess er dann die gesetze schriftlich abfassen.
In dem altsächsischen evangeliengedicht (Heljand) werden eosagori
mehrmals angeführt, aber nur als kenner des göttlichen rechts. Der
ausdruck wird aber von den weltlichen gesetzsprechern entlehnt sein.
"Wenigstens lässt sich in jüngeren ostfälischen und holsteinischen rechts-
quellen ein dem esago ähnlicher urteilsfinder erkennen. 2
Bei den Angelsachsen entsprechen die witan, sapientes, welche
den Urteilsvorschlag machen, auf grund dessen die gerichtsgemeinde
das urteil fält. -^
In Friesland war in jedem gau ein äsega auf bestirnte jähre ge-
wält. Er muste das in der landschaft giltige recht wissen und über
den einzelnen fall die urteiler belehren, samt angäbe der bussen, Aver-
gelder und strafen.'^
1) K. V. Eichthofen, Untersuchungen über friesische rechtsgeschichte IT, 458.
Berlin 1882.
2) Brunner, deutsche rechtsgesch. 1, 152. 3) Brunner ebd. a.a.O.
4) V. Richthofen, Untersuchungen 11, 477.
TIUS THINGS
In Schweden und Norwegen hiess der gesetzsprecher lagmaär
oder Iqgmaär (gesetzmann), auf Island IqgsQguviadr (rechtsvortrags-
mann). Aus dem umstand, dass die Iqgsaga auf Island schon bei der
ersten Ordnung der landes Verfassung (um 930) durch TJlfljötr eingeführt
ward, ziehen wir den beweis, dass er in Norwegen schon vor der aus-
wanderung bestanden hatte. Auch auf die Fa3ra3er, die Orkneys und
nach Grönland war der iQginaär oder IqgsqgiDiiaär von Norwegen aus
verpflanzt worden.
In Schweden reichen die spuren des lagmann bis in die heid-
nische zeit.
Die lebendige gründliche kentnis des landrechts ist überall die
fordermig an den nordgermanischen gesetzsprecher. ■ Er muste „ein
lebendiges gesetzbuch" sein. Sein amt Avar belehrung über streitige
fälle geben, gutachten erstatten, in Schweden der unmittelbare urteils-
vortrag. Auf Island war er ausserdem verpflichtet, zu gewissen zeiten
des Jahres auf dem ding vortrage über gesetzkunde, die Iqgsaga oder
tippsaga, zu halten.
In Norwegen ist der Iqgsqgumactr seit dem 12. Jahrhundert in
einen königlichen beamten und mehr und mehr in den richter über-
gegangen. In Deutschland ward die uralte gestalt des esago durch
die raginburgen, 7'edjeve7i und die schöffencollegien beseitigt.
In der alten fiiesischen westerlauwer sage, deren älteste aufzeich-
nung nicht über das 14. Jahrhundert hinauf geht,i wird erzählt, dass
könig Karl den zwölf fürsprechen, die aus den sieben friesischen see-
landen erwählt worden waren, das recht der Friesen zu küren befahl.
Als sie nach sechs tagen bekanten, dass sie es nicht könten, Hess ihnen
der könig frei, die art ihres todes zu wählen imd sezte sie dann in
ein schiff ohne riemen und tau als spiel der wilden see. Da beteten
sie zu- Christus, er wolle der dreizehnte unter ihnen sein wie dereinst
unter seinen Jüngern. Und sie sahen plötzlich einen dreizehnten am
Steuer sitzen, eine achse auf der schul ter, und er steuerte sie durch
wogen und wind ans land. Da warf er die achse auf die erde und
ein brunnen entsprang. Um den sassen die zwölf, und der dreizehnte
lehrte sie das landrecht aller Friesen. Darauf verschwand er. Der weg,
den er zum lande genommen, ward Eesiveg (answeg, weg des gottes)
geheissen.
Wie schon dieser Ortsname beweist, ist Christus in dieser späten
aufzeichnung an die stelle eines germanischen Ans (fries. es) getreten.
1) K. V. Eichthofcn, altfriesische rechtsquellen s. 439 fg.; Untersuchungen ziu-
friesischen rechtsgeschichte 11, 459 fgg.
10 WEINHOLD
Die künde des volksrechts wird auf die Unterweisung eines gottes
zurückgeführt, die gottheit ist der quell des über dem volke wal-
tenden gesetzes. Wir wissen aus jenen nordenglischen votivsteinen,
dass *Tius jener gott war. Die gesetzeskundigen verkünden seine lehre
und hüten das gottgegebene recht. Sie sind Tius diener und priester.
Der Zusammenhang des priestertums mit dem gesetzsprecheramt
ist von Jacob Grrimm, K. v. Richthofen, Konr. Maurer, R. Schröder
und andern längst erkant und vorgetragen worden.
Der häuptling im isländischen freistaate, welcher in seinem bezirk
die öffentlichen Verhandlungen und das gericht leitete und iiber dem
frieden wachte, hatte zugleich den dienst im tempel des bezirks, sein
hof war der tempelhof. Auf diesem goäorä lag seine würde und sein
anit. Sein name goäi aber wird durch das got. giidja erklärt, womit
"Wulfila leqevQ übertrug.
Für Norwegen imd Dänemark lässt sich der goäl {gtipi) nicht in
der Verbindung eines ausgedehnten weltlichen und religiösen amtes
erweisen, sondern nur als priester. Konr. Maurer ^ nimt diese norwe-
giscli- dänischen goden als untergebene der häupthnge der einzelnen
Volksverbände, denen der religiöse dienst übertragen war, und die darin
auch von frauen, den gyäjiir, ersezt werden konten. In der islän-
dischen erweiterung der godenwürde sieht er etwas erst aus dortigen
Verhältnissen entsprungenes, obschon er die alte germanische verbin-
dimg der obrigkeitlichen, namentlich der richterlichen mid der priester-
lichen Stellung anerkent.
In Deutschland ist das wort goto^ gote {fem. gota, gote) möglicher-
weise in der eingeschränkten bedeutung des tauf- uud firmpaten erhal-
ten. Der und die göte (gött^) weisen durch diese bedeutung auf ein
geistliches Verhältnis, als welche die patenschaft galt; in Schweizer
cantonen (namentlich in Bündten) heisst auch der priester, der das
kind getauft hat, aber weiterhin jeder priester herr götti. Erhalten ist
das alte wort ausser Oberdeutschland in Hessen als femininum: die
gote, die gott, gött, die taufpatin, sowie die götel, götche, das weib-
liche patenkind.3 Auch in Mittel- und Mederfranken (Brabant usw.)
komt weibliches godd, goede für die taufpate vor.
1) Zur urgescMcMe der godenwürde, in dieser ztschi'. IV, 125 — 130.
2) Bair. der gött, die gott (auch die godn, godl) Schmeller bair. wörterb. 1',
962, alem. der götti, die gotte Stalder, scliweizer. idiot. 1, 466. Schweizer, idiot.
2 (1887), s. .527. Schmid, schwäbisches wörterb. 236.
3) Yilmar, idiotikon von Kiu'hessen 133. Kehrein, Volkssprache und volks-
sittc im hcrzogtum Nassau 1, 169. Weigand, ein "Wetterauer, hat in seinem deut-
schen Wörterbuch 1, 714 auch nur das fem. die gote.
TIUS THINGS 11
Man wird versucht gote, göte mit dem nord. yoäi, dem got. gudja
(was auf '^(jotjo führt und das umlautende göte erklärte) in Verbindung
zu setzen. Der eigenname Godjo komt in dem Weissenburger schen-
kungsbuch (Tradit. Wizenburg. 213) vor imd hat sich in Gröthe erhalten.
Anderseits drängt sich freilich auch die Vermutung auf, ahd. goto, gota
seien als kosende alte kürzungen von gotvater, gotmuoter zu nehmen,
die im altdeutschen zwar nicht nachweisbar sind, aber durch älter nl.
godmocder, englisches godfathei', godmother, godson, goddaughter, god-
child = pate, patonkind, nahe gelegt werden. — Für ein selbständiges
ahd. goto gofjo (= gudja, godi) würde aber ins gewicht fallen, dass
ahd. cotinc als tribuniis glossiert (Graff IV, 153) vorkomt, also ein
einfaches coto annehmen lässt, dem wir die bedeutung priester und
lichter oder rechtsmann geben dürfen. Auch goding , cotinc komt früh
als Personenname vor (Pol. Irmin. 34. Trad. Wizinburg.) und dauert
noch fort in den familiennamen Götting, Kotting.
Für die bedeutung priester dient in den vorhandenen althoch-
deutschen Sprachdenkmälern das wort ewart oder eivario (Graff I, 955),
der gesetzhüter; für die zweite richter, gesetz.sprecher. dagegen esago
{Icgülator, jurklicus, curicäis glossiert Graff VI, 107) oder esagari,
easagari {Icgislator, ebd. 108).
Die verse im altsächsischen Heljand 4466 fgg.
wurdun eosagou edle humane
an kwarf werös, the sie thö wisostun
undar theru menegt maymo taldun,
craftag kunihurd
die sich auf eine priesterliche Zusammenkunft beziehen, könten ohne
weiteres in einem weltlichen gedieht von einem rate der weisesten
gesetzsprecher im ding gesagt sein.
Die bittere rede zu Christus (Helj. 3801)
hwat, thit bist eosago cdlun thiodun,
wtsis wäres so ßlu
mochte auch ein heidnischer Sachse gegen den gerühmten rechtskun-
digen gebraucht haben.
Alles angeführte weist darauf hin, dass bei den Nord- und Süd-
germanen der esago (man gestatte die althochdeutsclie wortform an die-
ser stelle!) eine verbreitete und sehr alte, für die rechtskunde und
rechtspflege sehr wichtige gestalt ist, deren Zusammenhang mit den
ältesten Verhältnissen schon daraus erhelt, dass die neuordnung des
fränkisch -karolingischen Staates sie beseitigte und dass auch die Staats-
12 WEINHOLD
Umwälzung in Norwegen durch das einheitskönigtum sie verdrängte
oder wenigstens stark veränderte.
Nach dieser ausführung über die bedeutung der germanischen
gesetzsprecher kehren wir zu den friesischen votivsteinen zurück.
Ich deutete die beiden aJcesiagce oder, Avie ich änderte, alcesacjics
als gesetzsprecherinnen, *aisagjÖns, die des grossen gerichtsgottes Tius
Thiggs gehUiinnen sind, gleich wie der *aisagja [esagjo oder esago)
neben dem richter stund, um den urteilenden männern der gerichts-
gemeinde das giltige recht zu lehren. Durch die namen Beda und
Fimmila erfahren Avir zugleich ihre tätigkeit in besondern gerichtsver-
samlungen.
Unzweifelhaft richtig hat W. Scherer in einem nachtrag vom
29. mai 1884, über den Brunner berichtet hat,^ jene namen auf das
hodthing und das fimmelthijig bezogen, die aus dem friesischen rechts-
wesen grade bekant sind.
Das bodthing, das von dem gebotenen ding zu unterscheiden ist,
welches nur ein hundertschafts- oder untergericht war,^ ist die auf
besonderes gebot, seit karolingischer zeit kraft landesherlicher macht-
volkommenheit, zusammenberufene algemeine landesversamlung, daher
auch placHum generale genant, die sich noch in späterer zeit aus dem
gebiete des sächsischen (ostfälischen) und friesischen rechts nachwei-
sen lässt. ^
Das fiinmcUking erklärten J. Grimm und K. v. Eichthofen (Eechts-
alterth. 838. Altfries, wörterb. s. 740) als das gericht, Avelches die im
bodthing nicht zu ende gebrachten Sachen verhandelte; es wäre also
dasselbe wie das after- oder nachding andrer rechtsquellen.*
Bede ist lat. dativ zu Beda, d. i. fries. Beda = ahd. Biota (fränk.
Bioda, Förstemann Altd. namenbuch I, 265) die gebietende, zum ding
fordernde.
Mehr Schwierigkeit macht der dativ Fimmilene und der name
selbst.
Fimmilene führt nicht auf einen nominativ Fimmilena, sondern
auf Fimmila. W. Wackernagel hat bereits in seiner abhandlung über
spräche und Sprachdenkmäler der Burgunden (s. 43) ausgeführt, dass,
wo deutsche namen, schwache masculina sowol als feminina, im ersten
1) Zeitschr. für reclitsgesch. V, 226 fgg.
2) Grimm, RA 827. R. Schröder, zeitschr. f. rechtsgesch. V, 55.
3) V. Eichthofen, altfries. Wörterbuch 5(37. Kuhns geschichte der gerichts-
verfassung der mark Brandenburg II, 94 fgg. R. Schröder a. a. o. V, 45.
4) Grimm, RA 837.
TIU THINGS 13
halbjahrtausend des mittelalters lateinisch decliniert werden, die casus
obliqui nicht selten durch Verbindung eines ableitenden an (andre voca-
lisierung ist minder gebräuchlich) mit den endungen der ersten, der
zweiten, der dritten lateinischen declination hergestelt werden. Es
heisst also von Theoda der genit. Theodmiae, von Gemola der gen.
Gemolane, von Mamia Mamiani oder Mannanis, ablativ Mannano,
von Offa der dat. Off'ano, von Trayuila der acc. Tragidlanem. Wacker-
nagel entnahm die beispiele gotischen, fränkischen und burgundischen
Urkunden. An fränkischen eigennamen hatte dann d'Arbois de Jubain-
ville in seinem Etüde sur la declinaison des Twms propres dans la
langue franque ä l'epoque merovirigienne (Paris 1870 s. 44 fgg.) die-
selbe Wahrnehmung gemacht. Es ergibt sich daraus, dass die schwa-
chen feminina (nom.-a) die obliquen casus regelmässig in -ane bilden,
z. b. gen. Teadilane, dat. Bertanc, acc. Fedane, Raganane (s. 41).
Fr. Bluhme im zweiten heft seiner gens Langohardorum (Bonn 1874
s. 29) wies an langobardischen latinisierten eigennamen ganz entspre-
chende flexionen nach.
Wenn wir auf unserm votivstein mchi Fimmilane , sondern i'V/w-
milene lesen, so ist dies eine Schwächung des a, die sich in dem dativ
Hludenae auf dem Leidener stein neben dem Hludanae auf dem Bon-
ner ^ ganz ähnlich findet.
Scherer (s. 9 fg. seiner abhandlung) knüpfte die stamsilbe des
namens Fimniila (er sezte die got. form *Finmvil6 an) an das altnord.
adjectiv fimr, geschickt, gewant, wobei er mm als unorganische Ver-
doppelung von m nahm. „Dem befehl stünde dergestalt die geschickte
ausführung gegenüber, und die beiden algeehrten oder ehre besitzen-
den und daher ehre verleihenden wären zwar nicht walküren, aber
göttinnen oder genien der disciplin, welche den Tius Things sehr pas-
send begleiten würden: ehre wird durch den zweckmässigen befehl
und dessen geschickte ausführung erworben."
Ich halte die Scherersche erklärung nicht für richtig, sondern
Fimmila für eine doppelt hypokoristische wort- oder namenfonn, ganz
gebildet wie die friesischen namen Temmel, Gummel, wie die kose-
namen Kemnmlo^ Cuffolo, Oppila, Hibbele und andre. Es ist die
durch -l widerholte Verkleinerung eines namens, der in der art zusam-
mengezogen ward, dass der anlautende consonant des zweiten gliedes
nach ausstossung des auslauts im ersten gliede verdoppelt wurde.- Es
1) Brambach, corp. inscript. rheuan. nr. 188. 150.
2) Fi-anz Stai'ck, die kosenameu der Goniianeu (Wien 18G8) s. 142 fg.
14 WEINHOLD
liegt also dem Fhumila der name Fimme zunächst zu gruude. Das
masc. Fimme ist wie das gleiche Femmc (fries. e für i) zu belegen.^
Diese kürzuug geht durch ein zu erschliessendes '^Fedclma = "^Ferdma
d. i. ^Fredina auf einen namen, der im ersten gliede Fredu oder Fridu
{frethu, frithu)^ im zweiten mod oder mund hatte. Dieselbe herleitung
gilt für den weiblichen namen Fimme. Unser Fimmiki ist also dop-
pelt hyperkoristische form von Fritlinmud, die friedebegehrende, oder
von Frithumund, die friedeschützerin. Der lezte name ist für eine
rechtsgöttin, welche durch ihre belehrung Streitsachen ziun endlichen
austrag bringt, wol geeignet.
Das fimmelthing der Fi-iesen hat den namen dieses göttlichen
Wesens in späte zeit getragen. Fimmiki war die patronin des nach-
things, wie Beda die des bodthings. Beide sind überraschend alte Zeu-
ginnen für die entwickelung der vergöttüchten personification in der
deutschen mythologie, im besondern der personiücation juristischer ein-
richtungen. Wir kanten früher nur in dieser art die Sfjn aus der
nordgermanischen mythologie, die götthche patronin der rechtfertigung,
was sie ursprünglich war."- Allenfals kann man aus jenem kreise der
Asynnen absti'akter eigenschaft noch die Vdr herziehen, eine göttin
der treue, des Vertrages.^
Für die neigung grade der Friesen, das rechtswesen in seinen
einzelnen ausbildungen und darin aufti'etenden personen in die religiöse
höhere schiebt zu versetzen, gibt der gott Forsite zeugnis, der auf der
friesischen insel Helgoland noch im 8. 9. Jahrhundert nach den lebens-
geschichten der heiligen Willebrord und Liudger* verehrt und von dort
aus den Skandinaviern bekant ward (Grimnism. 15. Gylfaginn. c. 32).
Dass er kein alter nordgermanischer gott war, beweist schon sein unnor-
discher name,^ der uns aber die richtige form forsete oder forsite des
in den handschriften der vita Willebrordi und Liudgeri von den schrei-
1) Cadovius- Müller, memoriale liuguae frisicae heraiisgeg. von Külvelhan
(Leer 1875) s. 79. Starck a. a. o. s. 172.
2) Nach der Wortbedeutung (vgl. got. suujuii sik unoXoytlo&ia, gasunjuii
Sr/.cuoöv) zu schliessen, die GraffVI, 241 sicher richtig auch für die sunnis der lex
sal. zu gninde legte. "Was in der Gylfagiuning über Syn gesagt mrd, ist abgeleitet
aus der bedeutung des zw. synja, verneinen, läugneu.
3) Über Vär als richtige nameusforni Müllenhoif in der zs. f. d. a. XVI, 149 fgg.
4) Alcuini vita S. Willebrordi (Jaife Bibüoth. rer. germ. VI, 47), Altfridi vita
Liudgeri I, 19 (Mon. Genn. H, 410).
5) forseti komt im älteren skandinav. gar nicht vor. Nichts weniger als
glücklich war J. Grimms einfall, den namen von fors (Wasserfall) abzuleiten (Mythol.
1210. GDS 7.57).
TIUS THINGS 15
born entstelten^ friesischen namen (fosete vit. Liidgeri, fosite vita Wil-
libr.) verbürgt. Wenn K. v. Eichthofen Forsita für eine „bezeichnimg
des höchsten gottes der Fliesen, für den vorsitzer der götter, für den
gott, der den zwölf friesischen asegen gelehrt hat, was friesisches recht
sei" erklärte,- so würde, fals es richtig wäre, Forsite und Tiiis Things
zusammenfallen. Aber dagegen ist einzuwenden, dass der grosse thing-
gott nicht als richter unmittelbar gedacht worden sein kann, sondern
als die gewaltige gottheit, unter deren schütz und frieden das volk
tagt. Yon einem göttercollegium, dem ein höchster gott vorsass, wird
unsre älteste religion auch schwerlich gewusst haben. Forsita war eine
von Tius ebenso wie die Alaesagjen abgeleitete göttliche gestalt, die
Vergöttlichung des Vorsitzenden der gerichtsgemeinde, wie Beda und
Fimmila Vergöttlichung der gesetzeskimdigen für die in gewissen din-
gen und gerichten zu entscheidenden Sachen sind. Forsitesland (das
spätere Heligland, Helgoland) war ein eiland, auf dem der höchste
frieden herschte, den selbst die Seeräuber nicht zu verletzen wagten.
Es erscheint wie das geheiligte vorbild der dingstätte, von der see
umschlossen und eingehegt, wie jene von den heiligen fäden (vebqtid)^
und unter den bann der unverletzlichkeit und des Schweigens gegeben,
gleich der mahlstatt.
Darauf, dass Forseti in der Gylfaginuing ein söhn Baldrs und
derNanna lieisst, ist kaum etwas zu geben. Yeranlasst kann es dadurch
sein, dass Forseti alle Streitsachen beilegt,'^ und dass Baldr nach sei-
ner ethischen entwicklung hin der tapfre bürge des fiiedens war. Da-
rum verband die mythologische Wissenschaft Islands, schwerlich der
lebendige Volksglaube, diese beiden.
Wider meine deutung des inschriftlichen ALAISIAGIS wird wahr-
scheinüch sachlich eingewant werden, dass das weibliche geschlecht für
diese vergöttlichten gesetzsprecher bedenken machen muss. Ich würde
den einwand gelten lassen, wäre der gesetzsprecher dasselbe wie der
richter. Da dies aber nicht der fall ist und da wir wissen, welche
heilige und prophetische gaben die Germanen den frauen zutrauten
und wie sie ihre ratschlage und antworten suchten und befolgten, ja
dass sie manchen, wie der Veleda, der Albruna und andern, wegen
ihrer hohen Weisheit eine fast göttliche Verehrung erwiesen haben
1) K. V. EicMhofen , iintersucliungeu zur fries. reclitsgesch. II, 345 hat hierin
gewiss recht.
2) A. a. 0. 435.
3) allir er til hans konia med sakar randrccäi, ßd fara allir suttir d brutt.
Dazu iu Grimnesm. 15: Forscte svcefcr allar sakar.
16 WITKOWSKI
(German. c. 8)/ so scheint es durchaus glaublich, dass sie sich auch
die rechtskunde bei göttlicher personification weiblichen geschlechtes
dachten. Darum meine ich nicht fehl gegangen zu sein, wenn ich die
friesische Beda und Fimmila als göttliche Vorbilder der esagen auf-
stehe. Ihrer einwirkung auf die gesetzsprecher durch einweihung in
das geltende landesrecht verdankten die Deutschen aus der Twianti,
welche zum cuneus der Friesen gehörten und nach friesischem rechte
lebten, die günstige entscheid ung ihrer Streitsachen, die erst in emem
bodthing, dann in einem fimmelthing verhandelt worden waren. Die-
sen beiden göttlichen frauen und dem grossen kriegs- und himmels-
gott, dessen macht überall gebot, wo das volk zum tagen und richten
sich versammelte, sezten sie jene beiden steine, die als wichtige zeu-
gen für die religiösen und rechtlichen Verhältnisse des dritten Jahrhun-
derts unsrer Zeitrechnung auf uns gekommen sind.
1) Vgl. dazu mein buch: die deutschen frauen im mittelalter I -, 03 fgg.
BRESLAU, MÄRZ 1888. K. TVTSINHOLD.
BEIEFE VON OPITZ UND MOSCHEEOSCH.
Die hier mitgeteilte7i hriefe befinden sich auf der stadtbihliothek
zu Breslau und wurden mir durch die bereitu-illige gute des herrn
jyrof. Markgraf und der herren ktistoden Frenxel und Suckoiv zu-
gänglich gemacht. Die bände, in ivelchen die Originalbriefe in Opitzens
und Moscheroschs handschrift enthalten sind, führen die bexeichnung
Hs. B. 402, Hs. B. 2306 und Hs. B. 251. Die beiden erstgenanten
ivaren bereits früher bekant u?id sind vmi Pahn^ und Oesterley- bemixt
ivorden. Hs. B. 402^ enthält die grosse von Matthias Machner ^ tind
1) Beiträge zur geschickte der cleiitschen litteratur des XVI. tmd XVII. Jahr-
hunderts. Breslau 1877.
2) Bibliographie der einxeldruclce von Martin Opitz' gedickten und sonstigen
Schriften (Centralblatt für hihliotkekswesen , Leipzig 1885, s. 383 — 416).
3) Rehtor Klose verfertigte eine sehr sorgfältige abschrift dieser kandsckrift,
die sich ehenfals auf der Breslauer stadthibliothek befindet (bex. Kl. 175).
4) Da vier der unten folgenden hriefe an Mackner gerichtet sind, mögen
einige biographische angaben über ihn hier platx finden. Geboren xu Poschuitx
im fürstentum Jauer, bezog er, nachdem er den ersten unterrickt in der keimat
BRrEFE VON OPITZ tTND MOSCHEROSCH 17
Nikolaus Henel angelegte hriefsamlung , Hs. R 2306 die von Exechiel
ziisammengestelten Opitiana, so weit dieselben noch vo7'handen simlJ
OänxUch unbeachtet war bisher die dritte hmidschrift, R 251^, welche
den ausserordentlich umfangreichen briefwechsel Christoph Colers^ mit
einer grossen anzahl hervorragender Zeitgenossen umfasst. Unter
nr. 24 — 60 sind hier 37 briefe Martin Opitzens aufbewahrt^, von
denen 35 an Coler und zwei an Kaspar Sinner in Lauban gerichtet
sind. Die meh7'zahl derselben ist aus der zeit von 1626 — 1631.
Opitz stand, damals in den diensten des burggrafen Karl Han-
nibal von Dohna, der ihn zwar zu zahlreichen gesantschaftsreisen
lind sonstigen geschäften verwendete, daneben aber dem dichter, wel-
cher in je?ier zeit sorgenloser als je zuvor lebte, musse zu mannig-
fachen poetischen arbeiten Hess.
Freilich ward diese ruhe inmitte^i eines durch die härteste reli-
giöse vergeivaltigung auf tiefste erregten landes von Opitz schwer
genug erkauft; denn bis zum heutigen tage lastet der vorivurf auf
ihm, dass er die bedrückung seiner glaubensgenosseji , tvenn auch nicht
befördert, so doch an der seile ihres peinigers tatenlos mit angesehen
hat. Um seine Stellung im hause des verhassten „seligmaehers" zu
genossen, 1618 die Universität Wittenberg , studierte dann in Strassburg , wo er
mit Venator und Moseherosch innige freitndschaft schloss, und kehrte nach län-
gerem, auf enthalt in Tübingen, Jena und Leipzig in die heimat zurück. Den ver-
kehr mit den xahlreichen hervorragenden männern, welche er auf seinen reisen
kennen gelernt hatte, pflegte er eifrig durch lehJiaften brieficechsel. Von 1624 —
1630 ivar er sekretär bei der regieriing der herxogtümer Sehweidnitz und Jauer,
wurde dann Syndikus des rates xu Bunxlau tiiul schliesslich notar der stadt Bres-
lau, in ivelchon amte er am 14. juli 1662 verschied. Genaueres über Machner
siehe in Epistolicum Machneromnema i. e. M. Maclineri Vitae Epitome conscripta ä
Johanne Gebhardo. Vratislaviae (1662).
1) Der graste teil gieng am 10. april 1733 beim brande des pfarhofes xu
Peterwitx xu grimde (Beiträge zur kritischen historie der deutschen spräche VII.
band. Leipzig 1741 s.55).
2) Auch diese samlung ist von Klose vortreflich kopiert worden (bez. Kl. 1 72).
3) Er war am 1. december 1602 xu Bunxlau geboren, studierte bis 1629 in
Breslau und Strassburg, lebte 1630^33 in Bricg, kam 1634 als profes.^or der
eloquenz an das gymnasiuni Elisabethanum in Breslau, wurde 1639 bibliothekar
an der bibliothek xu Maria Magdalena und starb 1658 als prorektor des Elisa-
bethanum.
4) Nr. IV — XXXVI und XXXVII — XL unserer samlung. Von diesen
briefen sind nr. IV, V, VII — IX und XXVI bereits in Colers Laudatio Martini
Opitii ed. Melchior Weise, Lipsiae 1665 abgedruckt; aber ganz unvolständig und
ungenau, tveshalb sie, xumal die bezeichnete schrift ausserordentlich selten ist,
hier nach der handschrift mitgeteilt iverden.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 2
lg WITKOWSKI
behaupten und für sich lohn und ehren emxuheimsen, gewann er es
sogar über sich, eine berüchtigte Jesuitenschrift, das Manuale des Mar-
tin Becanus, ins deutsche 'xu übertragen, eine tatsache, die zum min-
desten von einer xu weit gehenden gleichgiltigkeit in religiösen dingen
zeugt. Eme innere hinneigung xum kaflmlicismus zeigt Opitz jedoch
auch in dieser zeit nicht, vielmehr spricht er es tviderholt aus, dass
er fest zum evangelische7i glauben halten wolle.^ AUerdings Jwnte sich
diese standhaftigkeit , ivolte er seine Stellung bei Dohna nicht aufgeben,
nicht durch taten, sondern nur symbolisch äussern.
Als ein solches symbolisches glaubensbekeiitnis haben wir ivol die
Übersetzung des Jiolländischen gedicktes „Bewijs van de wäre Gods
Dienst" von Hugo Orotius xu betrachten^, wenn auch Opitz bei die-
ser arbeit daneben den zweck verfolgte, seine freimdschaft mit Grotius,
die er in Paris gekniqjft hatte, noch mehr zu befestigen.
In den texten monaten des Jahres 1630, nach der rückkehr aus
Frankreich, beschäftigte sich Opitz mit der Übersetzung, am ll.fehjmar
1631 übersante er das erste buch an den buchdrucker Augustin Crvün-
der in Brieg, ivelcher für David Müller, den Verleger des dichters,
schon zuvor zahlreiche werke gedruckt hatte.
In Brieg lebte damals im hause eines geivissen Joachim Stein,
dessen kinder er unterrichtete, Christoph Coler, gleich Opitz aus Bunx-
lau gebürtig. Coler war, nachdem er seine Studien in Strassburg vol-
lendet hatte, in die heimat zurückgekehrt, konte aber hier keine anstel-
limg finden und befayid sich in sehr bedrängter läge. Da vermittelte
ihm Opitz eine Stellung, die ihn ivenigstens auf einige zeit vor not
schützen konte: der Verleger David Müller übertrug Coler die anfer-
tigung einiger Übersetzungen und die koi'rektur des Opitzischen buches
„von der ivahrheit der christlichen religion." Es entspann sich in
folge dessen ein lebluifter briefivechsel , der vom februar bis in den
herbst 1631 währte. Derselbe ist fast volständig erlmlten, da die
briefe Opitzens sich in der Breslauer handschrift R. 251, die Colers
in dem, buche Jaskis „Magnorum Quondam Eruditissimorumque Yiro-
riini Epistolae ad Martinum Opitium, Dantisci 1670" vorfinden.
Am 1. märz (Jaski nr. XXIV) meldet Coler, der druck schreite
langsam vorivärts, da Müller kein papier an Gründer sende. Das
werk wimle kaum lange vor der Leipxiger messe fertig iverden. Opitz
1) Palm a. a. o. s. 206. Siehe auch unten hrief nr. VIII.
2) Hugo Grotius Von der Warheit der Christlichen Religion. Aufs Hollän-
discher Sprache hochdeutsch gegeben. Durch Martin Opitz en. In Verlegung Dauid
Müllers 1631. 4o-
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCII 19
i^t darüber sehr ungehalten (4. märz, Br.^ 7ir. XX) und verlangt, duss
seine arbeit oiach Breslau xurückgesant werde, ivenn sie nicht schnell
gedrucJd iverden könne. Coler antivortet beruhigend (5. niärx, Jaski
nr.XXVI), dass schon der dritte bogen des Grotius vollendet sei. Er
spricht ungleich seine absieht ans, deyi inhalt der dicht img , den Gro-
tius seihst in lateinischer spräche gegeben hatte", ins deutsche zu über-
tragen. Dieser pilan Colers ist, wie aus den späteren briefen hervor-
geht, auf eine anregung Opitzens zurückzuführen. Opitz übersendet
dem freunde das buch und am 21. tnärz (Jaski nr. XXVIII) begint
derselbe die Übersetzung.
Was veranlasste Opitz dazu, den lateinischen text des Grotius,
der dem sinne nach völlig mit dem holländischen übereinstimte , eben-
fals ins deutsche übertragen zu lassen? Er muste sich sagen, dass
diese zweite arbeit dem absatz der seinigen nur scJmden konte; aber
trotzdem trieb er mit ' dem grösten eifer Coler an und ruhte nicht,
bis das iverk volle7idet war; denn die Übersetzung geschah auf
ausdrücklichen befehl des burggrafen von Dohna, seines be-
schützers.
Diese tatsache ergibt sich ?nit unxweifelhafter Sicherheit aus den
vorliegenden briefen. Immer von 7ieuem inahnt, fleht, beschwört Opitz
den freund, mit aufbietung aller kraft das iverk zu fördern, da er
sonst fürchten müsse, die gunst seines herrn gänzlich zu verlieren.
Schon am 14. april (Jaski nr. XXXI) kann Coler melden, dass die
Übersetzung bald vollendet sein iverde, anfang mai erhält Opitz die
abschrift des ersten buches, am 12. mai (Br. nr. XXVII) erbietet er
sich, selbst das lezte buch zu übertrage^i ; denn sein „Mäcen" itabe
7mt stre7ige7i icorten das tverk vo7i ihm gefordert und ihn der lässig -
keit beschuldigt. Am 14. mai (Jaski 7ir. XXXV) a7ittvortet Coler,
er würde sich ein geivissen daraus 7nache7i, durch seine la7igsafnkeit
Opitz oder Dohna zu erzürnen, und verspricht , in kürzester zeit die
übrigen bücher zu senden. Aber schon cmi folgeiiden tage (Br.
7ir. XXVIII) drängt Opitz ivider, dass es ihm ermöglicht tverde,
Dohna bis zu7n eyide der tvoche ivenigstens ein gedrucktes blatt zeigeii
zu kön7ien. Coler versichert darauf (15. mai, Jaski 717: XXXVI), kei-
nen atilass zu weiterer Verzögerung zu geben, damit nicht Ojiitz etwas
von der liebe seines herrn U7id er selbst die iiofnung auf die in aus-
sieht gestelte belo}i7i7i7ig Doh^ias ei7ibüsse.
1) „Br." bezeichnet die unten ahgedruekten hriefe.
2) De veritate religionis Christianae. Die älteste cmsgabe, welche die hiblio-
graphien verzeichnen, ist vom jähre 1633.
2*
20 WITKOWSKI
Gründer ühernimt den druck und fördert denselben so, dass am
20. mal (Jaski nr. XXXVII) bereits das erste buch gesext und cor-
rigiert ist. Colers bitte, die Übersetzung Dohna ividmen zu dürfen,
lüird von diesem, abgelehnt, um bei den kathoUketi keinen anstoss zu
erregen (Br.nr.XXX). Eine ivociie später (27.7nai, Br. nr.XXXI)
äussert Dohna seine ungeduM in zornigen Worten gegen den dichter,
so dass dieser den freund anfleht, Gründer zai drängen; denn sonst
ivürde die mühe der Übersetzung für Coler vergeblich, die gunst des
beschützers für Opitz gefährdet sein.
Der nächste brief Colers, der uns vorliegt, ist vom, 6. august
(Jaski nr. XXXIII). Er enthält die nachricht, dass der Gi-otius
noch immer nicht fertig gedruckt ist. In .seiner antwort (15. aug.,
Br. nr. XXXII) sagt Opitz, das interesse seines herrn an dem buche
sei jezt erloschen; imtnerhin ivürde es ihm aber genehm sein, ivenn
es nun bald erschiene. Endlich am 28. august (Br. nr. XXXIII)
kaiin Opitz melden, dass er seinem herrn das iverk^ übergeben habe;
er hoffe, Colers arbeit werde nicht ganz vergeblich sein, aber jezt
ivolle er seinem herrn, der grössere sorgen habe, damH nicht lästig
fallen.
Erst am 7. november (Br. nr. XXXVI) erhält Coler auf sein
drängen (Jaski nr. L VIII) durch Opitz ein kleines geschenk. Er ist
durch dasselbe scheinbar zufrieden gestelt (IL nov., Jaski nr. LIX);
aber i7isgeheim ivirft er Opitz lässigkeit und eigennutz vor. (Senft-
leben an Coler 20. 7iov.^, Br. nr. XL III).
Die angefüh^'ten tatsachen. lassen Opitzens chm'dider in recht
imgünstigem lichte erscheinen. Die unaufhörliche sorge um Dohnas
gunst, die furcht vor jedem harten wort des gebieters, zeigen den
dichter in einer läge, die ein mann von höherer Sinnesart nicht ertra-
gen hätte. Daneben erfahren wir noch (aus Br. nr. XXIV) , dass
Opitz, ivährend er scheinbar Dohna völlig ergeben tvar, be7'eits tvider
die gunst der von jenem verfolgten evangelischen fürsten von Liegnitz
1) Der titel lautet: „Die meinung der hüclier Hugonis Grotii Von der War-
heit der christliehen Religion. Von Uim selbst Aufs dem Holländischen inn La-
tein^ Vnd Aufs diesem, inn das Deutsche gexogen. Durch CHRISTOPH C OLE-
RUM In Vorlegung David Müllers 16.31. 12o- 290 s.
2) Aus diesetn briefe sind unter nr. XLIII zwei stellen angeführt, welche
über Kolers streit mit Müller, der in unsren brief en vielfach ertcähnt ist, genaueres
mitteilen und ein icertvolles urteil über Opitx, von einem seiner besten fretinde
enthalten.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEEOSCH 21
nnd Brieg suchte, um für alle fälle gesichert xu sein. Man findet
hier aufs neue bestätigt, dass Opitz völlig teiluahmlos die jJoUtischen
und rcligiösoh kämpfe der xeit beobachtete und sich nur von der rück-
sicht auf seinen eigenen vorteil lenken Hess.
Zur erklärung der übrigen briefe, die keine geschlossene gruppe
bilden, sind die nötigen hiniveise in den annierkungen gegeben. Näher
zu begründen ist die aufnähme von nr. XLI, XLII und XLIV.
Nr. XLII eröfnet einen 7'ilckblick in das jugendleben des dichters und
bringt tvertvolle nachrichten über dessen läge vor der reise nach Sie-
benbürgen. Der brief an Daniel Herrmann (nr. XLI) tvar bereits
Palm bekanf^; doch verzichtete dieser darauf, ihn abzudrucken, da er
die darin berührten verJmltnisse nicht kkirxidegen vermochte. Auch
ich kann nichts zur geiiaueren erläuterung dieses brief es anführen;
ich habe aber trotzdem nicht gezögert, ihn zu veröffentliclien, da es
nicht ausgeschlossen erscheint, dass iveitere nachforschungen hierdurch
angeregt iverden und aufklärung über den inhalt bringen. Der brief
zeigt den dichter in einer äusserst bedenklichen läge. Sein ruf ist
durch die beschuldigufigeii zweier frauen, von denen die eine bereits
verstorben ist, aufs schiverste geschädigt, und es scheint sogar eine
klage gegen ihn beim rate (in Breslau?) eingereicht zu sein. Wel-
cher art das vergehen war, dessen Opitz beschuldigt tvurde, lässt sich
nicht klar erkennen; allein der umstand, dass fi'auen die ankläger
sind und der satz „Quatuor isti anni sunt, cum scelus hoc non obiter
uidi, adeo ut ne siispicio qiiidem de me haerere possit" machen es
ivahrscheinlich , dass der dichter irge?id eiiies unerlaubten geschlecht-
lichen Verkehrs geziehen wurde. '
Unter nr. XLIV ist ein stambuchblatt Opitzens tvidergegeben,
tvelckes aus der ha7idschrift R 2306 stamt. Es fand hier seine stelle,
trotzdem es ja eigentlich nicht in diesen rahmen gehört.
Von Moscherosch sind, so viel ich tveiss, bisher nur acht briefe
bekant.^ Jim so' wilkommener iverden daher die am Schlüsse mitgeteil-
te?i vier schreiben von seiner hand sein, zumal tvegen des reichen
biographischen und hibliographischen materials, tvelches sie enthalten.
1) Er ericähnt ihn a. a. o. s. 136 und 227.
2) Mitgeteilt in Moscheroschs Geschichte Philanders von Sittenwalf, von
Johann Wirth (Erlmigen 1887) s. 54—61.
22 WITKOWSKI
A. Briefe von Martin Opitz.
1.1
Martin Ojntz an Michael Bartsch^ Liegnitz, 7. februar 1624.
S. P. CL. Bartschi, amice desicleratiss", Ab eo tempore quo a
vobis discessi praesentiam tuam occasioiie delati tibi semel officii sem-
per expectaui. Yerum ea est nunc aiüae huius conditio, vt quid scri-
bere aut quid non scribere debeam ignorem, neque litteris fidenda sunt
ea, quae malum creare amicis in hac acerbissima temporum calamitate
possint. Spero tarnen meliorem posthac sortem & quae nos laetiori
paullo vultu coniunget. Interim hunc hymnum^ meum ad te trans-
mitto, cuius tu exeraplaria cuique non gravate vt reddi eures rogo.
Praeterea cum Teubnerus* noster, iliiteratus ille quidem, litteratis
tamen non infensus, iiliae suae adoptiuae nuptias paret, e re me fac-
turum esse existimaui, si sollennem hunc diem versibus meis^ celebra-
rem. Itaque eos ad te mitto, atque vt in officina vestra typis describi
iubeas etiam atque etiam peto. Constitutus est huic festo 12. d. Pe-
bruarius, is cum fere instet, tabellarium vt tandiu detineas, donec
exemplaria ferro secum possit, non minus oro. Sexaginta a.^ aut prae-
terpropter typis mandari cupio. Si quid argen ti praeter hoc quod
mitto impendendum erit, libentissime id et prima quauis die reddam.
Cur e typographia nostra prodiro isthaec nolim, causas habeo non con-
temnendas. Correctionem versuum, quia in distinctionibus, colis, punc-
1) Hs. R 2306 nr. 4.
2) Er war rat des fürsten von Liegnitz und mit Opitz eng befreundet. Der
dichter verfasste zu Bartschs hochzeit (17. jan. 1623) zwei lateinische gedichte, die
durch ihre datierung für die Chronologie der reise Opitzens nach Siebenbürgen wich-
tig sind. Das erste derselben ist unterzeichnet „ Mart. Opitlus iter Pannonicum
moliens raptim scripsit Bolesl. Sil. Non. Maj. A. 1622'^ ., das zweite y,Ma7-t. Opitius
Lust Cassoviae [Kaschau], Pridie Cal. Jun. A. 1622."- (Hiernach ist die angäbe
Palms a. a. o. s. 168 zu berichtigen.) Ausserdem schrieb Opitz ein glückwunsch-
gedicht, als Bartsch ein söhn geboren wui'de (21. juni 1624). Aus dem briefwechsel
zwischen Opitz und Bartsch ist ausser diesem und dem folgenden briefe nur noch
ein kurzes luieil Bartschs über den „Lobgesang Vber den Frewdenreichen Geburts-
tag" usw. erhalten (Gedichte ausg. 1625 A4b).
3) Martini Opitii Lobgesaug Vber den Frewdenreichen Gebm'tstag Vnseres HEr-
ren vnd Heilandes JEsu CHi-isti .... Liegnitz. Die widmung ist datiert „ Lignicü
Prop. Cal. Januarias Anni 1624.^
4) FürstUch Liegnitzischer rat, ein göuner Opitzens, dem dieser auch sein
„Lob des feldlebens" (1623) widmete.
5) Dieses gedieht ist verloren.
6) autem.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 23
tis, aclditioue syllabarum et detractione vehementer interdum errare
operae solent, quaeso in te suscipias: si quid vicissim a nie petes,
libenter hoc t . . . ^ militabitur. Nihil hie est quod laedere castas aiires
possit neque quicqiiam officit, quominus debeat prodire in laminis oras:
imo non pauca apparent, qua(e) deflectentes ad praua animos deducere
in viam possunt. Fiducia amoris qua nie prosequeris efficit, vt non
metuam his rebus meis tibi molestus esse: neque me opinio fallit, te
etiani maiora mei causa promptissime suscepturum. Idem vt tibi de
nie ex animo persuadeas volo. De publicis nihil noui; omnia enim
ad bellum spectant, quod plerique contempserunt, alii quibus vires
partium notae sunt, inter quos et ego, merito timuerunt. Sed quid
interest ab hoste spoliari an a proprio niilite? cum praesertim maior
misericordia ab hoste speranda sit. De fusis Mansfeldii turmis^ fama
est, sed fama, quae raro verum dicit. Yale, Yir OL. cum amabilis-
sima coniuge et filiola tua, measque res vt tuas diligenter cura. Spero
enim vnius diei spatio operas haec absoluere posse. Salutat te pluri-
mum Niisslerus noster qui longuni iter ad doctas proficisci cogitat
Athenas, et spatio paucarum septimanarum valedicet. Kirchnerus Boles-
lauiam iuit, rerum suarum agendarum gratia, peste ibi sublata. Pro-
pedieni tamen huc redibit.
Yale iterum, frater dulcissime. Lignicii, 7. d. Febr. A"' 1624.
tuus ex animo Martinus Opitius.
Dem Edlen Ehrenvesten vnde Wolbenambteii Herren Michael Bart-
schefi, fürstlichem Lignitschem Rahte, meinem günstigen Herren
vnd Vertrawtem bruder.
Schiveidnitx.
In abivesen seiner Herrn Balthasar Leuschiern Zueeröffnen, vnd
die Sachen vnbeschivert zuebefördern.
Martin Opitz an Michael Bartsch. 19. Mai [1624].^
S. P. Amplissime Bartschi, frater multo clarissime, Eunte ad vos
Floriane nostro, dimittere eum absque litteris nostris noluimus; licet
praeter solemnes salutandi for-mulas nihil erat quod scriberemus. Offi-
1) Loch, im papier; vielleicht tibi.
2) Mansfeld war gegen endo des jahi'es 1623 nach England gegangen, seine
entlassenen truppen streiften im lande iimher und machten die heerstrassen unsicher.
3) Hs. R 2306, nr. 5.
4) Die Jahreszahl ergiebt sich aus der erwähnung der reise nach Warmbrunn.
24 WITKOWSKI
eium tarnen hoc epistolariim nescio quo modo eos quos alloqnimiu-
nobis quasi praesentes referat, et raemoriani eorum, licet alias etiani
memores tui nunquam non simus, magis magisque resuscitat. Nos
bene viuinius pariter et bibimus; suadentibus sie fere diebus aestiuis,
quae nos ad alia fere languentes faciunt. Serenissimus noster post
ferias in thermas sanitatis ergo se conferet: quo et an me deducet
ignoro. 1 Tu hac occasione Senatüs vestri titulum Senatorumque vt ad
me perscribas peto: possit enim fieri, vt propediem amplissimo eorum
nomini übellum aliquem Poeraatum meorum Germanicorum , sie volen-
tibus amicis neque nobis nolentibus, inscriberem.^ Yale, Vir Cl. cü
coniuge tua & Mola, Leuschnerumque praestantiss" saluta. Lignicii in
aedibus tui Kirchneri & mei. 19. d. Mail
Cl.
Bartschi celeberrimi,
M. Opitius.
Nobili Clarissimoque Yiro Dn" Michaeli Bartschio, lllustriss" Prin-
cipi Lignicensi ä Consiliis, amico coniuiictissimo. Swidnicium.
111.3
Martin Opüx a?i Andreas Senftlebeti^ Liegnitx, 13. December
Ornatiss. Dn. Sanftlebi, (1624).
Doctissimus Cothurnius^ noster ex Itinere vestro morbi aliquid
contrahere cepit. '^ Eins rei caussa, et vt melius sibi consulere possit
in pagum huc secessit ad amicum, suasu etiam Amplissimi Dni Teub-
neri,'^ cum quo heri proptereä coliocutus sum. Ad medicinam rectius
1) Nos bene — ignoro ist bei Palm a. a. o. s. 191 anm. mit kleinen ungenauig-
keiten angeführt.
2) Im Januar 1626 widmete Opitz dem rate zu Schweidnitz seine poetische
Übertragung der „Klagelieder Jeremiä."
3) Hs. R 2306 nr. 2.
4) Andreas Senftleben (dies ist die gewöhnüohe Schreibung des namens) , gebo-
ren in Bunzlau 1602, starb als advokat der stadt Breslau am 26. juH 1643. Ein
anderer brief Opitzens an ihn ist von Ezechiel (Beiträge zur kritischen historie der
deutschen spräche, Leipz. 1741. VII, 76) mitgeteilt worden. Die nachschrift ist
ii-tümlich als zweiter brief bezeichnet und die adresse „Hain bei Teubner" als datie-
iTong angeführt. Auf der Breslauer stadtbibliothek befindet sich die abschrift eines
lateinischen gedichtes von Opitz an A. Senftleben vom 1. februai' 1625.
5) Cothui-nius war mit Opitz zusammen auf der schule zu Beuthen, verUess
dieselbe aber vor dem dichter, der bei dieser gelegenheit ilun und Nüssler zwei
lateinische gedichte widmete (Oesterley a. a. o. nr. 17).
6) so!
7) Vgl. s. 22, anm. 4.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 25
applicandam vino indiget vctorii defuscatoque. Id cum nee precio nee
precibus Lignicii habere ex voto potuerimus, ad vos proptereä misimus.
Tu hoc a Dna Katharina (quam multüm saluto) aut si cui alteri eellae
cura ineumbit impetrabis, non nolente tuo Düü hospite, idque tibi per-
suadebis, et amieum hunc nostrum, et me beneficii memores fore.
Golsdorfii in prandio, quo finito ad Musas meas Lignicium redeo. Vale.
Idib XBK (von anderer hand MDCXXIV).
Tui amantissimus
M. Opitius.
Ornatiss. eruditiss°que iuueni Dn. Andreae Senftleben, aniico suo
singulari.
Hain, bey H. Mai'cus Teubnem.
IV. '^
Martin Opitx an ChristojjJi Coler.^ [Breslau], 28. Juni [1626].^
S. P. D. Praestantissirae Colere, Festinare libellorum Monauiano-
rum^ remissionem non oportuit, et satis cito ad me redierunt. Pane-
gyrieum Carmen tuum expectamus, post quam id obtuleris illi, cui id
destinatum est.*^ An uero ille in Prouinciam haue, aut ad uos saltem,
breui uenturus sit, ignoro. Te Poematia tua in corpus revocare, tibi
Musisque nostratibus gratulor. '^ Mihi tempus omne iis negotiis perit,
quae aut ab omnibus studiis, aut saltem ab iis studiis auersa sunt,
quibus condimentum humanae vitae gloria et bonos apud Posteritatem
quaeritur. Sed tempore tam periculoso, tam doctrinae omnis ae rerum
bonarum fastidienti^ quaeuis conditio uiuendi bona est, dummodo
honesta.9 ad d. XXYHI. Junij.
Tuus
ex animo
Mart. Opitius.
Eximio Viro Christophoro Colero suo.
1) vctori? vielleicht unctiori.
2) Hs. R 251 nr. 30. Der absatz Mihi — honesta ist in Colers Laudatio
M. Opitii s. G7 abgedi-uckt. 3) Über Coler siehe die einleitung.
4) Im jähre 1626 fasste Coler den plan, seine gedichte zu sammeln. Siehe
auch den folgenden brief.
5) Jakob Monavius (1546 — 1603) schrieb drei bücher carmina in symbohan
suton. Sein andenken ehrte 1605 Casp. Cunrad durch ^^Manes Jac. MonavU.""
6) Es lässt sich nicht ermitteln, welches der zahlreichen gelegenheitsgediclite
Colers hier gemeint ist.
7) Eine gesamtausgabe der gedichte Colers ist in dieser zeit nicht erschienen.
8) so!
9) Am 9. juni hatte Opitz an Buchner die nachricht gelangen lassen, dass er
26 WITKOWSKI
Y.i
Martin Opitz an Christoph Coler. Breslau, 20. novemher 1626.
S. P. Caue credas, Colere praestantissime , obliuisci me tui posse
iinquam. Ynicam a te, serio loquar, epistolam accepi^, cui, quod non
respondi, Status lütae meae obstitit; cum semper aut in aulis, aut in
itinere, aut in castris etiam uersatus sini. ^ Nunc cuni paullo maius
otium suppetat, prius silentium crebrioribus resarciam. De poematis
tiiis catalog-us Francofurtensis indicauit. '^ Gratulor patriae nosti-ae, ob
doctissimam hanc prolem, et tibi quoque recta uia ad famam tendenti:
Macte hoc animo: nos tibi lampada libenter ti'ademus. At tu saluere
iubes meam Justinam, quasi coniugio libertatem hanc unquani addixe-
rim. ^ Nonne illud nosti; consultum non esse siluam relinquere, ut
arborem nanciscaris? Optas etiam ipsi felicem partum, ueluti de illa
loquereris, cuius mentio fit in Inscriptione Hispanica
SVM. EGO. IVSTINA.
YXOR. FVTVTA.»^ FIVNT. ET. HAEC.
LIBENTER. etc. Hostibus talem.
Ita me amet, quam non odi, ut' tu continentiae meae et casti-
tati iniuriam facis. Amicos salutabo. Iscram;'* vero non noui. Nam
Carmen eius notae non malae additimi fuit libello meo me inscio. Pa-
triam nostram pestis denuo affligit. ^ Itaque parens meus, qui alias
Omnibus modis retinere me domi suae cupit, uenire ad se nunc uetat.
Sed instat bruma, cuius rigor, ut spero, morbi uires extinguet. Vale,
in die dienste Karl Hanuibals von Dokna getreten sei (Geiger, mitteüungen s. 33).
Er scheint hier diesen schritt vor Coler rechtfertigen zu wollen.
1) Hs. E 251 ur. 55. Ungenau gedruckt in Colers Laudatio s. 64 fg.
2) Coler an Opitz 8. august 1626 (Jaski a. a. o. s. 10 fg.).
3) Yom juli bis zum novemher 1626 war Opitz anhaltend auf reisen. S. Gei-
ger, mitteilungen s. 35 — 40. 4) Siehe s. 25, anm. 6.
5) Opitz hatte 1627 bis 28 die absieht sich zu verheiraten, und zwar mit
einem reizenden, reichen mädchen (an Buchner 15. juli 1628); aber die Vormünder
gaben nicht ihre Zustimmung (Geiger, mitteilungen s. 53). MögUch, dass diese Justina
jenes mädchen ist.
6) Bei Coler „FVTVRA." Das wort „Fvftvta)" ist in der Inschrift (Corpus
inscriptionimi latinarum Berl. 1869 II, 455 nr. 3367) ergänzt, wahrscheinlicher ist
„Fv(tvra).'' Opitz fand die inschrift vermutlich unter den von seinem gönner Abra-
ham von Bibrau aus Spanien mitgebrachten; vgl. Yariai'um lectionum hber cap. V
(ausg. 1690 I, 495). 7) Bei Coler „eU'
8) Bei Coler „Isleram." Augustinus Iskra verfasste ein widmungsgedicht zu
Opitzens „Buch von der deutschen Poeterey" (Braunes neudi-uck s. 7).
9) Schon 1623 hatte die pest den dichter am besuche der Vaterstadt gehin-
dert (s. die vorrede zur- vita Promnicii 1624).
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 27
mi oraatissime Colere, cum Wesselio^ nostro, ciiius his diebus inter
me, Kirclmenim et Teubnerum sane optima facta fuit mentio. Vtiuam
eins studiis possem prodesse. Vale iterum. Vratislaiiiae ex Museo
meo amio 1626, d. 20. IXbr.
Tims
omni studio ac fide
Mart. Opitius.
Praestantissimo Juueni Christophoro Colero, Boleslauiensi Silesio,
amico dilectissimo. Argentoratum.
Martin Opitx an Christoph Coler. Breslau, 13. Februar 1627.
S. P. D. Colere praestantissime , Paullo post reliquis amicis Omni-
bus scribam, et latius tibi. Nunc hoc saltem scito, tuas mihi redditas
esse sane gratissimas. Sero fo'rsan epigrammation meum^ ad te ueniet,
cum tua Poemata iam possint esse edita.^ Sereniss. Princeps Lignicen-
sis, et ita ni fallor ad te scripsi, omnino praeponi debet, ob muneris
dignitatem, cum sit supremus Silesiae Legatus aut Praefectus.^ Illam,
de qua in nugis meis tot sunt amatoriae delitiae, caue credas esse
nobilissimi apud nos uiri filiam. lamdiu, apud plures est Galatea siue
Süuia,*^ siue quod aliud nomen puellae inferioris fortunae^ dedi.
Caeterum^ si ad sorores elegantissimas uenis, pl ^ eas meo
nomine saluta; item fratrem, cuius Carmen in nataiem meum sum-
mopere mihi placuit. Kespondebo, ut dixi, omnibus prolixius. An
Grutero meas transmiseritis /" indica. Yale, cum Excellent. Berneg-
1) Vermutlicli ein söhn des Johannes Wessel, der seit 1617 prediger in Bunz-
lau und mit Opitzens tante Helena verheiratet war. Opitz nent ihn (Gedichte ausg.
1625 s. 92) „seinen schwager."
2) Hs. R 251 nr. 60.
3) Das gedieht am Schlüsse des briefes.
4) Siehe s. 25 anm. 6.
5) Coler wolte wahrscheinlich dem schlesischen landeshauptmann , herzog Georg
Rudolf von Liegnitz, seine gedrehte mdmen.
6) Mit den namen Galatea und Syhäa bezeichnete Opitz seine Heidelberger
geliebte (Gedichte ausg. 1625 s. 176 und 187). Sylvia scheint später ziemlich tief
gesunken zu sein (Gedichte ausg. 1625 s. 98).
7) fortuna bedeutet hier wol co7idicio.
8) UndeutHch.
9) Unleserlich, \'ieUeicht plunmum.
10) Gruter hatte Opitz um die in Siebenbürgen gesammelten inschriften gebeten.
Der dichter übersante dieselben am 20. november 1626 (Pakn a. a. o. s. 173 fgg.),
28 WITKOWSKI
gero ^ et Yenatore 2 meo. Yratisl. ex regia XIII. d. Februar. Ann.
1627. Tims Opitius.
In Praestantiss. Juuenis Ch. Choleri Poemata Germanica.
Tu nostro sermone quidem noua carmina condis,
Flos iiiueniim, quiuis quae uelit esse suas.
At patriae (lusum transactos dixeris annos)
Tota peregrinus moenia niiles habet;
Gens Italüni, gens Parthenopes, Galliisque Tagique
Accola et exti'emi qui terit arua Sai ; ^
Coniurata Ines gratos subuertere campos,
Ne quisquam priscas dicere possit opes.
Quid speres, aut quid metiias etiam amplius? actum est
I licet; armorum praeda cruenta sumus.
Perge, Colere, tanien, si forsan patria vires
Colliget (hos iubeat Numen adesse dies)
Clarior ut uirtute tiü reddatur honoris,
Sin minus, in libris uiuat ut illa tuis."^
Martinus Opitius.
Praestantissimo Juueni Christophoro Colero, Boleslau. Silesio,
amico singulari. Strassburg beym H. Bernegger zu erfragen.
Yn.5
Marthi Opitx. an Christoph Coler. Breslau, 29. Februar 1628.
S. P. D. Jure equidem, Colere praestantissimo de silentio meo
conqueri posses, si eo otio frui hactenus datum mihi fuerit, quod nunc
demum bonis auspiciis nactus sum. Sed tempore satis longo unmn
mensem*' Yratislauiae uix fui'', nuper admodum huc reuersus. Faciam
imposterum ut sedulitatem uideas maiorem. De statu meo Praga nuper
ad literarum iUud columen Berneggerum *^, quas literas recte perlatas
1) Matthias Bernegger (1582 — 1040) lernte Opitz erst 1630 persönlich kennen,
wie Berneggers brief vom 24. juli 1623 beweist (Palm a. a. 0. s. 148).
2) Opitzens bekanter Heidelberger freund und studieugenosse.
3) Sai? Savus, fluss inNumidien und (neulat.) die Sau, nebenfluss der Donau.
4) Über dieses gedieht schrieb Coler am 8. märz (a. st.) 1627 (Jaski a. a. 0.
s. 15): Triste Carmen Tuum, quo Poemata mea indiyna dignaris, ferme lachryt?ias
mihi expressit.
5) Hs. R 251 nr. 53. Abgedruckt in Colers laudatio s. 66 fg.
6) Sed — mensem feht bei Coler.
7) Opitz verweilte im Sommer 1627 mit Dohna in Polen und Preussen und
vom november bis zum Januar 1628 in Prag.
8) Opitz an Bernegger Prag 15. Januar 1628 (Tscheming, imvorgreiffhches
bedencken, Lübeck 1659 bl.S" fg.).
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 29
esse confido, et iam ad Venatorem meum aliquid perscripsi. Tuas
paiicos ante dies Hermannus bibliopola, hie mihi tradidit.^ GL. senem
Griiteruni- ad plures abiisse triste auditu fuit. Vergunt sensira literae
ad barbariem, et lumina studiorum quae supersunt tarn raia sunt, ut
obrui hac bellorum occasione nisu vel exiguo possint. Scire aueo an
aliquid constituerit lür summus de iis rebus quas ineditas reliquit.
Imprimis magna reipublicae literariae iactura periret ea pars Inscrip-
tionum, quam ab annis plurimis ingenti cum labore conquisiuerat.
Dici non potest, quantum haec epigrammata antiquitatis historiam illu-
strent. Itaque uidendum est etiam atque etiam quomodo reddi possit
luci thesaurus incomparabilis. De Kirchneri epicediis^ iterum aurem
uello'^; nihil enim scribam in eins memoriam nisi carmina uestra prius
accepero. Germanica tua Poematia^ recrearunt hunc animum non''
mediocriter: iis a. " uniuersis quae editurus es propitios lectores opto.
Quod uero iudicia imperitorum timeas non est: latratus eins modi facile
pereunt, uiuida uero laus et gloria solidiorem sibi quaerit fundum,
quam ut euerti possit. Ego earum nugarum, quas adolescens fere Hei-
delbergae et alibi excogitaueram , pretium nunc quoque hie fero. Omnes
enim aedes, omnes plateae cantiunculis meis perstrepunt, quae in com-
pitis^ quoque uno alteroque obulo uenduntur.^ Viuus intersum meae
1) quas literas — tradidit fehlt bei Coler.
2) Griiter war am 20. September 1627 gestorben.
3) Kirchners tod erfolgte im jnni 1627. Opitz schrieb eine biographie Kirch-
ners für Henelius' Silesia togata (abgedruckt bei Palm a. a. o. s. 186 fg.). In der
antwort auf diesen brief (am 5. September, Jaski a. a. o. s. 27) verspricht Coler, bin-
nen kurzem seine und Venators ejncedia Kirchneri zu senden.
4) aurem nello, mahne (Vii'g. Ecl. G, 4). 5) Siehe s. 25, anm. 6.
6) non fehlt bei Coler. 7) autem.
8) covipifum , kreuzweg.
9) Palm a. a. o. s. 162 nent diese mitteilung höchst befremdlich und meint,
dsas Opitz niemals algemeiu sangbare lieder veröffentlicht habe. Er beschuldigt den
dichter sogai-, sich hier einer Unwahrheit schuldig gemacht zu haben. Dazu liegt
kein grund vor. Unter den gedichten Opitzens befindet sich so manches, das für
den gesang bestimt und volkstümlich genug gehalten war, um schnell algemeiu
bekant imd beliebt zu werden. Es sei um- erinnert an „Newlich als ich aussgegan-
gen" (ausg. 1624 s. 25), „Sey wolgemuth, lass ti-awren sein" (s. 28), „Mit Liebes
Brunst behaftet sein" (betitelt „Chansonette" s. 36), „Jetzt blinken auss des Himmels
Saal" („Auff die Melodey: Kehr vmb mein Seel" s. 52), „0 du Gott der süssen
Schmertzen" („Auff die Courante: Si e'est pour nion pticelage''- s. 56), „Coridon
sprach mit Verlangen" (s. 84), „Ist jergendt zu erfragen" („Vff die Melodey, Aupres
du bard de Seine" s. 89), „Wol dem der weit von hohen dingen" (mit dem hüb-
schen kehrreim: „Ein jeder folge seinem Sinne, Ich halts mit meiner Schäffeiiuue"
s. 91), „Itzund kompt die nacht herbey" (s. 92), „Kompt last vns aussspatziren "
30 WITKOWSKI
famae, si diis placet, et piiellarum animos ac ancillas lepidus sc. siiaui-
ludius oblecto. Nunc ut ab his annoriim delitüs remisi; ita tarnen
iuuat praeteritorum reminisci. Si^ porro ad nos reuerti cogitas, tu
conditionem rerum tuarum sciueris optime. Inuenies patiiam multo
alterius faciei, quam eam reliqueras. Ego consilio et ope mea tibi non
deero; licet ea nobilium nunc ratio sit, ut deuastatis eorum bonis,
absumptisque maximis uitae praesidiis alere praeceptores fere non pos-
sint. Sanftlebius^ certe noster hactenus diu frustraque lapideni omnem
mouit, et adhuc mouet. Suggeret tarnen Dens, qui egregiis his stu-
diis te exornauit, eorum quoque praesidia. Engmann ante dies XII.
nuptias celebrauimus ^ cum zythopolae^ filia in plateaSuidnicensi, puella
satis lepida, quo fato sacerdotes nostri fere utuutur. ^ Aderat et cum
nouerca parens mens, qui post morbum sex mensium, post exustam
aedium posteriorem partem*» et militum Gallorum diuturnas iniurias
respirare tandem incipit. Yale, mi optime et amicissime Colere. Vra-
tisl. Prid. Cal. Martii Anno CIÜIüCXXVIII.
Tuns Opitius.
Christophoro Colero Suo iuueni praestantissimo.
vni.7
Martin Opitz an Christoph Coler. BroMau, 17. November 1628.
S. P. D. Praestantissimo Colere. Halonium uestratem nondum
uidi^, redditae tanien" mihi sunt literae uestrae, de quibus, uti et de
( „auff die Melodey Allons dans ee boccage" s. 92), „Nechst als zugleiclie lagen"
(s. 93), „Ach Liebste lass vns eilen" („Lied im thon: Ma belle je rons prie" s. 100),
„Koridon der ging betrübet" (Ausg. 1625 s. 176), „Als ich nechst war ausspatzieret"
(s. 187), „Ich empfinde fast ein Grawen" (s. 201), „Tilgend ist der beste Freundt"
(s. 204). Diese grosse anzahl von sangbaren und meist heiteren liedern passt freilich
nicht zu der herkömlichen Vorstellung von dem schiümässig steifen, gelehii hoch-
mütigen Opitz. Aber gerade diese dichtungen zeigen uns eine frische jugendliche
kraft, die noch nicht durch den bann der regeln gefesselt ist, und beweisen mehr
für Opitzens dichterische befähigung, als die späteren hochtrabenden Alexandriner,
neben denen lange zeit diese anspruchslosen Jugendgedichte verachtet wurden.
1) Der übrige teil des briefes fehlt bei Coler. 2) Siehe s. 24, anm. 4.
3) Schreibfehler für celebrauit [es ist wol eher Entmann in Engmanni zu
bessern. Red.] 4) Bierwirt.
5) quo fato sacerdotes nostri fere utuntur, ein geschick, das unseren theo-
logen meist zu teil wird.
6) Auch in dem briefe an Buchner vom 28. fobr. 1627 (Geiger a. a. o. s. 43)
erwähnt Opitz „conflagrationcm aedium paternaruvi mtperani, lentunique ipsius
patris et nescio an lethalem morbum."-
7) Hs. R 251 m\ 57. Sehr imvolständig abgedruckt bei Coler Laudatio s. 65 fg.
8) Halonium — tiidi fehlt bei Coler. 9) tarnen fehlt bei Coler.
BRIEFE VON OPITZ UNB MOSCHEROSCH 31
carminibus elegantissimis gratias ago. Inscriptiones , quas decus illucl
literarum Berneggerus petiit, ad Yos misi, iit in Galliam una cum aliis
ti'ansueliantnr.i Inter schedas Griiteri alterum earundem Inscriptioniim
exemplar erit-, quod Venator noster penes se retinebit^: cmn hoc ex
aduersariis * nieis excerptuni sit accuratius. Caeterura quod de tranquil-
litate studiorum mihi gratularis, non immerito hoc facis, cum otio hac-
tenus fruar satis abundanti. Sed ea. nunc ingruit temporum conditio,
quae coloniam mutare me, aliosque procul dubio iubebit.^ Glogouien-
ses, uix XXX. ciuibus exceptis, omnes Pontificiorum partibus accesse-
runt. Guhrani etiani facilius persuasionibus uiolentis locum dederunt.
Nunc, ubi couiecturam capere possum, de Ducatus Suidnicensis ac
Jauorensis corio ludetur, ita ut^ ob parentes nostros ac necessitudines non
mediocri in metu constitutus sim.'' Ex actionibus crebris, stationibus
militiim, armilustriis aliisque technis tota prouincia ita exhausta est, ut
ne millesimo quidem ullum fugae restet praesidium. Ego quoque solita
liberalitate mea summani nummorum non mediocrem hactenus absunipsi,
et cum sit unde liic laute uiuere possini, fortasse deerit, ciüus ope
alibi mihi consulam. ^ Orandus est Deus, ut constantiae nobis consilia
coelitus suggerat: de uirtute sibi agnata et robore animi gloriari uanis-
simum est. Et plerumque ii qui secundo adhuc tempore paratragoediari
audent viresque suas iactare, ubi ad rem uentum est, desertorum agmen
ducunt. Intueri nugas cerimoniarum hactenus coactus fui: Yt credam
quae Deus uetat, nemo mortalium me coget.^ Ilkid^*^ antiquum sem-
1) Am 30. aug. 1G28 machte Bernegger Grotius auf die von Opitz in Sieben-
bürgen gesammelten iuscbiiften aufmerksam {Qrotii et Berneggeri Epistolae Mutuae
Argent. 1667 s. llfg.), am 7. december sante Bernegger die inschriften an Grotius
(a. a. 0. s. 21) und Grotius dankte Opitz am 1. febniar 1629 dui'oh vermitlung Ber-
neggers (a. a. o. s. 27).
2) Siehe s. 27, anm. 10.
3) Bei Coler steht retinuit. 4) adversaria, notizbuch.
5) Dies bezieht sich auf die religiösen Verfolgungen, denen Opitz trotz seiner
Stellung bei Rohna nicht entgieng. Vgl. Palm a. a. o. s. 206.
6) Qlogovienses — ita ut fehlt bei Coler.
7) Opitzens vater muste, da er seinen glauben nicht abschwören wolte, Bunz-
lau verlassen imd lebte längere zeit in Sachsen imd anderen gegenden (Opitz an Buch-
ner 31. märz 1629, Ai'chiv f. ütgesch. V, 350). Im märz 1629 verschafte ihm sein
sohu bei Dohna die erlaubnis, sechs monate zum verkauf seines eigentums in Bunz-
lau zu verweilen. Siehe Dohnas brief an den rat zu Bunzlau vom 21. mcärz 1629
bei Wernicke, chronik von Bunzlau, 1884, s. 974.
8) Ex actionibus — consulam fehlt bei Coler.
9) Opitz wui-de damals von den immer gewalttätiger auftretenden katholiken in
der Umgebung Dohnas, besonders den Jesuiten, hart bedrängt. Das's er sich ihnen
beugte und die hier ausgesprochene absieht, seine Stellung aufzugeben, nicht aus-
32 WITKOWSKI
per plaeiüt: nunc etiam perplacet: Omne solum forti patria est. Yale
iuuenis doctissiine, et suauissimuni sodalem nostrum Venatorem ui'ge
ut respondeat. Vratisl. ex regia XY. Cal. Xbr. Ann. MIÜCXXVIII.
Tuns
M. Opitius.
lam narratur lauorenses unnm ex templis ante triduum fere Pon-
tificiis concessisse.^
Ornatissimo Jimeni Cbristophoro Colero Suo, Argentoratum.
IX. 2
Martin Ojpitx. an Christoph Coler. Breslau, 1. Januar (Greg.) 1629.
S. P. D. Pridie tuas accepi, Colere praestantissime cum iam ad
Amplissimum Lingelshemium ^ et Sebizimn^ nosti-um perscripseram.
Huius pareas, Vir nobilissimus obuius heri in foro mibi factus, con-
sultum tibi ex animo mecum uellet, et de modo tua studia iuuandi
serio ac cum cura cogitabit. Nunc quidem unde desiderio tuo satis-
fieri possit, nibil nouimus. Venatori de statu hoc gratulor. ^ Diu
exoptaui, ut eruditionem suam peregrinatiuncula etiam aliqua, quoniam
bis moribus ac iudiciis hodie uiuitur, exornaret. Erit tamen et sie mei
non immemor, et tu bominem monebis ne et literis et Grutero^ carere
me diutius patiatur. Si Dominus Lingelsbemius suis me dignabitur,
sane gaudebo: si negotia obstabunt, interea tu de statu eins ad me
perscribes. Scire item uelim, quid tota domus eins, quid liberi faciant.
Item quomodo cum ualetudine CL. Domini Berneggeri agatur; est
enim inter antesignanos meorum amicorum. De Zinkgrefio niliil bac-
führte, gereicht seinem Charakter nicht zur ehre. Muste er doch, \äe aus dieser
stelle hervorgeht, trotzdem ihmvonDohna ausdrücklich glaubensfreiheit gewälii'leistet
war, dem katholischen gottesdienste beiwohnen. Da er sich darein fügte, will die
betonung seiner standhaftigkeit nicht viel bedeuten.
10) Intueri — illud fehlt bei Coler.
1) Jam — concessisse fehlt bei Coler.
2) Hs. R 251 nr. 59. Abgedi-uckt in Colers Laudatio s. 64.
3) Lingelsheim, dessen söhne Opitz in Heidelberg unterrichtet hatte, lebte seit
der Plünderung Heidelbergs in Strassburg, seiner Vaterstadt.
4) Sebisius wurde von Bernegger als „amicus Opitii'^ an Grotius empfohlen
{Or. et B. Ep. mut. s. 40).
5) Venator hatte Opitz am 29. uovember 1628 (Jaski a. a. o. s. 30) geschrie-
ben, dass er bei beginn des frühjahrs mit zwei herren von Rehlingeu nach Frank-
reich reisen werde.
6) Panegyricus Jano Orutero seriptus ä Balthasare Venafore. Genevae
1631. S. 131 fg. findet sich ein lateinisches gedieht von Opitz, beginnend „HOc
Vnum patriae fatorum poena remisit " 10 distichen.
BRIEFE VON OPITZ V^ MOSCHEROSCH 33
tenus aiidiiii. Apiid nos lentius circa reformationem ; sed tarnen per-
gitiir.^ Siiidnicenses templum qiiod adhiic habebant imicum aiit iani
cesserunt, aut cedere propediem cogentur. Itaque uideris, an nobiscum
esse consiütum sit. Ego, quid mecnm futui'um sit, incertus sum. Tiii
tarnen certe non obliuiscemur. Interea pistrini tui pulueres animo ferre
disce erecto et alacri, et cogita uitam hanc ubiuis loconini molestiis,
taedio atque periculis metuque ac spe inani esse plenissimam. ^ Yale,
mi Colere, et sequentem annum felicibus auspiciis ac successu rerum
optimo cum amicis qiii apud uos sunt aggredere. Yratisl. ex regia
ipsis Calend. Januar, (von Colers hand „Grey. 1629").
T.
Opitius.
Praestantissimo Viro Domino Christophoro Colero Suo. Argento-
ratuni.
bei H. Klement Schleicher^ abzugeben.
Martin Opitz an Christoph Coler. [Breskiu], 19. Mai [1629]. ^
S. P. D. Grotianas accepi'', item eas quas Lingelshemius, et quas
tu dedisti, omnes multo acceptissimas. Te saluum ad lares paternos
uenisse, et incolumem, et mihi, et tibi, et patriae gratulor afflictissi-
mae. Tecum colloqui gestio, et iam quidem aduolassent ^, nisi negotia
obstarent, quae subterfugere nullatenus possum. Apologeticum Grotii^
aut mitte, aut si hoc commodo tuo fieri poterit, affer ipse. Hospes
mihi eris acceptissimus. Ytinam prodesse commodis tuis hie amor erga
te meus possit. De Goldasto^ laetor, et ipsum notitia sua dignum me
crede. Vale, iuuenis eruditissime. XIV Cal. Junias.
Tuus
totus M. Opitius.
Eruditissimo Yiro Domino Christophoro Colero Suo.
Boleslauiam.
1) Es verstellt sich von selbst, das die katholische gegenreformatiou gomeiut ist.
2) Apud nos — plenisswuim fehlt bei Coler.
3) Bekanter buchdrucker, der unter anderm 1631 Opitzens lateinische gedichte
dnickte. 4) Hs. E 251 nr. 50.
5) Diese Jahreszahl ist zu ergänzen, da Coler 1629 aus Strassbui'g nach Bimz-
lau zui'ückkehrte.
6) Der brief, den Grotius am 1. februar 1629 Bemegger ziu' gelegentlichen
besorgung an Opitz sante (G-V. et B. Ep. Mut. Argent. 1667. s. 27).
7) Schreibfehler statt aduolassem.
8) Apologeticus corum, qui Hollandiae Westfrisiaeqiie .... praefuerunt . . .
Paris 1622.
9) Melchior Goldast, genant von Haimisfeld (1578 — 1635), berühmter polyhistor.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 3
34 WITKOWSKl
Martin Opitz an Daniel von Cxepko.^ Breslau, 1. Juni [1629].^
S. P. D. CL. Vir, Obstrictissimum me tibi reddidisti et literis tuis,
et carmine panegyrico, utiisque eruditissimis. Landes qiias mihi tii-
buis immereiiti, iure tibi reddo; quem ad decus literarum, et edita uü'-
tutis templa pleno gradu contendere, diu est cum audiui. I, quo te
ingenium tu um et auidus scieutiarum auimus ducit; uon deerit etiam
in iiac seculi malignitate dignum operae pretium. A me amorem, et
quicquid in limic^ hominem cadit expecta. Ita eniui doctrina tua, ita
beneuolentia, qua me prosequeris, meretur. Quod si scribendi officium
etiam requiris, faciam ne quid negligentiae imposterum penes me hae-
reat. Hactenus negotiola Patroni domestici obstiterunt, quo minus ad
amicissimam tuam epistolam responderem. Nunc etiam propero, plena
manu paria deinceps facturus. Yale, iuuenis doctissime. Yratislauiae,
Cal. Juniis Tuus
Martinus Opitius.
Eruditissimo Juueni Domino Danieli Cepconi, amico suo singulari.
Suidnicium.
XII. 5
Martin Opitz an Christoph Coler. Breslau, 7. Juni [1629].^
S. P. D. Eruditissime Colere, De patriae statu quid possumus
nisi priuatim queri? luterim alloquia etiam literarum dolori quantum
possunt medentur. Mallem tuam praesentiam. Tu uideris, si hoc com-
modo tuo potest fieri. Gratissimus certe hospes eris. Grotii Apologe-
ticus^ maguopere mihi placet, ob libertatem imprimis; raram hoc seculo
Opitz rühmte ihn schon im „Aristarchus" (1617) als „vir in comrnodum ac gloriam
Germaniae natus."
1) Hs. E 251 nr. 44.
2) Über Czepko vgl. den treflichen aufsatz Pabns a. a. o. s. 261 — 302. Seine
beziehiuigen zu Opitz werden wol dui'ch Coler, mit dem Czepko in Strasshiu'g zusam-
men studierte, angeknüpft worden sein. Ausser dem vorliegenden briete ist von dem
briefwechsel zwischen Opitz und Czepko nichts bekant; doch wird der leztere wider-
holt in briefen Opitzens und Colers erwähnt. (Siehe Jaski a. a. o. s. 71 und weiter
unten brief XVI bis XIX und XL.)
3) Nach der rückkehr von der Universität verweüte Czepko nur noch eimnal,
1629, in Schweidnitz, wohin dieser brief gerichtet ist.
4) so! wol so \'iel wie talem.
5) Hs. E 251 nr. 51.
6) Der brief ist in dasselbe jähr wie nr. XI zu setzen, da sich sein inhalt
unmittelbar an jenen anschliesst.
7) Siehe s. 33, anm. 8.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 35
iiirtutem. Vale, amice charissime et Optimum sodalem meum Dominum
Cnappium^ saluta, utque mearum rerum memoriam non seponat mono.
Ille mihi tecimi semper in animo. Yale iterum a. V ii. d. Juni. Yra-
tisl. ex regia.
Tuus
totus M. Opitius.
Eruditissimo Viro Christophoro Colero Suo.
xin.2
Martin Opitz an Christoph Coler. [Breslau], 28. Od. (Lex.?) [1629].^
S. P. D. Praestantissime Colere, Amplissimus Lingelshemius noster
his diebus literas ad me dedit, quibus erant inclusae istae, quas fidu-
cia amicitiae nostrae aperui. CLi Berneggeri historiam^ iuuare non
possum: rare enim aliquid notai'e soleo ad oram librorum meorum,
quamuis confidam plura ad Augustos Scriptores me scire non protiita.
Cum Muckio^ nimium amicitiae mihi non intercedit; et rectius hoc
facere potest Nüsslerus, quem tui caussa statim monebo. Gelhornium
quem tu dicas nescio, quod si ille Pridericus est, Consiliarius Camerae
Silesiacae, scito me eo uti admodum amico. Itaque inquire: nulli certe
in te iuuando operae parcam. Kirchnerianos de meis libris adhuc tri-
cas nectere, et mendacii me arguere doleo. '^ Ipsi iiiderint, mihi pro-
fecto non deerit occasio de uindicta cogitandi. Theseum nostrum
saluta, qui pro ueteri amicitia et consanguinitatis etiam arctae uinculo
hoc aget, quod suarum est partium. Eo candore, ea honestate praedi-
tus simi, ut mentiil uel müle librorum caussa nolim. Intra quatii-
duum Glacium petam, ante duos nienses non reuersurus. Interea tuas,
sicubi scribes, Dauidio' Müllero transmittes, qui et meas tibi. Vale,
Vir eruditissime. XXVm. d. VIII br.
Tuus
ex animo M. Opitius.
1) Sonst nirgends envähnt.
2) Hs. R 251 nr. 52.
3) Coler hielt sich 1629 in Buuzlau auf. Ausserdem ist die reise nach Glatz
auch in Opitzens brief an Buchner vom 31. dec. 1629 erwähnt (Geiger a.a.O. s. 58:
„nunc eqims ad fores est qui me Olacium vehat"). Vergleicht man damit die
unten folgende stelle: „Intra quatriduum — reuersurus", so erscheint es fast
sicher, dass unser brief am 28. decbr. 1629 geschrieben ist.
4) Vielleicht Berneggers ausgäbe des Justinus in Historias Troß Pomjieji,
die 1631 in Strassbui'g erschien.
5) Über Muckius ist mir nichts näheres bekant.
6) Seite man vielleicht von Opitzens Übersetzung des Becauus in protestan-
tischen kreisen etwas erfahren und ihn deshalb der lüge geziehen haben ? — Opitzens
fi'euud Kaspar Kirchner war bereits 1627 gestorben.
3*
36 WiTKOWSKf
Eruditissimo Viro Christophoro Colero Suo.
Buntzlau.
XIV. 1
Martin Opitz cm Caspar Sinner.^ 27. Februar 1630.
S. P. D. lucundissime Amicorum, Tu nihil nisi festiuitas es, adeo
omnes iios Socraticis sermonibus pridie exhilarasti. ^ Et nie aeger-
rime hoc discidium nostrum ferre noueris. Sed iunget nos riirsum
idem, qui nos segregat Dens immortalis. Optimos amicorum Schwein-
beckium et Strackium'* peramanter sahito, et hospitam beueuolentissi-
niam imprimis, quam quod ex incuria et obliuione ante discessum non
salutauerim , fateor nie uehementer errasse. Plurimum certe illi debeo.
Tu me, qua facimdia polles, excusa, et longiores Dresda expecta. Nunc
propero. Vale, Propr. Cal. Mart. CIÜIOCXXX.
Tuus ex animo
M. Opitius.
lucundissimo Amicorum Domino Caspari Sinnero Suo.
XY.^
Martin Opitz an Caspar Sinner. Frankfurt a. M., 29. Marx 1630.^
S. P. D. Desideratissime frater, Recte huc, quamvis ob grassatio-
nes militum non absque periculo, perueni, et iani aliquot dies hie moror,
ob nundinas, quaruiii occasione omnia bibliopolia perscrutari possuni.
NuDc cisiarios quaero, quibuscum Argentoratum inde Lutetiam ire
liceat. Vbi uti crebras a me habebis, ita tuas auide expecto. De
rebus circa amicos, quos nosti, quid accidat, quid tecum fiat, quae mei
mentio sit, quis Status patriae, quis religionis," quis Patroni mei, si
me certiorem reddideris, magnopere me tibi deuincies. Scito me nemi-
nem sodalium aeque desiderare atque iucundissimos tuos fidissimosque
sermones, et tu quoque aliqua caussa eris, de reditu paullo citius cogi-
tandi. Interea millies milliesque vale, et Dominum Lachmann um ^
1) Hs. E 251 nr. 48.
2) Siehe die anm. zu nr. XLII.
3) Opitz hatte, wie er au Buchuer bereits am 31. decbr. 1629 (Geiger a.a.O.
s. 58) geschriebeu , gegeu eude februar Breslau verlasseu, hatte sich «am tage zuvor
iü Laubau bei Sinner aufgehalten und befand sieh bei abfassung dieses briefes auf
dem wege nach Dresden, wo er einige zeit zu verweilen gedachte, um dann über
rrankfurt a. M. und Strassburg nach Paris zu reisen.
4) Schweinbeck und Strack sind mir hier erwähnt.
5) Hs. R 251 nr. 38.
6) Siehe nr. XTV", anm. 3.
7) Unbekant.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 37
pliirimum saluta; Dominam item Magdalenam nostram. Francofurti ad
Moenum, 29. d. Martü 1630.
Opitius.
Si meus famidus apiid iios adhiic haeret scribere eiini. ^
Domino Casparo Sinnero Siio.
XVI. 2
Ma7'ti?i Opitz an Christoph Coler. Breslau, 20. November 1630.
S. P. D. Eruditissime Colere, Egregia me aduentitia^ tu acCepco^
noster ornatissimus excepistis, elegantibus illis carminibiis iiestris, quo-
rum beneficio Musae magis magisque servabimtur. Ego quae reraittam
hiiius commatis, non habeo, et ea uitae meae, adde et propositi ratio
est, ut ad pangendos uersus, inprimis Germanicos, aegre dehinc redi-
turus sim. Est enim etiam in his rebus certus modus, ac furoris meta.
Tibi prospera omnia eamque tranquillitatem exopto, quae curis te mino-
ribus eximat. Ad uos, donec Patronus meus hinc abeat, uenii'e, nequeo,
id quod admodum tarnen uelim. Et dabitur aliqua itineris tam minuti
occasio. Interea literarum officio fungamiu', si libet. Desidiam certe
accusari in me non patiar. Cum Mullero^ de impedimentis tuis locu-
tus sum. Yale, ac Cepconem saluta. Yratislauiae , a. d. XX. m IXbr.
CIOIOCXXX.
Tui amantissimus
Mart. Opitius.
Ornatissimo Viro Christophoro Colero, amico singiüari.
Bregam.
XYII.«
Martin Opitz an Christoph Coler. Breslati, 20. Dezember 1630.
S. D. Praestantissime Colere, Praeter has quae iam mihi redditae
sunt, nonnisi unas a te accepi, ex quo domum reuersus sum, ad quas
statim respondi. ^ Alias cum non iiiderim, tu scies cui illas tradideris.
1) sc. volo.
2) Hs. R 251 nr. 45.
3) Opitz wird etwa ende Oktober nach Breslau zurückgekehrt sein, da er am
27. seijtember von Leipzig aus an Buchner schlich (Geiger im Aruh. f. htgesch.
Y, 356).
4) Siehe s. 34 anm. 2.
5) Opitzens und Colers Verleger David Müller in Breslau.
6) Hs. E 251 nr. 54. Antwort auf Colers brief vom 13. november 1628 (Jaski
a. a. 0. s. 68 fgg.).
7) Der vorhergehende brief.
38 WITKOWSKI, BRLEl^E VON OPITZ UND MOSCHEROSCH
De Odis gmtias habeo singiilares prorsus tais, icl est, optimis. Mül-
lerus^ Glogoiiiae haeret, Ms demum diebus reuersurus. Tu recte facies,
si ipse ad eiini de siipeilectüe tua perscribes, cum illum impense tibi
faiiere sciam. Jussit me tibi offerre mensam lüctiimque et habitationem
siiarmn aediiim, ea conditione, ut liberis illius quotidie aliqiüd tempo-
ris impendas, donec melius consuli tibi deinceps forte possit. Neque
hoc abiret, ut puto, sine aliquo salariolo. Tu uideris; ego enim et
couditionom nunc tuam ignoro, et propterea nihil suaserim, ne si res
eos non sortiatur exitus quos utrinque uelitis, poenitentiae culpam ipse
luam. Omnibus tarnen modis solicitus semper ero, quei ornari ex
merito ac prouehi possis. Mone quid sentias. Czepkium saluere iubeo,
et tecum ualere. Yratisl. a. d. XX. m. Xbr. CIOIOCXXX.
Tiü
amantissimus
M. Opitius.
[Am rande] : Eruditissime Colere, Consanguineus mens Caspar
Cunradus- I. V. C. mihique coniunctissimus a. d. XI. Januai'. Sophiam
Firliam Gorlicii ducet, puellam praestantissimam. Ei cum Epithala-
mium debeam, te quoque de Epigrammate in hanc rem rogo. Idem
et CL. Cepconem nosti'um liuc inuitabis. Sufficient pauca, damit mei-
nes vud der kerren aiiff' einen Bogen kommen. Es solte aber in
8 tagen allbereit hier sein. Ytrum latine aliquid moliamini, utrum
Germanice perinde est: cantilenae tamen germanicae ambos decent.
Praestantissimo Viro Christophoro Colero Suo.
Bregam.
beim H. Joachim Stein abxiiegeben.
1) Siehe s. 37, anm. 5. Über Müllers Verhältnis zu Coler vgl. die ein-
leitung.
2) Der Breslauer Gönner Opitzens gleichen namens kann hier nicht gemeint
sein, da derselbe doctor' der medicin war, und am 22. januar 1630 in dritter ehe
Barlmra Rumbaum geheiratet hatte (Oesterley a. a. o. nr. 93).
(Sghluss folgt.)
39
DAS SOOENAJ^TE HAMBUEGEE PEEISAUSSCHEEIBEN.
J. Minors beitrag „Zur Hambui'gischen preisausschreibimg" (in die-
ser ztschr. XX, s. 55 fgg.) beweist, dass das abschliessende wort über
jene dramatische concurrenz, in welcher Leisewitzens „Julius von Ta-
rent" den „Zwillingen" von Klinger unterlag, noch immer nicht
gesprochen ist. So weit ersichtlich, stüzt sich die Untersuchung Minors
auf quellen zweiter band, die sich sämtlich als getrübt erweisen. Aus
der originalquelle lässt sich der wahre Sachverhalt m vollem umfange
ohne mühe construieren.
Das „Hamburgische theater", I. band, 1776, gibt in seiner ein-
leitmig sowol den Wortlaut des ausschreibens als die officielle verkiüi-
dung des resultates. Obgleich bereits Henneberger in seinem „Jahrbuch
für deutsche litteraturgeschichte " (1855, s. 111 fgg.) das wesentlichste
hiervon zum abdruck bringt, sei zur endgültigen auf Märung der immer
noch verwirten angelegenheit der abdruck hier teilweise widerholt.
Das sogenante Preisausschreiben fülirt die einfache, aber sehr
bezeichnende Überschrift: „Ankündigung." Die in betracht kommen-
den stellen dieser ankündigung lauten:
„Wir erbieten uns . ., für jedes originalstück, von drei oder
fünf akten, es sei trauer- oder lustspiel, dem Verfasser 20 alte
loiüsd'or, jedoch unter folgenden bedingungen zu bezahlen . . ."
Es wird nun nur verlangt, dass es „in ansehung seines sitlichen
inhalts auf der bühne gebraucht werden dürfe," sowie dass es nicht
zu grossen aufwand an kleidern, dekorationen und personen erfordere. —
Trauerspiele seien in prosa Keber gesehen als in versen. — Allerdings
solle nicht jedes eingesante stück etwa ein anrecht auf die hundert
thaler haben:
„wir wünschen, durch diesen weg mehr gute originalstücke auf
unser theater zu bringen. Und daher lässt sich freilich schon
schliessen, dass, wenn wir uns auch dramaturgische kriti-
ken anmassen dürften, wir dennoch unter den jetzigen
umständen nicht so gar strenge sein würden."^ „Xoch bit-
ten wir-, die öffentliche bekantmachung dieses anerbietens keiner
andern absieht zuzuschreiben, als damit es dadurch solche
gelehrte erfahren mögen, die wir nicht die ehre haben zu
kennen, um es ihnen privatim zu tun.
1) Die Worte „wenn — würden" sind im original fett gedruckt.
40 WOLFF
Solte einer oder der andre lierr Verfasser ims unter andern
bedingungen seine arbeiten überlassen wollen; so wird aus dem
vorigen schon erhellen, wie geneigt wir sind, dramatische talente
zu verehren, und die für uns angewendete mühe nach unsem kräf-
ten zu erkennen.
Hamburg, den 28. februar 1775.
Sophie Charlotte Ackermann.
Friedrich Ludwig Schröder."
Die Überleitung zur verküudung des resultates bildet der nachstehende
beachtenswerte absatz:
„Preisstücke also! — was sind das? Meisterstücke etwa,
die mit allen bisherigen um den preis streiten sollen? — Nicht
doch! Preisstücke sind in unserer bedeutimg, um allen aus-
legungen vorzubeugen, gute und brauchbare originale, und
gute und brauchbare Verdeutschungen. Die kritik also muss sich
hauptsächlich über ihre brauchbarkeit erstrecken, und darimi
mehr praktisch sein."
Zu der bezeichnung „brauchbar" ist am ende der seite folgende anmer-
kung gemacht:
„Gerade ein meisterstück oder werk des genies kann zu-
weilen nicht brauchbar sein."
Sodann geht es an die aufzälilung der im selben bände veröffentlichten
„preisstücke." Es heisst da:
„Dieser band enthält:
1) Die Zwillinge, ein trauerspiel von herrn Klinger. —
Sonderbar wars, dass kurze zeit auf einander drei trauerspiele ein-
gesant wurden, die alle drei den brudermord zum gegenstände
hatten. Das erste: Die unglücklichen b rüder, war zu leer an
handlung, nicht überdacht und reif genug, obschon einige scenen
vorteilhaft und erwartung erregend angelegt, die aber unbefriedigt
blieb. Das zweite hiess Julius von Tarent, handlungsvoll, schön
dialogiert, voll nerve und geist; alles entdeckt den kenner der lei-
denschaft, den denkenden köpf, den Sprecher des menschlichen her-
zens, \md kurz — den dichter von talenten; es war des preises
entschieden wert, bis ihm das dritte: Die Zwillinge, denselben
dadurch abgewonnen, dass es die mächtig gewaltige triebfeder der
unentschieden gebliebenen erstgeburt voraus hatte. „Wer beweist
mir, dass nicht ich der erstgeborene von uns z^vilLingen war?"
Das entflamt den wilden hintennach gesezten Gruelfo, und darüber
fallen sie beide."
HAilBUBGER PREISAUSSCHREIBEN 41
Es folgen der reihe nach bemerkimgen zu den übrigen im I. bände
enthaltenen stücken; dies waren: „Die reiche fi'au", „Die nebenbuhl er",
„Was sein soll, scliickt sich wol" — von denen das erstere ein ori-
ginal-lustspiel von Karl Gotthelf Lessing, die beiden andern Über-
setzungen Avaren — und zwar wird das leztgenante als vor erlass des
Preisangebotes eingereicht bezeichnet.
Die einleitung des I. bandes schliesst mit folgendem frommen
wünsch:
„Wir hängen nur noch den wünsch und die bitte an Deutschlands
dichter an, dies werk zu unterstützen. Ihr eifer, und unser dank
imd aufmunterung, können uns in den stand setzen, das eigentlich
auslcändische zu entbehren, und den fi-ommen gedanken vom natio-
nal-theater zur Wirklichkeit zu bringen."
Der im folgenden jähre ausgegebene 11. band des „Hamburgischen
theaters" wird mit der widerholten Versicherung eingeführt: „Wir geben
darin alles, was wir haben." Das waren noch einmal vier stücke,
zunächst „Henriette" vonGrossmaun, welches die vorrede — im gegen-
satz zu der sich dadurch als irtiim charakterisierenden angäbe Meyers
(„Schröder" I, 275), dass „die reiche fi'au" das erste überhaupt ein-
gereichte stück gewesen sei — als erstes eingesantes preisiustspiel , und
„Gianetta Montaldi" von Schink, welches sie als erstes eingesantes
preistrauerspiel bezeichnet, — beide nunmehr in Umarbeitungen; sodann
zwei Preisübersetzungen „Jeanette" imd „Geschwind, eh es jemand
erfährt."
In der diesen beiden bänden angefügten repertoire -Übersicht wer-
den noch folgende 5 preisübersetzungen genant: „Die notlügen", „Das
mädchen im Eichtale", „Amalia Schönwald", „Die stutzerüst" und
„Athelstan." Die repertoire -Übersicht des IH. bandes berichtet die auf-
führung von zwei ferneren preisübersetzungen: „Handlung und tausch"
lind „Wie man eine band umkehrt." Neue originale enthielt dieser
band gar nicht, sondern nur vier Übertragungen, nämlich ausser den
schon erwähnten preisübersetzungen „Das mädchen im Eichthale" und
„Wie man eine band mnkehrt" noch „Hamlet" und „Der argwöhnische
ehemann." Schröder bemerkt dazu in der einleitung: „Zwei originale
und zwei umgearbeitete stücke anderer nationen dem publikum jähr-
lich zu geben, schien mir äusserst wahrscheinlich, und doch hat mich
der erfolg gelehrt, dass ich viel zu viel versprochen, obgleich die
anzahl der eingesanten stücke beträchtlich ist."
Die erste aufführung der original -preisstücke geschah in der zeit
vom 19. September 1775 („Henriette") bis 23. februar 1776 („Die zwil-
42 WOLFF
linge"); „Die reiche fraii" war am 13. Oktober, „Gianetta Montaldi''
am 24. iiovember 1775 aufs repertoii'e geeezt. Die erste aiifführimg
mancher preisübersetzungen zog sich bis in das theaterjahr von ostern
1777 bis 78 liin. — Den „Julius von Tarent" bezeichnet die reper-
toire- Übersicht, ohne die benennung preistrauerspiel zu gebrauchen, als
am 20. februar 1777 zuerst dargestelt.
Soweit der tatbestand, aus dem sich alle erforderlichen Schlüsse
unmittelbar ergeben.
Zunächst erweist sich die grimdlage der meisten forschüngen über
unser thema als ein offenbares misverständnis : denn nach dem Wort-
laut der „ ankündigung" kann von einem Preisausschreiben im
gewöhnlichen heutigen sinne des wertes nicht die rede sein; viel-
mehr handelte es sich um nichts anderes als um ein anerbieten Schrö-
ders, „brauchbare" bühnenwerke, die ihm zur aufführung eingereicht
würden, von jezt an nicht mehr — wie es algemein sitte war — ohne
bezahlung zu lassen, sondern mit einem angemessenen, festen preise zu
honorieren. Nicht also die ausschreibung einer preisconcurrenz nach
art der 1757 von Nicolai erlassenen ist in Schröders „ankündigung"
zu sehen, sondern das erste wirklich betätigte freiwillige, öffentliche
erbieten eines theaterdirektors zur honorarzahlung an den autor.
"Wenn trotzdem in der Urteilsverkündung behauptet wird, „Die
Zwillinge" hätten dem „Julius von Tarent" den preis „abgewonnen" —
was doch offenbar auf eine concurrenz liindeutet und worin ich in
Übereinstimmung mit Henneberger (a. a. o. s. 114) die wurzel des ver-
breiteten irtums sehe — , so ist es naheliegend, die erklärung in dem
umstände zu suchen, dass die aufführung dreier stücke mit demselben
thema innerhalb desselben Jahres nicht gut möglich war. Obgleich also
jedes eingelaufene stück nur auf seine absolute brauchbarkeit ohne
rücksicht auf die andern eingesanten dramen geprüft werden softe,
muste ein relatives abwägen, also ein concurrieren, von dreien der
eingelaufenen trauerspiele infolge der zufälligen Übereinstimmung des
themas eintreten; und zwar wurde hierbei, entsprechend dem Wortlaut
und — zweck des ausschreibens , in erster linie auf die „brauchbar-
keit" für theatralische auffülirung gesehen imd bei verkündung des
resultates ausdrücklich hervorgehoben, dass die mehr oder minder
grosse brauchbarkeit eines Stückes nicht dem grade seines wertes
entspreche.
Es ist, als ob Schröder die misverständnisse, denen sein löbliches
vorgehen ausgesezt war, und die daraus entspringenden anklagen vor-
ausgesehen hätte! Bereits in der „ankündigung" verwahrt er sich
HAMBURGER PREISAUSSCHREIBEN 43
gegen jede „andere absieht" als die der anknüpfung von beziehun-
gen mit ihm bisher unbekanten autoren; und vor verkündimg des
resiütates erklärt er nachdrücklich, „um allen auslegungen vor-
zubeugen", dass es ihm nur um erwerb von zur auffülirung „brauch-
baren" stücken zu tim sei. Solle nicht vielleicht gar die mehi-erwähnte
reserve: „Gerade ein meisterstück oder werk des genies kann zuweilen
nicht brauchbar sein" in direktem hinblick auf „Julius von Tarent"
und um allen anklagen wegen Zurücksetzung dieses treflichen trauer-
spiels von vorn herein die spitze abzubrechen, geschrieben sein? Wenig-
stens bei dem biographen Leise witzens, bei Kutschera, dem übrigens —
wie im gegensatz zu Minor bemerkt sei — der richtige Sachverhalt
bekant ist (s. s. 70), hat Schröder mit diesem vorbehält erfolg erzielt:
„Yon ihrem Standpunkte", gibt er (s. 73) zu, „stelten die preisrichter
die „Zwillinge" vielleicht mit recht voran; denn sie gingen von dem
wünsche des theatereffektes aus, und dieser war wol für das publikum
von den „Zwillingen" in grösserem masse zu erwarten, als vom „Ju-
lius." Ich möchte darum auch gar nicht mit Henneberger die zurück-
setzende kiitik des „Julius von Tarent" hauptsächlich Bode zur Last
legen; denn wenn er auch, wie Schröder ausdrücklich anerkent, der
veranlasser der rühmenswerten „ankündigung" und also wohl auch ein
beirat Schröders in der auswahl der eingelaufenen stücke war, so ist
doch nur, um Meyers ausdruck (a. a. o.) zu gebrauchen, von einer
„mitprüfung seiner kritischen freunde", nicht aber von einer Unter-
ordnung Schröders unter das urteil eines regelrechten Preisgerich-
tes zu sprechen; überdies ist dem bühnenpraktikus Schröder — ohne
eine schmälerung seiner Verdienste sei es gesagt! — sehr wol eine
bevorzugung des „brauchbaren" vor dem „genialeren" zuzutrauen.
Jedenfals muss die anklage wegen Zurücksetzung des „Julius von
Tarent" auf ein minimum reducirt werden, seitdem uns einmal fest-
steht, dass Leisewitz ens werk nicht in regelrechter preisconcurrenz,
sondern in einer zufällig notwendig gewordenen ab wägung der mehr
oder minder grossen bühnenbrauchbarkeit den „Zwillingen" Klin-
gers unterlag. Überdies hat Schröder nicht nur, wie oben erwähnt,
später sehr bald Leisewitzens trauerspiel zur aufführung gebracht —
er muste eben doch wenigstens ein jähr zwischen der aufführung
zweier tragödien mit gleichem stoff verstreichen lassen — und hat
sich nicht nur selbst zu der rolle des fürsten darin nach Meyers
bericht (I, 295) „lange vorbereitet und seinen gang sorgfältig geübt",
sondern er ist auch bereits 1776 in persönliche freundschaft zu dem
dichter getreten (s. Meyer I, 287), — beweis genug, dass er den wert
44 WOLFF
des genialen Jünglings und seines nieisterwerkes zu würdigen nicht
ermangelte.
Ebenso wenig wie von einer eigentlichen preiski'önung Klingers
kann von einer zuerkennung des accessit an Schink die rede sein.
Die beti'effende von Minor aus „Tiedges Leben und poetischem nach-
lass" (herausgegeben von Falkenstein, I, 281) aufgenommene behaup-
timg stamt aus einem briefe Tiedges, der von der falschen Voraus-
setzung einer „von dem Hamburger theater eröfneten preisbe Werbung"
ausgeht. Tiedge weiss offenbar, dass ausser Klingers „Zwillingen",
wie erwähnt, Schinks „Gianetta Montaldi" des preises, d. h. des hono-
rars, wüi-dig befunden ist. Dies zu seiner falschen Voraussetzung einer
ausgeschriebenen concurrenz, ergibt folgerichtig seine grundlose behaup-
tung, dass Leisewitz auch mit Schink „in den wetlauf geti'eten" sei.
Schinks stück gehörte nicht zu den brudermord-tragödien, wurde also
— um es zum überfluss nochmals zu betonen — in keinerlei ver-
gleichung mit „Julius von Tarent" gesezt. Die von Tiedge widergege-
bene äusserung Schinks, „dass es leichter sei, ein preisaccessit in
Hamburg zu gewinnen, als einen „Julius von Tarent" zu schreiben",
widerspricht diesem Sachverhalt durchaus nicht; im gegenteil, da durch
Schröders bekantmachung in der vorrede zum H. bände seines „Ham-
burgischen theaters" feststeht, dass der „Gianetta" der preis, d. h.
widerum das „angekündigte" honorar, zuerkant wurde, so erhärtet
gerade auch Schinks äusserung die tatsache, dass es sich um keine
eigentliche concurrenz , sondern um einen blossen access zur honorierung
gehandelt hat. Auch wählte Schink vielleicht die bescheidene bezeich-
nung „accessit", weil er sein stück vor der drucklegung noch umar-
beitete. Gleichviel, das honorar (der „preis" oder das „accessit"),
welches Schink erhielt, bedeutete keinerlei Zurücksetzung des allerdings
zunächst leer ausgehenden Leisewitz, dessen „Julius" eben nui* mit
den beiden andern brudermordstücken auf seine bühnenbrauclibarkeit
hin „ concurrierte."
Was schliesslich „Galora von Yenedig" beti'ift, die Minor nach
Hagen („GescMchte des theaters in Preussen", s. 304) heranzieht, so
stehen wir anscheinend vor einem unlösbaren Widerspruch: Li der offi-
ciellen preisverkündung betont Schröder ausdrücklich als „sonderbar",
dass drei trauerspiele , welche den brudermord behandeln, nämlich
„Die Zwillinge", „Julius von Tarent" und „Die unglücklichen brüder",
eingereicht seien. Wären vier bearbeitungen dieses selben Stoffes ein-
gelaufen, so hätte Schröder dies ftictum als noch „sonderbarer" her-
vorheben müssen. Dem gegenüber behauptet Hagens gewähi-smann,
HAMBüR&ER PREISAUSSCHREIBE^r 45
der „Danziger theaterrecensent " Gomperz, positiv: „Dieses trauerspiel
weteiferte mit Julius von Tarent und mit den Zwillingen um den preis
bei der Hambm-ger direction des theaters." Es bleiben nur zwei mög-
liclikeiten: entweder gibt Gomperz eine positive Unwahrheit oder —
„Galora von Venedig" ist mit dem verschollenen dritten bradermord-
stück „Die unglücklichen brüder" identisch. — "Würde nun ein zwei-
fei an der behauptung eines sonst unbekanten „theaterrecensenten"
vielleicht berechtigung haben, so darf doch ein mann wie Gomperz
eine gewisse autorität für sich in ansprach nehmen. Er ist der Ver-
fasser jener „Briefe über die deutsche litteratur und spräche", welche
eine der besten gegenschriften zu Friedrichs des Grossen erörterungen
„De la litterature allemande" bilden. Die von Hagen angezogene
äusserung findet sich in Gomperz' „Kritischen bemerkungen über das
theater, entworfen bei anwesenheit der Schuchischen geselschaft in Dan-
zig" (Danzig 1781). Der Verfasser zeigt sich wolunterrichtet, seine
erwähnung des Hamburger Preisausschreibens bildet den ersten satz
der besprechung von T. B. Bergers „Galora" (s. 117 fgg.), ja, er ver-
sucht im laufe der kritik die Zurückweisung seitens der Hamburger
theaterdirection zu rechtfertigen, und da heisst es denn sogleich:
„Wahrscheinlich haben die häufigen lücken in der handlung es vom
ziel entfernt" — ganz wie das Hamburger urteil über „Die imglück-
lichen brüder" lautet: „zu leer an handlung." Allerdings finden im
gegensatz hierzu Hagen und Minor, ohne ihre behauptung zu begrün-
den, die „Galora" eher zu überladen an handlung. Gomperz erklärt
sich näher: „Man erwäge nui' z. b., me unwahrscheinüch es ist, dass
ein prinz, der so glühend liebt, dass er fähig ist, seinen brüder der
räche aufzuopfern, es mit gleichgiltigkeit ansehen konte, wenn man
ihm seine geliebte entreisst. Der handlimg fehlt einheit. Die heldin
des Stückes, die hauptsächlich interessieren solte, liegt im l.akt 2. aufz.
in Ohnmacht, ohne dass die mutter und Casori sich darum bekümmern.
Im 3. akt stirbt sie schon. Darauf folgt im 4. akt die ermordung
des kardinals. Diese begebenheit ist zwar eine folge der haupthand-
lung, aber nicht darin verkettet. Auf Avunderbare weise treffen alle
personen im kloster zusammen. Alles geht hier mit Zauberkraft zu;
und ohne den deus ex machina kann man sich die ereignisse nicht
denken ... Den etwaigen beifall, den es erhält, hat es eimgen tra-
gischen Zügen und dem nomiengesange zu verdanken." — Ich muss
mich mit meinem urteil durchaus auf die seite von Gomperz stellen. ^
1) Auch, die „Königsbergisch.en gelehrten und politischen Zeitungen" vom jähre
1780, 16. bis 20. stück, enthalten ein nach dieser richtung hin vernichtendes uiieil
46 WOLFP
Namentlich ist in der tat die haupthandlung mit dem 3. akte abge-
schlossen, und die erwartung grosser taten erweckt eigentlich nur der
1. akt, in welchem sich allerdings die motive geradezu überstürzen.
Passt dies nicht widerum zum Hamburger richterspruch über „Die
unglücklichen brüder": .. „obschon einige scenen vorteilhaft mid erwar-
tung erregend angelegt, die aber unbefriedigt blieb"? Überdies wird
die erste fassung der „Galora" naturgemäss noch ärmer an handlung
gewesen sein als die im druck allein vorliegende spätere Umarbeitung. —
Ferner wirft Hagen ein, es „würde dieser name nicht passen." Und
doch werden in der „Galora" gegen schluss die brüder widerholentüch
„unglückKch" genant; Garsias sagt zu sich selbst (lY, 9): „Dein brü-
der lauert wie ein raubvogel auf dein blut! — Aber nein, er mag
leben, mag er doch leben! Ich allein will unglücklich sein!"
Ebenso (Y, 5): „Der unglückliche kent keine furcht. Ich mag nicht
leben!" Und in der folgenden scene: „Enden sie mein imaussprech-
liches elend, sonst macht mich das un glück wahnsinnig." — Wichtiger
als diese anklänge ist die erwägung, dass „Galora" mit dem 3. akte
verschwindet, um dem kämpfe der brüder allein das feld zu überlas-
sen; hebe und tod der Galora bietet somit nur die Vorbereitung zu der
endkatastrophe, dem tode der brüder, dar. Dass dieser aber als haupt-
motiv gedacht war, beweisen die Schlussworte: „Jedes blatt in der
geschichte ist mit einem brudermord gestempelt." Danach scheint mir
der name „Die unglücklichen brüder" zum mindesten ebenso berech-
tigt wie „Galora von Yenedig", um so mehr, wenn in der ursprüng-
lichen fassung der anfang gleich leer an handlung war wie der schluss;
mit einer Verstärkung der ersten imi Galora gruppierten akte war dann
der neue titel von selbst gegeben. Dass auch äusserer grund zur ände-
rung desselben vorhanden war, liegt auf der hand: niemand sendet
gern ein werk mit dem kenzeichen einer erlittenen niederlage in die
weit, am wenigsten, wenn er — wie es dui'ch Umarbeitung gesche-
hen — das abweisende uiieil als berechtigt anerkent.
Steht uns somit die Identität der ersten fassung von T. B. Ber-
gers „Galora von Yenedig" mit dem dritten Hamburger brudermord -
stück „Die unglücklichen brüder" fest, so dürften schhesslich einige
notizen über den Verfasser dieser ti-agödie angebracht sein. Nach Meu-
über die „Galora." Nach einer freundliclien mitteilung des herrn Stadtbibliothekars
A. Wittich in Königsberg, der diese mehr als 30 spalten füllende recension dui'ch-
gesehen, wird dui'ch eingehende Zergliederung des di'amas nachgOAviesen , dass weder
eine wirkliche hauptfigur darin vorhanden, noch die einheit der handlung — als
„eine kette verknüpfter vorfalle" — • irgend gewahrt worden ist.
HAMSITRGER PREISAtrsSCHRElBEN 47
sels „Gelehrtem Teutschland" von 1796 ist Traugott Benjamin Berger
zu Wehlstädtchen bei Pirna in Sachsen 1754 geboren, war also zwei
jähre jünger als seine concurrenten Klinger und Leisewitz; er wird als
obersteuersecretär in Dresden, vorher hoftneister zu Frankenberg im
erzgebii'ge, aufgeführt. Erschienen sind von ihm: ausgäbe des Achilles
Tatius 1776; „Achills zürnender schatten", ein tragisches Singspiel
in 5 aufzügen, 1777; „Liederchen und gedichte" 1777; „Die beschleu-
nigte hochzeit", komische oper, 1777; „Der landtag", lustspiel, 1777;
„Lykon und Ayle", eine scene aus der alten weit, 1778; „Galora
von Yenedig" 1778, neue (dem anschein nach titel-) aufläge 1790;
ausserdem passionskantaten sowie gedichte in den Leipziger und Göt-
tinger musenalmanachen (teils mit, teils ohne namen).
Alles in allem bleibt es bei dem im „Haniburgischen theater"
verkündeten resiütate des von Schröder veröffentlichten aner biete ns
zur honorierung von brauchbaren theaterstücken:
Des angebotenen preises von 20 louisd'or wurden wert befunden
zwei original-trauerspiele, nämlich Klingers „Zwillinge" und
Schinks „Gianetta Montaldi", ferner zwei original-lustspiele,
ncömlich „Die reiche frau" von Karl Gotthelf Lessing und „Hen-
riette" von Grossmann (eine reihenfolge der „preisstücke" ist nicht
festgestelt, da jedes nur auf seinen eigenen wert, keines im hinbhck
auf die andern „preisstücke" geprüft wurde); an Übersetzungen
schliesslich wurden elf oder zwölf meist aus dem englischen stam-
mende mit dem für sie angesezten honorar von 6 louisd'or bedacht.
Ausserdem wiu'den — wie nachdi'ücklich hervorgehoben sei — Leise-
witzens „Julius von Tarent" als des festgesezten „preises ent-
schieden wert" bezeichnet und nur deshalb nicht sofort zur auffüh-
rung erworben, weil zufällig zwei andere eingelaufene stücke dasselbe
thema behandelten, und zwar das eine, „Die zwilünge", in einer für
die bühnenaufführung „brauchbarer" erscheinenden form. Als das dritte
eingesante brudermordstück ist die erste fassung von T. B. Bergers
„Galora von Yenedig" zu beti'achten.
Das ist die geschichte des sogenanten Hamburger Preisaus-
schreibens.
BEELIN. EUGEN WOLFF.
48
DIE FRAUEN IN AVOLEEAMS PAEZIVAL.
Die sitlichen lebensanschauimgen einer zeit spiegeln sich am klar-
sten in dem Verhältnis des mannes zur frau. Wenn dieser satz schon
im algemeinen eine wichtige Wahrheit ausdrückt, so ist er gewiss unbe-
streitbar für eine zeit, in welcher der frauendienst aufblühte, nachdem
die frau aus dem halbdunkel ihrer kemenate in den hellen glänz der
ritterhchen geselschaft eingetreten war. In "Wolframs Parzival tritt uns
diese geselschaft in dem glänzendsten lichte entgegen. Seine ft-auen-
gestalten müssen also auch das deutlichste bild dieses lebens geben
und uns mehr als aUe abstractionen und andeutungen einen blick in
die sitlichen anschauungen des mittelalters geAvähi-en.
Da taucht freilich sofort die noch ungelöste frage auf, wie weit
wir die darstellungen des dichters auf die Wirklichkeit übertragen dür-
fen, wie weit sich die sitlichen zustände seines Vaterlandes mit seinem
der fremde entlehnten stoffö decken. Im algemeinen möchte man ge-
neigt sein, ohne weiteres alles, was er aus dem fi-anzösischen gedichte
aufnahm, auch auf deutsche kulturzustände anzuwenden, imd etwa die
ansieht zu vertreten, dass er Schilderungen, welche den Verhältnissen
und anschauungen seiner geselschaft nicht entsprachen, abgeändert
haben würde. Aber eine genauere Untersuchung hat uns gelehrt, dass
dies nicht richtig ist, dass Wolfi'am (und so wird es bei den andern
auch gewesen sein) seiner quelle nicht frei genug gegenüber stand, um
ganze episoden anders darzustellen und einzelnes in den sitlichen an-
schauungen wesentlich umzugestalten. Er weiss selbst sein entschie-
denes misfallen nur beiläufig mid andeutungsweise dem leser fühlbar
zu machen. Dies ergab sich bei genauerer betrachtung der Antikonie,
wie ich es ztschr. f. d. a. 30, 357 fg. dargestelt habe.
Die entscheidung dieser wichtigen sache, soweit hier überhaupt
von einer entscheid img die rede sein kami, rückt dann aber zugleich
die frage wider in den Vordergrund, wie weit man denn in den dar-
steUungen unsrer mittelalterlichen dichter die Wirklichkeit sehen kann.
Wenn sie ihrer nächsten quelle so unselbständig gegenüberstanden,
dass sie nicht einmal ihre sitlichen anschauungen einzutragen wagten,
wird man dann noch davon reden können, dass sie uns ein getreues
bild ihrer zeit geben? Ich glaube auch diese fi-age im ganzen und
grossen verneinen zu müssen; das ist das ergebnis der nachfolgenden
untersuchmig. Dadurch, dass die dichter allen behandelten Stoffen im
algemeinen das colorit ihrer zeit aufprägten, wird man zu leicht ver-
KINZEL, DIE FRAUEN IM PARZIVAL 49
leitet, iu ihren darstellmigen durchweg ein getreues abbild ihrer gesel-
schaft und ihres lebens zu sehen.
Als die grossen ereignisse des 12. Jahrhunderts das rittertum zu
herlicher blute entfalteten, als grosse völkerzüge und heldentaten das
Volk zu ungeahnter begeisterung entflamten, da durfte man erwarten,
dass das lied der dichter wie einst in der zeit der Völkerwanderung
sich der ereignisse der gegenwart bemächtigen würde, dass das selbst-
crlebte wie das selbstempfiindene dichterisch ausgestaltet werden und
die epik dadurch zu einer wahrhaften blute sich entfalten würde. Aber
diese hofnung erwies sich als trügerisch. Den dichtem fehlte die rechte
reife, sie konten die gegenwart nicht genug objecti vieren, sie suchten
ihr Spiegelbild in der Vergangenheit, sie saagen aufs neue von Hagen
und Günther oder sie holten aus der fremde märchenhafte geschichten
einer andern weit, welche ihnen die statten ihrer eignen kämpfe dun-
kel in die erinnerung riefen, oder versezten gar die heidenschlachten
in die spanische mark; statt an Gotfrid und Friedrich Eotbart erfreuten
sie sich an ßoland und Alexander, an Iwein und Artus. Unser volk
hatte eben noch eine kinderphantasie, welche zeit und räum ohne
beschwer überflog und, weil die gegenwart ihi* nicht genug freiheit
bot, in den märchenhaften zeiten der Vergangenheit schwelgte. Sie
wurden zwar zur gegenwart gemacht: Eoland, Alexander, Iwein und
Artus waren ritter, aber da sie doch auch einer vergangenen zeit
angehörten, konte man ihnen ungestraft und ohne ge-\vissensbisse alles
andichten, was man für ideal, für wünschenswert und schön hielt.
Gewisse formen des höfischen lebens musten sie natürlich annehmen,
und zwar möglichst zugespizt, sonst aber konten sie in sitlicher bezie-
hung fast unbeschränkt walten.
Dies scheint mir die einzig mögliche Voraussetzung für ein rich-
tiges Verständnis der frauengestalten Wolfr-ams. Die folgenden darstel-
lungen sollen dies beweisen, und es wird sich zeigen, wie Wolframs
schlichter mid nüchterner sinn sich oft gegen die von ihm erzählten
utopischen Verhältnisse stiäubt, ebenso wie dies bei der Schilderung
Antikonies sichtbar wurde. Ton diesem gesichtspunkte aus lösen sich
auch die grossen Widersprüche, welche die sitliche lebensanschaumig
im Parzival zeigt. Auf der einen seite welche unglaubliche Schamlosig-
keit in geschlechtlichen dingen (in einer dichtung, die in damengesel-
schaft vorgelesen wurde !) welche gewissen losigkeit in auffassung der ehe
imd keuschheit, und daneben welcher ernst z. b. im verhalten des Orilus
gegen Jeschute ! Weder die schier feenhafte pracht des äusseren lebens
(Wolfram sagt öfter, dass bei ihm so etwas mcht vorkäme) noch die
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 4
50 KINZEL
ausschweifende art des frauendienstes wird der Wirklichkeit entsprochen
haben. Sondern die geselschaft ergözte sich eben an zauberhaften bil-
dern aus dem märchenlande.
Die wirkliche anffassung Wolframs entnehmen wir mehr algemei-
nen bemerkungen, welche er sicher seiner quelle nicht entlehnte. Hier-
her gehören u. a. die auf tlie fimien bezüglichen worte in der einleitimg
und am schluss des Parzival, in denen er gewissermassen sein gedieht
dem weiblichen geschlechte zueignet, und manche andren gelegentlichen
äusserungen, die uns zeigen, dass der dichter sich stets dessen bewusst
war, dass ein wesentlicher teil seiner aufgäbe darin bestehe, dem
geschmacke der frauen gerecht zu Averden und auf ihn bei der darstel-
lung seiner weibhchen figuren rücksicht zu nehmen. So sagt er am
Schlüsse des VI. buches: „eine sinnige getreue frau (337, 1) wird aner-
kennen, dass ich von frauen besser zu reden wisse als ehedem, da ich
meinen sang an eine richtete." Er hebt an dieser stelle von seinen
fivauengestalten hervor Belakane {misseivenden äne, valseheite lax)^ Her-
zeloyde (durch den träum zum seufzen gebracht) , Ginover (mit ihrer
trauer um Ithers tod), Jeschute {diu kiusche, diu so schamUchen reit)
und die gezauste Cunneware, die lezten beiden mit ihrer widerher-
gestelten ehre {ir schain hat prts genoHien). Sein frauenideal entwickelt
er mit wenigen zügen im eingang: diejenige frau, welche auf seinen
rat achten will, wird merken, wohin sie «> j:»r/s U7id /r ere kercn sol,
wem sie ihre tüchtigkeit opfern, ihre liebe schenken soll, damit es ihr
nachher nicht leid zu tun braucht, ihre Zurückhaltung und stäte gesin-
nung weggeworfen zu haben (3, 2). Er wünscht an edlen frauen zu
finden reiüiu mäxe und schäm, welche über allen sitten das schloss
ist; mehr ist nicht von nöten. Vor dem gegenbilde der valscheit warnt
er (2, 26 — 3, 10). Schönheit bringt rühm, doch ist er nur echt, wenn
jener das mnere entspricht. Aber auf ixhte ivipheit komt es mehr an,
als auf Schönheit; ist diese vorhanden, so achtet man nicht auf eine
schöne aussenseite {herxen dach) 3, 11 — 3, 24.
Dass Wolfram unter schäm das sitliche verhalten versteht, wel-
fhes auf (U;r Unterscheidung von gut imd böse beruht, habe ich schon
ztschr. f d. a. 30, 354 dargetan. Parzival hatte schäm über allen sei-
nen Sitten, darum vermied er das unrecht; schäm ehrt imd ist der
seele kröne 319, 7 — 11. Die rechte zucht geht aus der schäm her-
vor; er nent die zucht daher das schloss über der minnesitte, und dies
liält ilin (348, 8 zurück, melir von dem verhalten der liebenden zu
sagen. Zucht und schäm sind also im besten sinne identisch; so ist
zu verstehen 710, 15 dö tjrach ir jämer durch die schein.
k
DIE FRAUEN IM PARZFVAL 51
Auch iii dem ernsten schlusswort wünscht der dichter sich die
Zustimmung guter frauen, wo er sagt, dass der seine mühe nicht ver-
loren hat, welcher neben der anerkemiung der weit erreicht, dass gott
um des leibes schuld die seele nicht verstösst 827, 19 — 30.
Mannigfach sind die verstreuten anspielungen, welche im Par-
zival auf des dichters fi-auenideal gemacht werden. So leitet er sein
ni. buch mit dem bedauern ein, dass so verschiedenartige wesen den-
selben namen weib tragen: valsche und valsches l<Erc; zu einem rech-
ten weibe gehört die stäte gesinnung: 116, 13
wipheit, diu ordenliclier site,
dem vert und fuor ie triwe mite.
Und mit dieser gesinnung soll stets Idusclie verbunden sein:
54, 24 der frouiven h&rxe nie vergaz
im enfüere ein tcerdiu volge mite:
an rehter Husche tvijpltch site.
115, 2 sirelkem ivibe volget kiusche mite,
der lobes kemphe ivil ich sin.
Ja sogar ein ritter wird mit beziehung auf diese weibliche eigenschaft
gelobt 26, 15: er ivas noch kiuscher denne ein ivip. Was darunter
im einzelnen zu verstehen, habe ich in dieser ztschr. 18, 448 fg. aus-
einandergesezt.
Wolfram ist sich volkommen klar bewusst, dass die frauen, welche
er schildert, diesem seinem ideale nicht immer entsprechen, dass über-
haupt die geselschafts- Sphäre, in welche seine gedichte einführen, nicht
seiner Umgebung, seinen Verhältnissen entspricht. Man ist stets schnell
mit der behauptung ziu' band, dass die sogenanten höfischen dichter
uns die „ritterüche" geselschaft schildern; man vergisst, dass aus die-
sem umfangreichen stände das eigentliche object der darstellung nur
die adlichen, die hochfürstlichen kreise sind, in die unser dichter gewiss
als armer ritter und lehnsmann nicht alzu tief eindrang. Diesen konte
man schon wimderbare Sachen andichten und muste es, Avolte man der
aventiure ti-eu bleiben, auf deren Wahrheit man doch so viel gab. So
erkläre ich mir die in sitücher beziehung oft mehr als bedenklichen
Situationen, ganz abgesehen von den geschlechtlichen freiheiten, welche
die frau unbeanstandet und öffenthch ihrem ritter für seinen minne-
dienst gewährte. Ich mll die bekantesten hier vorführen 167: Jung-
frauen (dienende, vielleicht unfreier oder ritterb ürtiger abkunit; s. unten
Bene) bedienen den badenden Parzival. Sie sind xühte site gelicli,
hinsehe unde halt, d. h. zurückhaltend und doch ihr werk zu tun
beflissen. Sie waschen ihm seine Verletzungen; Parzival schämt sich,
4*
52 KINZEL
besonders als er aufstehen und das laken umnehmen soll. Sie gehen
hinaus, obschon sie gern gesehen hätten, „ob ihm dort unten etwas
geschehen wäre"; lüipheü vert mit triw&n, d. h. dem weibe ist stätig-
keit der gesinnung angeboren, eines freundes last schmerzt sie ebenfals
(167, 28). — Die stelle enthält ja gewiss eine Zweideutigkeit in den
werten dort nnde; ohne weiteres aber eine obscönität anzunehmen, wie
Bartsch tut, verbieten die beiden folgenden verse: die frauen hätten am
liebsten auch seinen Unterkörper auf wunden untersucht (auch hierin
balt)^ doch verbot dies die schamhaftigkeit {lausche s. diese Zeitschrift
18, 451).
Ähnliche Situation 243, 20 — 244, 30: Auf der gralburg kommen
vier Jungfrauen, um zu sehen, ob man den beiden besorge und ob er
bequem liege. Wolfram beruft sich auf die aventiure, dass vier
knappen sie begleiteten. Parzival springt eiligst unter die decke; er
schämt sich doch also! Die mädchen aber ergötzen sich an seiner
weissen färbe, seinem roten bartlosen munde. Sie bringen erfrisch un-
gen, eine kniet vor Parzival nieder, er bittet sie, sich zu setzen; sie
lehnen dies ab als für den dienst unpassend. Nachdem er sich gelabt
und galant unterhalten, entfernen sie sich. — Dass Jungfrauen die bei-
den bedienten, wenn sie im bade sassen oder im bette lagen, ist zwar
sehr unterhaltend zu losen, entsprach aber schwerlich der Wirklichkeit.
Ergänzt wird dies bild in gewisser weise durch 201, 21 — 202, 18.
Parzival lässt sein weih in der brautnacht magei. Dies veranlasst Wolf-
ram zu der algemeinen beti'achtung, welche wir ihm wol zuschreiben
dürfen, dass viele frauen damit nicht einverstanden gewesen wären. Ihr
anständiges benehmen ist durchsezt von ihrem sinn, der ihnen quäl
macht, aber sie wollen es nicht zeigen (201, 24— 26). Vor ft-emden sind
sie zurückhaltend; aber die lust ihres herzens hat ihre (sonst lauschen)
gebärden doch beeinflusst: ihrem geliebten bereiten sie heimliche pein
mit ihrer Zartheit (201, 27 — 202, 1). — Ich habe die stelle in dieser
Zeitschrift (18, 455 — 457) genau erörtert und meine auffassung dar-
gelegt. Versezt man sich in die Situation, dass der dichter selbst diese
stelle in höfischer geselschaft vorlas, so wird man den ganzen reiz ver-
stehen, den es ihm gewährte, so die geheimsten gedanken der z'uhö-
rerinnen ans licht zu ziehen. Das stimt sicherlich besser mit der Wirk-
lichkeit ,^ als die rücksichtslose Offenheit, mit welcher in der aventim-e
oft der minnegenuss behandelt wird.
Will man aber völlig klar des dichters meinung erkennen, so
blicke man auf das gegenbild 5l6, 13 — 217, 6. Da schildert Wolfram
die innerüchen gefahren, welche den frauen in der ritterlichen hohen
DIE FRAUEN IM PÄRZIVAL 53
geselschaft Avie an Artus hof drohen, so: Jede muste natürlich ihren
geliebten haben, sonst dachte sie, ihr rnhm wäre verloren. Ich, sagt
der dichter, brächte mein weib nicht in eine so gemischte ge-
selschaft (gonenge)] da machte ihr vielleicht einer einen an trag: er
wäre von liebe zu ihr entbrant, sie allein könne seine not wenden, er
wolle ihr sein lebtag dienen. Da wolte ich vorher mit ihr von dan-
nen! — Das ist charakteristisch dafür, wie der dichter der in seinen
gedichten geschilderten phantasie- (märchen-) weit gegenüberstand.
Zwei weiten haben wir also bei der betrachtimg unsrer höfischen
dichter zu nnterscheiden. Beide gehen natürlich in einander über;
denn es wäre ja unglaublich, wenn nicht die Wirklichkeit in die mär-
chenweit hineinragte, sie durchsezte und lungestaltete. Schwierig ist
es aber in den meisten fällen, sie kritisch von einander zu sondern,
weil der dichter selbst der aventiure meist naiv gegenüber stand. Daher
sehen wir einerseits die keuschheit ohne andeutung des misfallens aufs
gröblichste verlezt, und andrerseits die jungfräuliche liebe und treue
aufs höchste gepriesen; die heüigkeit der ehe in der Orilus-geschichte
krass vertreten und den offenbaren ehebruch bei Gahmuret und Feire-
fiz anstandslos gebilligt. Grade die lezte geschichte ist bezeichnend für
die naivität unsres dichters. Der elsterfarbene hold, mit Repanse de
schoye vermählt, erfährt, dass Secundille gestorben (822, 20), und als
Anfortas dies hört, freut er sich, dass seine Schwester nun eine strtt
herrin über so grosse länder ist (823, 8).
Ein gleiches gemisch von harmlosigkeit und raffinement zeigt die
darstellung der endlichen Vereinigung Gawans mit Orgeluse 640, 13 fg.
In der abendgeselschaft auf dem wimderschlosse fragt die alte Arnive
den beiden, ob seine geliebte ihm heute minnelolm gewähren wolle
daz se üver tvil mit decke pflegen
noch hmte gesellecliche!
Er bittet sie, Orgeluse danach zu fragen, und diese bejaht es. Arnive,
Bene und Orgeluse geleiten nun Gawan in ein gemach, wo zwei bet-
ten stehn. Arnive empfielilt den ritter der herzogin mit deutlichen
werten (642, 14 — 26) und geht mit Bene ab. Wolfram hält es
nicht für anständig {man jach dem unfitoge, ez ist den höf sehen
leit, er unsceliget sich) zu erzählen, was sie da taten, redet aber den-
noch sehr deutlich weiter bis zum obscoenen (644, 1).
In dieser beziehung ist nach mehr als einer hinsieht die gestalt
d6r Bene interessant. Die stelle des 10. buches ist zunächst die ein-
zige im Parzival, aus welcher uns die wunderbaren socialen Verhält-
nisse jener zeit deutlich entgegentreten, nach denen ein ritter den
54 KINZEL
höchsten und den niedrigsten ständen entstammen konte. Plippalinot,
der schifmann {der verje 564, 4; des schiffcs hcrre 543, 30), also der
besitzer oder pächter einer fähre, die er selbst bedient (596, 11), war
der söhn eines ritters (er was geborn von rtters art 544, 17) und auch
als solcher erzogen (544, 18). Er hat waffen im hause, doch streitet
er selten (nie? 561, 1). Sein lehen erlaubte ihm, die rosse der auf
seinem plan besiegten ritter zu behalten; daneben hatte er das jagd-
recht. Gawan nent ihn hcrr, und er ebenso jenen, aber er betrachtet
sich nicht als ihm gleichstehend. Gawan weist ihn mit seiner forde-
rung ziemlich kurz ab (545, 13 fg.). Als Gawan nachher bei ihm ein-
gekehrt seine tochter zur tischgenossin fordert, da sagt er, es zieme
sich nicht für sie, mit „herren" zu essen; sie würde ihm sonst zu
stolz (550, 19). Dennoch nent sie der dichter „frau" Bene. Errötend
leistet sie dem holden geselschaft, bleibt auch allein bei ihm, als ihm
das bett bereitet ist: het er iht hin zir gegert, ich wcen si hetes i7i
geivert (552, 27. 28). Es geschah diesmal nicht, obwol ihr vater nichts
dagegen gehabt hätte. Fast unglaublich klingen die werte, welche er
spricht, als er sie am andern morgen in Gawan s geselschaft weinend
findet: „Weine nicht, Avas im scherze hier geschehen ist, ist manchmal
zuerst recht ärgerüch, wird aber nachher vergessen" (555, 30). Bene
war nämlich ganz fi'üh wieder an Gawans bett geeilt, als er noch
sclilief Erwacht dankt er ihr, dass sie sich um seinetwillen den schlaf
abgebrochen; er habe dies nicht „verdient." Sie erwidert: „Euern
dienst kann ich nicht verlangen, ich wünsche nur huld von euch; ihr
könt über mich gebieten; denn all die meinen würden euch gern zum
herrn haben für das was ihr ihnen erwiesen habt" (554, 22). Als Bene
ihn später wider empfängt, küsst sie ihm Steigbügel und fass, uimt
das pferd beim zäume und entwapnet ihn (621, 15). Doch wird frou
Bene mit den edel-frauen am hofe wol empfangen (630, 28), ist auch
im 14. buche als botin Itonjes durchaus der höfischen geselschaft gleich-
gestelt. Sie wagt es, den könig Gramoflanz aufs gröbste zu schelten
(693, 21), und der entgegnet ihr sehr höflich: frouwe, zürne niht,
daz der kamph von mir gesckiht (694, 3).
Die einfache darlegung dieser gegensätze bringt es uns zur über- ■
Zeugung, dass diese Schilderung wirkliche und märchenhafte züge mit
einander mischt. Der dichter hilft aber auch hier mit einer kleinen
andeutung nach: 554, 4
hl 'mir ich selten schoutve
daz mir äbents oder friio
solch äventiure sltche zuo.
DIE FRAUEN IM PARZIVAL 55
Ich fasse dieselbe nicht bloss als eine persönliche, sondern ich sehe
darin den wenn auch mehr oder weniger unbewussten Zwiespalt, den
eine dichternatur wie Wolfi-am empfinden muste.
Ich führe nun im folgenden die frauenbilder in der reihenfolge
vor, wie sie im Parzival gezeichnet sind. An die spitze stelle ich
AmphHse, die königin von Frankreich, deren züge wir uns zusammen-
lesen müssen. Es ist neben Sigune die einzige gestalt, welche uns so
andeutungsweise bei verschiedenen gelegenheiten vorgeführt wird. Ob
diese composition schon in der französischen vorläge vorhanden war,
ist ZAveifelhaft. Mehrere andeutungen sprechen dafür, dass wir unserm
dichter die anläge und ausführung zuweisen müssen. Merkwürdig ist,
dass in eclit künstlerischer weise ganz dunkle züge erst almählich zur
völligen klärung gebracht werden. Um dies zu zeigen, müssen wir der
darstellung selbst folgen.
Amphlise. I. buch. 12, 3 — 14. Bei dem bericht über Gah-
murets ausrüstung wird erzählt, dass ihm eine geliebte (sin friiindin)
durch liebe kraft und durch tviplich geselleschaft Wertsachen im preise
von 1000 mark geschickt habe. Es war dies der vorteil (geiviti) von
dem dienste, den er ihr gewidmet. Das Verhältnis selbst, der name
der geliebten bleiben im dunkeln. Die Überleitung zu dieser bemer-
kung erfolgt auffallend 12, 3 mit den werten: als uns diu äventiure
saget. Und mit dem folgenden soll das gesagte wol durch die werte
12, 14 verbunden werden: doch ivart im selten liwrnbers baox. Heisst
das: doch konte ihm das nicht den schmerz des abschieds nehmen?
Bartsch bezieht es auf den Kebeskummer, und dafür könte 76, 24 spre-
chen, wo Amphlise denselben ausdruck braucht. Es ist aber nirgends
darauf hingedeutet, dass das Verhältnis dem Gahmuret solchen verur-
sacht. Wer die geliebte war, ermitteln wir nur durch combination mit
69, 28 fg., einer stelle, welche noch weit mehr als die eben behandelte
aus dem zusammenhange heraustritt.
Herzeloide vermisst bei der tjost den neu angekommenen könig
von Zazamanc: „wohin ist er gekommen, von dem ich ausserordent-
liches gehört habe?" (69, 24 — 28). — Unmittelbar danach heisst es:
damals war der könig von Franki'eich gestorben {7iu was ouch rois
de Franxe tot)., dessen gemahlin ihn (soll sich auf Galunuret beziehen)
oft durch ihre liebe in grosse not brachte. Sie hatte nach ihm dahin
(? soll heissen Zazamanc oder Anschouwe?) geschickt, ob er schon
wider aus der heidenschaft zurückgekehrt wäre (69, 29 — 70, 6). —
Daran schliessen sich ziemlich unverständliche werte 70, 7 — 12: man-
cher külme besitzlose ritter tat dort (wo?) tüchtige taten, ohne so hohen
56 KINZEL
gewinn wie leib und leben der königin zu erstreben. — Dann geht
die erzählung von Galimuret weiter: mi ivas och Gahmuretes lip in
Imrnasche.
Die an Ordnung der zeilen rührt von Lachmann her. Alle hand-
schriften haben nach seinen angaben folgende reihenfolge: Die königin
vermisst Gahmuret und spricht die obön citierten worte (69, 24 — 28).
Mancher kühne arme mann tat dort tüchtige taten, ohne so hohen
geAvinn wie leben und leib der königin zu erstreben (70, 7 — 12).
Unterdes [yiit . . oucli) hatte sich Gahmuret ^ewafnet: hämisch, hehn,
Schild werden beschrieben (70, 13 — 71, 6). Obgleich nun die beschrei-
bung nachher fortgesezt wird (des wappem-ocks usw.), finden sich hier
die acht verse (69, 29 — 70, 6) eingeschoben, welche die anspielung
auf Amphlise enthalten. Offenbar können dieselben in diesem zusam-
menhange nicht gedichtet sein. Lachmann hat ihnen eine bessere, die
relativ beste stelle angewiesen, aber passend sind sie an diesem orte
auch nicht, obgleich sich doch leicht im hinblick auf die bemühungen
beider königinnen, Herzeloidens und Ampflisens, imi Gahmuret, eine
verständliche anspielung auf die leztere hätte anbringen lassen. Wir
haben es also hier sicher mit einem späteren einschub zu tun, den
der dichter selbst (?) in seinem originale hinzufügtet Man könte
darauf um so eher sclüiessen, als Wolfram auch an dieser zweiten
stelle den namen der frau verschweigt, wenn das nicht auch sonst des
dichters art wäre. Jedenfals wolte er seine leser auf eine geschichte
aufmerksam machen, die er erst 76, 1 fg. erzählt:
Die königin Ampflise von Frankreich sendet Gahmuret einen brief
und einen ring, den sie von ihm besass, und bietet ilim ilire liebe
und ihr land. Der .brief ist ebenso sonderbar für eine königin wie für
eine frau: „du solst mein ritter vor Kanvoleiz (wo das turnier statfand)
sein. Die königin mag das wissen; es wird mir nichts schaden; denn
ich bin schöner und reicher, kann auch liebevoller liebe geben und
empfangen. Drum minne mich." Ihre gesanten suchen Herzeleides
einfluss mit aller macht zu vereiteln (87, 7).
Worauf die ansprüche beruhen, welche die königin von Frank-
reich hier äussert, wissen wir noch immer nicht. Wir eifahren sie
erst 94, 21 fg. Herzeloide verlangt, dass Gahmiu-et sie heirate, obwol
er ihr sagt, dass er ein weib habe (94, 5) und dass er auch ohnedies
aus einem andern gründe auf sie verzichten müsse. Und als sie nun
auf die königin von Frankreich anspielt, da nent er diese seine wahre
1) Darauf bringt uns auch der gleiche anfaug nu was ouch, den ich oben
durch gesperten druck hervorgehoben habe.
DIE FRAUEN IM PAKZIVAL 57
fraii, deren rat, erzieliiing und Unterstützung (beziehung auf 12, 7) ihn
bisher begleitet habe. Er hatte also seine Jugend an demselben hofe
zugebracht, wo sie aufgewachsen war (94, 27) und ihr dort seine
dienste gewidmet. Als Gahmuret nun diu'ch rechtliche entscheidung
Herzeleides eigentum geworden, entlässt er die boten mit den Worten:
„da mich Amptlise zum ritter gemacht hat, so muss ich auch ritterlich
handeln und mich hier dem ritterlichen urteil unterwerfen. Doch bleibt
ihr mein dienst, ich bleibe ihr ritter, und wenn mir alle krönen bereit
wären, nach ihr habe ich mein höchstes leid" (98, 6).
Noch zweimal spielt "Wolfram auf dies Verhältnis an, und beide-
mal zieht er es an den haaren herbei. Die bemerkung 325, 27 ist
wider ganz immotiviert: Parzivals mutter erwarb Gahmuret vor Kanvo-
leiz. Ampflise ihn auch höfisches benehmen lehrte. Und in Antiko-
nies geschichte weist die ungestüm umwoi'bene Gawan mit den werten
zurück 406, 2 — 5: „ich biete es (minne) euch, dass es Ampflise Gah-
mui'eten nie besser bot." „Ohne beiliegen" sezt sie hinzu; und Lach-
mann hat dies durch ein Semikolon vom vorigen getrent, wol um anzu-
deuten, dass man aus diesem zusatz nicht auf ein alzu intimes Ver-
hältnis zwischen Amptlise und Gahmuret schliessen dürfe. Nach dem
dargelegten wird man aber auch diese anspielung nicht grade beson-
ders klar und passend nennen können.
Die figur der Ampflise ist einzig in ihrer art im Parzival. Wolf-
ram führt sie uns nicht persönlich vor und hat deshalb auch keine
mühe darauf verwant sie zu individualisieren. Anders bei den übrigen
frauengestalten. Die Charaktere der Belakane, Jeschute, Sigune und
Kondwiramur hat uns mit der absieht, die kunst der Charakteristik im
Parzival hervorzuheben, K. "W. Osterwald in einem programm von
Merseburg 1863 geschildert. Wir beabsichtigen daher hier nicht, das
gleiche zu versuchen, ob wol seine idealisierende darstellung zu man-
chem Widerspruch herausfordert^, sondern geben nur das, was unsrem
zwecke dient, die sitliche auffassung und die Übereinstimmung mit der
Wirklichkeit zu beurteilen.
Belacäne. I. buch. Gahmui'et komt als jüngerer besitzloser
mann auf seiner ritterfahrt nach Zazamanc, wo die schwarze jungfräu-
liche königin eben von zwei beeren belagert wird, weil Isenhart in
ihrem dienste das leben verloren hatte (16, 7). Der burggraf nimt den
recken auf, der ihm sinen dienst umhe (juot anbietet und meldet ihn
1) Sie findet diircli das folgende stilschweigend ihre correctui'.
58 KINZEL
der königin. Diese wünscht ihn zu sprechen, ist aber unsicher, wie
sie ihn empfangen soll: ob sie ihn zu sich entbiete oder ob sie selbst
zu ihm eile, ob sie ihn küssen dürfe usw. Der graf verspricht ihn zu
bringen.
do si gesach den Anschevin:
der was sd minnecliche gevar,
daz er entslöz ir herze gar,
ez ivcere ir liep oder leit:
daz besloz da vor ir ivipheit (23, 28).
Also das herz gieng ihr auf, ob sie wolte oder nicht, das bisher ihr
weiblicher (zurückhaltender) sinn verschlossen gehalten hatte. Diesen
weiblichen sinn hebt der dichter 24, 8 noch einmal hervor, er stelt
ihn in einen gewissen gegensatz zur ritterlichen, statlichen erscheinung^;
und Belakane selbst gibt ihrer alzuzarten empfindung schuld, dass ihr
geliebter zu gründe gieng 2. Als sie dem Gahmuret die lu'sache ihrer
bedrängnis mitgeteilt und mit den werten geschlossen hatte: „«'c/i ejuvart
nie wip decheines man (28, 9), da schien es dem beiden, dass, obgleich
sie eine lieidin war, weiblicherer sinn nie in das herz eines weibes
kam. Ihre kiusche und ihre tränen waren ersatz der taufe. Ihr
schmerz Avar ihre wonne (28, 18). Als sie nun seufzend weiter berich-
tet, bhckt sie unter tränen oft schämende gastlichen auf Gahmm'et-^,
und es entsteht zwischen ihnen eine vil getriuUchiu ger (29, 7 ein auf-
richtiges verlangen, nicht nur momentan erregt!). Sie wäre nun am
liebsten noch länger mit ihm zusammen gewesen; denn sie fühlte sich
schon ganz eins mit ihm: doch ivas ir Itp sin selbes Itp; oiich hete er
ir de7i muot gegeben, sin leben ivas der frouiven leben.
Am abend komt sie selbst und dient ihm kniend zu tische (33, 9).
Als er am andern tage aus dem gefecht zurückkehrt, reitet sie ihm
entgegen und entwapnet ihn (44, 9. 18). Alle verlassen das zimmer,
die jungft-auen schliessen die tür, sie ergibt sich dem geliebten 44, 27.
Dann führt sie ihn an der band heraus und verkündet, dass Gahmuret
1) si hctc ivipUchcn sin. und ivas abr anders riterlich. Vgl. 104, 20 ex, ist
selten icibe mer gescliehen in sldfe kumber dem yelich. da vor was si ritter-
lich usw.
2) 26, 26 mtn wibheit ivas unbeivart, deix im nach fröuden niht ergienc.
Sie achtete nicM auf wahre weibliche gesinnuug, d. h. also wol: sie war alzu spröde.
Oder lag das unweibliche ihi-er handlung darin, dass sie verlangt hatte, er solte
seinen hämisch weggeben und ungerüstet in den kämpf ziehen {er gap durch mich
sin harnas enivec 27, 15)? Es scheint so, als wenn sie dies zum massstab seiner
liebe gemacht hatte 27, 13.
3) Vgl. Haupt zu Eree 9714.
DIE FRAUE^f IM PAEZIVAL 59
ir lip und laut Untertan sei (45, 26). -— Wie selbstverständlich wird
dieser ausgang kurz und schlicht dargestelt. Als Gahmuret sie bald
schnöde verlässt, klagt sie bitterlich und ist bereit, um seinetwillen
sich taufen zu lassen (57, 1).
Herzeloide. 11. buch. Der fahrende Gahmuret komt vor Kan-
voleiz, wo die königin von Waleis, die jungfräuliche witwe dem sieger
im turnier ihre beiden länder und sich selbst als preis verheissen hat.
Er wirft im poinder alles vor sich nieder. Am abend sucht Herzeloide
den Sieger im zelte auf, zeichnet ihn durch einen kuss aus (82, 30);
denn er gefält ihr. Seine minne bezwingt sie, und als er sich in ihre
nähe sezt, zieht sie ihn dicht an ihre seite. Gahmuret sizt verdriess-
lich da in gedanken an die verlassene Belakane und die minnegehrende
Ampflise (85, 11) und lässt sich erst daran erinnern, was ihm für ein
Siegespreis winkt. Die königin bittet ihn daher, er solle ihr ihr recht
gewähren und die erfüllung ihrer wünsche {reht unde gnade). Doch
wenn diese gewährung ihm seinen rühm schmälere, so wolle sie von
hinnen gehn (86, 29 — 87, 6). Da springt der kaplan der kiuschen
und weisen Ampflise auf und macht seine ansprüche geltend. Herze-
loide weist nochmals auf ihr recht hin bei der ehre aller frauen: „bleibt
hier, bis ich mein recht nehme, sonst lasst ihr mich in schäm, d. h.
sonst bin ich blamiert (88, 27 — 30).
Am folgenden tage erhebt sie aufs neue ihre ansprüche. Gahmu-
ret macht sie darauf aufmerksam, dass er eine frau habe, die er mehr
liebe als sein leben; mid auch wenn er diese nicht besässe, hätte er
noch etwas, was ihn von Herzeloide trente (94, 4 — 10). Diese in der
tat wenig höfliche abfertigung hält die königin von Waleis nicht ab,
von dem beiden zu verlangen, dass er die heidin verlasse und sie
nach christhchem gesetz eheliche. Sie hofft, dass ihr auch die Franzö-
sin nicht zum schaden gereiche (94, 11 — 20). Gahmuret aber nent
diese nun seine tväriu frouwe; ihr rat und ihre gute erziehung haben
ihn hierher begleitet usw. (s. oben). Er bittet sie ausserdem, ihn in
frieden zu lassen, er sei traurig über den tod seines bruders. Das
alles ist in den wind gesprochen. Die königin wirft ihm ganz unver-
mittelt die frage entgegen, womit er sich verteidigen wolle (95, 12).
Das soll doch wol heissen: diese motive sind für mich nicht massge-
bend; ich habe rechtsansprüche, was habt ihr gegen diese vorzubrin-
gen? Gahmuret geht darauf ein: der angesagte turney sei gar nicht
ordnungsmässig zu stände gekommen. Sie entgegnet, er sei schon durch
die vesperie vorher erledigt gewesen. Er weicht aus: er habe nur ilire
(50 KINZEL
Stadt verteidigt mit andern, die ebenso tapfer gekämpft hätten wie er;
ihm komme deshalb nicht mehr zu als jenen, und sie habe kein anrecht
an ihn. Ein richter entscheidet endlich, dass der sieger der königin
gehöre. Dies nimt sie sofort in ansprach und verspricht, ihn wider
fröhlich zu machen (96, 7). Da nun der mai gekommen und Gahmu-
ret von feenart Avar, so regt sich in ihm die liebe, er gibt nach; nach-
dem sie in die einzige bedingung gewilligt hat, dass er alle monat auf
ein turnier reiten dürfe: er empfienc diu lant und och die maget
(97, 12).
"Wir sehen in dieser doppelgeschichte Ampflise-Herzeloide das
treue bild ritterlicher romantik vor unsern äugen entrolt. Niemand
kann glauben, dass das, was Wolfram hier vorführt, ein abbild der
wirkKchkeit sei, dass die anschauungen , welche uns hier entgegentre-
ten, die wirklichen lebensanschauungen jener zeit gewesen seien. Man
belustigte sich in naivem sinn an solchen idealistischen Vorstellungen,
ähnlich wie unsere phantasie sich an den märchen erfreut. Ich sage
absichtlich ähnlich, weil ich mir wol bewust bin, dass unsre anschauung
sehr viel weiter von jenem schlaraffenlande entfernt ist, als die kind-
liche des mittelalters. Schon dass eine Jungfrau- königin band und
land dem sieger im turney schenkt, ist nur ausgeburt ritterlicher phan-
tasie, welcher durch sieg im kampfspiel das höchste erreichbar scheint.
Dass die verwitwete königin von Fi-ankreich' dem besitzlosen jimgeren
spross eines edlen geschlechts thron und band bietet, weil er ihr einst
seine jugendlichen dieuste gewidmet, ist noch immer kühn genug.
Nun aber diese „edle" Herzeloide! Alle sitlichen schranken tiitt sie
nieder, alle rücksicht auf die herzensstimmung Gahmurets, alle Zurück-
weisung fühlt sie nicht: er muss ihr werden, und er gibt sich end-
lich. Damit man nicht aber doch vielleicht selbst in Wolframs gesel-
schaft daran anstoss nähme, fügt der feinsinnige dichter wie beiläufig
die motivierung ein: sin art von der feien muose minnen oder minne
(jern (96, 20). Das heisst: wundert euch nicht alzusehr, wir sind im
märchenlande !
Einer alzu hohen verherlichung der Herzeloide hat sich Wolfram
auch enthalten. Erst später lobt er ir site, ir Tausche (103, 4), ihre
liebe (103, 11) und da gestaltet sich dann ihr bild freundlicher, ja
man könte aus ihrem späteren verhalten vielleicht eine erklärung für
das eben dargestelte minne werben entnehmen, wenn man dem dichter
so weite absiebten und feine anläge der Charaktere zutrauen dürfte.
Schön ist ihre klage um den gefallenen gemahl (109, 19) und die freude
über die geburt des sohnes. Wolfi-am preist sie, dass sie sich alles
i\
DIE FRAUEN BI PARZIVAL 61
reichtums entäiissert durch triwe. Er kenne niemand der jimc der
erde richtuom Hexe durch des hirtiels ruom. Schön ist die scliilderung
der mütterlichen Sorgfalt, die alles aus dem wege räumen will, auch
mit törichten mittein, was dem söhne schaden könte. Wolfram keji-
zeichnet sie hier als eine einfältige frau, und dieser zug tiitt immer
mehr hervor: er spizt sich zu in den einfältigen lehren, die sie dem
jungen Parzival auf seinen lebensweg mitgibt. Man ist zunächst ge-
neigt, diese einfalt für hinterlist anzusehen, als hätte die mutter den
Parzival dadurch ebenso wie durch die torenkleidung aus der weit
zurückschrecken wollen. Aber dies wird unmöglich bei betrachtung
des Schlusses ihrer rede, in der sie ihm die untat des Lähelin mitteilt
(128, 3 fg.). Das muss ernst gemeint -sein; auch beteuert Wolfram
142, 10 diu f/ab den rät ouch äne missetät. — Herzeloide stirbt beim
abschied des sohnes. Der dichter nent den tod getriulich, sofern er
aus ihrer treuen gesinnung hervorgieng, sie selbst wwrx,el der güete,
slnm der diemüete, die dadurch selig wurde, dass sie als mutter die-
sen sinn beweisen konte.
Jeschüte. III. buch. Parzival, der unerfahrene knappe raubt
I dem Wortlaute der mütterlichen Vorschrift folgend der schlafenden ge-
mahlin des Orilus ring und kuss und drückt sie an sich. Da sie
kiusche, 7.iiht qelirt, so schämt sie sich, klagt und widersteht (131, 3).
Während er in ihrem zelte ist, wagt sie natürlich nicht aufzustehn;
sie hält ihn für von sinnen. Der heimkehrende Orilus durch die spu-
ren an den zerrissenen zeltschnüren und durch die trauer seiner gemah-
lin argwöhnisch geworden, klagt sie des treubruchs an. Jeschüte
beteuert weinend ilire Unschuld; vergeblich (133, 11). Da sie dabei
der Schönheit Parzivals gedenkt, wird jener noch in seiner eifersucht
bestärkt (vgl. 271, 4 da se ahr von dtner schoene sprdth, ich lüänd da
wcere ein friuntschaft bt)^ und er verstösst sie nach einer langen rede
(134 — 135), deren Zusammenhang mit der sache etwas lose ist^. Auch
das angebet ihrer gerichtlichen reinigung weist er zurück. Demütig
erkent sie seine macht und seine treue an und wünscht sich den tod
(136, 11). Ir kiusche und ir tv/pheit sin haxxen Itden muosten (137, 8).
Aber es quält sie nicht ilir eigen leid, sondern nur das ungemach
ihres mannes; den dichter aber drückt ihr leid (137, 30). — Die sühne
1) „Du liast zwar deinen königstitel niit meinem herzogsnamen vertausclit,
idafür aber auch einen tapfern mann bekommen, der alle waffentaten füi' deine treue
;zu deinem i-uhme tat." So in drei absätzen dreimal mit gleichem schluss: 1.34, 1 — 22
(20 — 22!). 134, 23 — 135, 6 (5 — 6!). 135, 7 — 24 (^12!).
ö2 KINZEL
folgt, als Parzival ihr aufs neue begegnet (256, 11 fg.). In elendester
Meidung, halb bloss, auf bastgezäunitem dürrem pferde reitet sie gedul-
dig ihrem manne nach. Der dichter ist von ihrer tugend erfült: doch
nmme ich sölhen bloze^i Up für etsUch tvol gekleidet tvtp (257, 29).
Sie erkent ihn wol, wünscht ihm aber, dass gott ihm mehr freude und
ehre geben möchte, als er an ihr verdient; denn ohne ihn hätte sie
ere äne strit (258, 14). Er ahnt nicht, wen er vor sich hat; sie erwi-
dert nichts, sondern deckt sich ihre blosse. Er bietet ihr sein kursit,
sie aber bittet ihn sich zu entfernen, da sie zwar nicht ihren, aber
seinen tod fürchtet (259, 14). Mit recht rühmt sie der dichter aber-
mals 260, 8
wtjplicher khische lobes kränz
truoc si mit armüete:
si pflac der waren güete
so da% der valsch an ir versivant.
Nun reitet er für ihi-e ehre in den kämpf, und widerstreitender gefühle
voll sieht sie zu: sie gönte keinem der kämpfer schaden (262, 29).
Der dichter ist selbst von dem ernst und der Schönheit der Situation
ergriffen: tritt noch einmal für des Orilus recht und Parzivals Unschuld
ein und bittet gott zu verhindern, dass es einem ans sterben gehe
(264, 30). In der tat gehört diese geschichte zu dem besten, was der
Parzival aufzuweisen hat. Der jugendhche tor, der unwissend und
absichtslos ein weih beschimpft, der ehemann, ders so ernst mit der
ehelichen treue nimt, und tües demütige weib. Aus dieser geschichte
spricht ein sitücher ernst, der ein rechtes gegenbild zu der oft geschil-
derten leichtfertigkeit ist. Und wie Wolfram dazu stand, zeigt uns
sein häufiges eintreten mit seiner eigenen Persönlichkeit. — • Als Orilus
besiegt am boden liegt, will er sein leben nicht unter der bedingung
hinnehmen, sich mit seinem weibe zu versöhnen; sie habe ihn zu sehr
betrogen (266, 10. 267, 6). Mit angst hört Jeschüte diese werte
(268, 6); doch als Parzival den gegner zwingt, seine bedingung anzu-
nehmen, da springt sie vom pferde und küsst seinen blutüberströmten
mund (268, 24). Nun erst folgt nach Parzivals reinigungseid die voUe
aussöhnmig.
Sigune. Die Jugendgeschichte und den liebesfrühhng dieses mäd-
chens hat Wolfram nachher im Titurel ausgeführt. Hier führt er uns
dreimal an für den ent wicklungsgang des Parzival wichtigen stellen das
rührende bild dieser jungfi'äulichen liebe vor, welche im schmerz über
das begangene unrecht sich selbst verzehrt und zu Ungeheuerlichkeiten
DIE FRAUEN IM PARZIVAL 63
sich versteigt. Zweimal findet Parzival sie mit dem toten geliebten im
arme (138, 11); in reue darüber, dass sie ihm nicht minne gewährte
(141, 21), genauer dass sie ihre liebe an ein so törichtes verlangen
knüpfte, mint sie jezt den toten. Das mitleid des törichten knaben ist
ihr woltuend, und sie widmet ihm ihre ganze teilnähme, als sie in
ihm ihren vetter erkent. Da er ihr leid rächen will, weist sie ilmi
den falschen weg, um nicht durch seinen tod den schaden grösser zu
zu machen (142, 1). Dasselbe büd, man möchte sagen ein profanes
Gegenstück der mater dolorosa (Pieta) widerholt sich 249, 11 fg. Der
dichter rühmt ihre treue, gegen die alle irdische treue ein nichts ist;
er stelt sie den trauen gegenüber, die man bi tvanke siht (253, 16),
weü sie leicht vergessen. Sigüne (jerte ergetzens niht, drum will sie
auch den toten geliebten nicht begraben lassen.
Nachdem wir in zwei büchern Gawans abenteuern gefolgt sind,
taucht im IX. Parzival wider auf, und zwar vor Sigunens klause, die
durch ir gottes 7ninne ir magetuom und ir freiide gap, und zwar
durch alte triuwe (435, 18). Ihr geliebter begraben, ihr leben ein
gebet auf seinem sarge, ihr roter mund bleich, alle weltliche freude
tot. — Diese Situation veranlasst Wolfram zu einigen algemeinen bemer-
kungen 436, 1 — 25, welche der Interpretation Schwierigkeiten machen.
Yersuchen wir den simi festzustellen: Um der minne willen, welche
erstarb an ihm, darin dass Schianatulander sie (Sigunen oder die minne)
nicht erwarb, minnete sie seinen toten leib. [Aber auch] wenn^ sie
sein weib geworden wäre, so hätte [bei ihr] Lunete mit so eiliger bitte,
wie sie solche ihrer herrin vorlegte, gezögert. Man kann noch oft
sehen, dass Lunete mit ihrem rat schlecht ankörnt. Wenn ein weib
um ihrer liebe willen oder kraft ihrer gesittung {dy/ch ir zühte kraft)
den gedanken an andre liebe verwirft (wenn ichs recht beurteile) bei
lebzeiten ihres mannes, so hat er an ihr das höchste was er wünschen
kann. Kein zögern (unterlassen) steht ihr so wol an; das will ich
beweisen, wenns nötig ist. Nach dem tode ihres mannes tue sie wie
sie will: behält sie auch dann noch ilire ehre (d.h. also: bleibt sie ihm
auch dann noch ti"eu), so kann sie keinen andern so glänzenden kränz
tragen, wenn sie aus freude zum tanz geht ^. Doch warum stelle ich hier
1) Dies soll also wol Geissen: sie war ja noch nicM sein weib; also passt
Limetens beispiel hier nicht, welches sich um widervermühlung dreht. Nur diese
kann hier im algemeinen gemeint sein, nicht der rat, den mörder des gatteu zu
heiraten.
2) Wolfram meint: dieser elireukranz ist schöner als der schönste freuden-
kranz, den man heim tanze trägt.
64 KINZEL
freude mit der not zusammen, welche Sigunen ihre treue gebot — so
lenkt Wolfram nach dieser abschweifung, die wir doch wol ihm selbst
verdanken und die uns den ernst seiner persönlichen lebensauffassung
zeigt, mit kühnem Sprunge zum faden zurück. Es folgt das gespräch
mit diesem urbild der treue. Als sie erfährt, was Parzival gelitten,
seit er erkannte, dass er den gral verscherzt habe, da schwindet ihr
zorn (441, 18) und sie rät ihm, der spur der gralsbotin zu folgen.
Kundwiramur. IV. buch. Auf der fahrt von Gurnemanz ti'äg-t
das ross den in höfischer sitte unterwiesenen Parzival nach der belager-
ten feste Pelrapeire, wo ihn die bedrängte königin mit gruss und kuss
empfängt. Die not treibt sie nachts an sein bett. "Wolfram beugt vor
192, 1: dax kom als ick iu sagen ivil; ex, prach niht iviplichiu xil:
mit stcete lausche truoc diu magt (vgl. diese ztschr. 18 s. 455); sie kam
nicht um der minne willen, sondern suchte hilfe und rat. Die nun
folgenden verse sind humoristisch gemeint 192, 14 — 17: die frau hatte
ein kämpf kleid an, nämlich ein seidnes hemd; denn nichts kann einen
mann mehr zum kämpf herausfordern, als wenn ein weib so zu ihm
komt. — Doch auch dies scheint dem dichter etwas zu schrofi", di'um
fügt er hinzu, dass sie auch einen mantel angehabt und dass der kum-
mer sie zu einem solchen schritt bewogen habe. Das bedenkliche der
Situation, die Wolfi'am gewiss genau so aus dem französischen über-
nahm, war dem dichter doch empfindüch; dies tritt uns aus seiner dar-
stellung deutlich entgegen, und der eindruck wird durch das folgende
noch verstärkt. Die erzählung fährt fort 193, 1: sie kniete an seinem
bette nieder; und dann 193, 15: ihr Jammer war so gross, dass ihre
tränen auf ihn niederfielen usw. In den dazwischen liegenden 13 ver-
sen nimt Wolfi'am noch einmal gelegenheit zu versichern, dass keiner
von beiden an hliigen dachte; sie war ohne freude, aus schäm; und
er verstand davon noch nichts [leider des enJcan er niht 193, 9); es
geschah wol, aber äne kutist, ohne Verständnis, ohne dass sie versöh-
nungti'agende glieder zu einander brachten. Nachdem er nun so vor-
gebaut hat, kann er endlich das unglaubliche berichten, dass Kondwi-
ramur selbst ihm anbietet, sie wolle sich neben ihn legen, wenn er
verspreche nicht mit ihr zu ringen. So geschiehts, und dann klagt sie
ihm nach einigen umständen ihre not. Er verspricht mit dürren Wor-
ten hülfe, und sie scheidet (196, 7).
Nach dem siege zur königin geführt wird er sofort von ihr um-
armt. Sie drückt ihn an sich und sagt: ich werde keines andern
mannes weib als den ich umfangen halte (199, 26). So sehen wir also
DIE FRAUEN DI PAHZIVAL 65
auch hier, wie bei Herzeloide und Ampflise, das natürliche Verhältnis
verkelu't, nämlich dass das weib um den mann wirbt. Die bürger
nehmen ihn zum herrn, Kondwiramur zum ämts, weil er so hohen
rühm erworben hat 200, 7. Nun folgt 201, 19 das beilager. Über
die auslegung der algemeinon bemerkungen habe ich in dieser ztschr.
18, 255 — 257 gehandelt. Parzival berührt sein weib anfangs nicht,
und sie ists zufrieden; sie glaubte, sie wäre sein weib (201,22; 202,23).
Parzival verlässt die geliebte frau bald und sieht sie erst nach
langer zeit mit ihren beiden söhnen wider (buch XVI, 800, 15). Wolf-
ram geht auffallend kurz über das widersehn hinweg. Kein wort der
reue oder des Vorwurfs wird uns berichtet; es war als muste es
so sein. —
Die folgenden frauengestalten, welche in beziehung zu Gawan
treten, unterscheiden sich in mehrfacher hinsieht von den vorigen,
besonders ist ihre Charakteristik ungleich mannigfaltiger, ihr Charakter
im algemeinen weniger edel und rem. Doch bieten auch sie für unsre
beobachtungen gutes material. Über Antikonie (buch VIII) habe ich
schon ztschr. f. d. a. 30, 357 fg. gehandelt. Ihre gestalt hat mich zuerst
zur weiteren erforschung der frauencharaktere veranlasst, weil es sich
zeigte, wie der dichter hier vergeblich rang, der aventiure hen* zu
werden und seine lebensanschauungen mit denen seiner quelle in ein-
klang zu bringen. Es gibt kein andres beispiel im Parzival, an dem
man dies so deutlich nachweisen könte, aber andeutungen treten uns
auch im folgenden entgegen.
Obie und Obilot. Buch VII. Der zögling des fiu'sten Lyppaut,
der junge könig Meljanz von Liz, bittet die tochter desselben Obie um
minne nach seinem dienste (345, 27). Sie weist ihn heftig und über-
mütig ab. Das urteil über ihr benehmen bleibt zunächst dem leser
ganz überlassen. Erst sehr viel später 386, 17 (er nent es tumbiu
Jdsheit) deutet der dichter sein eigenes an (vgl. ztschr. f d. a. 30, 359).
In ihrer antwort sagt Obie: wäre er fünf jähre älter und hätte rühm
im turnier erworben und käme dann mit neuem antrage zu ihr, und
sie gewährte seine bitte, so wäre es immer noch zu früh (346, 16).
Seine zornige erwiderimg zeigt wenig edlen sinn: er hofte davon vor-
teil zu haben, dass ihr vater sein vasall war. Sie aber hat dagegen
ungebeugten stolz: wer euer vasall ist, der mag euch dienen; ich aber
will von niemand lehen haben, ich halte mich für frei und jeglicher
kröne hoch genug. Meljanz glaubt, dass Lyppaut ihr das eingegeben
habe und geht mit gewalt gegen ihn vor.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIR. BD. XXI. 5
66 " KINZEL
Zu diesem kämpfe komt zufällig Gawan. Als er vor der bürg
lagert, stellen die fi-auen ihre vermutimgen an, wer er wol sei. Die
schnell fertige Obie erklärt ihn für einen kaufmann, während die kind-
liche Obilot an seinem minniglichen äussern den ritter zu erkennen
glaubt, dessen dienst sie gern durch ihre liebe lohnen würde (352, 26).
Sie tadelt auch fi-eimütig Obiens hochfahrendes benehmen gegen Mel-
janz. Diese aber wird durch den Widerspruch noch mehr verhärtet
und erklärt den ritter der Schwester für einen Wechsler (353, 30). Als
nun im ersten kämpfe, dem Gawan ruhig zusieht, Meljanz ruhmwür-
dige taten volbringt, vergleicht Obie spottend ihrer beider ritter, und
Obilot muss sich mit der hofnung trösten (358, 14). Damit nicht genug
will sie Gawan ihren hass beweisen und schickt einen knappen, den
ritter anzufeilschen ; ja sie bittet den burggrafen, ihm gewalt anzutun,
der kaufniann wolle sie betrügen (361, 14). Und als sie sieht, dass
dieser sehr höflich mit ihm verkehrt, schickt sie ein spiel weib zu ihrem
vater mit der bitte, dem manne seine schätze wegzunehmen und damit
seine Söldner zu bezahlen i; denn er wäre ein falschmünzer (362, 30).
Diu'ch dieses listige motiv hoft sie den vater, der in not war (363, 4),
wie er seine leute bezahlen solte, zur gewalttat zu bewegen.
365, 1 fg. erklärt der dichter, dass die minne Obies sinne so ver-
kehrt hatte. Wahre herzensliebe nimt das herz so gefangen, dass sie
mannes wie weibes hohen sinn schwächen kann. So hatte der zorn
des Meljanz ihr solches leid zugefügt, dass sie, die sonst so zurückhal-
tend war, sich zum zorn hinreissen Hess, den der unschuldige Gawan
entgalt (vgl. cüese ztschr. 18, 451). Wolfram schildert ihren seelen-
zustand sehr gut: wenn sie Meljanz sah, war er ihr ein dorn im äuge
(weil er sie daran erinnerte, wie sie sich gegen ihn benommen); und
doch sah ihr herz in ihm den ausgezeichnetsten, und es wurde ihr klar,
dass sie ilm liebte vor al der werlt, wenn er ihr sclunerzen machte.
Durch die üebe geschieht noch viel zoni, drum macht Obien kei-
nen Vorwurf". So schliesst Wolfram seine betrachtung, und wir wer-
den schwerüch irre gehen, wenn wir diese ganz auf seine rechnung
schreiben.
Der fürst erkent bald seinen irtum Gawan betreffend und bittet
diesen um hilfe. Doch vergeblich. Er kann sie nicht gewähren, weil
er den ihm angesagten kämpf, zu welchem er gerade unterwegs ist,
1) .362, 26 — 30: bitte ilm um seines ritterlichen sinnes willen, da er viele
Söldner hat, die um ross, süber und kleidung dienen, davon die erste hezahlung zu
nehmen. Dies (was der mann da hat) bringt wol sieben auf den platz (genügt zur
ausstattung und bezahlung von sieben Söldnern). Falsch bei Bartsch.
DIE FRAUEN IM PARZIVAL 67
nicht versäumen darf. Da findet Lyppaiit bei der rückkehr sein töch-
terlein Obilot mit ihrer freundin ringe schnellend auf dem wege zu
ihrem erwählten, ihn zu biten die?istes nach lönes siten. Sie tritt in
die kemenate des ritters, Gawan springt auf, sie setzen sich, und er
dankt ihr, dass sie ihn vorher gegen ihi-e Schwester in schütz genom-
men. Er sprach: geleit ie ritter not durch ein sus ivenec frouivelin,
da solt ich durch iuch inne sin. Sie antwortet ganz naiv {an alle
väre): gott kann das schon fügen. Herr, ihr seid der erste, mit dem
ich so vertraut rede. Schadet das dem nicht, was ich durch erziehung
gelernt habe und was mir das natürliche Zartgefühl gebietet, so soll
mich das sehr freuen. Denn meine erzieherin hat mir gesagt, an der
rede könte man den sinn erkennen. Hen-, meine bitte geht euch wie
mich an, dazu drängt mich meine wirkliche not; die wiU ich euch
nennen, wenn ihr erlaubt. Hauet ihr mich deshalb für weniger wert,
so bedenket doch, dass ich damit die ziemende Zurückhaltung nicht
aufgebe, da ich in euch mich selber bat; denn ihr seid eins mit mir
(369, 17 — 21). Lasst ihr- mich ohne gewälu'ung beschämt von hinnen
gehn, so muss sich euer rühm vor eurer wolgezogenheit verantworten,
da ich jungft'au zu euch meine Zuflucht nahm, erfüUung meiner bitte
erwartend. Wenn es euch gefält, gebe ich euch dafür von herzen
meine minne. Seid ihr ein mann, so werdet ihr mir wol dienen; ich
bin es wert. Lasst es euch nicht verdriessen, dass mein vater bei
freunden und verwanten hilfe sucht (?), ihr dient mir und ihm. Als
Grawan sich nun bereit zeigt für sie zu kämpfen, erklärt sie ihm in
überschwänglichen , dem höfischen wörterbuche entlehnten werten ihre
liebe und verheisst ihm glück, das diese ihm im kämpfe bringen
werde (371, 16). Ihre band ruht in der seinigen, und sie nimt nun
abschied, um ihm ein kleinod zu bereiten. Unterwegs beraten beide
mädchen, was sie dem ritter schicken sollen. Die freundin will ihre
puppen opfern, wenn sie etwa schöner sind als Obilots. So trift sie
der vater; sie verkündet ihm, dass Grawan zugesagt hat (372, 30) und
will ihm heimlich ihren kummer klagen. Drum hebt er sie zu sich
aufs pferd, während auf ihre frage, was aus der gespielin werde, ein
ritter diese zu sich nimt. Ihre not besteht darin, dass sie kein klei-
nod für den beiden hat, von dem sie sagt: nie magede wart so liep
ein ma7i (373, 26). Ein neues kostbares kleid wird ihr von der mut-
ter bereitet, die ebenso stolz ist auf das glück ihrer tochter, als der
vater froh über die hülfe. Ein ärmel dieses kleides wird Gawan über-
sant. Ganz ernsthaft wii'd nun erzählt, wie glücklich dies zeichen den
ritter machte (375, 30). Als Gawan nun nachher den Meljanz geworfen,
5*
68 KINZEL
schickt er ihr am ende des kampfes den durchlöcherten ärmel zurück.
Stolz legt sie ihn an, und so oft sie vor Obie tritt, höhnt sie die
Schwester mit den werten: „icer hat mir da getan" (390, 30)?
Als die Versöhnung nun zu stände komt, will Meljanz auf seinem
zorn gegen Obie beharren. Die eitern weinen, doch Obilot war sehr
froh (395, 16), vermutlich wol weil sie selbst die aussöhnung bei-
der vermitteln wolte. Denn als Meljanz ihr als gefangner zugesprochen
wird, da spottet sie abermals in fi-öhlichem Übermut, dass er einem
kaufmanne Sicherheit gelobt habe; dann befiehlt sie ihm, diese sicher-
lieit nun Obien zu geloben. Und es gelingt ihr, die geliebten zu ver-
söhnen. Neue liebe treibt Obien vor allen leuten den geliebten mit
tränen zu küssen. Als Gawan nun abschied nimt, weint Obilot und
bittet ihn (in kindhcher Unschuld), sie mitzunehmen (397, 16). Ihre
mutter konte sie kaum von ihm losmachen.
Orgeluse. X. — XIV. buch. Gawan findet vor Logroys Orge-
luse, die schönste frau nach Koudwiramur, und gesteht ihr seine liebe.
Schnöde abweisend antwortet sie: „Gut, ich weiss schon (509, 10).
Lobt mich nicht zu sehr, ihr könt nur schände davon haben. Ich wiU
nicht, dass jeder beliebige über mich urteüe. Wenn mich jeder lobte,
der kluge und der unerfahrene, der gute und der schlechte, das wäre
nichts wert. Ich will, dass nur die weisen mein lob bewahren. Ich
kenne euch nicht, und es ist zeit, dass ihr euch entfernt. Ich will
euch mein ui'teil nicht vorenthalten: ihr seid bei meinem herzen, aber
weit draussen, nicht drinnen. Wenn ihr meine müine begehrt, womit
habt ihr sie verdient? Mancher wirft seine blicke heftiger als er sie
mit einer Schleuder werfen könte, wenn er durchaus sehen möchte,
was sein herz verwundet. Sucht anderswo minne, und wemi ihr sie
auf mich richtet, so werdet ihr davon keinen lohn haben; ihr werdet
hier nur schände finden (510, 14)." Mit solchen und ähnlichen werten
reizt sie den ritter nur noch mehr, ihr zu dienen. Ohne zögern löst
er die von Orgeluse ihm gestelten aufgaben. Auch in ihren handlan-
gen zeigt sich iln-e sprödigkeit. Denn als er ihi' sein ross zu halten
gibt, will sie es nicht da anfassen, wo seine band geruht hat.
Worin das erste abenteuer seine spitze hat, sehe ich nicht: Ga-
wan holt auf Orgelusens wünsch ihr ross aus einem baumgarten (512,
26 — 514, 26); die leute warnen ihn dabei überall vor der frau (vgl.
513, 13. 514, 19). — Ebenso wenig verstehe ich ganz 515, 1 — 10:
Als Gawan zurückkehrt, hat Orgeluse ihr gebende vom kinn aufs haupt
geschoben (also den mimd frei gemacht). Kampftüchtige glieder trägt
ein weib, die man so findet (nämlich wol den muud bereit zum küs-
DIE FRAUEN IM PAEZIVAL 69
sen und zum schelten): die wäre sehr leicht über ein spiel froh (zu
einer kurzweil geneigt?). "Was sie sonst noch für kleider trägt? "Wenn
ich mich auch entschlösse darnach zu sehen, ihr blick erlässt mir
das {?). Yermutungen sind wolfeil, hellen aber das dunkel der werte
nicht völlig auf.
Mit auffallenden werten begrüsst sie ihn nun, schilt ihn gans
usw. (515, 13), ja sie ruft ihm die werte zu: „got müexe iucli vellen
(statt des gewöhnlichen grusses halten! 516, 2). Gawan bietet ihr ohne
dies zu beachten seine- dienste. — Soweit hat es Wolfram über sich
gebracht, ohne eine eigene bemerkung zu übertragen. Jezt warnt er
wenigstens, sie voreilig zu verurteilen, ehe man weiss, wie es um ihr
herz stünde (516, 3). — Gawan bricht unterwegs ein kraut für wun-
den; sie höhnt ihn, als wolle er mit salben handeln. Als er ihr erklärt,
er habe es für einen wunden ritter bestirnt, entgegnet sie schnippisch:
sie werde es vielleicht noch von ihm lernen (517, 10). Als ihm sein
pferd gestohlen wird und er zu fuss gehen muss, höhnt sie, dass er
aus einem ritter ein knappe geworden (523, 9). Er beteuert aufs neue
seine dienstwilligkeit, macht ihr dabei aber doch vorwürfe (524, 2).
So widerholen sich abweisung, höhn und spott noch öfter (530, 8.
531, 12). Er hört nicht, was sie spricht; wenn er sie ansah, fesselte
sie ihn aufs neue (531, 19 — 30).
So erzählt "Wolfram ganz schlicht nach seiner quelle; er kann
sich nicht einmal entschüessen, die frau zu tadeln (516, 3 fg.). Aber
hier zeigt er doch, dass solche minne nicht die seine sei. Zwei
abschnitte von je 30 versen schiebt er ein, um die wahre liebe zu
preisen, 532 — 533: mancher gelehrte sagt, Amor, Cupido und Venus
riefen mit ihrem geschoss und feuer die Hebe hervor. Aber solche
liebe gefält mir nicht. Sondern das ist wahre minne, welche aus herz-
licher stäter gesinnung hervorgeht, sei sie nun mit freude oder schmerz
verbunden, ja in der wahren triuwe selbst besteht die liebe. Ich habe
es weder mit Cupido imd Amors pfeil, noch mit der Yenus feuer
zu tim. sol ich der icdren minne jehn,
diu niuoz durch triive mir geschehn.
"Wüste mein verstand ein mittel gegen die minne, so weite ich Gawan
helfen. Aber wenn Um wirklich die minne zwingt, welche auch die
stärkste wehr niedertritt, so ist er ja ohne schände. "Wenn ihn jedoch,
den starken tapfern mann, ein weib^ überwände, das solte mir leid
1) Wolfram scheidet so, wenn ich. recht verstehe, die wahre, echte herzens-
neigung von der bloss sinlichen hebe. Solte nur diese, welche er mit den antiken
namen bezeichnet, durch Orgeluse um fesseln, so wüi'de der dichter dies bedauern.
70 KINZEL
tun. Nun lass dich einmal näher betrachten, liebesgewalt ! Du scheinst
die freude ganz und gar untergraben zu wollen und nur schmerz zu
bereiten! Geschähe das anderswo als im tiefsten herzen, so Hesse ich
mir das gefallen (533, 8). Um bloss ungehörigkeiten zu verüben, dazu
ist die minne zu alt; man kann doch nicht annehmen, dass das jezt
eine neue sitte der minne ist, sonst würde sie ihren rühm bald ein-
büssen. Man soll sie darüber besser unterweisen (533, 20). Ich preise
mit allen weisen die reine liebe. Wenn der geliebte dem geliebten
ungetrübte lautere gesinnung entgegenbringt, so dass es keinen von
beiden verdriesst, dass die minne mit liebe ohne wanken ihr herz
besizt, so ist dies die höchste liebe.
Niemand wird zweifeln, dass wir es hier wider mit einem von
den treuherzigen, edlen herzensergüssen unsres dichters zu tun haben,
welche sich meist durch besonders schwerfälKgen ausdruck auszeich-
nen. Er wül sagen: es scheint so, als wenn den beiden hier eine
ganz törichte, nur äusserlich sinliche liebe zu einem weibe ergriffen
hätte, die sie gar nicht erwidert; in diesem falle würde ich mein mis-
fallen darüber ausdrücken müssen. Denn ich kann solche liebe nicht
billigen. Doch der weitere verlauf soll es lehren.
Als ein ritter ihnen entgegenreitet, wünscht sie ihrem begleiter,
entschieden die grenzen der zucht überschreitend, derselbe möchte Gra-
wan so zu falle bringen, dass ihm das wegen seiner zerrissenen hosen
um der zusehenden trauen wülen sehr leid wäre (535, 24). Dann steigt
sie in ein schiff und lässt ihn zurück. Doch gestattet sie ihm, sie
wider zu sehen, wenn er siegreich gewesen; sie glaubt aber, dass dies
lange dauern werde (536, 8).
Gawan besteht nun die abenteuer im wunderschloss und sieht in
der Säule Orgeluse mit einem ritter reiten. Er eilt hinzu und wirft
ihn. Die nun folgende rede der Orgeluse macht scliwierigkeiten 598,
16 — 599, 13. Es ist wol das stärkste beispiel von Ironie, das die mhd.
poesie aufzuweisen hat: „ihr seid so fröhlich, dass ihr dort im wun-
derschlosse und eben hier den sieg erfochten; ich will euch die freude
darüber nicht sclunälern, dass das wunderbett so schwächlich sich erwie-
sen. Euer Schild ist ja zerbrochen und zu weiterem kämpfe seid ihr
zu sehr verwundet, ein neuer schmerz zu meinem ehrentitel gans von
vorhin. Rühmt euch nur eures durchlöcherten schüdes, neues unge-
mach könt ilir doch nicht auf euch nehmen. Lasst euch den finger
ziehen, den ihr euch verstaucht habt und kehrt zu den trauen zurück;
für mich könt ihr doch nicht mehr in den kämpf ziehen." Doch als
Gawan noch immer treu bleibt, da scheint sich ein umschwimg in
DIE FRAUEN IM PÄKZIVAL 71
dieser leidenschaftlichen und scheinbar so hartherzigen frau vorzuberei-
ten. Sie erlaubt ihm, zu neuem streit mit ihr zu ziehen (599, 21).
Die lezte aufgäbe, welche sie ihm stelt, ist, ein reis zu pflücken; dann
dürfe er ihre minne fordern (600, 24). Endlich wird der zweck all
dieser prüfungen angedeutet, 601, 26 den heiet de?- mir freude nam,
ausgesprochen wird er erst 606, 6: er soll sie an dem rächen, der ihr
den geliebten erschlug. Ihre rede wird milder, als sie ihm mit einem
heil wünsch den weg weist (602, 2), ja sie weint, als das pferd im was-
ser strauchelt (602, 18).
Wolfram ist nicht einverstanden mit dem abenteuer: wie sehr
auch Orgeluse strahlte, ich hätte ihre minne nicht so erobert; ich weiss
wol, was sich für mich ziemt (604, 6).
Gawan nimt nun den kränz und verabredet mit dem schuldigen
Gramoflanz einen kämpf über 16 tage. Bei seiner rückkehr zu Orge-
luse löst sich endlich das rätsei ihres betragens. Sie springt vom ross
und fält ihm zu füssen. Sie gesteht: solche bedrängnis, wie er durch
sie erlitten, vereine sich schlecht mit ihrer würde. Sie mache ilun
solches herzeleid, wie ein treues weib nur um des geliebten leben
haben solte (611, 30). Er zweifelt an ihrer auMchtigkeit, hält ihre
Worte für- neuen spott und macht ihr dabei die verdienten vorwürfe,
dass schildesamt für solchen spott zu hoch sein solte, sie solte keinem
ritter fürder solche Unehre bieten; er kündigt ihr fast den dienst
(612, 21). In längerer rede (612, 23 — 614, 17) erwidert sie unter
tränen: „wenn ich euch meine not darlege, so haltet ihr es meinem
schmerz zu gute; was ich unrechtes getan habe, werdet ihr mir um
eurer höfischen gesinnung verzeihen; denn ich kann nicht mehr- freude
verlieren, als ich an Cidegast verloren habe. Was ich euch zu leide
tat, tat ich nur um zu prüfen, ob ihr meiner liebe wert. Nun habe
ich euch für gold erkant, das durch das feuer geläutert ist." Als er
jezt minnelohn fordert, vertröstet sie ihn; sie will erst seine wunden
auf dem wunderschlosse pflegen. Da hebt er sie aufs pferd, drückt sie
an sich (615, 17) imd hört ihre klagen mit an, die dazu dienen sollen,
ihr hartherziges betragen zu entschuldigen (616, 29). Amfortas empfieng
in ihrem dienste die furchtbare wunde; sie bot ihm also ihre minne
umsonst. Parzival, der ihre ritter niederstach, hat sie ebenfals minne
geboten; doch er hatte sie verschmähte Sie fragt den geliebten, ob
sie unrecht daran getan, aber dieser findet es durchaus berechtigt!
1) Als sie wider mit ilun zusammenkomt , schämt sie sich deshalb (696, 9)
und will nicht mit ihm essen (697, 16).
72 KINZEL, DIE FRAUEN IM PAEZIVAL
Als sie nun Gawan ihre minne gewährt hat, wird ihr zorn über
Cidegasts tod sanfter (723, 10). Sie lässt sich bereit finden, sich mit
Gramoflanz zu versöhnen und ihn zur sühne zu küssen; doch muste
sie in gedanken an Cidegast dabei weinen.
do tivanc si ivi'plichiu not
nach im dennoch ir riuwe.
weit ir, des jeht für triuive. (729, 24.)
Diese hypothetische Zustimmung zu diesem Charakter ist für Wolf-
rams darstellung charakteristisch. Vgl. ztsclir. f. d. a. 30, 363.
Itonje, buch XIV, zeigt uns die minne in ihrer versöhnenden
kraft. Um Orgelusens willen ist Gawan mit Gramoflanz in streit ge-
kommen, der am festgesezten tage vor vielen zeugen, auch vor Artus'
und den seinen ausgefochten werden soU. Gramoflanz aber liebt Gawaus
Schwester Itonje, freilich ohne sie je gesehen zu haben (712, 22), und
Bene hat ihm auch der geliebten liebeszeichen überbracht. Nun hört
Itonje von dem bevorstehenden kämpfe (710, 11); da bricht ihr kum-
mer die grenzen des anstandes, so dass Wolfram sogar sein misfallen
äussert, obgleich er doch nichts unziemliches erzählt (710, 16). Sie
klagt Artus ihr leid, dass der bruder ihr den geliebten erschlagen
woUe, und bittet ihn als oheim, den streit zu scheiden. Dieser hält
dafür, dass den zorn des sti'eitbaren königs nur ilire liebe lindern könne
(712, 17); als aber ein liebesbrief desselben ihm die stärke seiner nei-
gung beweist (714, 28), beschliesst er doch zu vermitteln und ladet
den könig mit seinem geleit in sein zeit. Beakurs, Itonjes bruder holt
ihn ein, Artus führt ihn ins zeit und lässt ihn seine geliebte erraten
(724, 15): die ähnlichkeit mit Beakurs leitet ihn. Artus vermitlung
fält auf guten boden und führt die Versöhnung mit seinem gegner her-
bei, als auch Orgeluse verzeiht, welche durch Gawans liebe milder
gestimt ist. Mehrere hochzeiten besiegeln den frieden.
Die übrigen fi-auen, welche im Parzival noch auftauchen, wie
Ginover, Arnive, Kunneware, Cundrie u. a. haben eine besondere aus-
gestaltung nicht erhalten. Die hauptpersonen aber sind mit einer gewis-
sen planmässigkeit über das werk verteilt. Auf Gahmuret, Parzival
und Gawan kommen je drei frauenbilder : Belakane, Herzeloide, Ampf-
lise — Jeschute, Sigune, Kondwiramur — Obie (Obilot), Antikonie,
Orgeluse. In jeder gruppe kann man gewisse ähnliche züge unter-
scheiden: in der ersten die naiv begehrende liebe mit realistischer fär-
bung, in der zweiten die ernste, keusche, treue eheliche liebe, in der
dritten die intrigante liebe, wie sie der minnedienst hervorrief mit
WEIXHOLD, FRIEDRICH BECKER
73
pikantem nebengeschmack. Dass diese anläge und gestaltung nicht ganz
zufällig ist, scheint mir klar. Von Wolfram rührt sie nicht her, wie
viel er auch zur ausmalung beigetragen haben mag. Denn ich habe
gezeigt, dass sich seine auffassung oft im gegensatz zu der darstellung
seiner quelle befand.
FEIEDENAU, OCT. 1887. KAEL KINZEL.
mSCELLEN UND LITTEEATUE.
Friedrich Becker.
Am 12. nov. 1887 starb zu Basel nach, jahrelangen märüich getragenen leiden
dr. Friedrich. Becker, jubilierter professor der dortigen gewerbeschule, der durch,
einige sch<ätzbare arbeiten sich den deutschen Sprachforschern angereiht hat. Er war
das fünfte kind des berühmten deutschen gi'ammatikers Karl Ferdinand Becker und
demselben am 15. december 1815 von seiner gattin Amalie geb. Schnünke zu Offen-
bacli a. M. geboren. Er wuchs unter der obhut des bedeutenden vaters und der hei-
tern tatkräftigen mutter auf. Mit fünfzehn jähren aber ward er zu seinem als arzt
in Berlin lebenden älteren bruder Ferdinand geschickt, um die gute schule des
Joachimsthalschen gymnasiums zu gemessen, bestand das abitui'ientenexamen auf
demselben imd liess sich dann au der dortigen Universität als student der medizin
einschi'eiben. Aber schon 1834 starb der bruder, als Friedi-ich eben das erste Seme-
ster hinter sich hatte, und dieser gieng deshalb nach Bonn, später nach Giessen,
um vorzüglich natui-wissenschaften zu studieren. Nach abschluss dieser studien
kehrte er nach Offenbach zurück und trat als lehrer in das väterliche bekante erzie-
hungsinstitut , das wesentlich von jungen Engländern und Frankfurtern besucht ward
und eine fi'eie humane erziehung und bildung jüngeren und älteren Schülern gab.
Hier unterrichtete er mit seinem vater, mit dem schwager Helmsdörfer, mit Hagge
und Bartebnann durch eine reihe von jahi'en, bis er 1845 ein lehi-amt an der real-
schule in Offenbaeh übernahm. Zwei jahi-e später verehelichte er sich mit Emma
Weis, tochter des fürstl. Isenbui-gschen kammen-ates "Weis, die ihm nach seinen
eignen worten erst als üebüche braut, dann als treue gattin dreissig jähre das gröste
glück und der höchste segen gewesen ist.
1852 folgte Becker einem rufe zum lehi-er der musterschule in Frankfuii a. M. ;
1853 aber vertauschte er diese stehe mit der eines lehrers der deutschen spräche
und der chemie an der neu gegrtlndeten gewerbeschule in Basel. In diesem amte
hat er ungemein segensreich gewirkt; hunderte über die ganze Schweiz verstreute
Schüler verdankten ihm zucht und geistige bildung. „Er kante", wie einer derselben
in der Sehweizer grenzpost dem eben verstorbenen nachrief, „das geheimnis des
anregenden Unterrichtes wie selten einer und wüste uns dabei immer das für die
Jugend so festigende gefühl wach zu halten, dass \ni- es mit einem ganzen Charakter
und einem zuverlässigen manne zu tun hatten." Becker lebte sich in Basel gut ein
und suchte mit land und leuten vertraut zu werden. Die Basler niundart machte
er zum gegenständ liebevoller forschung und ward so auch zu J. P. Hebel geführt,
dem dichter des nahen Markgräflerlandes. Regelmässig nahm er an den in Hausen
74 K. WEINHOLD
gefeierten Hebelfesten teil und sammelte viel auf den treflichen dichter und volks-
schi'ifts teile r bezügliches. Zum hundertsten gebm-tstage desselben 1860 gab er ein
schönes buch heraus:
J. P. Hebel. Festgabe zu seinem hundertsten geburtstage. Briefe
Hebels an freund und freundin; dichterische grüsse an sein andenken; über die
Basler mundart (von K. R. Hagenbach); Basler Helgen. Herausgegeben von
Friedlich Becker. Basel, Bahnmaiers buchhandlung. 1860. 350 s. und 7 büder.
Man merkt dem buche an, dass Becker sich mit Hebel verwant fühlte, und durch
seine eigne natui* für das Verständnis des schalkhaften humors imd des tiefen gemü-
tes sowie des köstlichen naturgefühls des treflichen Alemarmen völlig geschaffen war.
Das Basler wöi-terbuch auszuai'beiten , war ihm leider nicht vergönt. Als
schwere krankheit ihm die aussieht dazu nahm, hat er seine samlungen der leitimg
des Schweizerischen idiotikons überwiesen.
Ausser den dialektischen forschimgen zog die geschichte der deutschen
familiennamen unsem Becker ganz besonders an. Er sammelte aus den ui'kunden
der verschiedenen deutschen länder sowie aus dem leben der späteren imd jüngsten
zeit reichen stoff, und zog verständig und kundig die ergebnisse daraus. Die in dem
Programm der gewerbeschule Basel 1863/64 (Basel 1864) gedruckte abhandlung
Die deutschen geschlechtsnamen, ihre entstehung und bildung
(27 s. 4.)
gehöii zu dem besten was über den gegenständ geschrieben ist. Ei" behandelt darin
die fragen : "Wann bei uns die geschlechtsnamen aufgekommen sind ? Auf welche weise
sie entstanden sind? und was den gebrauch der geschlechtsnamen hervorgerufen hat?
in lebendiger, geistreicher weise imd mit entschiedener beherschung des Stoffes. Die
abhandlung ist das heitere gegenbüd zu Yümars deutschem namenbüchlein.
Eine weitere frucht dieser forschungen brachte die wissenschaftliche beüage
zum bericht der gewerbeschule zu Basel 1872/73 unter der aufschrift Die deut-
schen satznamen. (29 s. 4.) Becker behandelte hier jene namen, die „gleich-
gültig ob eigcnname oder gemeinname, personen- oder sachname, concretum oder
abstractum, aus einem volständigen oder einem elliptischen satze, einem uiieilssatz,
befehlssatz oder Wunschsatz zu einem flectierten Substantiv erhärtet sind." Nach
einer Übersicht über das vorkommen derselben bei andern Völkern, wendet er sich
zu den deutschen satznamen, die als eigennamen verhältnismässig spät auftreten: das
älteste beispiel, das er fand, ist Fridelant aus dem jähre 1170, name eines landmanns
zu Woringen bei Köln. Er weist dann die Verwendung der satznamen nicht bloss
füi' personen nach, beriikrt die entstehungsgründe , untersucht die grammatische bil-
dung, auch die ableitungen daraus und endet mit dem absterben derselben, das mit
der ganzen Veränderung des deutschen geisteslebens genau zusanmienhängt.
Diese an imifang nicht bedeutenden, aber sorgsam dui'chdachten , mit leben
und humor durchgefühlten , auf ausgebreitete queUenschau gegründeten arbeiten geben
Becker das recht auf einen platz unter den Germanisten, und seine gestnnung, fügen
•wir hinzu, eine stelle in der reihe guter deutscher männer. Obschon er sich in
Basel vöUig eingelebt hatte, hieng er treu an Deutschland. Durch viele jähre war
er Vorstandsmitglied des deutschen hilfsvereins für bedürftige landsleute. Der
entwickelung der deutschen pohtik folgte er mit lebendigster teilnähme, und als
der krieg zwischen Deutschland und Fi'ankreich 1870 ausbrach und alle deutschen
Stämme einträchtig das Schwert zum schütz des Vaterlandes zogen, schickte Becker
seinen ältesten zweiundzwanzigjähiigen söhn mit ins feld. Der jüngHng erwarb sich
FKIEDHICH BECKER
75
bei Gravelotte das eiserne ki-euz, focht tapfer vor Orleans und fiel am 28. Januar
1871, ani tage der unterzeiclinung des waffenstüstands , bei der Verteidigung von Blois.
Becker selbst und seine älteste tocbter Auguste waren in dem hilfsverein füi-
die deutschen kiieger tätig, namentlich während der belagenmg des nahen Belfoi-t.
Im September 1873 verlebte ich einen schönen tag in dem Beckerschen hause in B^sel.
Er wai- ki-äftig und voll leben, die gattin liebreich und mild, der stüle schmerz über
des Sohnes tod warf einen leichten schatten über sie. Die beiden älteren töchter
blühten in jugendschöne. "Wie bald solte das anders werden! Zwei jähre später lag
die schöne Auguste unter dem rasen, von rascher ki-ankheit hingestreckt; nach wenig
monden war ihr die mutter gefolgt. Das hat Beckers kraft gebrochen.
Als die Basler gewerbeschule am 22. juni 1878 das fünfundzwanzigjähiige fest
ihres bestehens feierte, begieng Becker gleichzeitig das Jubiläum als lehrer seit
beginn der anstalt. Die Universität Basel verlieh ihm rmter algemeiner Zustimmung
damals den ehi-enbrief als doctor der philosophie. Er ti-at in den ruhestand wegen
krankheit. Schwere jähre mit vielen leiden sind mm über ihn gekommen. Ein hcht-
bhck war noch eine im anfang der Pensionierung imternommene reise nach Kiel,
wohin die zweite tochter Sophie sich an einen vetter, den professor der theologie
dl-. Fiiedrich Nitzsch verheiratet hatte. Becker sah dort seinen enkel. Aber kränker
kekrte er nach zwölfwöchentücher abwesenheit nach Basel heim. Neun jähre litt er;
aber seine geistige fi-ische blieb ihm, auch seine heiterkeit, und mit den seinen stund
er in ununterbrochenem regem verkehr-. Die andern freiüch sahen und hörten nichts
von ihm; die meisten glaubten, er sei längst tot.
Im Sommer 1887 war endlich die kraft des starken leibes erschöpft, er verfiel
zusehends, und am 12. nov. früh 1 uhi- erlöste der tod den dulder aus den banden
des irdischen daseins.
Seine kinder, seine fi-eunde, seine schüler werden Fi-iedi-ich Becker nicht
vergessen.
BRESLAU, WEIHNACHTEN 1887. KARL WEINHOLD.
NEUERE SCHILLER-LITTERATUR.1
I. Biograpliisclies.
1) Richard Weltrich, Friedrich Schiller. Geschichte seines lebens imd Cha-
rakteristik seiner werke. Unter kritischem nachweis der biogi-aphischen quellen.
Erste heferung, mit dem bildnis der Danneckerschen Schillerbüste. — Stuttgart, Cotta-
sche buchhandlung. 1885. XII, 384 s. gr. 8. 4 m.
1) "Widerholt hatte professor Zacher den -minsch ausgesprochen, dass ich die Schiller - littera-
tiir der lezten jähre in seiner Zeitschrift einer zusammenhängenden besprechung , welche namentlich
den Inhalt der einzelnen Schriften klar erkennen Hesse, unterziehen möchte. Der ihm
noch kurz vor seinem tode gegebenen zusage glaubte ich mich nicht entziehen zu dürfen, obwol ich
durch andere arbeiten in ansprach genommen war und die Schwierigkeit eines solchen auf mehrere jähre
zurückgreifenden — ich glaubte etwa mit dem jähre 1885, wo Weltrichs biographie einen markstein
bildet , einsetzen zu müssen — berichtes erkante. Auf volständigkeit kann und wiU meine skizze keinen
ansprach machen, von einem ersten versuch wird man sie auch billigerweise nicht erwarten oder ver-
langen. Ich hoffe bei der fortsetzung, welche ja ruhiger die einzelnen erscheinungen verfolgen kann,
nach dieser wie nach anderen selten den wünschen der leser besser entsprechen zu können. Vor allem
gedenke ich dann auch die wichtigeren aufsätze aus Zeitschriften, von denen ich diesmal leider absehen
muste, zur besprechung mit heranzuziehen. G-. K.
76 G. KETTNER
^Mein buch ist als ein ganzes gedacM; die Verteilung des Stoffes kann sich
erst, wenn das ganze vorliegt, volständig rechtfertigen; manches, dessen aufnähme
vielleicht auf den ersten anblick befremdet, wird als teil des gesamtplanes nach und
nach erst sich erklären." Diese werte der vorrede und zugleich auch die rücksicht
auf die zahli'eichen und sehr eingehenden besprechungen , welche das buch bei sei-
nem erscheinen gefunden hat, veranlassen mich hier nur kui'z die eigentümlichen
Vorzüge und mängel dieser neuesten Schiller -biographie zu charakterisieren.
So sehr auch die meinungen über dieselbe auseinandergiengen, so reichüch
auch der Verfasser lob und tadel geerntet hat — vorzugsweise wol lezteren, da er
durch sein leidenschaftliches auftreten „in eigner Sache" gegen Hepp selbst die erwar-
tungen möglichst hoch gespant und der kritik den strengsten massstab in die band
gedrückt hatte — , das eine wird jeder unbefangene anerkennen müssen, dass hier
seit Hoffmeister zum ersten male wider eine biographie des dichters unternommen
ist, die allen wissenschaftlichen ansprüchen zu genügen vermag. — Ich will
gewiss die Vorzüge des trefhchen buches von PaUeske nicht verkennen imd bedaure
aufs lebhafteste , dass Weltrich in der vorrede so absprechend über dasselbe geui'teilt
hat, bedaure es, dass er ihm „rhetorik und declamation" vorwirft, zii der er selbst
doch nur zu sehr neigt, aber das lässt sich nicht leugnen, an die gründlichkeit in
der heranziehung und benutzung der quellen, durch welche die neue biographie sich
auszeichnet, reicht die ältere nicht heran. Ja oft verführt die strenge gewissenhaf-
tigkeit den Verfasser zu übertriebener Sorgfalt; indem er von seinem verfahren uns
überall rechenschaft abzulegen bemüht ist, erlässt er uns nicht die mitteilung des
ganzen detaüs, arbeitet er einzelne abschnitte zu selbständigen kleinen Studien aus.
Auch in der Würdigung der werke Schillers überragt Weltrich alle jene Vorgänger.
Seine kritik umfasst mit gleicher schärfe und gleicher hebe die schulreden wie die
medicinischen abhandlungen und die Jugendgedichte, sie bricht ab in einer muster-
gütigen ästhetisch -kritischen betrachtung der räuber; überall komt bei der beurtei-
lung der ütterarhistorische Standpunkt zu seinem vollen rechte. Etwas zu weit aus-
gesponnen ist freihch auch hier manches, was brauchte z. b. in einer biographie die
Schubartsche erzählimg, welche die quelle der Eäuber büdet, in extenso abgedruckt
zu werden? war es nötig, einzelne Jugendgedichte so eingehend zu besprechen, dass
z. b. der elegie auf "Weckherlin allein zwei selten eingeräumt wurden?
Dies führt uns auf den haupts-orwurf, den man dem werke gemacht hat und
gegen den ihn auch der geleitsbrief Vischers (Allgem. ztg. 1885 s. 3609 fgg.) verge-
bens zu schützen gesucht hat: die composition des werkes weist erhebliche mängel
auf. Nicht bloss, dass die anordnung nicht übersichtüch genug ist, dass der Verfas-
ser sich zu oft in einzelheiten vertieft und die biographie fast zu einem reperto-
rium für alle Schillerfragen ausweitet, er unterbricht sogar den Zusammenhang dm'ch
betrachtungen, die gelegentlich zu excursen anwachsen. In s. 37 — 58 z. b. gibt die
frage nach dem Zusammenhang des dichters mit seiner heimat dem Verfasser die
veranlassung zu einer Charakteristik der Scliwaben, welche uns bis in die zelten der
vöLkei-wanderung, ja bis auf Tacitus zurückfühi't !
Die darsteUung des Verfassers strebt meist mit glück nach sinlicher anschau-
lichkeit, energischem, packendem ausdi'uck. Das vorbild Fr. Vischers scheint nicht
ohne einfluss auf dieselbe gewesen zu sein, namentlich in der besprechung der Räu-
ber mahnt manches an heblingswendimgen des alten meisters. Freilich ist sein Vor-
bild nicht ungefährlich, und den abweg ins rhetorische, ja phrasenhafte hat der Ver-
fasser nicht immer vermieden. Er wirft, wie schon erwähnt, PaUeske das deklama-
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR 77
torische vor und doch — wie deklamiert er selbst z. b. s. 281 über die begegnung
Schillers mit Goethe!
Indessen, so manches man auch an dem buch anders wünschte, niemand
wird sich dem bedeutenden eindruck des ganzen entziehen, jeder wird fühlen, dass
hier unserer Schiller-litteratur ein werk geschenkt ist, dem kein anderes an die
Seite gestelt werden kann. Mag der Verfasser diu'ch die hervorgehobenen mängel
auch die Wirkung seines werkes auf weitere kreise, die er offenbar beabsichtigte,
beeinträchtigt haben: für das Studium des dichters hat er ein fundament zu legen
begonnen, das für lange zeit dauern wird. „Man hat, \m\ mit Vischers worten
zu scliliessen, bei dem Verfasser das gefühl, wol geborgen zu sein. Es hat zur
grundlage den eindruck der grossen gewissenhaftigkeit, der ehrUchkeit, die sich
kaum genug tun kann; da nm- gerade von ilir der \'iel verweilende gang herrährt,
so verzeiht man ilm gem. Man darf vertrauen, dass er das feld, das vor ihm hegt,
mit festem schritte abschreiten wird. Er wird in der kirnst der Ökonomie fortschrei-
ten. Es geschieht grösseren, ja den grösten leicht, dass sie in ein erstes werk zu
viel hineingeben, es überfruchten; strengerer haushält lernt sich."
2) C. Hepp, Schillers leben und dichten. Mit 2 faksimiles, sowie 50 abbil-
dungen in kupferstich, photogr. lichtdruck und holzschnitt. Leipzig, bibliographisches
institiit. 1885, Vm, 602 s. 8.
Die biographie ist gleich bei ihrem erscheinen durch den leidenschaftlichen
angriff Weltrichs, welcher den Verfasser, der als procurist des bibliographischen
Instituts seiu manuscript in bänden gehabt hatte, des plagiats an demselben bezich-
tete, unliebsam bekant geworden. Dass diese anklage Weltrichs stark übertrieben
war und die entlehnungen in Wahrheit auf ziemlich unbedeutende einzelheiten zusam-
menschrampfen , ist heute wol algemein zugegeben.
Hepps buch ist für einen weiteren leserkreis berechnet. Der äussere gang von
Schillers leben mrd daiin eingehender als in den früheren Schillerbiographien geschil-
dert. Die erzählung ist im ganzen anschaulich und übersichtlich; leider aber steht
die darsteUung oft imter dem niveau, an das man auf diesem gebiet der litteratur
gewöhnt ist. der satzbau, der ausdruck sind mitunter mit solcher nachlässigkeit
behandelt, dass man nicht recht weiss, kann der Verfasser nicht besser schreiben
oder Hess ihm die eile , in der sein buch — nach den von Weltlich gegebenen andeu—
tungen zu schliessen — entstand, keine zeit, auf die form zu achten. Die wunder-
lichsten tri\'ialitäten kommen zum Vorschein, wenn der Verfasser den gang der hand-
lung mit parabasen unterbricht, wenn er z. b. bei Schillers emennung zum hofrat
oder bei der Verlobung desselben gegen titelsucht und adliche arroganz jener zeiten zu
felde zieht; die gemeinplätze und Schlagwörter, die dann vorgebracht werden, erin-
nern lebhaft an den seligen Johannes Scherr, nur dass die drastische spräche des
lezteren hier in das allergewötuilichste zeitimgsdeutsch übersezt ist.
Das schlünste aber in dem buche sind die — glücklicherweise kiu'zen —
besprechungen der einzelnen werke. Mit einer fast verblüffenden naivetät werden
hier uiieile ausgesprochen, die, wie man zu sagen pflegt, „einen empfindhchcu män-
gel an algemeiner büdung verraten." SoU mau lachen oder äi'gerlich werden, wenn
man in einer Würdigung der braut von Messina (s. 555) liest: „Merkwürdig ist, dass
in der zeit seiner höchsten blute bei dem heitern volk der Griechen, welches sich
das ganze leben zum feste zu gestalten stets bemüht war, ein so trostloses
pfaffenmärchen (!!) wie die Oedipussage noch geltung genug haben konte,
78 G. KETTNER
um dem tragischen dichter einen brauchbaren Vorwurf zu bieten. Dagegen das ernste
gebii'gsvoDc der Schweiz . . . wie ^ael grösser denkt es von der menschenki-aft , indem
es . . . die sage vom Teil erfindet zum beweis dass gott der auf bewahrung
des rechts, auf die erringung der freiheit gewanten tatkraft den sieg verleiht."
Oder s. 542: „Über den gebrauch des chors erklärte sich Schiller selbst im
Vorworte; einen bedenklichen stoss erleiden freilich die dortigen aus-
fühningen durch den zweifei, welchen der chor Manuels an der eignen
daseinsberechtigung (in diesem drama) in den versen äussert: „Sage was wer-
den wir jezt beginnen usw. Die herreu fangen alsdann eine Unterhaltung
an, die sich als blosse ausfüllung erweist und, so grossartig sie ist, wenigstens in
ihrem ersten teüe, doch unter diesem eingange zu leiden hat."
Hier hört die naivetät doch auf, noch naiv zu sein.
Die porträts sind, soweit sie im Lichtdruck hergestelt siud, gut, nur mitunter
etwas zu weich, widergegeben-, die holzschnitt-poiti'äts scheinen nach bekanten cliches
gemacht, die landschaften sind zwar malerisch aufgefasst, aber sehr flüchtig und
verschwommen behandelt.
3) Frauz Anders, Schillers flucht aus der heimat. Berlin 1887. H. Gärtner
(H. Heyfelder). — 37 s. 4. (Progr. des Leibniz - gymnasiums.)
Der Verfasser mll die sitliche berechtigung der flucht Schillers prüfen. Zu
diesem zwecke hält er es für nötig, „die acten dieses processes mit möglichster ge-
nauigkeit durchzugehn." Von der entlassung Schillers aus der Karlsschule an bis
zu dem scheitern seiner lezten versuche der Versöhnung mit dem herzog werden aUe
wesentlichen punkte seines lebens behandelt, die -gichtigeren briefe und erlasse, mit-
teüungen Streichers, Chiistophinens usw. in extenso abgedruckt. — Nachdem der
Verfasser sodann die urteUe derer, welche dem dichter nahestanden, über jene tat
angeführt, wägt er selbst recht und unrecht in derselben ab. „Es ergab sich ein
konfUkt der pflichten, der pflicht der treue gegen den ihm von gott gegebenen beruf
und der des gehorsams gegen die obrigkeit." Er findet, dass „in diesem process
zwischen fürst und dichter der innere tragische konflikt zweier aneinander grenzen-
den Perioden zum austrag kam", wobei „herzog Karl die dem Untergang geweihte
alte, SchiUer die sieghafte neue Weltanschauung vertrat", und so „trägt er kein
bedenken, auf Schiller das wort anzuwenden: Ihr solt gott mehr gehorchen, als den
menschen." „Auch an Schiller war des geistes nxf ergangen: geh hin, du solst auf
erden für- mich zeugen ! Kraft dieses rechtes , das er als Vertreter der höheren wahi--
heit gegenüber einem sich zu grabe neigenden Zeitalter besass, hatte er auch die
pflicht, sich selbst, das gefäss jener Wahrheit, vor dem Untergänge zu bewahren,
ausserhalb seiner heimat, die ihn mit geistigem tode bedrohte, ein asyl der freüieit
zu suchen." — "Wenn man dies liest, so hat man unwükürüch den eindruck, als ob
man eine scene aus Laubes Karlsschülern deklamieren hörte. Man vgl. akt IV sc. 3
und 5, wo in den gesprächen zwischen dem herzog und Schiller resp. Franziska
schon ganz ähnliches zu finden ist.
"Wei-tvoller ist der historische teü. der schiift. Die ereignisse werden klar und
übersichtlich geschildert. Leider hat der Verfasser die neuere Htteratur nicht genü-
gend berücksichtigt. Besonders auffallend ist, dass er Weltrichs Schiller - biographie,
welche doch in dem schon 1885 erschienenen ersten halbbande die ersten von ihm
berichteten Vorgänge ebenfals behandelt, gänzlich ignoriert; er hätte z. b. den von
üun s. 7 — 8 abgednickten brief an Petersen dort s. 347 in einem viel genaueren
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR 79
abdruck gefunden. Auch, die sehr eingehende Untersuchung der Graubündner ange-
legenheit von Ferdinand Vetter (in SchnoiTS archiv Xu, 1884, s. 404—448) kent
er nicht; vor allem für die Chronologie, dann für die beurteilung Am Steins usw.
war sie von Wichtigkeit.
4) E. Keller, Schillers besuch in Schwaben 1793 — 94 und das gedieht: „Die
Ideale.'' — Festschrift der badischea gymnasiea, gewidmet der Universität Heidelberg
zur feier ikres 500jährigen Jubiläums. Karlsruhe, G. Braunsche hofbuchdruckerei.
1886. 4. — S. 61—96.
Kap. I „die jahi-e des kummers" schildert das Verhältnis Schillers zu seinem
eltemhause während der Mannheimer zeit, kap. 11 „Lotte" die anknüpfuug mit Rein-
wald, die sich zwischen Lotte und den eitern ergebenden beziehungen, den besuch
der mutter mit Nanette in Jena. Kap. III erzählt ausfükrlicher Schillers reise nach
Schwaben in den drei abschnitten: 1. Heilbronn. 2. Lud-«ägsbui'g. 3. Stuttgaii.
Kap. rV sucht die empfindungen des gedichts „die ideale" auf die wehmütigen Stim-
mungen zm-ückzuführen, welche gerade damals bei der rückkehr an die statten und
in die ki'eise, aus denen er einst i'eich an hofnungeu in die weit liinausgetreten, sich
des dichters bemächtigen musten.
Der historische teil der arbeit zieht die vorhandene litteratur im vollen umfang
heran. Zu der gewissenhaftigkeit in der samlung und sichtung des reichen Stoffes
geselt sich die klai'heit und UebevoUe wämie der darsteUung, der Verfasser ver-
steht es in Schillers gemütsieben einzudringen und uns jene glückliche episode aus
des dichters leben zu lebendiger anschauung zu bringen. Als besoaders gelungen
möchte ich. die Schilderung vom tode des Herzogs Karl und der Wirkung desselben
auf Schiller hervorheben. Eine stelle daraus erlaube ich mii- zum schluss hier mit-
zuteilen, da sie sonst in dem schwer zugänglichen sammelbande ■vaelleicht der auf-
merksamkeit vieler entgeht (s. 80):
„Als SchiUer zehn jähre später die braut von Messina schrieb, da haben ihm,
vielleicht unbewusst, aber unter dem erschütternden eindruck des kui'z zuvor ein-
getretenen todes seiner mutter, welcher das gedächtnis an die in der heimat verleb-
ten tage erneuerte, bei der Schilderung der exequien des alten fürsten (11, 5) die
officieUen hofberichte über die ausstellung und beisetzung des herzogs vor äugen
geschwebt. Diese hofberichte . . . schüdera die aussteUung der leiche folgendermassen :
„Das paradebett stand drei stufen hoch unter einem baldachin . . . Bei dem haupt
erblickte man den mit brillanten besezten herzogshut und um die Seiten
des Sarges den brillantreichen kommandostab und -degen." ... Die [von
Don Cesai" erwähnten] fackeln begegnen uns bei den feierhchkeiten in Ludwigsburg,
wo die dienerschaft „kreuzfackeln" hielt. Über die beisetzimg selbst heisst es: „Als
der leichenkondukt iu der kü'che ankam, nahm die trauermusik den anfang, der
sarg wui-de darauf unter das aufgeführte castrum doloris, welches mit Wachskerzen
beleuchtet war, aufgestelt, wo sodann solcher während des gottesdienstes
durch eine maschine unvermerkt in die unter der kapelle befindliche
gruft eingesenkt wurde." Was hat Schülers künstlerhand aus dieser ti'ocknen
beschi'eibung gemacht ! "
So recht aus dem herzen ist mir die hieran geknüpfte bemerkung des Verfas-
sers gesprochen: „Ti'otz Lettens aussprach: „Schiller fühlte die gewalt der gegen-
wart auch heftig" (nämUch wie Goethe) , hält sich die deutsche kathederphxase immer
noch an ihr ebenso altes als falsches verdikt über Schiller, welches Scherer neuer-
80 G- KETTNER
dings so formuliert: „Das eigne erlebnis scheint nicht auf seine poesie zu
wii'ken. Er arbeitet daran sich selbst zu vergessen über den dingen."'"-
II. Algemeines über seine werke, Beziehungen, einflüsse nsw.
5) Grcorg Hesse, Zum Goethe -Schillerschen briefwechsel. — Progr. des Neu-
städter realgymuasiums zu Dresden 1886. (Progr. ni-. 510.) 37 s. 4.
Die arbeit zerfält in zwei teile. Im ersten werden äusserungen über Schillers
persönhches befinden, scherzhafte oder spöttische bezeichnungen einzelner personen
aus dem engeren bekantenkreise zusammengestelt, wichtigere correcturen, welche
Eckermanns mitteüungen durch den briefwechsel erfahren, besonders solche, welche
einflüsse Goethes auf Schillers dichtung betreffen, angeführt. — Der zweite teü
(s. 9 fgg.) "will „auf gTund des briefwechsels aUe urteile und äusserungen über das
theater zusammenfassen." Der Verfasser verfährt dabei ckronologisch , die notizen
des briefwechsels werden aus anderen queUen — die aber meist gar nicht oder nur
ungenau angegeben sind — erläutert mid ergänzt; so gewint die arbeit einen vor-
wiegend biographischen Charakter.
Der Verfasser hat sich in anerkennenswerter weise bemüht, die notizen des
briefwechsels lebendig zu machen und dem leser ein anschaiiliches bild der theatra-
lischen bemühungen Schülers und Goethes zu geben. "Wäi'e es aber nicht viel zweck-
mässiger gewesen, anstatt die das theater betreffenden bemerkungen des briefwech-
sels jähr für jahi- auszuziehen und zu commentieren , sie in einen systematischen
Zusammenhang zu bringen, etwa in der weise, wie man dies schon öfter bei Les-
sings dramatiu'gie versucht hat? "Wer den Goethe - SchiUerschen briefwechsel mit
Düntzers „Übersichten und erläuterungen " in der band durchsieht, wii'd kaum dio
arbeit Hesses sehr vermissen. Dagegen wäre es, meiner meinung nach, recht wün-
schenswert, eine solche „ dramaturgie Schülers und Goethes", wie ich sie oben andeu-
tete, zum bequemen überblick zu besitzen. Die theoretischen erörterungen des brief-
wechsels würden dann neben den ki'itiken einzelner werke und dem concreten wirken
für das theater erst völlig zu ihrem rechte kommen.
6) Richard Borges, Über Schillers einfluss auf Goethes dichtmig. — Leij)-
ziger inaugui'fil - dissertation , 1886. 24 s. 4.
In kap. I bespricht der Verfasser nach einem kurzen vergleich der wesentlichen
eigentümlichkeiten Schülers und Goethes ihr Verhältnis zui- philosophie und zum
Griechentum, ,,weil gerade hierbei die merkwürdige mischung von Übereinstimmung
und gegensatz hell in die äugen springt", ferner die „armäherung ihrer lebensbah-
nen", die Vereinsamung und misstimmung Goethes nach der itahenischen reise und
entwickelt endlich aus einer kui'zen schüdening der damahgen Stellung beider dich-
ter, dass Schiller bei dem freimdschaftsbunde dui-chaus nicht etwa der wesentlich
nur empfangende gewesen sei. — Kap. 11 erzählt die anknüpfung des Verhältnisses,
die einwirkungen SchiUers auf Goethes Stimmung überhaupt und so auf seine pro-
duitivität, Schülers teünahme an der Acliiüeis, dem Faust, dem Wilhelm Meister
und den bühnenbearbeitungen älterer stücke. Kap. m fasst den „hohen anteü" ins
augo, welchen „Schiller an der Überführung Goethes von anschauung imd betrach-
tung zu beschaulichkeit und contemplation hat." Nachdem der Verfasser die gemein-
samen kunsttheoretischen erörterungen beider dichter erwähnt hat, findet er Goethe
„auf Schülers pfaden" in dem hervortreten eines bewussten künstlerischen Schaffens,
NEÜEßE SCMlLLEß-LI'TTERATtfB 81
in dem ausbilden einer streng idealen stilrichtuug und in dem hinneigen zur ideen-
dichtung.
Anzuerkennen ist die belesenheit des Verfassers und sein streben , das Verhältnis
beider dichter tiefer zu erfassen. Freilich hat er sich bei der Untersuchung desselben
nicht streng genug an die quellen gehalten, sondern viel zu sehr auf die oft recht
subjektiven auffassungen bekanter litterarhistoiiker gebaut. Er hat sich dadurch lei-
der auch verleiten lassen, den einÜuss Schillers nur in grossen zügen zu zeichnen
und, auch wo er auf einzelne werke rücksicht nimt, doch sich mit algemeinen
andeutungen zu begnügen. "Während der Verfasser jezt, wo er auf 24 selten das
ganze verhültuis beider dichter übeiiliegt , nichts wesentlich neues biingt, würde er
einen ganz anderen ertrag gewonnen haben, wenn er die Untersuchung auf einen
abschnitt beschränkt und sie dann mit heranziehung aller quellen gründlich und über-
zeugend gefülu-t hätte. Dann würde er auch sicher die selbständige künstlerische
cntwicklung Goethes nicht so volständig verkant haben!
7) Kloetzer, Schiller in seinen beziehungen zui" musik. — Progr. des gj^mna-
siums zu Zittau. 1885. (Progr. nr. 497.) 24 s. 4.
In kap. I „Eiufluss der musik auf Schiller" hebt der Verfasser hervor,
wie Schiller, obgleich er keine musikalischen kentnisse besass, doch zeitlebens eine
tiefe empfänglichkeit für die musik zeigte; besonders stelt er die Zeugnisse zusam-
men, aus denen sich ergibt, wie woltätig auf den dichter bei seinem schaffen die
musik wirkte. — Kap. II soll „Schillers tätigkeit für die musik" schildern,
beschränkt sich aber nicht auf dieses thema, welches auch wenig ausbeute gewähii
hätte, sondern zieht manches damit in Zusammenhang stehende zur erörterung heran.
Zunächst wird Schillers Verhältnis zur oper ins äuge gefasst. Der einfluss, welchen
die oper in Ludwigsburg, die sorgfältige pflege der musik auf der Karlsschule auf
die entwicklung des dichters übten, wird mit recht betont, seine Sem ele kurz bespro-
chen, dabei aber leider nui- der gang der handlung skizziert, statt dass die musika-
Hschen elemente analysiert würden. Dann behandelt der Verfasser Schillers Stellung
zu den operudarstellungen der Mannheimer bühne, seine in Weimar gefassten plane
zu opern texten, seine idee einer entwicklung der oper zu einem idealen drama, seine
bourteilung Haydns und Glucks und seine leitung der proben von des lezteren Iphi-
genie in Tauris. Der nächste abschnitt „drama" erwähnt die musikalischen ein-
lageu in den meisten dramen, die composition derselben durch Körner u. a., spe-
cieU die musikalische ausstattung von Wallensteins lager durch eingangshed , tanz-
scene und schlussHed. Der lezte abschnitt „gedichte" berührt Schillers ui-teüe und
wünsche mit bezug auf die compositionen des liedes an die freude, der glocke, des
tauehers und der geselschaftsUeder. Endlich kap. lEI stelt „Schillers äusserungen
über die musik als kirnst" zusammen.
„Die arbeit, der nur- einzelne notizen als stoif vorlagen, will auf volstäudig-
keit keinen ansprach erheben. Manche gebiete, wie die musik im musenalmanach,
beziehungen zu verschiedenen komponisten und künstlern, konten nicht berührt wer-
den, teils weil ihr q,ls programm gewisse schranken gezogen, teils auch manche
quellen nicht zugänglich waren." Dieser epilog des Verfassers legt der kritik rück-
sichten auf. Dankenswert ist der vorliegende versuch, eine sonst wenig beachtete
Seite in Schillers künstlerischer entwicklung einmal im Zusammenhang zu verfolgen;
dass er sich ohne grosse mühe gründlicher und ergebnisreicher wider aufnehmen
Hesse, liegi auf der band. Schon der briefwechsel mit Körner, aus dem der ver-
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PUrLOLOGIE. BD. XXI. 6
82 G. KETTNER
fasser hauptsächlich schöpft, hätte viel mehr ausgonüzt werden können. — Nicht
bloss von Naumann, sondern auch von Zumsteeg und Weber wuj'de Schiller zu
einem operntext aufgefordert. — Doch auf eine vermehnmg der einzelnen notizen
über die beziehungen Schillers zur musik komt im gründe wenig an; vor allem
müsten die musikalischen elemente in seinen dramen nachgewiesen werden.
Der Verfasser beschränkt sich eigentlich nur auf die paar eingelegten lieder; er hätte
viel mehr auf die oft ganz musikalische composition achten sollen, auf die opern-
haften Ouvertüren und finale (das opernhafte liegt nicht bloss im seenarischen),
auf den oft ganz nach art eines duetts componierten dialog (besonders in
der Jungfrau und im Teil), auf die melodramatischen scenen, besonders die
wesentlich als monodram gedachten monologc der späteren dramen usw. Auch
der einfluss Glucks lässt sich z. b. in der braut von Messiua bis in einzelheiteu
nachweisen *.
8) Otto Schanzenbach , Französische einflüsse bei Schiller. Programm des
Eberhard- Ludwigs -gymnasiums in Stuttgart. 1885. (Progr. nr. 538). 52 s. 4.
Mit recht hebt der Verfasser in der einleitimg hervor, dass unseren grossen
dichtem, abgesehen von der antike „keine fremde spräche und litteratur so nahe-
getreten ist wie die französische; alle haben vortreflich französisch verstanden, wie
man es bei der gegenwärtigen generation von dichtem imd Schriftstellern nicht mehr
triff; mit recht betont er, dass speciell „Schiller von den jünghngsjahren an bis
zulezt in den engsten beziehungen ziu' französischen spräche und litteratui" des 17.
imd 18. Jahrhunderts gestanden."
Zunächst wird darauf hingewiesen, wie die einrichtungen der Karlsschule
wesentlich französischen chai'akter trugen und einen wie breiten räum im Unterricht
die französische spräche einnahm. „So ist das französische für Schiller zeitlebens
die einzige fremde spräche geblieben, die er bis zu einem gewissen grade besass, so
dass er französische bücher mit lust und leichtigkeit las und sich auch mündlich in
dieser spräche ziemlich fertig ausdrücken konte."
Besprochen wird dann der einfluss Rousseaus, wie er in den Räubern,
Fiesko, Cabale und Hebe (hier specieU auch derjemge der Nouvelle Heloise) hervor-
tritt; beim Fiesko werden ferner die französischen historischen quellen berücksich-
tigt. • — Anderseits wird durchaus zutreffend die ablehnende haltung gewürdigt,
welche Schiller damals gegen die französische dichtung einnimt.
Einen einfluss der lezteren constatiert der Verfasser erst vom Don Carlos an.
Neben der benutzung der novelle des St. Real nimt er mit Heller- eine solche des
Andronic von Campistron an; in der spräche des Don Carlos findet er ferner „weit
mehr als in anderen dramen" gaUizismen.
In den politischen ideen des Don Garlos verrät sich der einfluss von Mou-
tesquieus Esprit des lois. Von tiefgreifender bedeutung für SclüUers darstelluug
wird dann seit der Dresdener zeit das vorbild Diderots. ,,Von Diderot hat Schü-
ler erzählen gelernt" (s. 21). Daneben gewinnen die liaisons dangercuses
1) Ich hoffe diese andeutungeil demnächst in dieser Zeitschrift weiter ausfüliren zu köimon.
2) Vgl. dagegen die ausführliche kritik der Hellerschen hypothese in dem unten s. 93 besproche-
nen buche von Löwenherg.
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR 83
des Laclos^ Voltaires Charles XII und die Contemporaines des Retif de
la Bretoune sein Interesse.
Bei seinen historischen Studien sehen wir ihn wider hauptsächlich von fran-
zösischen werken umgeben. Erwähnt werden besonders Millot, Barthelemy,
Ani[uetil, Vertot und die samlung der Memoires.
Damals nahm SchiUer auch au den politischen Verhältnissen in Frankreich leb-
liafteu anteil. Die revolution brachte ihm das bürgerdiplom und regte in ihm den
plan einer Verteidigungsschrift für Ludwig XVI an.
Bald wante er sich wider aesthetischen Studien und der dichtkunst zu. Der
Standpunkt, den er jezt der französischen htteratur, speciell dem drama gegenüber
gewonnen hat, wird genauer geschildert, seine urteUe über französische Schriftsteller
zusammengestelt, die benutzung von Brumoys theätre greo erwähnt uud endlich
seine Übersetzung von Racine s Phedre und der zwei lustspiele des Picard charak-
terisiert, dabei wider eine reihe von gallizismeu aufgezählt.
Den abschluss büdet die besprechung seiner Zusammenkunft mit der Stael.
Anknüpfend an Schillers äussening: „Frau v. Stael hat mich aufs neue in meiner
(It'utschheit bestärkt, so lebhaft sie mir auch die vielen Vorzüge ikrer nation vor der
unsrigen fühlbar machte"- sieht Sohanzenbach in dieser begegnung „etwas ergreifen-
des, man möchte sagen pro^ädentielles (!). Es ist, als hätte Schiller noch einmal
vor einem glänzenden geiste in lebendigster disputation eine prüfung (!!) ablegen sol-
len von seinem lernen und lehren, streben und schaffen."
Der Verfasser entrolt uns ein reiches und lebendiges bild von Schillers bezie-
liungen zu französischem wesen. Er hat es verstanden, den mannigfachen stoif
übersichtlich zu behandeln, indem er neben der chronologischen folge auch den inne-
ren Zusammenhang klar hervortreten lässt und überall die hauptpunkte scharf her-
vorhebt. Wii'd hierdurch schon die lektüre seiner Untersuchung zu einer fesselnden,
SU noch mehr durch die neuheit des resultates. AVenn auch wenige der von ihm
augeführten tatsachen an sich neu sind — das dtirch die Vereinigung derselben
gewonnene gesamtbüd wirkt geradezu überraschend. Möchte es dem Verfasser gefal-
len, dasselbe bald noch weiter auszufühi-en; für- einen punkt, die frage, wodurch
die nationalversamlmig bewogen wurde, dem sieiir Gille das bürgerdiplom zu ertei-
len, verspricht er selbst eine genauere Untersuchung. Dann würden auch wol fol-
gende mängel der arbeit beseitigt werden:
1) Auf die einschlägigen arbeiten anderer wird nicht die gebührende rücksicht
genommen. So hätte doch z. b. s. 10 fg. Johannes Schmidt, Schiller und Rousseau,
KerLLn 1876 (in Virchows und Holtzendorffs samlung, serie XI, heft 25G). zu s. 46
.M. Maafs, Racines Phedre in den beiden Übersetzungen von SchiUer und Viehoff
(inHerrigs archiv, bd. XXXIV, 1863, s. 299 — 326) erwähnung verdient; s. 29 beider
angäbe, dass die quelle zum gang nach dem eisenhammer in den Contempo-
raines zu suchen sei, wäre doch ein hinweis auf Götzinger am platze gewesen.
Besonders vermisst man diese berücksichtigung der vorhandenen Htteratur s. 27.
Schanzenbach folgt hier Hettners annähme (litteraturgesch. des 18. jahi'h. III, 3, 2'
1) Der Verfasser hätte noch auf das distichon im Xenien - manuscript hinweisen können (Goedeke,
histor. -krit. ausg. XI, s. 155 nr. 18), -welches wol irtümlich Goethe zugeschrieben wird:
Die gefährlichen Verbindungen.
Warnung reitzet uns oft , ich seh' es , denn jegliche Schöne
Liest und wünscht insgeheim sich der Verbindung Gefahr.
6*
84 G. KETTNEK
s. 143), dass Schiller die abhandlung über die gesetzgebung des Lykurgus und Solon
aus Barthelcmy^ Voi/ar/e du jeiine. Anacharsis en Orece übersezt habe, wie dies
u. a. die form Salamine beweise. Er scheint nicht zu wissen, dass in der Hem-
pelscheu ausgäbe XV, 77 (wol von ßoxberger) dagegen bemerkt wird, „wie Hett-
uer die beliauptung aufstellen konte, der aufsatz sei nicht von Nast, sondern aus
Baiiheleniy entlehnt, ist unerfindlich"; andernfals würde er sich schwerlich mit der
anführung eines von Schiller erweiterten citates aus Barthelemy begnügt haben.
2) Die citierweise des Verfassers ist oft recht ungenau. So heisst es z. b. bei
einem wichtigen citat s. 35: „schrieb er einmal" — gemeint ist der brief an Körner
vom 13. mai 1801 {IV, 217). Welche schiefen auffassungen durch solch nachläs-
siges eitleren entstehen, sieht man s. 33: „In der aesthetik war ihm Batteux (Les
beaux-arts reduits a un meme principe) bisher führer gewesen (an Körner, jan.
93)." In dem hier allein in betracht kommenden brief vom 11. Januar (HI, 1) wird
aber Batteux nur mitten zwischen 8 anderen autoren und „5 oder 6 schlechten
compendien" als bereits in Schillers besitz befindlich erwähnt, von einem einfluss
desselben steht keine silbe da!
3) In der annähme von gallizismen hätte der Verfasser voi'sichtiger sein
sollen, vollends zu der algemeinen behauptiing, bei SchiUer „fänden sie sich weit
häufiger als bei irgend einem unserer klassiker" fehlt jede grundlage! quis enim.
scrutatus est? möchte icb mit Tacitus fragen. — Der dativ des persönlichen Objekts
in dem von lassen abhängigen Infinitivsätze, den der Verfasser s. 45 Schiller als feh-
ler vorwirft, ist besonders bei wissen u. ähnl. bei den Schriftstellern des vorigen
Jahrhunderts ganz üblich; ich nenne z. b. Lessing. In der Miüna von Barnhelm^
sagt das fräulein III, 12: „Wenn er mir diesen stolz zu stark merken lässt — ."
Überhaupt empfehle ich dem Verfasser dies „erste deutsche lustspiel", welches sich
so scharf gegen französisches wesen überhaupt und französisches parlieren im beson-
deren wendet, einmal nach vermeintlichen gallizismen zu durchstöbern! Würde
für ihn nicht AVerners „Es lernt sich wol." (III, 7) ganz fi-anzösischen klang
haben? — Doch zurück zu Schüler! Warum „der junge mann wird seinen weg
machen" ein galüzismus sein soU, sehe ich nicht ein, Lexer weist im DWB. VI,
1368 sowol diese, als eine menge ähnlicher Verbindungen nach. „Bei ihr macht er
den empfindsamen" ist nicht eine falsche nachahmung von faire = spielen, sondern
gut deutsch, Lexer führt DWB. VI, 13G6 ein beispiel aus Fischart und eine menge
aus Goethe, J. Paul u. a. an! Derselbe zeigt auch s. 1367, dass SchiUer im Para-
siten, wo es darauf ankomt, eine nuance zwischen den redliehen mann spielen
und den spitxbuben machen mit feinem Sprachgefühle einführt; daraus mag man
ermessen, was es mit dem urteil des Verfassers auf sich hat, „solche stellen bewie-
sen die energielosigkeit [des deutschen Sprachgefühls des Übersetzers!"
Berechtigt scheint auf den ersten anblick der tadel folgender Übersetzung zu sein :
(Parasit I, 2) Voilä La Roche! — Lui-metne
Kommt da nicht La Roche? — Er selbst.
wenn man auch schwerlich mit dem Verfasser dafür wird sagen wollen: Ja, er;
sondern einfach Ja oder er ists. Indessen wie übersezt A. W. Schlegel doch den
anfang des Hamlet? Franc. Bernardo?
Bern. He.
Schlegel: Bernardo? — Er selbst.
1) Andere beispiele fiihi-t Lexer aii in Grimms würterb. VI, 232, 2; sie gehen zurück bis auf
Schuppius.
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR 85
■während er vorher: Bern. Who's there? — Nay, answer me: stand, and unfold
yourself, obgleich es auf dea gegensatz ankam, einfach widergegeben hatte mit:
Wei- da? — Nein mir antuortet: steht und geht euch kund. Ja, zu den versen:
Bern.: Whatl is Horatio there?
Hör.: A piece of him.
bemerkt DeHus: ,,Ein stück von ihm" scherzhaft für ,,Er .selbst.'-' Und diese
scherzhafte bedeutung hat im gründe auch das Er selbst, stUschweigend wird der
gegensatz vorausgesezt i(7id kein anderer; an einen gallizismus ist auch nicht ent-
fernt zu denken.
4) An druckfehlern ist die arbeit nicht arm. S. 17 ist zweimal in reinen
freien Jamben gesezt, wo es reim freien heissen muss. Der brief an Körner
s. 38 ist vom 12. febr. 88, nicht 89, in demselben ist ferner Er führte mir statt
Ich zu lesen. Den satz s. 44 mitte: ,, Beweisen solche stellen überhaupt dafiii', wie
tief Schiller manchmal im französischen diinsteckte , für die energielosigkeit des deut-
schen Sprachgefühls des Übersetzers usw." verstehe ich nicht, wahrscheinlich liegt
ein Schreibfehler vor. Ebenso ist s. 50 „über die „rotonde" (statt „rotunde") im
büd von Sais lesen wir uns leicht hinüber" wol hoffentlich nur ein druckfehler;
es wäre doch sonst gar zu ärgerlich, wenn der Verfasser da, wo er Schiller fehler
gegen die deutsche spräche vorrückt, selbst nicht „frei von schuld und fehle"
sich zeigte.
9) A. Ruhe, Schülers einfluss auf die eutwickelung des deutschen national-
gefühls. — Programm des gymnasiums zu Meppen. 1887. (Progr. ur. 296.) 34 s. 4.
S. 1 — 10 schildert der Verfasser, -wie gegenüber den revolutionären Strömun-
gen der zeit, dem verfall des politischen, socialen und sitlichen lebens sich der kos-
mopolitische humanismus bei den trägern der deutschen litteratur entwickelte, s. 11
— 16, wie auch Schiller zunächst ganz unter dem banne desselben steht. Im fol-
genden wird dann ausgeführt, dass Schüler almählich infolge seiner hinwendung zur
geschichte und unter dem eindruck der zeitei'eignisse auch in seiner dichtung den
extremen Standpunkt des Weltbürgers verliess, wenn auch eine nationale tendenz
ihm fernlag, er vielmehr nur indirekt durch „die stül wirkende macht schöner gei-
stes- und Charakterbildung die menschen für den kämpf der freiheit gegen wilkür
imd gewalt zu rüsten" meinte.
Die arbeit bricht, wie man sieht, gerade da ab, wo sie üirem eigentlichen
thema näher zu treten im begiiff ist. Betrachtet man sie demnach nur als eine ein-
leitung, so wird man anerkennen müssen, dass sie den leser in klarer und ausrei-
chender weise über Schülers nationalen Standpunkt orientiert, und man wü'd mit dem
Verfasser nicht deshalb rechten, dass er mehrere äusserungen SchiUers nicht benick-
sichtigt imd dass er bei denjenigen, welche er anführt, nicht immer streng genug
zeit und lun stände ins äuge fasst.
10) Robert Boxberg:er, Das ahnungsvolle in Schülerschen frauencharakteren.
Posen, L. Merzbach. 1886. (Deutsche vortrage. Viertes heft.) 30 s. 8. 0,50 m.
Das muster eines Vortrags de omnibus in Universum et quibusdam aliis! —
Die einleitung komt von einer bemerkung über die zeitgenös.sischen kritiken der werke
Schülers auf Eörners äusserung (IV, 140), Thekla spreche in den Piccolomini im
ton einer Kassandr a. Dann werden folgende punkte behandelt: 1) Die darstellung
86 G- KETTNER
des „ götterverächters " Ajas Oileus in dem ,, siegesfest" und seine angebliche repro-
duktion* im Talbot der Jungfrau von Orleans, die sterbescene des leztereu wird aus-
führlich widergegeben. 2) Die grundstimmung in dem zuerst genanten gedichte.
3) Die Schiller vorliegende tradition über Kassandra. 4) Boxbergers eigener entwurf
einer tragödie Kassandra. 5) Das visionäre im Charakter Wallensteins. 6) Das visio-
näre in dem Charakter der Kassandra in Aeschylos Agamemnon. 7) Die grundstim-
mung des gedichtes Kassandra. 8) Ein vergleich der Situation Theklas mit derjenigen
der Kassandra, der sich schliessüch in lauter citate aus dem WaUenstein verliert.
9) Biblische einflüsse auf die Jungfrau von Orleans. 10) Das prophetische in der-
selben.
Man erkent wol dunkel einen faden, der alle diese punkte verknüpft, indessen
bei der unerhört nachlässigen darstellung des Verfassers ist es oft fast unmöglich,
denselben zu verfolgen. Das fortwährende abschweifen von dem begonnenen gedan-
ken, die wirre anhäufung oft ganz zweckloser und trivialer notizen ist auf die dauer
kaum erträglich. "Was der Verfasser in dieser beziehung seinen lesem zumutet,
mag man aus folgender stelle ersehen (s. 25): „Hervorheben möchte ich, dass es
[in der Jungfrau von Orleans] nicht bloss die sagen des klassischen altertums
sind, die Schiller zu seiner Schöpfung angeregt haben, sondern ebenso die erha-
bene und schwungvolle spräche der bibel. Ja die im tui'me gefangen sitzende
Jungfrau beruft sich ausdrücklich auf das vorbild Simsons, der, geblendet und
gefesselt, nach langen jähren wider die göttliche kraft in sich fühlt und sich mit
seinen feinden unter den trümmern des von ihm eingestürzten gebäudes begräbt."
Nach dem citat „Du halfst dem Simson usw^" heisst es dann weiter: ,,Simson ist
richter in Israel, er ist ein nasiräer, ein gottgeweihter, der als solcher kein
scheermesser an sein haupt kommen lassen darf usw. ... Die zeit der richter
ist überhaupt die heldenzeit des israelitischen volks, und es wäre eine
dankbare aufgäbe, die drei mythischen heldenjünglinge der drei grossen kulturvölker
... in parallele zu stellen. Aiich eine richterin und prophetin, Deborah,
her sehte damals über Israel, die mit Barak auszog in den kämpf gegen Jabin,
diesen in die flucht schlug" usw. — Man wii'd mir zugeben, dass der hier sich
verratende mangel an zucht der gedanken fast peinlich würkt. Daneben
wimmelt die ai'beit auch von Unklarheiten und geschmacldosigkeiten im einzelnen.
Als Stilblüte führe ich an (s. 14): „In der nächsten nacht erleuchtet Sinons fackel
auch ihnen [den Trojanern] die nacht des geistes und schreibt mit flamraenschrift
Laokoons namen als den eines märtyrers für sein Vaterland in das buch der
geschichte. "
Boxberger gilt mit recht als einer unserer besten Schillerkenner, seine durch
eine seltene belesenheit unterstüzte, unermüdliche tätigkeit in erschliessung neuer
quellen für die kentnis und das Verständnis Schillers verdient volle anerkennimg. Um
so mehr ist es zu bedauern, dass er ein so formloses elaborat veröffentlichen konte.
III. Gesamtausgaben.
11) Schillers werke, herausgegeben von R. Boxherger. Stuttgart und Leip-
zig 0. j. "W". Spemann. Jeder band 2,50 m.
1) Boxberger sagt wörtlich, ScMlor habe denselben „zunächst im siegesfest in eigner person
auftreten lassen und in der Jungfrau von Orleans als Talbot reproduciert", -während doch das gedieht
dem jähre 1803 angehört, das drama 1801 vollendet wurde.
NF-ÜEKE SCHILLER - LITTERATUR 87
Bd. III. Räuber, Fiesko in beiden bearbeitungen.
Bd. IV. Kabale und liebe , Don Karlos , mit dem ersten druck und der bühnen-
bearbeitxing des D. K.
Bd. Vn. Übersetzungen und bearbeitungen fremder lustspiele und bühnenbearbei-
tuugen fremder stücke.
Bd. Vin. Körners vormittag. Oberen. Malteser. Narbonne. Scliiff. "Warbeck.
Agrippina. Braut in Ti'auer. Eosamunde. Lustspiel im geschmack von Goethes
bürgergeneral. Polizei. Themistokles. Gräfin von Flandern. Flibustiers. Her-
zogin von ZeUe. ELfride. Demetrius.
Bd. X, 1. Universalgeschichte. Abfall der Niderlande.
2. Historische memoires. Kleine historische Schriften.
Bd. XI. Dreissigjähriger krieg.
Bd. XII, 1. Kleinere philosophische Schriften.
2. Philosophischer nachlass. Angewante ästhetik. Medizin. Juvenilia.
(== Deutsche nationallitteratur, historisch - kritische ausgäbe von Josef Kürschner,
bd. 120. 121. 124. 125. 127 — 129.)
Diese ausgäbe ist ohne zweifei für weitere kreise die brauchbarste aller bisher
erschienenen. Zwar bedingte der plan der samlimg ein absehen von den verschiede-
nen lesarten und eine anbequemung an die heutige Orthographie; aber wenn der text
auch nicht streng wissenschaftlich, wie in der grossen historisch - kritischen ausgäbe
von Goedeke, widerhergestelt ist, so ist er doch mit grosser Sorgfalt bearbeitet.
Ausserdem aber bietet die ausgäbe alle zum Verständnis nötigen hilfsmittel in bequem-
ster weise. In den einleitungen wird der leser kui'z aber doch genau über die ent-
stehung der einzelnen werke orientiert, in den anmerkungen werden die wesentlich-
sten parallelen, queUennach weise und erklärungen gegeben. Zwar decken sich diese
anmerkungen zum grossen teile mit den in den späteren bänden der Hempelschen
ausgäbe (welche ja wol auch von demselben herausgeber besorgt sind) enthaltenen,
doch sind die erforderlichen hinweise auf die inzwischen erschienene Ktteratur soi'g-
fäl'tig nachgetragen. Unter den Vorzügen, welche diese ausgäbe vor der bisher so
empfehlenswerten Hempelschen besizt, möchte ich noch besonders auf folgende auf-
merksam machen. In bd. HI ist der bei Hempel von W. v. Maltzahn seltsam genug
nur bruchstückAveise mitgeteilte, zuerst 1880 von dem buchhändler A. Cohn volstän-
dig pubücierte, unterdrückte bogen der Eäuber zum ersten male in eine Schiller-
ausgabe aufgenommen (auch Goedeke konte niu- die Hempelschen bruchstücke geben);
ebenda ist die theaterbeai'beitung der Räuber — leider mit einigen wilküi'lichkeiten
in der interpunktion, die doch für die art, wie Schiller sich die declamation dachte,
sehr bezeichnend ist^ — und des Fiesko abgedruckt. In bd. IV werden zum Don
Carlos nicht bloss, wie bei Hempel der erste plan des Stückes, sondern auch der
erste druck aus der Thaha, die bühnenbearbeitung und die novelle des St. Real in
der in Eisenach erschienenen Übersetzung (auf die Schiller selbst verwies) hinzuge-
fügt. In bd. Xn, 2 ist der urtext der briefe über die ästhetische erziehung nach
der von Michelsen in Rodenbergs Deutscher rundschau erfolgten Veröffentlichung
aufgenommen. Dagegen muste die in denselben band gehörende lateinische disserta-
tion natürhch ausgeschlossen bleiben.
1) Es ist z. b. in dieser hinsieht ein unterschied, ob act FV, sc. 17 die theaterausgabe (s. 132)
Moor sagen lässt 0 ich blöder! blöder! blöder tlior! oder ob B. (s. 202, 2) die ausnifimgszeichen in kom-
mata verwandelt (dass er nicht et^'a principicll die Lnteqmnktion modernisiert hat, zeigt ein blick
in das stück).
G. KETTNER
IV. Gedichte.
12) Heinrich Vielioff, Schillers gedichte erläutert und auf ihre veranlassun-
gen, fjuellen und Vorbilder zurückgeführt nebst variantensamlung. Sechste umgear-
beitete aufläge. Bd. I. Gedichte der ersten und zweiten periode. XXVIII, 290 s. —
B. II. Gedichte der dritten periode; erste abteilung: das jähr der ideendichtung und
das epigrammenjahr 1795 und 1796. 214 s. — Bd. III. Gedichte der dritten periode;
zweite abteilung. Vom balladenjahr bis zu Schillers tode. 1797 — 1805. 252 s. —
Stuttgart, Verlag von C. Conradi. 1887. 7 m.
Nur der anfang der neuen ausgäbe ist von Viehoff (f 5. aug. 1886) besorgt,
die neubearbeitung hat der hauptsache nach sein Schwiegersohn V. Kiy durchgeführt.
Viel mühe hat sie ihm schwerlich gemacht. Die sechste aufläge ist im wesentlichen
ein abdruck der fünften, nur ist wider wie in der dritten die chronologische anord-
nimg befolgt und eine reihe von Schiller verworfener gedichte mit abgedruckt. Auf
die neixere litteratur ist fast nirgends rücksicht genommen. Zu dem gedichte „der
eroberer" werden daher mu' einige recht obeiilächliche , schiefe, zum teil phrasen-
hafte bemerkungen gemacht, die sehr gründliche Interpretation und beurteilimg des
gedichtes von Chr. Jeep (in den N. jahrbb. f. phil. u. pädag. 11. abt. 1869, s. 421 —
436) existiert für den Verfasser nicht. Ja selbst die einwände, welche G. Hauff in
seinen Schillerstudicn (Stuttgart 1880) gegen einzelne deutungen Viehoffs erhoben
hat, sind, soweit ich es kontrollieren konte, von dem herausgeber einfach ignoriert
(vgl. z. b. Hauff s. 222 mit Viehoff HI, 1.33). — So ist der commentar erheblich hin-
ter den anforderimgen , die man jezt an einen solchen stellen muss, zurückgeblieben.
13) C. H. Manchot, Martin Crugot, der ältere dichter der imüberwiadlicheu
flotte Schillers. Mit einem bildnisse. Bremen, vorlag von C. W. Eoussel. 1886. —
61 s. 8. 1 m.
Im zweiten heft der Eh. Thalia von 1786 veröffentlicht Scliiller eine Über-
setzung von Merciers „precis historique zu seinem portrait de Philippe H" (Amster-
dam 1785). Zu der Vernichtung der armada ist hier unter dem text bemerkt: „Diese
merkwürdige begebenheit hat ein dichter jener zeit in folgender ode besungen:
Die unüberwindliche flotte. Sie kömmt — sie kömmt usw." In die samlung
seiner gedichte von 1803 nahm er das gedieht auf mit dem zusatz „ nach einem
älteren dichter." Goedeke nahm jene Übersetzung des precis in Schillers werke bd. IV
auf, beim vergleich derselben mit dem urtext fand er schon bei Mercier mit der
anknüpfung „voici de quelle maniere un poete a peint cet evenement" den wesent-
lichen Inhalt in prosa, aber mit charakteristischen Wendungen des Schillerschen
gedichts angegeben. Goedeke glaubte, un poete sei Mercier selbst.
Manchot weist demgegenüber nach, dass die darstellung Merciers auf der
Schilderung eines 1756 zuerst erschienenen, dann in vielen auflagen verbreiteten
erbauungsbuches der christ in der einsamkeit von Martin Crugot (geb. 1725
in Bremen, gest. 1790 als hofprediger des fürsten von Carolath) beruhe. Unter den
ü-anzösischen Übersetzungen des buches (eine derselben nihrt von EHsabeth, der
gemahhn Friedrichs des grossen her) bildete diejenige von Gabriel Soigneux 1770 die
vermitlung.
Weiter macht Manchot wahrscheinlich, dass die Übersetzung des precis in der
Thalia nicht von Schiller herrühi-t, sondern von dem Verfasser der Übersetzung des
ganzen portrait de Ph. II, welche 1788 in Leipzig und Liegnitz erschien.
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR
89
Sehr schwierig gestaltet sich nun die frage nach Schillers quelle. — Manchot
nimt an, dass Schiller eine ihm von dem Übersetzer des precis mit eingesante versi-
Jikation des Crugotschen textes überarbeitete imd aus Mercier erweiterte; ja er ver-
sucht durch beseitigung der strophischen Unregelmässigkeit und einiger sprachlichen
und sachlichen anstösse des jetzigen gedichts jene ältere form zu reconstruieren.
,,l)ie ältere dichtung legt allen nachdruck auf die göttliche rettung; Schillers pathos
hebt die anstrengung der menschen gegen könige imd tyrannen, fast im widersprach
zum ausgang des gedichtes, hervor. Einfacher in der anordnung, dramatischer im
fortschritt, kräftiger im abschluss, ist die ältere dichtung frei von manchen über-
schwänglichkeiten, die in Schillers bearbeitung gekommen sind .... Schillers dama-
liger gesinnung entsprach es, allem religiösen, dem protestantischen wie dem römi-
schen, den geist und das genie der menschen entgegenzusetzen: der ältere dichter
der unüberwindlichen flotte sah das ereignis mit religiösem danke für die behütung
des Protestantismus, der ihm im gegensatz zur römischen propaganda der höchste
schütz aller freiheit war, betrachtete er doch [in der politischen flugschrift „der
krieg in Deutschland" 1757] unter demselben gesichtspunkt den krieg Friediichs 11.
mit einem prophetischen blick auf alles grosse, das aus den taten des grossen königs
hervorgehen solte." — So ansprechend diese Vermutungen sind, so verhehlt sich der
Verfasser selbst nicht die Unsicherheit derselben.
Im anschhiss an diese untersuchimg gibt Manchot eine eingehende, liebevolle
Würdigung Crugots; wir lernen in demselben einen edlen Vertreter des älteren ratio-
nalismus kennen, dessen Schriften ebenso durch die kraft der empfindung, wie durch
eine in seiner zeit seltene phantasievolle lebendigkeit der darstellung ausgezeichnet
sind. — Beiläufig wird s. 28 auf seinen einfluss auf Lessing und Geliert hingedeutet.
Hervorheben möchte 'ich noch, dass nach Manchot bei ihm zuerst das wort
Selbstsucht sich findet.
14) Emil Orosse, Das ideal und das leben von Schüler. Zum schulgebrauch
erklärt. Mit einem anhange. Berlin, Weidmannsche buchhandhmg. 1886. — 88 s. 8.
1,60 m.
Die Schrift enthält einen abdruck des gedichts mit den später ausgefallenen
Strophen und den wichtigsten Varianten (nach Goedeke), die beiden über dasselbe
zwischen Schüler und "\V. v. Humboldt gewechselten briefe, eine ausführliche (von
s. 16 — 36 reichende) einführung in die zu gründe liegende idee, eine kui'ze prosaische
angäbe des Inhaltes der einzelnen Strophen, endlich parallelen und erklärungen zu
einzelnen versen. Der anhang bringt die abhandlung von Lehrs über die Hören,
Plato Phaedr. c. 25 — 31 nach der Übersetzung desselben gelehrten, und endlich
Winckelmanns hymnus auf den Apoll von Belvedere.
Man sieht eine fülle von stoff ist hier zui" erklärung des gedichtes zusammen-
getragen. Fehlen könte zunächst ohne schaden der anhang, vor allem jener aufsatz
von Lehrs, denn er steht doch zu dem gedichte in gar zu lockerer beziehung, und
wenn ihn jemand einmal in die besprcchung desselben hineinziehen wolte , so sind doch
wahrhaftig die „populären aufsätze" jedem leicht zur band. — Auch sonst aber führt
den Verfasser der wünsch, den gedanken dui'ch parallelen zu illustrieren, oft zu
weit: einzelne selten sind fast ein mosaik aus citaten! Und wie zwecklos sind
manche derselben! Man vgl. z. b. s. 22 — 24; wie verkehrt sind hier die „Sehnsucht"
und der „ Pilgrim " oder gar die werte WaUensteins zu Max herangezogen ! Ich
90 G. KETTNKR
fürchte, dass durch diese zu üppige fülle von parallelen der gedanke des gedichts
nur überwuchert wird.
Indessen diese mängel sind schhesslich doch nur die mängel des reichtums,
und der lehrer, für den das buch wol zunächst nui' bestirnt ist, mag sich aus dem
dargebotenen auslesen, -was ihn gut dünkt. Und man muss es dem Verfasser nach-
rühmen, dass, wenn man auch mitunter eine strengere beschränkung auf das wesent-
liche wünschte , es ihm gerade dadurch, dass er den begriff der ästhetischen betrach-
tung in den manuigfachsten anwendungen zeigt, auf das glückhchste gelungen ist,
denselben den schülern verständlich zu machen. Vortreflich dient zu diesem zwecke
auch der vergleich der ästhetischen erhebung mit der religiösen und ethischen.
Die Vorstellung des rein - ästhetisclien zustandes, welche das in immer neuen
Variationen behandelte thema des gedichtes bildet, muss dem schüler zunächst fremd
sein, sein eigenes Verhältnis zur kunst ist noch ein wesentlich stofliches, die ethische
Wirkung überwiegt entschieden. Ich weiss nicht, ob es gut getan ist, ihn, bevor er
selbst auch nur das bedürfnis, geschweige denn die fähigkeit eines rein
ästhetischen genusses hat, schon über die ästhetische empfindung —
wie Schiller wolte — ästhetisch empfinden zu lassen! Freilich — dazu komt
es auch nicht! Der Verfasser wird sich wol selbst nicht darüber täuschen, dass
er mit seinem ausführlichen commentar, mit allen jenen mit anerkennungswertem
geschick versuchten anknüpfimgen an analoge vorstelkmgen aus der erfahi-ung des
Schülers doch nur das erreicht, dass lezterer den Inhalt des gedichtes logisch ver-
steht — und ich fürchte, es wird dies gedieht zum grossen teü dem schüler „eine
in verse gebrachte metaphysik des schönen" bleiben. Gerade die analyse des gedichts,
welche der Verfasser s. 37^ — 42 gibt, kann nur dazu dienen, diese befürchtung zu
verstärken. Sie entwickelt klar und verständig den'gedankengang, von dem
gedieht als einem lyrischen kunst werk ist weder hier noch sonstwo in der gan-
zen Schrift die rede.
So scheint mir Grosses versuch, das gedieht der schule zugänglich zu machen,
obwol — oder auch weil — ich üin relativ für den besten aller bisher
gemachten halte, das misliche der lektüre derselben auf diesem Standpunkt nur
fühlbarer zu machen. Künstlich muss dem schüler erst die empfindungsweit des-
selben erweckt werden, künstlich wird das Verständnis desselben bleiben, den
wesentlichen schritt von logischem verstäudnis zu ästhetischem genuss wird nur in
seltenen ausnahmen ein schüler volziehen.
Von einzelheiten möchte ich nur einen s. 24 vorkommenden Lrtum hervor-
heben, weü man ihn auch in anderen einzel - Interpretationen von Schillers gedichten
gelegentlich autrift. Der Verfasser sagt: „Es ist sehr bezeichnend, dass „die
teilimg der erde" und „das mädchen aus der fremde" vor „das ideal imd das leben*'
von Schiller in der gedichtsamlung gesezt sind." Er glaubt also offenbar, dass
die anordnung der Körner sehen vulgata von SchiUer herrühre! Vielleicht hat
er sich durch eine erklärung des „mädchens aus der fi'emde" von A. Otto (in den
Jahrb. f. phil. u. paed. 1885. 11. abt. s. 185 fgg.) verleiten lassen, der auch in der
Zusammenstellung gerade dieser gedichte einen fingerzeig dafür, wie Schiller sie
aufgefasst wdssen wolte, zu finden meinte.
15) Helene Lange, Schillers philosophische gedichte. Sechs vortrage, gehal-
ten in Berlin im winter 1885 — 86. — Berlin, L. Oehmigkes vorlag (R. AppeHus).
1887. 188 s. kl. 8. 1,60 m.
NEUERE SCHILLER - LITTERATCR
91
Die voi-triige behandeln: I. (s. 1 — 35) den ersten algemeinen teil der künstler.
n. (s. 36 — 67) den zweiten cultnrhistorisclien. HE. (s. 68 — 96) die führer des lebens
(s. 79), den genius (s. 81), den tanz (s. 90). IV. (s. 97 — 125) die wüi'de der frauen,
das verschleiei-te bild zu Sais (s. 108), den Spaziergang (s. 117). V. (s. 127 — 157)
die ideale (s. 136), den pilgrim (s. 147), die Sehnsucht (s. 153). VI. (s. 158 — 188)
das ideal und das leben.
Mit ausnähme der künstler -wird den in einem abschnitt zusammengefassten
gedichten eine zusammenhängende Schilderung der sie beherschenden philosophischen
anschauungen Schillers voraufgeschickt; dann wird der gedankengang der gedichte
angegeben und erläutert. Eine scharfe und genaue analyse darf man hier allerdings
nicht suchen: der Verfasserin kam es vielmehr darauf an, die hauptgedanken zu
entwickeln und ihrem publikum lebendig zu machen. Im ganzen ist ihr dies nicht
übel gelungen: sie versteht es, das Interesse für die in betracht kommenden fragen
zu erwecken, die abstrakten gedanken an die erfahrung anzuknüpfen, in beziehung
zu dem gemütsieben zu setzen, in phantasievoller und doch klarer darstellung aus-
zn führen- Freihch wh'd dabei manches etwas wilküi'Iich aus- und um gedichtet:
nicht ohne lächeln wird man z. b. die psychologische skizze lesen, welche die ver-
fasserm von dem jüngüng zu Sais entworfen hat — so hübsch sie ist, die eigentliche
pointe des gedichtes wird doch darin abgestumpft!
Um Schillers philosophische dichtuugen dem Verständnis weiterer kreise nahe
zu bringen, ist das buch treüich geeignet; aber auch, wer sonst an eine tiefer ein-
dringende Interpretation gewöhnt ist, wird nicht ohne Interesse sehen, wie eine fein-
sinnige dame hier jene dichtungen in echt weiblicher weise aufgefasst hat.
16) Friedrich Widder, Schiller als erzählender dichter. — Progr. des grossh.
gymnasiums in Lahr. 1885. 24 s. 4.
Der Verfasser sieht von den dramatischen erzählungen imd den „von Schiller
selbst zui" lyrischen gattung gerechneten gedichten^, wie Kassandra ab; er berück-
sichtigt nm- den taucher, handschuh, ring des Polyki-ates, litter Toggenburg, ki-a-
niche desibykus, gang nach dem cisenhamraer, kämpf mit dem di'achen, bili-gschaft,
Hero xmd Leander, graf von Habsbui-g.
Aus dem hinblick auf die entstehungszeit dieser gedichte ergeben sich ihm als
gesichtspunkte seiner betrachtung der vergleich derselben mit den Goethischen bal-
laden und die erwägung des Zusammenhangs, in welchem der erzählende dichter
mit dem philosophischen und dramatischen stehe.
Zunächst aber werden die queUen der genanten gedichte angegeben imd auf
übereinstinmiungen auch im einzelnen hingewiesen. Dieser abschnitt ist hier, ganz
abgesehen davon, dass er nur bekantes widerholt ^ imi so weniger am platze, als
der Verfasser später nochmals die gedichte mit den quellen mit bezug auf die com-
position vergleicht. — Dann wii"d der „ Ideengehalt '^ der bailaden des breiteren aus-
einandergesezt, und nun endlich — auf s. 16 — begint die arbeit des Verfassers
1) Datei hat der Verfasser aus einer jranz richtigen bemerkung Dilntzers 11 , 306 folgendes gemacht:
quelle des ganges nach dem eisenhammer ist „das werk des französischen novellisten Eetif de la Bre-
tonue : Coeur humain devoile, wo in der 9. novelle der samlung ,,les contemporains"
unsere geschichte eingeschoben ist." Dass er contemporains für contemporaines schreibt, mag noch
hingehen, denn der fehler ündet sich oft; das ganze aber ist ungefähr dasselbe, wie wenn ich sagen
weite: ,,"Wir lesen in Goethes roman "Wilhelm meister, wo es in der briefsamlung ,, "Wer-
thers leiden" folgendermassen heisst . . ."
92 G. KETTNEB
einen etwas selbständigeren charatter anzunehmen, indem er es unternimt, die kiinst-
mittel des dichters zu betrachten. Nicht als ob seine beobachtungen ;auf diesem
gebiete gerade neu wären — sie finden sich alle schon in den bekanten kommen-
tai'en von Viehoff, Grube, Düntzer, Götzinger — aber der Verfasser hat sie geschickt
in Zusammenhang gebracht. Bei dieser gelegenheit werden nun, wie schon angedeu-
tet, die balladen nochmals mit ihren quellen verglichen, um den vorzug der einheit-
lichen composition deutlich zu machen.
V. Dramen.
Von erklärenden einzelausgaben der dramen führe ich zunächst die bei Fer-
dinand Schöningh in Paderborn in kl. 8 erschienenen kurz an:
17) "Wallenstein, mit ausführlichen erläuterungen für den schulgebrauch und
das privatstudium von A. Funke. 1885. — 334 s. 1,80 m.
18) Maria Stuart [titel wie oben] von Heinrich Heskamp. 1884. — 192 s.
1,35 m.
19) Jungfrau von Orleans ... von A. Funke. 1886. — 172 s. 1,20 m.
20) Wilhelm Teil ... von A. Funke. 1880. — 164s. Zweite verbesserte
aufläge. 1883. — 162 s. — Dritte verbesserte aufläge, mit einem kärtchen. 1886. —
170 s. 1,20 m.
21) Die braut von Messina .... von Heinrich Heskamp. 1887. 170 s.
1,20 m.
Die einrichtung dieser im wesentlichen nach derselben Schablone gearbeiteten
ausgaben ist folgende: 1) Der text mit sachlichen und sprachlichen fussnoten.
2) Fragen über die einzelnen scenen. 3) Fragen über das ganze drama. 4) Senten-
zen. 5) Aufsatzthemata. 6) Litteraturangabe. Bei der Maria Stuart folgt noch als
selbständiger abschnitt „Maria Stuait im lichte der geschichte ", bei den andern
dramen ist diese frage bei der erklärung der einzelnen scenen und in den noten mit
behandelt.
Der Standpunkt der comraentare ist ein ganz elementarer. Die erklärenden
noten sind meist zweckmässig, wo sich dagegen die Verfasser auf das ästhetische
gebiet verirren, werden sie gewöhnlich geschmacklos. Unfreiwillig komisch wirkt
nicht selten die frageform; von katechetischer anleitung liier etwas zu finden darf
man nicht hoffen, höchstens können die fragen gelegentlich, wie Dickens circumlo-
ciition ofßce zeigen , „wie mans nicht machen soll ! '' Als erheiternde probe diene :
Tell^ s. 146 nr. 3 „Als was will der dichter Teils tat nicht erscheinen lassen?";
ebda nr. 4: „Welche probe soll dieselbe vielmehr auszuhalten vermö-
gen?" Antwort: „Die tat soll vielmehr die probe des besonnenen urteils
aushalten!" Erinnert dies nicht an gewisse „ instruldionsstundon - bluten " aus den
, fliegenden blättern? Zu den liedern der eingangsscene ist unter „form der lieder"
bemerkt: „das hirtenlied zeichnet sich durch einfachhait, das jägerlied dui'ch
erhabenheit, das fischerlied durch gefühl (!!!) aus." Und trotz dieser geschmack-
losigkeiten, dieser Verstösse gegen die elementarsten regeln der logik scheint diese
ausgäbe, nach den auflagen zu schüessen, rasch sich weithin verbreitet zu haben!
Hoffen wir, dass sie sich nicht in gymnasiallehrerkreise verirt!
In der von Heinricli Keck bei F. A. Perthes in Gotha in gr. 8 herausgege-
benen samlung „Klassische deutsche dichtungen mit kurzen erkläi'ungen für schule
und haus" sind bis jezt von Schillerschen dramen erschienen:
NEUERE SCHILLER -LlTTERATUfi 93
22) Wallensteins tod. Von Georg Kern. 1887. — VI, 171 s.
23) Wilhelm Teil. Von 0. Kallseii. 1884 — 141 s. 1,20 m.
Die einleitung zum ersten drama orientiert zunächst kurz über die wichtig-
sten historischen darstellungen Walleusteins, bespricht dann Schülers abweichungen
von der geschichtlichen Überlieferung, Inhalt und bau des stückes (nach Freytag),
gibt eine kurze Charakteristik der personen desselben (welche unbeschadet der kürze
doch etwas mehr in die tiefe eindringen könte) und einen überblick über die behand-
lung des metrums.
Kallsens einleitung enthält die entstchungsgeschichte des Teil und eine anspre-
chende würdigimg des dramas nach seiner ästhetischen und nationalen bedeutung.
Der text ist in beiden ausgaben mit kui'zen noten versehen, welche histo-
rische und geographische anspielungen und einzelne Schwierigkeiten im ausdruck
erläutern. Während Kallsen sich fast durchweg auf das wirklich der erkläning
bedürftige beschränkt, hat Kern nicht selten recht überflüssig poetische Wendungen
für- das Verständnis der schüler prosaisch verwässern zu müssen geglaubte
24) Hermanu Uiibescheid , Beiträge zur behandlung der dramatischen lek-
türe. — Programm der Annen - realschule zu Dresden. I. 1884, 42 s. 11. 1886,
,44 s. 4.
Beide abhandlungen erschienen auch zusammengedruckt als selbständige schrift,
Dresden 1886. Warnatz und Lehmann.
Die arbeit behandelt ausschliesslich die Schillerscheu dramen (nur anhangs-
weise werden am schluss noch ganz kurz Iphigenie, Egmont und Nathan berührt);
der Verfasser hat sich die mühe gemacht, sie alle nach dem bekanten von Freytag
in der technik des dramas aufgestelten scheraa zu disponieren; abhandlung I führt
diese schematisierung bis zum höhepunkte des dramas, 11 wendet sie auf die sin-
kende handlung an, der ersteren hat er eine kurze erörterung „der idee, Voraus-
setzung und des algemeinen Charakters, d. i. des grundtons des dramas '^, vorauf-
geschickt, der zweiten eine aufzähluug einiger hauptgesetze der Hamburgischen
dramaturgie und der formen des tragischen nach Vischer; zum schluss erhalten wü-
die ebenfals aus Freytag bekanten dramaturgischen tafeln, auf denen der „zeitliche
verlauf dui'ch die abscissen, die handlung durch die ordiuaten dargestelt ist."
Der Verfasser hat seine arbeit mit vielem fleiss und hübsch sauber und accu-
rat ausgefühii, aber — gibt es wirklich leser der dramen, die Freytags buch ken-
nen, denen man das exempel erst in dieser weise vorrechnen müste? Von der „wol
aufzuwerfenden frage", ob denn jenes architektonische Schema Freytags genüge, um
die composition der dramen zu verstehen, sehe ich dabei ganz ab.
2.5) Jacob Lö'weuberg', Über Otways und Schillers Don Carlos. Heidel-
berger inaug. - dissertation. — Verlag von Carl Bui'ow (G. Weiss). Heidelberg 1886.
126 s. 8. 1,60 m.
Der Verfasser schickt der Untersuchung eine sehr übersichtliche analyse der
novelle des abbe St. Real voraus, durch welche die vergleichung des Schillerschen
Don Carlos mit dieser quelle wesentlich erleichtert wird. Es folgt s. 21 — 44 eine
1) Auf die bei Gräser in Wien, Sie^Msmund & Volke ning in Leipzig erscheinenden Schul-
ausgaben mag es genügen hier nur hinzuweisen.
94 6- KETTNER
Inhaltsangabe des Otwaysclien dramas und, bis s. 66, eine erörterung der benutzung
St. Reals in demselben. Der hauptabscbnitt s. 67 — 108 behandelt eingehend und klar
die frage, wie weit Schiller von St. Eeal abhängig sei und ob er daneben noch, wie
Heller behauptet hatte, den Andronic des Campistron l^enuzt habe. Gerade auf der
gründlichen Untersuchung der lezteren frage beruht der hauptwert der vorliegenden
Schrift. Es gelingt dem Verfasser in allen einzelnen punkten, an denen nach Heller
Schiller Campistrons umdichtung der novelle des St. Eeal gefolgt sein solte, die völ-
lige Unabhängigkeit desselben zu erweisen. In der tat steht Hellers annähme auf so
schwachen füssen, er traut dem dichter dabei eine so kleinliche entlehnung von ein-
zelheiten zu, denkt sich die arbeit desselben so äusserlich, dass man sich wundern
muss, wie er die Zustimmung von Gervinus und Koberstein finden konte. Wer wird
nicht — um hier nur einiges hervorzuheben — das urteil des Verfassers unterschrei-
ben (s. 82) : „Wenn Campistron aus den zwei gesanten der novelle den einen geschaf-
fen und ihn neben den freund gestelt, solte dann nicht Schiller gleich die beiden
gesanten mit dem freunde in eins haben verschmelzen können, ohne erst jenes arm-
seligen Vorganges zu bedürfen?" Oder wer möchte den bekanten Aviderspnich, dass
Don Carlos v. 1268 noch nichts von der band der königin gelesen hat und den brief
der Eboli für den ihrigen hält, während er sich v. 3621 einen brief, den die königin
an ihn nach Alcala geschrieben , von Posa zurückerbittet — wer möchte diesen wider-
sprach mit Heller dadurch erklären wollen, dass Schüler unvorsichtig aus dem An-
dronic den vers entlehnte je ne säur als reconnctUre la main? Der hin weis s. 72
auf einen ebenso schroffen widersprach im Wallenstein, die erklärung desselben aus
der verschiedenen conception des Verhältnisses zwischen Don Carlos und der königin
in den verschiedenen phasen dos dramas und die beiuieilung solcher Widersprüche
in dichtwerken überhaupt ist durchaus zutreffend. Schlagend ist auch s. 103 der
nachweis, zu welchem wunderlichen misverständnis von v. 1146 „geben sie mir zu
zerstören" (wozu dann ebenso wimderlich in v. 1188 „wo Herzog Albas henker nur
verheeren"- ein „handgreiflicher Widerspruch" gefunden wird) Heller dui'ch seine
annähme, Schiller habe hier eine „tirade Campistrons anbringen" wollen, geführt
ist; freilich ist auch die deutung des Verfassers nicht ganz richtig.
Der Schlussabschnitt s. 109 fgg. enthält einen vergleich zwischen dem Otway-
schen und dem Sclüllerschon Don Carlos, wobei zui" Widerlegung jener Hellerschen
hypothese s. 116 ironisch einzelne Übereinstimmungen beider unter einander, die
zugleich abweichungen von St. Real sind, \md endlich noch ähnliche Wendungen,
die sie mit Campistron teilen, hervorgehoben werden. Der Verfasser übersieht dabei,
dass — wie ich aus einer notiz Boxb ergers in den „Signalen a. d. Utt. weit" 1884,
174 entnehme — ■ eine anlehnung Schillers an Otway allerdings von Thornton in sei-
ner ausgäbe des Otway, London 1879, behauptet ist. Boxberger bemerkt dazu:
„Thornton muss die beiden stücke nicht wirklich verglichen haben; ich habe das
enghsche stück gelesen, aber keine ähnlichkeit finden können." Boxberger spricht
sich hier auch gegen die Hellersche annähme einer benutzung Campistrons aus.
26) K. Tomaschek, Schillers Wallensteiu. Zweite imveränderte aufläge.
Wien, K. Gerolds Sohn. 1886. — 38 s. 8. 0,80 m.
Die erste aufläge erschien 1858. — Der Verfasser gibt einen überbhck über
die entstehimg der tragödie und bespricht dann hauptsächlich den Charakter des bei-
den, wobei er \"iel zu einseitig die schuld desselben betont.
NEUKRE SCHILLER - LITTEEATXTR
95
27) J. ü. Eoeuuefahrt, Scliillers dramatisches gedicM Wallenstein, aus sei-
nem Inhalt erklärt. Zweite aufläge. — Leipzig, Dyksche buchhandlimg. 1886. VI,
143 s. 8. 2,80 m.
Die neue aufläge weist keine wesentlichen äuderungen der ersten (1855; 112 s.)
aui'. Einige Zusätze sind mir aufgefallen. Sie hätten rahig fortbleiben können. Z. b.
zu s. ü8 der alten aufläge, wo die bedeutung von Maxens verlust für Wallenstein ge-
schildert ist, sezt der Verfasser s. 87 der neuen hinzu: „Und doch ists damit noch
nicht genug. Denn Wallenstein muss bekennen „so hab ich diesem würdig braven
mann, dem Buttler, stilles unrecht abzubitten" .... Da konte nicht die rede sein
von Schicksalsfügung und walten, das war Wallensteins eigenstes, rein persönliches
verfahren, und zwar war es ein verfahren eines Jo\'iskindes unwürdig, ein verfahren,
dessen eüi deutscher fürst, der nach einer königskrone die hand ausstreckte, sich
schämen muste und dafür abbitte zu leisten sich gedi-ungen fühlte. Diese Selbst-
erniedrigung war wol noch bittrer als die absage der Pappenheimer" usw.
Die schi-ift berührt uns heute trotz mancher feinsinniger und geistreicher bemer-
kuugen im ganzen entschieden fremdartig. Sie repräsentiert noch eine nun überwun-
dene richtung der ästhetischen botrachtung, welche nui' den „ideen" eines Werkes
nachgieng.
28) Franz Haim, die schicksalsidee in Schillers Wallen stein. Eine ästhe-
tische abliandlung. — XXIV. Programm des k. k. staatsgymnasiums zu Klagenfurt.
1884. 15 s. gr. 8.
„In dem prologe zur trilogie, der als eine erklärende Zueignung aufzufassen
ist, sagt uns Schiller ausdrücklich, dass die grössere hälfte der schuld Wallensteins
den unglückseligen gestirnen zuzuwälzen sei. Aus der durch diese schicksalsmacht
herbeigeführten schiild Wallensteins, nämlich der des Verrates, des abfalles vom kai-
ser, folgt der durch neues walten der ananke herbeigeführte Untergang des beiden,
denn wer des ewigen rechtes heilige Satzung nicht ehi-t, den trift rascher schicksals-
schlag." Demgemäss unternimt es der Verfasser in abschnitt I. „der schicksalsglaube
als wirkende tragische macht" nachzuweisen, dass „der glaube an die steme, d. i.
an das Schicksal" Wallenstein nicht bloss „verblendet, ihn zum zauderer macht, den
plan des abfalles reift und den entscheidenden entschluss zu stände bringt, sondern
auch den „tragisch verhängnisvollen plan geboren hat"; leztere behauptung soll
durch die werte der herzogin W. T. III, 3 „seit dem unglückstag zu Eegensbui-g"
usw. bewiesen werden. Abschn. II schildert „das Schicksal als stürzende macht",
abschn. III behandelt die „ästhetische zulässigkeit der schicksalsidee und gründe für
die etnführung derselben in Schillers werk." Hat der Verfasser vorher aus dem Wal-
lenstein eine reine schicksalstragödie zu machen gesucht, so sucht er hier dieselbe
vom moralischen und vom ästhetischen Standpunkt zu rechtfertigen, einmal, weil
das Schicksal hier eine gerechte sitliche vergelterin sei , sodann , weil „ das dasein
einer unendlichen, alles beherschenden schicksalsmacht, poetisch fingiert, die Vorstel-
lung des erhabenen hervorruft."
In einem zweiten teil der arbeit verspricht der Verfasser auch die entgegen-
gesezten auffassungen anderer Interpreten näher zu erörtern; vorläufig berücksichtigt
er keinen gegen seine ansieht erhobeneu oder zu erhebenden einwand. Ich halte es
füi' überflüssig, bekantes dagegen zu widerholen.
96 &• KETTNTiR
29) Karl Koch, Bemerkungen zu Schülers dramen. I. "Wallenstein. Pro-
gramm des gymnasiums zu Münstereifel. Bonn 1884. (Progr. nr. 411). 20 s. 4.
Die erste hälfte der arbeit bespricht die schuldfrage, ohne neues zu bringen;
die zweite sucht die von Fielitz über die dramatische bedeutung der liebesscenen
zwischen Max und Thekla aufgestelte ansieht zu widerlegen und gelangt wider zu
der alten auffassung derselben als einer episode resp. eines gegenbildes der haupt-
handlung.
30) G. F. Eysell, Schülers Jungfrau von Orleans, neu erklärt. Hanno-
ver, Verlag von C. Meyer (G. Prior). 1886. — 364 s. 8. 3 m.
In der vorrede hat der Verfasser selbst seinem werke folgende worte mit auf
den weg gegeben: „Als eine neue erklärung vou Schillers Jungfrau kündigen sich
die nachstehenden blätter an. Dass die erklärung sowol im ganzen wie im einzel-
nen eine neue, kann kein sachkundiger bestreiten. Jede bisher er kante, aber
nicht gelöste Schwierigkeit ist gehoben, unzählige annoch unerkante
Schwierigkeiten sind aufgedeckt und beseitigt. Die frage wird mithin
niu' die sein, ob das neue durchweg echt und richtig ist. Die beweise dafür
glaube ich bis zu demonstrativer gewissheit aus der dichtung selbst geführt
zu haben und wünsche von ganzem herzen, dass eine unparteüsch-vorurteüsfreie
ki'itik mir alseitig recht gebe. Ich wünsche das nicht sowol um meinetwiUen, als
vielmehr zu ehren uüseres grösten dramatikers und vor allem zum rühme des
deutschen volks." Diesem tone des vorwoiies entspricht es dui'chaus, dass wir
auf dem titelblatt lesen „Alle rechte vorbehalten.^
Das buch gibt im wesentlichen eine unendlich breite nacherzählung und weit-
schweifige erklärung des dramas, scene für scene. Der Verfasser hat dabei oft nüt
einer, ich möchte sagen scholastischen Spitzfindigkeit die seltsamsten Schwierig-
keiten entdeckt und mit einem in seiner art bewundernswerten Scharfsinn zu lösen
gesucht. Als curiosa fühi'e ich folgende beispiele an: (s. 190) „Der geist, von dem
Johanna v. 404 redet, xmd dessen stimme (v. 405), vne sie des gewiss ist, ihr nicht
schweigen wird, ist der geist gottes oder der vergöttlichten Maria, mithin gott
selbst oder die göttliche Maria; die stimme des geistes, welche sie ausser sich
hört, ist gottes oder Marions Offenbarungsstimme. " Dazu die anmerkung:
„Der geist ist:
1. Der geist der göttlichen Offenbarung,
d. h.
2. der geist des sich offenbarenden got-
tes, mithin, da gott geist ist,
3. gott, der sich selbst (prol. 4) oder durch
die vergöttlichte Maria (1, 10) offenbart.
Göttlich nent sich M. v. 660." usw.
„Die stimme ist:
1. Die stimme der göttlichen oifenbai'ung.
2. Die stimme des sich offenbarenden gott-
geistes, mithin
3. Die Offenbarungsstimme gottes selbst
oder an seiner statt der vergöttlichten,
ziu- königin des himmels erhöhten Ma-
ria. V. 435 „Mich treibt die götter-
stimme (götter = gottheit)." usw.
So hat sich auch der Verfasser für die ganze dramatische entwicklung der Johanna
eine art dogmatischen Systems ausgeklügelt. Aber auch wo er uns nicht in diese
mystischen tiefen führt, bietet er des wunderlichen genug. Man vergleiche die
unglaubliche pedanterie, mit der s. 253 fg. der beweis angetreten wird, dass Johanna
den Lionel nicht anzusehen brauchte, dass daher „das sehen ins äuge und angesicht
NEUERE SCHILLER -LITTERATUR 97
ihre eigenste, freiste tat" sei. — Deujeuigen, welche bisher über die identität des
schwarzen ritters und Talbots noch nicht völlig klar wai-en, wird der folgende schla-
gende beweis dafür wilkommen sein (s. 231): .,Wie der ritter im äusseren als das
sprechende seitenstück zu Talbot dasteht, so zeigt er sich auch in seinem inneren
als dessen volkommenstes ebenbild. In allem, was er sagt und tut, dräckt sich
Talbots Charakter aus. Was dieser gedroht (11, 3): „Ich denke sie nicht so
sanft zu umarmen", das volbringt der ritter, wetoi auch unter veränderten
umständen in anderer weise, als Talbot gedacht. Nicht sanft begegnet er ihr an leib
und seele. Zwar haut er sie nicht mit dem Schwerte nieder, wie Talbot sich n, 8
vorgenommen, denn er ist geist, Avie wir wissen, und geister brauchen keine Schwer-
ter; aber als Johanna, durch seine tücken gereizt, das schwort gegen ihn erhebt,
lähmt er sie durch berühren mit der hand .... Schon durch sein blosses erschei-
nen erhizt er sie .... zu einem verhängnisvollen Verstoss gegen pflicht und vertrag
.... Fürwahr nicht sanft hat er sie umarmt! Kann es einen augenfäl-
ligeren, einen zwingenderen beweis geben, dass der schwarze ritter Talbots
geist ist? AUeswas dem dichter die eigenart seiner dichtimg erlaubte, hat er getan,
um gerade über diesen punkt keine Unklarheit zu lassen." (!!)
Bedenkt man ferner, dass der Verfasser die tri-vialsten einzelheiten breit und
zum teil schief erklärt (zu Lionels werten „Ha! Was ist das?" wird z. b. s. 270
bemerkt: „die frage ist eine rhetorische, welche Lionel unwilkürlich an sich selber stelt
= was soll ich davon denken? d. h. ich weiss nicht, was ich davon denken soll."),
so wird man begreifen, wie der commentar zu einem so unverhältnismässigen umfang
aufschwellen konte und wie dessen lektüre zu einer tortm* wird.
Der Verfasser hat offenbar mit warmer begeistening seine arbeit unternommen
und mit liebevolstem fleisse ausgeführt; das kann uns aber nicht abhalten, sie als
eine vöUig verfehlte zu bezeichnen und die mühe, die er darauf verwaut hat,
zu bedauern.
31) Wittich, Über Sophokles konig Oedipus und SchiUers Braut von Mes-
sina. Programm des städtischen realgymnasiums zu Cassel. 1887. — 24 s. 4.
Die arbeit ist für schüler berechnet, sie geht weder tiefer auf den stoff ein
noch bietet sie ii'gend etwas neues.
32) Franz Kern, Deutsche dramen als schullektüre. Vorlesung in der Ber-
liner gymnasiallehrer - geselschaft gehalten. — Berlin, Nicolaische Verlagsbuchhand-
lung (R. Stricker). 1886. 39 s. 8. 0,80 m.
Der Verfasser wendet sich mit recht gegen die noch immer hie und da vor-
kommende, für lehrer wie schüler gleich bequeme Unsitte des deklamatorischen lesens
ganzer dramen , er will den hauptnachdruek gelegt wissen auf „ die genaue betrach-
tung von Charakteren und Situationen, die deutliche erkentnis der motive der han-
delnden." Das „mangelhafte in der motivierung, das psyclüsch unmögliche" soll bei
allem schuldigen respekt gegen den dichter nicht übergangen werden. — Dies leztere
führt ihn u.a. auf eine küi'zere betrachtuug der Jungfrau von Orleans (s. 9) und
eine eingehendere des Teil (s. 14 — 23). Der Verfasser findet in dem bogenschuss
desselben — ebenso wie in der heilung des Orest — einen nicht aufgelösten
und nicht aufzulösenden rest des märchenhaften re.sp. mythischen Stoffes.
Nachdem er die Situation geschildert hat bis zu den werten Stauffachers
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. i
98 G. KETTNER
Was Teil? Ihr woltet — nimmermehr — ihr zittert
Die hand erbeht euch, eure kiiiee waukeu —
fährt er fort: „Jeder empfindet ('?!), dass hier alles andere eher geschehen könne,
als was nun im drama, dem ideahsierten bilde des lehens, wirklich geschieht. Teil,
dem es kurz vorher noch vor den äugen schwimt, der mit zuckenden bänden und
rollenden äugen dagestanden hat, schiesst wirklich. Als handlung einer dramatischen
person, als handlung des Schülerschen Teil, der so warm und herzlich für die sei-
nen empfindet, halte ich sein tun für völlig unverständlich, für psycho-
logisch ganz und gar unmöglich." Eine „unwiderstehliche nötigung könte nur
in Gesslers werten gefunden werden: Du schiessest oder stirbst mit deinem kuaben.
Aber selbst wenn Teil diese ganz unglaubliche (?) drohimg — nach dem edikt war
der ungehorsame nur mit seinem leib und gut dem könige verfallen — für eine
ernstgemeinte hielt (?), so war zur not ein abgeben des Schusses mit voller Sicher-
heit den apfel nicht zu treffen moti\iei-t, aber wahrlich nicht das zielen auf densel-
ben mit der sehr nahen möglichkeit, den pfeü ins gehirn des knaben zu senden."
Man kann, meine ich, auf diese ausführungen Kerns dasselbe erwidern, was Vischer
über die beurteilung Eomeos durch Gervinus sagt: Kern hat ganz recht, aber wenn
Teil so besonnen handelte, wie er ihm vorschreiben möchte, wenn er im momente
der tat alle eventualitäten so erwöge, so wäre er nicht mehr Teil. Ein märchenheld
ist er deswegen ebenso wenig, wie Gessler ein „blindwütiger märeheutyrann" ist.
Diu'ch die schrift Kerns veranlasst hat dies Otto Schröder in einer sorgfäl=
tigen psychologischen entwicklung beider Charaktere gezeigi („Das märchenhafte
in Schillers "Wilhelm Teil" in der Berliner zeitschi-. für das gymnasialwesen , bd. XL,
1886, s. 398 — 403).
Ebenso wie hier regt das Kernsche buch überall zu einer erneuten schärferen
prüfung so mancher traditionell gewordenen auffassungen au. Eückhaltlos schliesse
ich mich seinen bedenken gegen die behaudlung der Lessingschen dramen in der
schule an. Vielleicht interessiert es den Verfasser, dass das urteü, welches er über
den Charakter der Minna von Barnhelm fält: „Für die Schauspielerin mag Minna eine
dankbare rolle sein, denn sie geberdet sich als solche", schon von den Zeitgenossen
geteilt wurde. Als Caroline Elachsland ihrem verlobten es offen ausgesprochen hatte,
wie kalt sie dies drama gelassen habe, antwortete Herder: „Seine Minna — ja die
opfere ich Ihnen , das habe ich Ihnen gleich gesagt , ganz auf .... Was kann ich
dafür, dass Lessing von den weibern so schwache, tändelnde und komö-
dienmässige begriffe hat?"^
33) Schillers Demetrius, erläutert von Heinrich Düntzci'. (Erläuterungen
zu den deutschen klassikern, dritte abteüung: Erläuterungen zu Schillers werken,
bd. 28). Leipzig, Ed. Wartigs vorlag (E. Hoppe). 1886. — 124 s. 16.
In der aus den kommentaren zu den dramen bekanten weise erzählt der Ver-
fasser im ersten teile die cntstehung des dramas, im zweiten gibt er eine entwick-
hmg der handlung und zwar 1. der scenen in Sambor. 2. des bekanten fragments.
3. der entwürfe zur fortsetzung. — Auf das einzelne einzugehen, ist hier nicht
möghch.
1) Vgl. J. G. V. Herders lebeusbild. Sein clironologisch geordneter briefwechsel herausgegeben
von seinem söhne. Erlangen 1846. HI , 1 , 136.
NEUERE SCHILLER - LITTERATUR 99
VI. Prosaisches.
34) Über naive und sentimentalischo diclitung. Mit oinleihing und
annierkuugen von Josef E^g-er und Karl Riemer. (Graesers Schulausgaben klassi-
scher werke, herausgegeben A'on J. Neubauer, bd. IX.) Wien, K. Graeser. 1885.
X\TI, 142 s. 8. 1 m.
In den „Instructionen für den Unterricht an den gyninasien in Österreich"
(2. abdruck, Wien, A. Pichler. 1885) wird s. 154 für die VTEI (oberste) klasse
angeordnet: „Was die reiche anschauung an dichtungsgattungen , darstellungsformen,
stileigentümUchkeiten bisher geboten hat, wird als grundlage zur lektüre von Les-
sings Laokoon und Schillers aufsatz Über naive und sentimentalische dichtung benuzt.
Es soll dadurch eine Zusammenfassung und ein theoretischer abschluss gegeben wer-
den." Ich habe mich bisher noch nicht überzeugen können, dass wirklich schüler
im stände seien , den gedankengang der Schillerschen schiift klar und scharf zu erfas-
sen — eine ungefähre kentnis der hauptresultate können sie sich aneignen, aber hat
diese für ihre geistige ausbildung besonderen wert? Ich werde in meiner auffassung
wesentlich bestärkt, wenn ich sehe, wie ungenügend die bisherigen erklärungen der
Schrift sind, mit welcher uugenauigkeit der Inhalt aufgefasst ist, wie flüchtig an den
nicht abzuleugnenden Unklarheiten^ derselben vorübergegangen wird, wie die offenbar-
sten ii-tümer Schillers nicht bemerkt werden. Um von der klaren, aber dem zwecke
eines Vortrags entsprechend sehr kurzen skizze Kuno Fischers (SchiUer als phi-
losoph, Leipzig 1868, s. 115 — 153) und der eiUgen Inhaltsangabe bei Überweg
(Schiller als historiker und phüosoph, Leipzig, Reissner 1884, s. 250 — 261) abzu-
sehen: wie oberflächlich ist doch selbst die ausführlichere analyse in dem sonst so
wertvollen buche von K. Tomaschek (Schiller in seinem Verhältnis zur Wissen-
schaft. Wien, Gerolds söhn, 1862, s. 318— 356), wie bleiben auch hier die Schwie-
rigkeiten zum grossen teil unbeachtet, wie oft wird der gedanke des dichters geradezu
falsch aufgefasst! Und nun die Schulausgaben! In der vorliegenden wird in der
einleitung gehandelt über 1. Schülers philosophische Studien und Schriften. 2. Kaut
und seme drei kritiken. 3. Schiller und Kant. 4. Entstehung der abhandlung. Dann
folgt bis s. 78 der text und s. 79 — 142 amnerkungeu , welche ^nur das material bie-
ten wollen, um den selbstdenkenden schüler auf grundlage und ideen der schiift
SchiUers hiuzuleiten, ihn zur Vertiefung (?) anzuregen und ihn in den geist des Zeit-
alters (!!) einzuführen." In Wahrheit bringen sie wesentlich nur parallelstelleu aus
andern Schülerschen Schriften, aus Gai've, Herder usw., sowie litterarlüstorische
notizen über die in der abhandlung citierten dichter und dichtungsgattungen. Auf
den gedankengang Anrd fast nirgends eingegangen. Die erklärung desselben bliebe
also völlig der klasse überlassen. Bei der sch-^ierigkeit des Inhalts müste diese
erklärung aber — wenn anders ein wirkliches Verständnis erzielt werden soU —
eine ganz unverhältnismässige zeit in ansprach nehmen! Einzelne abschnitte aus
der Schrift für die lektion auszusondern ist bei dem geschlossenen Zusammenhang
kaum tunhch; am besten eignete sich noch dazu der erste aufsatz „Über das naive"
mit der berühmten besprechung von Glaulcos und Dioniedes waffentausch bei Homer
und dem daran geknüpften vergleich zwischen der naiven darstelluug des Homer
und der sentimentalen Ariosts. Leider ist Schillers auffassung jener Homerscene
durchaus schief, und es ist ein besonders drastisches beispiel für die flüchtigkeit der
1) Auf einzelne grandii-tümer Schillers ist inzwischen hingewiesen In W. Scherers posthumer
poetik (Berlin 1888) s. 181 — 183.
7*
100 G. KETTNER
bisherigen analysen der schrift, dass keine einzige dies bemerkt bat, sondern dass
erst Moriz Haupt darauf aufmerksam machen muste. Es ist nicht minder charak-
teristisch für die obei-flächlichkeit , mit der die obige ausgäbe gearbeitet ist, dass sie
diese wichtige bemerkung Haupts nicht kent, obwol dieselbe doch schon 1879 in
dem bekanten buche von Christian Beiger publiciert ist.
35) Über naive und sentimentalische dichtung. Mit einleitung und
anmerkungen von Karl Tunilirz. (Hoelders Classiker- ausgaben für den schul-
gebrauch.) Wien, A. Hoelder, 1886. — X, 100 s. 8. 0,64 m.
Diese ausgäbe ist ebenfals durch jene östeiTeichische regulative ins leben geru-
fen. Sie gibt weniger parallelst eUen , als die vorige, dafür aber etwas zahlreichere
kui"ze erklärungen einzelner stellen unter dem texte — offenbar traut der heraus-
geber dem ^ selbstdenkenden schüler" nicht ganz so viel zu, wie seine voi'gänger,
obwol er anderseits s. Vn anm. Kant nach der Eeclamschen ausgäbe eitleren wUl,
weü diese „für die schüler am leichtesten zugänglich ist." Der preussische gymna-
siaUehrer wird mit neid auf seinen östen-eichischen coUegen blicken, der seinen
Schülern ohne weiteres die lektüre Kants zumuten kann! Bei uns pflegt ja erst
der Student, und auch der nur in ernster, schwerer arbeit, sich in Kant hiueinzu-
lesen. Aber freilich, an solch eine lektüre denkt offenbar der herausgeber nicht von
ferne — einige aus dem Zusammenhang gerissene stellen soll der schüler nachschla-
gen, dann blättert er vielleicht etwas in dem krausen zeug herum und wird — ich
weiss nicht wozu — angeregt.
Die einleitung enthält nach einer kurzen litterarhistorischen Orientierung eine
übersichtliche, aber ganz ausser liehe angäbe des gedankenganges der SchiUerschen
abhandlung.
.36) Autou Frauk, Über Schillers begriff des sitlich- schonen. Eine leitung
zur förderung der lektüre des dichters an unseren gymnasieu. Wien und Leipzig,
0. j. [1885?], A. Pichler. — 22 s. gr. 8. 0,50 m.
Um die schüler für die durch die regulative von 1884 in Österreich gebotene
lektüre der philosophisclien IjTik und der abhandlung über naive und sentimenta-
Usche dichtung vorzubereiten, hat der Verfasser es unternommen, die diesen werken
zu gründe liegenden anschaungen inr Zusammenhang zu entwickeln und dem Ver-
ständnis der schüler nahe zu bringen. Die kleine arbeit ruht auf einem sehr sorg-
fältigen Studium der einschlägigen Utteratui', die darsteUung verfährt völlig voraus-
setzungslos und ist klar und leicht verständlich. Zu einer fruchtbaren lektüre der
genanten abhandlung wii'd sie sicherlich mehr beitragen, als die oben besprochenen
ausgaben; freilich zu einem wirkUchen verständms derselben auch im einzelnen reicht
sie nicht aus.
37) (J. Howe , Über den vermetntUcheu Wechsel in Schillers ansieht vom Ver-
hältnis des ästhetischen zum sitUchen. — Programm des real - progj'mnasiums zu
Dirschau. 1886. (Progr. nr. 47.) 31 s. 4.
Zusammenfassende skizzen der SchiUerschen ästhetik, abhandlungen über sein
Verhältnis zu Kant gehören seit jähren ebenso zu den regelmässig widerkehrenden
erscheinungen in unserer programm-litteratur, wie die aufsätze über das Schicksal
in der braut von Messina und im AVallenstein. — In mehr oder wemger geschickter
weise pflegen darin die in den bekanten werken von K. Fischer, Drobisch, Tomaschek,
NEUERE SCHILLER - LITTERATÜR 101
Twesten, Überweg, Maurer enthaltenen gedanken überarbeitet zu werden, etwas
neues wird schlechterdings nicht vorgebracht.
Auch die vorliegende schritt gehört zu dieser kategorie. Sie hat den vorzug,
gewant und klar geschrieben zu sein, wenn auch eine etwas schärfere auffassung der
gedanken Schillers, z. b. bei der ^vichtigen frage s. 16 ii. zu wünschen gewesen
wäre. — Seine quellen hat der Verfasser nicht angegeben, nur gelegentlich auf
K. Fischer hingewiesen.
Wenn doch die arbeiten über Schillers ästhetik, anstatt immer wider die alten
algemeinheiten vorzubringen, endlich einmal sich der eindringenden durch-
forschung der einzelnen Schriften zuwenden wolten! Wie ausserordent-
lich ist die klare erkentnis der Platonischen philosophie durch die selbstverleugnende,
streng und gewissenhaft den gedankengang his in alle cinzelheiten hinein verfolgende
analyse der hauptdialoge durch Bonitz gefördert worden! Es wäre meines erach-
tens dringend zu wünschen, dass auch für Schiller diese aufgäbe in angriff
genommen würde. Die analysen von Fischer, Tomaschek und Überweg beschrän-
ken sich viel zu sehr auf eine summarische angäbe des inhalts. Welchen ertrag
eine solche arbeit gewähi-en könne, zeigt die einzige, die bis jezt erschienen ist,
Th. Michaelis abhandlung über Schillers Kallias (Berlin, Weidmannsche buchhand-
lung 1882; 14 s. 4). Gerade für die Verfasser von programmabhandlungen eröfnet
sich hier ein fruchtbares arbeitsfeld.
38) Paul Klaucke, Erläuterungen ausgewählter werke Goethes, für die ober-
sten klassen höherer lehranstalten sowie zum Selbstunterricht. Zweites heft: Egmont.
Berlm, W. Weber. 1887. — 232 s. 8. 3 m.
S. 131 — 163 wü-d Schillers recension des Egmont sehr breit besprochen.
Nachdem der Verfasser den gedankengang derselben skizziert hat, verwendet er fast
dreissig selten dazu eine art gegenrecension zu schreiben! Punkt für punkt wird
Goethe gegen alle diese vor hundert jähren gegen ihn gerichteten angiiffe in schütz
genommen, kaum dass der Verfasser ganz am schluss einen kurzen anlauf nimt, die
recension aus den Verhältnissen zu erklären ; sie im Zusammenhang mit Schillers
ganzer dramatischer entwicklung zu verstehen, dazu hat er nirgends auch nui* den
versuch gemacht! Zur Charakteristik der kecken Oberflächlichkeit dos Verfassers
führe ich s. 140 an, wo er Egmont ein „ernstes pflichtbewustsein " vindiciert, „das
ihn in keinem augenblicke verlässt, weder in den stunden ausgelassener freude, noch
in den ernstesten zeiten" und s. 146, wo er den für die auffassung dramatischer
Charaktere geradezu klassischen grundsatz aufstelt: „Das niederländische volk in der
ersten scene beurteilt den beiden richtiger als Schiller .... Ja selbst ein menschen-
kenner wie Macchiavell urteilt trotz des leichtsins nicht ungünstiger über Egmont.
Wie selten wir nun, die wir die Verhältnisse nicht so klar durch-
schauen als jene, dennoch klüger sein wollen?" — Die darstellung ist oft
imglaubhch schwerfällig, namentlich der satzbau oft labyrinthisch verschlungen: auf
s. 139 z. b. begegnet uns ein satzimgeheuer von netto 38 zeilen länge. ^
SCHULPFORTE, NOVEMBER 1887. GUSTAV KETTNER.
1) Über A. Hettler, Schillers dramen , eine bibliographie vgl. bd. XVin, s. 498 — 502.
102 SIEVEES
Die lieder der Edda herausgegeben und erklärt von B. Sijmous. I. band:
Text. Erste hälfte. Götterlieder. Halle a. S. , verlag der bucbhandlung des Wai-
senhaus 1888. [Germanistische haudbibliothek VII, 1.] XVI, 222 s. 8. .5 m.
Der plan der gross angelegten Eddaausgabe, deren ersten halbband ich hier
ziu" anzeige bringe, ist den lesern dieser Zeitschrift nach den aufschlüssen nicht
mehr unbekant, welche der jetzige herausgeber der Zeitschrift (dem zugleich die
bearbeitung eines wichtigen teiles der neuen ausgäbe zufallen wird) auf der Des-
sauer phüologenversamlung vom jähre 1884 gegeben hat (s. diese zeitschr. XVII,
117 fgg.). Ich darf mich also darauf beschränken, hier in kürze hervorziiheben , dass
ein erster band in zwei abteilungen die texte, ein zweiter einen kritischen und exe-
getischen commentar aus der feder von Sijmons bringen wird; als dritter band wird
sich daran ein ausführliches Wörterbuch von Gering anschUessen, dessen teilneh-
mende Sorgfalt auch bereits dem vorliegenden, in jeder lünsicht vortreflich ausgestat-
teten halbbaude nützlich geworden ist, welcher die göttorlieder (einschliesslich Grrjugaldr
und EJQlsvinnsmdl) und die fragmcnte mythologischer lieder in der Snorra-Edda
bringt.
In zwei punkten unterscheidet sich die neue ausgäbe vornehmlich von ihren
Vorgängern: in bezug auf die beigaben und die textgestalt. Was den ersteren punkt
anbetrift, so folgt dem texte zunächst in knapper form der kritische apparat im
engeren sinne; daran scliüessen sich in einer besondem abteilung in kleinem, aber
scharfem und übereichtlichem druck die prosaparallelen der Jüngern Edda und ande-
rer quellen, die für das Verständnis des liedertextes von bedeutung sind. Man hat
diesergestalt das ganze material der „eddischen" überUeferiing in berjuemster weise
vereinigt; und sicher werden die meisten benutzer des werkes mit dem ref. sich dem
herausgeber für diese beigäbe zu ganz besonderem danke verpflichtet fühlen.
Sodann aber erscheint der ganze text hier in wesentlich neuer gestalt. Dem
vorgange von MüUenhoff-Hoffory und Mogk folgend gibt uns Sijmons den text der
lieder in metrisch geregelter form imd in der Orthographie der ältesten
handschriften. Dass auch sonst der text durch die band des herausgebers manche
Verbesserung erfahren hat, braucht ref. wol kaum hervorzuheben: ein näheres ein-
gehen auf diese wird aber erst möglich sein, wenn der verheissene commentarband
vorliegt, der die begründung und rechtfertigung der texthersteUung im einzelnen lie-
fern soll. Einstweilen möge es daher gestattet sein, nur zu den beiden gedachten,
mehr äusserlichen punkten, die übrigens in innigster Wechselbeziehung stehen, einige
bemerkungen zu machen , um so mehr als der herausgeber selbst s. VI des Vorwor-
tes zu einer discussion gerade in dieser richtung einladet.
Über die bedingungslose umschiüft alter liedertexte in die sprachformen der
ältesten isländischen handschriften hat ref. schon in Paul imd Braunes beitragen XU,
482 — 485 einige specioUe bedenken vorgetragen; er suchte zu zeigen, dass das
System der altisländischen handschriften, in unbetonten silben nur e, o, nicht i, u
zu setzen, der spräche der älteren periode nicht gemäss sei, welcher die lieder ent-
stammen. Der betreffende aufsatz erschien freilich zu spät, als dass er von Sijmons
noch hätte berücksichtigt werden können, und für den zweiten halbbaud verbietet
sich auch jetzt eine principielle änderung des im ersten halbband eingeschlagenen
Verfahrens von selbst. Trotzdem ist es ^^eUeicht gerechtfertigt, hier nochmals auf
die transcriptionsfrage zurückzukommen, weil es manchem scheinen möchte, als sei
ein hinausgehn über die älteste liandschriftlich erreichbare oi-thographieform über-
haupt imzulässig; me denn z. b. Braune, beitr. XIII, 209 neuerdings bemerkt hat.
ÜBER SIJMONS, LIEDER DER EDDA 103
ein versuch, die Eddalieder „ strengphonetisch. " in die spräche des 10. Jahrhunderts
zui'ückzuschreibcn , dürfte doch nur als lehrreiche Übung, nicht aber für ausgaben
der Edda billigung beanspruchen.
Darin bin ich freilich mit Braune durchaus einverstanden, dass dieses endziel
nicht erreichbar ist, wenn man den „streng-phonetischen" Charakter der Umschrift
betont. Aber danim handelt es sich doch weniger, als einerseits um die wähl eines
bestimten orthographischen Systems, andererseits um die wähl grammatisch
correcter formen. Beide fragen stehen vielfach im Zusammenhang. Und da muss
man sich doch zunächst fragen, ob es einen zweck bat, alle orthographischen eigen-
heiten einer bestimten isländischen schreibschule mitzumachen, wenn man sich z. b.
entschliesst, in Übereinstimmung mit dieser schreibschule von den beiden zeichen j5
und ä oder co und q das eine als übeiHüssig fallen zu lassen. Wir weichen doch
von dieser schreibschule in zahlreichen punkten ab. So wenig wir uns durch sie
bestimmen lassen, il/oder N für mm oder nn zu schi'eiben, oder uns durch sie hin-
dern lassen, v und ti, j und i oder c, k, q nach modernem gebrauch zweckmässig zu
regeln, so wenig brauchen wir uns durch dieselbe das hässliche e statt des sonst
allerorts üblichen ce resp. <e aufnötigen zu lassen, weil wir etwa der schreil)forni q
für den in den europäischen alphabeten sonst nicht durch ein besonderes zeichen ver-
tretenen offenen o-laut vor der schwerfälligeren form m den vorzug geben.' Wie
man aber au.ch in solchen fällen wählen mag, sachlich ist die wähl ziemlich gleich-
gültig: für die grammatische richtigkeit, für die ausspräche verschlägt es nichts, ob
man c oder k, co oder q, ce, oder e sckreibt und druckt. Anders aber liegt die
Sache bezüglich der unbetonten i, u resp. e, o. Ich glaube a. a. o. wahrscheinlich
gemacht zu haben, dass im elften Jahrhundert entweder überall noch ein reines i,
also doch auch wahrscheinlich noch ein reines z«, gesprochen wurde, oder dass ein
Wechsel zwischen i und e, u und o nach bestimten gesetzen statfand. Wenn nun
das isländische Orthographiesystem um 1200 die i, u verwirft und e, o diu-chführt,
so kann man wol zugeben, dass damals bereits eine Verschiebung der alten aus-
spräche statgehabt oder wenigstens begonnen habe. Was aber berechtigt uns, dies
für ältere und zum teil sicher nicht isländische texte in anwendung zu bringen?
Man wird dieser frage die antwort entgegenhalten: das natürliche bestreben, die
texte in einer wirklich direkt überlieferten sprachform zu geben, die zeitlich der
abfassimg der licder so nahe stehe wie möglich. Gegen diesen grund hätte auch ich
nicht viel einzuwenden, wenn es nur möglich wäre mit üim durchziüvommen. Aber
die metrik verlangt an unzähligen stellen die einführung „vorhistorischer formen",
d. h. die einsetzung sicher zu erschliessender älterer sprachformen, die handschrift-
lich nirgends mehr überliefert sind: so vor allen dingen die auflösung von contrac-
tionen, die in der zeit, aus der auch die ältesten handschriften stammen, bereits
ausnahmslos volzogen sind. Weicht man aber in diesem punkte einmal von der
isländischen Überlieferung ab, so ist nicht einzusehen, warum man in der frage der
i, u und e, 0, die freüich metrisch nui' in den seltensten fällen controlierbar ist
(Beitr. XII, 483), nicht auch der älteren form ihr recht belassen darf. Verlangt man
aber die consequenten e, o, so darf man meiner meinung nach auch die contrac-
tionen der Überlieferung nicht auflösen, wie dies doch tatsächlich die herausgeber
tun. Schreibt man e, o, so muss man ferner auch die vocaldelinungon wie in ülfr,
folk u. dgl. aufnehmen, denn c, o neljen idfr, folk ist ein entschiedener anachro-
nismus.
1) Dass Sijmoiis diese c'-marotto niclit mitmacht, bedarf wul kaum der hervorhebuug.
104 SIEVERS
Dies ist der einzige weseutlichere puukt, in welchem mir das von Sijmons
gewählte orthographische System nicht gerechtfertigt erscheint. Alle übrigen form-
fragen sind einzelfragen von geringerer hedeutung. Anmerken möchte ich ein paar
versehen, die mit imtergelaufen sind. Im aufang sind noch einige kleine inconse-
quenzen stehen geblieben, so man für mowVsp. 16, 3, megenlirj Vsp. 26, 4, spaklig
30, 2, hätUg 33, 2, undrsamligar 61,1 lux -leg, -legar. Zu berichtigen sind ferner
qsbrü Giimn. 29, 5, Ösmundar ebd. 49, 2, nslipar Skirn. 34, 3, Os^ftv-^e Hym. 7, 2,
qsmegcn ebd. 32, 2. Fragm. 6, 1, 3, Osgarp f rymskv. 17, 3, qsniegir Vegt. 7, 3,
qsmaga Fjtjlsv. 33, 4 zu as-, da die langsilbigen «-stamme in der composition kei-
nen ««- Umlaut haben (vgl. Burg, die alt. nord. runeninschr. 58 fg. und Heinzcl, anz.
f. d. alt. XII, 48 fgg.); ebenso lies dstrdp Hym. 4, 4. 31, 2 statt qstrdp, und vd-
skapapr Hym. 10, 1 statt vqskapapr; \imgekehrt Hqrs (oder Hqars) Vsp. 21, 3,
Hqbrök Grimn. 44, 5, fqtt ebd. 52, 1 statt IZars, Hdbrok, fdtt. Unberechtigt erscheint
es mir auch, die adverbia gqrla Hav. 31, 3. 132, 1. Harb. 7. Lok. 21, 4 und gqrva
Hav. 101, 1. Ilarb. 18. Lok. 30, 1. 52, 3 neben dem adj. gqrr regelmässig mit
umlaut als gorla und gorva anzusetzen; für gqrla vgl. speciell die von Gislason,
Njäla II, 176 fgg. augeführten reime, für gqrva adalhendingar wie fqr : gqrra Ottarr
svarti Hkr. 220, 1. Fms. IV, 39. OH. 16. Flat.H, 15; rögqrs : gqrva Arnörr Hkr.
515,1. Fms. V, 118. VI, 21. Fagrsk. 95. OH. 234. Fiat. HI, 262 (Gislason, Om
heli-im s. 41), mqrstrillr : gqrva I'örarinn stuttfeldi- Hkr. 686, 3. Mork. 188. Umge-
kehrt ist Hav. 50, 1 hrqrnar in hrornar zu ändern, da dies wort, eine ableitung
von hrjosa, r-umlaut verlangt; vgl. auch Schreibungen wieJircornar St. Hom. 49, 18,
ohrornopö Eluc. s. 44 (= 72, 8 Gisl.), hreyrnudu Stjorn 348, 34, und das subst.
hrer^ für welches die Varianten hreyr und hrer vorkommen (Egilsson 392''. Vig-
füsson 290''). Öprerir Hav. 106, 3 und pjödreyrir 160, 1 sind wol nur- durch
versehen in der form unterschieden; am besten wäre wol beide male -rorir gesezt
worden, vgl. Müllenhoff, ztschr. f. d. alt. XXIII, 157.
Auch in beziehung auf quantitätsansetzung weiche ich gelegentlich von
Sijmons ab. So halte ich formen wie minn, mitmar, mitt für altertümUcher als
7ninn, minnar, mitt und sehe in den lezteren, wo sie bei den skalden reimend auf-
treten, nur das produkt einer etymologisierenden anlehnung an die formen mit laut-
gesetzlich erhaltenem i\ ich würde also gerade in alten texten minn usw. nur da
setzen, wo es der reim direkt erfordert, in der Edda mithin überhaupt nicht. —
Zweifelhaft ist mir ferner Byleipts Vsp. 51, 4. Hyndl. 42, 4. Mir scheint allein
Bugges deutung dieses namens (Norr. fornkv. 9) annehmbar zu sein ; grundform wäre
danach *bnli-haifstar, und dies hätte nach den von mirBeitr. XH, 486 fgg. bespro-
chenen analogien, zunächst *byljeifstr, demnächst *byleifstr usw. ergeben müssen.^ —
Vsp. 62, 3 schreibt Sijmons Eröpts sigioptir, wol mit bezug auf Miülenhoff, Alter-
tumsk. V, 1, 155 (anders Mogk, Beitr. VII, 328 fg.); dann hätte aber auch sigtöptir
angesezt werden müssen, denn oifenbar ist eine hending beabsichtigt; vgl. auch die
adalheuding Hropts : toptir bei J'ördr Kolbeinsson Hkr. 214. Fms. H, 324. Fiat. I,
488. Leider ist die quantität des o in topt nicht mit Sicherheit direkt zu bestim-
1) Länge der ersten silbe fordert auch noch der vers tu Byleists Yngl. 45, 3 Wisen. Zu den
a. a. o. bosprochenon w-örteni trage ich noch nach nüßialdra St. Hom. 19, 4 (vgl. Larsson, Studier
s. 63fg. Svar p5J prof. Wisons „Textlcrit. Anmärkningar " s. 51. Wisen, Arkiv 4, 222. Nagra ord om
den Stockh. Homiliebokon , I^und 1888 , s. 30) , die eigennaiuen Ncfjulfr, Hle^jvlfr, ferner h-ynjalfs Yngl.
44, 3 Wisen. Ein j wird weiter zu ergänzen sein in fijr vin(j)cijjar riSri Bragi Hkr. 7, dyn(j)cyjar vit
Freyja Korm. str. 59, 8.
ÜBER SIJJIONS, LIEDER DER EDDA 305
men, da streng beweisende reime fehlen. Für länge könte sprechen der vers opt
d öpalstöptum Sigvatr Hkr. 521, 3^ Fms. V, 208. Fiat. 11 , 394, der eigentlich
skothending haben solte, für kürze wider der reim f opt : opt Skäldhelga rimur VI, 8
(vgl. Gislason, Aarb. 1866, 258). — Harb. z. 86 ist Svdrangs zu setzen {Svarangs
synet- ist ein sehr unbeliebter versausgang), vgl. den viersilbler Svdrangr Skrati
(Skratti, Skat/) in den Nafna{)ulur SE. I, 550. II, 470. 553. 615. — Alv. 24, 3.
32, 3 ist mir Idgastaf aus metrischen gVündcn wahrscheinlicher als lagastaf. —
Lokas. 17 und in der ülierschrift von 16. 18 lies Ipunn statt Ipunn, da der name
doch sicher zu ip gehört; vgl. auch den viersilbler Jqrp ok Ipimn SE. I, 556, 2. —
Skirn. 39, 1 würde ich ebenso eyrindc (resp. örindc) geschrieben haben wie Sijmons
es fiymskv. 9, 1. 10, 1 tut.
In grammatischer beziehung möchte ich namentlich zwei punkte hervor-
heben, in denen ich Sijmons nicht folgen kann. Zunächst in der ansetzung der for-
men esotnk Skirn. 2, 1. Lokas. 35, 1 und vqsonik Skirn. 13, 3. Obwol ich selbst
früher die notwendigkeit einer lesung gqfunik statt des bis dahin angesezten gäfumk
betont habe (Beitr. VI, 333, anm. 2, vgl. auch AVisen, Carm. norr. s. 117), so glaube
ich doch nicht, dass man auf diese form hin die regel umstürzen darf, dass diese
formen vom pluralstamm gebildet werden, z. b. bupumk für baupmer. Dann aber
ist nur eromk^ vqromk möglich, mit grammatischem Wechsel, und vqromk, gqfomk
können dann nur entweder als kürzungen der normalformen, oder als gelegentliclie
anbildungen an singularische formen betrachtet werden.^
Der zweite punkt betritt die behandlung der composita mit fapir und -fqpr,
über welche neuerdings Gislason, Njäla II, 246 fgg. gehandelt hat. Ihm schliesst
sich Sijmons in der Verwerfung von formen wie Valfqpr usw. an. Er schreibt also
gegen die Überlieferung in fornyr{)islagstrophen
a) viltu at ek ValfaJ)er — Vsp. 1, 3
val{)e Herfa])er — Vsp. 30, 1
b) af vet)e ValfQ{)or — Vsp. 27, 4. 29, 4
c) at HerjafQ{)or — Vsp. 43, 2^
bi|)jom HerjafQf)or — Hyndl. 2, 1"
d) Sigfa^er, Hniko{)r — Grimn. 48, 1
Alfajjer, Valfa{)er — Grimn. 48, 2
und ähnlich in ljöJ)ahattstrophen Vaf|)r. 2, l^ 4,3". 53,1. Grimn. 19, 2. 2.5, P.
26, P. Ist dies verfahren berechtigt?
Zugegeben, dass in der Überlieferung dieser composita ein gewisses schwanken
herscht, so ist dies doch nur erklärlich, wenn die formen auf -fqpr einmal da waren,
und dass diese so ausserordentlich häufig,' ja man kann wol sagen, überwiegend
bezeugten formeu ihren Ursprung bloss einem handschriftlichen Verderbnis verdanken
selten, kann ich nicht glauben. Gerade ihrer sprachlichen auffälligkeit halber müste
man sie als altertümlichkeiten betrachten, die gelegentlich als unregelmässig durch
den gewöhnlichen typus von compositis ersezt worden sind. Die richtigkeit der
Überlieferung lässt sich aber, wie ich glaube, durch metrische gründe endgiltig
erweisen.
Die beiden ersten der aufgezählten verse, viltu at ek Valfaper und vaipe
Herfaper, gehören zum typus A mit nebenton in der Schlusssenkung -i x | -^^ -5- .
zu ihnen geselt sich noch der viersilbler frdripr alfqpr SE II, 472". Diese form
[1) Ich halte die Streitfrage , in der ich auf der seite von Sijmons und Finnur .Jonsson stehe
(Kv2eI)abrot Braga s. 8) noch für discutabel. H. G.]
106 SIEVERS
des viersilblers ist in der Edda im ersten halbvers sehr oft bezeugt:^ Vsp. (12, 1. -
3. 4). 19, 4. 20, 2. 21, 1. 23, 1 usw. 23, 4. 24, 2. 3. 25, 3. 26, 4. 30, 2.
32, 4. 33, 2. (39, 4). 41, 3. 4. 44, 1 usw. 45, 4. 5. (46, 3). 48, 2. Hym.
35, 3 (?). fiymskv. (1, 1). 11, 4. 14, 3. 18, 1. 20, 3. 26, 4. 27, 3. 28, 4.
Vegt. (13, 1). Rigsm. 42, 3. 46, 1. 47, 4. Hyiidl. 4, 4. 5, 1. 3. 4. 6, 3. 7, 2.
10, 2. 4. 12, 1. 13, 4. 14, 3. 4. (15, 1). 16, 5 usw. (lOmal). 17, 4. 18, 2.
(4). 5. 20, 1. (21, 1. 23, 1). 24, 1. (27, 2. 3). 33, 2. (34, 1). 36, 2. (38, 3).
41, 2. Volkv. (2, 3). 6, 1. 14, 5. (15, 3. 4). 21, 2. 4. 23, 4. (26, 1. 29, 4).
30, 3. 31, 1. 4. (,36, 3. 39, 1). 41, 3 (?). Helg. HJQrv. (1, 1. 3, 1. 4, 3. 10, 1).
H. Hund.I, 4, 2. (8, 2. 3. 14, 2. 3). 34, 3. (42, 1). 3. 49, (3). 4. 51, 1. 2. 4.
(55, 3). II, 8, 1. 5. 6. (13, 1). 16, 3. (17, 1. 23, 1). 37, 3. 39, 1. 40, 1.
(41, 1. 44, 1). 4. 6. Grip. (5, 3. 19, 3). 21, 4. (35, 1). 42, 3. 43, 1. Eeg.
13, 4. (17, 1). Fäfn. 35, 4. (40, 1). 2. Sigrdr. (2, 4). Brot. (1, 1. 2, 1. 3, 1.
5, 1. 6, 1. 3. 7, 2). 3. (8, 1. 9, 1. 3. 10, 1 [= Gu{)r. I, 23, 1. 25, 1]. 3. 12, 4. 14, 1.
16, 1. 18, 1). Gu|)r.I, (1, 1. 2, 3 [=.5, 1. 11, 1]. 4, 1. 6, 1. 12, 1 [=17, 1].
14, 1. 18, 1). 2. 3. (21, 3. 22, 2.. 23, 3). 24, 2. Sig. sk. (1,1. 3, 2. 6, 3.
7, 2. 8, 3. 4. 10, 2. 11, 4. 13, 1. 14, 5). 15, 3. (16, 1. 21, 1. 23, 1. 24, 1.
25, 3. 27, 4. 28, 2. 30, 1. 31, 1. 33, 1. 34, 1. 42, 1. 53, 1. 54, 1. 60,4.
61,1). 66,3. 69,4. Helr. 2, 3. (4,1). 10,3. (13,1). 14,1. Gu{)r. 11, 2,
(1). 2. (3, 4. 4, 2). 3. 5, 3. (7, 1. 8, 1. 10, 3). 14, 6. (15, 4. 16, 1. 18, 1.
22, 1). 2. (26,1. 29,4. 30,1. 32,3. 33,1.5. 38,3). Gut)r. ni, (2, 1. 3).
3, 1. (3. 5, 1. 6, 1). 10, 1. (4). Oddr. (2, 1. 4, 3. 4, 4. 6, 3. 10, 1). 15, 2.
HvQt (7, 1). 8, 2. (10, 3. 15, 3. 19, 1. 20, 1). 22, 3, zusammen gegen 250mal
(einschliesslich der verse , die auf einen componierten eigennamen aiisgehn ; diese sind
in der liste durch einklammerung der betreffenden zahlen angedeutet worden). In
der zweiten vershäfte wird dagegen diese versform gemieden: sie begegnet einigemale
in der V0limdarkvi{)a : bor in vas Hlqpvc (oder schon Hlqpvi?) 15, 3, es hqnum's
Up svcrp 17, 2, kqld ernmk rqp pin 31, 3; sonst findet sie sich noch veldr pvi
Grimildr Grip. 51, 4, und in dem wegen der Stellung der alliteration anstössigen vers
nnt pik aldr vipr Gudr. 11, 31, 3, endlich in der langzeile rikt gol Oddrün, rammt
Qöl Oddnm Oddr. 6, 3. Niemals aber, weder im ersten noch im zweiten halbvers,
findet sich in dem eddischen fornyr{iislag eine auflösung der neben-
tonsilbe ausser in den angeführten drei versen Vsp. 1, 3. 30, 1. SE II, 472",
wenn man ihnen -faper, -fqpor statt des überlieferten -fqpr usw. gibt; denn hita
hi-assara. bifa brcipara frymskv. 25, 2. 3 gehören nicht hierher. Die wenigen,
noch dazu zweifelliaften fälle der uafnajiulur (vgl. Beitr. VI, 284), deren dichter sich
ja in einer Übeln Zwangslage befand, kommen dagegen ebenfals nicht in betracht.
Nur an einer einzigen stelle, bei dem verse valarijjt vel fäp Sigkv. sk. 66, 3 wäre
es noch möglich, durch einsetzung einer uncontrahierten form für fdp ein beispiel
für auflösung in der lieder-Edda zu gewinnen.
Der dritte vers, af vepe Valfnprs Vsp. 27, 4. 29, 4, ist ein C mit nebenton
in der Schlusssenkung, x v^ x | -=• ^j die sonstigen eddischen belege für diese form
sind, wider fast nur im ersten halbvers:
knqttu vaner vigsk^j — Vsp. 24, 4
slitr nac ni{)fnlr — Vsp. 50, 4
1) Ich sehe bei dieser aufzähluiig von ilor hervorhebung gleichzeitig erscheinencler anderer metri-
scher eigentümlichkcitoii , wie auilösung der hebungen, nebenton auch in erster Senkung, selbstver-
ständlich ab.— [Die hcMenlieder eitlere ich nach HiUlebrand , doch sind nicht die kurzzeilen, sondern die
langzeilen gezählt.!
ÜBER SIJMONS, LIEDER DER EDDA 107
tro{)a haier helveg — Vsp. 52, 4
enn su{)r Slagfi{)r — Volkv. 5, 2
nü. berr B(j{)vildr — V0lkv. 19, 1
es {)at satt BQ^y^-üdr — Volkv. 40, 1
ok chifr drott qU — H. Hii.n, 49, 5
mon horskr Gimnarr — Grip. 50, 1
es [hön] sat sorgfull — Gudr. I, 1, 2
|)ä hne Gu|)iam — GuSr. I, 15, 1
{)ä gret Gu{)rüii — Gudr. I, 16, 1
e{)a hjfjrtr h^beiun — Guar. 11, 2, 3
e{)a goU glöjjrautt — Guctr. IT, 2, 4
ok gora goU fagrt — Giutr. H, 27, 2
und im zweiten lialbvers:
enu ek Guuuars — Sigkv. sk. 7, 2**.
Auflösung der nebeutonsilbe, wie in dem angenommenen Valfopor, ist
abermals nirgends belegt. Sie herzustellen bietet sich, von den -faßer abge-
sehen, wider nur einmal eine möglichkeit, in dem citierten vers Vsp. 24, 4, indem
man für vigskq eine uncontrahierte form einsezte; vUjskq selber aber beruht bekant-
licli auf conjectur.
Vers 4 und 5 der liste, at Hcrjafqpor Vsp. 43, 2** und hipjom Herjafqpor
Hyndl. 2, 1% wären verse des typus B mit auflösung der zweiten hebung, X-^ 1 x^x.
Unter allen B-versen der ganzen Edda finden sich für diese form nur die beiden
belege vas moporfaper Hyndl. '\Q^ 2" imd frei Jqrmunreke ebenda 25, 2** überliefert;
für cnn kann qprum hefir Fafa. 36, 4 ist wie sonst hefr zu lesen, und hrerr mon
heiptar Hepe Vegt. 10, 3 ist erst durch correctur hergestelt (s. Sijmons zur stelle).
Die HjTidluljoJ) aber, in welcher jene beiden wü-klichen belege stehen, sind auch
sonst metrisch ziemlich verwahrlost, imd so ward man getrost auch die versform
■X j. I X 6 X für die Edda im algemeinen leugnen düifen (über i Isarnvipe
Vsp. 40 s. unten). Jene zwei Herjafqpor wären also einzig (und sind jedenfals
so gut wie einzig) in ihrer art. Zu ihnen kämen aus der übrigen litteratur noch
ok aldafqpur und ok Herjafqpur SE 11, 472.
Dann bleiben noch vers 6 und 7 der liste: Sigfaper Hnikopr (wozu sich
Sigfqpr prasarr SE II, 472 stelt) und Älfaper Valfaper (mit der parallele vcifqpr
valfqpr SE. 1. c). Diese wären A mit auflösung eines nebentones in erster senkimg
resp. in beiden Senkungen, also -^ wx | ^x resp. j.^x \ j-^x. So häufig die
form J- ^ \ ^x resp. j- ^ | ^ ^ in der Edda ist (ich darf mir wol die auf-
zählung der beispiele versagen), begegnet doch die form-i<^x |wX nie-
mals in einem sicheren boispiel; die angenommenen -faper stehen wider ganz für
sich allein; in dem verse Älfaper Valfaper würde sich diese sonst unerhörte form
auch noch mit der ebenfals in der Edda unerhörten auflösung eines nebentones in
lezter Senkung des typus A verbinden.
Diesen 7 beispielen für metrisch anstössiges -faper stehen in der Edda nur
zwei belege gegenüber, wo zweisilbige form durch das metrum gerechtfertigt ist
resp. gefordert wü'd: mqgr Sigfqpor Vsp. 54, 1^ und at Alfnpor H. Hu. I, 39, 2
Au beiden stellen hat die handschriftliche überliefenuig die metrisch coiTecte zwei-
silbige form bewahrt, ebenso wie in den oben besprochenen versen die metrisch
richtige einsilbige form. Man wird also, wo nicht das metrum direkt einspiaich
erhebt, handschriftliches -fqpr überall beizubehalten haben, also auch in den lj6J)a-
108 SIEVERS
hattstrophen obeu s. 105. Die drei belege aus Vaf{)r.: mundak Herjafqpr 2, 1'',
hvars skalt Aldafqpr 4, 3'', mon Aldafqpr 53, l** wären wider B mit auüösung der
zweiten hebung, mithin an sich auffällig; Grimn. 19, 2 ist hropogr Herjafqpr natür-
lich metrisch ebenso gut als -faper (am ausgaug der laogzeile) ; Grimn. 25, 1''. 26, 1''
aber kommen metrisch überhaupt nicht in betracht, da hier das wort Herjafqpr s ein
mit recht von Sijmons ausgeschiedenes glossem ist.
Ähnlich ist auch bei iarn, jarn die Überlieferung ohne hinlänglichen grund
verlassen. So Vsp. 40, 1'', wo dui'ch die Icsung i Isarnvipe wider das vei-pönte B
mit auflösung der Schlusshebung geschaffen wird, und Hyndl. 38, 4*' ok Isarnsaxa,
wo die conjectur ein ebenso anstössiges A mit auftakt im zweiten halbvers ergibt.
Ebensowenig ist mit isarn dui'chzukommen Gu{>r. 11 , 39, 1^ es harn dreyma,
H. Hu. I, 28, 2 ok isarna glymr^ Hyndl. 22, 2* isarnskjqldr pörir. Nicht falsch,
aber auch nicht nötig, wäre isarti Sigkv. sk. 23, 2°' kynhirt harn, 68, 2' egghvast
harn und H. Hj. 13, 3'' harnborgir im ljöj)ahättr (Harb. 104 lasse ich aus dem
spiele, es spricht höchstens gegen harn); g'efordert wird die form harn nur Grimn.
37, 4 cesir harn kol, wo sie auch überliefert ist, und wahi'scheinlich Ham{). 25, 4*
eggjar ne harn. Also unter 10 belegstellen ergibt die form isarn fünfmal einen
metrischen anstoss, nur zweimal ist sie nötig! Gegen die einsetzimg von iarn, wel-
ches die skalden auch noch späterhin gebrauchen (Beitr. X, 527), spricht doch auch
nur die abneigung, eine algemein als „jünger'' betrachtete form in einem „alten"
texte zu dulden. Aber wer kann denn das absolute alter dieser form mit Sicherheit
so weit bestimmen, dass ihre existenz auch für die ältesten Eddalieder geleugnet
werden müste? In der ersten hälfte des 10. Jahrhunderts (938) kent Egill Skalla-
grimsson bereits die einsilbige iovin jarn (Beitr. VIII, 61), und wenn sein vater Skal-
lagrimr (s. ebenda) noch, harn gebraucht, so darf man daraus schwerlich den schluss
ziehen, dass in der einen generation der sprung von harn bis zu jarn volzogen
worden sei, sondern man wird annehmen dürfen, dass auch Skallagrimr die form
harn nur noch als antiquität gebraucht hat. Für die Eddalieder ist deshalb meines
bedünkens 'iarn und eventuell jarn ganz unanstössig.
Von weiteren einzelheiten mögen noch folgende angemerkt sein. Sijmons sezt
durchgehends en „aber"; für die ältere spräche aber dürfte allein e^in anzunehmen
sein: metrisch wird es sehr oft als länge erfordert, und sehr gewöhnlich reimt es
mit sichern «»-Wörtern. — Vsp. 41, 3*' ist die conjectiu" Vigfüssons of sumra epter
(die auch Müllonhoff, altertumsk. V, 1, 128 aufgenommen hat) statt des überlieferten
of sumor epfer metrisch sehr hart: entweder A mit auftakt (wofür die VgluspQ im
zweiten halbvers kein beispiel kent) oder C mit eUsion von hebung zu hebung,
die schwerlich oft vorkommen dürfte (dass sie gar nicht belegt sei, kann ich nicht
positiv behaupten, aber ich halte ihr vorkommen für mindestens sehr fraglich). Ich
würde aber nicht wagen, solche metrische Seltenheiten erst auf dem wege der con-
jectur herzustellen. Überdies liegt an unserer stelle gar keine nötigung vor, die
Überlieferung zu verlassen. Vigfüssons behauptung, die synkopierenden formen
stanrt, sumra, sumrmn bewiesen für ursprünglich männliches geschlecht, ist natür-
lich aus der luft gegriffen (s. z. b. AVimmer, forun. forml. §37); das einzige zeugnis
für männliches geschlecht bleibt die in der M;Uskrü|)sfri\'|)i angezogene zeile Arnors
sumar hvern frekum erni SE 2, 100, und da erhebt sich die frage, ob der gebrauch
des masc. a. a. o. nicht mit recht zu den barbarismi gestelt worden ist. — Vsp. 45, 4.
Grimn. 36, 2 würde ich die form skeggjqld aufgenommen haben, vgl. Beitr. XII, 487. —
Hym. 33, 4 schreibt Sijmons pvh äpr of hetk nach einem verschlag Bugges, den
ÜBRR SIJMON'S, LIRDER DER EDDA 109
dieser selbst als sehr gewagt bezeichnet hat (Forulcv. 111). Der anstoss, deu man
an dieser stelle genommen hat, geht aber wol niu' von einer iiiümlichen deutung
derselben aus. Man hat ziemlich algemeiu of heitt durch „zu heiss" erkläit; das
ist aber immöglich, denn dann müste man of heitt als compositum schreiben, und
damit bekäme der zweite halbvers, pü'st qlpr of heitt, fehlerhafte doppelalüteration;
lieitt ist also, wie Vigfüsson , Corp. poet. bor. I, 224 richtig gesehen hat, part. praet.
von heita „brauen" und of die bekante verbalpartikel , ganz wie Hyni. 3, 4 panns Qllo?n
yP>- ql of heitak. „Nun kann ich nie wider (vergnüghch) sagen: jezt, hier, bist du
fertig": das ist der Inhalt der komisch gefärbten klage des riesen, dessen Stimmung
Vigfüsson sehr treffend durch „whimpering" charakterisiert. — Für trymskv. 12, 1
ftidsape trage ich zu dem Probon s. 35 gegebenen noch nach die ags. form fndst :
blc'est Phon. 15. — Lokas. 12, 4 halte ich die nach Gnindtvig aufgenommene forni
gremat[tu] für bedenklich; für die alte spräche dürfte wol nur grenijatftii] zu recht-
fertigen sein (vgl. Noreen, Altisl. gr. § 453, 3). — Hav. 109, 3 ist wol die ältere
form sviki'enn resp. sykvenn vorzuziehen. — Ob man für Harb. 80 wol an fisa ne
fnjosa denken darf, nach ags. fneosan, fnora? — Vaf|)r. 3, 3. 6, 3 wüi'de ich nicht
viljak statt vilk eingesezt haben; 6, 3 wird dadurch der vers entschieden überladen;
zur altersfrage vgl. Beitr. ^^, 323, anm. Ebenso würde ich hper7i Vaf|)r. 14, 3 und
sonst im texte belassen haben; für Lokasenna 37, 4 ist die form auch in der Edda
gesichert, und die annähme eines wechseis verschiedener formen desselben wortes
scheint mir unbedenklich, selbst innerhalb desselben gedichtes (vgl. das oben s. 108
' über isarn : 'iarn :jarn gesagte). —
Über die metrische Constitution des textes hätte ich nach dem im vor-
ausgehenden erörterten kaum noch ein wort zu sagen, soweit die lieder im fornyr-
J)islag in betracht kommen: ich kann niu" meine herzliche freiide darüber ausdrücken,
dass meine metrischen Untersuchungen und ihre resultate in so weitgehendem masse
den beifaU eines so ausgezeichneten kenners der Edda gefunden haben, wie Sijmons
es ist. Auf diesem gebiete dürfte denn auch jezt bereits eine Verständigung über
zweifelhaftere eiuzelfragen leichter mögUch sein. Viel sch\\ieriger wird aber die ent-
scheidung, wenn man sich dem gebiet des ljü{)ahüttr zuwendet, dieses proteusai-tigen
metrums, für das die aufstellung einer regel überhaupt kaum mögUch erscheint, so
weit sie mehr sein will als der ausdruck eines rhythmischen gefühles, das sich der
einzelne leser almählich auerwerbeu kann imd muss, imd dessen objective gi'undlagen
eine statistische abwägung der vorkommenden versformen zu liefeni hat. Gemäss
dieser grösseren Unsicherheit in der beurteilung ist denn auch Sijmons bei der text-
hersteUung anders verfahren als bei den liederu in foruyr{)islag : zu tilgendes ist im
texte belassen, aber in eckige klammern geschlossen. Dies verfahren erhöht zwar
die typographische Schönheit des werkes nicht gerade, aber es stört doch auch nicht
ernstlich und dürfte sich als sehr praktisch bewähren. Ja es möchte mancher viel-
leicht wünschen, dass dasselbe System durch die ganze ausgäbe durchgeführt worden
wäre, damit man alles wesentliche der handschriftlichen Überlieferung sofort mit
einem blicke übersehen könte. Im algemeinen treffe ich übrigens mit Sijmons aus-
scheidungen und versabteilungen auch im lj6{)ahättr zusanune^. Hie und da möchte
ich wol vor der hand anders lesen, aber ich muss darauf verzichten, eine Hste sol-
cher stellen anzulügen, da ich keine gesamtstatistik über den eddischen lj6{)ahatti-
besitze und also nur instinctive Vermutungen zu geben vermöchte, denen ohne das
entscheidende Zahlenmaterial keine beweiskraft innewohnen kann.
HALLE A. S. , 24. MAI 1888. E. SIEVERS.
110 KLINCtHARDT
0. Erdmaini, Grundzüge der deutschen syntax nach ihrer geschicht-
lichen entwicklung. Stuttgart, J. G. Cotta, 188G. X und 197 s. 3,50 m.
Ein germanist, der es sich zum ziele sezte, eine volständige Mbliothek aller
seit dem denkwürdigen jähre 1819 veröiTentlichten tüchtigen werke seiner Wissen-
schaft anzulegen, würde sich im laufe der zeit einen recht statlichen büchersaal
einrichten müssen. "Wolte sich aber ein anderer fachgenosse hierbei auf deutsche
Syntax beschränken, so dürfte es für ihn völlig ausreichen, wenn er nur die eine
Seite seines Schreibtisches zur aufnähme seiner samlung frei machen wolte.
Das ist em misverhältnis !
Zuzugeben ist ja natürlich, dass nach der ersten begründung unserer Wissen-
schaft die gesamte tätigkeit aller germanisteu sich vorwiegend darauf concentrieren
muste, die noch vorhandenen handschriftlichen schätze in zuverlässigen ausgaben dem
algemeinen gebrauche zu erschliessen. Und weiterhin liegt es auf der band, dass
zur herstellung solcher ein griindliches Studium der algemeinen sowie der besonderen
laut- und formenverhältnisse des älteren deutsch unumgänglich notwendig war; auch
ist die Wechselwirkung begreiflich, dass umgekehrt eine zeit lang jede neue kritische
ausgäbe im dienste der laut- und formenlehre bzw. der metrik ausgenuzt wurde.
Aber andererseits dünkt mich, dass wir denn doch heute schon längst über
die zeit hinaus sind, wo solche eiuseitigkeit geboten oder entschuldbar war. Kiitisch
unanfechtbare ausgaben liegen vor in reicher fülle, lautwerte, wortbüdungen und
Wortbeugungen stehen für die wichtigsten dialekte wissenschaftlich fest, in reichhal-
tigen Wörterbüchern hat mau den Wortschatz der älteren periodeu unserer litteratur
aufgespeichert — es besteht also schlechterdings kein äusseres hindernis für uns,
nun endlich das Studium der wichtigsten seite der spräche, nämlich ihrer wort-
nnd Satzfügung nachdrücklich in angriff zu nehmen. Gleichwol aber denkt man
hieran noch so wenig, dass es bis zur stunde eine gewöhnliche erschein ung ist,
männer, deren namen besten klang in der Wissenschaft besitzen, bald über den einen,
bald über den anderen germanischen sprachzweig werke veröffentlichen zu sehn, die
mit dem stolzen namen „grammatik" prangen, ohne in Wahrheit mehr zu bieten als
laute und werte. "Was würde man von einem „classischen" phüologen sagen, wenn
er es sich einfallen liesse, bei der abfassung einer umfänglichen lateinischen oder
griechischen grammatik die bezügliche sjTitax — einfach zu ignorieren!
Und mit den akademischen Vorlesungen steht es nicht anders: während mei-
ner noch nicht zwei Jahrzehnte zurückliegenden Studienzeit besuchte ich drei deut-
sche Universitäten, an allen dreien wurde „deutsche grammatik" gelesen, allein kei-
nem meiner verehrten lehrer kam es in den sinn, uns mehr zu bieten als laut- und
flexionslehre. Ob sich seitdem bezüglich der behandlung des deutschen an den imi-
versitäten die dinge geändert haben, kann ich nicht mit Sicherheit beurteilen, aber
Symptome eines wandels treten weder im uuiversitätskalender noch in der fachlitte-
ratur hervor. Die bestimmungen der neuen Prüfungsordnung (1887) für candidaten
des höheren lehramts, deren forderungen doch zweifellos mit den leistungen des
iiniversitätsmiterrichts in engster Wechselbeziehung stehen, lassen vielmehr auf das
gegenteü, d. h. auf foutbestand der alten Verhältnisse schliessen. Dort heisst es näm-
lich § 12, 5, dass aspiranten für die fakultas der obei'en klassen „kentnis der ele-
mente der gotischen, alt- \uid mittelhochdeutschen grammatik (!) in dem masse nach-
zuweisen haben, dass ihnen das Verständnis der nhd. laut-, formen- und wort-
büdimgslehre ermöglicht wird." Mit den lezten werten ist sichtlich der begriff
„gi'ammatik" gleichfals im rudimentären sinne von laut-, flexions- und wortbildungs-
ÜBER ERDMANX, DEUTSCHE SYNTAX 111
lehre gefasst — pars pro toto! Und vergleiche ich mm weiterhin die hier hei der
Staatsprüfung auf dem gebiete der deutscheu grammatik au deu examiuanden gerich-
teten forderungen mit denjenigen, welche der lehrplau hiesiger anstalt an einen aspi-
rauten für quiuta im lateinischen stelt, so ergibt sich, dass die lezteren nicht ganz
uuweseutlich über jene hinausgehn. Es genügen in diesem falle nämlich nicht bloss
die „demente der laut-, formen- und wortbildungslehre", sondern er soll auch
bereits mit „einigen syntaktischen hauptsaohen (konjunctiv nach iU, ne, cum, ablat.
instrum., tempor. usw.)" vertraut sein. In quinta selbst wird dieses pensum dann
gewaltig erweitert, denn nicht nur erfährt die elementare formenlehre vielfache ergän-
zimg, sondern es tritt auch noch die einübimg „wichtiger syntaktischer erscheinun-
geu (accus, c. inf. , abl. abs. , accus, der ausdehuung, esse c. dat. „haben", konstruk-
tion der städtenamen usw.)" hinzu. Ja, wann hat man denn vernommen, dass von
einem examiuanden für deutsch in oberklassen ein so unerhörtes syntaktisches wissen
auf got. , ahd. oder mhd. gebiete verlangt worden wäre, wie es hier für den quin-
taner im latein festgesezt ist? oder kann man überhaupt niu' mit Sicherheit erwarten,
dsss ein junger germanist von der existenz z. b. der dativi absoluti im got. tuid
ahd. ii'gend etwas wisse, und ob sie nur in der übersetzimgslitteratur, oder auch in
idiomatischem deutsch bzw. in anderen germanischen dialekten vorkommen ? Von der
fähigkeit, sextauersätze leichtester art wie „wir- zeigten den männeru den weg", „die
knaben trugen vielen staub mit den bänden (!) " u. a. leidlich fliessend in das ahd.
oder got. zu übertragen, will ich gar nicht reden.
Unter solchen imiständen solte man meinen, dass das erscheinen von Erd-
manns grundzügen der deutschen syntax mit algemeinster anerkennung und dankbar-
keit hätte begrüsst werden müssen. Ist es doch das allererste hilfsmittel, welches
dem studierenden oder auf anderen gebieten selbtsforscheuden germauisten in die
bände gegeben wird, um sich von der nur im satze, nicht im einzellaut resp. im
paradigma vor sich gehenden historischen entwicklung unserer spräche ein einiger-
niasseu klares bild machen zu können. Freilich war schon in den jähren 1874/76
eine Otfrid - syntax von Erdmauu erschienen, 1884 Hess Paul die zweite ausgäbe
seiner mittelhochd. grammatik erscheinen, in welcher die syntax nicht nach belieb-
tem muster vergessen war, sondern die reichliche hälfte des raumes zugeteilt erhal-
ten hatte, und auch Bernhardt gab in seinei' kleineu gotischen grammatik vom
jähre 1885 der syntax neben der laut- und flexionslehre eine gleichberechtigte Stel-
lung. Allein abgesehen davon, dass Paul zwar fortgesezt bezug nimt auf die Wei-
terentwicklung des mhd. ins nhd., aber hierbei doch nie mit seiner erörterung den
bodeu des mhd. verlässt, scheint es weiterhin auch auf der band zu liegen, dass
aus einem successiven Studium einzelner arbeiten über got., ahd., mhd. imd nhd.
syntax von der band verschiedener Verfasser luimöglich eine organische Vorstellung
vom werden und wachsen der deutschen wort- und satzfügung hervorgehen kann.
Erdmanns grundzüge bilden daher in der tat die erste und grundlegende arbeit für
das geschichtliclie Studium der deutscheu syntax.
Eine freundliche aufnähme aber haben dieselben nicht allerseits gefunden: die
allein mir vorliegenden recensiouen von Paul (Lit. centr. -bl. 1886, sp. 1729 — 31)
und ßehaghel (Lit. bl. 1887, nr. 5) tragen vielmehr geradezu den Charakter des
abfälligen mid verwerfenden. Da ich uun meinerseits Erdmaiuis grundzüge deu
engereu fachgenossen — ob deren zahl ein dutzeud erreicht oder übersteigt? — als
vielfältig anregend, allen anderen germauisten als überaus belehrend nicht warm
genug empfehlen zu können glaube, so habe ich wol die pflicht, zuvor mit einigen
112 KXINGHARDT
kurzen worton meine Stellung gegenüber den von so hervorragenden und corapeten-
ten facliniiinnern erhobenen einwänden zu bezeichnen.
Paul wirft dem Verfasser vor, dass er seinen stoff unangemessen disponiert
habe, und in der tat scheint mir die von Paul selbst für die syntax seiner mhd. gram-
matik in anwendimg gebrachte ungleich übersichtUcher und wirksamer. Aber der
Verfasser hat die namen Miklosich und Scher er für sich, und so darf die frage
doch wol noch als offen gelten. Es ist ferner auch richtig, dass der Verfasser nach
den angaben seiner vorrede in dem noch ausstehenden zweiten teile das von ihm
gewählte einteilungspiincip zum teil wider verlassen wird, und sicher kann mau
ein solches vorgehen theoretisch scharf bemängeln; allein Paul hat selbst in der
vorrede zur 2. aufläge seiner mhd. grammatik sehr treffend auf die Schwierigkeiten
hingewiesen, welche der strengen durchführuug eines nach logischen principien
gegliederten Systems entgegenstehen. Paul ei'hebt weiterhin bei einer kritischen
durchprüfung der ersten 10 selten des vorliegenden buches einwand gegen die dort
gegebenen definitionen des verbums imd des substantivums : meines erachtens muss
man aber die stich werte ^i Vorgang " und „ gegenständ " durchaus gelten lassen , fals
anders das pimcium saliens des Unterschieds klar hervortreten soll; durch die pedan-
tische berücksichtigung aller selten eines begriffes bei einer definition wird dieselbe
meist zum schaden der anschauUchkeit uud leichten fasslichkeit überlastet. Übrigens
kann mau sich wol auf ziemhch einfache weise davon überzeugen,, dass auch diu'ch
ein verbum wie „sitzen" wirklich ein „Vorgang" bezeichnet wird. „Machen" drückt
sicherlich einen Vorgang aus; wenn ich nun aber auf meine frage „was machst du
denn da?" die antwort erhalte: „nu gott, ich sitze eben da", so drückt der ange-
redete sicherlich damit die meinung aus, dass auch das einfache dasitzen ein
„macheu", mithin ein „Vorgang" sei. Die einbeziehung des etymologischen gesichts-
punktes in die definition von §8 bei Erdmaun ist natürhch nicht zu biUigen. —
Wenn Behaghel den titel des vorliegenden buches nicht angemessen findet, weil er
auch mud. imd and. syntax erwarten lasse, so kann ich ihm nicht ganz recht geben.
Grundz. d. deutschen syntax usw. ist doch recht wol im sinne von „Grundz. der
jetzigen gemeindeutscheu syntax mit ihren geschichtlichen Vorstufen" zu verstehn;
wem fält es aber ein, von der spräche Schillers und Goethes als „gemeindeutsch"
zu reden! Die spräche des deiitsehen reichs ist die deutsche, und nicht die hoch-
deutsche. Schliesslich wäre aber auch ein falscher titel weder ein seltener noch ein
erheblicher fehler. Aus einer logischen analyse des begriffes „syntax" leitet Be-
haghel ferner die forderung ab, dass Erdmann noch verschiedene andere dinge, wie
satztakte, musikalische und dynamische tonbewegung in der rede usw. hätte behan-
deln sollen. Dem Verfasser der „Deutschen Sprache" mit ihrer so überaus reizvollen
mannigfaltigkeit anregender erörtei'ungen mag ja ein solcher gesichtspunkt besonders
nahe liegen. Ein anderer darf aber wol auch so sagen: Erdmann hatte zweifellos ein
recht, uns eben dies zu bieten, was er uns gegeben hat, und nicht mehr als dies,
und wer dann seinen titel tadelt, der mag einen besseren vorschlagen! Mir scheint
fast, als würde es schwer sein, dieser forderung zu entsprechen; denn z. b. „Streif-
züge durch die deutsche syntax" (vgl. Einenkels kürzlich erschienenes buch „Streif-
züge durch die me. syntax") würde dem vorliegenden werke noch viel weniger gerecht
werden. — Es hat sodann Paul auf s. 1 — 10 im ganzen 4 mhd. citate ausfindig
gemacht, wo Erdmanu ein misverständnis widerfahren ist bzw. sein soll\ und
1) Zu Trist. 1603 (vgl. Iwein 3282, 4010, 5073 von Behaghel gegen Erdinann citiert) kann
ich Erdmanns auffassung nur teilen.
ÜBER ERDJUNN, DEUTSCHE SYNTAX 113
Behaghel fügt dieser liste noch ein ia demselben abschnitte sich findendes ahd.
citat hinzu. Beide kritiker leiten aus diesen „flüchtigkeiten" recht scharfe voi-würfe
gegen Erdmann ab. Indess muss ich sagen: wenn beispielsweise allein s. 6 voUe 56
ahd. und mhd. stellenangaben enthält, und doch eine zweifellos unnachsichtige kritik
auf s. 1 — 10 nicht mehr als 5 misverständnisse aufzutreiben vermag, so scheint mir
damit der beweis für eine überaus solide arbeit des Verfassers nach dieser richtung
hin geliefert, und dass Behaghel aus s. 11 — 75 nur noch 2 weitere falsch verwante
citate beibringt, kann diesen eindruck nur erhöhen. Bedenklicher ist es, dass ebender-
selbe im text auf den ersten 75 selten gegen 20 Unrichtigkeiten und versehen nachzu-
weisen im stände ist; allein auch hier möchte ich doch darauf aufmerksam machen,
dass diese 20 aussteUungen sich immerhin nui' auf einen ganz winzigen Prozentsatz
des in 75 selten vereinigten materials beziehn. Um das rechte mass für solche
dinge zu geben, will ich mir folgenden vergleich erlauben. Behaghel bemängelt den
Erdmannschen satz „Kühn ist die auslassuug: meister rührt sich und geselle''^ (s- 17)
mit den werten „wenige selten später gibt Erdmann selber zahlreiche beispiele für
das fehlen des artikels in der mehrgliedrigen formel" ganz entschieden zu unrecht.
Er meint offenbar die s. 23 gegebenen beispiele: „tag und nacht; ross und reiter sah
ich niemals wieder; planet und saudkorn haben ihi'en gemessenen platz usw." Allein
diese Wendungen sind gar nicht in vergleich zu stellen, denn nicht eine bringt das zweite
artikellose Substantiv hinter dem verbum des ersten — und darin besteht eben die
kühnheit jener stelle aus der Glocke! Paul aber scheint mir zweifellos im unrechte
zu sein, wenn er a. a. o. sp. 1730 zu Parz. 321, 2 behauptet: „natürlich sind ach und
uu-i die durch unde verbundenen Wörter." Meines erachtens verbindet dort umle
überhaupt nicht einzelne Wörter, sondern die beiden ausrufe: „ach ich arnian!"
und ,.owl, da^ er min herx,e ie sus versneit!" Indess wenn auch meine auffassimg,
dass hier je 1 „irtum" der herren ki-itiker vorliegt, die Zustimmung aller fachgeuos-
seu erhalten solte, so würde doch darum niemand den wert und die gründlichkeit
ihrer besprechungen für merklich gemindert ansehen. Dem gegenüber aber meine ich :
die von Behaghel zusammeugestelten 20 irtümer haben procentuahter für die 75 sel-
ten bei Erdmanu keine grössere bedeutung, als je 1 irtum in den betreffenden abschnit-
ten dei- erwähnten kritiken. Übrigens handelt es sich bei der mehrzahl derselben
um formenfragen, und somit nur um syntaktische nebendinge, in keinem falle wü'd
behauptet, dass Erdmann eine wichtige grammatische erscheinung im widersprach
mit den tatsacheu dargestelt habe.
Es beruht vielmehr der grösste vorzug der vorhegeudeu „grundzüge" gerade
auf dem umstände, dass dieselben uns in übersichtlicher anordnuug ein ausserordent-
lich 'reiches und durchaus verlässiges material bieten auf einem gebiete , welches bis-
her eine zusammenhängende behandlung noch nicht erfahren hatte, aber allerdings
allerdringlichst eine solche erheischte. Der Verfasser besass in seiner, bereits durch
die Otfridsyntax ^bezeugten umfassenden kentnis der wichtigsten denkmale imserer
ahd. litteratui' die unerlässUchste Vorbedingung zu einem werke dieser art, imd für
got. , mhd. , nhd. unterstüzten ihn mancherlei arbeiten anderer. Der gang seiner dar-
stellung aber ist der folgende. An erster stelle und einleitungs weise wird über den
„gebrauch der Wortklassen" gehandelt: das verbum ohne subjektswort, insbesondere
fehlen des „es" vor dem unpersönlichen; das substautiv, fehlen und function der
beiden artikel ; gebrauch der beiden deklinationsformen des adjektivs u. a. m. Hierauf
folgen die „formationeu des verbums ", unter welcher Überschrift der Verfasser die
genera, tempora und modi des verbums sowie die Stellung derselben im satze
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. "
114 KLINGHABDT
bespricht. Es fallen unter dieses kapitel also die uni Schreibung des passivs sowie
die neubildimg „ hochzuverehrend ", femer der wert und gebrauch der tempora,
auch in der conjunctivreihe , die zusammengesezten Zeitformen, die hülfsverba haben
und sein; weiterhin handelt es sich vor allem um den gebrauch des Indikativ und
conjunctiv in haupt- wie in nebensätzen; die reichhaltigkeit und Wichtigkeit endlich
des lezten abschnittes ist schon genügend dui"ch die Überschrift derselben „Stellung
des verbums im satze" gekenzeichnet. In einem bevorstehenden zweiten bände ver-
spricht uns der Verfasser eine darstellung der „formationen des nomens (auch des
infinitivs)^ sowie eine systematische zusammenfassiing dessen, was in den beiden
hauptteilen verstreut über „arten und mittel der Satzverbindung" vorgekommen ist.
Aus dem hier angegebenen geht hervor, dass auch schon der vorliegende band
eme reiche fundgrube des wissens für denjenigen germanisten ist, der nach 3 — 4-
jährigem Studium etwas mehr gelernt zu haben wünscht als laut- und formenlehre.
Da indessen iinsere bestehenden iinterrichtsverhältnisse den freiT^illigen antiieb zum
lernen bedenklich zu unterbinden scheinen, so wäre es sehr erwünscht, wenn die
germanistischen professoren ihre zuliörer recht energisch auf das vorliegende syntak-
tische werk aufmerksam machten: es ist kein grund vorhanden, wanim sie nicht
verlangen solten, dass leztere die wichtigsten der darin mitgeteilten tatsachen sich
zmn festen eigentum machen. Aber auch allen lehrern- des deutschen, die noch
fühlung mit der Wissenschaft behalten haben, empfehle ich die lektüre derErdmann-
schen grundzüge auf das angelegentlichste.
Indessen ist gerade für die bezeichneten kreise zweierlei, was ich in den
grundzügen nicht billigen kann, hervorzuheben: nämlich erstens, dass der Verfasser
seine nhd. queUenreihe mit Schiller und Goethe abschhesst, als ob seitdem die
entwicklung unserer spräche stehen geblieben wäre, während doch niemand verken-
nen solte , dass die redeweise der genanten koiyphäen heute bereits in vielen punkten
veraltet ist, und das eigentliche jüngste nhd. nui' im gegenwärtigen schriftsteUer-
geschlecht lebt. Zweitens verrät der Verfasser die vorzugsweise düettanteu, indess
auch manchem gründlichen Sprachforscher eigentümliche neiguug füi' ältere, im
schwinden begriffene sprachformen, die er gern mit dem gewicht seines Urteils erhal-
ten möchte (vgl. die ss. 129, 139, 173 — 178, 181). Diese auffassung ist jedoch
dui'chaus zu bekämpfen: Verminderung des bestandes an flexionen und constructions-
formen ist immer ein zeichen fortschreitender kultur gewesen*, jede beseitigung
einer solchen form bedeutet einen schritt weiter auf der bahn der vergeistigung einer
spräche. Das engUsche ist dem griechischen in formaler hinsieht ganz unvergleich-
lich überlegen, ebenso verhältnismässig das neueste nhd. dem ältesten ahd.
Auch vor einer sentimentalen auffassung der spräche ist zu warnen, wie wir
sie §142, 2 finden: ^,ich soll mit inf. grundbedeutung : ich bin schuldig, habe die
Verpflichtung etwas zu tun; da der deutsche gewöhnt war, seine Schuldig-
keit zu erfüllen, so ergab sich futurische bedeutung." Die historische
Sprachforschung wird mit jedem tage vorsichtiger, aus^ einzelnen sprachlichen erschei-
nungen rückschlüsse auf einzelnheiten im kulturlebon und der moral eines volkes
zu ziehen!
[1) Diesen satz zum dogma zu eiheboii diu-fte doch bedenklich sein. Weit mehr als spontane
kulturentwicklung hat durchsetzung der spräche mit tremden elementon schnellen verfall der tonnen her-
beigeführt , wie als bekanteste beispiele das englische und neupersische lehi-en. Vgl. schon J. Grimm,
gramm. P, s. XXXU. H. G.]
ÜBKR ERDMANN, DEUTSCHE SYNTAX
115
Und hiermit werde icli awf das geführt, was mich verhindert, das vorliegende
buch bei allem seinem werte für das praktische bedürfnis der gegenwart als eine
brauchbare grundlage für die in der zukunft zu erwartende historische erforschung der
deutschen syntax zu betrachten. Der Verfasser hat offenbar weder sinn noch bedürf-
nis für vergleichende studien, und vergeblich sucht man bei ihm eine audeutung,
dass er sich des eiuflusses der analogie auch in allen syntaktischen dingen volbewusst
ist, zwei miingel, welche schon Paul und Behaghel mit recht hervorgehoben
haben. Zum allerwenigsten die deutschen dialekte hätte er heranziehen und bei-
spielsweise in § 127, 5 zu „weil aus mhd. die wile (da^)" nicht einfach bemerken
sollen: „früher temporal, jezt causal", denn es muss den germauisten anderer gegeu-
den interessieren, dass „weil" in der gesprochenen rede Mitteldeutsclüands noch
weithin sich die alte temporale function neben der neueren causalen erhalten hat
(oft noch mit artikel: „der weile"). Erheblich instructiver noch Wcäre eine berück-
sichtigung der gesprochenen volksrede zu § 145, 3 gewesen. AVie fremd klingt uns:
„Moses ward zittern" (Luther), „des ward ich %u mir seiher jehen" (Hans Sachs)!
Nun erinnere mau aber den Thüringer (Sachsen) an die altagsrede semer heimat,
wo es noch heute — aber ausschliesslich unter anwendung des praesens historicum —
ganz algemein in der altagsrede heisst: „wird der [pron. dem.] doch nu anfangen zu
zittern, als ob usw.!" oder „da werd' ich mir- doch nu sagen usw.!", wenn eine
plötzliche Wendung in einer erzählung markiert werden soll u. a. m. Aber natürlich auch
die vergleichung der nächstverwanten sprachzweige ist dringend erwünscht,
wenn man licht über gewisse sprach erscheinungen zu gewinnen sucht. So wii'd man
im vorliegenden falle (Umschreibung einer bevorstehenden handlung mit „werden")
der fraglichen bedeutungsentwicklung u. a. auch von der etymologischen seite beizu-
kommen suchen und an das wurzelverwante lat. certo denken, um von diesem wider
auf das sinverwante englische to turn (franz. tourner) geführt zu werden, welches
seinerseits in die eine bedeutung von deutsch „werden" eingelenkt ist: he turned
merchant = er wurde kaufmann. Auch Erdmann verrät ja öfter die neigung,
über die Verzeichnung der tatsachen hinaus zu einer erklärung derselben vorzudrin-
gen, wiewol er ihr im vorliegenden werke sehr viel seltener nachgibt als in seiner
Otfridsyntax; aber er arbeitet dabei nicht mit der beobachtung, sondern mit der
reflexion, nicht inductiv sondern deductiv, und anstatt sich umzuschauen, ob er
niclit in ein oder mehreren germanischen bzw. indogermanischen sprachzweigen das
gegenbild einer rätselhaften deutschen Spracherscheinung entdecken könne, die sich
dort vielleicht urkundlich bis zu ihren ersten Ursprüngen zurückverfolgen lässt, sucht
er dieselbe vermittelst logischen durchdenkens der in rede stehenden funktionen
aprioristisch zu erschliessen. So wünscht er, sich die relative function des demon-
strativstammes im deutschen zu erklären. Man solte nim meinen, das allernächste
wäre, vor allem das verhalten der andern germanischen dialekte auf diese frage
hin durchzumustern. Allein er denkt gar nicht daran, auch nur das gebiet des
Otfridschen Sprachgebrauchs tax verlassen; hier aber arbeitet er um so eifriger mit
dem hilfsmittel wissenschaftlicher combination. Die auf diesem wege von ihm gewon-
nene lösuug, die er schon 1874 fand (Otfridsyntax §81fgg.) und die er 1886 in den
grundzügen noch festhält, verknüpft auf eine recht künstliche art, die indess äusser-
lich zu stimmen scheint, folgende 5 momente: 1) auslassuug des relativums, 2) anzie-
hung des verbums durch das an die spitze gestelte demonstrativum , 3) vorantritt
des verbums im nachsatze, 4) Übernahme der relativen fimction durch das demon-
strativum, 5) zurückdrängung des verbums an das ende des nebensatzes. Nur wenn
8*
116 ELLINGER
1) herschender Sprachgebrauch war, konte nach Erdmann unter hinzutritt von 2) und 3)
die erscheiuung 4) eintreten, welcher demnächst 5) folgte. Aber z. b. im ags. liegt
1) nicht vor, imd doch ist 4) hier überall fester Sprachgebrauch, der dem eintritt
von 1) um Jahrhunderte vorhergeht; auch 5) ist längst üblich, ehe wir 1) verzeich-
nen können, ja leztere erscheinimg tritt gerade da auf, wo 5), wie man sagt, unter
französischem einfluss ausser gebrauch komt. Die einfache vergleichung des eng-
lischen widerspricht also Erdmanns hypothese, und auch das anord. fügt sich
ihr nicht.
Erdmann tut unrecht, Sprachgeschichte treiben zu wollen, ohne das gebiet des
Schrift- und hochdeutschen zu verlassen.
Aber ich widerhole, im vorliegenden werke lässt er sich verhältnismässig nur
recht selten auf sprachgeschichtliche erörteningen ein, fast durchweg beschränkt er
sich auf die zuverlässige Verzeichnung von tatsachen. Diese haben wir alle veran-
lassung mit befriedigung entgegenzunehmen, wir werden gut tun, dieselbe recht aus-
zunützen, und gleichzeitig scheinen uns die vorliegenden grundzüge eine art gewähl-
zu bieten, dass auch der tag nicht fem ist, wo ein anderes werk die grundlinien für
eine wahrhaft sprachgeschichtliche behandlung der deutschen syntax feststellen wird.
REICHENBACH I. SCHL. , OKT. 1887. H. KLrS'GHARDT.
Fr. Zarncke, weitere mitteilungen zu Christian Reuters Schriften.
Derselbe, Christian Reuter als passionsdichter.
Separatabdrücke aus den berichten der königl. sächs. geselschaft der Wissen-
schaften. Leipzig 1887.
Die beiden soeben genanten, mir von dem Verfasser unmittelbar nach ihrem
erscheinen gütigst übersanten Schriften, trafen leider erst bei mir ein, als das manu-
skript meiner abhandlung in bd. XX, s. 290 f gg. dieser Zeitschrift sich bereits in den
bänden der redaktion befand, so dass ich sie für diesen aufsatz nicht mehr benutzen
konte. Es sei mir gestattet, an dieser stelle kui'z über den Inhalt der beiden, die
forschungen über Reuter wesentlich fördernden , Schriften bericht zu erstatten ; da die-
selben nicht leicht zugänglich sind, wird eine genaue widergabe des inhalts ohnehin
den fachgenossen wilkommen sein.
Was die figuren in Reuters ersten lustspielen uns so anziehend macht und
was diese ersten komödien so hoch über die gleichzeitige litteratur erhebt, das ist
die frische und lebenswahi-e darstellung und diese entspringt vor allen dingen aus
dem bestreben des dichters, einzelne bei seinem publikum algemein bekante persön-
lichkeiten möglichst getreu, jedoch natürlich mit karrikaturmässiger häufung der
bezeichnenden züge, abzuschildern. Der pasquillant hat den dichter in vortrefUcher
weise unterstüzt. Unter diesen umständen ist es natürlich in hohem grade wichtig,
die personeu festzustellen, welche Reuters gestalten zum vorbild gedient haben. Bei
den hauptfiguren der beiden ersten lustspiele war dies aus den von Zamcke benuzten
akten mit leichtigkeit festzustellen; ebenso ergab sich leicht aus den akten das Vor-
bild für die gestalt des fleck - Schreibers Injurius ini grafen Ehrenfried. Zarncke ist
es nun aber auch in der oben angeführten ersten publikation s. 262 — 265 gelungen,
das Vorbild einer anderen gestalt des soeben genanten lustspiels zu ermitteln. Es ist
dies „der lustige Weinschenke Johannes", von welchem Zarncke schon in seiner
ersten schrift über Christian Reuter mit recht angenommen hatte, dass er eine aus
dem leben gegriffene, damals in Leipzig stadtbekante persönlichkeit gewesen sein
ÜBER ZARNClvE, CHR. REUTER 117
müsse. Zarncke führt a. a. o. den beweis, dass dieser figur der wii-t Johaiines Dietz
iu Leipzig zum vorbild gedient habe und man muss seiner beweisführung durch-
aus zustimmen. — Auch füi" die gestalten des Schelmuffsky hat Zamcke a. a. o.
s. 253 — 262 eiue ähnliche wichtige entdeckung gemacht. Er hat nämlich festgestelt,
dass der „herr bruder Graf Schelmuffskys , der sich zu dem lezteren, als dieser
eben seine reise angetreten, geselt imd eine grosse strecke der fahrt mit Schelmuffsky
gemeinsam zurücklegt, bis er „imter der linie" in folge der hitze elendiglich zu gründe
geht, ebenfals das porträt einer iu Leipzig damals algemein bekanten persönlichkeit ist.
Mit ausserordentlichem fleiss hat Zarncke die Zeugnisse für diese tatsache zusammen-
gebracht. Die Persönlichkeit, welche Reuter die anregung zu jener gestalt gab, war
ein reicher bürgerssohu, uamens Johann Christian Graff, der söhn eines vermögenden
kaufmanns, des Johann Graff. Nach allem, was wir von dem jungen Johann Chri-
stian hören, scheint er einen recht dissoluten lebenswandel geführt zu haben, der
ihn in späteren jähren, als er selbständig geworden war, in beständige geldverlegen-
heiten gestürzt hat. Aus seiner Jugend wird uns von einer grösseren reise berichtet,
die er unternommen. Die zeit seiner rückkehr fält, wie es scheint, in den Zeitpunkt,
in welchem auch Eustachius Müller, das vorbild des Schelmuffsky, von seiner reise
wider nach Leipzig zurtickkehrte. Es liegt daher nahe, anzunehmen, dass sie
gememschaftlich die reise gemacht haben und nicht unmöglich wäre es, dass der
etwa acht jähre ältere Eustachius Müller dem zwanzigjährigen Graff als reisebeglei-
ter mitgegeben wäre. Auch über die realen unterlagen der übrigen züge, durch
welche sich der „bruder Graf im Schelmuffsky auszeichnet, werden von Zamcke,
s. 260 fgg. ansprechende Vermutungen vorgetragen. — Den leztcn gegenständ der
ersten abhandlung bildet die prtifung eines 1702 erschienenen romanes: Der Allezeit
Lustige Studente, Oder Printzens Feredonis Academischer Lebens Lauff. Dieser
roman , der seinen stoff ebenfals dem Leipziger leben entnimt , trägt nämlich dasselbe
Pseudonym wie Reuters früliere stücke (Ehrliche Frau iind die beiden nachspiele),
nämlich Hilarius und in dem kataloge der Dresdener bibhothek, in welchem das
unicum verzeichnet ist, war Hilarius mit Christian Reuter erklärt. Indessen geht
der katalog nicht auf friihere zeiten zurück; der beamte, der ihn angefeiügt, hatte
den nameu offenbar aus Wellers „Index Pseudonymorum " entlehnt; in den früheren
katalogen findet er sich nicht. Zarncke prüft s. 265 — 277 den roman auf seine autor-
schaft und gelangt zu dem resultat, dass derselbe von Reuter nicht herriihren kann,
ein ergebnis, dem man nach den von Zarncke mitgeteilten proben nur durchaus bei-
pflichten kann.
Die zweite publikation Zarnckes ist geeignet, uns Reuters dichtung während
seines Berliner aufenthaltes in einem etwas besseren Lichte zu zeigen. Sie bespricht
ausführlich eine bisher vmbekante dichtung von Christian Reuter, den text zu einer
passion, der den titel führt „Christian Reuters Passions - Gedanken. Die Historie von
dem bittern Leiden vnd Sterben unsers Herrn und Heylandes Jesu Chi-isti." (Mne
ausführliche beschreibung des titelblattes bei Zarncke a. a. o. s. 306.) Componiert
war der text von Johann Theile; die musik scheint verloren gegangen zu sein; das
einzige exemplar des textes liefindet sich auf der bibliothek des grauen klosters.
Zarncke hat sich nicht damit begnügt, Reuters dichtung zu analysieren, son-
dern er behandelt ausführlich die entwicklung der passions-dichtungen, um auf diese
weise den richtigen Standpunkt für die wnirdigung des Reuterschen textes zu gewin-
nen. Wü- können darauf verzichten, Zamckes ausführliche darstellung im einzelnen
zu verfolgen. Die passionstexte, zunächst aus verhältnismässig einfachen anfangen
118 ELLINGER
hervorgegangen, waren, wie bekant, um die wende des siebzehnten und achtzehnten
Jahrhunderts von der oper durchweg beeinflusst und mit allerhand opemhaften ele-
menten recht ungeschickt ausgepuzt worden. Die passionstexte von Hunold xmd
Postel mit ihren langen cantaten, ihrer völligen zui'ückdrängung des kirchenhedes und
des evangeUentextes, ihrer ausmalung effektvoller und dramatisch -wirksamer momente
— sind die klassischen denkmale dieser verirrung. Bisher war man nun algemein
der meinung, dass als das erste zeichen der reaktion gegen diese lichtung der von
Brockes verfasste passionstext zu bezeichnen sei. Indessen dieser rühm gebührt
nicht Brockes, sondern eben Christian Reuter.
Reuter hat sich natürlich noch nicht zu dem reinen evangelientext zmiick-
gewant; aber er beschränkt sich doch darauf, eine ziemlich genau an den Wortlaut
des textes sich anlehnende paraphrasieiimg desselben zu geben. Sein glückliches
talent, sich in den mannigfachen verszeilen sehr frei und ungezwiuigen, fast wie im
conversationstone , zu bewegen, wie wir es namentlich aus der oper kennen, kam ihm
hier auf das vortreflichste zu statten. Auch das kirchenlied ist wider an seine ihm
gebührende stelle gesezt und alle störenden zusätze, alle opernhaften demente sind
fem gehalten. Man sieht, wir haben es mit einem energischen protest gegen die
Hamburger ausschreituugen zu tun. Derselbe mann, der früher selbst einen text für
die Hamburger oper verfasst, tritt ihr jezt, wo sie eine schädliche Wirkung auszu-
üben begint, mit entschiedeuheit entgegen.
Zarncke hat Reuters text eine vortrefliche analyse zu teil werden lassen. Sein
urteil über den dichterischen wert der leistung Reuters ist ein durchaus günstiges.
Nach einer lektüre des textes kann ich diesem urteil im grossen uad ganzen bei-
pflichten. "Wie bereits oben angedeutet, war Reuter wegen der leichtigkeit seines
Versbaues zur lösung einer aufgäbe, wie sie hier vorlag, besonders geeignet. Ich
lasse, damit der leser ein bild von der beschaffenheit des textes gewinne, eine stelle
folgen, die von Zarncke nicht angeführt ist.
Jesus. In dieser Nacht so werdet ihr
Euch alle ärgern sehr an mir.
Petrus. Wenn auch gleich alle sich
An dir argern, so will ich
Mich au dii* zu keiner Zeit
Aergem auch im grosten Leid.
Jesus. "Warhch, ich sage dir:
In dieser Nacht, eh dass der Hahn wird krehen.
So werd ich mich von dir drey mahl verlaugnet sehen.
Petrus. Und wenn ich diese Stunde wüste,
Daß ich mit dir sterben muste,
Wil ich dich, als meinen Herrn
Nicht verlaugnen, dass sey fern.
Wie es scheint ist Brockes von Chr. Reuters dichtung beeinflusst worden^;
der gegensatz, in welchen Reuter zu der Hambiu'ger passionsdichterei trat, hinderte
1) Die von Zarncke angefülirten stellen bei den einsetznngsworten des abendmahls :
Brockes. Das ist mein Leib, komt, nelimet , esset,
Damit Uir meiner nicht vergesset.
Reuter. Nehmt, das ist mein Leib, und esset,
Dass ihr meiner nicht vergesset.
scheinen mir den Zusammenhang zwischen Brockes und Reuter mindestens mit der gleichen Sicherheit
zu beweisen , wie die von Zarncke s. 352 für- die beeinflussung Reuters durch Hunold beigebrachte stelle.
ÜBER ZARNCKE, CHR. REUTER 119
ihn indessen nicht, auch Hunolds dichtung an einer stelle zu benutzen, wenn wir
hier nicht eine unbewusste reminiscenz anzunehmen haben.
Es sei mir gestattet, an dieser stelle noch ein paar nachtrage zu meiner
abhandlung über Christian ßeuter zu geben. 1. Ich habe bd. XX, s. 311 behauptet,
dass auch in den beiden harlekinsspielen der einfluss des volksdramas sich beobachten
lasse und zum beweis auf eine scene des Puppenspiels : „ Almanda die woltätige fee"
hingewiesen (Tu, 4), wo sich eine ganz ähnliche Situation findet, wie in dem hoch-
zeitsschmaus. Das Puppenspiel selbst ist jung; diese scene ist aber wol aus älteren
spielen herübei'genommen, da sie mit dem ganzen stück in gar keinem ersichtlichen
Zusammenhang steht. In den Schauspielen der englischen komödianten findet sich
eine ähnliche scene nicht; wol aber in älteren englischen stücken, z. b. in dem
pseudoshakespearschen Locrine. In demselben will schuster Strumbo Margarete, die
tochter des Oliver nicht heiraten; es komt infolge dessen zu einer grossen prügelei,
an welcher auch Margarete sich beteiligt und es hagelt schlage und Schimpfwörter.
(Locrine, III, *3 in: Supplement to the odition of Shakespeare's plays published in
1778, bd. n, s. 229 fg.). Man sieht, es ist dieselbe Situation, wie im Puppenspiel
und im hochzeitsschmaus , sogar im einzelnen finden sich ähnlichkeiten , man vgl.
Harlekins hochzeitsschmaus, entree III (IV) s. 8.
Ursel. Meinstu mich Affen -Maul.
Langnäsichter Kinunschnabel,
Harlequin. Ja, ja, dich du Karren-Gaul,
Madame von der Gabel.
Locrine, a. a. o. s. 229.
Strumbo. Who speak you to? me?
Margery. Äy, fir, to you, John Lack-honesty , Little-wit.
Schon vorher hat Margeiy dem Strumbo ähnliche ehrentitel gegeben: You,
master swacebox, lobcock, cockscomb; you slop saicce, lickßfigeis. Das erinnert
an die werte des Klaus im hochzeitsschmaus entree V, s. 9 : D\x Vogel von der Gal-
gens-Art, du Narr, du Possenreisser.
2. Durch Reinhold Köhlers stets bereite liebenswürdigkeit erhielt ich das auf
der Weimarer bibliothek befindliche exemplar des grafen Ehrenfried hierher. Eine
vergleichung hat nun ergeben, dass Stranitzky die bd. XX dieser ztschr. s. 314 fg.
excerpierte scene fast überall wörtlich Reuters komödie nachgesckrieben hat. Die
geringen Veränderungen, die Stranitzky vorgenommen hat, ergeben sich daraus, dass
bei ihm sich zwei mägde unterhalten, während bei Reuter ein bedienter und Leo-
nore, die geliebte des grafen, die sprechenden personen sind. Die hieraus resultie-
renden kleinen Veränderungen der erzählung sind bd. XX s. 316, anm. 1 bereits ange-
deutet. Für den bei Stranitzky unmittelbar vorhergehenden teil des gesprächs (in
Werners ausg. der OUa Potrida, s. 154 — 156) findet sich eine anregung in Reuters
komödie nicht.
BERLIN, 25. OKTOBER 1887. GEORG ELLINGKR.
120 BOETTICHER, ÜBER PARZIVAL, ÜBERS. VON SAN SURTE
Parzival. Rittergedicht von Wolfram von Eschenbach. Aus dem mhd.
zum ersten male übersezt von Sau Marte (dr. hon. phil. Albert Schulz).
8. verb. aufl. Halle a. S. Niemeyer 1887. 1. bd. XCII u. 328 s. 2. bd. XXVI
u. 482 s. 10 m.
Es gibt wol keinen ausserhalb der engeren germanistischen fachwissenschaft
stehenden forscher, dem diese Wissenschaft zu so grossem danke verpflichtet wäre
wie San Marte, dem unermüdlichen und geistvollen Interpreten "Wolframs. Überall
wird daher auch aufrichtige freude darüber herschen, dass es ihm vergönt ist, noch
in seinem hohen alter, fast 50 jähre nach der ersten aufläge, seine Parzivalübertra-
gung zum dritten male in vervolkomneter gestalt auszugeben. Sie erscheint zu gün-
stiger zeit, denn einerseits ist heute das Interesse für die höfischen epen, besonders
aber für den Parzival, entschieden algemeiner geworden und, was die hauptsache
ist, auch vertieft. Und anderseits ist die künstlich geschaffene und grossgezogene
Vorliebe für die Simrockschen Übersetzungen, wie es scheint, endlich überwunden
oder doch wenigstens im abnehmen begriffen. Die schwächen der San Marteschen
überti'agung sind natürlich, trotz besserungen im einzelnen, im ganzen imd grossen
dieselben geblieben, aber mit Simrock verglichen, erscheinen doch der Vorzüge ganz
erheblich mehr als der schwächen; das muss zui' hebung und befestigung des guten
geschmacks oft und nachdrücklich gesagt werden. Kritik im einzelnen zu üben
erscheint um so unnötiger, als der f;harakter des ganzen unverändert geblieben ist.
Die leichte, gcfälUge spräche, der geschickte iiud zwanglose reim wird jeden, der
die Übertragung zur band nimt, erfreuen und für manche uugenauigkeit, auch für
manche unnötige oder störende moderuisicriuig entschädigen. Ein hilfsmittel der
Interpretation für den germanisten zu sein, darauf macht das werk keinen anspruch,
aber auch hierin kann ich Smirock keinen vorzug zugestehen, denn bei wirklich
schwierigen stellen habe ich noch nie aufklärung bei ihm gefunden, wol aber viel
unverständliches und verwirrendes, auch wo das original keine Schwierigkeiten hat.
Ebenso wie der Charakter der Übertragung, so ist auch die in der einleitung
dargelegte auffassung des Verfassers von dem ganzen gedieht dieselbe geblieben,
nämlich die mystisch - allegorische deutung, die mit dem namen San Maries seit
50 Jahren verknüpft ist. Es wäre unbillig, zu erwarten, dass der Verfasser diese
ihm liebgewordene, mit begeisterung ein ganzes menschenalter hindurch vertretene
und geistvoll begründete, ja von bei Aveitem den meisten freunden AYolframs ange-
nommene auffassung jezt in seinem hohen alter noch modificieren oder auch nur auf
ihre Stichhaltigkeit hin noch einmal durchprüfen solte. Das gebäude, das er mit
geist und Scharfsinn aufgeführt hat, steht ihm fest, und bis ins einzelnste hinein ist
es von dem kitt tiefgewurzelter Überzeugung gehalten. Es ist also sehr' begreiflich,
dass der Verfasser meine widerholt ausgesprochene und begründete, von der seinigen
sehr abweichende auffassung nicht berücksichtigt hat; und wenn auch, wie ich
zuversichtlich hoffe, der Pai'zival in zukunft aus der speculativ- theologischen Sphäre
wider in die rein ritterliche gerückt wird, in die er gehört, und der religiöse gehalt
als etwas dem dichter von seiner quelle gegebenes, von ihm selbst aber als acci-
dens behandeltes, oft wenig durchgebildetes, oft auch nicht verstandenes erkant
werden wird, so wird San Martes construction doch noch ihren wert behalten, denn
sie gestaltet die nur dunkeln spuren des "Wolframschen gedichts zu einem plane,
der in seinen grundzügen das treffen wird, was zwar nicht "Wolfram, wahrschemlich
aber Kyot, sein gewährsmann, gewolt hat.
BERLIN, NOVEMBER 1887. G. BOETTICHER.
BOETTICHER, l'BER TITZ , GEDICHTE, HERAUSG. VON FISCHER 121
Johann Pete r Titzs deutsche gedichte, gesammelt und herausgegeben
von L. H. Fischer. Halle a. S., verlag der buchhandlung des Waisenhauses.
LXXVni u. 304 s. 8. 6 m.
Das vorliegende, der geselschaft für deutsche philologie in Berhn zu ihrem
11. Stiftungsfeste gewidmete buch ist eine frucht der mehrjährigen eingehenden
beschäftigung des Verfassers mit dem Königsberger dichterkreise. Nachdem er bereits
in nr. 44 — 47 der Braunischen neudrucke „Gedichte des Königsberger dichterkreises
aus Heinrich Alberts Arien und musikalischer kürbshütte '^ herausgegeben hatte,
verfolgte er die spur des von den Königsbergern vielgenanten imd hochgeschäz-
ten, heute aber fast ganz vergessenen Johann Peter Titz, welcher als professor
der schönen Wissenschaften mehr als 49 jähre am Danziger gymnasium gelebt und
gewirkt hat. Als solcher hat er sich namhafte Verdienste um die Verbreitung, befe-
stigung und den ausbau der poetik Opitzens erworben und dieselbe zugleich auch durch
eigne praktische Verwertung zu ehren gebracht. Er stand mit allen hervorragenderen
dichtem der zweiten hülfte des 17. Jahrhunderts in litterarischein und meist auch
persönlichem verkehr; seine gedichte stehen den besten der zeit nicht nach, wenn
sie auch die Innigkeit jnancher lieder Simon Dachs nicht erreichen. Titz war ein
anregender, vielseitig gebildeter und tätiger geist, ein nicht unbedeutendes talent,
an poetischem empfinden reicher als Opitz, doch immer noch haftend in der rein
verstandesmässigen behandlung der stoffe.
Von seinem lebens- nud bildungsgange gibt der herausgeber ausführlichen
bericht (s. XV — LXXVIII), nachdem er in einer Vorbemerkung (XI — XIV) die
„Danziger dichterschule", wie sie sich seit Opitzens aufenthalt in Danzig entwickelt
hatte, charakteiisiert hat. 1619 in Liegnitz geboren und bald verwaist besuchte er
kurze zeit das Elisabeth - gymnasium in Breslau und siedelte dann nach Danzig über,
wo er bald mit Opitz in persönlichen verkelu* trat, durch ihn auch mit dem Königs-
berger kreise bekant wurde, und so als persönlicher schüler Opitzens von vornherein
ansehen genoss und als solcher auch seine enthusiastische bewunderuug des meisters
in den zeitüblichen Übertreibungen in vielen gedichten ausgesprochen hat. Nach
Opitzens tode erschienen 1642 „zwei bücher von der kunst, hochdeutsche Averse zu
machen", ein werk, welches hoch geschäzt wurde. Nachdem er voriibergehend in
Eostock imd Königsberg gewesen war, wurde er 1648 au der Marien schule und 1651
als professor humanitatis au dem weitberühmten Danziger gymnasium angestelt. Zu
seiner weiteren ausbildung gieng er im folgenden jahi-e nach HoUand; zurückgekehrt
erhielt er 1653 auch noch, die professiu' der beredsamkeit und 1656 die der dicht-
kunst. 1653 heiratete er und blieb nun bis an sein lebensende in seinem Danziger
Wirkungskreise. Familienglück hat er nicht viel genossen; er verlor 5 söhne imd
zwei trauen und starb, nur von seiner dritten frau überlebt, 1687, nachdem er das
lezte jähr seines lebens in dem unglücklichen zustande fast völliger gedächtnislosig-
keit zugebracht hatte.
Titzens schriftstellerische tätigkeit war sehr umfangreich. Auf 11 Seiten gibt
der herausgeber ein Verzeichnis der von Titz selbst veranstalteten samluugen seiner
lateinischen gedichte und wissenschaftlichen arbeiten; von einzeldrucken sind nur
die hauptsächlichsten aufgenommen. Die deutschen gedichte hat der herausgeber
geordnet in 1. epische gedichte. 2. samlungen lyrischer gedichte. 3. hochzeits-
gedichte. 4. leichengedichte. 5. vermischte gelegenheitsgedichte. 6. Übersetzungen
aus dem lateinischen. Unter den epischen gedichten ist die „Lucretia" hervorzu-
heben, in welcher er nach des herausgebers lichtigem urteil „nicht geringe fähigkeit
122 WEINHOLD
zeigt, seelische Vorgänge anschaulich und überzeugend darzustellen.'' In den übrigen
gedichten zeigt sich dui'chweg hoher ernst und tiefe sitlich - religiöse lebensauffas-
sung. Sie halten sich von der gesuchten Schlüpfrigkeit der sogenanten zweiten schle-
sischen schule gänzlich fern und bringen doch fröhlichen sinn, scherz und humor
ansprechend zui" geltung. S. 271 — 296 folgen anmerkungen , in welchen der heraus-
geber den kritischen bericht über seine samlung liefert. Die meisten handschiiften
befinden sich auf der Danziger stadtbibliothek, eine anzahl aber auch in Breslau.
Orthographie und Interpunktion der originale sind beibehalten, leztere nur da geän-
dert und angemerkt, wo sinentsteUende fehler vorlagen; alle abkürzungen sind auf-
gelöst und die verszählung ist durchgefükrt.
Fischers ausgäbe ist für jeden, der sich näher mit dem 17. jahrhimdert beschäf-
tigt, von Wichtigkeit, sie dient in der tat dazu, „unsere kentnis von der durch
Opitzens einfluss heraufgeführten entwicklung der poesie in Deutschland zu vervol-
ständigen.'* Ausstattung und driick des buches sind ganz vorzüglich imd umsomehr
anzuerkennen, als der preis im Verhältnis sehr gering ist.
BERLIN, DECEMBER 1887. G. BOETTICHER.
Schriftsprache und dialekte im deutschen nach Zeugnissen alter und
neuer zeit. Beiträge zur geschichte der deutschen spräche von
Adolf Sociii. Heilbronn, Geh!-. Henninger. 1888. XH, 544 s. 8. 10 m.
Der zweck des vorhegenden muf anglichen buches ist nach des Verfassers eige-
nen werten „ die Zeugnisse zu vereinigen specieU über das Verhältnis von Schrift-
sprache und dialekten in den verschiedenen perioden der deutschen spräche."
Tür den althochdeutschen Zeitraum zog der Verfasser wegen der spärlichen
direkten Zeugnisse eine zusammenhängende darsteUung vor, in welche die Zeugnisse
verwoben und in der zur erläuterung gelegenthch auch selten der inneren geschichte
der deutschen spräche berücksichtigt sind.
AVir erhalten hier eine art sprach- und litteraturgeschichte bis in das zwölfte
Jahrhundert. Zuerst eine übei'sicht über die sprachlichen Verhältnisse vor begrün-
dung des abendländischen kaiserreichs (d. h. bis Karl d. Gr.), dann über die althoch-
deutschen dialekte und über die anfange der ahd. litteratur, wobei sich die Scherer-
sche hyi)othese bemerkbar macht, ferner über die entwicklung der spräche von Karl
bis zum ausgange der fränkischen dynastie. Die einleitung MüUenhoffs zu den denk-
mälern hat als leitfaden gedient.
Mii' scheint, dass der herr Verfasser manches aus den geschichtlichen zustän-
den besser hätte erläutern können. Der von den Merwingern gegründete, von Karl
d. Gr. weiter ausgebildete und gemehrte staat hiess eben der fränkische imd alle
seine angehörigen deutscher und romanischer zimge hiessen Franci. Es blieb staats-
gesetz, dass der könig ein Franke sein muste, und die sächsischen könige, die den
KarUngern folgten, wurden durch die königswahl Franken. Das lateinische war durch (
die merwingische politik Staatssprache geworden; was von staatswegen geschrieben
ward, muste gleich allem kirchlichen lateinisch abgefasst werden. Daher sind die
deutschen Übersetzungen einzelner gesetzabschnitte und Urkunden nichts als privat-
arbeiten. Die mündUchen Verhandlungen wurden freiUch deutsch geführt; die eide
in der landessprache geschworen (die Strassburger eide), deutsch die prozesse
geführt.
tBER SOCIN, SCHEIPTSPE. U. DIALL. 123
Dass deutsche namen über gaaz Gallien verbreitet waren, beweist für die
ausdehnung der deutschen spräche gar nichts. GaUische und romanische freie und
hörige leute trugen sehr gern die namen des harschenden volkes, in umbildimgen
natürlich ihres eignen lautstandes.
Das karliugische hofdeutsch wird von herrn Socin nach Müllenholf als rhein-
fi'änkisch (genauer Wornisisch) bezeichnet, weil der hof von 770 — 790 in Worms
seinen hauptaufenthalt gehabt habe (Scherer in den denkm. 528). Das ist nicht richtig.
Nur sieben reichstage sind in jenen zwanzig jähren in Worms gehalten worden
(Waitz d. verf. gesch. 3'-, 577 anm. 2). Und daraufhin will man behaupten, dass
das Wormsische fränkisch die reichs- oder hofsprache werden muste? Die Karolin-
ger waren aus dem deutschen MoseUande ; moselfränkisch wird daher umsoraehr bis
gegen ende des geschlechts ihi'e haus- und hofsprache gewesen sein, als ihr aufent-
halt ein durchaus wechselnder war. Die namensformen bei Einhart, Neithart, die
spräche der Strassbui'ger eide, das Ludwigshed sprechen auch dafür.
Die mundart der Isidorübersetzung ist am besten als die Mainzer zu bezeich-
nen; herr Socin nent sie sehr unbestimt mittel- oder rheinfränkisch. Scherer sah in
ihr (in seinem aufsatz über die deutsche Spracheinheit) das bindegüed zwischen
hoch- und niederdeutsch, indem sich ihr „der fränkische bischof, der alemannische
mönch, der bairische graf möglichst annäherten, wenn sie mit einander sprachen.
Diese phantasiereiche behauptung bleibt freilich hinter einer andern desselben gelehr-
ten (Zeitschr. f. österr. gymnas. 1868 s. 848) weit zurück, wonach „man" im 9. jakr-
himdert ein sächsisches gedieht auch noch in Baiern verstanden hätte, und minde-
stens im stände gewesen wäre, beim vorlesen leicht die sächsischen laute in die eines
andern dialekts zu übertragen.
Es Hesse sich über manchen punkt rechten, worin sich herr Socin ohne wei-
teres Scherer anschliesst. Wenn z. b. die abschreiber ihre eigne mundart in den
text einmischen, so beruht das doch nicht auf ihrer meinung, ein gemisch aus nie-
der- oder mitteldeutsch und oberdeutsch sei die höhere Schriftsprache, sondern auf
der natürlichen einwii'kung des mutterdialekts auf die schreibende band.
Wenig glücklich ist die benennung des mitteldeutschen im 11. 12. jahi'hundert
als neufränkisch. Der Pilatus, der bei dieser gelegenheit (s. 59 fg.) erwähnt wird,
gehört nach Hessen, wie ich (in dieser ztschr. VIII, 271 fg.) bemesen habe gele-
gentlich der textausgabe des schönen bnichstücks.
Die zeit bis in das 12. Jahrhundert betrachtet der Verfasser nur als vorhof.
Die eigentliche aufgäbe begint für ihn mit der mhd. zeit. Im 1. buche des ersten
teils (ein zweites folgt nicht) führt er in fünf kapiteln das Verhältnis von Schrift-
sprache und dialekt während dieser periode aiis. In der Streitfrage über die mhd.
Schriftsprache steht er auf dem von mir geteilten Standpunkte, dass es eine über
den dialekten stehende dichtersprache im 13. Jahrhundert gegeben hat, welcher die
einzelnen nach kuust und geschmack zustrebten.
Das 3. kapitel behandelt „ das Wiederaufleben der Schriftdialekte ^ im 14. Jahr-
hundert, wobei die einzelnen Utterarisch wichtigen mundarten gekenzeichnet werden.
Die wichtige vokalische Verschiebung, die zuerst im bairischen dialekt auftritt und
sich von da weiter verbreitend unsenu vokalismus neue züge aufdrückte, erklärt
heiT Socin nach Staubs Vorgang (Fi'ommann, mundarten YII, 199) aus zweigipfUgom
accent, ungleicher tonhöhe und differenzierung, und dieses wider aus singender aus-
spräche, die doch grade dem bajuvarischen wenig eigen ist.
124 WEINHOLD, ÜBER SOCIN, SCHRIFTSPR. U. DIALL.
Bei der aiisführung über die mitteldeutschen Vereinfachungen der diphthonge
hätte der Verfasser meine mhd. gramtn. 2. ausg. §§ 134. 142 benutzen können.
Dass in Brandenburg von anfang an das md. als geschäftssprache geherscht
habe, wird aus Denkm. XXIX schwerlich richtig gefolgert. Falsch ist (s. 143), dass
Eicke von Repgow das obersächsische als rechtsprache bevorzugte. Eicke hat den
Sachsenspiegel nd. geschi'ieben. Aber die Verbreitung dieses rechtsbuches in dem
ostdeutschen kolonisationsgebiete führte früh zu üliertragungen in das nid., und als
die Magdeburger schöffen von den städten in Ostmitteldeutschland um weistümer
angegangen wurden, gaben sie dieselben aus praktischen rücksichten im md. dialekt,
ebenso wie Brun von Schönebeck und andre md. zu dichten versuchten, um ihren
werken grössere Verbreitung zu schaffen.
Für das schlesisciie erlaube ich mir herrn Socin auf meine schrift „Die Ver-
breitung und die herkunft der Deutschen in Schlesien" (Stuttgart 1887) aufmerksam
zu machen.
Im 4. b. kapitel wird das aufkommen und wachsen der kaiserlichen kanzlei-
sprache und ihr kämpf mit den dialekten auf grund der Müllenhoffschen ausführun-
gen und nüt berücksichtigung neuerer arbeiten geschildert. Für Alemanuien hat herr
Socin eigene forschungen verwertet.
Im 2. teil, der in drei bücher zerfält, fühii der Verfasser die zeit von Luther
bis J. Grimm vor. Anlage und ausführung streben hier nach einer zusammenhan-
genden samlung der Zeugnisse aus den Schriften jenes Zeitraums.
Für das 16. Jahrhundert wäre eine eindiingendere darstellung des Verhältnisses
der kanzleisprache zu der theologischen und weltlichen litteratursprache zu wünschen.
Das capitcl „über die deutsche reichssprache im 16. Jahrhundert" kann hierfür nicht
genügen. Das bedürfnis nach einer einheitlichen Schriftsprache ist in jener zeit sehr
stark empfunden worden. Aber während des ganzen Jahrhunderts streiten verschie-
dene Strömungen gegen einander. So fühlbar auch das grosse gewicht der Luther-
sprache überall ist, so dringt sie doch nicht zum algemeinen siege durch, war doch
die spräche Luthers selbst während seines ganzen lebens in fortwährender entwick-
lung und Umgestaltung.
Für den sprachlichen kämpf in der Schweiz hat herr Socin im 3. kapitel dan-
kenswertes gebracht. Grade dafür bietet auch Fr. Kluges büchlcin „Von Luther bis
Lessing" (Strassburg 1888) schätzbare abschnitte.
Alzudürftig wird der kämpf des Niederdeutschen gegen die „Luthersprache"
abgefertigt. Weitmehr bietet Kluge in seinem kapitel Niederdeutsch und Hochdeutsch.
Die grammatiker des 16. Jahrhunderts sind sorgfältig ausgezogen. Für das
17. Jahrhundert vermisse ich die scharfe betonung jenes patriotischen zuges, der
durch die litteratur des viel verkauten Jahrhunderts hindurchgeht, und auf den u. a.
K. Burdach in seiner dissertation über die einigung der nhd. Schriftsprache sehr
bestimt hingewiesen hat.
In der darstellung des 18. Jahrhunderts treten die obersächsische oberherlich-
keit und die Stellung der Schweizer zur Schriftsprache am besten hervor. Was über
die sprachliche bcdoutung unsrer grossen dichter gesagt wird, kann unmöglich genü-
gen. Am besten ist uocii Wieland bedaclit. Grade an ihnen liess sich zeigen, welch
bedeutende macht die angeborne mundart auf die spräche auch der grösten Schrift-
steller hatte. Lessing hat stets einen Oberlausitzer gerucli behalten, Schiller den
schwäbischen, Goethe den Frankfuiier, in den sich dann etwas thüringisches ein-
mischte.
MOGK, ÜBER VQLÜSPA, ÜBERS. VON HEUSLER 125
Unter deu mundartlichen diciitern ist Hebel am meisten berücksichtigt. Das
Verhältnis des streng mundai-tlichen zum hochdeutschen bei diesem treflichen manne
hat der Verfasser wol beachtet.
Don dritten teil, über Schriftsprache und dialekt des 19. Jahrhunderts, gibt
herr Socin als anhang. Die abschnitte Jacob Grimm, die grammatischen theorien
über Schriftsprache und inundart, über dialektforschung seit Schmeller, und über den
kämpf der mundartlichen littcratur, namentlich in der Schweiz und in Niedersachsen
bringen manches anziehende. Andres wird vormisst. Mit nutzen hätte der herr Ver-
fasser das anregende, lebendige buch Kud. Hildebrands „Vom deutschen Sprachunter-
richt in der schule und von deutscher erziehung und bildimg überhaupt" (3. aufl.
Leipzig 1887) brauchen können. Versteckter liegen die abhandlungen von K. J. Schröer
„Der deutsche Sprachunterricht und die mimdarten" (Wien 1870) und von Strackerjan
„Das plattdeutsche als hilfsmittel für deu Unterricht" (Oldenburg 1866).
Die aufgäbe, die sich herr Socin gestelt hat, war sehr gross, und au bemü-
hung um die lösung hat er es nicht fehlen lassen. Aber es fragt sich, ob er nicht
gut getan hätte, sein buch noch länger zu pflegen, oder wenn er schon jezt mit der
ai'beit hervortreten wolte, die grenzen enger zu ziehen.
BRESLAU. KARL WEINHOLD.
VqIo sp^. Die Weissagung der seherin. Aus dem altnordischen übersezt
und erläutert von Andreas Heusler. Berlin 1887. Georg Reimer. 59 s. 8.
1,50 m.
Als Hoffory die heldeulieder der Grimmschen Übersetzung der Edda zu
J. Giimms hundertjährigem geburtstag einfach abdrucken Hess, war das ein verdienst-
liches xinteiTiehmen , das in deu weitesten kreisen anklang finden muste. Wenn aber
vier jahi'e nach ihrem erscheinen ein teil von Müllenhoffs durchaus gelehrter arbeit
populär gemacht werden soll, so ist das weder im geiste des geistigen Urhebers die-
ser Schrift, uoch wird ihr i)Oi)ulärmacher dem einen freundschaftsdienst erwiesen
haben, dem sie gewidmet ist. Das schriftehen enthält in treflichster ausstattuug eine
einleitung, die die reichliche hälfte einnimt, daneben einen abdruck der Müllen-
hoffschen VQluspä nebst Übersetzung und anmerkungen, die fast durchweg MüUenhoff
entnommen sind. Was der abdruck des Urtextes bedeuten soll, ist nicht recht ver-
ständlich. Wer die Vcjluspa im urtoxte liest, der wird gewiss nicht zu herrn Heus-
ler seine Zuflucht nehmen, und aufängern im altnordischen wird die alte form
nicht recht verständlich sein. Wir haben hier weiter nichts wie das alte experiment
des lehrers, der seinen schülern einmal zeigen will, wie griechische oder hebräische
buchstaben aussehen. Mit der gestalt des gedichts wäll ich gar nicht rechten; ich
für meine person stehe wie Heusler fast durchweg auf Müllenhoffschem boden. Nur
meine ich, dass wir alle irren können und wenn je einer, so ist MüUeuhoft' von die-
ser Wahrheit voll und ganz überzeugt gewesen. Die Mülleuhoft"sche Voluspä ist
schön und grossartig; was er zur stütze seiner ausmerzungeu gebracht hat, ist meist
klar und überzeugend, allein dass in Wirklichkeit die Vgluspa einst in dieser gestalt
bestanden habe, lässt sich nie und nimmer strikte beweisen, ganz abgesehen davon,
dass MüUenhoff auch bei diesem gedichte imter der idee des Zahlensystems gestan-
den hat. Heusler hat die Müllenhoft'sche , aber nicht die altisländische Voluspä popu-
lär gemacht. Und doch enthält auch die alte isländische züge, die das grosse publi-
126
kam anspreclieu würden; ich erinnere nur an die Schöpfung der menschen, an den
weltbauni, an die nornen.
Die einleitung gibt im ganzen die Müllenhoffschen und Hoffoiyscheu gedauken
über das alte lied richtig wider. Alles andere erscheint als apokiypha, mit denen
tabula rasa zu machen ist. Nur scheint es zugleich als ob die apokrypha ausgemerzt
wären, ohne dass sie Heusler kent. So soll z. b. Bang die Voluspü zuerst einer
weitgehenden kritik unterworfen haben (s. 7); N. Petersens, Weinholds, Dietrichs
u. a. arbeiten scheinen unbekant zu sein. Was über die geschichte des woiies
„Edda" gesagt ist, ist unklar und zum teil falsch; ich verweise auf K. Maurer,
Altnord. s. 215 und vor allem auf das Corp. poet. bor. I s. XXVI fgg. 0|)in als Val-
fQ{)r soll „vater der \Yalstatt" sein (s. 21). Dem Verfasser ist kein vorwui-f zu
machen, wenn er SchuUerus abhandlung über den YaUiQllmythos noch nicht gelesen
oder gekant hat, dagegen hätte ihn ein blick in Schades oder Kluges wuiierbuch
überzeugen können, dass Valf(j{)r einfach „ totenvater " ist, und wenn er sich in
den elementen der mythologie umgesehen hätte, so würden ihn diese belehii haben,
wie fast bei allen indogermanischen stammen der windgott zum totengotte wird nach
der einfachen volkstümlichen auffassuug, dass die seelen der abgeschiedenen als luft-
geister im winde daherfahren. Dann würde er auch ein ganz anderes und vor
allem klareres bild von der weltesche erhalten haben, dem äthergewohoten , luftigen
bäume, von dem die tautropfen auf die erde herabfallen, und die anmerkung zu
V. 13 (s. 42) würde dem laien verständlich werden. Man scheint wirklich mit aller
gewalt sich dem ebenso einfachen wie verständlichen bilde, das in der kenniug askr
Yggdrasils liegt, verschliessen zu wollen, wie auch SchuUerus beitr. XU, 226 gezeigt
hat. 0{)ins achtbeiniges ross Sleipnir wird doch schwerhch jemand anders als die
wölke zu deuten vermögen, wie die fast unzähligen sagen vom wütenden heere oder
von der wilden jagd zur genüge erhärten, die aus dem gleichen vorstellungskreise
entsprungen sind. Auf ihr reitet der windgott. Und wenn sie in den lüften, eben
in dem äthergewohnten weltenbaume ruhig steht, dann hat sie der windgott hier
angebunden oder lässt sie daselbst weiden. In ihr allein kann auch nur die Vorstel-
lung von Valli^ll ihre wurzel haben und wer dieselbe mit gewalt auf die erde ver-
sezt, verbaut sicli das tor zu einem ebenso einfachen wie volkstümlichen mythos. —
Verständnis der mythologie ist bei jeder ausleguug der Vgluspä unbedingtes erforder-
nis, zumal wenn man sie populär machen will. Und nur wenn man sich solches
angeeignet hat, wird mau MüUenhoffs oft schwer verständliche woite begreifen.
Leider hat auch Heusler die vorläge, der er seine arbeit entnommen, nicht immer
verstanden. Wer z. b. sagt: „Die unergründhche tiefe der see und ihr murmelndes
spülen wider die ufer lassen an die alumfassende und heimlich raunende Weisheit
des alten lierschers glauben" (s. 25), der hat nicht einmal MüUenhoffs warnung
beachtet, dass Mimir kein meer- und wassergott ist (DAJv. V, 105) und zeigt, dass
er keine spiu" von der weissagenden und weisheitlehrenden kraft des wassers hat, die
wir bei allen germanischen stammen finden, wie schon die alten Cimborn nach dem
belichte des Plutarch aus heiligen quellen weissagten.
Die Übersetzung hält sich sachlich streng an die MüUenhoifsche; formell weicht
sie öfter ab, ich weiss nicht, ob zu ilirem vorteil. Den wenigen sachhcheu abwei-
chungen ist nicht immer beizustimmen. Vsp. 2^ übersezt MüUenhoff heima richtig
mit „heime", Heusler mit „erdheime", was er auch in der einleitung vertritt (s. 21).
Der weltenbaum umfasst aber die ganze weit, auch den luftraum, den himmel, nicht
nur die erde. — Das von Heusler eingeschobene „und" (den herlichen Seh. v. 2) macht
:
ÜBER VQLUSPA, ÜBERS. VON HEUSLER 127
die Visa imklaier, da v. 4 nur apposition zu v. 3 ist und nicht diesem verse bei-
geordnet werden darf. — Die schwierige stelle 8': ritte gmida übersezt Heusler
„sie bante mit ihren stäbeu." Es scheint ihm der eingang der Vsp. nach der Mül-
lenhoffschen auffassuug vorgeschwebt zu haben. Allein 1. vitta heisst nie bannen;
2. der acc. kann nicht instrumentale bedeutuug haben; und 3. überall wo vglvur
auftreten, haben sie nur einen stab, nirgends stäbe." Die klarste beschreibuug der
nordischen volventätigkeit haben wir bekantlich in der l*orfinnssaga Karlsefnis (vgl.
Maurer, bekehrung I, 445 fgg.). Hier bedarf die v^lva Thorbjovg, bevor sie ihren
eigentlichen zauber beginnen konte {fremja seipinn\ gewisser formelliafter lieder, der
varplokkur, der schutzgeisterlockung, und diese wurden im vorliegenden falle von
anderen gesungen. Nachdem sich diese naturgeistcr herabgelassen, begann erst die
Wirksamkeit der vglva, der seipr: sie sah die zukunft deutlich vor äugen. Wemi
wir diese klare darstellung im äuge behalten, wird uns der sinn von Ysp. 8, 3 — ^4
verständlich werden ;
seip lirars Imnne, seip kugle ikenn
bezieht sich auf den eigentlichen zauber, das ritte yanda auf den vorhergehenden
akt, das herabsingen der scliutz- oder hilfsgeister. Diese geister aber scheinen den
namen gandir gehabt zu haben, wie z. b. gandreipir nichts anderes sein kann, als
das reiten dieser geister (vgl. Fas. 11, 131: ekki skorti gandreipir i eyjiinni um nott-
ino)^ was noch in Norwegen als gandferd (Aasen s. 207) bekant ist, oder gandrisa
der gesang, der diese geister herabruft; und dazu stimt, wenn mau noch heute in
Sondmore sagt: Da ra reint 'ta Gand' o (Aasen a.a.O., wo sich noch andere Wör-
ter finden, die diese deutimg stützen). Nun verstehen wir auch das spd ganda
(16-), denn jene gandir brachten eben der vQlva die kraft, die zukunft vorauszu-
sehen (vgl. die oben angefühi-te stelle). — Was klingt wol besser, das MüUenhoff-
sche „berater" für regin oder das Heuslersche „ ratmächte " ? — V. 11^"* ist umich-
tig der conj. plusq. durch den conj. imperf. wadergegeben , wodurch die Strophe gera-
dezu unverständlich wii'd. — 12Mst Thor von zorn gebläht {Prungenn)\ — 13':
„ewig heiter" (H) imd „ äthergewohnt " ist gerade bei der weltesche ein bedeutender
unterschied, denn lezteres ist sie, ersteres nicht. — Ebenso unrichtig ist Heuslers
Übersetzung von yggjungr äsa „der schreckliche asengott", wo MüUenhoff ganz rich-
tig übersezt: „der schrecker unter den äsen." — Ob 18^ blopgom gegen Müllenhoffs
blaiipgom das richtige trift, lässt sich schwer entscheiden: ersteres, das wir Bugge
verdanken, ist allen nordischen dialekten unbekant, lezteres ist zu herabsetzend und
passt nicht fürBaldr. — 19" Hqpr nam skjöta kann nimmermehr heissen „H. nahm
und schoss", da nema bekantlich im nordischen als hülfsverb verwendet wird. —
24^ kann es höchstens heissen: „Ich sah dort waten in reissenden strömen", da
durch falschen sinn in die stelle bringen kann. — 25^ ^ Isarnvipe heisst „im
eisenwalde", nicht „vom e." — 30^ hat MüUenhoff systrunyar treffend mit „schwe-
sterkinder" widergegebeu, da die stelle auf das enge Verhältnis zwischen dem neften
und dem mutterbruder anspielt, das aufs tiefste bei allen germanischen stammen in
das familienleben eingreift; geschwisterkinder, wie Heusler übersezt, raubt der stelle
den rechtlichen hintergrund und das richtige Verständnis. — 31 - den alten Schreib-
fehler des cod. reg. galla für das richtige yamla (cod. H) solte man nun endlich
aus dem spiele lassen. — 32"^ et aldna tre ist „der alte bäum", weil er schon seit
undenklichen zeiten steht, aber nicht „der gealterte", da bekantlich die weltesche
durch das begiessen der norne immer jung bleibt. — 33^ esero d pinye „die äsen
kommen zu häuf." Die Übersetzung raubt wider der stelle den rechten sinn: wie
128 NACHRICHTEN
kann man hieraus schliossen, dass im urtexte von dem lezteu grossen {)ing der äsen
die rede ist? — Doch ich habe nicht lust, die abweichungen von der Müllenhoff-
schen Übersetzung weiter anzuführeu, die fast durchweg mangel des Verständnisses
der V(jluspä zeigen. Müllenhoff hat sich jedes woii reiflich überlegt; hätte sich
Heusler stets an seine worto gehalten, wie er es ja meist tut, so hätte das schrift-
chen immer noch einen relativen weii, worin ein solcher aber in der vorliegenden
gestalt bestehen soll, ist nicht recht ersichtlich.
LEIPZIG. E. MOGK.
NACHEICHTEN.
Die von dem deutschen reiche zurückerworbene Pariser miunesingerhandschrift
ist der Heidelberger universitäts - bibliothek überwiesen worden. (Vgl. K. J. Trübuer
im centralbl. f. bibl. V, 225 fg.)
Mit Unterstützung des Klopstockvereius zu Quedünburg wird im verlage der
Göschenschen buchhandlung zu Stuttgart eine kritisch - historische ausgäbe der öden
Klopstocks erscheinen, herausgegeben von dr. F. Muncker in München und pro f.
dr. Jaro Pawel in Wien. Anmeldungen von subscribeuten, denen das werk zu
einem ermässigten preise (8 mark) geliefert wird, nehmen dr. Ad. Düniug in Qued-
linburg und dr. F. Muncker in München entgegen.
Ein autodidakt, der goldschmied Päll forkelsson in Reykjavik, hat (nu
Selbstverläge) die herausgäbe eines grösseren isländisch - französischen Wörterbuches
begonnen. Das buch wird, nach den vorliegenden proben zu lU'teilen, strengeren
philologischen anforderungen nicht genügen, gleichwol aber, da es die moderne
Sprache in viel grösserem masse als die vorhandenen lexica berücksichtigt, nicht
ohne praktischen nutzen sein. Es ist auf 100 bogen veranschlagt und soU in liefe-
rungen von 8 bogen erscheinen; der preis jeder lieferung beträgt 4 francs.
In Tübingen ist das Ordinariat für deutsche spräche und litteratur dem bibUo-
thekar dr. Herm. Fischer (Stutgart) übertragen worden. — Prof. 0. Behaghel
(Basel) geht als nachfolger W. Braunes nach Giessen.
Für germanische philologie habilitierten sich: in Halle dr. Otto Bremer, iu
München dr. Wolfgang Golther.
Am 20. mai 1888 starb zu Kopenhagen Christian Knud Frederik Mol-
bech (geb. 20. juli 1821), bis zur widergewinnung der herzogtümer professor der
dänischen spräche und litteratur' an dm- Universität Kiel, auch als Übersetzer des
Dante und dramatischer dichter rühmlich bekant.
Am 30. mai 1888 starb zu Kopenhagen der ausserordentliche docent der islän-
dischen litteratui- und geschichte Gisli Brynjülfsson, 60 jähre alt.
Halle a. S. , Buchdjuckerei des Waisenhauses.
DAS LIEDEEBUCH DEE AMTA YOIST KÖLN.
Während für das geistliche Volkslied des 16. — 17. Jahrhunderts
die gednickten quellen dank den arbeiten von Hoffmann von Fallers-
kbcn, Ph. Wackernagel, Bätimker u. a. so üetnlich erforscht x/n sein
scheinen, liegt noch manche ausbeute in handschriftlicher Überlieferung
unbeachtet auf den ö/fentlichefi bibliotheken. Dazu gehört auch ein
kleiner wertvoller band, der sich seit dem jähre 1863 als Mscr. Germ.
Oct. 280 iin besitze der IdJniglichen bibliothek zu Berlin befindet, und
den ich kurzweg ah das Liederbuch der Ä?ina von Köln bezeich-
nen will. Er enthält auf 177 blättern kleinsten formales (9,6: 7,2 on.)
82 von verschiedenen händen geschriebene geistliche lieder; 15 davon
sind bekante lateinische texte, die übrigen in niederrheinischem dialekte
abgefasst, bei 24 7iummern sind die sing weisen hinzugefügt. Die
bUitter 129a — 134 b siiul der schrift nach der älteste bestandteil der
samlung und bihleten offenbar im 15. Jahrhundert noch den anfang
eines besondern büchleins. Hier siiul auch die einzelnen Strophen
regelmässig abgesezt, währeiul .sonst die strophenan fange r/nr durch
ein mit roter färbe geschriebenes Versus, die der lieder durch Carmen
bezeichnet werdoi. Die übrigen Matter der augen.scheinlich vielgebrauch-
ten samlung zeigen meist eine etwas jüngere hand, da\ wischen aber
mehrere ursprünglich leergelassene seiten, die erst nachträglich zum
teil (bl.lb — 2 a; 27 b — 29 b) mit ei) ler flüchtigen kursivschrift beschrie -
ben sind. Wir werden später sehen, dass diese jüngsten eintragungen
wol erst nach 1524 gemacht worden si)id. Eine genauere chro)tolo-
gische bestimmung würde man erhalten, wenn es gelänge, etwas nähe-
res über die einstige besitzeri?i z,u ermitteln. Auf bl. la findet sich
nämlicli die notix: „Dit bocli liuert toe aiina vau coUen. der et
fyiit, eer et verloeren w[ertj, der sterft ovc wall, eer hey krauck wert."
Ebenso auf bl. 137b neben einigen federproben: „Dit lieirt to Anua
van kollen. der et fynt, der geff." Ich vermalte rmch dem inhalte
der lieder in dieser Anna von Köln, deren handschrift jünger u>ul
ungeübter als die früheren partien der texte ist, eine begine oder
norme, die zu anfang des 16. jahrhuiulerts im Niederrheinischen lebte.
ZKITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 9
130 BOLTE
Unter den 'mir bekanten samlungen gleicher art stehen örtlich
und xeitlicli der vorliegenden nahe zivei niederländische Imndschriften
des 15. Jahrhunderts , Mscr. Germ. Oct. 190 und 185 der löniglichrn
hibliothek zu Berlin, von tvelchen Hoff mann von Fallerslehen in der
Bibliotheca Hof&nanni Fallerslebensis, Leipzig 1846, s. 7 — 20 nr.XIII
und XIV eine genaue beschreibung und 1854 in den Horae Belgicae
bd.lO eine ausirahl von 123 liedern veröffentlicht hat. 2IG0185 ent-
Mlt 92 niederländische geistliche lieder, MG 0190 neben einigen latei-
nischen texten 105 7iiederländische , davon 19 mit den melodien; die
lezteren sind kürzlich von W. Bäumker in der Vierteljahrsschrift für
musikwissenschaft 4, 153 — 257. 287 f gg. nebst 47 liedern einer gleich-
zeitigen Wiener handschrift nmstei'haft herausgegeben ivorden.
Die Berliner bibliothek besizt ausserdem noch eine kleine7-e sam-
lung von niederdeutschen und lateinischen kirchenliedern , tvelche für
den katholischen gottesdienst bestirnt war und im jähre 1563 aufge-
zeichnet ist: Mscr. Germ. Quart 1008. I)a sie bisher noch nicht be-
schrieben lüorden ist, tcill ich kurz ihren inhalt angeben. Sie besteht
aus 20 quartblättern., welche ursprünglich einen teil einer grösseren
handschrift bildeten; de? in sie sind mit den zahlen clxx — cxcij foliiert.
Auf bl. 22b steht: „Dat nafolgede singet man to ^^lses Leuen Heren
Lichams dage vnd vort in der processien vmmer bleck Anno 1563."
Die mit tnelodien versehenen nummern mache icli in der folgendoi
inhaltsübersicht durch ein f kentlich.
1. Bl. la. f Kyrie eleison.
Vgl. Bäumker, Bas katholische deutsche kirchenlied 2, 346.
2. Bl. 1 b. t Mittit ad virginem.
Mone, Latein, hgmnen des mittelalters 2, 31. Wacker-
nagel, Das deutsche kirchenlied 1, nr. 182.
3. Bl.4b. -j- Laus tibi, Christe, qui pateris.
Wackernagel 1, nr. 345.
4. Bl. 5 a. f 0 wg armen sunders. (Canticum ad melodiam: 0 du
armer Judas).
6 Str., dazu eine str.: „Och du ar?ner Judas" =
Böhnw, Altdeutsches liederbuch nr. 539. Bäumkerl,\466.
5. Bl. 7 a. •\ Dixit dominus domino meo.
Psalm 110.
6. Bl.lOb. Idt tvold vns god genedich sgn. (Dens misereatur nostri
io diule.)
5 str. — Luthers bearbeitung des 67. jjsabns. Wacker-
nagel 3 nr. 7.
LIEDERBUCH DER ANXA VON KÖLN 131
7. Bl. 11 b. f Abel de offerde (jodt.
Wackernagel 2 nr. 1267. Die melodie bei Bämnker 1,
733 nr. 409 I mit dem. text: „0 salutaris hostia.''
8. Bl. 12 a. f Piier nobis nascitur, rector angelorum.
6 str. — Mone 1, 64. Wackeruayel 1 nr. 327 — 331.
Die melodie = Bäumker 1, 351.
9. Bl. 13 b. f Puer natiis in Bethlehem.
4 str. — Wackernagel 1 nr. 312. Die nielodie ist von
den bei Bäumker 1, 315 fg. mitgeteilten verschieden.
10. Bl. 15 b. In dulci iubilo.
3 str. lateinisch -deutsch. — Wackernagel 2 nr.640~^
647. Fischer 1, 410—412.
11. Bl. 16a. Magnum nomen domini.
Wackernagel 1 nr. 348. Bäumker 1, 299 und Vier-
teljschr. f. musikwiss. 4, 194.
12. Bl. 16a. Omnis mundus iocundetur.
Wackernagel 1 nr. 358.
13. 14. Bl.Wb. f Dies est leticie in ortu regali.
6 str. lateinisch, dazu hinter jeder die nd. Übersetzung:
„De dach de is so fröivdenrich." — Wackernagel 1,
nr. 332. 2, nr. 689 — 695. Die melodie iveicht in
der 2. hälfte ab von Bäumker 1, 286.
15. Bl. 19 b. Gelauet systu, Jesu Orist.
7 str. — Nach Luthers dichtung. Wackernagel 3 nr. 9.
Vgl. Ä. F. W. Fischer, Kirchenlieder -lexikon 1, 209.
16. Bl. 20b. Christ lach in dodes banden.
7 str. — Ebenfals nachButher. Wackernagel 3 nr.l5.
Vgl. Ä. F. W. Fischer 1, 75 fg.
17. Bl. 22a. Köninginne der Hemmelen.
NacJt, dem lateinischen „Regina coeli laetare.'' Wacker-
nagel 1, nr. 301. 2, nr. 971 — 975.
18. Bl. 22a. Jesus Christus vnse salicheyt.
1 str. — Nach dem Hus zugeschriebenen latein. Hede:
Jesus Christus nostra salus. Wackernagel 1 nr. 367 —
369. Fischer 1, 386.
19. Bl. 23a. Got de sey gelauet.
1 str. — Nach Luther. Wackernagel 2 , nr. 989.
3, nr. 11. Fischer 1, 234.
20. Bl. 23a. Vth dem 100. psalm. Eyn gebet.
9*
132 BOLTE
Aus wenig späterer zeit stamt die 1588 angelegte samlung der
nomie Catherina Tirs zu Niesing im Münsterschen^ welche B. Höl-
scher 1854 in seinen Niederdeutschen geistlichen liedern und Sprüchen
aus dem Münsterlande herausgegeben hat.
Mit all diesen ha?idschriften zeigt das liederbuch der Anna von
Köln jnannig fache berührungen, und auf sie habe ich daher in dem
inhaltsverzeichnis , das ich mm folgen lasse, vor allem hingeiviesen.
Deutlicher als dies werden billige proben den clmrakter der lieder, unter
denen sich verschiedene aus iceltliche?i dichtunge?i hervorgegangene befin-
den, erkennen lassen. Auch für den einfluss Luthers auf das katho-
li.sche kirchenlied erhalten wir liier wie in dem Berliner MOQ 1008
vom jähre 1563 neue belege.
1. Bl. Ib: Nu bgdde ivir den liikjen geist
om den rechten gehuen alre meist.
3 str. — Unten nr. V.
2. Bl. 3a: Yck droecli schoen bloemen g?/ u/gner innull
end oeren roeck en rock ick nyet.
Die fortsetxung fehlt.
3. Bl. 6a: In diilci iubilo
cantate domino.
4 str. lateinisch. — Unten nr. IIA.
4. Bl. 7a: f In dulci iubilo
sgnget ind iveset vro.
5 str. — ■ Unten nr. IIB.
5. Bl. 9b: f Piier natus in Betlüeem,
vnde gaudet Jhernsalem.
12 str. lateinisch. — Wackernagel , Das deutsche kirchenlied 1
nr. 312. Bäumker, Das katholische deutsche kirchenlied in seinen
singweisoi 1, 322 nr. 60 gibt eine mehrfach abweichmule melo-
dir. Berliner MGQ 10(^8 nr. 9 (oben .s. 131).
6. Bl. Hb: Puer nobis nascitur,
rector angelonim.
11 .'<tr. lateinisch. — Wackernagel 1 nr. 327 — 331. Mone,
Lateinische hgm)ten des mittelalters 1, 64. Berliiier 3IGQ 1008,
7ir. 8 (oben s. 131).
7. Bl.l2b: Noe, noe,
triplicando noe,
6 str. latei)usc]). — Unteu nr. 1.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 133
8. Bl. 13a: f Dyes est leticie,
nam processit bodie.
6 str. lateinisch. — llone 1, 65. Wackernagel 1, nr. 341.
Die melodie lautet gleich mit der uiiterstimme in dem Trierer
Bosanimi von 1482 bei BäumJcer 1, 294.
9. Bl. 14a: f Iure plaudaut omnia,
celica, terrestria.
1 str. lateinisch. — Text hei Wackernagel 1, nr. 361. Die
xiveistimmige melodie stimt 7mt der von Bäiuiikerl, 610 nr. 310
gegebenen v.j. 1605 überein, nur dass sie im vierteiligen takte geht.
10. Bl. 15a: f Omnis mundus iocundetur,
nato saluatori.
1 str. lateinisch. — Text bei Wackernagel 1, nr. 358. Ber-
liner MGQ 1008 nr. 12 (oben s. 131). Die melodie = Bäumker
1, 306 nr. 49, aber in dreiteiligem takte.
11. Bl. 16a: f Dies est leticie
in ortu regali.
8 str. lateinisch. — Mone 1, 62. Wackernagel 1, nr. 332. Ber-
liner 3IGQ 1008, nr.l3. Die melodie äh)ilich bei Bäumker 1, 286.
12. Bl. 18 a: Magnum nomen domini
Emaniiel, quod annunciatum est
per Grabriel [!].
Lateinisch. — Wackcrnagcl 1, nr. 348. Berliner MGQ 1008,
nr. 11. Melodie bei Bäumker 1, 299. Vierteljahrsschr. f. miisik-
iciss. 4, 194.
13. Bl. 18b: 0ns ist geboren eyn kyndelgn
noch cläre dan de sonne.
5 str. Sub nota: Puer nobis nascitiu'. — Wackernagel 2 , nr. 1110.
Hölsclier s. 9. Horae Belgicae 10, 40 nr. 15.
14. Bl. 19a: Jesu snesse lieff' al egnich eyn,
zvs Maria geboren.
9 str. Sub nota: Puer nobis nascitiu'. — Unten nr. III.
15. Bl. 20b: Den heirden vp den velden
den dede der enget kont.
5 str. — >S'^^-. 1 ist aus einer strophe des „Dies est laetitiae"
{Wackernagel 1, nr.332, 4: „Angelus pastoribiis") hervorgegangen.
16. Bl. 21a: Eyn kyndelyn so louelich
is ons geboeren hude.
5 str. Sub nota: Dies est leticie. — Wackernagel 2 nr.697 hat
nur 2 strophoi.
134
17. Bl.22a: It wart geborn in eynre nacht,
0 virgo Maria,
eyn cleynes kynt van groisser macht,
0 benivolencia, o virgo Maria.
20 Str.
18. Bl. 24b: Txo den etvigen leuen irere
ich gern, al ivirt it lanch.
8 str.
19. Bl. 26b: It is eyn dach der vroelichet,
tvant got inynsch geboren is.
4 str. Sub nota: Dies est leticie, nam proc. — Äbiveichend
vo)t den liedern bei Hölscher s. 14 , Horae Belgicae 10, 50 und 52
nr. 21 — 22, Wackernagel 5 nr. 1458 und Bäiimker 1, 289.
L. Ph. C. van de?i Bergh, Nieutve 'Werken van de Maatschappij
der NedcrlaiidscJieLetterk'unde 5, 2, 107 u. 112 (1841). W. Bäum-
ker., Vierteljahrsschrift für musikwissenschaft 4, 184 (1888).
20. Bl.27h: Jhesns nam dat korffgen in syn hant,
ecce mimdi gaiidia.
ß .str. — Gehört zu dem Hede „Herr Jesus, utven brunen cojj"
Horae Belgicae 10, 195 nr. 98 str. 8; vgl. ebenda nr. 13.
21. Bl. 2Sb: Edell siel vercaren,
nu kirt viv tveder tot niy.
22. Bl.SOa: f Heir boiten in myns vaders rych,
da na mich sere verlanget.
6 Str.
23. Bl. 31a: Wie schoen so ist heir bouen
alle in dal henielrich.
9 Str.
24. Bl. 32b: Hed ich die vlogelen vaii Seraphim,
ich voulde so hoge vlegen.
13 str. — Unten nr. IX.
25. Bl.35a: All onder myns lieffgens kyngen
dar steit eyn lockelgyn.
8 Str.
26. Bl. 36a: Jesus ^ryn is vpgedaen,
my vt.
6 Str. — Unten nr. XVI B. ^
27. Bl.37a: Ich hoirt dat kloickelgen luden,
zer kriehen steit myn syn.
6 str. — Unten nr. XV.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 135
28. Bl. 38 a: Nu ivil ich vroeKch heuen an
i?id syngen na den besten dat ich kau.
25 str. — Unten nr. XIV.
29. Bl. 42b: Jesus bat ejpi selekyn,
dat it syn vruritgen ivere.
9 str. — Nacli einem tveltlichen liebesliede.
30. Bl. 44a: 0 Jesu, ich haen eyn schrinekyn,
dat ivil ich mir dir ojpsleissen.
4 Str.
31. Bl. 45 a: It bat eyn mynnende sele ir He ff'
so lange durch syn genade.
17 str. — Parodie eines liebesliedes.
32. Bl. 47b: Och hogelouede mynne
in dynre hoichster art.
14 Str.
33. Bl. 49b: IcJt sien den morgens sterren
ons heren clair anschyn.
11 str. — U?ndichtung eines tveltlichcn tageUedes (Uhland,
Deutsche Volkslieder nr. 76 A — C. Böhme, Altdeutsches lieder-
buch 7ir. 109 — HO) , auch bei Hölscher s. 102 luncl Horae Bel-
gicae 10, 175 nr. 86. — Vgl. auch unten nr. 76.
34. Bl. 50b: Myt vrouden ivillen tvir syngen
ind louen de triniteit.
7 str. — Horae Belgicae 10, 214 nr. 108.
35. Bl. 52b: Oeyn besser vr enden vp erden niet en is,
dan der van hertxen zo vreden is.
5 str. — Wackernagel 3, nr. 1029 (aus detn Bonner gesang-
buche 1569 mit 14 str.).
36. Bl. 53b: Hed ich die vlogelen eyns aren grijs,
ich suld so hoge vleigen.
11 str. — Unten nr. X.
37. Bl. 55b: Txo Jherusalem dair woent myn lieff,
dar na steit myn begeren.
13. str. — Behandelt den einxug Christi in Jerusalem.
38. Bl. 57a: Ich danke dir, her Jesu Christ,
der noit in dynre groisser truwen.
18 str. — Passionslied.
39. Bl. 60a: Hyff op dyn criiytx,, myn alre lieff'ste bruyt,
volge myr na ind ganck dyns selff's ws.
26 str. — Hölscher s. 93. Horae Belgicae 10, 165 nr. 81.
136
Germania 15, 366 fy. Jahrb. f. nd. Sprachforschung 7, 3—6.
Vgl. auch Wackernagel 2, nr. 847.
40. Bl. 64b: Ver sich in lyden hin verhlyden,
van recht so mach he wesen vro.
5 str.
41. Bl. 65b: Myr geleiffden eyn jongelinck
mgnnecUch gar irol gestalt.
10 Str.
42. Bl. 68h: Naturgen, du moes orloff han,
dat myrcken ich an den tx^yden.
10 str. — Horae Belgicae 10, 151 nr. 70.
43. Bl. 70a: Solais teil ich hanteren
incl altxo is vrolich syn.
6 str.
44. Bl. 71b: Wer kennen ivilt syn ewich goet,
der sterff syns eygen ivillen.
10 str.
45. Bl. 73a: Wail vp, ich moes ran hynnen,
myns blyuens en is neit hie.
12 str. — Unten nr. VI.
46. Bl. 73b: It is vur eynen rastauen,
uer kynder, nu galt an.
8 str.
47. Bl. 80a: Ich haus eyn vastauens leuen erkoeren,
dat kein die ervroii/iven.
7 str.
48. Bl. 82a: f Laist ons syngen ind vroeUch syn
in gen rosen.
6 str. — Unten nr. XVI A.
49. Bl. 83b: [W]ie sitzen wifr hie so stille vnd sirygen?
'wissen wir geyn ander vreudt xo hedryben?
8 str. — Die ersten 7 str. kehren hochdeutsch im Frankfurter
liederbuch 1582 nr. 161 irider. Unten nr. XVII.
50. Bl. 87a: [EJrvreuwe dich lieff ind krysten gemeyn
ind laist ons froelich syngeti.
3 str. — Unten nr. IV.
51. Bl. 92 a: f Gelassen had eyn sustergen
ind sy ginck in ir kemergyn.
4 Str.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN
137
52. Bl. 93a: Myn hertzgen is van sorgen vry,
ich ivil hy gode blyuen.
10 Str. — Hölscher s. 89.
53. Bl. 95b: Ich stonde in eynem synne,
al WS der iverelt %o gaen.
13 Str.
54. Bl. 97a: Ich stmit in hoegen dancken,
ich dacht in eivicheit.
8 Str.
55. Bl. 98 b: [D]ie voegelgyn des hemels
die vreuwen sich der txyt.
7 str. — Unten nr. VIII.
56. Bl. 100a: Grois rouwe der tvilt niych hrencken,
den ich in mynen hertxen draen.
7 str. — Unten nr. VII.
57. Bl. 108a: f Ich wcys eyn maget schone,
sy dreyt den hoechsten prijs.
5 str. — Text bei Wackernagel 2, 1152. Hölscher s. 25.
Andere melodie bei Böhme nr. 603 und Bäumker 2, 84 nr. 12.
58. Bl. 109 b: f Gegroit so syt, myns hertxen gerti,
ttiyn troist, myn vroude vnd al my?i eir.
6 str. — Unten nr. XL
59. Bl.llla: Gracias agimiis tibi
propter magnam tuam gloriam.
Siillen irir dan neit vroelich syn?
4 str. — Unten nr. uill.
60. Bl. 113 a: [IJt stondt eyn mynnende sele
al mir des hemels throne.
13 Str.
61. Bl. 116 a: f Ich grois dich gerne,
nieris sterne.
Übersetxung der lateinischen sequenx: „Ave praeclara maris
Stella" bei Wackernagel 1, nr. 235. Die 7nelodie ist die von
Bäumker 2, 76 nr. 8 mitgeteilte, tvährend von den dort ange-
führten Verdeutschungen keine mit der vorliegenden übereinstimt.
62. Bl.l24b: f Te cell reginam,
te genitricem dei laudamus.
Überschrift: „De domina nostra Carmen." Lateinisch, durch-
weg mit noten. Weicht ab von Monc 2 , 231.
138 BOLTE
63. Bl. 129a: Adde myn vroiide, addee solaec,
myn hlitscap laet io bi v stae?i.
25 str. — Horae Belgicae 10, 167 7ir. 82.
64. Bl. 131 b : Ic ivil my seluen troesien
end maken enen moet.
10 str. — Höhüher s. 76. Horae Belgicae 10, 135 und 137
7ir. 62 — 63. Nach einem ireltlichen Hede mit gleichem anfmig.
65. Bl. 133a: Cristus, du bist dach end licht,
voer dy en is verborgen niet.
7 str. — Horae Belgicae 10, 229 nr. 113. Wachernagel 2,
7ir. 564. Bäuml-er 2 , 246 nr. 246. Nach dem lateinischen
„Christe, qiii lux es et dies" (Mone 1, nr. 70. Wackernagel 1,
nr. 121).
66. Bl. 134 a: Ten is geen ruot in deser tyt^
verdriet dat duet my syngen.
2 str. Der srhluss ist mit dem folgenden blatte verloren ge-
gangen. — Hol scher s. SO.
67. Bl. 138a: f [M]ater sancta, dulcis Airna,
sis nostra aduocata.
3 str. lateinisch.
68. Bl. 139a: Des hogen hemels troen
getxeiret is so schoen.
16 Str.
69. Bl. 141a: Sancte Agneite und ich,
gaude, gaude;
ivir hauen xo samcn eyn suesse lieff,
gaude cum caritate, gaude cum suauitate.
19 Str.
70. Bl. 150a: f [0] dulcissime Jesu,
qui de celo descendisti.
Lateinisch, durchweg 7nit noten.
71. Bll54a: f [K]yrie summe deus,
potencie liberator.
Lateinisch, durchiveg 7nit 7iote7i^
72. B\ 157b: f [SJtetit Jhesus coram Pylato preside
inclinato capite.
Lateinisch. Schluss fehlt. A7igeführt wird der anfang diese.^
hymnus in einer lebensbeschreibung des TJi07nas von Ke7n2)en:
vgl. Hölscher s. 35.
LIEDEKBUCir DER ANNA VON KÖLN
139
73. Bl. 159a: f [N]u hoirt, nu hoirt all ivonder,
ivie dorn die doren synt.
13 Str.
74. Bl. 161 a : f Och edel mynfsjch van hoger art,
teilt vch van sonden keren.
8 Str.
75. Bl. 163h: [D]er hilge geist kait ons verlieht
van bynnen vier .so wie [164 aj in swaeren sivnden
5 str. leicht.
76. Bl. 165a: [IJch sach den auentx sterre
ons heren claren anschyn.
13 str. — Vgl. oben nr. 33, wo aber die folgenden stropheti
ganz abtveichen. ^
77. Bl. 167a: f [MJaria suesse meichdekyn
bouen alle wyff volkomen.
20 Str. — Unten nr. XIII.
78. Bl. 169b: f [G]ot gruess vch, rose van Jhericho,
tu es plena gratia.
12 Str.
79. Bl. 170b: f [N]u laist ons vroelich syngen
eyn lügen xo eren van ir Marien.
4 Str.
80. Bl. 172b: f [MJit vrouden quam der enget van der hogen zymien,
he sprach: Got griisse vch werde maget, yr syt so
8 str. reyne van bynen.
81. Bl.l74b: [EJdel mynsch, vernemet snel,
ecce mundi gaudium.
tvie der enget Gabriel.
virgo Maria, du bis plena gracia.
3 Str.
82. Bl. 175a: f [A]udi, tellus, audi,
magni maris nymbus.
Burchweg mit noten. — Der text auch bei Daniel, Thesaurus
hymnologicus 1, 350 (1841); ein älterer, mehrfach abweichender
bei Mone 1, 403 = Wackernagel 1, nr. 215.
] 40 BOLTE
I. Lateinisches weilmaelitslied.
[12 b] 1. Npe, noei,
triplicando noe,
iterando noe,
a noe psallite.
2. Noua vobis gaudia refero:
natus est rex virginis vtero,
in puero
mira considero;
numquam de cetero
fiant hec: psallite.
3. Nunc hominnm genus redimitur
et demonum in atro clauditur,
custoditur;
rex mundi nascitur,
pax vobis oritur:
redempti, psallite.
4. Peccatores numquam pereunt,
partores ad Betlileem transeunt,
hunc adeunt,
miraque prodeunt,
gaudentes redeunt:
ergo vos psallite.
5. 0 gens felix iugo liberata,
regem i[s]tum placa mente grata,
simulata
vocis non sunt fata,
sed vere firmata:
redempti, psallite.
6. No, noe,
triplicando [noe,
iterando noe,
a noe psallite.]
1) Der französische weiluiaclitsruf Noe =: Noel (vgl. Littre und La Ciirne de
Sainte - Palaye s. v. No'dl) weist darauf, dass das lied in der nähe der französischen
grenze, ^'icIleicht auch in Frankreich selber entstanden ist. Zweifelhaft ist mii-, ob
auch in dem niederländischen weihnachtsMcde Horae Belgicae 10, 39 der reü-ain
„Susa ninna susa noe, Jesus minue s2)rack Marien toe'- hierher gehört.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN
141
II. In (lulci iul)iloi.
A. Lateinisch.
[6aJ 1. In diüci iubilo
cantate doroino;
uostri cordis gaudiuni
in presepio
et fulget vt lux solis
in matris gremio.
Ergo merito,
ergo merito
inbilizat cor omne
nientis tripudio.
2. 0 Jesu parvule,
langueo post te;
letuni fac cor nieuni,
tu puer optime,
et tuum fer auxiliuni,
tu puer inclite.
Trahe me post te,
trabe me post te
ad regnum patris tui,
tu princeps giorie.
3. Ybi sunt gaudia
plena gloria?
Ybi canunt angeli
cU noua cantica,
nam sunat vox [61)| le-
ticie
in reffis curia.
B. Lateinisch - deutsch.
[7 a] 1. In dulci iubilo
synget ind weset vro;
al ons Jicrtxe}i vroiiden
ligget in presepio,
dat luchte [7 b] als die sonne
matris in gremio.
Ergo merito,
ergo merito
des soellen alle hertxen
siveuen in gaudio.
[8 b] 2. 0 Jesu parvule,
na dir is mir so tvee;
iroist all myn [9 a] gemuede,
tu puer optime,
it txeynipt waeldgnregueden,
tu puer inclite.
Trahe me post te,
trahe me post te
al in dyns vaders 7'iche,
tu princeps giorie.
3. Vbi sunt gaudia?
nyrgeni anders dan dair,
dair die engelen syngen
dl noua cantica,
dair lioirt men snaren"^
dingen
in reffis curia.
1) Vou den bei Wackemagel 2, nv. G40 — 647, Dreves, Kirchenmiisikal. Jahr-
buch 3, 38 (1888), (auch Hölscher s. VI und BerUuer MGQ 1008 nr. 10, oben s. 131)
zusammengestelten fassungen des albekanten weüinachtsliedes unterscheidet sich die
hiei- abgedruckte recension B durch zwei neue Strophen (4 und 5), von denen die
lezte auf einem kleinen nachträglich eingeklebten blätchen steht. Strophe 4 komt in
einer niederländischen fassung bei Hoffraann vou Fallerslebeu , In dulci iubilo 1861
s. 50 und niederdeutsch bei Wackernagel 3, nr. 1074 vor. Vgl. A. Fischer, Kirchen-
Heder-lexikon 1, 410 — 412. Die volständig lateinische fassung A, welche doch wol
als die ursi)rünghche angesehen werden muss, war bisher unbekant. Der gestalt B
ist die zweistimmige melodie beigegeben, welche Bäumker 1, 310 schon aus dem
1482 geschriebenen Tiierer Rosariuni mitgeteilt hat.
2) anaren, saiten. Auch unten nr. VI, str. 2, 3.
142
\
Eya qualia,
eya qualia
letam menteni faciat
Christi presencia.
4. Maria uostra spes,
da, virgo uobüis,
ne nos repellat fragiles
tua progeiiies;
nostra dele peccamina,
laudanda species ^
Vitam uobis des,
vitani nobis des,
et nostra sit hereditas
eterna requies.
Eya quaKa,
eya qualia
dmr synt so suesse wysen
Christi presencia.
4. Maria nostra spes,
nu fjont 0)18, jonffrmi des,
dat wir selich werden
als oer progenies;
vorgyfft ons onse sundcii
meir dan %o septies.
Yitam nobis des,
vitani nobis des,
ind dat ivir selich [9 b] wer-
den,
eterna requies.
[10 a] 5. Nos cum talibus,
wir sidlen syngen alsus
7nyt yn^ieticlicheji hertxen:
Sanctus, sanctus, sanctus,
dar wir neit en lyden
smertzen,
das help ons Jesus.
Eya flebimus,
eya flebimus,
yn dynes vades riche
benedicamus. Finis.
in. Weiliiiaclitslied.
Sub nota: Puer uobis nascitur.
[19 a] 1. Jliesu suesse lieff al eynich eyn,
WS Maria geboren,
du bis myns hertzen ti'oist alleyn
WS dusenden ws verkoren.
2. Syt wülekommen suesse Jhesukyn,
in snoeden doeken gewonden,
gelacht myt [19 b] int cribbekyn,
da dat oss ind esel an stonden.
3. Jhesu du coerst eyn w\Titersche nacht
ind ouch eyn arm nioder,
1) 1. «epties.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 143
ich en hoerde nochtans geyn gewach
van eyiiichen honten voeder.
4. In heniel en was arnioit noch verdreit
dat brait bloede in der erden,
die lüde en wosten de durbarheit neit,
eir sy Jhesus wolde anwerden,
5. Die eng-elen sungen eynen nuwen sanck:
Glorie sy goed in den throne;
die melodien gaff so suessen clanck,
die heirdekens songen myt schoen.
6. 0ns is geboren eyn cleyne kyndekyn,
[20 aj al der engelen eyn here.
AI die werelt is ouch myt s\ti,
he mynnot ons lutterhch [sere].
7. Nu lait ons gaen in Betlileem,
dat kyndekyn visiteren,
wir hauen gehoirt der engelen sanck,
wir willen myt iubelieren.
8. 0 Jhesu, du bis myns hertzen geryff,
myiu'e der suuer megden,
nu bleyfft gesunt al ander üeff,
ich en kau oere neit geplegen.
9. Maria, leue moder myn,
ich en kan van vch neit gescheiden,
ich en haue gekust dyn kyudelyn
en neme oirloeff van vch beiden.
10. VaUaxuxu uallaxuxa iiaUaiiijnno,
laet ons gan dat kyndelyn rest
Benedicmnus clomino.
IV. Dil l)ist ineiii.^
[87 a] 1. [EJrvrenwe dich lieff ind krysten gemeyn
ind laist ons froelich syngen,
ich in han geyn ti'oist dan got aUeyn
ind laist ons froehch syngen:
1) Der von späterer haad nachlässig und offenbar aus mangelhafter eiinnerung
niedergeschriebene text enthält viele versehen: str. 1, 2 lautete ursprünghch sicher
anders als 1,4 (vielleicht springen, wie bei Luther). Hinter 2, 7 ist 2, 1 — 4
fehlerhaft noch einmal mit geringen abweichungeu ^\dderholt (2, 1 omvangen. 2, 2
^
144
Du bys myn ind ich bya clyn,^
ind wa du bys, da sal ich syii,
der dimel en mach ons neit scheyden.
2. Der dimel der [87 b] mych omlegen hait,
der om byn ich geuallen,
myn senden de quelen mych nacht ind dach,
dar in byn ich geboren.
Du bys myn ind ich byn dyn,
ind da du bys, da sal [ich syn,
der duuel en mach ons neit scheyden].
[83 aj 3. Du bys des waren leuenafftigen son.
du sytze zo den alre hoichsten troyn
zo voist Schemel des heren voissen.
[Du bys myn ind ich byn dyn,
ind wa du bys, da sal ich syn,
der duuel en mach ons neit scheyden].
Y. Pflngstlied.^
[Ib] 1. Nu bydde wir den hilgen geist
oni den rechten gelouen ali'e meist,
der om — geboren. 2, 4 dar om). — Uuverkeubar ist der Zusammenhang mit
Luthers 1524 gednicktem dankliede: „Nu freut euch, lieben chiüsteu gm ein" (vgl.
Fischer, Kirchenüederlexikou 2, 106 — 108); nicht nm- der strophenbau ist derselbe,
sondern es finden sich auch 1, 1 — 4 imd 2, 1 — 4 fast wörtlich bei Luther wider,
und die widerkehrendeu Schlusszeilen stimmen mit Luthers str. 7, 5 — 7 überein:
„Denn ich bin dein und du bist mein. Und wo ich bleib, da soltu sein. Uns sol der
feiüd nicht scheiden." Es entsteht daher die frage, ob Luthers dichtung durch münd-
liche Überlieferung zu der vorliegenden form umgestaltet wurde oder ob uns in der
niederrheinischen aufzeichuimg ein älteres, auch von Luther benuztes original erhal-
ten ist. Aber die leztere annähme köute man, da der schiiftcharakter eher der zeit
nach als vor 1520 angehört, nur auf grund anderweitiger Zeugnisse verteidigen. Da
solche aber fehlen und da das folgende pfingstlied (V) offenbar aus dem Lutherschen
texte geflossen ist, so haben wü" auch hier eine immerhin bemerkenswerte einwirkung
eines Lutherischen liedes anzunehmen. Diese ansieht teilt auch "W". Bäumker, der
gründliche kenner des geistlichen liedes, welchem ich die texte der Anna von Köln
vorlegte.
1) Über diese schon in der weltlichen lyrik des 12. jahrhimdei-ts (MSF 3, 1)
erscheinende formel werde ich nächstens ausführlicher handeln.
2) Wie in nr. IV ist der text von jüngerer hand imd offenbar aus dem gedächt-
nis, nicht nach einer gedruckten oder handschriftlichen vorläge geschiüeben; str. 2,
3 — 5 steht hinter 3, 2 und ist erst nachträglieh vom Schreiber an den rechten platz
vermesen. AVie nr. IV zeigt auch dies hed auffallende ähnUchkeit mit einer Luther-
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 145
vnd dat oiis got belioede an onser enden,
wanne wir van hynnen varen wss deser eilenden,
Kyrieleys.
2. Du hoichste troister in al onser noit,
hiLÖ' ons, dat wir neit enfruchten schände noch doit,
[2 a] vnd dat wir by eme blyuen dem truwen heilant,
de ons bracht hait zo den rechten vaderlant.
Kyrieleys.
[Ib] 3. Du wer[2a]dige lycht, schenckt ons dyue gontz,
leir ons Jesuni Christum, den leuen born,
vnd dat wir malkanderen leuen
vnder eyn freden vnd vp eynen synne blyuen.
KjTieleys.
TL. Wanderlied. ^
[73a] 1. Wail vp, ich moes van hynnen,
myns blyuens [73b] en is neit hie:
tzo der doget wil ich mych wenen,
doit der koempt ons scheir.
2. In hemelrich hoirt men syngen
der suesser engelen sanck,
sehen diclitung, vou der bisher nur die erste Strophe als das werk einer früheren
zeit nachgewiesen ist, während die übrigen drei als zusätze des reformators gel-
ten, dem 1524 im drucke erschienenen lobgesang: „Nu bitten wir den heiligen geist."
Merkwüi'dig aber sind die einzelneu verse zusammengewürfelt:
Str. 2, 1. 2 = Luther 4, 1. 2
, 2, 3. 4 = , 2, 3. 4
, 3, 1. 2 = , 2, 1. 2, vgl. 3, 2.
„ 3, .3. 4 = „ 3, 3. 4.
Man wird hier widerum eine Umgestaltung der Lutherschen dichtung anzunehmen haben,
welche sich übrigens auch in westfälischem dialekt, sonst aber unverändert in der
1588 angelegten hedersamlimg der nonne Catheriua Tirs zu Münster (Kölscher a. a. o.
s. 47) findet, während Michael Vehe Luthers zusätze in seinem gesangbüchlein (1537
nr. 36) durch drei neue Strophen zu verdrängen suchte. Vgl. Goedeke, Dichtungen
von M. Luthei- s. 40 fg. Schon vor 1520 fühii Luther den alten text in einem ser-
mon (Werke, Weimarer ausgäbe 4, 602) au: „Cur quam maxlme jjetimus veram
fidem in ista oratione: Nu bitten wir den heihgen geist."
1) Eine geisthche parodie des Wanderliedes : „Wol auff, gut gsell, von hinnen"
bei Böhme nr. 260 a — b. Der weltliche text steht auch in dem niederrheinischen
liederbuch von 1574 (Berliner mscr. germ. quaii. 612) nr. 56, in Peter Fabricius'
hederbuch (Kopenhagener hs., vgl. Niederdeutsches Jahrbuch 13, 60) nr. 95 nachJ. Mei-
land, (1569 nr. 4) und im Frankfurter hederbuch 1582 nr. 54. Die melodie bei Böhme
erfordert achtzeihge Strophen.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 1"
146
die snaren ind herpen klyngeu
in blytschaff solider verganck.
3. Nu en mach ich neit nie syngen
niyt froeliclien hertzen myn,
mych moes noch anders gelyngen,
sal ich verblydet syn.
4. Trureii hait mych beuangen
ind deit mynen hertzen pyn,
na gode is myn verlangen,
[74 a] gern sulde ich by enie syn.
5. Dat rait van euenturen
loefft in der werelt ser,
de vroude en mach neit duren,
dat gehick geyt vp ind neder.
6. Ich seyn den genen onder,
den ich zo haus bouen sach,
verhauen ist he myt vi'ouden,
der kortlich onderlach.
7. Noch snelre dan dat weder
so is die vi'oude gewant,
noch lichter dan ejn veder
so wirt die truwe bebaut.
8. Och wat haut sy verloeren
in vrouden ewenclich,
de nu haut [74b] vs verkoren
vp erden oer hemelrich.
9. Van lyden so gaent sy zo lyden
van ti-uren zo ruwen grois;
woelden sy die sunden niyden,
is en dede oen geyn noit.
10. Gar hoege waren sy gevlogen,
die nu synt ser gedailt;
de werelt halt sy bedrogen,
mit der doit synt sy betzalt.
11. War Olli synt ons gedachten
in ydelheit gekeirt!
Willen wir de werelt achten,
wir werden myt oer deirt.
LIEDERBUCH DER ANNA TON KÖLN 147
12. Laist ous den wecli ouerdencken,
[75 a] den wir mossen wandelen all,
sou en sal ons ouch neit krencken
ge}Ti leyt noch ongeval.
Yil. Busslied.
[lOUa] 1. Grois rouwe der wilt mych krencken,
den ich in mynen hertzen draen,
zo gode wil ich mych sencken,
ich wil die werelt versmaen,
zo gode [100 b] wil ich mych keren,
he is myn got myn here,
myn sunden synt die synt sweire,
syn geuade die is vil meiTe.
2. Dauid in den seiter
^ beschrynet ons also,
de in den rechten leuent,
de wirt des hemel vro,
dar zo sal he beschauwen
dat angesicht so clair,
des sich die eugelen vroiiwent,
dat schryfft he ons vurwair.
3. 0 Maria [101a] rose,
du bluwes sonder doern;
och woultz du vur bidden
vur dynes kyndes zorn,
dat he myr woulde genedich syn
al doer de bede dyn;
des bid ich dich, Maria,
vm dyn vil leues kynt.
4. Moecht ich die hoelde erweruen
des Ueffeten heren myn,
ich woelde vry eigentlichen
syn truwer dener syn;
ich woelde die boerden dra [101b] gen
genslichen sonder verdreis,
zo versperen [!J wolde ich gaen
als zo metten z} t.
10*
91
148 BOLTE
5. Naturgen^, du mois steriien,
ind weir it dir ommer leit,
du wolt mich anders bedouuen
mynre ewiger selicheit.
Naturgen zo verwennen,
ja in gehoirsamclieit staen,
dair zo wil mich twyngen,
myns eygen willen ws zo gaen.
6. Nu [102 a] wil ich ommer twyngen
dat ionge hertze myn,
dat mois sich laissen wynden
recht wie eyn wyndelyn,
dat mois sich laissen wynden
recht wie eyn wyndelyn,
dat is zo allen zyden
dem geist onderdenych mois- sjn.
7. Dyt leit han ich gesongen •
dem hoichsten konynck zo eren,
dat he sich wil erbermen
ouer al geloeuige seien,
de in eyne ganssen geloeuen
van hynn synt ge[102b]uareu,
dat he sy myt eme wil brengen
al in der engelen schair.
VIII. Chiisteiifreude.
[98 b] 1. [D]ie voegelgyn des hemels
die vreuwen sich der tzyt,
ich wil mich myt Jhesu vrouwen,
dair alle myn troist an leit.
0 Jhesu, myn sunden synt myr leit.
2. Ich wil mich dynre vrouwen
vur alle der werelt gemeyn,
ich in ach[t] vp [99 a] nemans drouwen,
wair du myn vrunt wolt syn.
0 Jhesu, ich han dich in mynen symien.
1) Vgl. oben s. 136 nr. 42, wo der sündige wille ebenso angeredet wii-d:
„Naturgen, du moes orloff haen."
2) Darüber ist gescbiiebeu: „möge."
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 149
3. Die werelt halt mich duck bedroegen
myt oere valscher lyst,
na oer in wil ich niet me vraegen,
it sy oiich wat myrt kost.
0 Jhesu, na dir steit myn gelust.
4. Nu truyr, die triu'en willen,
myn truren vert da heyn;
die werelt han ich gelaissen
ind al [99 b] om Jhesus wil,
0 Jhesu, na dii- steit myr myn syn.
5. ISTu yn lais niycli doch neit intgelden,
dat ich lange bleuen byn;
myn sunden wil ich melden,
wan ich by den preister byn.
0 Jhesu, so verlucht du all myn synne.
6. Dat ich sy so ws moes geissen
myt eynen ganssen wil,
neit meir dar in zo vleissen,
it sy in ernsten off ouch in spyl.
0 Jhesu, ich geue mych in dynen wil.
7. Wend ind keir du al myn. synne
na den leiffsten wiUen dyn,
dat ich niet in moes begynnen,
dat weder dich mach syn.
0 Jhesu, so saltu der leiffste syn.
IX. Empfang der braut Christi im liimmel.^
[32 b] 1. Hed ich die vlogelen van Seraphim,
ich voulde so hoge vlegen
her bouen in dat Paradys
zo Jhesum mjmen suessen lieuen.
[33a] 2. So voulde ich sagen: Got vader myn,
nu gyff mir gulde crone,
dat ich so lange gedenet han;
wanne woultu myr Ionen?
1) Str. 1 ersclieint auch als schluss des weihnachtsliedes „Uns ist geboren ein
kindelein" bei Wackernagel 2, ni-. 1110. Das folgende lied (Xj stimt in den ersten
beiden Strophen mit dem vorliegenden überein, hat aber einen anderen verlauf. Im
algemeinen vgl. Hoffmann, Niederländische Volkslieder^ nr. 201 : „Die himmelsbraut."
150
3. Walt woultu myt der cronen myn,
wat woultu myt der cronen?
du machs wail eyn clair spegel syn,
dair ich in cleir myn ougen.
4. Dat ich dir eyn clair spegel byn,
des mach ich niych verblyden;
nu gyff myr noch eyn dubbel [33 b] crone
ind setz mych by dyne syde.
5. Nu bys blyde, myn lieue bruyt,
ich sal dir geuen die crone;
ich haen so vijl ionfferen schoen
heir bouen in myme trone.
6. Sy synt getzeirt ind wael gedaen,
sy komen ws verren landen,
sy hant ouergulden cleider an
ind palmen in eren henden.
7. Als sy vur die portzen quamen,
da vraichden sy onsen heren,
ind ofl' ir loen weir [34 a] dusent valt,
sy hedden dair om gestreden.
8. Gaet vort, ir heren van Seraphym,
gaet vort, ir engelen alle,
vertzeirt mir ouch dese tzarte bruyt
dat sy myr wael beualle.
9. Sy leyden sy in der ionfferen choir,
sy wolden sy dair vertzeiren,
do quam de hilge dryueldicheit
ind woulde sy confirmeren.
10. Maria brecht eyn hemdekyn,
dat war [34 b] van syden cleyne:
Nu doen dit an, myn suesse bruyt,
van Sunden bistu reyue.
11. Her Jhesus brecht eyn mentelgyn dar,
eyn mentelgyn van gokle:
Nu doen dit an, myn lieue bruyt,
want dit is myn truwe.
12. Der hilge geist brecht eir eyn crone,
so wonderlich geslagen.
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 151
dat alle de heren van Seraphym
al siüches iiye in gesagen.
13. Johannes brecht ir eyn rockelyn,
[35 a] eyn rockelyn van mynnen,
sy gynck vur eren heren brudegum staen
recht als eyn konynckynne.
X. Sehnsucht nach dem liimniel.^
[53b] 1. Hed ich die vlogelen eyns aren grijs,
ich siüd so hoge vleigen
dar [54 a] bouen int dat paradijs
Tzo myme suessen lieuen.
2. Dan sulde ich sagen: Yader myn,
wanneir sulde ir mych halen
wss desem eilenden ertrych vp^
in vren hoesten salen?
3. Wair is die dochter van Syon?
Ich wil sy vroelich machen,
ich wil ir eyn boetschaff doen
van also hoegen Sachen.
4. Der hoechste in der mynneu
dat is Jhesus Marien son,
got laess den ons gewynnen
hie bouen in den throene.
5. Dat hemelrich int ertrich
[54b] neman en coenst gebrachen,
dat sal eyn suiier maget reyne
in eren licham sluyssen.
6. Die donckernisse is ons verclairt,
dat licht is ons gebleiien,
eyn maget halt eyn kynt gebeirt,
dat mach wail wonder wesen.
7. Dat kynt was teder int kranck,
eyn maget meist it voeden;
it is recht, dat wir eme wysseu danck
van synre groissen oitmoeden.
Ij Vgl. nr. IX. 2) vp ertiycli hs.
152
8. Her Jhesus Kerst, wat halt ir gemynt,
wir siüden iicli gern [55 a] vragen,
dat ir hie siis licht ind weynt?
Ir syt so ionck van dagen.
9. Dat ons wilen was ongereit,
dat moegen wir nu gebrachen;
dat Adam in den apel beiss,
dat [dede] den heniel sluyssen.
10. Maria moder van hemelrich,
conynck in den throene,
bid vur ons allen ynnenclich
Marien eren soene.
11. Dat wir dar bouen moessen,
dair de engelen vroelich syngen,
vch ind vr kynt gruessen,
dat wil ons got gehengen. Amen.
XI. Gebet an Jesus, Maria und Mcliael.
[109b] 1. Gegroit so syt myns [110a] hertzen gern,
myn troist, myn vronde vnd al myn eir,
myn meister, myn konynck int myn here,
gyfft ons dyn ansieht zo schouwen.
2. Gegroit [110 b] so syt eyn konynckynne,
eyn keyseryn, ein hertzegyn
ind al der werelt eyn troisteryn,
eyn vraiiwe vur allen vrauwen.
3. Maria is der name dyn,
behoede ons vur der hellen pyn,
doit ons, vrau, vr genade schyn,
verweifft ons ewich leuen.
4. Du roese roit, du adelair,
du morgen stern, du sonnen clair,
verleynt ons niennynch gueder yair
myn gruten dir zo geuen.
5. Byt, jonffer fyn, vren leuen zou,
dat [lila] he myr geiff van sonden swoen^
1) swone, sühne.
1Fj3
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN
vp dat ich ewick mit em woen,
wanneir myn sele moit scheiden.
6. Heir Mychael der groisse here
moes ons bewaren vnimer meir,
dat ons niimmer viant en deii'S
Ind moes myn sele geleiden.
XII. Geistlicher früliliiig.
[lila] 1. Gracias agimus tibi
jjropter magnam tuam gloriam.
Süllen wir dan neit vroelich syn?
Der homel der is onser,
ind weir [Ulb] der hemel onsser neit,
so enweren wir alsiis vroelich neit.
Der hemel der is onser.
Och meyerayn^, dn bis eyn vil gnet kruet
bouen allen krnden schoene,
also is Maria die edel konynckynne
alle in des hemels trone.
[HJec sunt conuiuia,
que tibi pkice^it ex patris sapientia.
2. Gracias agimus tibi
[propter magnam tuam ghnam.]
fS]iülen wir dan [neit vroelich syn?] etc.
[H]ec sunt conuiuia,
[que tibi placent ex patris sapientia.]
T springen geylle bloemgen vp der beiden.
Och richer [112a] got, laes ons van dir neit scheiden!
0 Maria goit, du bis der sunder troist;
wil ons genade erweruen,
verloese vns van aller boeser macht,
Dat wir in simden nummer steruen.
3. Gracias [agimus tibi
propter magnam tuam gloriam.]
Süllen [wir dan neit vroelich syn?] etc.
[Hec sunt convivia etc.]
T spryngen blae fielen in den daelle,
dat is die edel oitmoedicheit,
1) deren, schaden. Vgl. obea s. 146, str. 11, 4. 2) meycmyn, majoran.
154 BOLTE
sy roecht viir gode so wale.
0 Mcaria reyn, dair doirch hais du alleyn
fll2b] genade an gode geuoiiden.
0 Maria, moder der bermliertzicheit,
troist ons in onser lesten stonden.
4. Oracias agimus [tibi
propter magnaiu tiiam gloriam.]
Süllen wir dan [neit vroelich syn?] etc.
Hec sunt [conuiuia] etc.
T spryngen rode rosen vp den bergen,
dat synt Christus wonden diep, die ons genade
erweruen.
0 Jhesu Christe, der eyn velt blome bys,
an dan cruytz bis du gestoruen;
du hais ons verloist mit dyme edelen bloit,
lais ons na dir verlangen.
XIII. Marieiikrauz. ^
[167 a] 1. [Mjaria suosse nieichdekyn
bouen alle wyff volkomen,
1 : ich wil dir machen eyn krenselyn
van vonffder hande blomen : |
2. Rosen ind lilien wijs,
fiolen ind melsuessen^,
acheleyen bloemegen,
dar myt wil ich dich groissen.
3. Got gruss dich edel rosen roit,
Maria vol genaden;
1) AVie in dem von H. Brandes im Niederdeutschen Jahrbuch 10, 54 mit-
geteilten gedichte „Der (juden farivcn knuts"' die färben der Uhe, rose, aglei und
der zeitlose (narcisse) mit den eigenschaften der trauen in Verbindung gebracht wer-
den, so erscheinen hier fünf blumen: rose, lüie, veilchen, melsuesse und aglei als
abbilder der himmelskönigin. Über ähnhche farbendeutungen vgl. Uhland, Schriften
3, 436 fg. 531 fg. Das winden des kranzes ist gleichfals ein häufiges motiv, vgl.
das gedieht „Der fugenden kränz" in Pauls und Braimos Beiträgen zur geschichte
der deutschen spräche 5, 548 und Bartsch, Beiträge zur (juellenkunde der altdeut-
schen ütteratur s. 246.
2) Melsuesse, wol identisch mit der maede suesse in str. 11, 1, vermag ich
sonst als blumennamen nicht nachzuweisen. Gemeint ist die marienblome (= sun-
nenwervel, heliotropium, solsequium), von der es in der nd. Passio Christi
(Mnd. wb. 3, 34) heisst: „De heth darumme nt,., dat se der sunneii navol(jct."
I
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 155
[167b] en.hed gedayn djns kyndes doit,
wir weren al verloren.
4. Gelich dat is der rosen verwe
bouen allen blomen schonen,
soe bys du in der engelen schone ^
in der hemels throne.
5. Got gruess dich edel lilien wijs,
moder ind maget alleyne,
gelich der lilien onbesmyt
bleues du van senden reyne.
6. Hilp myr, gotz moder eyn reyne mait,
alre blomen eyn wunne,
dat ich myt der hiüpen dyn
tzer ewiger vrouden moess konien.
7. Got gruess dich, edel holen kruit
van [168 a] allen suessen roeken,
dat de oitmoedicheit beduit,
gnaden ich an dir soecke.
8. Gnade, gnade, eyn reyne wiiff,
gnade ich an dir gesynne,
du bis der sunder leit verdriiff,
vrouwe, edel konyngyne.
9. Got gruess dich, ackeleyen var,
getzeret myt blaen bladen,
wilch sunder dat dins nemet war,
den steys du vrouwe zo staden.
10. Alle myn sunden synt myr leit,
dair om bid ich genaden:
0 moder der gbarmhertzicheit,
en troist mich neit zo spaden.
11. Got gruess dich, maede suesse fyn,
alre blomen [168 b] wonne,
die van naturen eren keijre^
al neiget na der sonne.
12. So warwart sich de sonne keirt,
soe weirt de blome geboiget:
1) Vielleicht ist scliaire zu lesen.
2) kere, Wendung.
156
du bis ouch van der seiner art,
vrouwe wol alre doeget.
13. Dat volgen halt ons viil guytz gebracht,
dat du des volgen woldes,
dat du ouermytz^ gotz kraflFt
gotz moder wesen soldes.
14. Doe du sprechs tzon engel fyn,
de dar dese boitschaif voirte:
Siet eyn dirne des heren ich byn,
mir geschei na dynen worden.
15. Doe volgedes du der sonne gar
al na der [169 a] blomen geliche,
dar halt ons gemacht al offenbair
den wecli ze hemmelrichen.
16. Nu is volmacht dit krenselyn
van vonfferhande blomen,
noch mos it bes getzieret syn,
sal it syn volkomen.
17. Wer nu wilt myt synen gelonnen'^ gans
wilt vertzieren ind verwen,
der setze degelich an desen krans
V. yncliche Aue Maria.
18. Soe hoeff ich, dat he onuertzait
vurwair mos des gellen,
al dat de werde reyne malt
syns nummer en sal vertziien.
19. Gy sal eme vur dit krense[169b]lyn
in synen dode erwe[r]uen
eyn wall getzeiret krenselyn,
dat nummer en sal verdorren. ^
20. Ind sprechen: Com, vil süsse vrunt,
nym hie van myr zo Ionen
van mynen kynde tzo dir gesant
der ewiger vrouden kröne.
1) overmiddes, vermittelst.
2) Etwa yclouen?
3j Etwa verderven?
LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN 157
XIV. Sankt Gertrud. 1
[38 a| 1. Nu wil ich vroelich heuen an
na den besten dat ich kan
van eynie stoltzen ritter.
2. All in eyme cloister, dat dair stonde,
[38 b] dair na was eme syn hertz gewont
na eynre schoenre vi-auwen.
3. Eyn abdijss so was sy dair,
sent Gertrud reyne ionffrau clair,
dat vynden wir noch beschreuen.
4. Der ritter was van mode gar stoltz,
he verbrecht syn syluer ind golt
all om sent Grertrud mynnen.
5. Sent Gertrud mynden den rytter sere,
all om die mynne ons leuen heren,
op dat he in woude [39a] behalden.
6. Der rytter was van moide ongestalt
ind reit in eynen bisteren wailt,
all om syn leit zo beschreien.
7. Der duuel quam zo erae gegaen,
he sprach: Du ritter waü gedaen,
wat is dyns hertzen lyden?
8. Der ritter sprach ws vollen moide:
Ich haen verloren gelt ind goit,
dat deit mych hertzlich truren.
1) Diese legende ward schon in der zweiten liälfte des 14. Jahrhunderts von
Willem van Hildegaerdsberghe in einem gedichte von 448 Zeilen dargestelt (abgedruckt
bei Clignett, Bydragen tot de oude nederlandsche letterkunde 1819, s. 381 — 411,
widererzählt bei J. W. Wolf, Niederländische sagen 1843 nr. 359). Eine spätere ndl.
behandlung in 35 Strophen findet man in den Horae Belgicae 10, 93 nr. 39 = Wil-
lems, Oude vlaemsche Uederen 1848 s. 310, einen undeutlichen nachklang noch in
einem neueren aus Bonn stammenden voLksliede bei Simrock, Die deutschen Volks-
lieder 1851 s. 148 nr. 74, Ztschr. f. deutsche mythol. 3, 58 imd in einer erzählung
bei Pauli, Schimpf und ernst m-. 522. — Über St. Gertrud vgl. noch J. Zacher in Ersch
und Gnibers algemeiner encyclopädie I, 62, 105 — 108 (1856), Zingerle, Sitzungsberichte
der Wiener akad. 40, 219 (1862) und Böckel, Volkslieder aus Hessen 1885
s. XXXV. Die von Wolf angeführte abhandlung des barons v. Reiffenberg in Nou-
velles archives historiques des Pays-Bas, Bruxelles 1827 (1. 1829 V) habe ich nicht
einsehen können.
158 BOLTE
9. Der duuel sprach: Haff goideii moit,
ich wil dir [39 b] geuen goitz geuoich,
all Olli dyu genoichde zo driiien.
10. Der ritter stoltz wart gar gemoit
ind hoffdeu zo hauen goitz geuoich,
all om syn genoichden zo driiien.
11. Der duuel sprach: Du ritter goit,
du Salt myr schriuen myt dyme bloit,
dat du godes verloeues.
12. Der ritter was van hertzen vro
ind schreiff myt syme eygen bloit,
[40 a] dat lie goitz verloenden.
[40 b] 18. Sy satten den dach seuen iaii-,
dat he zom gronen walde solde gaen
ind solde dair reden geuen.
[41a] 14. Do die tzyt ten enden quam,
dat he den duuel heym solde varen,
do was syn hertz bedroeuet.
15. Sent Gertrud sach syn droeffheit an
ind sprach: Du ritter gar verzaget,
wat is dyns hertzen lyden?
16. Der ritter sprach ws voUen moide:
Gott gesene uch, edel ionffi-au goit,
ich in geseyn uch numermeren.
[41 bj 17. Sent Gertrud sprach: Nu drynck van myr,
in des crucis krafft beueil ich dich
ind in sent Johannis geleide.
18. He satte die schall viu" synen mont
ind dranck sy ws all vp den gront
all in sent Gertrud mynnen.
19. Der ritter reit all durch den sant,
dar he den leidigen duuel want
so grymmelichen geberen:
20. Nu halt, du ritter, dar [42 a] is der breiff,
den du myt dyns seines bloide gegeschreiffs [!j;
nu schaff dich balde van hynnen.
I
LIEBERBUCH DER ANNA VON KÖLN 159
21. De dir dat leste werff dr^Ticken gaff,
de heuet benomen myr myii crafft,
mir ind niynen gesellen.
22. Der ritter vp synen sadel schrit,
sent Gerti-nd erchter eine gereit,
ein was so wale ge-[42b]noit.
23. Der ritter bedecht zer stont,
ind eme rouden syn simden ws syns hertzen
gront,
ind he ginck in eyn cloister.
24. Dat kloister dat was wael bekant,
der preytger orden was it genant,
dair enden der ritter sju lenen. Amen.
XV. Liebeslied, geistlich TerUiidert.
[37 a] 1. Ich hoii't dat kloickelgen luden,
zer krichen steit myn syn;
dat doen ich alle dar onime,
want Jhesus wont dair yn.
[37 b] 2. Jhesus halt bruyn ougelg}Ti\
dbenympt myn alle myn synne;
ich wil it Mari[en] clagen,
dat ich berouuet byn.
3. Clages du it mynre moder,
wat sal ich dar zo doen?
Dat wil ich seiner Avrechen,
dat dir dyn hertz zo breche.
4. Ind brichs du myr myn hertzen,
wat vynstu dan dair yn?
Wale eyne verwende- sele,
ind dair woent Jhesus yn.
5. Were ich eyn cleynes [38 a] voegelgyn,
die vedergen woulde ich haen
ind vlegen m dat hemelrichen,
Jliesum Wdulde ich vangen.
1) Str. 2 — 4 erscheinen aueli dem osterliede ,,Des morgens vroe hi iiden''
in den Horae Belgicae 10, 196 nr. 99 (str. G — 8) augehängt.
2) rericent, üppig?
160
Hetz du Jhesum geuangen,
wat woiilstu myt eme doen?
Ich sloit yn in m}Ti hertzen
ind dede it vaste tzo.
XYI. Zwei geistliche parodleii eines triiililiedes.
A.
[82 a] 1.
Laist ODS syngen iiid
vroelich syii,
in gen rosen^,
mit Jhesus ind den vrunden syn;
wer weis, wie lange wir hie sullen
syn?
in gen rosen.
2. Jhesus wyn is vp gedaen
[82 b] in gen rosen
dar sullen wir all gar henen gaen,
so mögen wir hertzen vroude ontfaen
in gen rosen.
3. He sal ons schencken den
cypren wyn:
wir moissen alle droncken syn
al van der suessen mynne syn.
4. Jhesus is eyn vönckelgen,
[83 a] syn glessgen helt eyn droen-
chelgen,
syn leffelgen eyn moent fo eigen.
5. Setzt dat glessgen vur den mont
ind drynckt ws all vp den gront-,
dair vyndt ir den hilgen geist ter
stont.
B.
[36 a] Jhesus wyn is vp gedaen^,
my vt^
dar sullen wir all gar \Tinen [36 b]
gaen,
la la sol fa my
fa sol fa.
2. So dryncken wir den cypren
wyn,
Jhesus sal der schencker syn.
3. Jhesus is eyen vonckelgyn,
dat glesgen helt eyn drunckelgen.
4. Setzt dat glesgen vur den mont,
drynckt it ws by[t] vp den gront.
1) Der nicht ganz verstäudliclie kehrreim eriunert an den refrain „Rooxen aan
mijn hoedje" bei Hoffraann von Fallersieben, Niederländ. Volkslieder- ni'. 138 u. 139,
oder au den ähnlichen „Rot röslein auf der beiden " bei L. Lechner, Neue teutsche
lieder 1579 nr. 22: „Wil uns das nieidlin nimmer."
2) Str. 5, 1 — 2 und 6, 1 — 2 kehren mehrfach in den tiiukliedern bei Böhme,
Altdeutsches Liederbuch nr, 821 — 323 wider. Eine ähnliche, minder krasse Umfor-
mung eines tiinkliedes steht Horae Belgicae 10, 197 ur. 100: .,Het is goet in Jesus
taverne te gaen." Zwei andere fassungen desselben bei L. Ph. C. van den Bergh,
LIEDEUBUCH DER ANNA VON KÖLN 161
6. Laist dat gelessgen vmme gaen, 1 5. Laist dat gelesgen vmme gaen,
so moegen wir vroelicli heym wartz
gaen
ind alle zyt in vreiide staent.
so mögen wir Diyt vrouden heym
gaen.
6. Jliesus sal ons leitzman syn,
des suUen wir eme al gar danck-
ber syn.
XVII. Trinklied. ^
1. [sab W]ie sitzen wir hie so stille vnd swygen?
Wissen wir geyn ander vreudt zo bedryben?
Begunt ons dat wyngen ins houft zo stiegen?
Wir w^oilden wail besser kuraxt^ krygen.
Frysch vnd froelich in goeder maneren,
wer sold vns dat mögen verkeren,
wann es geschiecht auss guten grondt,
wie wir es bekennen myt onseren mundt?
2. Es stath einen wail au, [84 aj es sy frauw oder man,
der de tzyt wail denen kan,
vermach man sich dan auff deser ban;
des gelychen doit euch, is myn yerman:
myt den frolichen wesset frolich,
myt den schimlichen^ ist es vnmalich^;
myt den gecken habt gedult;
sy wissen neit besser, sy (vnd) haben geyn schult.
3. Wir kunnen w^ail rauwen by frunden off magen:
der lichtlich geleufft, is baldt [84b] bedrogen.
Da wilt vch nu bass ynnen befragen;
ist es neit wair, so sy is gelogen.
Freisch vnd froelich, from vnd eirlich,
ist es ouch anders, so ist es beswerlich.
Acht neit, was der klefier benyet,
wanne is myt got vnd myt eren geschnyt
Nieuwe Werken van de Maatschappij der Nederlandsclie Letterk. 5, 2, 114 a (mit
melodie) und HC (1841) und bei ^Y. Bäimiker, Yierteljahrsschrift für musikwissen-
schaft 4, 2-24 (1888).
1) Eine spätere hochdeutsche aufzeicbnuug dieses Uedcs steht im Frankfurter
Uederhüchlein 1582 nr. 161 (herausg. von J. Bergmann 1845).
2) Corazi ün Ff. Ib. = courage. 3) trawrigen im Ff. Ib.
4) uumüglich im Ff. Ib.
IL
ZEITSCURIFT F. DKUTSCUE I'llILOLOOlE. BU. XXI.
1Ö2 BOLTE, LIEDERBUCH DER ANNA VON KÖLN
4. A^nd hauen wir nicht eynen wiilicbgen wirdt?
ehr thut al, was ons hertz begert.
[85 a] Dar zo thut he de freuden vermeren
vjid acht dar neit vp, was myr vertzeren.
Freisch vnd frolisch sonder traw[r]en
wem is geruwet, dar mach is besawren.
Laist ons nu syn van hertzen fro
vnd dryncken eyn ander fruntlich zo.
5. Wie guyt vnd gnuchhch ist is zo wonen,
das gebroder by eynander komeu,
wir hauen euch anders neit vernomen
by desen liefflichen vnd [85b] wail froraen.
Freisch vnd froelich, from vnd eirlich,
ist es anders, so yst es besweirlich.
Acht neit, was eyn eyder doit,
wann es myt got vnd der eren zo geith.
6. Geyn besser freudt in deser werelt,
dan der syn liertz zo freden stelt,
verworet neit ser vp goit vnd vp gelt
vnd laist es neit lauöen zo weit ins feit.
Frisch vnd frölich sonder traw[r]en;
[88 a] wem yss gerawet, der mach es besawren.
Laist ons nu syn van hertzen fro
vnd sprechen den andern fruntlich zo.
7. Da myt wir nu dyss leitgen thunt sleissen,
1
es yst baldt komen in eyner stonden,
das froelich zo syn nycht wirt langen;
Altzyt froIich ist onmuchlich,
altzyt trawren vnd kan neit dawren,
laist ons van hertzen froelich syn
vnd dryncken myt freuden den koelen wyn.
8. Freisch froilich in eren^
byn ich altzyt begeren.
1) liier fehlt eiuc zeile. Im Frankfurter liederbüchleiu lautet sie: „loh hoff
der freud noch besser zu geniessen."
2) Str. 8 weicht im Ff. Ib. ganz ab :
^Diss sind drey ding, die gott gefallen, wenn sieh brüder freundlich liebeu,
die last uns haltne über allen, man und weib auch nit betrüben,
die sind uns auch fast nutz und gut, die nachliaurn sein einander hold,
Saloman das beschreiben thut, -welches ist viel besser denn silber und gold.'*
WITKOWSKI, BRIEFE VON OPITZ UXD MOSCHEROSCH 163
[88 b] Stundt eynen eydeii für syneii lioufft geschreiien,
wat he syn lieffdag liedt betrieben,
he wurdt sich freilich wail bedencken,
ehr he eynen andern syn en wurdt krencken;
wuldt he es neit onder wegen laen,
wer weiss, was syn kynder thun.
BERLIN. JOHANNES BOLTE.
BEIEFE VON OPITZ UND MOSCHEEOSCH.
(Scliluss.)
XVIII. 1
Martin Opitz an Christoph Colcr. Breslau , 24. Jannar 1631.
S. P. D. Ornatissime ac doctissime Colere,
Nuper tuas-, liodie et Anacreonticum Carmen tiuiiu accepi, sane ele-
gans et pro genio numerorum. De Dudithio^ ac Wackero'* sermonem
habui cum Praestantissimo Cepcone, et quaedam perscripsi ad Amplis-
simum Nüsslerum menm. Egregios tamen conatus tuos interuertere
noUm. Tu pro prudeutia tua ignes suppositos cineri doloso-"" satis
caueris. Posses non parum etiam exornare libellos istos testimoniis
eruditorum hominum quae passim extant; ut quae de AVackero Wou-
werins''', de Dudithio adhuc iuuene P. Manutius'^ aliique scribunt. Sed
1) Hs. E 251 nr. 26.
2) Wol der brief Colers, den Czepko überLracht hatte (Jaski a. a. o. s. 72).
3) Andreas Dudithius (1533 — 1589), bischof von Fünfkirchen, wurde später
Lutheraner. Coler wünschte wahrscheinlich deshalb näheres über ihn zu erfahren,
weil D. das leben des berühmten kardinals Reginald Pool aus dem Italienischen des
Beccatelü ins lateinische übersezt hat. Siehe brief nr. XXXIV.
4) Es lässt sich nicht feststellen, welcher der zahlreichen gelehrten dieses
namens hier gemeint ist.
5) Dieselbe phrase (aus Hör. carm. II, 1, 7 fg.) findet sich auch in brief
nr. XXXII.
ß) Johannes "SVower (1574 — 1012) erwähnt "Wacker in seinen briefen {Episto-
lanim centuriae iluae Hamb. 1G19).
7) Paulus Manutius (1512 — 1574), söhn des Aldus M., gleich diesem berühmt
als herausgeber griechischer und römischer schriftsteiler und als buchdrucker.
11*
164 WITKOWSKI
coraui plura, et quidem propediem. Yale, aiiiice optime. Vratislaiiiae.
a. d. XXIV. Januar. CIOIOCXXXI.
Tili amantissimus
Mart. Opitius.
Eruditissimo Viro, Christoph oro Culero Suo.
Bregam.
XIX. 1
Martin Opitx. an Christoph Coler. Breslau, 11. Februar 1631.
S. P. D. Clarissime Vir, Primuni Grotii de Veritate Religionis
Christianae libruni ad Gründerum nunc transmisi-; idem statim factu-
rus et cum reliquis. Fidem ille suam Mülloro, ut audio, dedit, se
absque mora openi hie suam impensurum. Est alias strenuus promissor,
sed non raro fallit. Itaque moneri homiuem ualde uelim. A te im-
jDense rogo, ut et bono publico, et operis dignitati, et amicitiae nostrae
tantum concedas, ut accurata perlectione tua opus hoc prodeat quam
correctissinie. Neminem noui qui haec aut te melius intelligat, aut
amet tenerius. Quid quod nee tempus deesse tibi puto, singulis diebus
unam alteramquc pagellam perlegendi. Mihi uel similis labor, uel
quodcunque aliud negotium tui caussa molestum nunquam erit. Sed
et amicissimum Cothurnium "^ habes, et decus Musarum Cepconem, qui
libenter, uti confido, aliquam oneris partem in se recipiunt. Yale ami-
corum clarissime, et de niente typographi, an satisfacere promissis
sedulitate sua uelit, perscribe. Vratisl. a. d. 11. Febr. 1631.
Tuns M. Opitius.
Clarissime Yiro Domino Christoplioro Colero Suo.
Briegk J)cim H. Joachim Stein.
XX. ^
Martin Opit;', an Cliristoph Coler. [Breslau] , 4. Marx 1631.
S. P. D. CL. Colere, Nescio quid fuerit cur tu, Amplissimus
Nusslerus et Cothurnius^ ad meas tamdiu sileatis*'; si frigidam aliquis
sufFudit, facite ut ne sontieum Carmen diutius ignorem. Corte nee
1) Hs. R 251 nr. 43.
2) Über Gründer uud dcu druck der selirift „You der walu'beit der christ-
lichen religiou" siehe die einleitung.
.3) Siehe s. 24 anm. 5.
4) Hs. E 251 nr. 42.
5) Die lezteu buchstaheu undeutlicli.
6) Colers brief vom 1. märz (Jaski a. a. o. s. SO) war also noch ni(Jit in Opitzens
hände gelangt.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEKOSCH 165
publice, nee priuatim, nee in aniore quo vos prosecutus sura semper
aut mutatus sum quicquam, aut quamdiu uiuam mutabor. Quod si
Grotiani libelli aliquid uobis iniiciunt, de quo dubitetis, per me licet.^
Si non edi apud uos possunt, aut tardius saltem edi, sane huc redeant;
id quod tu haud gravate Gründero indicabis. Quod si editio propera-
bitur te parario et auspice, munditiem illis spondeo et correctissimam
lectionem. Secundo libro, de Plutarcho scripseram Cliaroiie, id quod
tu pro amore tuo erga me in Cherone pcrmutabis.^ Yale, Yir Erudi-
tissime et GL. Cepconem saluta. a. d. IV. Martii CIDIOCXXXI.
Tuus
fide optima M. Opitius.
Gl. Yiro Domino Gliristophoro Golero, amico singulari.
Bregam.
XXL 3
Martin Opitx, an Christoph Coler. [Breslau] , 8. Miirx. [1631].
S. D. De silentio tuo frustra, ut uideo, questus sum, quod tu,
Gl. Golere, et accurata carmimim meorum correctione, tuorumque sane
elegantissimorum dono bona fide pensasti. Gratias utrinque tibi liabeo
singulares, atque libellis meis eandem donec absoluantur curam adhi-
beas, ac Gründerum urgere non desinas per te communia Musarum
Sacra precor. Infiniti labores in aula mei non pcrmittunt, ut eas sche-
das perlegam, quae iam typograplio mittuntur. Et nunc operis dimi-
dium ad uos pervenit iiisi quod Praefationem ad S. P. Q. urbis liuius*
extradere constituerim. Müllerus libellum ad te misit, bonae sane
notae.^ Euni si Germanice per otium reddes, magnopere virum hunc
tibi deuincies, et de gratitudine non dubitandum est. Haec vero tu
per lusum et iocum potes, nee operis moles adeo grandis esse videtur.
De meis hoc moneo, si quid fugiente manu erraui, ut pro porspicacis-
simo iudicio tuo, illud emendes. Vale, amice clarissime et onus tan-
tum tibi imponi ignosce. a. d. VIII. Martii.
Tuus totus M. Opitius.
Gl. Viro Ghristophoro Golero Suo.
Bregam.
1) sc. miäare.
2) In dem ersten druck (s. 37j ist Gharonc stehen geblieben:
Es schriebe Herodot diss nicht vom Aristo,
Noch einem andern auch der mann von Charone.
3) Hs. R 251 nr. 36. Antwort auf Colers biief vom 5. märz (Jaski s. 86 fgg.).
4) Das buch ist „den herren hauptmanne vnd rhatmaunen der Stadt Bresslaw''
gewidmet.
5) Grotius, de veritate relicjionis Christianae, wie aus Colers brief vom
21. märz (Jaski s. 90) hervorgeht.
IGÜ WITKOWSKI
XXII. 1
Martin Opit-: an Christoph Colcr. Breslau, 22. Marx 1631.
S. P. D. CL. Colere. Grunderus de Charta quod qneratur non
habet. 2 Ytinam über coeptus nondum esset, fortassis uiani reperire
aliam possemiis, ne bihs toties ob iniquissimam hanc moram mihi con-
citaretur. Yersionem duariim septimanarum spatio te absolutiirum , sane
gaudeo: et gratum se meus^, ubi ipsa exhibebitiir, ostendet procul
dubio. ^ Ac cum Müllero uel hodie loquar, ut de loco cogitet, ubi
quam citissime typis describi possit. Primus über maius tibi negotium
faciet, quam reliqua operis pars fere tota. Et quamuis pro egrcgia
eruditione tua ipse sufficias labori, tamen in consilium adhibebis recte
Amplissimum Nüsslerum, meum et Musarum insigne decus. Iterum
iterumque te moneo, ut lentum illum liorainem^ quo poteris modo
instiges. Tibi tot indies horis institutionem doraesticam constare, doleo*^:
ad meliora enim Titan hoc pectas tuuin formauit. Sed parendum est
neccssitati temporis, quae non reipublicae modo, uerum priuati etiam
cuiusque statum ac fortunas inuoluit. A^ale, charissime Amicorum.
Yratisl. ex regia, a. d. XXII. Martij. CIOIOCXXXI.
Tuus
Opitius.
Gl. Viro Domino Christophoro Colero Suo.
Briegk heim H. Joachim Stein.
XXIU. 7
Martin Opitx an Cliristoph Colcr. Breslau, 25. Marx [1631].
S. P. D. Amicissime Colere, Müllerus in ea sententia firmiter
haeret, se libellorum duorum inscriptionem nescio quibus imputaturura,
1) Hs. R 251 nr. 28. Antwort auf Colors brief vom 21. märz (Jaski a. a. o.
s. 90).
2) Coler hatte den papiermangel als gmud des langsamen fortscbreiteos des
druckcs genant.
3) So bezeichnet Oiiitz in briefen aus dieser zeit häufig seinen bescbützer
Dohna.
4) Schon Colers brief zeigt, dass Opitz ihm die Übersetzung augetragen hatte,
um einem wünsche Dobnas zu genügen.
5) Gründer.
6) Coler hatte geschrieben, er müsse täglich vier stunden unterrichten.
7) Hs. R. 251 ur. 40. Antwort auf Colers brief vom 22. märz (.Jaski a. a. o.
s. 94 fg.).
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCII 167
et hiiius rei gratia iiersionem eoruni a te petiisse. ^ Tu uideris, et si
dedicationis gratia tibi peribit, aliud laboris tui redhostiinentuni posces.
De Grotiano libello multum te amo 2, et bis diebus aliquid eius auide
praestolor. Meum opus adeo lente procedere doleo.-^ ßründerus de
Müllero propter cliartam, hie de illius segnitie, ego de utroque queror.
Nemo te beneuolentior est, qui et lentorem homini excutere conaris,
et quod magis est, obstetrici manu foetum meum sine luxatione ner-
uoruni alleuas et producis in dulce lumen Solls. Gratias tibi mecum
deberet quicquid Musarum est. Si quid ad Lingelshemium et Berneg-
gerum uis, fac ut tuao intra quadriduum omnino compareant. Ibit
enim correpto itinere Argentoratum studiosus quidam iuuenis, cuius
opora recte et ordine utemur.'*^ Yale optime amicorum. a. d. XXY. Mar-
tii sub seram noctem.
T.
Opitius.
Gl. Yiro Christophoro Colero Suo celeriter reddantur.
XXI Y. 5
Martin Opitz an Christoph Colcr. Breslau, 5. April [1631].
S. P. D. Gratao mihi hesternae tuae*^' Y. C. non minus, quam
amici nuper sermones mecum tui: quales miscere nos saepius postea
sinet haec mea conditio, Celsissimo Principi uestro devota.^ Interea
scriptionibus etiani crebrius inter nos agamus: quo et Musis nostris
gaudium inde, et temporum acerbitati solatium quaeramus. Caeterum
de Lignicensi itinere certi constituere nihil adhuc possum: erit tamen
breui locus alloquendi G. Colerum^, pectus candissimum. Illic tui ea
1) Am 5. niärz hatte Coler geschrieben, er bestände darauf, dass seine Über-
setzung des „Christlichen Seneka" dem Albert Sebisius gewidmet würde und am
21. märz meldete er, er würde sein buch widmen, wem er wolle, während MüUer
ihm geld dafür böte, dass er darauf verzichtete.
2) Colers Übersetzung.
S) Coler hatte geschrieben, der druck schreite mit der langsamkeit einer
Schildkröte fort.
4) Coler hatte Opitz gebeten, briefe an Lingelsheim undBcrnegger zu besorgen.
5) Hs. E 251 nr. 32.
G) Der brief Colers fehlt.
7) Opitz suchte also um diese zeit schon wider mit den fürsten von Brieg
und Liegnitz anzuknüpfen , trotzdem er noch in den diensten von deren gegner Dohna
stand. Diesem zwecke wird auch der hier erwähnte kurze aufenthalt in Brieg und
die reise nach Liegnitz gedient haben.
8) Georg Köhler von Mohrenfeld , Fürstlich Liegnitzischer rat. Zu seiner hoch-
zeit (13. april 1638) verfasste Opitz ein deutsches gedieht (Oesterley a. a. 0. ur. 162j.
1G8 M'ITKOWSKI
mentio fict, quam prodosse proposito tuo posse sensero. Gerte iiirum
Optimum tui amantem esse noui; tuisque commodis bene uelle, nou
dubito. De me eundem tibi auimum, eandem uoluntatem polliceor.
Hesychio tuo, ita te uolente, utar; si carere hoc libro patienter potes,
alium forte iiiueniam, quo uicissim te donem, tibi longe acceptiorem.
Et tu quidom libertati huic mcae ignosces. Vale, amice iucundissime.
Vratisl. ad d. Y. April.
T. T.
M. Opitius.
CL. Viro Domino Cliristophoro Colero Suo.
Bregam.
XXV. 1
Martin OpHx an Ch7'istoph Colcr. Breslau, 12. April 1631.
S. P. D. Amicissime Colere, Flures effluxerunt dies, ex quo
utrinque silemus. Interea tui obliti tarnen non fuimus, et ut de ami-
citia nostra gaudeo, ita statum etiam tibi meliorem tota mente exopto.
Neque uotis nostris aut secundus Xuminis diuini fauor, aut amicorum
patrocinium deerit. Et nisi fallor, aliquis se iam radius melioris Phoebi
ostentat. De libris nostiis puto te non remisisse, ac si quid a te iam
perscriptum est ac in nostrum sermonem conuersum, ut ad nos statim
transmittas, et quando ad umbilicum opus integrum deduci a te poterit
indices, iterum iterumque te precor. - Xam si Gründerus sie pergit,
aut potius si sie cessat, constitutum mihi est, tuis libris alibi de typo-
grapho, cuius opera citius absoluantur, dispicere. Berneggeri literis,
quas pridie accepi% haec inerant. Colerum nostrum ubi ubi est,
saluta. Ego te ualere iubeo, amicorum optime. Ipse forte per has
ferias te uidebo; imo omnino sie cogito: nisi magnae me caussae domi
detinebunt. Yratisl. a. d. XII. April. CIÜIüCXXXI.
Tuus
Mart. Opitius.
Was H. Griuidcr an meinem Wercke noch verfertigt hat, wolle
er mir alsshaJdt 'ühersenden lassen, damit ich es neheiist dem ander
durchsehen, undt die errata hinten ansetxen könne. Ich schicke diss-
mal xiiegleich die Vorrede; undt hoffe er ivirdt nun lenger nicht säu-
men. Es geht in die neaiultc Woche, dass er die Sachen bey sich hatt.
1) Hs. R 251 nr. 33.
2) Man sieht, wie viel Opitz daran lag, Dohuas wünsch, nach einer Über-
setzung der Grotiusschen schrift möglichst schnell durch Coler zu befriedigen.
3) Bernegger an Opitz 13. märz 1631 (Heumann, Poecile Sive Epistolae Mis-
ceUaneae. Tom. IL Halae 1726. s. 401).
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 169
Undt der mir beicusste Vorsatz des Buches kalben (jehet iniff dieser
hiider.\iehung gantx xurück. Wann es doch möglich wäre, dasz ich
es heute über acht tage auf den heiligen Abendt^ haben köndteJ
Clarissirao Yiro Domiao Christophoro Colero Suo.
Briegk beim IL Joachim Stein.
XXVI. 3
Martin Opitz an Christoph Coler. [Breslau], 9. Mai 1631.
S. P. D. Praestantissime Colere, Gratias tibi habeo de prinio libro
Grotiano.^ Reliquos iit et ipsos statim transmittas iterum iterumqiie
precor, ac, si hoc pateris, moneo. Recüit enim Yienna meus-\ qui
moram omnem mihi imputabit, si diutiiis negotium hoc literarium pro-
telabitur. Legam, qnantum per has aulae nostrae molestias licuerit,
tuam nersionem; quanqnam arbitro me iiix egeas. Ybique uidendum,
quid equidem sensus ac mens auctoris, sed tamen^' et quid linguae
nostrae genius requirat. Xec anxie omnibus inhaerendum. Id quod
Grotium uelle ex litcris eins perspicio, quibus quas heri prolixas accepi,
haec inerant.^ Librorum nostroi'um pro ueritate Peligionis Christianae,
quae'' a scriptore est, non meretur tantiim interpretem ^ : de ipso argu-
mento idem dicere sine impietate non possim. Sed tarnen hie quoque
memineris suadeo liberum te esse, nee ita alligatum praeeuntibus uer-
bis, ut non liceat res easdem melius tibi dicere. Haec et alia uir
magnus ualdc amice. Eins siluam ad Thuani filium^ ab amanuensi
eins descriptam si uis, iudica: nactus enim sum et ipsara. Yale, ami-
1) Ostern fiel 1(331 auf den 20. apvil (nach gregorianischem kalender).
2) Xur in dieser nachschrift und in den briefen an fürst Lud^^-ig von Anhalt
und Friedrich von Schilling (Eä'ause, Ertzschrein. Leipzig 1855 s. 123 — 137) bedient
sicli Opitz im briefwechsel der deutschen spräche.
3) Hs. R 251 nr. 58. Gedruckt in Colers Laudatio s. 68. Antwort auf Colers
brief vom 29. april (Jaski a. a. o. s. 98 fg.).
4) Coler hatte versprochen, bis anfang mai die beiden ersten l)ücher zu senden.
5) Siehe s. 166, anm. 3.
6) Das folgende ist wörtlich aus Grotius' brief an Opitz vom 1. märz 1631
entlehnt {Orotii Epistolae, Amstel. 1687 nr. 272; Jaski a. a. o. s. 76 fgg.).
7) Schreibfehler statt quod.
8) Grotius hielt Opitz für den Übersetzer und dieser benuzte die gelegenheit,
Coler eine Schmeichelei zu sagen.
9) Hugonis Orotii Silva Ad Franciscvm Aiigustvm Thvanvm. Jac. Argvsti
F. Excudebatur Lutetiae Parisiorum 1634. 16". 17 s.
170 WITKOWSKI
coruin optimc. E Museo sub meridiem fere noctis, et oculis iiix con-
niuentibiis. a. d. IX. Mail. ClOIüCXXXI.
Tuns
M. Opitius.
Praestantissimo Yiro Domino Christophoro Colero Suo.
XXVII. 1
3Iartm Opitx an Christoph Coler. Breslau, 12. Mai 1631.
S. P. D. Praestantissime Colere, Piito te eas, quas pridie ad te
dedi accepisse. Heri Maecenas mens iierbis seriis libellum a me po-
poscit, ac negligentiam quasi meam accusare uisus est. Quod si ali-
quid opcris adhuc uertendum tibi, ultimum librum libenter interpreta-
bor: nollem enim laborem ullum subterfugere, cuius opera Patroni mei
amorem integrum mihi seruare possum. Titulum- ut uolebas subieci.
Hoc monendus ^, ut illam partem, quam nondum descripsisti , aut in
quarta, aut folii integri forma describas, et characterujn genere exstan-
tiori. Typographorum enim inscitiam nosti, qui tamen errores suos
haud raro in nos reiiciunt. Quae literis diuersis exprimi debent, et
margini addita sunt, iis recte lineam subiunges, hoc modo, ne et sie
ab operis peccetur. Sed per pagellas numeris distingues, aut fini cuius-
que uerbum illud addes, quod sequenti primum est. Ego tot negotiis
obruor, ut uix respirare possim. Alias ipse manum hie ultro admo-
uerem. Post praefationem tnam aut Carmen aliquod aut epistolam
addam ipse, nisi tu forte dissentis.'^ Hoc te iteruni peto, ut paullo accu-
ratius textus describatur. Quod si iam omnia absoluisti, non est quod
denuo molestiam tibi crees. Id mihi crede, aliquod gratiae Patroni
erga me mei in celeritate rei momentum prorsus situm esse. Yale ami-
corum optinie. Yratisl. a. d. XH. Maii CIüIOCXXXI.
Tuns
Opitius.
[Am ra)idc] : Dem Hochirohjehornen Herrn, Herrn Carl Änni-
balen Burggraffen xur Dohna, Herrn auf Wartenberg, Prälin nndt
Goschitx, Böm. Kais. Maj. gehaimhen Rhate, Cämmerer, Schlesischen
Cammcr Präsidenten, Vollmächtigen Landvogte des 3Larggraffthumhs
1) Hs. R 251 nr. 35.
2) Coler hatte in seioem bricfe vom 29. april \m\ angäbe der titel Dolinas
gebeten, um diesem die Übersetzung des Grotius zu widmen. Dohna lehnte die
annähme der widmung ab. Siehe Jaski a. a. o. s. 110 und s. 172, anm. 2.
3) In dem drucke findet sich weder ein gedieht noch ein brief von Opitz.
BRIEFE VOX OPITZ UND MOSCHEROSCH 171
Oherlaiisitx , tmdt Ohristen , meinem (jnädigen Herrn. Hochivolgebor-
ncr Burggra/f, Gnädiger Herr, etc.
Eriidirissimo Yiro Domino Christophoro Colero Suo.
Briegk.
XXVIII. 1
Martin Opitx an Christoph Coler. Breslau, 15. Mai [1631].
S. P. D. Amicissime Colere. Omnino dubito an absente te libri
Grotiani ex merito typis describi possint. ^ Socordiam tjpographorum
et ignorantiara nouisti. Itaque Müllerns Gründero haec mandare decre-
nit, nisi illc abnuit. Gerte et solutionem festinatam et chartae quan-
tum satis est promisit. Ac interea dum prima eduntiir, tu posteriores
libros pensiculatius desoribere potes, ac cum libcrtate majori. Red
maturatione editionis omnino opus est, nisi aliquid de amore Maecena-
tis niei decedere mihi uolo. Id quod cum ego fugio, tum tu ut fugere
illud possim mecum curabis. Magnopere mitigarem heri mei animiim,
si uel sub exitum soptimanae huius folium impressum ostendere ipsi
queam. Iterum iterumque peto, et, si hoc pateris, adhortor, ut spes
meas, quantum in te est, promoueas. De epistola aliqua mea aut epi-
grammate post praefationem tuam, ut heri ad te perscripsi promitto,
nisi tu forte aliter uis. Yale amicorum optime, et hoc age. Yratisl.
ad XV. Maii.
Tiuis
Opitius.
Lacunas libri piimi ita uti censui et tu uoluisti expleui. Sed et
aliquot uerba mutaui, te, ut spero, non inuito. De reliquis tu uideris,
cui pro'^ iudicii et otii, quo non raro destituor, abunde est. Iterum Vale.
Clarissimo Viro Domino Christophoro Colero Suo.
B?'iegk heg H. Joachim Stein.
XXIX.*
Martin Opitx an Christoph Coler. [Breslau], 16. Mai [1631].
S. P. D. CL. Yir, Eam partem operis Grotii, quam ad me mi-
sisti, hie recipies. Ex uero tibi affirmo per cumulos negotiorum legere
haec integrum non fuisse nunc mihi. Habes amplissimum Nüsslerura,
1) Hs. E 251 nr. 27.
2) Opitz hatte anfangs nicht die absieht, Colers Grotius in Brieg bei Gründer
drucken zu lassen, da er mit dessen unpünktlichkeit schlechte erfahrungen gemacht
hatte; aber schliesslich entschied er sich aus den hier angeführten gründen doch dafür.
3) Hier fehlt ein wort, etwa tempore.
4) Hs. R 251 nr. 29.
172 WITKOWSKI
qui te non destituet. Pliira tibi illique et Grünclero vel cras perscri-
bani. Vale a. d. XVI. Maii.
T.
totiis Opitius.
Clarissimo Viro Domino Christophoro Colero Suo.
Brieyk hei IL Joachim Stein.
XXX. 1
Martin Opitx an Christoph Coler. [Breslau], 20. Mai [1631].
S. P. D. Eruditissime Colere, Prima folia ad Gründerum remisi:
placet character. Tu si nitidius quaedaai descripseris , accuratius omnia
edentur: qiii honor tuo nomini cedet. Sed et emendationi uacabis,
qiiaiitiim poteris. Hoc te per amicitiam nosti*am oro, ut et ipse uer-
bis dclenificis typographo instes et sedula opera hoc agas, ne ille queri
possit, per te moram sibi iniici, quominus res procedat. Si intra duo-
decim dies über huc non peruenit, iram heri mei omnino metuo, qui
culpara omnem in me transfert. Ille Illustrissimus meus cdi opus hoc
cupit sine iilla praefotione, ne aliqua in ipsum inuidia redundet, ob
lioc hominum gcnus, qui id quod ab haeretico, ut aiunt, scriptum est
nul'i hominum concedunt ut legatur.- Tibi tamen gratia ea reddetur,
quam dignam pro tam sedula uersione tua meritus es: neque non indo-
natus abibis, me uide. Grotiana^ aliaque proxime transmittam: nunc
ualde festino. Vale, optime amicorum, et spes meas, imo gratiam apud
herum meum, quantum potcs promoue. a. d. XX. Maii.
T.
Opitius.
CL. V. Duo. Christophoro Colero Suo.
Bricfjh bei H. Joachim Stein.
XXXI. 4
Martin Opit\ an Christoph Coler. Breslau, 27. Mai [1631].
S. P. D. Praestantissime Colere, Yeris uerbis apud te queror,
Patronum mcum pro caeteris beneuolentiae suae signis allocutum me
1) Hs. R 251 nr. 31. Antwort auf Colers brief vom 15. mai (Jaski a. a. o.
s. 107 fgg.).
2) Coler antwortete darauf (Jaski a a. o. s. 110), er begriffe nicht, weshalb
Dohna die widmung ablehne, da das buch doch so genicässigt geschrieben sei, dass
Grotius selbst es einem katholiken, dem königl. advokaten Bignon, gewidmet habe.
3) Die Silva ad Tlmanum filium. S. s. 169, anm. 9.
4) Hs. R 251 nr. 34. Autwort auf Colers brief vom 20. mai (Jaski a. a. o.
s. 109 fgg.).
BRIEFE VON" OPITZ UND MOSCHEROSCH 173
liodie nou fuisse; falsas esse spes suas de libello, quem ante tres ipsos
menses promiserim, contici ista imius alteriusque septimanae spatio pro-
misisse; et quae alia ipsiim cor meiim mihi exciisserunt. Itaque per
te amicitiam meam rog'o, iit Griindero instes; alias uertendi ciira licet
tibi uon perierit, milii tamen de gratia mei^ iialde metiio, ne illa tan-
tilli negotii caussa detrimentum patiatur. Heroes enim eiiismodi caii-
tius nos uersari secum omnino nolunt. De Praefatione ad Grotium tu
uidebis-: neque enim iniiito hoc fiet Patrone meo. Mei tamen men-
tionem inibi fieri nolim; ob causas quas domi'' noui, nisi forte aliquid
adiicere uelis de uersione mea nuper edita. Tuo iudicio libeuter stabo.
Memoria de Burggrauio Illustrissirao facienda est nulla: cum maior
libertas longe sit Gallica, quam ea quae Laicis conceditur a Germaniae
Clericis. Syluam Grotii^ huc adieci, quam tu lectam ad me remittes.
Caeterum ut cras perscribas an ocius liber odatur, ualde peto, alias
quid consilii accipere debeam fere ignoro. Vale, Vir Eruditissiuie.
Vratisl. a. d. XXVII. Maii.
Tuns
Opitius.
Eruditissimo Viro Domino Christophoro Colero Suo.
BHeyk bei/ H. Joachim Stein.
XXXII. ^
Martin Opitz an Ckristojjh Coler. Breslau, 15. August 1631.
S. P. D. GL. Colere, Grati fuissent hero meo libelli Grotiani^,
si eo tempore comparuissent, quo ardore illorum incaluerat. Et hie
magnatum mos est inprimis, ut uehemcnter uelint, quicquid uolunt.
Nunc tamen nee sie quidem omnis placendi spes amissa esset, si
opusculum statim compareret. Sed, ut uideo, ludibrium tvpographo
adhuc debemus. Carmen ad Kostoccium' legi, sane elegans et erudi-
tuni. Maecenati meo ut eiusdem argumenti aliquid pang-as, opus non
1) Siehe s. 166, anni. 3.
2} Coler wolle vor seine Übersetzung eine anrede au Grotius stellen. Dieselbe
nnterbüeb jedoch.
3) Das wort ist nicht mit Sicherheit lesbar.
4) Siehe s. 169, anm. 9.
5) Hs R 251 ur. 46. Autwoit auf Colers brief vom 6. august (Jaski a. a. o.
s. 100 fgg.). Coler schlug vor, üohna ein, auf einem besonderen bogen gedrucktes
lobgedicht zu überreichen und saute als muster sein gedieht auf George Eossstock.
6) Colers Übersetzung.
7) LOBSPRVCH Au Den . . . Herreu George Rossstocken Rüm. Kays. May
Wolverdienten Obristen AVachmeister. Gestellet durch Christoph. Colerum.
174 WITKOWSKI
est: nam et ille oppressus negotiorum mole raro aliqiiid legit, et iiiui-
diam creari tibi nollem, cum praesertim incedendum tibi esset per
ignes suppositos cineri sat doloso. ^ Ego tuam caussara , si Grotiana
statim aderunt ipse agam; et fortassis nondum haee mora omnem gra-
tiae spem consumpsit. Caeterum ut fortunam tuam uirili animo feras,
temporis te iubet conditio, cuius malum nemo non iam sentit. Erit
adhuc fortasso aliquis, qui dotes ingenii tui suo pretio aestimabit, et
sordidioribus te curis eximet. Interea solatium a literis petemus, quae
ultra eos nos extollunt, qui rerum tamen summam gerere uidentur.
Vale, optime amicorum et breui plura expecta. ad d. XV, Augusti.
Yratisl.
Tuus
Opitius.
CL. Viro Domino Christophoro Colero Suo.
Briegk beim H. Joachim Stein ahxuegeheu.
XXXIII. 2
Mariin Opitx an- Christoph Coler. Breslau , 28. Aiajust [1631J.
S. P. D. Praestantissinie Colere, Libellos Grotianos hero meo
tradidi, et spero laborem tuum non prorsus irritum fore. Nunc ei
maioribus curis intento molestus esse nolui. At tu pauxillum morae
patienti animo sufteres; ego enim memoriam tui ubi occasio fuerit
omnino refricabo. Ode Müllero per te missa placet. A me uero nihil
nunc est quod expectes, qui ingratis negotiis immersus cogitare de
libris uix possum. Tibi si nondum melior aura aspirat, at tranquilli-
tas uitae non deest. Et sie aequiori animo fortunam laetiorem operiri
possumus. Yale optime amicorum. a. d. XXVIII. Aug. Vratislauiae.
Tuus
ex animo
Mart. Opitius.
V. C. Christophoro Colero suo.
XXXIY.-'
Martin Opitx an Cliristoph Coler. Breslau, 13. Octofjer [1631].
S. P. D. CL. Colere, Si expectationi tuae successus apud Maece-
nateni meum non respondebit, extra culpam me habebis spero. Xam
1) Siehe s. 1G3, aum. 5. 2) Hs. R 251 nr. 24.
3) Hs. R 251 ur. 37. Antwort auf Colers brief vom 11. Oktober (Jaski a. a. o.
s. 167 fg., wo der brief irtümUch ins jähr 1637 gesezt ist). Coler wÜDSchte Sicher-
heit darüber, ob er von üohna irgend welchen lohn für seine Grotiusübersetzung zu
erwarten habe.
BRIEFE VON OPITZ UXD MOSCHEROSCH 175
quae eins mens sit, et quam aiiide aliquid cupere soleat, idem ob
moram paullo post neglecturus, cum ipse sciui, tum non semel indi-
caui. Haud tarnen egregius labor tuus perierit faxo; et propediem ali-
quid forte ad te perueniet, unde tibi, si non de mercede industriae,
tarnen de animo meo constare possit.i Gerte quaeram omnem occasio-
uem herum moneudi. Cum Müllcro quid agendum sit, ignoro^: obse-
quar tamen consilio tuo et uoluntati, ac hominem, ubi commodum erit,
alloquar. Interim et tu illi tuis instare non desines; nam hi mores
similibus conueniendi sunt. Poli uitam^ unde nanciscar, ignoro, scis-
citabor tamen ex Cunrado.^ Venatoris Panegyricum in Graterum ^
petere a Nüsslero potes. Quod si penes ipsum amplius non est, meum
tibi exemplar mittam. Yale, amicorum optiine. Vratisl. ad d. XIII.
Octobr.
Tuus
omni fide studioque
M. Opitius.
Cl. Yiro Christophoro Colero Suo.
Briegk hei H. Joachim Stein.
XXXV.«
Martin Opitx, an Christoph Coler. 17. Marx (Oct.) [1631].^
S. P. D. CL. Colere, Ad binas tuas una opera eaque breui, cum
tabellarius festinet. Müllerus liberum tibi relinquit, quos libros eligas.
Nunc tamen neque Polybius, neque Histor. August. Scriptores, aut
Xenophon ad manum sunt. Jube igitur, quid uelis. A Lingelshemio
et Berneggero nihil hactenus literarum habeo, illi diebus suj)erioribus
scripsi. Cunradus hodie, uti opinor, uobiscum est, quem de Poli uita
1) Dohua Hess sich später noch zu eiuem kleineu geschenk au Coler herbei.
Vgl. nr. XXXVI.
2) Müller weigerte sich, Coler für seine Übersetzung zu bezaiilen. Er scheint
schliesslich Coler mit einigen bücheru abgelohnt zu haben. Vgl. den folgenden brief.
3) Eeginald Pool (1500 — 1558) war cardinal und erzbischof von Canterbury.
Sein leben, besclnieben von BeccateUi, ist abgedruckt in Ephtolanoii Hcginaldi Poli
Pars I. Brixiae 1744 s. 1 — 65. Siehe s. 163 anm. 3.
4) Caspar Cunrad (siehe s. 38 anm. 2) oder dessen söhn Christian, der eben-
fals mit Opitz befreundet war und von ihm am 26. april 102!» zum dichter gekrönt
wurde.
5) Siehe s. 32, anm. 6.
6) Hs. E 251 ur. 56. Antwort auf Colers brief vom 11. Oktober und einen
verlorenen.
7) Das datum „17. märz" ist jedeufals ein Schreibfehler Opitzens, es muss
17. Oktober heissen.
176 WITKOWSKI
alloqiieris. Reuersuni ipse huius ergo alloquar. Vale, optime amieo-
nim. ad. d. XVII. Marti.
Tims
totiis
M. Opitiiis.
CL. Y. Christopboro Colero Suo.
XXXVI. 1
Martin Opitz an Christojjh Coler. Breslau, 7. November [1631].
S. P. D. Praestantissime Colere, Si res aut mei arbitrii fiiisset,
aiit meriti tui, et celerius doiiiim a meo-, et largius habuisses. Nunc
negotia partim herilia, partim caussae aliae industriam meam siifflami-
iiariint. Tu tarnen et sie animi gratitudinem ut agnoscas, et munus
licet exiguum, quod Maecenatem meum bodie poposci, aequi bonique
consulas, etiam atque etiam rogo.^ Quae inter te et Müllerum inter-
cedunt, iis adbiberi nolim; tute enim quid cum ipso acturus sis, ipse
rectius uideris.^ Illius tamen morositas, et imperitia in iudicando de
literis mihi non placet. Vale, optime amicorum, et ubi has acceperis,
band grauate responsum buc transmitte, ut sciam an redditae tibi fue-
riut. Vale, Vratisl. ad. d. VII. m. IXbr.
Tuus
ex auimo
M. Opitius.
Ad Amplissimi Nüssleri literas cras respondebo. Interim iterum
iterumque saluere illinu iubeo.
Cl. Viro Domino Christopboro Colero, amico singulari.
Brieyk bei H. Joachim Stein abzugeben.
XXXVIL5
Martin Opitz an Christoph Coler. [Breslau] , 4. Februar 1632.
S. P. D. Praestantissime Amicorum. Dici non potest, quibus
molestiis obrutus hactenus, quibus peregrinatiunculis fuerim", qnae res
1) Hs. E 251 iir. 47.
2) Siehe s. 166, anm. 3.
3) Am 11. november (Jaski a. a. o. s. 168 fg.) dankt Coler für das gesclieuk,
welches ihn, wie es scheint, völlig befriedigt hat.
4) In seiner aut wort verspricht Coler, au Müller eiueu besänftigenden brief zu
schreiben.
5) Hs. R 251 ur. 25.
6) Opitz war kurz zuvor in Polen gewesen. (Jaski a.a.O. s. 118: Buchner an
Opitz 27. fehl'. 1032).
BRIEFE VON OPITZ UKI) MOSCIIEROSCH 177
si me scribendi officio aliqiiandiu exemit, amorem tibi tarnen meiim
integrum seruauit, de quo nunquam remittam. Caeterum te cum Mül-
lero adeo comraitti nolim; Yos tarnen uideritis. Mihi, ne quid com-
mendatione dohinc mea aegritudinis tibi concilietur, cautio erit. Male
ipsum de te stndiisque tuis locutum^, uix crediderim; et ut famae tuae
honorique parcat, ipsi monitor ac auctor ero. Tu hoc Stadium literarum
feliciter, quod facis, decurre. Vale. ad d. IV. Februarii CIÜIüCXXXII.
Tuus ex animo
Mart. Opitius.
Praestantissimo Amicorum Domino Christophoro Colero.
XXXVI1L2
Martin Opitx cm Cristoph Colcr. Breslau, 5. Octoher [1632].^
S. P. D. Multum tibi debeo, Colere praestantissime, qui de tuenda
existimatione mea adeo solicitus es."^ Potuisset enim illius syllabae cor-
reptio, id quod ex incuria et festinatione scriptionis factum est, a
maleuolis eo trahi, quasi uel has miuutias, nedum alia, ignorem. At
tu Omnibus iis in rebus, quas perfici per me posse senties, uteris nie
plus quam uolente. De hello non liquet; adeo duhia, adeo intricata
nunc sunt omnia; et certe utrinque multa mihi displicent. Illinc metus,
hiuc simultas confusio, et nescio quae uirium coniuncta cum honore
uaniloquo diffidentia. Deo tamen curae erimus, cui te ex animo, Y. CL.
commendo. ad d. Y. m. Ylllbr. Yratisl.
Tuus M. 0.
CL. Y. Christophoro Colero Suo. Bregam.
XXXIX. 5
Martin Opitx an Christoph Coler. 7. Juli.^
S. P. D. Praestantissime Colere, Tuas accepi, recteque te cum
Cepcone nostro uiuere, libens audiui. Nüsslerum praostolor; is ubi
1) Am 29. februar schreibt Coler (Jaski a.a.O. s. 120 fg.), Müller habe ihn iu
einem briefe an Cothurnius „malignum hominem'' genant.
2) Hs. R 251 nr. 41.
3) Der brief ist die antwort auf Colers brief vom 1. Oktober 1632 (Jaski a. a. o.
s. 128 fg.).
4) Coler hatte in Opitzens gedieht auf den baron von Burghaus (Oestorley
a. a. 0. nr. 115) den unrichtig gebauten hexameter
Interitus creber, <£• mors importuna bonorum
verbesseii in Interitus creber, morsque etc.
5) Hs. R 251 nr. 49.
G) Das jähr ist bei diesem und dem folgenden briefe aus den mitgeteilten tat-
sachen nicht festzustellen.
ZKITSCIIRH'T B\ DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 1"-'
178 -«aTKOwsKi
uenerit, faciam ut te sibi comitem itineris sui assciscat. Mliil tarnen
literarum ab eo uidi, ex quo tu abiisti. Tui somper memor ero. Yale,
Non. Quiuctil.
Tuus
M. Opitius.
Ornatissimo Juueni Domino Chistophoro Colero Suo.
Lissam.
XL.1
Mariin Opitz an Christoph Coler. 14. Juli.
S. D. Praestantissmie Colere, Panegyricos Berneggeri^ heic acci-
pies, tno desiderio dignos, uel ob egregiani libertatem. Alter ille a
Gustauo Gustaui magni F. non prostat, quod sciam: puto tarnen inter
schedas meas latere. Eum uel cras inde extraham, atque comparere
tibi statim iubebo. Nunc properandum mihi ualde fuit. De publicis
patriae amantes, quales et nos sumus, uiderint. Deus immortalis impri-
mis, cui te ex animo commendo. ad. d. XIV. Jul.
Tuus
prisca fide
M. Opitius.
XLI.3
Martin Opitz an Da^iiel Hermann.^ Halle 14/24. Dex. 1623 (1633?) ^
Eeverende Yir, Yalde me lieri in hanc nrbem cum nenissem,
consternatum reddiderunt diuersae amicorum, quibus duo laesae famae
meae uulnera^ non ita diu in urbe uestra indicantur. Et hac de
caussa ita ad Ampliss. Senatum nostrum perscripsi, ut iuiurias mihi
1) Es. R 251 nr. 39.
2) Es siud die beiden im jähre 1633 erschienenen lobreden Berneggers gemeint:
Gustavi Magni Laudatio ftmcbris In Uniuersitate Argentoratensi recitata ä
Maithia Berneggcro, Die X. Decemb. 1632 {Argentorati 1633) und Panegyricus
Cliristianissimo Oalliarum Et Navarrae Regi Liidovico XIII. Ob siisceptam ab
Ipso Maioribusque Germaniae cur am, Jiissu Proeerum Reipub. Argentoratensis . . .
dictns ä Matthia Berneggero. Die 29. Oetobr. {Argentorati 1633).
3) Es. E 402 nr. 260. Über den Inhalt des briefes siehe die eiuleitung.
4) Daniel Eermann war 1629 hilfsprediger an der Elisabethkirche in Breslau.
5) Der brief trägt die Jahreszahl 1623, Palm sezt ihn einmal (a. a. o. s. 136)
ins jähr 1634, weiter unten (s. 227) in das jähr 1633. Die lezte datierung ist jeden-
fals die richtige. Ende 1623 befand sich Opitz in Liegnitz (die widmung des lob-
gesanges auf den freudenreichen geburtstag Jesu Christ ist datiert „Lignicii Propr.
Cal. Jamiarias Anni M. DG. XXIV)., dagegen muss er mitte dezember 1633 durch
Ealle gekommen sein, da er am 27. november noch in Frankfurt a. M. war und am
2. Januar 1634 von Xölln an der Spree an David von Schweintz über seinen aufent-
halt am hofe zu Köthen berichtete.
6) Im original steht uelnera.
BRIEFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 179
factas facile perspecturus sit. Equicleni qvii famam vitae nimquam post-
habui, in euni moerorem coniectus sum, ut quid scribam aut quid uon
scribam iiix cogitem: sed cum innocentiam meam pariter et iustissimi
Senatus aequitatem perpeudo, erigere me rursum iiicipio et solari.
Mortuam quidem ad iudiceni vocare nunc non possum: spero tarnen,
ubi mihi domuni redire quam primum contigerit, me sole ipso clario-
rem redditurum, quam citra omnem culpam meam ignominia hac afiec-
tus sim. De uiua aliter statucndum, et scelestae illi confessio innocen-
tiae meae uol uerbis uel minis uel fidiculis extorquenda est. Quatuor
isti anni sunt, cum scclus hoc non obiter nidi, adeo ut no suspicio
quidem de me haerere possit ulla. Hoc et Theologo tibi et uiro
aequissimo, et amico summo affirmare possum, me Deum mihi aetcr-
num iratum optare, factum hoc si ullatenus meum est. Homo sum,
et iuuenis \ neque immunis peccatorum , quibus mortales subiecti sumus :
ab hac tamen labe ita absum, ut iuramento quäle excogitari potest
maximo id testari ex animo audeam. Itaque cum iure lianc maculam
nominis detester, id non parum me angit, de inaudito, ac Reipub. tan-
quam caussa absenti, adeo creditum fuisse, in saciis etiam rationibus
illatus sim. Facta equidem infecta fieri nequeunt: magno tamen id
mihi solacio ducam, sicubi uenerandum uestrum CoUegium fide mihi
adhibita delendum ex laterculo illo statuerit hoc nomen, quod sceleris
huius omnino purum est. Caetera Senatus Ampl'""^ pro iustitiae suae
amore haud dubio praestabit, ut poeuas det illa famae meae improbis-
sima hirudo, et ego ex suspicione publica ac rumoribus eximar. Hoc
uotum meum est, hae preces unicae; neque enim, qui literis ac secta-
tione studiorum bene apud notos ignotosque audio, unquam committam,
ut priuatim ob mores ac uitam male. Tu pro beneuolentia erga me
tua ac auctoritate defendas, neuerandoque seni Parenti tuo, caeterisque
ordinis nestri optimis meique amantissimis uiris, causam meam probes,
per te Deum immortalem precor, qui ut eum uobis aninium, quem
semper habuistis, largiatur, quo sedulis monitionibus nutantes fulciatis,
et ad constantiam ac spem meliorem erigatis, unice uoueo. Mihi curis
ob patriam immori dies noctesque de tuenda quibuscunque modis über-
täte cogitare, metropolin nostram apud nonnuUos male traductam excu-
sare, adeoque bonum me fidumque ciuem praestare pretium laboris
mei est gratiosissimum. ^ Yale ornamentum Theologorum et Patriae
1) Es entspricht dem sinae des lateinischen wertes, wenn Opitz sich noch mit
36 Jahren einen „iuvenis" nent.
2) Der dichter stand damals wider im dienste der herzöge von Liegnitz und
Brieg. Über die gesantschaftsreisen, die er in ihrem auftrage, und zugleich im
12*
180 WITKOWSKl
clecus, ac imiocentiae meae patrociniiim suscipe. Eiusdem est enim
sidera culpare, et immerito luentes defendere. Iteruni iiale et festina-
tissimae scriptioui ignosce. Halae Saxonicae a. d. 14/24. m. Decembr.
Anno CIOIOXXIII.
Yenerandi nominis Tui iiirtutumque
Tuar. serius cultor
Opitius.
M. Danieli Hermanno, Tlieologo insigni.
Anhang.
XLII.i
Oaspar Siniicr- an Martin Opitx. [1622^].
Sal: et Aniorem!
Gratum est, o Poeta et Amor noster, qiiod tarn cito ad meas
respondisti; gratiora qiiae scribis; gratissinium quud hymnum in Bac-
chum'^ mittis una: quod veluti fidus elucet in literis candor et calor
ille veri ac veteris affectus anioris in me Tui. Te Goiiicij •'' fuisse scri-
bis, ubi mentioneni mei fecisse, cum Asterie*^ tiia; quaererem quid ibi.
Sed ipsemet dicis. Asterie; nihilne mutatus ab illo? Semperne adhuc
tibi in ore et corde Amasia''? Ah Amasia! Amasia! dedistine centum
basia. quidni? aber ich meine ins lincke Bein.
Interesse der mit ihnen verbündeten hauptstadt Breslau an die evangelischen höfe
von Dresden und Berlin unternahm, siehe Palm a. a. o. s. 226 fgg.
1) Hs. R 2306 nr. 17.
2) Über diesen freund Opitzens ist ausser dem, was aus den hier mitgeteilten
brieten (s. auch oben nr. XIV und X.Y) hervorgeht, nur bekant, dass er am 11. no-
vember 1631 eine gewisse Anna Grün heiratete. Opitz widmete ihm bei dieser gele-
genheit ein lateinisches gedieht (Oesterley, a. a. o. nr. 110).
3) Der brief ist in dieses jähr zu setzen, da der in demselben erwähnte „Lob-
gesang BaccW 1622 erschienen ist.
4) Daniel Heinsii Hymnus oder Lobgcsany Bacchi . . . Ausx, dem Hollän-
dischen in Hochdeutsch gebracht durch Martinum Opitiuni. Liegnitz 1622. Die
Widmung ist datiert von der fastnacht 1622, also ist der vorliegende brief zwischen
diesem tage und der abreise Opitzens nach Siebenbürgen, die ende mai erfolgte,
geschrieben.
5) Über diesen aufcnthalt des diuhters in Görlitz vergleiche das lateinische
hochzeitsgedicht an Jakob Gottfried und Katharina Emmerich (Gedichte ausg. 1690
n, 339 fg.).
G) Asterie ist die geliebte Opitzens, welche er in seinen dichtungen am häu-
figsten erwähnt, und der er, wie es scheint, am längsten treu blieb. Bereits in Bimz-
lau besang er die damals vierzehnjährige, und noch über die Heidelberger zeit hinaus
war, wie diese stelle zeigt, ihr gedächtnis in ihm lebendig, wenn auch andere, beson-
ders die schöne Sylvia, ihr den rang in dem herzen des dichters streitig machten.
7) Der uame „Amasia" ist nur hier erwähnt.
BRIEFE VON OPITZ UND JIOSCHEROSCII ISl
Sapienti sat: Hac nostra aetate nil magis amplecti debemiis quam
stuclia, non favillas, nisi fortasse matrimonialiter, tarnen feminae siiiit
potentes, immö sole potentiores videntur, sol tantuni obfuscat oculos,
femina occaecat. Saepiiis sura immemor verborum Argentinensium i,
quae nimcio parenti diceuda dicebas, erant sc. de vitulis. Yituli nostri,
jani qiiod saltantes meminisse me faciunt: Saepius ad risum me com-
niovere usqiie: De statu rerum tuarum quod significasti gratum.^ Ere-
miticam rivere vitani scribis, vix imaginari possum; cum non modo
ibi Aula, Curia, Amasia; amabo num tibi male credam jam posse sub
tot vitae incentivis^? Sed qvo dilabor. Optimam tibi elige conditio-
nem cum tarn multae tibi occurrunt, tamen: Senecam sequere. Magni
animi est magna contemnere, ac mediocria malle, quam nimia"^, et
Catonem^
Kem tibi quam noscis aptam dimittere noli
Fronte capillata est, sed post occasio cal^a
si vero necessitas aliud svaserit, ob eandem cedendum erit. ISTecessi-
tati parere vel tempori eedere semper sapientis est habitum. Sed omnia
a Deo petenda et expectanda, qui bonorum omnium perennis fons est.
Ego hucusque domi substiti, substiti et in studijs fere: Neque enim
tam felicj pede solus decurri, quam sociatis alijs, Studium juris prae-
sertim facta conversione cum expertis et cottidianis discursibus animatus
Sic mi ergo usque in amoenae habitandum obscura Yacunae
Anh-a, nee unquam erit bis ferre pedem ex adytis!
Ah ne ita, ne musae cupiant, nee sinit Apollo.
Ad proximas Francofurtenses itaque Academiam pateruis redire sump-
tibus coget me occasionum summa raritas. Talern vero inhio, in Aca-
demiam revertendi et studia mea valent, vivunt; spes erat, sed jam
totum decoUavit; binas ad illas dedi'^. silont. Ast ubi, ubi sedem Musis
meis metaturus sum' ambigo, an Francof. Jenae, vel ubi ubi quilibet
locus placet, cum exceptione tamen talis imprimis, qui non tam corpori
sed et moribus salubris erit. Yale nunc, Opiti anime mi, et cura ut quam
primum conveniamus in Academijs.® Tunc consvetas illas n ostras ite-
1) Opitz machte von Heidelberg aus einen ausflug nach. Strassburg.
2) Es müsste, entsprechend dem „coimnorcre" heissen: „quac- grata."
3) Hier hat Sinner einige werte vergessen, wie überhaupt der ganze brief den
eindruck grosser fliichtigkeit macht.
4) Der satz „Magni — nimia" ist citicii; bei Palm a. a. o. s. 165.
5) Disticha Catonis U, 26.
6) Bezieht sich wol auf frühere mitteilungen. 7) so!
8) Demnach scheint Opitz noch 1622 die absieht gehegt zu haben, eine imi-
versität zu beziehen.
182 WITKOWSKI
rabimiis delicias; araantem alter alterum amplectemur, confabulabimus,
videbimus, cantabimus: Iterum vale et feliciter vive, proxime plm-a.
T.
qualem nosti
Gaspar Sinner.
Liibenus.
Doctissimo Dn: Martino Opitio LL. SS. studiosissimo Amico ac
fratri carissimo.
In der grossen Apoteck Licjnitx, abzugehen.
XLin.i
Andreas Senftlehen'^ an Christoph Coler. Breslan, 20. November 1631.
S. P. literas tuas quas 6. Novembris die, uti uidere est, ad me
destinasti, hodie tandem 19. eiusdem mensis, a quodani nostrorum con-
ciiiium Ruttardo^ accepi, ex qiiibus tuam in me bilem satis abundeqiie
coniicio, dum mihi succenses, de molestissimo illo tuo cum Müllero
negotio, quod tam lente hactenus in illo festinauerim; sed scias breui
uerbo, te mihi admodum hac in parte iniquum esse, quantopere enim
res tuas iterum iterumque urserim, testes erunt non leues istae rixae
inter me et dictum Müllerum, testis Opitius, et nonnulli alii, qui
harum auditores fuerunt homines; caussa autem quare illas ad te scri-
bere noluerim, duplex fuit, altera quod rixae tantum fuerint, et non
tractationes cortae, quae alioquin inter mitioris ingenii homines non
sine subsequente fructu instituuntur; heic autem uel nullus uel certe
exiguus est sperandus, dum post longas altercationes hoc tandem
responsi ab infensissimo mihi homine tuli: Er icoJte Dir zahlen, ivie
Du llime gearbeitet hättest, nndt iveilen begde BilchUn des Grotii et
Molinei* von dem Bogen ein halber Thaler mehr nicht als 11 Rthl.
oh7iegefehr aiistragen nmrden, du aber auch alreith durch Beföderung
des Fässlins von Strassburg etwas darauf bekommen hattest; so wolle
er dir den iwichstarult auf den Niclass iahrmarkt xue Bricg gutt macheji
lassen, er hatte sich nicht eingebildet , dass du so unbescheiden sein
soUest, und Ihm so ofte mahnen, da er sich doch mit Dir lange
1) Hs. E 251 nr. 75.
2) Siehe s. 24, anm. 4.
3) Matthäus Euttart oder Ruthald, gehören zu Bunzlau 1593, war pastor in
Tülendorf und Lüben, wo er am 4. märz 1642 starb. Opitz verfasste zu E.s hoch-
zeit 1618 ein deutsches gedieht von 72 Alexandrinern (Oesterley a. a. o. nr. 11;
Gedichte ausg. 1624 s. 42).
4) Petri Molinaei Tractat Von Erkändtnis Gottes Durch Einen Gelahrten Mann
in das Deutsche gebracht. In Vorlegung David Müllers 1631.
BRIEFE VON' OPITZ TXD MOSCHEROSCH 183
genung icegeii der version, an der doch nichts gutts ivelir, gedulden
und noch daxu einen andern correctorem halten müssen. Dein nähme
stündt in dem einen, du möchtest erst verantworten , tro du gc feilet
hast. Scommata reliqiia lubens hie praetereo Opitius etiam
aegre tulit liactonus, qiiod tili caiissa tarn strenims illiim saliitauerim ;
toties mihi tibiqiie siiiim spospondit aiixilium apud Illiistr. a Dohna,
quoties hoc ab illo petii, sed nimquam praestitit, caiitiis scilicet, ne et
ilie in aliorum commodiim gnarus , proprio excidat
XLIY.i
Stambiichblatt von Martin Opitz.
Tarn maliim est tacere miiltum,
quam malum est multiim loqui.
Ornatisso Yiro Job. Kuperto^
testandae benevolentiae
L. M. Q. adscripsi
Martinas Opitius.
Stetini Pomeranorum ^, ad d.
XII. ra. Januar. An. ]\n)CXXXIV.
Kd'/JuoTov ian yjjjaua rcaidela^ ßQOTolg.
15. Briefe ron Moselierosch.
XLY.5
Joh. Mich. Moscherosch an Matthias Machner. ^ Strasshurg,
10. Jan. 1652.
Tandem ad Te uenio, MI MACHNERE! qui ob probatissimam
mihi amicitiam unus ante omnes ahos merito compellari debuisses.
Binas tuas accepi, inuicti in me amoris testes, tam uero occupationi-
biis muneris mei praepeditus, ut ad Te uix nunc scribo'^; et certe, nisi
confessus secreta ruber
1) Hs. R 2306 nr. 14.
2) Sonst nicht erwähnt.
3) Opitz reiste von Colin an der Spree, wo er sich am 2. jan. aufhielt, über
Stettin zu den herzögen von Liegnitz imd Brieg nach Thora. S. s. 178 anm. 5.
4) so!
5) Hs. R 402 nr. 374.
6) Über Machuer und seine beziehungen zu Moscherosch siehe die einleitung.
7) so!
184 ■\VITKOWSKI
officii mo mei raonuissot, iiix nunc scriberem. Ignosce uero, non
necordiae, sed tarnen negligentiae, et hanc pone tibi experta manum
frequentiorera. Sed quid de Tiio statu? Dominus Hofmannus nondura
desideriis satisfecit, tarn ille intentiis Musis, ut raro amicos conueniat:
proinde tu fusius de te loquere ipse. Quid Elisii tui, mei quondam
amici et in itinere Gallico comites D. Joachimus Dyrbn in Sabor, Dn.
Georgius Fick, maxime uero Hartigioriun cordatior ille anünus Cbri-
stiani? miror hunc tam mei oblitum, cui tarn olim charus. Ego, ut
quae ex me quaeris, plenius habeas, in tertio aeque coniugio uiuo.
Eedux enim ex Gallia 1626. ^ duorum Comitum in Leyningen infelicis
aulae moderator, rixarum pertaesus biennio exacto uxorem duxi Estbe-
ram Ackermanniam Franckendalensem, uirginem modestissimam pien-
tissimamque. Anno 1630. nactus ab Barone in Crichangia aequam
satis praefecturam ad Lotbaringiae fineis, e quatuor liberis superstitem
ab ipsa unum, Ernestum-Ludouicum, iam Nobilissimi Suecorum Kesi-
dentis Snoilsk)'^ Francofurti domesticum; Keformatae Keligionis prior
illa erat; sed Dei bonitate nostrae fidei restituta defunctaque Anno 1632.
Vbi sequenti anno secundam sc. Mariam Barbaram Panicl nobilissimam
plane uirginem, sed Praefecti filiam et Catbolicam: quae tamen summi
Dei beneficio ad nos quoque rediit, et ad solennem reuocationis actum
Argen tinam festinans peste in obsidione Lotbaringica 1635. grassante
correpta in itinere obiit a/taig. Tertiam ducturus uirginem probatissi-
mam Annam Mariam Kilburgiam a Biedburg, in simul Illustrissimi
Croyae Ducis Praefecturam Comitatus in Vinstingen nactus, cum qua
bucusque pacate uiuo. Anno 1642. post mille pericula, expilationes,
morbos, ut uix ulluni mortaUum tot tantaque subiisse mala iurares,
Argontinae lus ciuitatis obtinui. Anno demum 1645. Fiscalis occu-
patissimam, sed satis probatam adeptus, in qua et nunc spiro prouin-
ciam: ex hac nxore tres filios, totidemque filias mihi habeo, quorum
maior natu studiis incumbit, caeteri adhuc domi educantur: haec tibi
quia iubes. Sed de Philandro quaedam innuis. - En tibi hominem
non nuper, sed semper fidum. Yultum nostin'P^ Credo equidem, et
amabis: tu fac idem et tui mihi Signum aliquod mitte. Fauentiorum
aliquis ut solent ante octiduum hanc mihi inscriptionem, eam tibi ut
1) Mosclierosch hatte 1620 — 1622 mit Machner zusammen in Strassburg stu-
diert, und 1622 — 1626 reisen durch Frankreich unternommen.
2) Es scheint, als hätte Machuer Philander von Sitte-\vald für- eine vonMosche-
rosch verschiedene persönlichkeit gehalten.
3) Das porträt, das Moschcrosch hier meint, -wird wol das im jähre 1652 von
Peter Aubry gestochene sein.
BHIKFE VON OPITZ UND MOSCHEROSCH 185
censeas mitto et lig-atani an solutam aliquam FjriyQacpjv, sed a Te tiioqiie
inarto factam oxpecto.^ talis uero erat illa.
Hie est insiguis ille litoraturae humanioris ciiltor, qui sub nomine
riiilaiidri a Sittewakl detestandas saeculi mores conceptissimis perstrin-
gendo nisionibus gratiam reportanit eam quam candidl quiuis et cor-
dati veritatis iiindices a deperditis expectare possimt nee timere debent.
Natiis is Wilstatii in Episcopatu Argentinensi 7 Martii 1601.'-
Nimis tribuit et tarn mihi quam inimicis ingrata: quid enim bis
opus? Biccius admodum documbit aegre meritissimus omnium doctor.
sed Tu commeandis inuicem literis uiam aperi, planam enim ad uos
ogo nondiun scio. misissem aliquid nugarum nisi sumptus prohiberent.
Et haec habe in antecessum contestandae pluribus tibi amicitiae. Vale
Argentinae X. Jan. 1652. quem tibi felicem et ex uoto
T. P.
DD.
Job. Mich. Moscherosch.
Clarissimo Consultissimoque Viro Dn. Matthiae Machnero Liberae
Yratislauensium Eeipub. a Consilio et sccretioribus expeditionibus,
Amico ueteri.
Bresslatv.
XLVI.^
Joh. Mich. Moscherosch an Matthias Machner. Sfrassburg, 23. Jan. 1653.
S. P. D. Nescio sane quibus silentium meum argumentis excu-
sai-e tibi, nisi malim in prioris effiigii ueritate persistere, atque occu-
patissimae proiiinciae taedia iustissimis tuis querelis opponere: licet
profectiones non unae atque acidularum usus non parum quoque otii
uigorisque mihi absumpserint. Ne uero arctioris uel accusationis uel
animaduersionis ansam tibi praebeam respondeo ad suauissimas tuas:
Et quidem de Insomni cura Parentum*, quem libellum iam nunc ite-
1) MachDer verfasste zu dem eben erwähnten porträt folgende Unterschrift:
Hie ille, Lector, exhibehir MOSCHEROSCH
Politioris literaturae Stator;
Quem seculi in juores Philander inrehens
Comvicndat Orbi: sed Fides d) Crux DEO.
2) Hiernach ist die bisherige datierung des geburtstags Moschcroschs (5. märz
1601) richtig zu stellen. Die ganze stelle macht den eindruck, als ob die „iuscrip-
tio" von Moscherosch selbst verfasst sei, um Machner eine vorläge für seine auf-
schrift zu bieten.
3) Hs. R 402 nr. 374.
4) Die trefliche Schrift „Insomnis Cura parcntiim Christliches Vermächtnuss
Oder Schuldige Vorsorg Eines Treuen Vatters" erschien zuerst 1G43, dann 1647.
Die ausgäbe von 1653 ist also die dritte.
186 wiTKowsia
rato ultimumque sub praelo habeo, qiiaesoque ut tuo elogio eundeni non
tarnen eundem, sed Christianismi et Liberorum curam breiii scilicet
Epigrammato, quod a Te, atqiie Excellentissimis Dnis. Kretschmaro,
felicissimoque Dno. Colero, si tale quid audere iusque et fas sinunt,
proxima occasione expecto, commendes. Hoc uero currente iam anno
praeter modo dictam curam nihil omnino mearum scriptionum lucem
uidit, nisi rüde isthoc atque exsuccum Carmen Germanicum D. I). Er-
harde Consiliario et Aduocato Augustano J). D. Biccii affini Amico meo
dictum 1, quod ut boni consulas pro more inter Amicos solenni etiam
rogo. a Biccio meritissimo omnium Doctore salutaris permanenter item-
que a üno Hoffmanno sedulo harum Responsionum monitore. Sed de
Visionibiis genuinis quod innuis, ita certe est, ut dixti'-; Editionem
Argentinensem Mulbianam pro mea agnosco.^ Vbi in duobus tomis
XIY. Visiones tantummodo leguntur. Caeterae quae VII aut YIII
tomis Francofurti apud Schoenwetterum in XII '^ ut uocant, prostant^,
adulterinae sunt, nee pro meis habendae unquam.
Egregii uero uersiculi tui, ut gratissimi, ita sancte mihi semper
habendi, et proxime pari si iusseris promtitudine corapensandi, tam me
orbi nostro commendant, ut fauentiori aliqua aura opus esse credam
minime. Tibi autem, mi Machnere, laus ista tota debetur, qui pro
amico tam fidenter facis, quod facis. Intcrea per obliquum et certe
nescius a quo aut per quem nactus sum paterna pro dilectissimo filiolo
Matthia tuo p. m. Suspiria: in quorum uicem Ernestinam Ameliara
meam repono, octo liberorum superstitum Pater. Ita tamen tenax
horundem tenerque ut quemcunque fata obire uoluerint, oculissimum
cum omnium reliquorum credam, et sie puto parentes meliores omnes.
At 0 quam belle seruati qui sie quidem abeunt, innoxii et innocentes
atque insontes, inque sentina Mundi nondum uolutati.
Dum hie finem facio, gratissimarum tuarum Februario anni huius
scriptarum inspectio illud Terentii'' mihi 'Dum moliuntur comuntur annus
est' obiicere uidetur, an non fatale hoc responsum dixeris, atque non-
nisi cum sole redeunte natum? Nee enim meliorem Terentiana laudem
1) Dies gedieht ist nicht erhalten. 2) so!
3) Gemeint ist die ausgäbe, welche 1650 in Strassburg bei Johann Philip
Mülbe und Josias Stadel erschienen war (Goedecke, Grundriss III- s. 234 nr. 9; vgl.
auch die bibüographie in Bobertags ausgäbe der „ Gesichte ", Stuttgart o. j. [1883]
s. XV).
4) Satyrische gesiebte Philanders vonn Sitte waldt. 7 bände. Frankfurt 1644 —
1647 (Goedecke IE* s. 233 nr. 3).
5) Heaut. II, 2, 11. Vgl. Umpfenbach z. st.
BRIEFE VON OFITZ UND MOSCHEROSCH 187
mercri possiim, amicoruni desideria in tot menses differre ausus. Ama-
bis nihilo secius pro candore tuo, non modo qui sat cito faciimt, sed
etiam qiü sat bene: optime scilicet, si ab aniore tuo, qui alius esse
nequit, extra omne meriti argumentum admissus fuero. Sicque uale
salue Tuae Ampi.
antiqua fide et cultu totus
Argentinae X. Kai. Febr. Job. Mich. Moscherosch.
1653.
Clariss". Consultiss^que Viro D. Matthiae Machnero inclutae Reip.
Vratisl. Consiliario, amico ueteri honoratissimo.
Bresslaiv.
XLYn.i
Joh. Mich. Moscherosch an Matthias Mackner. Strassburg, 23. Sept. 1653.
S. et A. paratissimum.
Gratias uero habeo magnas et pro merito Yobis Dno Kretschmaro
et Machnero meo, qui non amissum iudicastis tempus amicis impen-
sum uersibus; repono, ubi iusseritis, sponte enim ut rarissimo quid
pango. Dolor quem ex deformanda religione uestrates dolent, ualde
nos urget communi uinculo quo inuicem obstricti sumus. Vindicet
honorem et gloriam uerbi siii summus, et illuminet caeco pietatis ausu
debacchantes. D. D. Biccij salutem, qua ipsemet priuatus uix spirat,
renuncio: animam trahit meritissimus Doctor omni meliori corpusculo
dignus, certe saniori. Plura quae nunc scribam nee habeo, nee certe
uacat, Dno Hoffmanuo praesentes cursori tradendas postulante. Vidi
ante dies aliquot Christiani Hartigii, D. Med. Equitis D. Marci et Con-
sulis Zitta-Lusati, Freysteinij cuiusdam, nisi error est, libello inscrip-
tum nomen. Quaeso te mi Machnere restitue mihi ueterem istum Acha-
tem, candidissimum istud cor, et ab omni fuco uacuam animam, comi-
tem olim in Gallia multis modis probatissimum: ipsique salutem meo
nomine, de uiae enim commoditate nullus tibi haerere puto. praestabis
rem gratam, tibique ipsi gratissimam, ut inter amicos solet. Sed rumpo
hie: tradidi Dno Hoffmanno exemplaria noua duo, Insomnis meae
curae^, Dno Kretschmaro tibique per nescio quem perferenda. Yalete
interea a uestro
Clarissime Machnere
Desiderantissimo
Argentinae ipso Aequinoctio J. M. Moscherosch.
autumnali 1653.
1) Es. E 402 nr. 375.
2) Siehe s. 185, anm. 4.
188 WITKOWSKI, BRIEFE VON OPITZ UND MOSf'HEROSCH
Clarissiino consultissimoque Viro Dno Matthiae Maclmero, ßeip.
Yratisl. Secretario annco iieteri obseruando.
Bresslmv.
Zirey Exetnjjlaria Insomnis meae curae Herrn Johann Besser von
Leypxig xuiustellen der sie seinem Schwager, Herrn Johan Zan-
gen XU Bresslau vberschicken icoUe.
XLYIII. 1
Joh. Mich. Moscherosch an Matthias Machncr. Frankfurt [a. M.],
24. Jujii 1658.
Nobiliss*" et Amplissime Vir
Fecit me certiorem de iiita tua atque sanitate Yir clarissimiis
Dns Beyerus, in hesterna apud Reuerendissimiun Dnm. Dr. "Wellerum
coena commensalis. Laetor sane te mihi iis in locis adhuc siiperesse
amicum atque fautorem. Ego Consiliarii apud lUustriss. Comitem in
Hanau fungor muncre-: cum quo in Electiuis hie haereo Eminentissimo
Moguntino Archi Episcopo inter Comites Status. Si ueteris amicitiae
uigorem pristinum uolueris, scribe quaeso, et inter alios Hartigium
meum ad similes bonae mentis actus mone et Vale ab Amplitudinis
Tuae ueteri atque inueterata fide
Francofurto^ 24. Junii Cultore
1658. Joh. Mich. Moscherosch.
Ampliss*' Consult^q. Viro Matthiae Machnero, Keip. Vratisl' a
Consiliis secretisque amico ueteri, Dominoque suo.
1) Hs. E 402 nr. 376.
2) Moscherosch befand sich in dieser Stellung seit 1656.
3) so!
LEIPZIG, GEORG WITKOWSKI.
EEX MOETIS.
Carl Müller in der vorrede seiner ausgäbe von Martin Rinckharts
reformationsspiel „der Eislebische christliche Ritter aus dem jähre 1613"
in den neudrucken deutscher litteraturwerke des XVI. und XVII. Jahr-
hunderts nr. 53 und 54 (Halle a/S., Max Niemeyer, 1884) zählt die ihm
bekanten Überlieferungen der fabel von dem toten könige auf, nach
dessen leicham seine söhne mit dem bogen schiessen, damit an dem
besten schusse der echte thronerbe erkant werde. Diese fabel bildet den
PETEKS, REX MORTIS 189
rahmen, iu welchen die einzehien ereignisse der reformation, insbeson-
dere Luthers wirken in den jähren 1518 — 25 unter der form der
allegorie wunderlich und für unsern geschmack ungeniessbar eingefügt
werden. Die quelle, aus der Einckhart geschöpft hat, findet Müller
mit recht in dem Theatrum vitae humanae. Besonders spricht dafür
der umstand, dass allein bei Einckhart und in der angegebenen quelle
das ereignis in Scvthien vor sich geht. Dankenswert ist auch die samlung
der übrigen Versionen dieser uralten, offenbar auf dem Salomonischen
urteil 1. Könige 3, 24 beruhenden fabel. Unbekant ist ihm geblieben,
und es konte auch nicht anders sein, dass schon 100 jähre fi-üher, näm-
lich im jähre 1510 dasselbe sujet gegenständ einer dramatischen bear-
beitung gewesen ist und zwar in einer von den aufgezählten Versionen
abweichenden fassung. Nämlich in den von 0. Zingerle zum ersten
male aus den in Sterzing aufgefundenen manuscripten des Yigil Eaber
herausgegebenen fastnachtsspielen (Wiener neudrucke 9 und 11) findet
sich unter III s. 37 fgg. ein fastnachtsspiel unter folgendem titel: Eex
mortis. Das spiel von dem Toten künig mit den dreien Seiner Sün,
Avobei rex mortis und zum schluss des dramas s. 46 im personenver-
zeichnis mors rex in dem barbarischen latein Eabers „der tot könig"
bedeutet. Hier ist nun die fabel folgende: Zur zeit des römischen kai-
sers Adrian US lebte im Baiernlande ein heidnischer könig, welcher
neben seiner ehelichen gattin noch ein kebsweib sich hielt. Von die-
sen beiden hatte er drei söhne, aber nur einer war in rechtmässiger
ehe geboren, und der könig nahm sterbend das geheimnis mit ins grab.
Der kaiser Adrianus, als Schiedsrichter aufgerufen, lässt den toten
könig wider ausgraben und befiehlt den söhnen nach ihm zu schiessen.
Wessen pfeil dem herzen zunächst ti-effe, der soUe der erbe sein. Der
erste söhn rühmt vor dem kaiser seine geschicklichkeit, ruft Jupiter an
und schiesst, ebenso tut der zweite, nachdem er den Mercurius ange-
rufen. Der dritte söhn aber klagt bitter über das ansinnen, nach dem
vater zu schiessen. Er verweigert den schuss und wiU lieber ins elend
gehen. Da spricht Adrianus die sentenz, dass dieser der rechte söhn
und erbe sei, und seine rate erkennen ebenso. So wird der gerechte
söhn könig in Baierland und gelobt dem kaiser, ihm und dem römi-
schen reiche mit leib und gut zu diensten zu sein, während die beiden
ungerechten söhne, räche drohend, von dannen ziehen.
BERLIN, DEN 1. MÄRZ 1888. EMIL PETERS.
190
BEITElGE ZU KLOPSTOCKS MESSIAS. ^
III.
Das gcricht über die bösen köiiige,
ein Messias -fragmeut.
Klopstocks umgestaltende und verbessernde tätigkeit am Messias
imd an den öden war schon mehrfach gegenständ litterarischer for-
schung. Aber ein grosser teil des uns vorliegenden materials zur
kritischen feststellung der texte Klopstockscher dichtungen bedarf
noch eingehender nachprüfung, wenn es überhaupt als sichere grund-
lage einer kritischen ausgäbe seiner werke dienen soll. Nur eine
flüchtige einsieht in die in den einzelnen Sammelwerken und Zeitschrif-
ten verstreuten nachdrucke Klopstockscher originale beweist zur genüge,
welche geringe Sorgfalt abschreiber und drncker auf richtige widergabe
der Klopstockschen texte verwendeten. Ich verweise nur beispielsweise
auf den von Klamer Schmidt (Halberstadt, 1810. 2 bde.) herausgegebenen,
von Back und Spindler (Leipzig, 1830) nachgedruckten „Briefwechsel
der familie Klopstock" usw., der in der widergabe der ursprünglichen
lesarten an flüchtiger und fehlerhafter collation nichts zu wünschen
übrig lässt. So bedarf schon das in Klopstocks brief an Gleim, Ko-
penh. den 13. juli 1751, beigebrachte citat aus dem Messias, ganz
abgesehen von wilkürlicher änderung der Interpunktion und der Klop-
stock eigenen Orthographie, einer reihe von Verbesserungen. In zeile 5
soll es anstatt: „nie" „niemals", daselbst anstatt: „ertragen!" „ge-
tragen!" heissen; so auch in zeile 11 anstatt: „Von dem fliegenden"
„Vom hinfliegenden", in z. 13 anstatt: „Denn" „Dann", in z. 18
anstatt: „die Erde!" „der Erde!" das. „die Erden" und nicht:
„die Erde." Ebenso niuss es in dem im briefe vom 18. sept. 1751
enthaltenen odenfragment „in jene Welt" und nicht „in jener Welt"
heissen; in dem odenfragment, Klopstocks brief an Gleim vom 1. märz
1766, „der Fern" und nicht: „der Ferne"; ebensowenig bildet in dem
epigramm ,,An die Engländer" (Klopstocks brief an Gleim vom 19. febr.
1752) die vorlezto zeile einen selbständigen vers, sondern gehört nach
dem manuscriptoriginal mit der vorhergehenden zeile, die überdies
gleich ungenau collationiert ist, zu einem versganzen. Was hier bei
einzelnen proben nachgewiesen wurde, gilt von der ganzen samlung;
Klopstockforscher werden hier wie an vielen anderen orten so manche
1) Vgl. band Xm, s. 57 fgg.
PAWEL, ZU KLOPSTOCKS MESSIAS 191
veriiTung' gut zu machen haben. Selbst die in Schnorrs Archiv nach-
gedruckten Klopstockschen originale können von dem hier algemein
ausgesprochenen tadel kaum freigesprochen werden. AVer beispiels-
weise die von Franz Muncker im XIL bände des Archivs nach einem
in Gleims nachlasse sich befindenden manuscript abgedruckten öden:
„Salem" und „An Gleim" mit den originalen selbst vergleicht, wird
eine reihe von wesentlichen abweichungen finden. So schreibt Klop-
stock in der ode „An Gleim" v. 13: „den" und nicht: „die Flatterer",
in V. 35: „umhaint" und nicht: „umschirmt." Nur ein massiger ken-
ner der Klopstockschen liandschrift hätte diese Klopstock ganz eigene
bezeichnung herausfinden müssen. Diese lesart wird auch durch die
von Gleims band herrührende abschrift eines späteren Klopstockschen
Originals näher begründet:
„Das der Dritte gepflanzt, und es, mit Phöb Apolls
Lorbeer h a i n e n umflattert "
Y. 45 schreibt Klopstock: „i?egiücktester" und nicht: „beglück-
tester", V. 48: „aufbewahrt!" und nicht „aufbewahrt." V. 49: „verkün-
digte;^" und nicht: „verkündigte", v. 60: „auf!"" und nicht „auf!"
ebenso v. 41: „„Lern" und nicht: „Lern"; auch schreibt Klopstock:
„Lorbeer", „gieng", „seyn", „wandt" usw. Freilich triff hierin den
herausgeber der öden, einen der tüchtigsten Interpreten Klopstocks,
dessen sonstige bearbeitungen sich durch besonders eingehende soi-g-
falt und durch seltene akribie auszeichnen, keine schuld; er brachte
die texte auf grundlage einer „diplomatisch genauen" (?) abschrift,
die ihm aus der sichersten quelle, aus der band des damaligen con-
servators der Gleimschen Stiftung, zugekommen war. Aber alles das
mahnt zur grösseren vorsieht auf dem gebiete der coUationen von
Varianten überhaupt und von Klopstocks dichtungen im besondern.
Es ist längst angemerkt worden, mit welcher Sorgfalt Klopstock seine
dichtungen umgestaltete. Änderungen aber und Verbesserungen, „die
ein dichter, wie Klopstock, in seinen werken macht, verdienen nicht
allein angemerkt, sondern mit fleiss studiert zu werden. Man studiert
in ihnen die feinsten regeln der kunst. Denn was die meister der
kunst zu beachten für gut finden, das sind regeln", die keinesfals wil-
kürlich geändert werden selten. Diesen bedeutsamen ausspruch tat
kein anderer als Lessing, welcher bekantlich den Klopstockschen Varian-
ten mit besonderem fleisse nachspürte. Nur dann, wenn die einzelnen
originale und nachdrucke bei allenfälligen abschriften genau und scharf
prüfend neben einander gehalten werden, wird auch so manche lücke
auf dem gebiete der Klopstockschen textkritik ausgefült und nur dann
192 PAWEL
werden aiicli für eine historisch kritische ausgäbe seiner werke über-
haupt verwendbare vorarbeiten geboten werden können.
Durch mitteilung des oben genanten Messiasfragmentes soll im
kleineu einer kritischen ausgäbe des Messias vorgearbeitet werden. Das
manuscript, von Klopstocks band, [Messias, XVIII. Ges. v. 722 — 845]
befindet sich in Gleims nachlasse zu Halberstadt und ist einer samlung
von briefen zwischen Klopstock und Gleim (nr. 18) beigebunden. Das
fragment war bereits vor dem 19. Oktober 1751 vollendet. Man ver-
gleiche hierzu Klopstocks brief an Hagedorn, Koppenhagen, den 19. Ok-
tober 1751: „Ich habe heute einen zu starken Posttag, als dass ich das
versprochene Gericht über die bösen Könige mitschicken könnte."
Hiezu macht Lappenberg (Briefe von und an Klopstock. Braunschweig,
1867 s. 470) die wunderliche bemerkung: „Ein gedieht dieses Inhalts,
unter dieser oder einer ähnlichen bezeichnung, ist nicht bekannt." (!!)
Das fragment bildet einen teil des Weltgerichtes, an dem lOopstock
bereits im juli desselben Jahres arbeitete. Er schreibt darüber an
Schmidt, Friedensburg, den 20. juli 1751: „ich schleiche mich in die
Einsamkeit, und lese, oder viehnehr ich denke (denn das ist das rechte
Wort) im Young, arbeite am Weltgerichte." Eine frucht dieses Stu-
diums war auch die demselben jähre angehörende ode „Friedensburg."
Man vgl. hiezu v. 5 und 6:
„Lass denn, Muse, den Hain, wo du das Weltgericht,
Und die Könige singst, welche verworfen sind!"
Auch die vorhergehende ode: „Friedrich der fünfte. An BernstorfP, und
Moltke." zeigt beziehungen auf die episode vom Weltgericht.
Man vgl. V. 31 und 32:
„Auch wird, jenen furchtbaren Tag, den die Sionitin
Jetzo stammelnd besingt",
Die fassung des fragments selbst zeigt wesentliche abweichungen von
allen späteren lesarten und bietet einen neuen beweis, mit welcher Sorg-
falt und wie unermüdlich Klopstock bei seinen änderungen in bezug
auf silbenmass, w^olklang und tonausdruck „raffiniert" hat. Zur ver-
gleichung der texte wurden nur die Originalausgaben des Messias ange-
zogen, und zwar Halle, 1773; Altena, 1780 (1780^ mit der gewöhn-
Uchen, I78O2 mit der damals Klopstock üblichen Orthographie); ferner die
lezte ausgäbe (gross quart) in den sämtlichen werken bei Göschen, Leip-
zig 1799, die, was unser fragment anlangt, mit der gleichzeitig ausge-
gebenen gross 8-ausgabe (7. band, 1800) übereinstimt. Zum vergleiche
wurde auch noch die spätere 8-ausgabe (1821) berücksichtigt, welche
zu laOPSTOCKS MESSIAS 193
manche beinerkeus werte abweicliung- bietet.^ In allen fällen sind der
volständigkeit halber auch die geringsten Verschiedenheiten angemerkt
worden.
Messias, XVIII. ges.
Nun erhub sich vor meinen Augen des ewigen Todes
Bängste Gestalt. Gewaltiger hat kein Gedanke den Umkreis
Eines {corrig. a?^s Einer) unsterblichen Geistes {corr. awsSeel), und jede
mystische Tiefe
Seiner Empfindung erschüttert, als dieses Grauen mein Herz traf. 725
Denn die entehrtesten aller Sünder, der kriechenden Menschheit
Erste Schande, die tiefsten des Staubs, dem der Richter nie Zorn
schwur:
Dafs er Staub scy! die bösen Könige kamen, das Urtheil
Ihres Todes zu hören. Sie rief kein Donner vom Throne
In das Gericht, nicht der Schall der Posaune. Lautweinendes
Jammern, 730
Wie vom Schlachtfeld herauf, noch sterbende Seufzer der Sünder,
Die sie, ins Elend hinuntergedrückt, zu sündigen zwangen,
Rief sie mit tausendmal tausend Stimmen, vor Gott zu erscheinen!
Und sie kamen. So wandelt der Tod ! . . . Ein Mann , der im Leben
Einmal durch sie zum Elenden ward, und dennoch gerecht blieb, 735
Stand von seinem Stul auf, und schwur zum Thron hin: Ich lebte.
1) Wo alle ausgiibeu übereiiistimmen, bringe ich. uur die lesartcn von 1799.
Einzelne abwcichungen werden besonders erwähnt.
V. 722 — 723: Ach auf Einmal erhub sich vor mii- des ewigen Todes
Fürchterlichste Gestalt. So hat kein Gedanke den Umkreis
V. 724: jede geheimere Tiefe
- 725: traf!
- 726: aller Gcfallnen,
- 727: Staubs, (Gott [1773: Staubs Gott 1780: Staubs, Gott] schwur ihm in [1821:
im] Zorne,
- 728: 1780: sey!) die
- 729: Sie ruften [1773, 80: riefen] nicht Donner
- 730: nicht der Hall [1773, 80: nicht Hall] der Posaune! röchelndes [1773:
Röchelndes] Jammei'n,
- 731: Wie von dem Schlachtfeld [1780., Schlachtfeld'] her, noch sterbendes Seufzen
- 732: Die, ins [1773: Die sie, ins] Elend hinuntergestüi'zt, [1773, 1821: hinunter
gestürzt,] sie zu [1773: zu] 1773: zwangen! 1821: zwangen.
- 734: So wölkt sich die Nacht. Em Mann,
- 735: Elend durch ihrer Einen ward, und dennoch
- 736: Stuhl auf, schwur zu dem Richter: Ich lebte; [1773: lebte]
ZEITSCIIKH-T F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 1 3
194 PAWEL
In drey Söhne verbreitet, flofs mir mein niedriges Leben
Dennoch heiter; bis jener unmenschliche lächelnde Mann kam,
In sein Gold sich setzte, die Edlen im Elend verkannte,
DaTs sie wurden, wie er. Da starb ich. Du hast sie gerichtet! 740
Eichter! Verwirf ihn von deinem Antlitz! Er raubte mein Blut mir!
Schuf es nach seinem Bild, und entrifs es den Armen der Unschuld!
Kicht ihn vom Thron her, du Mann der ersten Unschuld! Es komme
Über ihn aller Verwesenen Blut, die er elend gemacht hat!
Und aus ihrer Herrlichkeit standen mit richtenden Wunden 745
Sieben Märtyrer auf: „Wir heifsen Tausendmal Tausend!
Euerem wütenden Auge wars Wollust, uns sterben zu sehen,
Und wir sündigten nichts! Der sichere Yogel im Haine
Sang dem Schöpfer sein Lied! Wir aber durftens nicht singen!
In der Gebirge verödete Kluft, zu den Gräbern der Todten, 750
Wo der Brüder Gebein, mit bethränten Blumen gekrönet.
Reifte dem Tage der Auferstehung, verfolgten die Boten
Eurer Wut uns, und liefsen nicht ab, mit dem Blute der Christen
Ihre Schwerter zu tränken; bis allgemeines Verstummen
Der Erschlagnen; die furchtbare Stille des Todes; noch Blicke 755
Sanfter gebrochenen Augen zuerst die Unmenschlichen schreckten,
V. 7.37: verbreitet, entflofs
: 738: heiter, immenschliclie,
- 739: die leidenden Guten [1773, 80: die Guten iin Elend] verkannte,
- 740: wurden wie er!
- 741 : Eichter, verwirf Antlitz. mir,
- 742: Bild', dem Ai'me
- 743: Eicht' [1780, Rieht] ihn, rieht' [1780., rieht] ihn, du Unschiüd.
- 744: aller Verworfenen [1773: Verworfnen] Qual, [1773, 80 Quaal,] die
- 745: 1780 ohne absatx, — Aber aus ihrer mit schreckenden
- 746: auf: [1773: auf;] AVir heisscn [1780 heifsen — so inwier — ] hundei-traal hun-
dert!
- 747: Eurem wüthenden [1773 wütenden] Auge wars Lust, sehen;
- 748: nichts. 1773: sichre alle ausy.: im Walde
- 749: Lied; 1773: dui'ften's alle aiisg.: singen.
- 751: Wo mit bethränter Blume [1773, 80: bethränten Blumen] Gebein der Brü-
der [1773, 80: der Brüder Gebeine] begraben
- 752: Lag, [1773, 80: Lagen,] und reifte [1773, 80: u. reifton] dem Tage der Tage,
folgten [1773, 80: verfolgton] die Bothen [1773: Boten]
- 753: Wuth [1773: Wut] ab mit der Christen Blute [1773: ab, mit dem Blute
der Christen]
- 754: 1773: Schwerdter tränken, alle ausg.: bis ringsumher der Erschlagnen
- 755: Stumme Lippe, des Todes entsetzliche Stille, noch Blicke
- 756: gebrochener [1821: gebrochner] zuletzt die schi-eckten
zu KLOrSTOCKS MESSIAS 195
Dass sie flohen, ii. ihnen die stillen Lüfte des Haines
Wurden zum Sturmwind ! Zur Mitternacht jeder leichtschwebende Schatten
Aber ihr zittertet damals nocli nicht auf dem blumichten Lager
Eurer Wollust, und dicht vom unmenschlichen Schmeichler belagert. 760
Schaut nun empor, u. seht! die alle habt ihr getödtet!
Schaut auch gegen ihn auf, den Erstgebornen vom Tode,
Wenn euer Blick es vermag, der Gottheit Schrecken zu schauen!
Jesus, heisset sein Namen. Ihr hörtet auch vormals den Namen
Auf der Erde. Da hörtet ihr noch nicht Stimmen der Donner, 765
Wenn ihr hörtet den Namen, den alle Himmel itzt nennen.
Also sprachen die Zeugen voll schöner Wunden. Nach ihnen
Hub ein gerechter König sein selig lächelndes Aug auf.
Schaut auf die Frommen. „Wie kann ich sie nun mit Namen nennen
Jene Ruh, die itzo mein Herz mit Seeligkeit füllet! 770
Wie aussprechen den Lohn, den theuern Lohn, dafs ich ein Mensch
blieb !
Nie, vom Glänze der Hoheit geblendet, vergafs, dafs ich Staub war!
Auch dem Tode bestimmt! wie jene, die ich beherrschte.
Seyd mir gesegnet, ihr sanften, u. süssen, ihr seligen Stunden,
Da mein Auge, beym Anblick der Angst, die Yerlassene fühlten, 775
Still in Thränen zerflofs, u. dann das Ende des Kummers
V. 757: die leisen Lüfte der Wiilder
- 758: Stürme Avurden, und Mitteruaclit der schwebende Schatten!
- 759: zittei-tet da noch [1773: damals noch] blumigen
- 7G0: Eures Schwelgens, und dicht vom unmenschlichen Schmeiclilcr umräuchert.
- 761: seht: Die [1773: seht, che]
- 762: 1773, 80: Erstgebohrneu 1821: erstgebornen
- 763: Wenn ihr vermögt der [1773: vermögt, der] Gottheit allmüclitigcs Schrecken
zu schauen.
- 764: heilst [1773, 1821: heifset 1780: heisset] sein Namen! [1780: Nahmen! —
so immer — ] Ihr hörtet vormals
- 765: Erde; da tönt' es noch nicht mit der Stünme [1773, 80: mit Stimmen]
- 766: nennen!
- 767: 1780: oh)ie absafx..
- 768: 1780: Hob 1799: seligliicheludes [1773: selig lächelndes] Aug'
- 769: Blickt' auf die Frommen umher: AVie kann ich. mit Namen sie nennen,
[1773, 80: nennen]
- 770: Diese Ruhe, jetzo [1773: jezo] füllet?
- 771: den festlichen Lohn, nur, dass ich blieb?
- 772: von dem Glänze der Gröfse [1780: Grösse] war?
- 773: 1799: bestimmt, wie jene, welch' [1780: welch] icli belierrschte?
- 775: Da mein Herz bey der Angst Anblick,
- 776: Gerne menschlich zertlofs, und dann dem Ende
13*
196 PAWEL
Schnell herbeyrief. Es war schon Beloniing, ihr dankendes Auge
Voll vom heiligen Schauer der Menschlichkeit vor mir zu sehen!
Ach, schon Kronen genung, das anzublicken! Doch hat mir
Der auf dem Thron, der unendlich belohnt, wie er selber ohn Ende 780
Noch mehr Freuden, u. Ewigkeit zu den Freuden gegeben!
Drauf erhub der Yerworfenen einer seinAntliz vom Staub auf,
Wo er gerichtet stand, u. strekte die zeigende Rechte
Zu den Königen aus. So sprach der Verworfne: Mein Leben
Ist mit Schande bedeckt! Ich bin ein gerichteter Sünder! 785
Kenne sie nicht die Hoheit der Seele, die jene Gerechten
Über den Staub der Erden erhub; u. dennoch empfind ichs:
Dafs ihr die Schande der Menschheit! vor allen Gehörnen der Erde
Die Unheihgsten seyd! so lange die Sünde geherscht hat,
Und sein Gericht das Gewissen nur noch im Stillen gehalten, 790
Welches an diesem Tage der Angst nun nicht mehr betäubt wird !
Dieses sagt er. Es hatte sich lange mit Schrecken des Todes
Seraph Eloa gerüstet. Die Rache glüht ihm im Auge!
Sein eröfnetes Buch hieng durch die Himmel herunter;
V. 777: Eilend rufte. Scliou war es Belohnung, Auge, [1773, 80: Auge]
- 778: Voll von dem Menschlichkeit, [1773, 80: Voll von der Menschlichkeit hei-
ligem Schauer (1780 Schauer,)]
- 779: "War schon Kronen genug, [1780: genung,] doch giebt mir, [1773: mir]
- 780: Siehe, [1773 Siehe] der Herrschende, welcher unendlich belohnt, vne er
selbst ist,
- 781: Seiner Freuden noch mehr, zu den Freudon!
- 782: 1780: ohtie absatK. 1799: Nun erhub Einer Staube,
- 783: zeugende
- 784: Nach den aus;
- 785: ich bin
- 786: Kenne der Seele Hoheit nicht, [1773, 80: Kenne sie nicht die Hoheit der
Seele,]
- 787: Staub der Erd' erhob; [1773: erhub;] ich's,
- 788: Dafs ihr der [1773: Dafs der] Menschheit Erniedruug, vor allen Erdegebor-
nen, [1773: vor allen Gebohruen der Erde,]
- 789: Ihr die unheiligsten [1773, 80: ün heiligsten] seyd, so laug [1773,80: lange]
geherrscht
- 790: in Stillem
- 791: Aber das nun an dem [1780: am] Tage der Rache nicht [1773: Welches an
diesem Tage der Rache nicht]
- 792: 1780: ohne absatx 1799: Also [1773, 80: Dieses] sagt' er. laug [1773, 80:
lange] mit tödtendem Schrecken
- 793: glüht' [1780., glüht] in dem Aug' ihm!
- 794: Sein gefürchtetes [1780: geöffnetes 1773: geöfnetes] Buch hing [1773: hieng]
herunter.
zu KLOrSTOCKS MESSIAS 197
Und er hielt es empor, da rauscht' es der Sturmwin-de Ranscheu! 795
Also sprach er: Es ist mit keinem Mafse gemessen!
Nicht mit Zahlen gezählt, euer Elend! Ihm fehlen die Namen!
Weh euch, dafs ihr geschaffen seyd! Weh! u. Verderben ohn Ende,
Euern Seelen! Ihr habt der Menschheit heiligste Würde
Tief herunter entweiht! Sie hätten selbst Engel mit Jauchzen, 800
Und mit tiefem Gebet von der Könige König empfangen!
0! Ihr standet erhaben! das ganze Menschengeschlecht stand
Um euch herum versammelt! Weit war der Schauplatz, der Lohn
grofs,
Menschlich u. edel zu seyn! Die Himmel sahn euch! Es wandten
Alle Himmel ihr Angesicht weg, wenn sie sahn, was ihr thatet. 805
Wenn sie sahn die unmenschliche Schlacht! den ewigen Schlummer
Eurer Augen, dafs unter euch drückte der kriechende Liebling!
Keine Tugend belohnt, u. keine Thräne getroknet!
Geht nun, ihr fülltet euer Ohr mit der süssen Unsterblichkeit Schalle!
Geht! Ihr habt sie erlangt, doch die nicht, die ihr euch träumtet! 810
Eure Namen sind ewig, vom tiefsten Pöbel der Geister,
Mit den nächtlichen Flüchen der Hölle, genennet zu werden!
V. 795: Und der rollt's aus einander; 17800: rauscht 1799: es Rauschen, des
Stiu'mes !
- 796: 1780: Masse 1799: gemessen, [1773: gemessen]
- 797: Euer Elend! die Zahl zählt's nicht, [1773, 80: nicht Zahlen zählen's! (1780
zählens !)]
- 798: 1821: Weh' 1773, 80: ihr seyd ihm geschaffen! AVeh, ohn'
- 799: Euren
- 800: entweiht. Sie hätten Engel
- 801: Und mit weinendem Dank [1773: Dank,] König' [1773, 80: König]
- 802: 0 ihr [1773: 0, ihr] erhaben! um eure Throne versammelt,
- 803: Stand das Menschengeschlecht! Weit
- 804: 1773: die 1799: euch.
- 806: "Wenn sie sahen den mordenden Krieg, des Menschengeschlechtes [1773:
Ki'ieg; (des]
Brandmahl [1773, 80: Brandmaal] alle Jahrhunderte durch! der untersten
Hölle
Lautestes [1773: Lautestes,] schrecklichstes Hohngelächter! [1773: Hohnge-
lächter!)] den ewigen Schlummer
- 807: neben euch
- 808: getrocknet!
- 809: Geh nun, du fülltest dein Ohr mit der süssen [1773: süfser 1780: süsser]
- 810: Geh, du hast sie erlaugt; welche du ti'äumtest!
- 811: Ewig ist euer Name; [1773: Name, 1750: Nähme,] A'om untersten [1773,80:
letzten] Pöbel der Seelen
- 812: Mit den wildesten Höhe genannt [1773, 80: H. genennet]
19S l'AWEL, ZU KLOPSTOCKS MESSIAS
Euro Tliaten sind, in des Abgrundes eherne Berge,
Tief, in langen unendlichen Reihen, mit Feuer gegraben!
Alle mit ihrer eignen unsterblichen Schande gebrandmarkt! 815
Da ist nun kein Tempel der Ehre! da blühet kein Lorbeer,
Euern Häuptern zur Krone zu werden ! Da tönt kein Triumphlied
Euch durch hohe Gewölke von Siegesbogen zu singen!
Aber Jammergeschrev, und dumpfe Stimmen des Blutes,
Das ihr vergofst, und das ewig vor euch in Nächten vorbeysti-ömt ! . . . 820
Dafs die Wölk am Throne mit ihrem Donner sich waffne!
Und mit eisernem Gange die Todesengel dahergehen!
Dafs mit der Sturmwinde Schwung die Gerichteten alle sich heben,
Und hinabselm ! . . . Der Richter steht auf! und die Himmel verstummen !
Und der Richter stand da; .. schaut auf die Könige nieder ..825
Wandte sein Antliz, und schwieg! Da er sein Angesicht wandte.
Bebten unter der Könige Fufs die Trümmern der Erde!
V. 813: sind [1773: sind,]
- 814: Dort, in langen unendlichen Reihn, [1773, 80: Reihen,] gegraben,
- 815: Alle zu kennen, an der [1773, 80: an ihrer] eignen unsterblichen Schandel
- 816: Da, da ist kein Tempel des Ruhms, [1773, 80: der Ehre,] da sprosset kein
Lorber, [1773: Lorbeer,]
- 817: Eures Hauptes Krone zu werden, da
- 818: Euch, mit Ehrenvergeudung, mit hohes Preises Ergüsse,
Jedem Zauber des Stolzes, durch Siegesbogen zu singen:
- 819: und schreckliche Stimmen
- 820: und AVuthausruf, und Verwünschung zu neuer
Grösserer Qual [1773, 80: Quaal] erschallen vom Überhange der Berg' euch,-
Euch aus der ewigen Nacht herdrohenden grausen Gewölben! [1773, 80:
Eelsengewölben !]
- 821: Wölk'
- 822: Gang [1773: Gange] herabgehn!
- 823: Dafs die Gerichteten alle die starrenden Augen erheben,
- 824: Nach dem Thron schaun! Denn die Entscheidung fasset die Wage;
Anstatt V. 825 — 827:
Bald, bald schwebt in die Himmel hinauf die steigende Schale!
Also [1773: neuer abschn.] ruft' [1773, 80: rief] er. Allgegenwärtige
schauernde StiUe
Hatte sich über die Erd", und über den Himmel [1773, 80: üt)er die Him-
mel, und über die Erde] gebreitet.
Heilig [1773: ohne absat^]^ und hehr, und schrecklich war des Rich-
tendon Horschaun! [1773: Ansehn;]
Allmacht strahlt' er, und Zorn! [1773: Zorn.] Er blickt' auf die Könige nieder.
Wandte sein Angesicht, schwieg. Als er sein Angesicht wandte.
Schauert' [1780., Schauert] es unter der Könige Fufs in den Felsen gebirgen;
[1773, 80: weiten Gefilden;]
Cr. KETTXER, ZU LKSSIXGS HAMB. DRAMAT. 199
Kam ein »Sturmwind vom Tliron, ii., in den iSTächtcn des Sturm-
winds,
Alle Todesengel herab. Die Könige flohen.
Kein Erdbeben erbarmte sich ihrer, sie von dem Anschaun 830
Und dem kommenden Fufs der Todesengel zu decken.
Schnell erblickten wir ihi-en Gerichtsplatz, leer und verlassen.
Und vernahmen von fern der Hölle dumpfe Gewitter,
Die sich aufthat! ... dann zuschlofs! ... Schon kamen am äufser-
sten Himmel,
Der den Gerichtsplatz umgab, die Todesengel. Sie trugen 835
Ihre "Wetter empor, und sangen Jubelgesänge.
V. 828: Kam ein Sturm von dem Thron, und des Sturmes, [1773, 80: Sturmes]
- 829: flohen!
- 830: sie, vor dem Anschaun,
- 831 : Und dem kommenden Schweben
- 832: Ein Gedank'; [1773, 80: Ein Gedanke;] und wir sahn die umleuchtete State
[1773, 80: so sahen wir die State] verlassen
- 833: Hires Gerichts: noch Einer; so hörten wir donnern die Hölle,
- 834: Welche sich [1773,80: Die sich] öffnete! schlofs! Schon kamen, am äufsor-
sten Himmel
- 835: Um den Gerichtsplatz her, die Todesengel. Sie hielten
- 836: Schwarze AVetter Jubelgesänge!
wÄURING-^^^Ex. j. pawel.
EIN SCIIEEIBFEHLEE IN LESSINGS HMIBUEGISCHEE
DEAMATUEGIE.
Im 3. stück der Hamb. dramat. erörtert Lessing die fi-age, Avie
Sentenzen inmitten leidenschaftlich erregter stellen vorzutragen seien.
Die dabei anzuwendende gestikulation schildert er im anschluss an die
natürliche haltung unseres körpers in solchen scenen (s. 18 L.) folgen-
dermassen: „Wenn in einer heftigen Situation die seele sich auf einmal
zu sammeln scheint, um einen überlegenden blick auf sich oder auf
das, was sie umgibt, zu werfen, so ist es natürlich, dass sie allen
bewegungen des körpers, die von ihrem blossen willen abhangen,
gebieten wird. jS'icht die stimme allein wird gelassener, die glieder
alle geraten in einen stand der ruhe, um die innere ruhe auszudrücken,
ohne die das äuge der Vernunft nicht wol um sich schauen kann. ]\Iit
eins tritt der fortschreitende fuss fest auf, die arme sinken,
der ganze körper zieht sich in den ivagrechten stand; eine
200 ELZE, ZU SAXO GRA>DIATICUS
pause — und dann die reflexion. Der mann steht da in einer feier-
lichen stille, als ob er sich nicht stören wolte, sich selbst zu hören."
So viel dieser abschnitt gepriesen ist, so oft er citiert zu werden
pflegt, so hat doch meines wissens bis jezt noch keiner an dem aus-
druck iragrechten stand anstoss genommen; auch die commentare zur
Hamburgischen dramaturgie von Schroet er -Thiele (Halle 1877) und
Cosack (Paderborn 1876), sowie Zürn in seiner ausführlichen erläu-
terung von st. 1 — 7 (progr. des gymn. zu Rastatt 1884. 1885; vgl.
spec. im lezteren s. 6. 7) gehen ohne bemerkung darüber hin. Und
doch liegt hier offenbar entweder ein Schreibfehler oder eine Verwechs-
lung Lessings vor: der sinn verlangt statt ivagreclit notwendig senk-
reclä oder lotrecht. Abgesehen von dem Zusammenhang des ganzen
beweist dies schon der unmittelbar vorhergehende satz: „die arme sin-
ken", denn damit drückt er ja den Übergang aus der horizontalen,
schwebenden in die vertikale haltung aus.
SCHULPFORTA. OUSTAV KETTNEE.
ZU SAXO GEAMMATICUS.
In der geschichte Hamlets berichtet Saxo Grammaticus (ed. Mül-
ler-Yelschow, I, 139) u. a. folgendes: „Interdum foco assidens favil-
lasque manibus verrens ligneos uncos creare eosdemque igni durare
solitus erat; quorum extrema contrariis quibusdam hamis, quo nexuum
tenaciores existerent, informabat." Zu den worten „Uncos creare"
wird von Müller- Velschow folgende bemerkung hinzugefügt: „Verbo-
rum lusus his uncis inesse videtur; nam uncus in lingua Islandica
Krokr (Danice Krog), significat quoque insidias sive ambages callide
quaesitas. Ita Islandus aliquis astutus dictus fuit Kroka-Ref." Diese
deutung scheint mir ziemlich gesucht, zumal da doch nur das hier
nicht in betracht kommende isländische krokr, nicht aber das latei-
nische uncus in der angegebenen übertragenen bedeutung gebraucht
wird. Selten wir es vielleicht mit einer corruptel zu tun haben, und
solle statt creare etwa cur rare zu lesen sein? Holder übergeht in
seiner ausgäbe des Saxo die stelle mit stilschweigen.
HALLE, 19. JULI 1888. K. ELZE.
201
ZU PAUL GERHAKDT.
Bachmann liat in seiner liistorisch-kritischen ausgäbe der geist-
lichen lieder Paul Gerhardts zu den 120 liedern desselben im anhange
11 deutsche und 8 lateinische gelegenheitsgedichte hinzugefügt, von
denen er mit recht sagt, dass sie zwar nui- von untergeordnetem wert,
aber doch zur Charakteristik des dichters und als beitrag zur keutnis
seiner persönlichen beziehungen nicht unAvichtig seien. Ich kann nun
die zahl der lateinischen gelegenheitsgedichte um 2, die der deutschen
um 1 vermehren.
1.
Das erste stamt aus dem jähre 1651 und ist ein boglückwün-
schungsgedicht bei der ernennung des propstes Petrus Yehr zum konsi-
storialrat. Der lange titel der glückwunschgedichte, unter denen es
steht, schlicsst Mens. Septembris, Anno CIOIOCLI. BEROLINI, Praelo
Rungiano. Ein exemplar befindet sich in der bibliothek des gymna-
siums zum grauen kloster. Der band ist bezeichnet Yaria e gymnasio
Berolinensi I (nr. 44).
Yherius ex Ludi procedit pulvere ad Aulam,
Ex humili scandit culmina celsa loco
Prima iuventutis iuveni ipsi, in Brennonis urbe,
Leucoride egresso, tradita habena fuit.
Altera successit florentis cura Lycei,
Quod Ruppinum almo continet in grcmio,
Tertia Berlinum concessit nobile sceptra,
Queis regeret doctae germina cara scholae.
Acre quidem regimen vilique sudore repletnm,
Dulce tarnen magno conspicuumque Deo.
Qui pia servitii cum cerneret acta fidelis,
Servum istum ad maius destino, dixit, opus.
Nee mora, melliflui vocat hunc Ecclesia Christi,
Quae nomen de te, diva Maria, trahit.
Ergo qui teueres modo conformaverat annos,
Poscitur augusto praeficiturque gregi.
Hunc fovet, hunc animat divini flamine verbi,
Huic praebet rutili pabiüa sana poli:
Ima sede sedens primo, dein prima Cathedrae
Ornamenta, Deo sie moderante, tenens.
Sorte isthac contentus erat: sed Numina pergunt,
Praepositique addunt lumen ouusc)_ue Seni.
202 JONAS
Demum Electoris splendentia ad atria vectum
Consilio addicimt consociantque Sacro.
Ell miranda Dei Pietatis et Artis alumne,
Quam bene, quam varie diicat agatque Suos,
Disce hoc exemplo saevos tolerare labores,
Mirandoque pia fidere mente Deo.
nie seiet iusto te tollere tempore in altum,
Et durum molli pace levare iugum.
At Tu, sancte Senex, dulci cape pectore Honores,
Queis Deus et Princeps Te radiäre volunt.
Yive Tuae domui, communi vive Saluti.
Firma ambas precibus, consiliisque iuva.
Sta coram domino ceu Palma atque ardua Cedrus,
Post caeli ambrosio vive iaceque Sinu.
Paulus Gerhardus.
2.
Das zweite lateinische gedieht begrüsst den subconrector Samuel
Kosa nach der im jähre 1665 von ihm erlangten magisterwürde. Der
bogen ist gedruckt Coloniae Brandenburgicae, ex officina Georgii Schul-
zii, Electoralis Typographi. Ein exemplar befindet sich in der biblio-
thek des grauen klosters zu Berlin (Varia e gymnasio Berolinensi I
nr. 69).
Viro pietatis ac eruditionis radiis Praeclaro, Du. Samueli Rosae,
amico suo honorando, cum ipsi summus in Philosopliia honor decerne-
retur, ac titulus Magistri conferretur.
Ceu rosa vere novo mille inter gaudia fragrat,
Et magnara mnndi complet odore domuni:
Sic tua nunc virtus de se, Rosa, spargit Odorem,
Dum lauro frontem cingit Apollo tuam.
Prosit honor, Crescat virtus, nee cesset: et olim
Qui Rosa nunc audis, florida Cedrus eris.
gratulabundus canebat
Paulus Gerhardus, Ecclesiastes
Berolinensis ad Divi Nicolai.
3.
Das deutsche gedieht ist gedichtet zum andenken des gewesenen
bürgermeisters Benedikt Reichardt zu Berlin, der daselbst am 5. jen-
ner 1668 beigesezt wurde. Ein exemplar der gedieh tsamlung, in der
zu TAÜL GERHARDT 203
es stellt, befindet sich in der bibliothek der St. Georgenkirche zu Ber-
lin in einem quartband mit der bezeichnung: nr. 736 Carminum Volu-
men 3.
Auf das selige Absterben und Christliche Beerdigung des umb
diese gantze Stadt viel Jahr lang wolverdienten Herrn Burgermeisters,
Herrn Benedicti Reichardts.
So geht der alte liebe Herr auch nun dahin!
Nachdem Er achtzig, und was drüber ist, erlebet.
Er geht zu Gott: Und legt und schlägt aus seinem Sinn
Dass, was noch, wies Gott weiss, uns überm Haupte schwebet.
Die Kinder klagen ihn, ach Vater, unser Schutz!
Die Ehgenossin lässt die Thränen häuffig fliessen: -
Was Kindes-Kinder seind, bedencken, was vor Nutz
Sie hiebevor gehabt, und nun nicht mehr geniessen.
Und weinen bitterlich. Die wehrte Bürgerschafft
Folgt ihrem Haupte nacli, und giebt ihm das Geleite
Zu seinem Schlaff- Gemach, dahin der Tod ihn rafft.
Gleich wie uns allzumal. Ich aber setz ihm heute
Zu Ehren diese Schrifft: Ein Mann von alter Treu
Und deutscher Redligkeit, ein Mann von vielen Gaben
Und grosser Wissenschafft, ein Mann, der frisch und frey
Das Recht geschützt, die Stadt regiert, wird itzt begraben.
Zur Bezeugung Christliches Mitleidens gegen die gesambte Hoch-
betrübte Leidtragende setzte dieses Paulus Gerhardt.
BERLIN, F. JONAS.
MISCELLEN ZUE FEAGE NACH DEE WALDENSTSCHEN
HEEKUNFT DES CODEX TEPLENSIS UND DEE ERSTEN
BIBELDEUCKE.
I.
Eine liaiidsehrift der PauHniselieii briefe.
Die von Biederer, Nachrichten zur kirchen-gelehrten- und bücher-
geschichte, bd. HI, s. 1 fgg. beschriebene, handschrift einer Übersetzung
der Paulinischen briefe aus dem jähre 1424 scheint neuerdings, soviel
ich weiss, noch nicht wider beachtet zu sein. Nach den stücken, welche
Biederer mitteilt, so wie nach der reihenfolge der briefe, die er angibt,
zu schliessen, hat die handschrift offenbar nicht die gleiche vorläge
204
gehabt, wie die ersten bibcldrucke; der Laodicäerbrief z. b. steht zwi-
schen dem Colosser- und Thessalonicherbrief, Avährend er in den bibel-
drucken, Avie bekant, seine stelle zwischen Galater- und Epheserbrief
hat. Aber ein g-cwisser Zusammenhang zwischen dieser handschrift und
den ersten bibeldrucken besteht doch und an manchen stellen ist die
verwantschaft im ausdruck so auffallend, dass man unmöglich an eine
Zufälligkeit denken kann. Die stärkste Übereinstimmung zeigt die hand-
schrift mit der vierten bibel; an einzelnen stellen aber stimt sie auch
mit der ersten überein. Ich lasse einige der stellen folgen.
Prolog zum Corintherbrief.
E. 4. Bibel. (Neues Test, lij) 1. Bibel.
Das ist der prologus der
Episteln sant Paulus ad Co- Corintlii sind Acbaici. dise Die von corinth seint
rinthios. Corinthi die seind horten zeglycher wyfz von Achaici dise horten ze glei-
Achaici ' vnd disen in süni- den apostel das wort der eher weys von den betten
lieber weis von dem zwelf- warheyt vnd wurden verkert dz wort der warheit: vnd
poten das wort der worheit, manigualtigklich von den wurden verkeret manigual-
vud seind wechert worden valschen aposteln. Ettliche tiglich von den valschen
in mangcrlay weis von fal- von den kleffigen ußgespro- hotten. Etliche von den klef-
schen propheten. Ir etlich eben weltlicher wyßhoyt. figen reden weltlicher weis-
von den wörtlichen spruchen die andern sind ingefürt wor- heyt die andern wurden ein-
der haidenischen frawen den in die irtum der iudi- gefürt in die irtuni der iu-
chunst. Die andern werden sehen ee dise widerruft der dischen ee. Dise widerruft
gefurt zu der Secte ' (der) apostel zd der waren, vnnd der hotten zu der waren
Judischen E(.) dise wider- ewangelischerwyßheytschri- und ewangelischer weisheyt :
ruft der zwclffjiot zu der beut yn von Epheso durch schreibend in von ephesi
waren weillheit des ewange- timotheum sinen iunger.
lii, vnd schreibt in Epheso
bey seinem junger Thimotheo.
bei thimotheo sein iunger.
Wann vm wz dingos ist
cristus tod vmb vns noch
do wir warn siech. Dorumb
Römer V, 6 — 21. Kicderer,
a. a. 0. s. 10. n. 7 Ixix.
Vnd do wir dennoch chrank waruinm ist ab christus
waren. Christus ist tott nach do Avir dennoch chrank wa-
der zeitt für die vngütigeu reu nach der zit für die
wann für den rechten chai- bösen gestorben, dann hert wie vil mer sey wir nun
ner oder yemant stirbet wann stirbet einer für den gerech- gerechthafftigt in seinem blut
vmb das gut vielleich nye- ten. "Wann wer tar villicht wir werden gehalten von
mant tar sterben. Aber got sterben für den guten aber dem zorn durch in. AVann
lobet sey in uns wann do got der lobt sin liebe in ob do wir warn veind wir
wir Sünder dannoch süuder vns. wann ob christus ist seind versünt zu gott durch
waren, cristus ist vmb vns tod vm vns. noch do wir den tod seins suns: Avie vil
tot, Darumb vil mer, wer- warn suuder. Darum wie vil mer versünt wir werden
1) In dem druck bei Eiederer steht Achachi , was aber sicher ein druckfehler ist.
2) Nach Sekte ist ein punkt, der fehlt.
ZUR VORLUTHER. BIBELÜBERSETZUNG
205
den wir nu gerechtiget vou
dem zoren, in seinem plut
wer wir pehalten durch in,
\\aon wir versünet seind mit
gott. Ob das ist so wir
werden veint durch den tod
seines suns, vilmer seind
wir versünet wehalten wer-
den in seinem leben. Aber
nicht allein hyn Sunder wir
gloriren auch in got
durch unscrn herren
ihesum cristum. durch
den wir versünung emi)fan-
gen haben. Darumb, als
dm'ch einen menschen der
tot ist durchgangen, in dem
sie alle gesundet haben,
vntz aber zu der E die
sünd ist gewesen in der
werlt, Aber die sünd wirt
nicht zugosacht, so die E
nicht were.
So reichsend der tot vou
dem Adam pis zu moysen.
in die die da sündetten, in
dem gleichnülJ der Übertre-
tung, aber. Der da ist ein
foi'm vnd ein pild des zu-
künftigen Sunder nicht als
die vntat, also auch die
gob Seind nu von enis vntat,
vil tot seind noch michels
mere. Die genad gottes , vnd
die gab eines menschen ihesu
cristi, in vil ubei-flossen ist,
vnd uit als durch ein sünde.
also durch die gob, wenn
das gericht durch eins we-
gen in das verdampnüß.
Aber die genad aus vil vu-
taten in die gerecht machung.
Ob ein gereich seut hatt,
durch eins wegen , noch mi-
chels mer, über flüßicklichen
die genad, vnd die gab. vnd
die gerechtichaitt, enipfahen
wir in den lobenreich seind,
mer wir die wir nun syen
gerecht gemachet in sinem
plut werden heilsam von
dem zorn durch den tod
sins suns. vil mer wir ver-
sunt werdent behalten in
sim leben. Wann nit allein
in disom. aber wir glorie-
ren auch in got durch
vnsern herren iesum
Christum. Durch den wir
nun empfiengen die versü-
nung. daruiii als die sünd
ingieng in dise weit, vnd
durch die sünd der tod.
Also ist auch durchgangen
der tod in alle menschen in
dem sie alle sünten. waun
die sünde was in dise weit
vntz zu der ee. Aber die
sünde ward nit verübel ge-
habt da die Ee nit was.
wann der tod hat geregieret
von adam vntz zu moysen.
auch in die die da nicht
süuton in der gelichnu(5 der
übertrettung ade der da ist
ein form des küufftigen.
Aber die gab ist auch nit
als die missetat. Wan ob
manige sind tod ufz der mis-
setat eins menschen wie vil
mer die genad gottes vnd
die gab in der genad eines
menschen iesu christi ist
vbeiilüssige gewesen in vil.
Vnd die gab ist auch nit
also als durch ein sünde.
wann das vrteyl ist vfz yn
die verdamnung. aber die
gnad von m anigen mis raten
in die gei'echt machung eins.
AVann ab der tod ];at gere-
gieret durch den menschen
in der mistat eins, ernstlich
wie vil mer die empfachen-
denn die vberflüssigkeit der
genade. vnd der gäbe vnd
behalten in seim leben.
AVann nit allein in disem:
wann wir wunigklichen vns
auch in gott durch vnse-
ren herren jhesum cristum:
durch den wir nun empfien-
gen die versünung Dorumb
als die sünd ein gieng in
dise weit vntz zii der ee
wann die sünd ward nit
geacht durch ein menschen
vnd durch die sünd der tod:
also vbergeet auch nun der
tod in all die menschen in
den sy aU sünten. Wan die
sünd WZ in dise weit vntz
zu der ee. Wann die sünde
ward nicht geacht do die
ee nit enwas: wan der tod
der reichseut von adam
vntz zl nioyses: iocli in
den die do nicht ensünten
in der gcleichsam des vber-
gangs adams: der do ist ein
bild des künfftigen. A\''aun
die gab ist auch nit als die
mistat. AVan ob manig seind
tod in der mistat eins: wie
vil mer die gnad gotz vnd
der gib begnügt im manigen
in der gnad eins marms
jhesu christi. A^nd das vr-
teyl ist von eim in die ver-
damunge: wann die gnad
von manigen mistaten in die
gerech tigkeyt. Wan ob der
tod hat gereich sent durch
den menschen in der mistat
eins: ernstlich wie vil mer
entphachen die begnügung
der genaden vnd dez gibs
vnd dez rechtz vnd sy reich-
sent in dz ewig leben durch
ein jhesum cristum. Dorumb
als der tod ist in alle die
menschen in die verdamp-
nung durch die mistat eins:
alsust ist er auch in alle
206
ELLINGER, ZUR YORLUTHER. BIBELÜBERSETZUNG
wer durch eins wegen ihe- der gerechtigkeit werden die menschen in die gerech-
sum cristuni. Darumb als regieren durch einen iesuni tigkeit des lobens durch daz
durch eines menschen vntat christum in dem leben. Da- recht eins. "Wann als manige
chummen ist schulde in alle rumb als der tod ist in alle seiud geschicket sunder
menschen in verdampnüB des menschen in die verdamnung durch die vngehorsam eines
todes, Also ist auch durch durch die mistatt eins men- menschen: also werdentauch
eines menschen gerechtichait sehen, also ist er auch in manig geschicket gerecht
vnschuld, des lebens, wann alle die menschen in die durch die gehorsam eins
als durch eines menschen gerechtmachung des lebens menschen. Wann die ee
A'ngehorsamcheit, vil Sünder durch die gerechtigkeit eines vnder in gieng: daz die rais-
gesetzet seiud , also durch menschen, wann als vil sün- tat begnügt. Wann do die
eines gehorsam werdent vil der syen geset(z)et worden mistat begnügt, do begnügt
gehorsam, werden vil ge- durch die vugehorsame eins auch die gnad als die sunt
horsam, werden vil gerech- menschen also werdent auch hat gei'eichsent als in den
ter gesetz, Aber die E. manig gerecht durch die tod. also reichsent auch die
vnder das das missetat über- gehorsame eins menschen, gnad durch dz recht in das
fielst, Do aber übeiilos die Das gesatz ist aber ingan- ewig leben: durch vnsern
genad, also durch eines ge- gen, das vbertlüssig würde herren jhesum cristum.
horsam werdent vil gerech- die missetat . . wa aber vber-
ter gesetze. Also als der flüssig ist gewesen die mis-
tod gerichsent hatt durch setat . . Da ist auch vber-
die simde in dem tott, das fiüssig gewesen die gnad.
auch die genad also reich- Das als geregieret hat die
Sünder in dem tod. Also
auch die genad sol regieren
durch die gerechtigkeit in
das ewig leben durch iesum
Christum vnsern hern.
Die haiidschrift ist, wie die von Riedercr mitgeteilten proben zei-
gen, ungemein verderbt und zum teil bis zum unsinn entstelt. Aber
selbst in diesem kläglichen zustande erkent maii in manchen stellen
eine unverkenbare verwantschaft mit dem text des vierten bibeldrucks;
an andern stellen allerdings besteht eine solche Übereinstimmung nicht.
Wir kennen nun den ehemaligen besitzer dieser handschrift: es
war ein jSiürnberger, namens Ulrich Ortlieb, aller Wahrscheinlichkeit
nach derselbe, der im jähre 1442 in Nürnberg gestorben ist (vgl. Kie-
derer, s. 6). Meine kentnis des religiösen sektenwesens in Franken ist
zu gering; ich kann in folge dessen nicht angeben, ob dieser Ulrich
Ortlieb zu den Waldensern in irgend welchen beziehungen gestanden
hat. Vielleicht wird diese frage von andrer seite beantwortet werden.
Erwähnt sei jedcnfals noch ein umstand: herr dr. Ludwig Keller macht
mich darauf aufmerksam, dass Ortlieber ein alter sektenname der
Waldenser gewesen ist.
BERLIN. GEORG ELLINGER.
sent durch die gerechtichait.
des ewigen lebens.
207
EIMGE V0GELK4]MEN AUS DEM NÖEDLICHEN
BÖHMEN.
Die mittGiluiigen des ornithologisclien Vereins in Wien enthalten
in den nummern 6, 7, 8 und 9 des XI. Jahrganges einen umfang-
reichen bericht, in welchem die um Neustadtl bei Friedland in Böh-
men vorkommenden vogelarten verzeichnet sind, und worin man über
das leben und treiben, den nutzen und schaden des beschwingten Vol-
kes ausführlichen bescheid erhält. Der Verfasser dieses aufsatzes ist der
Oberbuchhalter der bekanten firma Klinger aus Neustadtl, herr Robert
Eder, ein grosser freund und liebhaber der vogelweit, der nicht ver-
gass, an geeigneter stelle auch die volkstümlichen namen, welche die
vögel um Friedland herum führen, zu verzeichnen. Es sind deren 43,
die hier folgen. An erste stelle setze ich den vulgärnamen, dem folgt
dann der gemein deutsche und der zoologische nach, und schliesslich
füge ich noch diejenigen namen bei, die mir zufällig aus dem volks-
mund oder aus der litteratur bekant sind.
1. Der grosse stüsser = habicht (astur palumbarias, L.).
In Steiermark heisst er tauben-, heana- und grosser stossgeier,
hawach't, stockfalk, grosser schparbel, in Oberösterreich taubenstosser,
taubenstessl, in Sachsen stösser, geflügelter teufel. In Schwörzkirch
(diözese Rottenburg) ist dieser vogel unter dem namen hack bekant.
Der dortige pfarrer Gr. Mey schildert in seinen mehr drolligen als erbau-
lichen „volständigen katechesen" (Herderische Verlagshandlung, s. 50)
die raubtiere im paradiese also: „der hack hat keine taube geraubt;
der fuchs hat keine henue erwürgt; der wolf hat kein schaf zerrissen."
2. Der kleine stösser = sperber (accipiter nisus, L.).
In Mederösterreieh kent man ihn auch unter den namen das
stossfalld, der sprinz und die sprinze. In Sachsen: sperlingstösser,
stiesser, waldgeier. In Oberösterreich: vogelstessl, kleiner geier, talkel,
vogelhabicht, langschwanz, vögelspritzen. Lezterer name ist der eigen-
schaft des Sperbers entnommen, dem vogelschwarm sich möglichst gedeckt
zu nähern, und dann wie der blitz unter die auseinanderstiebenden
Vögel zu fahren. (Karlsberger.) Dem Steirer ist der sperber als schpar-
bel, schparber, stösser, vögelstössel , (kleiner) stossgeier, spatzengeier
bekant, manche Jäger wollen noch einen sog. langhaxeten, d. i. lang-
beinigen sperber unterscheiden. Conrad Aitinger (s. 102) verzeichnet
den namen baumfalkleiu. Auch windwacherl heisst man den sperber,
208 BRAXKY
wiewül man unter windwaeliel gemeinhin den wannen wäher, turmfal-
ken, kirchenfalken (falco tinnunculus) verstellt. (Höfer etym. wörtb. 301.)
3. Der nach tschatten = nachtschwalbe (caprimulgns eurp. L.).
4. Die turmschwalbe = manersegler (cypselus apus, L.).
Unter den namen rauch-, mauer- und raiibschwalbe in Sachsen
bekaut.
5. Der vogelstösser = kuckuck (cuculus canorus, L.).
In Oberösterreich führt er wie der habicht und der sperber den
namen vogelstössel, in Sachsen ist er auch als ostervogel und früli-
lingsvogel bekant; zeitvogel lieisst er in Sinirocks deutscher mythologie,
s. 546.
6. Die sc ha leiste r = elster (pica caudata, Boie).
Alsterkadl, lisl, kace, schirigadl, straga, stroge, straka, stroka,
acheluster, houlaster, scholaster, verzeichnet Aug. Hofer. Bei Jos. Cole-
rus begegnen die namen: achlaster (s. 128), ageläster und auch schal-
alster. In Steiermark komt neben der bezeichnung alster, galster,
agalster, golster auch scherzweise die bezeichnung steirischer fasan vor
(v. Washington). Am Lechrain nent man die elstern galgenvögel und
sie bedeuten für das beabsichtigte geschäft einen verlornen tag (v. Leo-
prechting, aus dem Lechrain s. S9); sonst verstellt man unter den gal-
genvögeln die raben (DW. IV \ 1179). In der Schweiz sagt man: wenn
d'agetsche by 'me hus ratscht (schreit), so git's stryt d'rin. (DcrGross-
ätti aus dem Leberberg, s. 124.)
7. Das nusshackl =-= eichelheher (garrulus glandarius, L.).
Dieser vogel hat viele namen: gabecht, eichelgabicht, gabsch,
eichelgabsch , nusshäher, nussert, holzheher (Sachsen); nusskratscher,
tschang, boangratschn, bohnenheher, tschoi (Steiermark); den namen
nussgraggl hört man in Kärnten; in den Schweizeralpen heisst er sei-
nes geschreies wegen jak, sonst wol hetzler, herrenvogel, im Tessin:
gagia (Tschudi, das tierleben der alpenweit s. 97).
8. Die hohlkroll = schwarzspecht (dryocopus martius, L.).
Conrad Gesner (icon. avium omniuni Zürich 1560) nent den picus
maximus vel niger holzkräe, holkräe, krähspecht. In Niederösterreich,
Oberösterreich, Steiermark und Kärnten heissen die spechte, insbeson-
dere die grossen buntspechte, bamhackln. — Das bamhackl ist in
Österreich auch zu einem mythischen wesen geworden, mit dem wir
unreinlichen kindern drohen, dass es den schmutz wegpicke, sofern er
nicht augenblicklich weggewaschen Avird. Der bamhackl bezeichnet
auch den schmutz an händen und füssen der kindcr. Du hast ja schon
VOGELNAMEN AUS BÖHMEN 209
den bamliackl! — oder: dir wächst schon da bamhackl! — rufen wir
ans, wenn wir ein unreinliches kind erinnern, reinlich zu sein. Auch
der name giessvogel für specht ist in Niederösterreich bekant.
9. Der m eisen wolf = kleiner granwürger (lanius minor, L.).
Das ist der spanische dorndreher Steiermarks.
10. Der dorndreher, 11. die dornhitsche, 12. der steinflet-
sch er = rotrückiger würger (lanius collurio, L.).
In Oberösterreich: blaukopf, alsterweigl, kleiner Stecher, dorn-
reiher. Weite Verbreitung hat der name neuntödter gefunden. Im Salz-
burgischen heisst man diesen vogel sehr bezeichnend todtengräuel
(Victor V. Schmiedhofen, die vögel Salzburgs, s. 48). Höfer (etym.
wörtb. III, 157) kent ihn als rote speralster, rotköpfigen würger, dorn-
greul, und den lanius excubitor als speralster, aschfarbigen würger,
spottvogel und buschälster.
13. Der schneekönig = Zaunkönig (troglodytes parvulus, L.).
Kinigerl, schueekinigerl, woiterl heisst er in Oberösterreich. Wer
bei dem morgen ausgange einem zaunkonkerl ■ — diesen namen führt
der Zaunkönig in Tirol — begegnet, der hat den ganzen tag glück
(J. N. V. Alpenburg, mytli. u. sag. Tirols, s. 387). Die Steirer nennen
ihn kinivogerl, scherzweise auch den aussi-eini und in Niederösterreich
ist er unter dem namen zaunschlüpferl bekant.
1-4. Die wasseramsel = bachamsel (cinclus aquaticus, L.).
15. Die koppmeise = haubenmeise (parus cristatus, L.).
16. Der meisköhler = kohlmeise (parns major, L.).
17. Die schneemeise = schwanzmeise (acredula caudata, L.).
Das Volk in Niederösterreich nent die schwanzmeise pfänastiel,
schneemasn, schneeguckerl, die kohlmeise kohlmann oder kohl-
niandl, fink- und spiegelmeise, die blaumeise bloritschu oder
blauhedschn und die spechtmeise kleiber. Bei Höfer, etymol. wörtb.
II, 229 führt die schneemeise den namen pelzmeise, und die kohl-
meise komt in der bekanten pädagogischen anweisung von Aug. Lüben
II, 137 auch unter der bezeichnimg speck-, schinken- und talg-
meise vor.
18. Der sprachmeister = gartenspötter (hypolais salicaria, Bp.).
19. Die waldgrasmücke, 20. das weisskehlchen = zaungras-
mücke (sylvia curruca, L.).
21. Die kleine gartengrasmücke. 22. Die braune gras-
mücke = dorngrasmücke (sylvia cinera, Lath.).
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 14
210 BRANKY
23. Das schwarzblattl = schwarzköpfige grasmücke (sylvia atri-
capilla, L.).
Der blatt- oder plattmöncli , oder kurzweg der mönch, der
schwarzkopf.
24. Die waldamsel = kohlamsel (merula vulgaris, Leach.).
25. Der ziemer = wachholderdrossel (tiirdus pilaris, L.).
In Sachsen: ziemer, zeiner, zeimer, zeumer; in Steiermark: kra-
metsvogel, kranawetter, kronabetter, kranawotsvogel, scbnagezer.
26. Der scbnarrer = misteldrossel (turdiis viscivonis, L.).
27. Der schwarz wistlich = hausrotschwänzchen (rusticilla titliys, L.).
In Sachsen: rotwispel, rotsterz. — Die Kärntner nennen dieses
Vögel eben brandterl. In Tirol gilt der aberglaube: ein haus, darin ein
branderl nistet, ist sicher vor dem blitzstrahl. Wer ein branderlnest
ausnimt und die jungen martert, dem tragen die alten teuer ins haus
und zünden es an (Alpenburg a. a. o. 387). Die namen brande! und
brandvogel kommen im Salzburgischen vor. (V. v. Schmiedhofen a. a. o.
s. 42.) Auch brandrötel, brandreuteii, rotbranderl, rotschwaferl, oder
rotschweiferl und russvogel sind in den Alpenländern geläufige bezeich-
nuDgen für dieses tierchen.
28. Das rotkatl = rotkehlchen (dandalus rubecula, L.),
das routschatzla Schlesiens, z. b.: „Sei verstond's, wie's routschatzla,
sech wedeln an drehn" (Jac. Bukowskis gedichte, Bielitz 1860, s. 87).
29. Die W'asserbachstelze = gebirgsbachstelze (motacilla sulphu-
rea, Bechst.).
30. Die Spitzlerche = baumpieper (anthus arboreus, Bechst.).
31. Der weidensperling = feldsperling (passer montanus, L.).
32. Der quäcker, 33. der stopp elfink = bergfink (fringiUa
montifringilla L.).
Bei Höfer etym. wb. II, 261, 334: pjenk, penk, mistfink und
nicowitz; bei Tschudi (das tierleben der Alpenwelt s. 81): waldfink,
gägler.
34. Der kirschbeisser = kirschkernbeisser (coccothraustes vulg.
Fall).
C. Gesner nent ihn kirsfink; Tschudi a. a. o. kriesiklopfer und
kriesischneller; Aitinger: kirschfink, kirschknepper, kirschenvogel und
dickmaul; die Steirer: dickschnäbel, kiernknäka.
35. Der grünhänfling = grünling (ligorinus chloris, L.).
In Sachsen: quuntsch, kwuJitsch, schwunsch, schwuuz, zschwun-
schig.
VOGELNAMEN AUS BÖHlffiN 211
36. Der gerlitzer, 37. der meerzeisig = girlitz (seriniis hortu-
laniis, Koch.).
Der name meerzeisig wird in Wien für den leinfinken, der da
auch der grasl heisst, gebraucht. In Steiermark dagegen ist meerzeisig
einer der vulgärnamen der cannabina sanguinea. J. M. Bechstein (na-
turgeschichte der hof- und stubenvögel, Leipz. 1870, s. 111) gibt bei
dem girlitz (loxia seriniis) die naraen an: girlitzhänfling, schwäderlein,
hirngrill , kanarienzeischen.
38. Der tschädschlich = nordischer leinfink (linaria alnorum,
Ch. L. B.).
39. Der lohfink = gimpel (pyrrhula europ., VieilL).
Als schwarzlüb in Sachsen, als gump in den Alpen bokant.
40. Der krims = fichtenkreuzschnabel (loxia curvirostra, L.).
41. Die holztaube = ringel taube (columba palumbus, L.).
42. Der Wachtelkönig, 43. der wachtelknecht = Wiesenralle
(crex pratensis, Bechst).
In Sachsen: faule magd, kornhühnchen, gerstenratzer, schnarrhuhn.
Wer sich einmal der eben so schönen als dankbaren aufgäbe
unterzieht, ein deutsches namenbuch sämtlicher in Deutschland vorkom-
kommender vögel zusammenzustellen, der findet neben den bekanteren
grösseren werken auch in den folgenden Schriften eine ziemlich ergie-
bige ausbeute deutscher vulgärnamen:
1) In den Mitteilungen des ornithologischen Vereines in Wien.
Die ur. 12 des X. Jahrganges bringt die namen: jochrabe (kolkrabe),
die graue und schwarze kräh (nebel- und rabenkrähe), dachl, dachen
(dohlen), steiudachen (alpendohle) , nussheher und den tschoi (eichel-
heher), hol- und holzkra (tannenheher). Die nr. 15 dieses Jahrganges
spendet wohl wenige, aber sehr charakteristische namen aus Tirol. Es
sind folgende: zullen, d. i. maikäferfalke (falco aesalon); du t seh,
schlief (ephialtes scops); hollakragen (dryocopus martius); Schnei-
der (picus major); otterfink O'y^^ torquilla); meergratsch (coracias
garrula); „hott, hott, wud, wud"; „fuhrmann" (upupa epops);
kuhmelker (caprimulgus europ.) ; schmalzbettler, höUenjaggl (sitta
caesia); bachmeise (certhia familiaris); glanderle (turdus iliacus);
spabiauser, jochlispel (acceutor alpinus); waldspatz (accentor mo-
dularis); bauvogel (motacilla alba); citrenl (friugilla citrinella); for-
nelle (fringilla canabina); corone (corvus corax); boangratsch (gar-
rulus glandarius); sandhuhn (oedicnemus crepitans); dreckstecher
(eudromias morinellus). — Die nr. 24 enthält eine fülle deutscher vul-
gärnamen der vögel Steiermarks, welche Stefan freiherr v, Washington
14*
212 BRANKT
gesammelt hat. — Die nr. 2 fg. des XII. Jahrganges teilt die von Eu-
dolf 0. Karlsberger aufgelesenen viilgärnamen Oberösterreichs mit.
2) In der Ornis, intern, ztschr. für die gesamte Ornithologie. Her-
ausg. von dr. R. Blasius und dr. G. v. Hayek. Wien, Gerold. Beson-
ders das 4. heft des II. jahrg. (1886) ist von interesse, denn es bietet
eine menge von vulgärnamen des tannenhehers.
3) Im Jahresberichte des k. k. obergymnasiums zu Leitmeritz in
Böhmen aus dem jähre 1873, wo Peters über die etymologie des ahd.
namens ägalasträ schrieb, sind elsternamen enthalten, wie nagelhätz
(am mittl. Nekar), nagelhex (in oberschwäbischen gegenden), kägersch,
kageresch (Rauhen Alp), schalaster (Nordböhmen, Oberlausitz, Schle-
sien und Siebenbürgen), tschogelester (Zips), agerste, ägerste,
agertsche und agerste.
4) Im Jahresberichte des n. ö. landeslehrerseminars aus Wiener
Neustadt v. j. 1880, wo Aug. Hofer etliche aus dem volksmund gesam-
melte vogelnamen mitteilt.
5) Im Jahresberichte nr. IX (1884) des ausschusses für die beob-
achtungsstation der vögel Deutschlands.
6) Im I. und IL Jahresberichte (1885 und 1886) der ornitholo-
gischen beobachtungsstation im königreiche Sachsen, bearbeitet vom
hofrate dr. A. B. Meyer und von dr. F. Helm aus Arnoldgrün.
7) In der Algemeinen encyclopiidie der gesamten forst- und jagd-
wissenschaften, herausgegeben von Raoul Ritter von Dombrowski. Wien
und Leipzig 1887. (Im erscheinen begriffen.)
8) Im Vn. gesange von Missions fragment „Da Naz" (3. aufl.
besorgt von K. Landsteiner; Wien Gerold). Es sind die nanien: lerö-
cherl (die lerche), der kotjodl (die schöpf lerche), die gest reimt
amering (die ammer), zeiserl (zeisig), der bamhackl (specht),
's rotkröpfl (rotkehlchen), 's dornreicherl (der dorndreher), 'srot-
schwanzl (das hausrotschwänzchen) , 's omäxl (amsel), 's ruisani-
vögerl (hirngriile, fringilla serinus), 's hanöferl (der hänfling), d'gu-
gelvieraus (golddrossel, oriolus galbula), d' nussheher (eichelheher).
9) In dem schriftchen über nistkästchen für vögel. Yon L. H.
Jeitteles. Herausgegeben von dem tierschutzvereine (Wien 1875).
10) In M. Höfers etymol. wörterb. Linz 1815.
Von Schriften älteren datums, welche manche deutsche vogelnamen
enthalten, führe ich an:
11) Icones avium omniuni usw. Conr. Gesneri, Zürich 1560.
12) Caii Plinii secundi des Aveitberühmten .... naturkundigei-s
bücher und schritten, Frankfurt 1600.
VOGELNAIDEN AUS BÖHMEN 213
13) P. de Crescentius (im vierzehnten buch, wo vom adeligen
weydwerk, falknerey, reyger, federspiel usw. die rede ist; ein für fal-
kennamen wichtiges buch). Strassburg 1602.
14) M. Joh. Coleri Oconomiae oder Haussbuchs 5. teil. Zum Ca-
lendario Öconomico et perpetuo gehörig. Wittenberg 1603. Das 15. buch
gibt von s. 108 — 212 über den Vogelfang genauen bescheid. Die inte-
ressanteren vogelnamen, die da erwähnt werden, sind: gansahr (130),
schmierlein (130), schnarre (135), zihmer (135), quecker (137), mehl-,
pumpel-, zagel-, beiden- und spiegelmehsen (148), weidenkückerlein,
zip- und weindrossel (149), gründschling (goldammer, s. 159), schilt-
krähe (167).
15) Ulyssis Aldrovandi Philosophi et Medici Bononiensis Ornitho-
logiae usw. Cü indice, copiosissimo variarum linguarum Bononiae 1637.
16) Conrad Ai tinger. Volständiges jagd- und weydbüchlein. 2. aufl.
Cassel und Frankfurt 1681.
17) Klein J. F. Yerbesserte historia der vögel. Herausgegeben
von G. Reyger. Danzig 1760.
18) Angenehmer Zeitvertreib, welchen das liebliche geschöpf die
vögel auch ausser dem fang und ergründung deren eigenschaften , Zäh-
mung oder anderer abrichtung dem menschen schaffen kann. Mit vie-
len anmerkungen versehen und mit schönen kupfern geziert. Durch
einen die erschaffenen creaturen beschauenden liebhaber. Nebst einem
anhang von der waidmanschaft. Nürnberg bey Peter Monath 1716.
19) Gründliche anweisung alle arten vögel zu fangen, einzustel-
len, abzurichten, zahm zu machen usw. Dieses buch ist nur eine
erweiterte ausgäbe des vorigen. Nürnberg 1754.
20) Einzelnes bietet auch E. Rollands Faune populaire de France
tome II: les oiseaux sauvages und tome YI: les oiseaux domestiques et
la fauconnerie Paris 1879 u. 1883.
Eine andere fundgrube für deutsche vogelnamen sind diejenigen
werke, welche märchen, sagen, sitten und gebrauche, kinderlieder und
kinderspiele enthalten. So findet man manches bei Montanus: Die deut-
schen Volksfeste, Jahres- und famiüenfeste s. 172 fg.; in Ernst Meiers
Deutschen kinderreimen und kinderspielen s. 18 fg., wo das rotkehl-
chen rotwadel und der storch schnibel-schnabel und langboan
heisst; im Kinderleben aus Oldenburg s. 94, wo das junge volk bittet:
Ohrbähr, langebähr
Bring mi 'n lütjen broder hähr;
in Simrocks Deutschem kinderbuch, welches viele storchnamen bietet;
in E. L. Rochholzens Alem. kinderspiel und kinderlied, wo nebst vielen
214 jnNOR
stuivhiiamcn die drossel als tröstler, die elster als egerist und
egerste, die eiile als wig-gle, liauri, hüri u.dgl. benaiit sind (s.75fg.).
Welche verschiedene namen der kuckuck nach seinem gekrächze führt,
und welche deutung dieses findet, darüber gibt Rochholz in seinen
Deutschen arbeitsentwürfen (Mannheim 1853, 2, 24. 28) aufschluss.
Wie in den gedruckten Volksüberlieferungen, so findet sich auch
noch manches hierhergehörige im volksmunde selbst, was besonders
die lehrer der dorf- und Waldschulen sammeln und in den schulzeit-
schriften oder in solchen, die den Volksüberlieferungen aufmerksamkeit
schenken, veröffentlichen solten. So hörte ich kürzlich aus dem munde
eines Tirolers, wie er die raben als rappen imd w indachen bezeich-
nete, und wie ein Kärntner die bachstelze sauhalterl, das käuzchen
tschuck und von den vieifüsslern die ziege heta und hetele naute.
WIEN 1888. FRANZ BRANKY.
ZUM JUEILÄUM EICHEKDOEFFS.
Während der litterarhistoriker , sobald er sonst den boden des
19. Jahrhunderts betritt, einer erdrückenden überfülle des materiales
gegenübersteht, ist bei Eichendorff gerade das entgegengesezte der fall.
Ausser seinen werken, welche in der volständigsten ausgäbe^ sechs
bände füllen und durch eine biographie von (seinem söhne) H (einrieb)
eingeleitet werden, ist quellenmässiges material fast gar nicht zu ver-
zeichnen. 1872 erschien ein kleines heft „Aus Eichendorffs litterariscliem
nachlass" (Paderborn). Drei ungedruckte gedichte brachten Hoffmanns
von Fallersleben Findlinge 232 fgg. nebst einem briefe; nur spärliche
briefe enthalten die samlungcn der briefe an Görres, Holtei (300 briefe),
Fouque und Schön (Aus den papieren des Th. von Schön, Halle, 1878
fgg. 3 bde). In diesen briefsamlungen sind ebenso wie in Raichs
„Dorothea von Schlegel" wertvolle nachrichten über Eichendorff und
seine werke auch in den briefen anderer enthalten. Dass verhältnis-
mässig so wenig briefe bekant geworden sind, hat seinen grand in dem
umstände, dass Eichendorff' selbst als ein gegner solcher Publikationen
vieles vor seinem tode vernichtet und seiner familie auch den abdruck
des übrigen verboten hat (1, 213). Wenn die herausgeber der unten
besprochenen beiden Jubiläumsschriften nicht blos aus dieser nachricht
Ij Ich citiere nach dieser: der zweiten, 1864 fgg. im verlag von Voigt und
Günther zu Leipzig erschienenen. Über das verli.ältnis der dritten aufläge (1883 bei
Amelang in Leipzig, 4 bände) zu dieser vgl. Akademische blätter 56 fgg.
ZUM JUBILÄUM EICHENDORFFS 215
schöpfen, sondern ihre erkundigungen wirklich „an massgebender stelle"
eingezogen haben, handelte es sich sogar um Vertilgung „der gesamten
correspondenz und aller übrigen papiere" (nach Keiter: „den grös-
ten teil seiner noch vorhandenen litterarischen arbeiten"). Leider wider-
sprechen sich aber ihre angaben in den „Vorworten": während nach
Meisner der dichter nur „gesucht" hat alles zu vernichten, „muste"
nach Keiter wirklich „alles verbrant werden." Es scheint dass die
familie sich in begreiflicher pietät an den willen des verstorbenen hält
und den teil des nachlasses, welchen Eichendorff nicht selbst vernich-
tet hat, der Öffentlichkeit entzieht. Die Meisner erteilte antwort: „was
etwa davon noch übrig sei, eigne sich nicht zur Veröffentlichung"
widerspricht dem vorhergehenden satze („dass der dichter alles zu
vernichten gesucht habe"); stimt aber genau zu dem, was der Verfasser
der biographie (1, 213) sagt.
Trotzdem sind neuerdings auf anlass des Jubiläums bruchstücke
des nachlasses in die öffentlichkeit gedi'ungen. Zuerst in Franzos' Deut-
scher dichtung III. band, 11. heft; dann in der monatschrift Nord
und Süd (märz 1888), in welcher H. Meisner einen politischen aufsatz
„Preussen und die Constitution" (vgl. 1, 137) veröffentlicht hat. Frü-
her noch erschien, mit einem prächtigen Jugendbildnis des dichters
geziert, ein dünnes buch von vier bogen: „Gedichte aus dem nachlasse
des freiherrn von Eichendorff, herausgegeben von Heinrich Meisner"
(Leipzig 1888, Amelang).
Die manuscripte, welche dieser publikation zu gründe liegen,
sind bei einem Dresdener antiquar, der sie von einer unbekanten dame
gekauft hat, aufgefunden worden und jezt im besitze der kgl. bibliothek
in Berlin. An ihrer echtheit ist nicht zu zweifeln: sie sind grösten-
teils nicht blos, wie die handschrift zeigt, von Eichendorff geschrieben,
sondern, wie sich noch zeigen wird, von ihm auch in den druck gege-
ben worden. Die wenigen, welche (s. 3. 6. 33. 34. 48) nicht in Eichen-
dorffs eigener handschrift vorliegen, kann ich zwar nicht als unter
seinem namen gedruckt nachweisen; sie tragen aber so sehr das gepräge
seiner dichtung an sich, dass ich sie für sein eigen tum halte, trotz-
dem die seltsame ans:;abe des herausgebers eher mistrauen als ver-
trauen erweckt. 1 Überhaupt aber hat der herausgeber seine leser in
1) Er sagt: „Nach vergleichung der schriftzüge mit denen der freunde
unseres dichters iiat er sie diesen nicht zuzuweisen vermocht und daher für-
Eichendorff in anspruch genommen." "Was soll das heissen? "Weil keiner von sei-
nen freunden (deren handschriften doch dem herausgeber unmöglich alle bekant sein
216 MINOR
der vorrede nur sehr unvolkommen über das Verhältnis des handschrift-
lichen fundes zu dem bereits gedruckten orientiert. Er führt (s. X fg.)
einige lieder an, welche in den „gedichten" in offenbar späterer fas-
sung vorliegen (Meisner 25 fg. = 1, 271 fg.; 41 = 1, 569; 45 = 1, 621;
aber die „Frühlingsklage" bei Meisner 14 fg. hat mit der in den gedich-
ten 1, 348, so viel ich sehe, nur den titel gemein) oder von denen
Eichendorff" später nur bruchstücke verwertet hat. Er unterlässt aber
darauf hinzuweisen, dass „Die lerche als frühlingsbote" (Meisner 4)
nicht blos in veränderter gestalt in den gedichten (1, 243), sondern
auch wörtlich mit der handschrift übereinstimmend in dem romane
„Die dichter und ihre gesellen'' (2, 517) vorkomt. Ebenso ist „Frühlings-
ahnen" (Meisner 15) nicht blos in den gedichten 1,458 benuzt, sondern
in „Libertas und ihre freier" 3, 436 fg. wörtlich enthalten. In den
romanen und novellen Eichendoi-fls finden wir noch die folgenden der
von Meisner nach der handschrift mitgeteilten gedichte: Meisner 5 fg.
Spielmannslieder = 2, 611 fgg.; 8 Mein schätz, das ist ein kluges
kind = 2, 249; 8 fg. Der liebende = 2, 67; 8 Jeder nennet froh die
seine = 3, 111; 9 fg. Ach von dem weichen pfuhle (vgl. Goethes
nachtgesang) = 2, 61; 10 fg. Still in lust = 3, 135; 12 fg. Ständchen
= 2, 181 (nach Gödeke auch im Gesellschafter 1826); 15 Wetterleuch-
ten = 2, 463; 16 Ein fink sass schlank auf grünem reis = 2, 579;
17 Es ist ein klang gekommen = 3, 929 fg.; 17 Überm lande die
Sterne = 3, 345; Es waren zwei junge grafen = 2, 100; 20 Loben =
3, 162; 20 Frische luft! = 2, 514; 22 Zum abschied = 2, 123;
24 Einsiedler = 2, 225; 31 fg. Assonanzenlied = 2, 152; 43 Frisch
auf! = 3, 144 fg. Alle diese lieder durften, als in den gesamtaus-
gaben der werke bereits gleichlautend enthalten, billig ungedruckt
bleiben.
Andere lieder sind dagegen zwar in Zeitschriften bereits gedruckt,
fehlen aber in den gesamtausgaben ; ihre widergabe nach den hand-
schriften erscheint als eine wünschenswerte ergänzung der ausgäbe.
Ich kenne frühere drucke von den folgenden bei Meisner veröffentlich-
ten liedern: 4 Im walde = Deutscher musenalmach 1836; 13 Minne-
lied = Asts Zeitschrift für Wissenschaft und kunst^ 4, 47 fg.; 32 Herbst-
können) sie geschrieben hat, soll Eichendorif selbst sie geschrieben haben, trotzdem
sie Meisner von einer andern hand geschrieben zu sein scheinen?
1) Ich mache darauf aufmerksam, dass in Asts Zeitschrift für Wissenschaft und
kunst (Landshut 1808) Lieder der minnesänger „aus einer Landshuter handschrift" (d. h.
Augburgor: E nach Lachmann, AYalthcr von der Vogehveide s. YIII und XV fgg.) von
Rottmanu mitgeteilt werden: heft 2, 78 fgg.; 3, 28 fgg. und 4, 94 fgg., wo die hand-
schrift selbst beschrieben wird.
ZUM JUBILÄUM EICHENDORFFS 217
Idag-e = Hesperiden 1816; 39 Frühlingsandacht = Ast 2, 74; 39 fg.
An Maria = Ast 2, 76; 41 An J = Ast 3, 4; 41 An den heiligen
Joseph (vgl. 1, 569) = Ast 4, 77; 42 Die wnnderblnmc = Ast 3, 27;
44 Romanze (vgl. 1, 621) = Ast 4, 40 fgg.
Yon 68 bei Meisner gedruckten gedichten sind also 22 in der
ausgäbe bereits enthalten; 3 sind in ihr wenigstens teilweise bennzt;
7 kann ich in Zeitschriften nachweisen. Bei längerem suchen dürfte es
vielleicht nicht schwer fallen, in den zahlreichen almanachen aus der
romantischen zeit noch etwas oder alles von den übrigen zu finden.
Denn Eichen dorfi' liebte es die nianuscripte seiner gedichte aufzubewah-
ren, auch wenn sie bereits gedruckt waren: noch im jähre 1838 hat
er dem erbprinzen von Gotha das manuscript seines im jähre 1809
gedichteten liedes „In einem kühlen gründe" geschenkt (Findlinge 239).
Yon einer neuen seite lernen wir Eichendorff' aus dem wenigen,
was Meisners publikation zum ersten male bringt, nicht kennen. Das
meiste stamt aus der frühzeit. Eichendorff versucht sich in allen
romantischen kunststücken : er dichtet terzinen, kanzonen, assonanzen-
lieder; während er sich später gerade in metrischer lünsicht weise
beschränkt hat, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, dass damals
sowol Wilhelm als Friedrich Schlegel, von den Spielereien der nach-
ahmer und bewunderer angeekelt, bereits abwinkten. Er dichtet min-
nelieder nach dem muster Fr. Schlegels (Vermehrens almanach) und
Tiecks. Die katholisierende tendenz tritt in dem später unterdrückten
schluss des gesanges an den hl. Josef stärker hervor als später. Die
ältere form der romanze „Alter vater, alter vater" weist nicht blos in
den assonanzen neben den reimen, sondern auch in der masslosen aus-
dehnung auf das muster der Tieckschen schauerromanze („Zeichen im
Avalde") hin. Den „Gedanken als anhang" hätte der herausgeber besser
die Überschrift „Fragmente" gegeben: es sind fragmente in der art
Friedrich Schlegels, wie sie sich auch in der Astschen Zeitschrift finden.
Huldigt Eichendorff hier noch den tendenzen der älteren romantischen
schule, welche er später nur noch in der theorie vertrat, so zeigt das
s. 61 fgg. abgedruckte brieffragment an Loeben seinen nahen Zusam-
menhang mit dem Isidorus Orientalis der Heidelberger gruppe an, wäh-
rend er in dem fragment „Emma und Eginhard" stofflich mit Fouque
zusammen trift, der später bei seinem erstlingswerke pathe gestanden
hat. Aus den entwürfen für ein Puppenspiel „Incognito" (vgl. Tieck,
Mahlmann, Amim u. a.) teilt Meisner (LXI und 11 fg.) leider nur zwei
lieder Kolombinens mit. Ausserdem soll der naclilass eine „wahrschein-
lich in grossem massstabe angelegte Jugenddichtung Italien" und das
218 MINOR
umfangreiche fragment eines (historischen?) aufsatzes über die sicilia-
nische vesper enthalten: über beide berichtet Meisner nur in der
vorrede.
Auch die litteraturgeschichtliche Untersuchung und forschung der
lezten jahrzehente hat Eichendorff nur sehr wenig berührt. Das beste,
was über ihn gesagt worden ist, datiert immer noch aus seinen leb-
zeiten, ehe er eine litterarhistorische person geworden war. Schölls auf-
satz in den Wiener Jahrbüchern (76. und 77. band) ist nun wider
abgedruckt in seinen Gesammelten aufsätzen (Berlin 1888 s. 246 fgg.).
Ich nenne ferner: Gutzkow in den Beiträgen zur neuesten litteratur
(1836) I, 319 fgg.; Hallesche Jahrbücher IV, 1, 339 fg.; Grenzboten
1852 III, 161; 1853 II, 240 fgg.; 1854 III, 489 und 1888 nr. 9. Ganz
wertlos ist ein vertrag von C. von Prittwitz-Gaffron (Reichenbach in
Schi. 1881). Die litterarhistorischen Schriften hat R. Dietze in einer
Leipziger dissertation (1883) auf die gedanken Schleiermachers, Schel-
hngs und der Schlegel zurückgeführt, welche sie vertreten. Der ver-
trag von Lieber, welchen Keiter (s. 50) anführt, ist mir im druck nicht
bekant geworden. Als Jubiläumsschrift endlich ist in der samlung der
Görresgeselschaft eine monographie von Heinrich Keiter erschienen:
Joseph von Eichendorff, sein leben und seine dichtungen (Köln, kom-
missionsverlag von Bacheni 1887). Der Verfasser bekent selbst, über
das leben des dichters aus mangel an urkundlichem material nichts
neues bieten zu können; er hat die spärlichen quellen gewissenhaft
benuzt und an einigen wenigen stellen (95 fg. 102. 110) durch mittei-
lungen von freunden des dichters ergänzt. Neues will er nur bieten
in der aesthetisch- kritischen besprochung der werke und in der Charak-
teristik der dicht- und denkweise. Aber gerade nach dieser richtung
erscheinen mir seine ausführungen wenig erschöpfend und selten tief-
gehend; sie laufen widerholt auf eine blosse inhaltsangabe hinaus und
enthalten nur selten fruchtbare keime.
Eichendorff begint mit romanen und novellen, welche wie alle
romane der romantiker dem muster des Goethischen AVilhelm Meister
folgen und untereinander unverkenbare familienzüge tragen. Sie spie-
len meist auf schlossern und führen uns das freie adelsieben des vorigen
Jahrhunderts vor, wie es Goethe in seinem roman geschildert und Eichen-
dorff in der Jugend auf schloss Lubowitz erlebt hat. Die beiden aben-
teuern ohne sichtbaren zweck und deutliches ziel als echte romantische
Vagabunden heimatlos hin und her und scheinen wie der junge Eichen-
dorff mit dem sattel ihres rosses verwachsen. Sie sind künstler oder
virtuosen, aber nicht etwa von beruf, sondern aus blosser neigung und
ZUM JUBILÄUM EICIIENDORFFS 219
zum vergnügen; also dilettantische improvisatoren , welche die gäbe
haben im rechten augenblicke ihre empfindung in versen auszusprechen,
aber sich weiter um das handwerk nicht kümmern: die „dichter und
ihre gesellen" haben mit dem Schriftsteller- oder poetenstand nichts
gemein. Dies ist recht im sinne des 18. Jahrhunderts, welches die
poesie der arbeit nicht kent. Goethes Wilhelm Meister vertritt die
ansieht: „der bürgerliche arbeitet, der adelige repräsentiert"; und Nico-
lai in den „Vertrauten briefen" ruft sein pfui über den beiden, der gar
kein Charakter, sondern nur ein nicht handelndes schlenterwesen sei
und nebenbei mit jeder schürze lieble. Aber auch Schillers ideal der
schönen seele hat ihren wert allein darin, dass sie ist: sein Fridolin
entgeht durch die blosse herzenseinfalt, ohne eine band zu rühren, den
schlingen des bösen. Die romantiker verzerren auch hier das ideal der
klassiker. Gegenüber der platten und poesielosen nützlichkeitsrichtung
der aufklärung feiert Friedrich Schlegel in der Lucinde den müssig-
gang als die lezte erinnerung an das verlorene paradios; und Schellings
„lebenskunst" (Plitt, aus Schellings leben I, 292 fg.) gipfelt in dem
satze :
„Das leben soll im leben sich vergessen,
Die dummen nur bekümmern sich mit sorgen:
Was werd' ich trinken und was werd' ich essen?
Tom leben lebt das leben, nicht vom roste
Der arbeit, der das leben selbst ersticket.
Die solches lehren, sind nicht wol bei tröste."
Eichendorff aber hat es verstanden, das romantische ideal der paradie-
sischen faulheit in einer liebenswürdigen gestalt zu verkörpern, welcher
jeder verletzende Stachel benommen ist. Sein autobiograpischer roman
„Aus dem leben eines taugenichts" ist die echte „Idylle vom müssig-
gang", welche Friedrich Schlegel nicht schreiben konte. Der held,
welcher seine geschichte selbst erzählt, ist ein müllerssohn, den sein
vater in die weit schickt, damit er sich endlich sein brot ver-
diene. Er aber ist das urbild der absoluten zwecklosigkeit ; wie die
beiden Eichendoi-ffs und der romantischen romane überhaupt sieht er
am liebsten auf dem rücken im grase liegend dem zug der wölken zu
und träumt von seinem glücke, oder er wiegt sich wie der junge
Eichendorff in den wipfeln der bäume. Ein „vazierendes genie" wird
er genant und wirklich ist er ein virtuos auf der geige: aber nur aus
neigung, wenn es ihm vergnügen macht, nicht um damit sein brot zu
verdienen. Allen eindrücken der natur mit weitgeöfneten sinnen und
empfänglichem herzen hingegeben, immer geniessend und niemals tätig.
220 MINOR
ist er der absolute gegenfüsslor der auf ihren nutzen bedachten auf-
geklärten philister, welche der dichter in etlichen satirischen neben-
figuren mit ihm contrastiert. Aber obwol er so unpraktisch wie uneigen-
nützig auf sich selbst bis auf das essen und tiinken vergisst, selbst
des Sinnes für geld und geldeswert entbehrt und gott allein für sich sor-
gen lässt („wem gott will rechte gunst erweisen"), hat er dennoch seine
Sache aufs beste bestelt und alles gute fält ihm wie im schlafe zu.
Er erhält was er wünscht: er wird erst gärtner im hause der schönen
gräfin, dann zoUeinnehmer; er komt als begleiter eines flüchtigen lie-
bespaares in das land des dolce far niente; und erhält endlich die band
seiner geliebten gräfin — denn dass sich diese zulezt als die kammer-
jungfer entpupt, kann seine wonne nicht im geringsten stören . . . Das
genaue seitenstück zu dem Taugenichts bildet die spätere novelle „Die
glücksritter" (1841), welche aber in den zeiten des dreissigj ährigen
ki-ieges spielt. Der held Clarinette ist ein müllerssohn wie der tauge-
nichts und wird mit seinem herrn, dem Studenten Suppius, in einer
gestolilenen gräflichen kutsche, in welche sie durch zufall geraten sind,
auf ein schloss entführt, wo der leztere widerum von einer verkleideten
kammerjungfer als hochzeiter empfangen wird.
Schon aus der widerkehr desselben typischen hauptcharakters in
den meisten romanen und erzählungen ergibt sich, dass Eichendorffs
erfindungsgabe yicht sehr gross ist. Neben dem schwärmerischen, ern-
sten und melancholischen beiden steht in den grösseren romanen meist
eine zweite hauptfigur, welche die romantische lebenskunst von ihrer
jovialen, humoristischen seite zeigt und schon äusserlich durch den
echt romantischen namen gekenzeichnet ist: so wie Wilhelm Meister
und Lothario in dem Goothischen romane, stehen sich bei EichendorfP
Friedrich und Leontio (Ahnung und gegen wart), Florio und Fortunato
(Marmorbild), Fortunat und Lothario (Dichter und ihre gesellen) gegen-
über. Typisch kehrt auch die emanzipierte, dämonische frau in den
Eichendorffschen romanen sogut wie bei Achim von Arnim wider: die
gräfin Romana (Ahnung und gegenwart) tötet sich selbst, weil sie sich
des geliebten Friedrich für unwürdig hält; die gräfin Juana (Dichter
und ihre gesellen), welche sich schliesslich als identisch mit der heldin
der eingeschobenen erzählung von der „Wilden Spanierin" herausstelt,
zeigt wilde nymphennatur und trägt die balladenhaften züge der Lore-
ley; wie sich Juana, um Lothario zu entrinnen, einfach mit dem pferde
vom felsen herab in den see stürzt, so sezt die amazone Diana in der
„Entführung" (1839), um einer liebeserklärung zu entfliehen, über
abgründe hinweg. Die dämonisch schöne frau, welche die heldin dieser
ZUM JUBILÄUM EICHEXDORFFS 221
novelle ist, verachtet alle die sie lieben und will sich blos dem zu
eigen geben, der sie zu entführen den mut besizt. Graf Gaston nimt
sie beim wert und volführt trotz ihrer gegenmine das heldenstück, aber
als sie nun das schloss in brand steckt, auf welchem sie rasten, um
sich mit ihm den tod zu geben, wendet er sich voll grausen von ihr
ab und der liebevollen Leontine zu. Diana aber geht ins kloster und
wird ihrer kalten sti-enge wegen als heilige verehrt.
Auch in der handluug kehren typische züge wider. Wie bei
Achim von Arnim spielt Verkleidung eine grosse rolle. Die geliebte
folgt dem geliebten als mann verkleidet (Marmorbild, Taugenichts,
Schloss Durande, Viel lärmen um nichts); am häufigsten wird mit Ver-
kleidungen in „Dichter und ihre gesellen" operiert: nach dem tode der
Donna Juana verkleiden sich Cordelchen und die fürstin in ihr costüm,
Dryander wechselt beständig seine rolle, das Jäger-, pilger-, einsiedler-
and jesiiitencostüm findet jeden augenblick Verwendung. Die amazone
Diana sucht sich dem grafen, der sie zu entführen gelobt hat, in
zigeunertracht zu entziehen. Gabriele im „Schloss Durande" steckt
sich, um den geliebten zu retten, in die kleider eines jungen grafen.
Am beliebtesten aber ist die kammerjungfer, welche die kleider der
gräfin trägt und ihre rolle spielt: so wechseln herrin und dienerin die
kleider (Taugenichts, Entführung, Glücksritter, Viel lärmen um nichts),
woraus sich natürlich verkennungen und weitere Verwicklungen erge-
ben. Nicht minder beliebt ist in episoden das doppelgängermotiv: die
personen glauben sich selbst oder ihrem verstorbenen doppelgänger
begegnet zu sein, oder sie sehen andere doppelt vor sich erscheinen.
Fast in jedem romane oder jeder erzählung Eichendorffs komt eine
solche stelle vor (2, 297 fgg. 328. 3, 131. 182. 329) und einmal
(3, 613) spottet Eichendorö" selbst über die „dumme romantik" der dop-
pelgänger. Auch von der im Wilhelm Meister blos angedeuteten und
durch Tieck im Sternbald hochentwickelten traumtechnik wird ein aus-
giebiger gebrauch gemacht: die art, wie sich Fiammetta mit Fortunat
im träume unterredet (3, 512), erinnert fast an das Käthchen von Heil-
bronn.
Das costüm und das lokale ist überall das algemein romantische
wie in Tiecks Sternbald. Trotzdem Eichendoi-ff seine romane gern an
der Donau oder am Neckar lokalisiert, bei der widerholt geschilderten
Donaureise (Ahnung und gegenwart, Dichter und ihre gesellen) seine
eigne reise von Regensburg die Donau herab bis Wien und bei der
grossstadt die kaiserstadt vor äugen hat, gibt er doch nirgends ein
bestimtes und anschauliches bild. Auch der Taugenichts spielt in der
222 MNOK
nähe von Wien und später in Italien. Rom ist auch in „Dichter und
ihre gesellen" eine Zeitlang Schauplatz: aber trotzdem die verschiedenen
richtuDgen der dort lebenden romantischen kunst in einzelnen Vertre-
tern vorgeführt werden , erhalten wir kein scharfes bild der nazarenischen
maier. Besser gelingen ihm studentenscenen , welche sich wie bei den
Heidelberger romantikern als episoden meist am beginn der grösseren
romane gern einstellen: hüteschwenkend erscheinen sie in der roman-
tischen tracht, welche sie damals auch im leben noch trugen. Neben
den Studenten sind die komödianten seine lieblinge: als episode erschei-
nen sie in „Ahnung und gegen wart"; in den „Glücksrittern" gibt der
Puppenspieler mit seiner familie eine köstliche figur ab; im „Tauge-
nichts" begegnen wir neben reisenden und wandernden malern den
Prager Studenten, die in der zeit der vacanz als musikanten herum-
ziehen. Wie in Goethes Wilhelm Meister herscht das koraödiantenwesen
dann in „Dichter und ihre gesellen": ein graf schliesst sich wie in
Scarrons Roman comique oder in Goethes Wilhelm Meister unter dem
namen Lothario wandernden komödianten an. In director Sarti erken-
nen wir unschwer Goethes Serlo, im Kordelchen die reizende Philine,
im Dryander den pedanten des Goethischen romans wider; und wie
bei Goethe erhalten wir auch über das theaterwesen (2, 457 fgg.) theo-
retische belehrung. Mit Goethe und allen romantischen romanen (ausser
der Lucinde) hat Eichendorff endlich die eingeschalteten lieder gemein:
sie gelten zum teil als Improvisationen der vorgeführten personen, in
deren Innern es stets musiciert; sie werden aber auch am beginn der
kapitel vorausgestelt, gleichsam um den grundton anzuschlagen, auf
welchen das ganze kapitel gestirnt ist. Waldhornklänge und guitarren-
lieder durchziehen wie in Tiecks Sternbald oder in Dorotheas Ploren-
tin den roman. Die lieder gelten oft als „alte lieder" nach der weise
des Wunderhorns, welches (2, 93) auch ausdrücklich citiert wird. Am
deutlichsten erkent man diese typischen züge an den beiden grossen
romanen, mit denen Eichendorff' seine dichterische lauf bahn begonnen
und beschlossen hat: „Ahnung und gegeuwart" und „Dichter und ihre
gesellen", welche sich wie die romane Tiecks von den erzählungen
nur durch die grössere composition unterscheiden. Namentlich der
erste roman befolgt genau das muster des Wilhelm Meister, welcher
(2, 29) citiert wird. Die hauptsitnationen und die hauptcharaktere keh-
ren getreulich wider. Graf Friedrich ist Wilhelm Meister, aber aus
höherem stände. Seine begegnung mit der schönen gräfin, die Avie ein
blitz sein herz rührt, seine wunden verbindet und seine Vorgeschichte
anhört, bei welcher Eichendorf wie Goethe eigene Jugenderlebnisse
ZUM JUBILÄUM EICHENÜ0RFFS3 223
venvertet und die g-räfin wie Marianne über der erzählung Wilhelms
einscliläft, — alles das ist ziig um zug dem Goethischen roman nach-
gebildet. Leontin ist Lothario, das joviale seitenstüek zu dem enthu-
siastischen und pathetischen beiden. Humor und Ironie helfen ihm
über den unbefriedigten tätigkeitsdrang hinweg. Marie ist wie Philine
eine leidenschaften erregende, dabei doch selbst ewig kühle natur.
Erwin, welchen Friedrich im Christentum unterrichtet, ist Mignon; die
weisse frau die schöne seele. ... Wie im Wilhelm Meister endet die
handlung mit dem widei-finden und widererkennen von verwanten.
Dunkle erinnerungen an die Jugendzeit leben in Friedrichs wie in Wil-
helms seele: das schloss mit marmorhallen und säulen u. dgl. Der-
selbe freie stii im leben und in der liebe: männer küssen die frauen
ungescheut, ob sie schon die geliebten oder die braute anderer sind.
Im untei-schied von dem Goetlüscheu romane führt uns dagegen
das erstlingswerk Eichendoi-ffs nicht blos in die grossstadt mit ihren
aesthetischen thees und redouten usw., sondern auch in die weit der
tat. Friedrich und Leontin sind nur deshalb romantische landstreicher,
weil ihnen ein fester mittelpunkt, in dem schwalle von poesie, andacht,
keuschheit, tugeud und vaterländerei ein ort des eingreifens fehlt (2,
345 fg.). Sie versuchen es endlich mit der tat: Friedrich nimt an dem
landsturm des gebirgsvolkes, Leontin an dem kriege teil. Aber auch
hier bleibt es bei ganz algemeinen, unbestimten Schilderungen: es wird
nicht gesagt, dass der Tiroler aufstand von 1809 gemeint und unter
dem „feinde" Napoleon verstanden ist. Und der abschluss befriedigt
eben so wenig als im Wilhelm Meister: Friedrich findet in der religion
die einzige hülfe aus dem nationalen elend, er geht ins kloster; Leon-
tin aber zieht mit seiner braut in die neue weit, wo er für seinen
tätigkeitsdrang einen Wirkungskreis zu finden hoft. Dies ist der kon-
trast zwischen „ahnimg und gegenwart" in der gewitterschwülen zeit vor
den befreiungskriegen. Und genau denselben abschluss zeigt auch
Eichendorfis lezter roman („Die dichter und ihre gesellen"): Lothario
wird wie Friedrich geistlicher, Fortunat heiratet wie Leontin und geht
mit seiner jungen frau nach Italien.
Dass Eichendorff aus dem leben schöpfte und dass bestimte modeile
seinen romanfiguren zu gründe liegen, ist bezeugt: bei dem seltsamen
narren Victor schwebt ein junger hauscaplan auf den Eichendorffschen
gütern vor (1, 26 fg. 45); die gräfinnen Rosa und Romana sollen por-
traits aus der Wiener periode sein (1, 56); in dem enthusiastischen
erbprinzen, der sich als Verführer entpupt, wird man aber eher ein
entsteltes abbild des preussischen prinzen Louis Ferdinand und seines
224 MNOR
Verhältnisses zu Paiiline Wiesel als "Wiener erinnerungen (1, 56) zu
suchen haben; auch Lochen und einer seiner freunde (1, 55 fg.; vgl.
nachlass 312 fgg.) wolten sich in dem romane zu ihrem schaden wider-
finden. Der dichter Haber, welchen das waldhorn stört während er ein
echo dichtet, und der mit beruf ung auf Goethe gegen die Verwechslung
von leben und dichtung (2, 30) protestiert, während die beiden auf
völlige Übereinstimmung zwischen gesinnung und dichtung bestehen
und gegen die Spielereien der romantischen dichterlinge eifern, denen
auch die beiden Schlegel damals bereits abwinkten: dieser Haber ver-
rät sich schon im namen als ein seitenstück zu dem dichter Faber in
Brentanos Godwi, bei welchem diesem bekantlich ebenfals eine persön-
lichkeit der Heidelberger periode, der Übersetzer und dichter Gries,
vorschwebte.
Aber auch wo Eichendorff nach fremden quellen dichtet oder einen
historischen stoff behandelt, finden wir die bekanten typen und Situa-
tionen wider. Im „Marmorbild" (1819) benuzt er eine erzählung aus
Happels Curiositates (deren Inhalt Kelter s. 48 fgg. mitteilt) und verbin-
det damit das motiv der sage vom Venusberge, welche er auch sonst
(2, 387. 536 u. ö.) gerne berührt und die auch sein bruder Wilhelm
in der „Zauberischen Yenus" (Loebens Hesperiden 66 fgg.) behandelt
hat. Florio verliebt sich in das marmorbild der Venus, welches jeden
früliling leben annimt; als er zufällig die christliche gottheit anruft,
verschwindet der heidnische spuk: die symbolische ausdeutung auf die
ablösung der antiken mythologie durch die christliche in der roman-
tischen zeit liegt nahe genug. Aber auch hier wider die unbestimten
typen des ernsten und des jovialen romantischen bumlers; auch hier
doppelgänger, Verkleidungen u. dgl. In der ,,Meerfahrt" (1835) behan-
delt Eichendorff einen historischen stoö': die entdeckungsfahrt der Spanier
unter Alvarez. Aber auch hier hat die romantik des reisens, das zweck-
lose abenteuern in der irfahrt sein besonderes Interesse erregt, und neben
den beiden steht der typus des Studenten Antonio. Die königin der
wilden ist das dämonische, amazonenhafte weih, welches den in sie
verliebten Diego mit allen Europäern, zugleich aber auch sich selbst
dem verderben opfert. Wie eine widerholung aus dem Marmorbild
liest es sich, wenn zulezt Alma von den Seefahrern für die Venus
gehalten wird und die beiden sich einbilden ins Venusreich geraten zu
sein , . . Eine selbständigere haltung nimt nur „Schloss Durande"
(1837) ein, obgleich es auch hier an typischen zügen nicht fehlt. Die
schwxster des Jägers ßenald, Gabriele, hat ein steldichein mit dem
söhne des graten Durand, dessen hohe abkunft ihr ebensowenig bekant
ZUM JUBILÄUM EICHENDORFFS 225
ist als dem bürgermädchen in „Ahnung und gegenwart" die hoho Stel-
lung des prinzen. Der brnder entfernt sie in ein kloster; aber sie
folgt dem grafen nach Paris und verschaft sich als gärtnerbursche bei
ihm aufnähme. Renald aber glaubt an gewaltsame entführung durch
den grafen und sucht in Paris sein reclit gegenüber dem vermeintlichen
entführer. Vergebens! Nach dem tode des alten grafen greift er, um
sich recht zu schafien, zur gewalt. Aber als seine kugel den schul-
digen ereilt hat, erfährt er mit entsetzen, dass der graf seine Schwester
nicht entführt und wirklich geliebt habe: er sprengt sich selbst mit
dem pulvorturm des Schlosses in die luft. In dieser novelle ist, wie
auch Keiter bemerkt, etwas Kleistsches: das starre suchen nach recht,
welches sich unter der band in unrecht verkehrt, wie bei Michael Kohl-
haas. Starke leidenschaft und ein tieferes psychologisches Interesse als
sonst in den erzählungen Eichendorffs.
Lieder finden wir in allen erzählungen eingeschaltet und die
lyrik, welche Keiter s. 83 fgg. sehr gut bespricht, bildet ohne zwei-
I fei den eigentlichen ruhmestitel Eichendoi-ffs. Er zeigt sich in ihr
als echter romantiker. Er sieht die natur immer in romantischer
beleuchtung: im mondenglanz, in duft und dämmerung gehült. Was
Wilhelm Schlegel von Ariost gesagt hat, gilt umgekehrt von Eichen-
dorff: es ist bei ihm immer morgen, niemals mittag; und unter den
Jahreszeiten bevorzugt er gieichfals die ahnungsvolle werdezeit des früh-
lings. Immer wie in Tiecks naturgedichten erscheint auch bei ihm die
natur geheimnisvoll bewegt: tausend stimmen durchkreuzen sich, es ist
ein ewiges singen und klingen, ein plaudern und rauschen, die klänge
des Waldhorns oder des posthorns durchziehen die luft oder das Wal-
desrauschen ertönt wie ein feierlicher orgelklang. Von der romantik
der ruine samt den geistern der verstorbenen beiden wird ausgiebiger
gebrauch gemacht. . . Ebenso sind die empfindungen, welche Eichen-
doi-ff" zu erregen sucht, echt romantische: die unendliche Sehnsucht,
welche nach Schiller und Friedrich Schlegel den modernen menschen
erfült, wenn er der natur gegenübertritt; die geheimnisvollen schauer
in der brüst des menschen, das unbewuste in seinem innern, die ver-
liebe für das traumhafte und visionäre in dem empfindungsieben. Wider-
liolte anklänge an Mignons sehnsuchtslied und an Goethes romantisches
mondlied stellen sich dabei notwendig ein. Zugleich aber ist Eichen-
dorff in dieser hinsieht der unmittelbare Vorläufer Heines. Manches
Heinische lied begint ganz in der tonart Eichendorffs und schlägt dann
plötzlich mit einer ironischen schlusswendung in die entgegen gesezte
um; wie umgekehrt auch Eichendorff widerholt damit schliesst, dass
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE, BD. XXI. 15
226 MINOR
er die vorgeführten personen und scenen wie einen spuk verschwinden
lässt. Die lieblingswendungen Heines: „weiss nicht wie mir geschah",
„mir ist als ob . . .", „ich wollt als reiter fliegen", „ich möcht! . . .", in
denen sich das sehnende, unbestimte und unbeständige ausspricht, fin-
den wir unzählige male bei Eichendorff. Nach einer anderen richtung
aber ist Wilhelm Müller der nachfolger Eichendorös: in der verliebe
für die wandernden stände (vgl. die rubrik „Wanderlieder''- in den
gedichten), in welcher sich recht die fahrige natur der älteren und jün-
geren romantiker ausspricht. AVie in seinen romanen führt uns Eichen-
dorff auch in den liedern überall virtuosen und taugenichtse vor:
musikanten, Studenten, Soldaten, seeleute, besonders aber wandernde
oder rast- und ruhelose sänger. Die romantik der mühle, auf welcher
die berühmten „Müllerlieder" seines nachfolgers beruhen, hat Eichen-
dorff in die deutsche lyrik gebracht („In einem kühlen gründe"). Auch
die müller gehören ja zu den fahrenden ständen: „Das wandern ist des
müllers lust . . ."
Was Eichendorffs lyrik von den liedern der übrigen romantiker
unterscheidet, das ist zunächst ein negativer zug: er vermeidet das
bizarre und paradoxe, die romantik hat bei ihm immer ein heiteres
freundliches gesiebt und conciliante formen. Er hat nicht blos aus
dem Wunderhorn, sondern auch von dem schlichten und treuherzigen
Wandsbecker boten gelernt, welchen er hoch verehrte und auf einer
reise nach Norddeutschland persönlich aufgesuclit hat. Schon in der
äusseren form hält er sich von allen künsteleien der romantischen
schule fern: für die zeit, in welcher Isidorus Orientalis seine virtuosen
kunststücke producierte, ist dieselbe bei Eichendorff ausserordentlich
einfach: in der Heidelberger zeit dichtet er sonette, einmal eine glosse,
einmal — wie es scheint parodistisch gemeinte — hexameter; sonst nur
die einfachsten sangbaren formen des Volksliedes, oft die vierverse des
süddeutschen schnaderhüpfels. Seine lieder forderten die composition
geradezu heraus, die ilmen durch Weber, Bernhard Klein und Men-
delssohn reichlich zu teil geworden ist, während die lieder Tiecks, Ar-
nims, selbst Brentanos meist ungesungen blieben. Auch im inhalt
treten die romantischen tendenzen nur discret, niemals aufdringlich
hervor. Eichendorff ist ein überzeugungstreuer katholik: aber seine
„geistlichen lieder", an bedeutung und tiefe hinter denen des Novalis
weit zurückstehend, sind von den weltlichen im tone oft kaum zu
unterscheiden; auch in den Wanderliedern liebt er die symbolische
Wendung sowie den bezug auf die lebensreise und schliesst oft mit
einem discreten fingerzeige nach oben.
I
ZUM JUBILÄUM EICHKXDORFFS 227
Massvoll ist er in der patriotischen tendenz: seine gedickte aus der-
zeit der befreiungskriege sind keine wilden räche- und schlachtgesänge;
sie geben vielmehr der poesie des Soldaten- und lagerlebens ausdruck.
Ein stärkerer ton ist ihm nur gelungen, als er nach dem kriege zum
geisteskampfe aufrief und vor dem erschlaffen warnte (1, 405 fg.). Seine
dichterische iodividualität ist eine liebenswürdige, aber keine starke;
dies zeigen namentlich die wenig zahlreichen liebesgedichte, welche,
trotzdem sie der liebe zu seiner braut ihre entstehung verdanken, nir-
gends einen individuellen zug aufweisen. Die „Lieder auf den tod
eines kiudes" sind eine weniger kunstreiche und weniger gekünstelte
nachbildung des totenopfers, welches Wilhelm Schlegel einst seiner Stief-
tochter Auguste Böhmer gewidmet hat, und Vorläufer der weit innigeren
klagen Paul Heyses. Auch die romanzen gewinnen uns blos durch
den einfachen volkstümlichen ton; sie sind arm an motiven. Neben
wenig anklängen an die damals bereits veraltete richtung der Schiller-
schen ballade bildet wie so oft im Wunderhorn treue und untreue
(besonders: „Das zerbrochene ringlein''), das Lenorenmotiv (der liebende
komt als tod zurück, um die braut zu holen), besonders aber die von
Brentano ersonnene Loreleysage den Inhalt. Besonders den lezten stoff
hat Eichendorff sofort mit begier aufgegriffen und stark in ansprach
genommen: der liebeszauber oder die Situation des Schiffers im kahne
und der frau, welche oben am fenster ihr goldenes haar kämt, kehrt
zu oft wider.
Am wenigsten gelingt es dem schlichten wesen Eichendorffss mit
der litterarischen satire nach dem muster Tiecks. „Krieg den phili-
stern" (1822 vollendet) hat den von Brentano entwickelten begriff des
philistei-s zur Voraussetzung, als dessen äussere kenzeichen auch bei
Eichendorff kaffee und tabak gelten. Die poetischen kommen mit ihrem
schiff auf sand, d. h. im trockenen, angesegelt und nehmen das land
der philister in besitz, die sich widerum zur wehre setzen. Aber der
kämpf wird durch eine reihe von scenen unterbrochen, in welchen sich
poeten und philister verwirren: philister lieben die heldiunen der poe-
ten und umgekehrt; poeten erscheinen als philister und umgekehrt.
Die Satire geht also nicht allein gegen die philister, sondern auch gegen
die poetischen: die altdeutschen, die Fichtische philosophie usw. Die
romantik schont sich selbst nicht mehr. Persönliche satire vermag ich
nur wenig zu erkennen: doch ist in Pastinak, dem geschäftsreisenden,
ein verspätetes Zerrbild Nicolais nicht zu verkennen. Die selbstironie
fehlt so wenig als bei Tieck: nachdem zulezt beide parteien durch den
riesen der urzeit, Grobianus, in die luft gesprengt sind, bleibt niemand
15*
228 MINOR
übrig als der Verfasser und der narr, der sich als doppelgauger des
Verfassers lieransstelt . . . Das muster von Tiecks Zerbino ist auf schritt
und tritt deutlich. Auch hier spielen Verfasser und publikum, das
theater im theater mit. Das publikum schimpft über den unsinn des
Stückes und stürmt die bühne. Wie in Tiecks Gestiefeltem kater die
„effekte" aus der Zauberflöte geholt werden, so hier aus dem „Frei-
schütz." Die Schauspieler fallen aus der rolle oder laufen aus der
handluug des Stückes heraus, so dass der Verfasser sie holen muss.
Das ganze stück schläft einmal ein und wird ein anderes mal durch
anstemmen mit den eilen bogen weiter befördert. Der schlusseftekt, als
der riese Grobianus wider den willen des Verfassers den pulverturm in
die luft sprengt, wird vom publikum wütend beklatscht usw. Trotz
einigen ergötzlichen scenen, wie der ratsversamlung der philister, wel-
che massregeln gegen die poetischen ergreifen, der theegeselschaft und
der exerzierscene der poetischen usw., komt das ganze dem genialen
Übermut der Tieckschen komödien nicht entfernt gleich. Noch weniger
wirkt „Meierbeths glück und ende" (1828: der titel nach Grillparzens
Ottokar), in dessen erster hälfte die Walter Scottschen hochlandshelden
verspottet werden, während die zweite (in parodistischen trochäen) sich
gegen die schicksalstragödie wendet. Dass als Vertreter der lezteren
dem dichter Grillparzers „Ahnfrau" vor äugen schwebt, ergibt nicht
blos die handlung (liebende stellen sich als geschwister heraus, fluch
lastet auf dem geschlecht), sondern aucli die parodie einzelner stellen. ^
Neben den typischen roUenfächern, welche hier als handelnde personen
auftreten (Cannegiio d. h. Canaille: der intriguant; Treugold: der bie-
dere treue alte; Edelreich: der heldenjüngling), spielen auch hier recen-
senten, Verleger u. a. mit; und wie bei Tieck (Zerbino) geht das stück
einmal sogar zurück, so dass frühere scenen sich widerholen ... In
novellenform finden wir die litterarische satire eingekleidet in „Yiel
lärmen um nichts" (1833). Herr Publikum erscheint hier als philister,
dem am Schlüsse die Zipfelmütze aufgesezt wird, mit welcher ihn Arnim
vor der Einsiedlerzeitung im conterfei gezeigt hatte. Er glaubt die
gräfin Aurora zu heiraten; aber diese hat natürlich widerum mit ihrer
kammorjungfer die kleider vertauscht, während sie selbst in männer-
Ij 4, 193 wii'd Bei-thas monolog in der „Almfrau" verspottet, welchem der
vers „ja, es heisst verlieren" wörtlich eutnonimeu ist. — Es verdient beachtung,
dass Eichendoilf gleichwol zweimal durch Grillparzers Ahnfrau beeinflusst erscheint;
in der „Entführung", wo Leontine den grafen für den räuberhauptmanu hält, und in
Violantes Schilderung ihrer begegnung mit Ezzelino, welche (auch im versmass) mit
der erzähluug Beithas von ihrer ersten begegnuug mit Jaromir übereiustimt.
ZUM JUBILÄUM EICHENDORFFS 229
kloidung als Florentin (vgl. Dorotheens roman) auftritt und Willibalds
gattin wird. Wie in den satirischen dramen die figuren der paro-
dierten dichtungen auf die scene treten, so begegnen wir hier den
gestalten aus den romantischen romanen: den Leontin, Faber, Floren-
tin, ja selbst dem alten harfner aus Goethes Wilhelm Meister. Sie
schaaren sich „um die zerrissene fahne der romantik" und kämpfen
gegen die novellisten, welche dem herrn publikum dienen und, alles
gekünstelte hassend, von der novelle nur ein kunstloses abbild der
Wirklichkeit verlangen. Also derselbe gegensatz gegen das gemeine,
naturwirkliche, wie in Tiecks satirischen märchenkomödien. Und wie
Eichendorff früher nach Tieck das theater im theater vorgeführt hat,
so haben wir hier die novelle in der novelle: die handelnd vorgeführ-
ten personen sind zugleich auch mit dem Zustandekommen der novelle
selbst beschäftigt und am Schlüsse tiitt der dichter selbst (wie in Bren-
tanos Godwi) in derselben auf. AYie Tieck endlich bedient sich Eichen-
dorff zulezt auch des märchens zur satire, wie er auch in seine no vol-
len mitunter (2, 585 fg. 3, 343 fg.) märchenerzählungen eingeschoben
hat. Pinkus in „Libertas und ihre freier" (1849) hat die Liberias
gefangen genommen, welche dr. Magog mit hülfe des riesen Eüpel
befreien will: aber anstatt der Avahren Libertas erwirbt er Aviderum
blos die silberwäscherin des dr. Pinkus zur frau (ihr name Marcebille
stamt aus Tiecks Octavianus). Indem er Pinkus als Erben des nach-
lasses von Nicolai bezeichnet, sezt er die satire gegen die aufklärung
fort, mit welcher er die demagogischen (dr. Magog) volksbefreier von
1848 gemeine sache machen lässt.
Im ernsten drama hat sich Eichendorff zweimal versucht. Sein
„Ezzelino von Romano" (1828) entnimt nach Wilhelm Schlegels hin-
Aveis wie so viele andere dramen der angrenzenden zeit den stoff aus
Raumers geschieh te der Hohenstaufen. Gleich Zacharias Werners Attila
trägt der ehrgeizige eroberer, welcher im blute watet, die züge von
Napoleon. Aber eine das ganze stück beherschende figur von tragi-
schem interesse hat Eichendorff nicht aus ihm zu macheu verstanden,
es fehlt an einem eigentlichen konflikt: nur die scene, wo EzzeKno vor
dem möuch Antonio zittert, welcher ihm wie papst Leo dem Werner-
schen Attila gegenübertritt, erreicht eine tiefere Wirkung. Stärkere
konflikte und eine besser concentrierte handlung findet man im „Lezten
beiden von Marienburg" (1833): aus dem stof kreise von Schillers Mal-
thesern, Werners Templern von Cypern und Kreuz an der ostsee (bei
Eichendorff handelt es sich um das „Kreuz im norden"), Kratters Mäd-
chen von Marienburg. Plauen steht als befreier seines ordens und
280 raxoR
Ordenslandes allein für sich, während alle übrigen egoistischen impulsen
folgen; der edle muss zu gewalttätigen mittein greifen, um seine absieht
durchzusetzen und das wird sein fall. So stehen die vaterlandsretter
in den befreiungsstücken von Achim von Arnim und Heinrich von
Kleist (Hermannsschlacht) immer für sich allein und müssen zu den
niedrigen mittein der list und kUigheit ihre Zuflucht nehmen; so erschien
in den tagen der befreiungskriege gegenüber dem eroberer jedes mittel
erlaubt, das zum ziele führte . . . Formell stehen die dramen Eichen-
dorfPs auf einer linie mit den dramen Tiecks und "Werners: freie Shake-
spearesche technik; schlachtscenen , bürgerscenen, rüpelscenen nach die-
sem muster. Wie Tieck entnimt Eichendoi-ff seinen Vorbildern auch
ganze Charaktere und Situationen: Giulio in „Ezzelino" ist Goethes
Franz im Götz; der tod Adebars ist dem tode Arthurs im König Johann
genau nachgebildet. Aber auch hier ist Eichendorff massvoller als
seine Vorgänger : schon in der äusseren form wechseln zwar prosa und
vers, Jamben und vierfüssige trochäen mit einander ab, aber so bunt-
scheckig und opernhaft wie bei Tieck und Werner ist sie nicht. Auch
von dem mystischen und wunderbaren, das nicht ganz fehlt, wird ein
discreter gebrauch gemacht. Die personen berufen sich wie die beiden
Kleists und anderer romantiker gern (3, 471. 397) auf die Verwirrung
ihrer gefühle. Sie erinnern sich an hauptmomenten der handlung gern,
die ereignisse im träume vorausgesehen zu haben, und überhaupt ist
von träumen viel die rede. Aber nur im Ezzelino begegnet uns ein
geheimnisvoller Jüngling, der die rolle eines todesengels spielt (3, 311 fg.).
Ugolino, ein natürlicher söhn Ezzelins, weissagt ihm am beginn seinen
Untergang bei Cassano: so misversteht Ezzelino für Bassano (vgl. Iphi-
kon und Pfiffikon in Kleists Hermannsschlacht und das betrügerische
hexenlied in Macbeth).
Interessant ist es zu beobachten, wie Eichendorff auch hier nach
und nach seinen typischen novellen- und balladenmotiven zutritt gestat-
tet. Verkleidete frauen, welche als rechte aniazonen den männern in
die Schlacht folgen, kommen in den befreiungskriegen widerholt vor:
ich erinnere nur an jene Eleonore Prochaska, deren geschlecht erst
erkant wurde, nachdem sie in der schlacht verwundet war, an den
„unterofficier" Auguste Friederike Krüger und an Johanna Stegen (alle
drei von Kückert besungen: gesammelte poet. werke I, 59. 61. 210; poe-
tisches tagebuch, Frankfurt a. M. 1888, 437). In Eichendorffs Ezzelino
tritt Violante verkleidet zwischen den vater und den geliebten und wird
von dem ersteren durchbohrt; im Helden von Marienburg sucht Eominta
den beiden vor Wirsberg zu schützen, welcher sie liebt und unerkant
ZUM JUBILÄUM EICHENDORFFS 231
tötet: man denkt in beiden fällen an die katastrophe im Fiesco mid in den
Schroffensteinern. In Rominta, welche immer in nicännlicher rittertracht
erscheint, finden wir den amazonentypus der novellen wider: sie hat
"Wirsberg, Avelcher sie liebt, den auftrag gegeben, den beiden von Ma-
rienburg zu töten; aber durch seinen blossen anblick wird ihr hass in
liebe verwandelt und sie tritt nun selbst im kämpfe schützend vor ihn.
Auch das doppelgängerraotiv (3, 295. 305. 505. 594) komt widerholt
vor, und selbst das Loreleymotiv findet aus den bailaden zutritt. Denn
dass Gertrud, welche Wirsberg zuerst als unerkanten Jäger (vgl. den
prinzen in „Ahnung und gegenwart" und den grafeu im „Schloss Du-
rande") geliebt und dann um Romintas willen verlassen hat, den tod
der Loreley stirbt und sich "mit den werten der Brentanoschen ballade
(4, 607 fg. = Brentanos Schriften 3, 394 fg.) in den abgrund stürzt,
hätte Kelter nicht übersehen dürfen ... In dem lustspiel „Die freier"
(1833) bewegen wir uns dann wider ganz in dem bekanten kreise von
Charakteren und Situationen. Der graf, welcher um die phantastische
gräfin Adele wirbt, gibt sich für einen musikanten aus und ein Schau-
spieler spielt die rolle des grafen; die gräfin^ welche davon erfahren
hat, wechselt umgekehrt wider mit ihrer kammerjungfer die kleider.
Auch die intrigue, welche der Jäger einfädelt, beruht auf Verkleidungen
und Verwechselungen. Und zu der bekanten geselschaft von musikan-
ten und schauspielern komt dann auch wider die lokale anknüpfung an
Heidelberg, wo die gräfin den grafen zuerst gesehen hat.
Mit den epischen gedichten aus Eichendorffs lezter zeit, welche
Keiter (108 fg.) wegen ihrer strengeren rhythmischen form sehr hoch
stelt, weiss ich wenig anzufangen. „Julian Apostata" erscheint mir
weder dichterisch bedeutend noch formell ohne anstoss; hier mag doch
wol die christliche tendenz Kolters urteil beirt haben. "Während hier
romanzen von verschiedenem versmass (Nibelungenstrophe, vierfüssige
gereimte trochäen, Jamben usw.) miteinander vermischt sind, erscheinen
„Robert und Guiscard" und „Lucius" in derselben form der özeiHgen
stanze, in welche nur lieder in lyrischen strophenformen eingelegt wer-
den; man beachte hier besonders 3, 533 fg. und 570 fg. den rache-
schwur und die klage in dem feierlichen versmass des Dies irae. Auch
hier begegnen wir übrigens wider bekanten motiven. Das thema der
feindlichen brüder liegt „Robert und Guiscard" zu gründe: der eine ist
ein anhänger, der andere ein gegner der französischen revolution;
Robert dringt als anführer von revolutionären auf Guiscard ein und
glaubt ihn getötet zu haben — aber dieser ist durch Marie gerettet, die
ihm verkleidet nach Paris gefolgt ist (vgl. Schloss Durande); und widerum
232 A. SCHULZ
ia Heidelberg, wohin Guiscard zulezt mit Marie entflieht, hat Eichen-
dorff selbst von den alten ehegatten ihre Jugendgeschichte erfahren. In
„Lucius", meinem urteil nach dem besten unter den epen EichendorfFs,
kehrt das dämonische weib wider (Julia), welches zulezt dem geliebten
Lucius pracht und glänz aufopfert und, ihr sündenleben bereuend, in
den tod folgt. Der knabe Guido, Lucius begleiter und ein christ,
steht unverwundbar neben dem toten paare: wider ein mystisches und
wunderbares wesen, wie jeuer Ugolino im Ezzelin.
Zweierlei kenzeichnet den lezten romantiker: erstens dass er sich
frei von den vielfachen wandelungen gehalten hat, denen die übrigen
unterworfen waren; überzeugungstreu hat er als mensch und als dich-
ter bis in das greisenalter den idealen seiner Jugend gelebt. „Denn
anders sein und singen. Das ist ein dummes spiel." Zweitens: er hielt
sich frei von allen ecken, Sonderbarkeiten und bizarrerien der schule.
Er hat deshalb allein von allen älteren und jüngeren romantikern
erreicht, wonach sie alle vergebens strebten: die popularität. Die Schle-
gel haben den begriff der wahren popularität oft zu erörtern gesucht:
die Sache selbst ist ihnen entgangen. Die herausgeber des Wunder-
horas preisen die Volksdichtung als das höchste: selber zu dem volke
zu sprechen war ilnien nicht gegönt. Eichendorff aber ist wie Uhland
volkstümlich gcAvorden und wird noch heute von dem volke gesungen.
SOLITUDE BEI STUTTGART. MNOR.
MISCELLEN UND LITTEEATÜR
Das hohe lied vom rittertum, eine beleuchtung des Parzival nach
"Wolframs eigeuen andeutungen, von dr. CTOttholrt Bötticher. Berlin,
Mayer und Müller, 188G. 8. VE und 88 s. 2,40 m.
Das schriftchen ist der Berliner geselschaft für deutsche philologie zu ihrem
zehnten stiftungstage, dem hundert und ersten geburtstage Jacob Grimms, gewidmet,
die dem Verfasser die anregung dazu gegeben, und es mit beifall aufgenommen hat.
Es eröfnet zugleich einen energischen feldzug gegen „die fort und fort gedan-
kenlos uachgesprochene und nachgeschriebene religiös - allegorische
auffasung des Parzival, wie sie hauptsächlich durch Yilmar und San-
Marte eingebürgert ist" (s. V).
So hoch interessant und lohnend es ist, dem dichter in seine geheime werk-
stütte nachzuschleichen, die motive und tendenzea der dichtung und ihre entwick-
hmg und darstcUung genauer zu erörtern, kurz, in seinem geist dieselbe nachzu-
dichten, was auch die pflicht jedes kunstgerechten Übersetzers eines fremdsprachigen
dichterwerkes ist, so schwierig und mislich ist es im vorliegenden falle, Wolframs
dichtung mit seiner französischen vorläge zu vergleiclien , um darnach den dich-
terischen wert und die bedeutung dessen zu ei'messen, was ihm eigen angehöi^t, und
was er entlehnt und nachgeschrieben hat, da leider das objekt der vergleichung, die
ÜBER ßÖTTICHER, D. HOHE LIED VOM RITTERTUM 233
fi'auzüsisclie vorläge bis jezt nicht aufzufinden gewesen ist. — "Wolfram dichtete sei-
nem eignen gestiindnis zufolge seinen Parzival nach einem roman des Nordfranzosen
Kyot oder Guiot, und San-Marte wird dem Verfasser beistimmen, dass er nach dem
lieispiol fast aller romandichter jener zeit sich in dem tatsächlichen entwickelungs-
gange seines gedichtes seiner vorläge bis ins einzelne treu anschloss. Aber der Ver-
fasser betont auch mit besonderem nachdruck s. 4: „dass Wolfram gleichwol die-
ser nacherzählung ein durchaus selbständiges gepräge gegeben hat,
insofern er das französische gedieht unter einer selbständigen idee
aufgefasst, und diese, soweit es die beschränkung durch die vorläge
zuliess, mit aller dichterischen kuust durchgeführt hat." Er hat also
nicht mechanisch übersezt, sondern mit dem vollen bewustsein eines selbständigen
themas nacherzählt, nur (und hier begint der streit) „ist dies thema nicht das von
San-Marte erkante und ihm fort und fort gedankenlos nachgesprochne und nach-
geschriebene, nämlich: die darstellung der christlichen glaubensentwickelung in der
persönlichkeit Parzivals, sondern der unverzagte mannesmut soll verherücht
werden, welcher auch den gefährlichen seelenfeind, den zweifcl, überwindet" (s. 1.5),
oder wie es s. 30 ausgedi-ückt wird: „In Parzival soll zur darstellung kommen, wie
der echte und rechte ritterliche geist auch als eine sitliche lebensmacht
den schwersten sieg, den sieg über sich selbst erringt." Und der Verfasser fährt
fort: „Yon andern beziehungen des gedichtes ist nicht die rede, die von Wolfram
ge weite idee ist also damit erschöpft; alles übrige, was das gedieht bringt, muss
also etwas accidentielles, begleitendes sein, und wo die entwickelung der aus-
gesjjrochenen idee durch hetei'ogene dinge beeinträchtigt zu sein scheint, da sind
diese dinge sicher nur der quelle nacherzählt, z. b. die geschichten Gawans" (s. 30). —
Das ist das resultat des ersten abschnitts des büchleins „Über den eingang des Par-
zival", wobei die übrigen darin enthalteneu discussionen ausser betracht bleiben, da
sie den Streitpunkt nicht berühren.
Der Verfasser bemerkt nicht, wie das s. 4 so hoch belobte dichterische und
schöpferische genie Wolframs durch seine lezten äusserungen abgeschwäclit wird und
er mit sich selbst in Widerspruch tritt. Es ist nicht erweislich, dass am ende des
12. Jahrhunderts das christliche volk und in ihm die rittcrwelt auf dem Standpunkt
Uhüchs, des Stifters der freireligiösen gemeinde zu Magdeburg, stand, aus dessen
munde ich persönlich den grundsatz vernommen habe: „Wenn der mann nur sonst
ein rechtschaffener mensch ist, so hat man nicht darnach zu fragen, ob und
wie er an gott glaubt"; ein gnmdsatz, der im geraeinen geschäftlichen leben des
diesseit zwar eine gewisse praktische geltung haben mag, für das leben im jenseit
aber doch nicht massgebend ausreicht.
Als leitenden grundsatz stelt der dichter an die spitze seines werkes
P. 1, 1: Ist xivtvel herxen michgebür,
dax muox, der sele ivcrden sür;
„ 1, 10: der nusfcete geselle trägt die schwarze färbe.
„ 2, 17: valsch gesclleclicher niiioi
ist xem hellefiure gttot,
dagegen der mit s taten gedanken
P. 1, 13: habet sich an die blanken,
er hält sich zu denen, die in den himmel gelangen können, aber noch nicht dahin
durch ihren sitlichen lebeuswandel und gute werke eo ipso gelangen; das also sind
diejenigen, welche trimce uml stcete, beides im erhabensten sinne, im leben üben,
234 A. SCHULZ
also auch die, welche den cchtea ritterlichen geist als eine sitliche lehensmacht
erkennen, gewiss auch der Uhlichsche rechtschafne mensch, aher eins fehlt ihnen
noch, und das sagt der dichter nach wolvolbrachtem schluss des Werkes über
Parzival:
P. 827, 17: de7i ich han brdhi (das war also das hauptthema seines
Werkes)
dar sin doch sadde het erddht:
srces leben sich so verendet,
dax, got niht ivirt gepf endet
der sele durch des libcs schulde
und der doch der irerlde hiilde
behalten kan tnit werdekeit,
da7u ist ein nütxiu arbeit.
Wenn so der schluss auf die Überschrift des ganzen, die obigen eingangszeilen,
bestirnt zurückweist, xwtvel und unstmte mit triuwe und stcBte, höUe mit himmel,
verdamnis mit Seelenseligkeit in gegensatz stelt, da ist doch jedem klar, dem dies
bispel niht xe snel ist, das der rechte Christenglaube das etwas ist, das zu dem
unverzagten mannesmute hinzukommen muss, um den so weltlich bewährten ekren-
mann der ewigen Seligkeit würdig, und als conditio sine qua non fähig zu machen.
Denn den grundsatz hat die Christenheit nie verleugnet: „Nur der glaube macht
selig." So wird also x/vh-el hier wol auch im geistlichen sinn zu verstehen sein.
Im zweiten abschnitt des büchleins (s. 32) gibt der Verfasser nun eine
analyse des gedichts, und wird San-Marte der Charakterschilderung Parzivals bis
zum abschied desselben von seiner glücklich gewonnenen Konduiramur (s. 40) bei-
stimmen, auch darin: dass aus dem doppelten motiv, seine mutter wider zu sehen,
und durch uventiiire xil Parzival sich von der jungen gattin trent. Aber der weg,
den der Verfasser dem beiden in den worten s. 41 :
„Der rittermut muss nur zu sitlicher freiheit hindurchdringen, dann ist er
das mannesideal"
vor zeichnet, ist nach aus weis des Verlaufes der begebenheiteu von ihm erheblich
Ter zeichnet; vielmehr tritt der Wendepunkt seines strebens deutlich nach der Ver-
fluchung Kundriens zu tage; denn nachdem sein mannesmut die grösten heldeutaten
volbracht, und die tafeirunde ihn mit preis in freuden aufgenommen hat, wird er
von Kuiidrie zu den von gott verworfnen gezählt. Der von der mutter ihm als
almächtig und hülfreich em])fohlene gott hat üin nur mit Ungerechtigkeit behandelt,
und gestraft wegen eines ihm unverständlichen vergebens, der unterlassenen frage.
Parzival steht genau auf dem Standpunkt Hiobs kap. 31 , zu dem aber Elihu im
zorne sprach: „dass er seine seele für gerechter halte als gott" (Hieb 32, 2).
Und hier gesteht auch Bötticher den eintritt eines religiösen conflicts zu (s. 43),
der auch deutlich von Kundrie in ihrem fluch:
P. 316, 23: da erwarb iu sivtgen sünden xil.
ir s/t der hellenhirten spil —
ausgesprochen ist, und was wol etwas mehr, als den Vorwurf „sitlicher unreife"
bedeutet. Darum ist das ziel, das der dichter den Parzival will erreichen lassen,
nicht die „sitliche freiheit", die um zum mannesideal erhebt, sondern ein anderes,
das er ebenso deuthch in Trevrezents belehrung ausspricht:
P. 468 , 5 : tvert ir erfunden an re ht er e
iu mac xer helle tverden we:
ÜBER BÖTTICHER, D. HOHE LIED VOM RITTERTUM 235
diu not sol schiere ein ende hän
und ivert von bandn aldä verlän
mit der gotes helfe al sunder tivdl.
Simrock übersezt die zcilen in seiner ersten bis neusten sechsten, angeblich durch-
gesehenen ausgäbe:
^Lebt ihr in rechter ehe,
Trost' euch der höUe wehe,
Zu ende wäre bald die pein:
Aus solcher banden not befrein
Wird euch gottes hülfe gleich."
Bötticher folgt treulich dessen fusstapfen in seiner ungereimten Übersetzung s. 190:
„Habt ihr in rechter eh gelebt.
So mag der höUe weh euch trösten, —
Eure pein war' schnell geendet;
Von den banden alsobald
Wärt ihr frei durch gottes hülfe."
Auch Bartsch, bd. 11, s. 145 seiner Schulausgabe des Parzival, cd. 2 erklärt die
stelle in gleichem sinne: „Würdet ihr erfunden als in rechter ehe lebend, so könt
ihr vielleicht (aus andern gründen, wegen andrer Sünden) in der höUe pein erdulden,
allein euer wolverhalten in der ehe wird euch bald aus der höUe befreien. — Der
hohe wert, den der dichter auf die sitliche reinheit der ehe hier und anderwärts
legt, bestätigt uns, was wir aus andern quellen auch wissen, dass in seiner zeit es
damit nicht sonderhch stand." —
Nachdem Trevrezent den Parzival auf seine klage getröstet
P. 468, 2: ir sit in rehter kumbers dol,
sU ir nach iuiver selbes wtbe
sorgen pflihte gebt dem Übe —
ihm also diese licbessorgen als ein verdienst, als eine tugend anrechnet, ist es
schwer begreiflich, wie diese gelehrten herren von fach in ihren Übersetzungen
der folgenden Zeilen so gröblich fehl greifen konten, so dass ihre Übersetzung zum
unsinn wird — gleich als ob sie von einer Idiosynkrasie gegen alle irgend religiöse
auffassung des gedichtes besessen wären. Gewiss den wahren sinn richtiger treffend
schreibt San-Marte in der 2. und 3. ausgäbe seiner Übersetzung:
„Ihr redet wol, sprach Trevrezent.
So duldet ihr den rechten schmerz.
Wenn nach der gattin euer herz
In bittrer quäl der Sehnsucht brent.
Wärt ihr auch rechtes glaubens^ voll.
Und droht' euch schon der hölle groll.
Geendet war', was euch bedrängt,
Und jede bände schnell gesprengt;"
Durch die ganze katechisatiou Trevrezents geht doch der grundzug: Parzival über
seine sündliche lossagung von gott, seinen frevlen egoistischen hochmut (die theo-
logen würden sagen: weil er sich für gerecht hielt, denn er hieng am holze des
gesetzes) und sein persönliches Verhältnis zu gott, ja des jedes nach der sehgkeit
ringenden menschen zu belehren. Der dichter sagt also: wärt ihr von dem glauben
1) 6 = glaube: P. 13, 26. 108, 21. 752, 28; = ehebiuid: MO, 11, 13. 729, 28 usw.
236 A. SCHULZ
an gottes unoudlicho vatorlicbo zur mcnschhcit durchdrungen, so würdet ihr ein
bewustsein aou eurer Versündigung haben, aber die umkehr zu gott würde euch.
sogleich retten. Denn nur der wahrhaft gLäubige kann auch die in Unwissenheit
begangenen Sünden erkennen. Ihm ist der glaube nicht ein äusserlich angeheftetes,
formelhaft nachgesprochenes, durch blosse werkheiligkeit zu erringendes, sondern ein
leben in Christo. Der sündenwurm in der eignen brüst des ringenden ist durch den
glauben an Christum getötet worden. Bötticher liest aus jenen werten (s. 50) nur
heraus: „dass Parzivals treue minne die höchste sitliche volkommenheit in seiner
rein weltlichen Sinnesart, und damit auch seine rettung gewesen sei." Gleich wol
aber damit in Widerspruch findet er in der absolutiou Trevrezents, P. 502, 25,
der im so riterlicheii riet (501, 18) eine bestätigung seiner ansieht: „Unverzag-
ter mannesmut, das ist das erste und hauptsächlichste; das andere ist gott-
vertrauen; wenn die beiden mit einander gehen, da ist der höchste preis zu erlan-
gen. Die Vereinigung dieser beiden factoren hat sich nunmehr in Parzival unter
Trevrczents einwirkung volzogen: er hat beides schon gehabt, aber keins von beiden
als sitliche lebensmacht (s. 52). — Somit scheinen fast dem Verfasser sitliche
lebensmacht und rechter Christenglaube identisch, obwol die verschiedenen religions-
geselschaften doch ihr sehr verschiedenes Sittengesetz haben, und demgemäss sich
das leben in ihren bezüglichen paradiesen sehr verschieden malen. Und fragen wir:
wie versteht der Verfasser die Schlussbemerkung nach der absolution Parzivals:
P. 502, 30: von einander schieden sie:
oh ir /reif, so prüevet wie.
Spricht der dichter hier auch der fj^uelle mechanisch nach, ohne sich etwas beson-
dei'es dabei zu denken? Oder ist es sein eigener gedanke? Bestätigt er die absolu-
tion dahin, dass Parzival nun von sündenschuld und Sündenstrafe erlöst ist? Oder
drückt die bemerkung einen Zweifel daran aus? Worauf vers 744, 14 fg. als eine
antwort zu deuten scheint:
got des niht langer riioclite,
dax Parzival dax re nemen
in stner hende solde xemen
wonach erst gottes, nicht des eremiten aussprach ihn von der in imnpheif began-
genen Sünde der tötung Ithers von Gaheviez erlöste, so dass Kundrie ihm mit recht
zurufen konte:
P. 782, 29: du hast der sele ruoive crstritcn
und des libes freude in sorge erhiten.
Für Bötticher ist jedoch das von gott gewolte zerbrechen des Schwertes Ithers
„durchaus nur eine beiläufige notiz" (s. 59), wie ihm ja auch das unbedingte
gottvertrauen nur ein accidenz zum unverzagten mannesmut, um zum gral zu
gelangen, ist. rreilich sizt der Verfasser, wie der ungetaufte Feirefiz, vor dem
grale, ohne ihn sehn zu können, denn er spricht s. 53 mit unverzagtem mannesmut
das stolze wort gelassen aus:
„Wer im gral das christliche heilsmysterium und in Parzivals
geschichte die anwendung der christlichen heilsordnung sehen
will, der muss sich gefallen lassen, dass mau Wolfram, dieser
idee gegenüber, einen erbärmlichen, unklaren stümper nent."
Zugleich stelt er als resultat dieses abschnitts die frage: „was macht nun Parzival
in den äugen Wolframs des gralkönigtums würdig?" Und beantwortet sie (s. 65)
dahin: „sein mannesmut" (nicht sein widergewonnenes gottvertrauen?) „hat ihn zum
ÜBER BÖTTICHER, D. HOHE LIED VOM RITTERTUM 237
siege über Feirefiz gefühi-t, indem er ihu vor vei'zweiflung schüzte (?), doch indem
er sozusagen den ko])f oben behielt , fand er den frieden in der demütigung vor gott",
und in den versen 783, 15 fg. sieht der Verfasser ein bekentnis des sitlichen unwerts
gegenüber der gralshorliehkeit (s. 67; GS). Auch schon s. 57 hebt der Verfasser
hervor, dass der fluch Kundriens wegen der in tumpJieit begangenen sünde der
unterlassnen frage für Artus tafeirunde in der Wertschätzung Pai'zivals keine bedeu-
tung, dagegen niu' bedeutung für Parzivals Verhältnis zu gott habe. Sonach
reicht also doch Wolframs stümperhafte darstellung hin, dass selbst der Verfasser
das heilsmysterium in der gralsherlichkeit erkent, der Parzival zugeführt wird. Ist
wirklich „der erbärmliche, unklare stümper" auf Seiten des dichters oder lesers?
Im dritten abschnitte des büchleins behandelt Bötticher die Gawan-
geschichte, wobei Wolfram seiner französisclien vorläge treulich folgt, und im eingange
des sechsten buches die einführung eines zweiten beiden neben Parzival aus mehre-
ren gründen rechtfertigt, und der veifasser meint: „Wer etwas andei-es, tieferes in
der figur Gawans sucht, der muss es erst hineintragen und verfehlt damit zum min-
desten die absieht AVolframs (s. 70)." Aber er fährt in einem athem fort: „Unter-
liegt es für uns auch keinem zwei fei, dass der so oft betonte gegensatz zwischen
Gawau, als dem maim der weit, und Parzival als dem mann des glaubens von Wolf-
ram weder beabsichtigt noch erfunden ist (?), so ist es doch ebenso
unzweifelhaft, dass Gawan ein anderer charaktertypus ist als Parzival, und dass
diese Verschiedenheit der Charaktere auch von Wolfram mit vollem be wustsein
dargestelt ist." — Nun, wenn dem dichter dies gelungen ist, so muss er doch
die lebensvolle darstellung der beiden Charaktere: „des leichtsinnigen Sanguinikers in
Gawan, und des gemütstiefon melancholikers in Parzival", beabsichtigt, für inte-
ressant und wichtig genug gefunden haben, um diese episode, die zugleich benuzt
wird, der „in sitlicher unreife" befindlichen Orgeluse den respekt vor ehrlichem min-
nedienst beizubringen, so ausführlich auszumalen. P. 2, 25: (ouch) für diu iiip stoxe
ich disiu xil! Um die bedeutung dieser gegonsätze zu verstchu, braucht ein sin-
niger leser nicht erst etwas hineinzutragen, was aus den geschilderten tatsachen sich
schon von selbst ergibt. Dennoch bildet nach Bötticher, s. SO „die Vorführung beider
Charaktere mit ihren aventuren nicht das hauptinteresse der darstellung; dies ist
vielmehr ganz allein der preis des auf gott" (also doch auf gott!) „vertrauenden
unverzagten maunesmutes." Der enge Zusammenhang dieser episoden mit dem
lebenswege Parzivals bleibt dem Verfasser aber völlig uuvei'ständlich, • weil ihm nach
s. 53 der gral mit seiner ritterlichen i'eligiösen bruderschaft als ein unverständliches
hirngespinst erscheint, das Wolfram seiner quelle zum ergöznis seines piiblikums
(s. 86) blind nachgeschrieben hat. Darum spricht er auch s. 77 fg. Gawan gottvertrauen
zu, und schliesst dies aus seinem abschiedsgruss an Parzival: P. 331, 27: yot geh
dir geliicke zu deiner strites reise; Trevrezent sucht dagegen den beiden die rehte
Cristen e zu lehren, daran festzuhalten, dass gott ihn nicht verlasse, wenn er nur
nicht von gott lasse usw. Das ist doch etwas anders, als glück im ritterkampf wün-
schen, und sezt Gawans gruss ins altäglich welthche, nicht in das religiöse gebiet. —
Auch auf Gawans anrufung gottes auf dem zauberbette (s. 77) ist wonig gewicht zu
legen, da auch der härteste verbreclier in gleich fataler Situation als lezte Zuflucht
wol nach gottes hülfe ruft. „Überhaupt — so fährt er fort — ist Gawan ein fer-
tiger Charakter, der den erfolg doch von gott (nicht vom glück'?) abhängig weiss,
und eine trotzige auflehuung gegen sein Schicksal nicht keut" (s. 78); kurz, er ist
„in dem wolgesicherten besitze der durchscimitsfrömmigkeit seiner zeit mit aller
238 A. SCHULZ
schuldigen demut vor gott, aber es ist auch bei ihm nichts weiter, als diese
gewohaheits massige durchschnitsfrömmigkeit zu suchen; das beweist sein
weltlicher minnedienst, der ihn von dem treuen minnedienst Parzivals wesentlich
zu dessen gunsten unterscheidet. '^ — Dass diese gewohnheitsmässige, übrigens ganz
aufrichtig gemeinte durchschnitsfrömmigkeit es nicht zu ähnlichen koutlikten mit gott,
wie in Parzival, kommen lässt, ist ebenso natürlich, wie dass auch Gawan nicht zu
solcher innerlichen befestigung und sitlich religiöser erfahrung gelangen kann,
wie Parzival" (s. 80). — Der Verfasser überschaut offenbar nicht die weite kluft,
welche beide beiden trcnt. Da Oawan auch bei ehrenpüicht auf die gralsuche
geschickt wird, ohne jedoch den gral zu finden, obgleich er in betreff des unverzagten
mannesmuts mit Parzival auf gleicher stufe steht, so spricht doch Wolfram damit
deutlich genug aus, dass diese vom Verfasser sehr richtig bezeichnete durchschnits-
frömmigkeit, die ja auch der ganze kreis der tafelrundc, der rechtschaffene mensch
der freireligiösen gemeinde, ja vielleicht der veifasser selbst teilt, nicht ausreicht,
um in das reich der gralsherlichkeit zu treten. Daher steht auch nach Wolfram die
tafelruude mit der ritterschaft in einem feindlichen Verhältnis. — Unbestritten erwirbt
des unverzagten mannes mut ritters preis, und macht ihn zur tafeirunde reif, aber
er kämpft nur zur befriedigung seines persönlichen ehrgeizes, ein irdisches, weltliches
ziel. Aber die gralritterschaft,
P. 468 , 28 : die selben templeise
swd si kumber od pris bejagent,
für ir Sünde si daz tragent.
P. 471, 10: vor sündehceren schänden
sint si immer mer behuot,
und tvirt ir Ion %e himel guot;
ihr lohn ist also der sele Pardls, das ewige heil, ein himlisches ziel. Wer den
unterschied, die höhere Staffel des grals über dem Artushof nicht erkent, der freilich
vermag in der Gawanepisode nur einen der quelle des dichters entnommeneu über-
flüssigen einschub, anstatt einen absichtsvoll künstlerisch ausgearbeiteten integrieren-
den teil der ganzen dichtung zu sehn, was ihm neidlos gegönt sei.
Die vorgefasste meinung, dass Wolfram in der regel nur seiner quelle nach-
schreibe, ohne deren angäbe in inneren Zusammenhang mit dem hauptgegenstand der
dichtung zu bringen, sczt den Verfasser auch ausser stand, den gegensatz zwischen
Munsalwäsche und Schastelmarwcilo zu erkennen, obwol doch schon die eingangs-
verse auf ■xivivel und triuice, und die bezeichnenden Ortsnamen des Klinschorscheu
Zaubergebietes und des gralgebietes auf den Charakter der gebieter dieser gegenden
hindeuten. Freilich malt Wolfram den Klinschor nicht mit hörnern, schwänz und
pferdefuss, sondern lässt nur seine zauber wirken, die er nach seinem abfall von
gott im heidnischen osten, in der Stadt Persida, wo der erste zauber erdacht ward,
erlernt hat. Wegen seiner kapaunung fasste er hass gegen die ganze menschhcit,
gegen mann und weib, beiden und Christen,
P. 017, 15: swax. er n-erder diet gesilit,
dien Icet er äne kumber niht.
y, 658, 7: swax er den freuden mac genemen,
des kan von hcrxen in gexemen.
Das sind doch neben den tückischen mordinstrumenten auf Schastelmarweile ziem-
lich satanische grundsätze. — Ebensowenig malt der dichter die heidenkönigin Sekun-
dille als wilde teufeliu am flammenden pechpfalil sitzend, sondern als reizendes,
ÜBER BÖTTICHER, D. HOHE LIED V. RITTERTUM 239
niianesüclitiges weib, aus deren reiche, wo ungeziilinite weibesgier jene misgestalten
wie Kundrie und Malkreatüre schuf, sich der beide aufmachte mit dem vergifteten
Speer, der das unsägliche leid über Amfortas, ihren früheren geliebten (P. 519 fgg.)
brachte. Mit ihr und Klinschor steht die ganze gruppe jener, nach Böttichers aus-
druck „in sithcher unreife befangenen", die rachgierige Orgeluse, der in liebeswahn-
sinn verfallene Gramoflanz, der schmeichelhafte lohndiener Plippalinot, Irot usw. in
beziehung, sie paktieren mit einander, erkaufen sich frieden von Klinschor, geben
sich geschenke, leisten minnedienst — lauter personen, die erst durch Artus und
Gawans bemühen in die sitliche weit und christliche durchschnitsfrömmigkeit wider
zunickgeführt werden. Selbst Feirefiz komt nicht ohne feindselige absieht; weshalb
fühii er, um seinen vater aufzusuchen, fünfundzwanzig beere aus soweit entlegenen
landen mit sich, dass die Völker untereinander ihre spräche nicht verstehen? Auch
er steht im minnodieust Sekundillens, und in diesem punkte auf gleicher stufe mit
Gawan (nicht mit Parzival, wie der Verfasser s. 61 behauptet); denn er bekent
ganz offen:
P. 771, 15: da teerten mich ir minne
xieuo flehe küneginne,
Olimple und Claudüte,
Secundille ist nu diu dritte.
S. 62 bezeichnet Bötticher den Feirefiz als ritterlichen typus des unvei'zagten man-
nesmutes und zwar „als ein ideal eines heidnischen ritters, welches im wesen,
soweit es eben nur das rittertum angeht, dem christlichen gleich ist, imd an teil
am himmel hat." — Ein halsbrecherischer schluss! Als beide geht er mit seinen
heldentaten zu seinen göttern Jupiter und Juno, und die heidcngotter galten der
damaligen Christenheit als teufcl. Vor dem chi'istenhimmel sagt der alte Titurel, da
ist ein riegel vorgeschoben, und ohne bekentnis und taufe hat er mit Parzival in
himlischer beziehung noch nichts gemein. Doch dies beiläufig. — Wie aber den bei-
den mit dem gelupten Speere die kraft des grales* über meer und land die wege
leitete, um an Amfortas das Strafgericht gottes zu volstrecken, so ist es auch die
fügung gottes, dass von jener unseligen seite her ein neuer kämpfer in Feirefiz
gegen den gral gcsant wird, dessen Sendung aber zu gunsten Parzivals ausschlägt,
indem dieser befähigt wird, mit erfolg die unterlassne frage nachzuholen, und so
den Amfoiias von seinen leiden zu erlösen und zum heile zurückzugewinnen: wobei
zugleich der in unzähligen sagen und legenden vorhersehende zug sich abspiegelt:
dass jene kralt, die stets das böse will, und stets das gute schaft, alle male der
betrogene teufel ist. — Darum die angstnife des dichters, weil alles für Parzival und
1) Die zeile P. 479, 21 — 23:
er suocht die verren fiterschafl.
niht uan durch des gräles kraft
streich er waxxer undc land
übersezt S im rock: Er suchte ferne ritterscliaft ;
Einzig um des grales kraft
Strich er über meer uiid land.
Bartsch erklärt kraß durch „der grosse ruf des grals", und Bötticher übersezt s. 191 seiner Über-
setzung „gelockt von den wundern des grals." — San M arte nimt grdks kraft für gral selbst, wie im
gleichen sinne und ausdruck Wolfram z. b. P. 124, 21; 228, 24; 480, 11 usw. gotcs kraft für- gott selbst
gebraucht. Da schon 479, 19 gesagt ist: s'tn eilen solde den gral behaben, wären jene Übersetzungen eine
leere tautologie, während San-Marte die höhere göttliche absieht des grals ausgedrückt findet, indem er
das Werkzeug zm- stratvolstreckung dem reich des bösen ontuünt.
240 A. SCHULZ
Amfortas auf dem spiele stand, sieg oder tod Parzivals, für beide gleich verderblich
war; daher der nachdruck, der auf die beiden als christ uud beide gelegt wird!
Dass Parzival nicht unterliege
P. 740, 19: (lax wende, tmjenihufter grdl.
„ 741, 26: der getoufte wol getniicet gote
Sit er von Trevrizende schiet usw.
Büttichcr wird solche ideen zwar für phantastische hallucinationen erklären; wer aber
nicht blos die worte, sondern auch die tatsachen zu lesen versteht, der durchschaut
die prächtige romantisch - ritterliche hülle, in die jene dunklen gestalten gekleidet
sind, und erkent ihre wahre bedeutung.
Angefügt ist dem büchlein ein excurs über die komposition des IX. buchs,
woiin Trevrezent seine religiöse belehrung \md die gesamtverhältnisse und bedeutung
des grals seinem reumütigen schüler vorträgt. Es mag für den lehrer augemessen
sein, auf der Schulbank dem knaben den vielseitigen verwickelten gegenständ zusam-
menhängender uud methodischer auseinander zu setzen, aber der aufmerksame gereifte
leser findet trotz der Zerstückelung alles, was ihm zu wissen nötig, dennoch genü-
gend vorgetragen, und wenn die erzäblung desselben durch die Schilderung der bei-
den in ihrer ascetischen Situation und kümmerlichen nährung in der kalten höhle
des eremiten öfter unterbrochen wird, so führt er sie dagegen in fast dramatischer
bewegung vor äugen, sie treten uns in ihrem gebaren persönlich leibhaft nahe, und
Trevrezent ist wert, unsere näliere persönliche bckantschaft zu machen. Ich zweifle
nicht, dass viele darin eher einen vorzug der künstlerischen darstelluug, als ein
Ungeschick des dichters erkennen werden.
Ausserdem vermisst der Verfasser, dass die geistliche belehrung Parzivals nicht
noch durch ein theologisches gespräch näher klar gelegt worden {nii jjriicret icief), —
dass sein seelenzustand bei Kundriens Verfluchung nicht deutlich genug geschildert
sei, und meint, dass Wolfram überhaupt kein geschick und zu wenig gelehrte bil-
dung gehabt habe, um innere seelenzustände zu schildern, er abstracter Wortbildun-
gen nicht fähig sei und ihm daher der rechte ausdruck für diese, oft nur mit phi-
lophischen terminis widerzugebeudeu philosophischen dinge gefehlt habe,
so dass er die tatsachen für sich sprechen lassen muste (s. 42, 43, 83 — 86). Die
Zumutung an einen ritter des 13. Jahrhunderts, dass er in der kunstsprache des
neunzehnten reden solle, geht denn doch über den span! Hat leztcre etwa der ritter
Walther v. d. Vogel weide verstanden, der doch wüste, wofür er kämpfte? Schade,
dass der Verfasser nicht diese lücken Wolframs zu ersetzen versucht hat. Wirnt
v. Grafenbergs lobspruch: leien munt nie baz gespräch, betont gerade damit, dass
Wolfram nicht wie ein akademisch gebildeter theologe gesprochen habe.
Zwei mängel sind es, die dem Verfasser zum Vorwurf gereichen, einmal:
dass er aus mis verstand der rchtcn e in der freude, einen andern leitenden keni-
l)unkt des hohen liedes vom littertum, ein glänzendes Stichwort in dem unverzagten,
zur sitlichen lebensmacht erhobenen mannesmut gefunden zu haben, sich die binde
fest um die äugen wand, um die einsieht in die religiöse seite des tiefsinnigen
gedichts sich zu verschliessen ; uud zweitens: dass er sich nicht die mühe genom-
men hat, um den dichter zu verstehn, in des dichters land zu gehen, und die poli-
tischen und kirchlichen bewegungen in der abendländischen Christenheit zu beachten,
unter denen sowol die französischen dichter, Boron, Crestien, Kyot und die fortsetzer
von Crestiens Contes del graal, als auch W^olfram lebten und schrieben, was doch
ÜBER BÖTTICHER, D. HOHE LIED VOM RITTERTUM . 241
ZU einer wissenschaftlichen begründung seiner auffassung unerlässlich scheint. Daher
die triviale auffassung des Verfassers in betreff des Verhältnisses "Wolframs zu seiner
quelle, der selbst sichtlich wenig wert darauf legt, denn es ist doch eine offenbare
Verspottung der hartgläubigen leser, die ohne quellenzeugnis die erzählung nicht
glauben wollen, wenn er bei erwähnung der herstellung des Schwertes im brunnen
von Karmaut den hmnoristischen trumpf darauf sezt:
P. 435, 1: swerx, niht gelonbt, der sündet;
oder in betreff der gralspcisung den lesern zumutet, mit ihrem eide sie zu Ijekräftigen,
P. 238 , 11: sol ich des iemen triegen,
so viiiext ir mit mir liegen.
Daher auch der beschränkte horizont, die Unklarheit und Widersprüche in seinen sit-
lichen und i'eligiösen erörtei'ungen : weil nur bei einem rückblicke auf die damals
bestehenden wirren, welche in den blutströmen des "Waldenserkrieges im jähre 1208
ihren abfluss fanden, die reflexe, welclie daraus in unserm gedichte sich widerspie-
geln, erkant und gewürdigt werden können. — Daher ist es unerlässlich zu prüfen,
wie Kyot sich in der ungeheuren religiösen gährung, welche die ganze abendländische
Christenheit zu seiner zeit, vorzüglich in Frankreich durch wogte, zu den vorher-
sehenden Strömungen verhielt, indem die mysterien des christlichen glaubens nicht
bloss auf den kathedern der hochschulen, sondern zum leidwesen Bernhards von Clair-
vaux auch in den schenken und auf den gassen in freister weise diskutiert, verwor-
fen, modificiert oder neu aufgestelt wurden. Eben diese Strömungen sind aber die
Urquelle des inmitten darin stehenden französischen dichters; aus seinen andeutungen
entnehmen wir die differenzen zwischen der vorgeschriebenen kirchlichen doctrin,
und ihrer aufualime im praktischen leben des volks. Trevrezent stelt das soll der
päbstlichen kirclienlehre auf, die dichterische darstellung legt das ist, wie es zum
teil im volk aufgefasst wurde, offen, und aus diesen tatsachen lässt der dichter klar
genug erkennen, was er von jener lehre verwirft oder anerkent. So z. b. bezeichnet
Bötticher s. 85 Tre\Tezents lobrede auf die herlichkeit des priesteramtes etwas vor-
eilig als „einen ebenso zusammenhanglosen als unmotivierten einschub " ; das gedieht
aber verwirft die ganze kii'chliche lelu'e von der Sündenvergebung dui'ch priesterver-
mitlung und den supcrnaturalen Charakter des priesteramts , und sezt, wie ja auch
der Verfasser erkeut, Parzival in unmittelbare beziehung zu gott, was nach Jahrhun-
derten in der reformation den konkreteren ausdruck in dem Übergang des algemeinen
priestertums auf jeden gläubigen Christen fand. — ■ Ähnlich verhält es sich mit der
darstellung des gral- d. h. gottesreichs auf erden ohne pabst und hierarchie, nach
dem vorbüd des vom pabst sich emancipierenden, damals in höchster blute stehen-
den tempelherrn - Ordens , mit der gänzlichen abwendung von der legende Josephs von
Arimathia und der abendmalilsschüssel als wundertätige reliquie usw., alles punkte,
welche unser gedieht hoch über die reihe der blos zur Unterhaltung gefertigten rit-
terromane jener zeit hinaufstellen in die reüie von Zeugnissen über die geistesbewe-
gung eben dieser zeit, welche eine weltgeschichtliche bedeutung hatten. "Wie auch
der text von Guiots dichtung gelautet haben mag, "Wolfram gibt seine gruudzüge
uns in verständlicher weise als sein übernommenes eigen tum wider; darum dürfen
wir mit recht annehmen, dass auch er sie verstanden hat, ohne dass er eine, auch
dem Verfasser verständhche dogmatik aus seinem gedieht machte, oder sich in eine
polemik gegen die herschende kirche einliess, obwol die zum teil häretischen ansich-
ten darin vielleicht anlass gaben, dass Guiots gedieht bald nach seinem erscheinen
schon verketzert, verfolgt uud vielleicht vernichtet wurde. — San-Martc liat sich
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. lo
242 6ISKE
über jene Verhältnisse in seinen Parzival - studicn b. II und HI, in der einleitung zu
seiner Parzival -Übersetzung zweiter und dritter ausgäbe, und in den abhandlungen
dieser Zeitschrift bd. XV, s. 385 fg. „Sein oder nichtsein des Guiot von Provenze",
bd. XVI, s. 129 fg. „Zur gral- und Ai-tussage" und insbesondere bd. XVII s. 174 fg. *
„Über die tlieologie im Parzival des Wolfram von Escheubach" ausführlich verbrei-
tet, mid mag dies hier nicht widerholt, sondern nur darauf hingewiesen werden.
Er meint:
P. 241, 26: niin arbeit ich gar verlür!
Mögen die freimdo des herrn Verfassers prüfen, ob es ihm gelungen ist, wie
er s. 5 beabsichtigt, seine auffassung des gedichts wissenschaftlich zu begränden,
nachdem seiner deduktion durch den misverstand der rehten e die wurzel abgeschnit-
ten ist, und reite er in unverzagtem mannesmut mit seiner, in dem hohen hede vom
rittertum neu entdeckten sitlichen lebensmacht getrost dahin, — den gral findet
er nicht.
MAGDEBURG. A. SCHULZ.
Das deutsche tagelied. Inaugural-disscrtatiou zur erlangung der dok-
torwürde der philosophischen fakultät der Universität Leipzig. Vor-
gelegt von Walter de (rriiyter. Leipzig, Gust. Fock in comm. 159 s. 8. 2 m.
Gruyters promotiousschrift zerfält in vier teile: A. das tagelied des höfischen
minnesangs, B. das tagelied der Übergangsperiode, C. die tageweise im voUcsliede,
D. die tagehedsituation ausserhalb der liebeslyrik. „Jeder der ersten drei abschnitte
wird von drei selten in angriff genommen: einer zusammenstellenden anordnung des
materials folgt ein vergleichender überblick nach seite des Inhalts und der form."
Als dankenswerte zugaben sind zwei anhänge hinzugefügt. Der erste behandelt das
tagelied in den fremden litteraturen , der zweite beschäftigt sich mit dem Wächter in
der deutschen dichtung ausserhalb der grenzen des tageliedes.
Man sieht, dass der Verfasser bemüht war, seiner aufgäbe nach allen selten
hin gerecht zu werden. In der tat verdient sein fleiss auch volle anerkcnnung. Das
einschlägige mateiial ist mit grosser Sorgfalt zusammengetragen, so dass man kaum
etwas von dem vermissen wird, was mit dem tagelied in irgendwelcher beziehung
steht. Die Zusammenstellungen s. 27 — 41, 57 — 68, 101 — 111, welche den „stil"^
der behandelten lieder der verschiedenen perioden unserer litteratur zur anschauung
bringen sollen, sind mit ausführlicher gcnauigkeit angefertigt. In diesen Zusammen-
stellungen beruht aber auch, wie mir scheinen will, der eigentliche wert des büch-
leius. Die wissenschaftlichen resultate der arbeit stehen, vorzüglich in den beiden
ersten abschnitten, in keinem verhjiltnis zu der aufgewanten mühe.
Ganz besonders hat der Verfasser unsere erwartimgen in dem teile seiner
Schrift getäuscht, der sich mit dem tagelied des höfischen minnesangs beschäftigt.
Wir hatten gehoft in Gruyters monographie eine selbständige, abschliessende darstel-
lung dieser ersten periode des tageUedes zu finden, eine darstell ung, welche unter
den entgegenstehenden ansichten die richtigen herausgefunden und als richtig erwie-
sen, sonst durch neue aufsteUungen das dunkel gelichtet oder offen ausgesprochen
1) Ebd. s. 18G, z. 13 von iinton korrigioro ilon ilruckfeliler gottos in gutes.
2) Der Verfasser liebt die abwochseluiig in der sclireibtuig dieses wortes : s. 27 lesen wir „styl",
s. 57 und 101 „slil".
ÜBER DE GRUYTEE, DAS DEUTSCHE TAGELIED 243
hätte, WO der forscluing halt geboteo sei. Statt dessea übt der Verfasser die leichte
kunst des cocta recoquere. Er wandelt auf ausgetretenen pfadcn. Die arbeiten von
Uhland und Bartsch werden reproduciert und erfahren nur ganz geringe erweiterun-
gen. Aber nur selten gibt Gruyter hierbei den grad seiner abhängigkeit in genügen-
der weise an. Das meiste wird so vorgebracht, als ob es nicht von andern stamme,
sondern eigene neue entdeckungen seien. So äussei't sich der Verfasser (s. 4) über
das unter Dietmar von Aists namen überlieferte tagelied (MF 39, 18) : „Den deutschen
Strophen fehlt zunächst der refrain, den im romanischen nur eine einzige Alba ent-
behrt (Bai-tsch, prov. leseb. 102). Es fehlt aber auch der Wächter. Denn tcan ist
gewiss nicht als man zu nehmen, sondern ist gegensatzpartikel; der punkt aber hat
hinter schiere gewiss nicht seine richtige stelle, wie auch Paul (Beitr. II, 4G6 anm.)
ausführte .... Das vöglein ist der wecker und ist allein wecker wie oft im späteren
Volkslied." Das klingt so, als ob Gruyter dies alles selber herausgefunden hätte, mit
ausnähme dos punktes etwa, dass der punkt hinter schiere nicht seine richtige
stelle habe. Und doch hat Bartsch (Gesammelte vortrage und aufsätze, s. 256) bereits
auf das fehlen dos refrains in dem angezogenen provenzalischeii liede hingewiesen,
hat Uhlatid (Schriften V, 17G) bemei'kt: „Bei Dietmar weckt noch ein vöglein vom
zweig der linde" und Bartsch (a. a. o. 264), allerdings vorsichtiger, sich geäussert:
„Vielleicht will der dichter nur das vöglein, das auf der linde singt, als Wächter
bezeichnen." Dass ican niclit als man^ sondern als adversativpartikel aufzufassen
sei, ist von Paul (Beitr. II, 466 anm.) ausgesprochen, der auch darauf hinweist, dass
namentlich der i'cfrain beibehalten wäre, wenn wir eine romanische uachbilduug vor
ims hätten.
S. 8 sag! der Verfasser: „Bevor ich zu Wolfram übergehe, sind noch einige
lieder nachzutragen, die auf der stufe der wächterlosen Situation stehen. So zunächst
eine unter kaiser Heinrichs VI namen überlieferte zweistrophige (!) klage der frau und
antwort des mannes (?) mit einer einzigen epischen verszeile MF 4, 35. Dieselbe
ist allem anschein nach der tageliedgattung zuzuzählen und ganz frei von roma-
nischem einfluss." Schon Uhland schreibt (a. a. o. 177): „Auch kaiser Heinrich gibt
einen wechselsang beglückter liebenden, sodann einen abschied nacht traulicher Zu-
sammenkunft, ohne dass irgend ein wächterruf vernommen würde (M. I, 1 a 5 bis
lb2 = MF 4, 17 bis 5,15), und Bartsch sagt (a.a.O. 265): „Die gleiche Selbständig-
keit (d. i. freiheit von romanischem einfluss) ist bei einem nicht direkt als tagelied
bezeichneten liedchen anzunehmen, das keinem geringeren als dem staufischen kaiser
Heinrich VI beigelegt wird."
Die äusseningen des Verfassers über Walthers tagelied sind im grossen gan-
zen nach der bemerkung gegeben, die Wilmanns in seiner ausgäbe jenem liede vor-
ausschickt. Vgl. besonders Gruyter, s. 12: „Aber ebensoweit, wie Walther sicli von
seiner eigenart entfernt, ebenso gross ist auch der abstand, der ihn von Wolfram
trent" mit Wilmanns-, s. 327: „Uns scheint es, dass das Ued der art Wolframs so
nahe steht, als es sich von der Walthers entfernt."
Die anmerkuug auf s. 17 der Gruyterschen schrift: „Es ist vielleicht erwäh-
nenswert, dass die Pariser haudschrift auf dem bilde, das seinen (Kristan von Hamles)
liedern voraufgeht, eine leichtgekleidete Jungfrau darstelt, die einen Jüngling im kübel
emporwindet" macht ganz den eindruck, als ob der Verfasser etwas volständig neues
brächte. Aber schon bei Uhland (a. a. o. 178) lesen wir: „Auf einem bilde der
Manessischen liederhand schrift wird der ritter, in einem zieheimer sitzend, von der
frau den türm hinaufgewunden."
16*
244 GISKE
Die zahl dieser beispiele Hesse sich noch beträchtlich vermehren. Indes ans
den mitgeteilten wird zur genüge klar, wie sehr der Verfasser von den arbeiten sei-
ner Vorgänger abhängt. Sie sind ihm alle recht. Nur einen kann er nicht leiden,
und diesem einen ergeht es dafür auch um so schlechter, das ist .Scherer. Die
betrachtung der art, wie er die ansichten dieses gelehrten zu widerlegen sucht, führt
uns dazu, auf die methode des Verfassers überhaupt einen blick zu werfen. "Wir
müssen es leider aussprechen, dass in all den fällen, wo es sich darum handelt,
abweichende ansichten gegen einander abzuwägen oder neue Vermutungen durch über-
zeugende gründe zu beweisen, es Gruyter nicht gelingt seiner meinung geltung zu
verschaffen. Häufig sogar verfährt er folgendermassen : er stelt eine behauptung ohne
weitere begründung auf und erklärt die entgegenstehenden ansichten einfach für
verkehrt.
Auf s. 1 gibt der Verfasser folgende definition des tageliedes: „Das tagelied —
im weitesten sinne gefasst — hat zum gegenständ den lyi'ischen ausdruck der empfin-
dimgen liebender, die nach einem durch die nacht begünstigten Zusammensein der
tagesanbruch trent." Darauf fährt er fort: „Bei dieser begrifsfassung ist das unhalt-
bare der ansieht, die das deutsche tagelied aus romanischen Vorbildern herleiten will,
von vorne herein in die äugen springend. Denn die demente, aus denen es sich
zusammensezt, sind so einfach und die Vereinigung derselben zur gesamtsituation ist
so natürlicher art, dass eine derartige abhängigkeit durch gar nichts begründet wird."
Der Verfasser will eine definition des tageliedes „ im weitesten sinne " geben.
Aus dieser definition, die also alle tageheder umfassen muss, zieht er einen schluss
auf den Ursprung dieser gattung der lyrik und glaubt dadurch die abweichende
ansieht anderer überzeugend widerlegt zu haben.
"Wolte der Verfasser sich in wissenschaftlicher weise über den Ursprung des
deutschen tageliedes äussern und untersuchen, ob dasselbe heimischen oder fremden —
hier romanischen — urspnmgs sei, so muste er von den ersten in deutscher spräche
verfassten gedichten dieser gattung ausgehen. Für diese passt aber die oben mit-
geteilte definition nicht. Ein wesentliches moment fehlt derselben: der Wächter.
Gruyter versucht allerdings zwei wächterlose deutsche tagelieder nachzuwei-
sen, die ganz frei von romanischem einflusse sein sollen.
Das erste soU, wenn ich den etwas unklaren ausdruck (s. 8) recht verstehe,
durch die beiden Strophen MF 4, 35 und 5, 7 gebildet werden. Nun ist von Sche-
rer (Deutsche stud. II, 444), dem auch Burdach (R. d. a. 79) zustimt, wie mir
scheint, mit recht darauf hingewiesen worden, dass jede dieser stropheu als ein lied
füi' sich zu betrachten sei. Dadurch, dass Gruyter (s. 8) äussert: „Scherer erachtet
meiner ansieht nach mit unrecht die beiden Strophen als nicht zusammengehörig",
ist nichts widerlegt. Aber gesezt den fall, beide Strophen gehörten zusammen und
MF 5, 7 könte wii'klich der ritter sprechen, so sehe ich noch immer keinen grund,
warum dies lied der tageliedgattuug zuzuzählen sei. Aus den woiien der frau erfah-
ren wir, dass der mann, den sie über aUes liebt, scheiden muss. Der ritter erwidert,
dass er ihre üebe genoss und beständig an sie denkt. Von tageliedsituation keine
spur. Der Verfasser meint doch nicht etwa, dass die werte da^i, ich ie bi dir gelac
dieselbe andeuten?
Wir kommen zu dem zweiten Hede , das nach Gruyters ansieht den heimischen
lU'spnmg des tageliedes beweist. Es ist dies das vielbesprochene unter Dietmar von
Aists namen gehende Släfest du, min friedel'? Gehen wir ohne voruiieil an das
lied heran, so erkennen wii', dass die frau den schlafenden geliebten weckt. Er
ÜBER DE GRUYTER, DAS DEUTSCHE TAGELIED 245
crwaclit und erkent, dass er fort muss. Die Situation ist eine solclie, dass die bei=
den während der nacht verbotener liebe pflegten, also tageliedsituatiou. Dass ein
Wecker da ist, beweist die zeile u-cin „u-eckef' iinsich leider schiere. Gruyter, oder
besser seine quelle Paul, sagt nun (s. 4 fgg.): „Wan ist gewiss nicht als 7nan zu
nehmen, sondern ist gegensatzpaiiikel ; der punkt aber hat hinter schiere gewiss nicht
seine richtige stelle .... Das vöglein ist der wecker und ist aUein wecker wäe oft
im späteren Volkslied." Das ist alles mit so apodiktischer gewissheit gesagt, dass
man fast den mut verlieren könte, eine abweichende ansieht zu äussern. Versuchen
wirs trotzdem. Zunächst scheint mir das vorkommen des vögleins als wecker im
späteren volksUed ohne beweiskraft dafür zu sein, dass es hier ebenso sein müsse.
Dem volksliedc fehlte, wie Gruyter s. 96 selbst hervorhebt, als coordiniertes mittel-
gUed die furcht vor gefahi-, welche im Dietmarschen liede (vgl. MF 39, 23) doch
entschieden hervortritt. Dort, wo unter grünen bäumen das vor sich gieng, w^as für
die beteiligten weiter nicht lebensgefähi'üch war, sondern nur den augcn anderer
verborgen bleiben solte, war das vögiein als wecker volkommen am platze.
Die ganze vennutung , dass das vöglein in dem liede , mit welchem wir es hier
zu tun haben, der wecker sei, scheint mir überhaupt auf der Voraussetzung zu beru-
hen, dass das deutsche Uebespaar im freien unter der ünde ruhend zu denken sei.
Davon steht aber in dem liede gar nichts. Es wii'd dort nur gesagt: ein vogelUn so
wol getan dax, ist der linden an daz zivt gegän.
In der dritten strophe der alba des Guiraut von Bornelh (Bartsch, Provenz.
Icseb. 100) heisst es in der Heyseschen Übersetzung (Span, liederb. 275):
„Mein süsser freund, die warnerstimme singt:
Schlaf fürder nicht! das lied der vögel klingt.
Die licht gewärtig durch die büsche streichen.
Der eifersüchtige kann euch nun beschleichen,
Und baldo naht der morgen."
Hier weckt der zum hüter bestelte freund und weist darauf hin, dass der
vögel hed den nahenden morgen begrüsst. In der deiitschen alba weckt die frau
den geliebten, da sie den weckruf (doch wol den des Wächters, jedenfals den eines
menschen) vernimt und sie ausserdem bemerkt, dass die vögel sich bereits zum mor-
gendlichen sänge rüsten. Wer möchte nun noch an der verwantschaft der beiden
tagelieder zweifeln? Steht die Sache aber so, so müssen wir mit Scherer sagen,
dass kein genügender auhaltspunkt vorhanden sei, um das deutsche tagelied für eine
einheimische gattung zu erklären.
S. 9 heisst es: „"Wolfram führte, so weit die überliefemng beurteilen (?) lässt,
das tage Wächterlied in Deutschland ein. Scherer (D. St. 11, 59) will ihm dies ver-
dienst streitig machen, imd zwar zu gunsten zweier uns in ihrer einleitungsstrophe
erhaltenen tageweisen. " Diese beiden Strophen sind Carm. bur. nr. 144" xmd die in A
unter Leuthold von Seveu überlieferte, bei Wackernagel -Rieger 264 mitgeteilte strophe.
Statt nun den regelrechten beweis anzutreten, dass Scherer unrecht habe und
diese beiden Strophen jünger seien als Wolframs tagelieder, äussert sich der Verfas-
ser im ersten falle dahin: „Scherers hierfür (dass Carm. biu\ nr. 144* das Zweitälteste
beispiel des deutschen tageliedes sei) vorgebrachten gründe sind sehr algemeiner
natur und nichtssagend." Im zweiten fall glaubt er mit der bemerkung aUes abgetan
zu haben (s. 10): „Mit unrecht nimt Scherer für die strophe AVE. 264, 1 ein höheres
alter in anspruch als für Wolframs gedichte."
246 GISKE
Bartsch hatte (a. a. o. 267) den ausspruch getan: ^I)ie Verbindung des Wäch-
ters mit den liebenden ist eine dichterische Aktion. " Dem glanbt Gruyter entgegen-
treten zu müssen. Er meint (s. 6 fgg.), dass ursprünglich der ruf des Wächters, der
für alle burgbewohner bestirnt war, auch dem liebenden paare gelten konto. Dagegen
lässt sich doch mit recht einwenden, dass, wenn der Wächter alle burgbewohner
weckte, sein ruf für die liebenden gar keinen wert hatte, da sie fürchten musten,
jezt erst recht entdeckt zu werden.
Das „ sechsstrophige " lied des burggrafen von Lüenz (Bart.sch, D. L. 153),
dessen in der uns zur besprechung vorliegenden schrift s. 19 erwähnuug getan wird,
ist wol in drei lieder zu zerlegen. Das tagelied besteht aus drei Strophen. Es
begint mit: Der morrjeti nicht erwinden tvil, so sanc ein icahter also icol (154, 21)
und schliesst: von danne schiet der helt gemeit (154, 50).
Auch im zweiten teil seiner arbeit, der sich mit dem tagelied der Übergangs-
zeit beschäftigt, richtet der Verfasser sich nach y^des meisters skt."- Oswald von
Wolkensteius tagelieder und die hioher gehörenden nummern aus der samlung der
Hätzleriü werden etwas ausführlicher besprochen, als Bartsch es getan, ein paar
andere stücke, welche bei Bartsch sich nicht finden, werden erwähnt. Aber dies
neue ist für die beurteilung dieser periode unwesentlich.
Ein einziges mal polemisiert der Verfasser hier auch gegen Bartsch. Dieser
hatte a. a. o. s. 293 gemeint, dass unter den liedern aus der samlung der Hätzlerin
einige seien, die man geradezu Volkslieder zu nennen berechtigt wäre. Dagegen
sagt Gruyter (s. 45): „Dass unter ihnen (den in der samlung der Hätzlerin überlie-
ferten liedern) solche wären, die wir geradezu Volkslieder zu nennen berechtigt seien,
wie Bartsch meint, kann ich nicht zugeben." Indes s. 47 erklärt er selbst, dass
„nr. 9 schon in hohem masse in das wesen des Volksliedes eingegangen sei und in
dieser beziehung unter den tageweisen der Hätzlerin nur noch nr. 16 zum mitbewer-
bcr habe."
Etwas grössere bedeutung hat der dritte teil der Gruyterschen arbeit. Zwar
hatte Bartsch dem Verfasser auch hierin vorgearbeitet, und einem aufmerksamen leser
entgeht nicht, wie gross auch hier die abhängigkeit ist. Allein Gruyter bewegt sich
doch viel freier. Ausserdem koute er, da Bartsch die Volkslieder nur zum kleineren
teile in betracht gezogen hatte, manches nachtragen. Interessant ist es, dass der
Verfasser auch die schnaderhüpfeln berücksichtigt. Den Schlüssen freilich, die er
von dieser poesie aus auf den .volkstümlichen Ursprung des tagoliedes zieht, können
wir nicht zustimmen. Bartsch hatte (a. a. o. s. 293) gesagt: „Auch nach dem fünf-
zehnten Jahrhundert sehen wir das tagelied im munde des volkes fortleben." Dage-
gen wendet sich Gruyter (s. 69) direkt: „Das tagelied, wie es uns in der volkslyrik
des fünfzehnten, sechzehnten und späterer Jahrhunderte noch entgegentritt, ist kei-
neswegs nur ein fortleben der kunstmässig gepflegten gattimg früherer zeit. Das
tagelied ist weit älter als der höfische minnesang, es hat auch im volksmunde wäh-
rend der vorher betrachteten Jahrhunderte nicht geschwiegen."
Der Verfasser nimt den mund etwas voll. Wir konten nicht finden, dass er
zwingende beweise dafür geliefert habe, dass das tageHed weit älter sei als der
höfische minnesang. In unsern äugen bleibt das einfach hypothese. Aber gesezt
auch, dem Verfasser wäre der uachweis gelungen, dass Dietmars tagelied, auf wel-
ches er sich in diesem abschnitt des öfteren bezieht, ein beispiel von dem A'orhan-
densein des tagehedes in der deutschen volkslyrik vor einwirkung der romanischen
poesie sei, so wäre damit noch immer nicht der beweis erbracht, dass das tagelied
ÜBER DK GRUYTER, DAS DEUTSCHE TAGELIED 247
der volkslyrik im fünfzehnten imd sechzehnten Jahrhundert nicht auf diese licdergat-
tung der ritterlichen zeit zurückgehe.
Der Verfasser muste von den vorhandenen tageliedern der Volksdichtung aus-
gehen, diese mit den höfischen vergleichen und dann den beweis liefern, dass jene
nicht ein fortleben dieser bedeuten könten. Gruyter gibt (s. 69) selber zu, dass „das
Volkslied des fünfzehnten bis sechzehnten Jahrhunderts in einem teil seiner tagelied-
litteratur allerdings ein nachfolger des höfischen minnesangs ist." Dieser teil ist
verh.ältnissmässig gross. Der Verfasser meint freilich, dass dem ein anderer teil völ-
lig unabhängig gegenüberstünde, bemerkt aber gleich hinterher, dass zwischen bei-
den ein von beiden selten, allerdings mehr von der volkstümlichen, beeinflusstes
gebiet liege.
Es lässt sich sehr wol denken, dass das Volkslied, soweit es tagelied ist, sich
an die ritterliche dichtung dieser art anschloss. Als dann bürgerliche Verhältnisse
den Inhalt des tageliedes ausmachten, traten Veränderungen ein, die sich ganz von
selber aus der veränderten Situation ergaben und gar nicht gewaltsamer natui- waren,
wie der Verfasser selber s. 77 schön ausführt.
Der \'ierte teil der Gruyterschen arbeit ist wider eine fleissige samlung von
beispielen für die tageliedsituation im epos, in der erzählung und im schwank, im
fastnachtsspiel, in der geistlichen dichtung, in der patriotischen und historischen
dichtung.
Werfen wir zum schluss noch einen blick auf die ganze arbeit, so finden wir,
dass es dem Verfasser nicht gelungen ist, die an Ordnung des Stoffes überall über-
sichtlich zu gestalten. Auch der ausdruck lässt mehrfach zu Avünschen übrig. Dage-
gen ist die arbeit ziemlich frei von druckfehlern. Uns ist nur folgendes aufgestossen:
s. 5, z. 10 V. 0. fehlt hinter Volkslied der punkt. S. 9, z. 12 v. u. muss vor und
ein komma stehen, desgl. s. 69, z. 4 v. o. hinter entgegentritt. S. 26, z. 18 v. ii.
1. tageweisen. Auch die citate sind, soweit wir nachzuprüfen vermochten, meist
richtig. Aufgefallen ist uns, dass Gruyter Uhlands Schriften zur geschichte
der dichtung und sage stets als „Kl. Schriften" anführt. Auch ist es für den
nachforschenden recht unbequem, dass Hagens minnesinger nach der alten weise
citiert sind, welche die seite in zwei teile, a und b, zerlegt und dem leser die
Zumutung stelt, die ganze halbseite zu lesen, um das betreffende citat zu finden.
Wie ungenau ausserdem diese citierungsweise ist, zeigt sich z. b. s. 18. 24. 25 u. ö.,
wo man MH I, 116*" liest und von vorne herein nicht weiss, ob das lied XXXV
oder XXXVI gemeint ist. Noch schlimmer ist es s. 22, wo man nach der angäbe
MHI, 28"^ unter den liedern VI. VII. VIII und IX wählen muss. Es empfiehlt sich
bei derartigen citaten als zweckmässiger, band, seite, lied und strophe anzugeben.
LÜBECK, 18. OKT. 1887. HEINRICH GISKE.
Eeinke de vos. Herausgegeben von Friedrich Prien. Mit 2 holzschnit-
ten. Halle, Niemeyer. 1887. LXXIV u. 274s. 8. (Altdeutsche textbiblio-
thek, herausgegeben von H. Paul. nr. 8.) 4 m.
Obwol Lübbens ausgäbe des RV in verdienten ehren steht, so lässt sich doch
nicht läugnen, dass durch den von Prien besorgten abdruck des Lübecker Eeinke
einem ausgesprochenen bedürfnis abgeholfen wird. Für die entscheidung zahlreicher
fragen, die sich an den RV so wol wie an die gesamten hervorbringungen des nd.
bearbeiters knüpfen , liefert der neudruck erst die zuverlässige grundlage. Er ist von
248 BRANUES
dem herausgebe!' mit schätzenswerter genauigkeit hergestelt; eine coUation, zu der
mir das Bremer exemplar des Lübecker druckes zur Verfügung stand, hat nur gering-
fügige diffcrenzen ergeben. V. 826 ist zu lesen dar Brun lach, v. 1083 So houe-
seheM Jc7iape. In dem Verzeichnis der druckfehler des Lübecker druckes fehlt jJfre-
laten gl. II, 7, 3 und Sjjrickt v. 4018. Die trennung von vt und senden v. 3G40 ver-
stösst gegen die in der einleitung aufgestelten gruudsätze. In der interpunktion weicht
Prien vielfach imd in den meisten fällen mit recht von Lübben ab. Des lezteren
interpunktion ziehe ich vor in den vv. 2987, 3130, 3196, 3210, 3231 und 2696.
Nach Torivunt im folgenden verse ist dann ein semicolon zu setzen. Ein komma
fehlt nach lyff nam überschi-. I, 35, ein colon nach mochte v. 3008. Die parenthesen,
eine eigenheit des nd. bearbeiters, sind von dem herausgeber mehr beachtet, als dies
Lübben getan hatte, so v. 86, 377, 451, 730, gl. I, 11, 4, 1290, 1584, 1811,
1837 — 39, 2007, 2128, 2384, 2444, 2452, 2460, 2781—82, 2839, 2856, 8059,
3335, gl. 11, 1, gl.n, 2, 2, 3732, 3921 — 22, 4370, 4682, gl. IH, 4, 4, 4908, 5643,
5672, 5832, 5916, 5923, 6139, 6558, gl. IV, 10, 1, 6768. Dass er v. 3254 aus der
reihe derselben gestrichen hat, ist zu billigen. Gerechtfertigt ist auch, dass Prien
V. 3661 das vff der vorläge beibehalten hat. Gegen Lübbens änderung des vff in up
spricht, dass im NS an drei stellen (3. vorr. 135; 2, 24; 102, 27) vff tnyn eyd steht.
Die Vorzüge der einleitung beiTLhen in der klaren, nichts wesentliches übergehenden
darsteUung. Die Vorgeschichte des denkmals und die bearbeitungen sind ausführlich
und dem heutigen stände der forschung entsprechend behandelt. Besonders müssen
wir Prien für die Eeinke - bibliographie dankbar sein. Es ist von derselben alles fern-
gehalten, was nicht auf den Eeinke zurückgeht; diese notwendige beschränkung hat
aber die Schwierigkeiten der mühevollen arbeit noch wesentlich erhöht. Zu der
Rostocker bearbeitung von 1539 trage ich nach, dass bl. 14b statt Dat erste Bock
Dat Ander hock überschiieben ist. Der anhang, der die Culemannschen Reinaert-
bruchstücke (Paul -Braune beitr. 8, 10 fgg.) enthält, wird manchem A\'ilkommea sein.
Von dem in den anmerkungen gesagten weiche ich in einigen punkten ab.
2. vorrede, § 5, s. 5, 13: Desse ghelikent de meyster desses bokes by deme tvulue
vnde by deme baren, by deme lasse vnde luperden de grype. A liest : by dem losse.
vnde luperden de grype, B : by deme losse luperden vnde den grypen. Prien ver-
wirft die lesart von B aus sachlichen gründen und erklärt, Lübben folgend, de
grype mit den grypende^i deren. Bielings ansieht scheint mir indes mehr berech-
tigung zu haben, als ihr von dem herausgeber zugestanden wird. Wenn auch § 2
von arbeydcnden deren und im ausgange des § 5 von kleynen bytenden deren die
rede ist, so ist wol mehr gewicht darauf zu legen, dass sämtliche listen von tier-
namen in den §§2 — 5 mit vnde der ghelyken abschliessen. Übei'flüssig ist das von
Bieling in der von ilim vorgeschlagenen fassung: by deine losse unde Inperden unde
der glikcn hinter luperden eingeführte tinde. Ich ziehe vor, im anschluss an den
Eostocker druck von 1517 das vnde vor luperden umzustellen und zu lesen: by deme
wulue vnde by deme baren, by deme losse, luperden vnde der glyken. Abgesehen
von dem vnde zwischen den ersten beiden tiernamen ist die Übereinstimmung mit
den ül)rigen tierverzeichnissen so eine volständige. — Hinsichtlich der vv. 81 — 83
enthält sich der herausgeber eines eigenen erklärungsversuchs. Die bisher zu tage
getretenen ansichten werden von ihm verzeichnet, auch wird Sprengers verschlag
um dat für up dat zu lesen, mit recht zurückgewiesen. Um die vorhandenen
Schwierigkeiten zu beseitigen, scheint es mir nötig, nachdrücklich hervorzuheben,
dass Hinze weder als ankläger auftritt, wie Damköhler meint (Nd. korrespondenzbl.
ÜBER REINKE DE VOS ED. PRIEN 249
10, 20), noch als Verteidiger, wie Sprenger will (Nd. jahrb. 10, 107 — 108). Es
liudct sich iu sciuen woiien nicht die geringste spur ii-gendwelcher Parteinahme nach
der einen oder nach der andern seite. In dem augenblick, wo Wackerlos seine klage
vorbringt, hat Eeiuke und dessen sache für Hinze alles Interesse verloren. Er sieht
nur den ehrlosen wicht, dessen Schandtat er nicht vergessen hat und den es jezt vor
aller weit bloszustellen gilt. Der sinn der werte, mit denen er seine rede einleitet,
ist: „In der absieht, Eeiuke bei euch in Ungnade zu bringen, zeigt alle weit, selbst
ein so dreister dieb wie Wackerlos, grössere furcht vor ihm als vor euch." Dass
Panther Hinze wegen seiner abschweifung tadelt, hat schon Damköhler a. a. o. dar-
getan.
Weitere belege für den zu v. 127 erörterten gebrauch bieten HB 15, 5: So
men uns seclit unde twy feien dar nichtcsnichtes mi und DD 336 — 337: Dar ik des
ri/ces rat alrede hehbe hengcsant Mit Zinsen breven unde ök in ernste därna wer-
i'cn. Das subj. ist im ersteren falle aus dem uns, im lezteren aus Winsen zu
erschliesseu. Vgl. auch Seelmann zu Val. u. Nam. 36. Die bemerkungen Priens zu
v. 1308 und gl. I, 36, 1 behandeln dieselbe sache. — Apposition im nominativ in der
zu V. 764 besprochenen weise findet sich auch im DD 73: Men leset van einem
riken van gclde, ein uneddel man. Baethcke weist in der anmerkung zu der stelle
aus dem Bök der profec. ein zweites beispiel nach. — Die widerholung desselben
ausdruckes zum zwecke der Verstärkung (gl. I, 17, 5. s. 65, 2) gehört zu den cha-
rakteristischen eigentümlichkeiten des dichters, vgl. Ztschr. f. d. a. 32, 28. — Ab-
schwächung des auslautenden m zu n liegt ausser an den zu v. 2131 citierten stellen
vor: V. 23, 1259, 1390, 1685, 2131, 6176. Bemerkenswert ist, dass die zu dieser
zeit immerhin noch nicht häufige erscheinung auch im DD (v. 1000 und v. 1059)
auftritt.
Wie sich der herausgeber zu v. 1136 mit einer auffallenden syntaktischen
eigentümlichkeit abfindet, scheint der bedeutung derselben nicht ganz angemessen.
Auf grund der darlogimgen, die Nissen in seinem ForsDg til en middelnedertysk Syn-
tax gegeben hat, stelt er sämtliche fälle, in denen pleonastisches dat auftiitt, unge-
schieden nebeneinander. Aus der beobachtung eines umfangreicheren materials, als
Nissen herangezogen hat, resultiert indes die unhaltbai'keit der von diesem aufgestel-
ten theorie. Dat ist keiuesfals eine bedeutungslos eingeschobene conjimction, die
den zweck hat, die Inversion nach adverbialen bestimmungen im satzanfange zu ver-
meiden. Wenn diese absieht in frage kernt, was bei subj. -f- dat gar nicht der fall
sein kann, so steht sie gewiss in zweiter reihe. Zu einer erklärung der erscheinung
reicht sie nicht aus. RV v. 5131: Vp synen lieren dat he spranck und v. 1136:
Se begunde eni dat na to stryken, v. 1490: Ik leep vor vmle se my dat na, v. 5089
— 90: Se redden eme na vp deme spor, Se eine dat na., dat herte leep vor lassen
sich nicht vereinigen. Grimm gr. 4, 445 behandelt hinsichtlich des ersteren falles
zunächst die möghchkeit, dass der Vordersatz it was ausgefallen sei und somit eine
dem frz. e'est — qiie entsprechende wendung vorliege. Gegen die annähme solcher
eingänge, die in nnl. volksUedern wirklich vorhanden sind, macht er geltend, dass
die ellipse hier etwas hartes habe und dass das frz. c'est nie wegfallen könne. Sind
die von Grimm erhobenen einwände an und für sich schon triftig genug, so besitzen
wir in meister Stephans Schachbuch v. 1752: To Allexandro alle dat se qiiemen auch
ein sicheres zeugnis, welches die unzulässigkeit des Vergleichs mit der bekanten frz.
Wendung dartut. Die vorangestelte adverbiale bestimmung schliesst die ergänzung
eines Vordersatzes hier geradezu aus. An zweiter stelle spricht Grimm die vermu-
250 BRANDES
tung aus, dass man es mit einem domonstr. zu tun habe. Diese Vermutung -vnrd
zur gewissheit, wenn man auf das zur wideraufnahme eines subj. oder obj. dienende
demonstr. zurückgelit. Im RV begegnet dasselbe v. 67 : Mot de laster mynes wyues
de gheyt my na. Hier würde der nd. bearbeiter auch haben sagen können: Men de
laster mynes ?cyucs dat yheyt my na, da das neutrum dat auch auf masc. und fem.,
wde auf den plur. bezogen werden kann. Beispiele für diese Verwendung von dat
finden sich im Mnd. wb. 1 , 490. Das neuti'ale dat ist almählich in den accus, ein-
gedrungen (Val. und Nam. 2468: biscop Frankarde dat he kos) und in bezug auf
adverbiale bestimmungen herschend geworden. Das verbum des satzes kann ein ver-
buni des sagens oder der bewegung sein, seltener sind verben, die einen zustand der
ruhe ausdrücken (meister Stephans Schachbuch 3944: In menghen sunden dat se
lach; Val. und Nam. 1899: nnder einen bome dat se sat). Es eriibrigt noch, den
Charakter des dat in den vv. 1136, 1490 und 5090 des RV zu bestimmen, die bisher
nicht in betracht gezogen sind. Nissen verbindet das dat mit dem vorhergehenden
pronominalen dativ und erklärt es wie das ziierst erörterte. Dagegen spricht, dass
in den drei sätzen auch dann keine Inversion eintreten würde, wenn das dat fehlte,
sodann der auffällige umstand, dass jedesmal dem dat das adv. na folgt. Der Icztere
legt die Vermutung nahe, dass dat zu dem verbalen ausdrucke zu ziehen ist. Lüb-
bens und Hoffmanns erklärungen beruhen auf dieser annähme. Lübben erblickt in
dem dat ein ausmalendes demonstr. iind deutet auf das mhd. ex hin, welches im
accusativ mit activen verben verbunden Avird , ohne dass es sich auf ein vorausgehen-
des subst. bezieht (Grimm gr. 4, 333). An eine solche analogie kann indes bei ver-
ben wie nalopcn, nastrykcn des adverbialen bestandteils wegen nicht gedacht wer-
den. Hoffmann meint, dat stehe für trat in der bedeutung „etwas" und interpretiert
V. 1136: sie begann ihm was nachzulaufen, d. h. ganz gehörig, wat hat diese von
Lübben angezweifelte verstärkende wirkung olme frage, vgl. Chr. d. uordelb. S. p. 108:
nement konde sik ivat iceren. Beeinflusst haben das sonst nicht belegte eintreten
von dat für wat wol die redensarten dat he konde, dat he mochte, die auch im RV
zur Verstärkung des verbalen ausdrucks gebraucht werden. V. 5194: Myn vader leep
vor, de hunde eme na kann demnach das dat entbehren, da der folgende vers: He
leep, dat em vthhrack dat sweet die funktion desselben übernimt.
Vermisst habe ich eine bemerkung über das ungewöhnliche syk v. 983. Im
and. findet sich der dativ des persönlichen pronomens bei den verben sein und tun
und bei den verben der bewegung nicht selten. Belege aus dem Hei. hat Heyne,
Kleine alts. und anfrk. gramm. s. 111 zusammengestelt; vgl. auch Grimm gr. 4, 29 fgg.
und Nissen § 63. sik bei intransitiven verben besteht in einzelnen heutigen mund-
arten fort. — V. 2786 tritt die auch HB 19, 4; NS 71, 9 und 104, 62 erscheinende
sprichwörtliche redensart eine irassene nese ansetten auf. Da der herausgeber pla-
cebo domino bespricht, so wäre hier ein kurzer hinweis auf Zarnckes anmerkung zu
Brants narrenschiff 71, 10 und Wander 3, 955 wol am platze gewesen. — Zu
V. 3973 — 74: Id is n-aer, vele j)apen syn in Lomberdyen, De ghemeenlyken hebben
ere egenc aniyen; Men nicht en syn de in desseme lande hätte erwähnt werden
können, dass unser dichter melirfach unter ähnlichen umständen auf Lomberdj^en
verweist, so gl. I, 3, 3. s. 16: To deme drydden teert hir gheroret de ebrekerye, de
in etliker heren lande schud manckt n:elken eddelyngen in aficcsende des rechten
heren edder echten yaden, dat ryllychte Icyder wol schud in Lomberdyen vnde in
Wallant, dar dyt boek ersten ghedyehtet is; men flieht en is dat des lerers meninge,
dat yd in dessen landen schud, god sy ghclouct, gl. I, 3, 6 und HB 10, 14 — 18:
j
ÜBER REINKE DE VOS EU. PRIEN 251
De rcntener irokcrt den menen man ufh Ane alle gnade efte banuherticJieyt. Be-
holt de arme wat, he neme dal wol dar to; Nicht hir, men in den steden in
Lomberdien, Dar don se so, ya nemen tveeh beyde sn-yn tmde ko.
Das glossar ist mit Sorgfalt zusammen gestelt. Boi einzelnen zweifelhaften aus-
drücken wie stoppehneter ist die vorhandene litteratur angegeben. Eine bemerkung
liiitte ich zu sik prysen an gewünscht. Lübben hat im Mnd. wb. , auf das im vor-
woi-te nachdrücklich verwiesen wird, eine falsche erklärung des ausdrucks gegeben
und sich dadurch in Widerspruch zu dem glossar seiner ausgäbe gesezt, vgl. diese
ztschr. 17, 504.
Die ausstattung der ausgäbe verdient alles lob. Beigegoben sind gute nach-
bildungen je eines holzschnittes aus den Culemannschen bruchstücken und aus dem
Lübecker Reinke. Zu den druckberichtigungen des herausgebers habe ich nur hinzu-
zufügen: V. 3018 doet! statt doct.''
BREME.V, 4. MiRZ 1888. HEEMAX BRANDES.
Johannis Spaugenbergii Bellum grammaticalc, iterum edidit Rol)ertus
Schneider Halberstadiensis. Gottingae, apud Yandenhoeck & Ruprecht. 1887.
41 s. 12. 1,15 m.
Die familie Spangenberg lebt mit ihren litterarischen produkten im 19. jahi'-
hundert wider auf: von dem vater (Cyriacus) des beriihmten AVolfhart ist die „kirnst
der inusica" schon 1861 im litterarischen verein (nr. 62) wider abgedruckt worden und
neuerdings hat W. Rembke sein „Formularbüchlein der alten Adamssprache" mit biogra-
phie und Verzeichnis der Schriften herausgegeben (Dresden 1888). Eine auswahl aus
den dichtungeu des sohnes verdanken wir E. Maiiin (Strassburg 1887) Die oben ver-
zeichnete schiift hat den grossvater Johannes zum autor.
Der herausgeber der lezteren bietet einen blossen abdruck und hat es in sei-
ner lakonischen praefatio sogar verschmälit, über den zu gründe gelegten dnick
nähere auskimft zu geben. Ja er scheint sich um die alten drucke überhaupt nicht
gekümmert zu haben, da er der meinung ist, Spangenberg habe das buch ante haec
tria fere saeciüa geschrieben. Aber Johannes Spangenberg ist schon vor 338 jähren
(1550) gestorben imd sein Bellum grammaticale ist vor 354 jähren (1534) zuerst in
Wittenberg erschienen. Auch in sachlicher hinsieht hätte sein buch zu eingehender
Untersuchung anlass und gelcgenheit geboten.
Es beruht auf der personification der grammatischen begriffe. Das nomen Poeta
und das verbum Arno beherschten lange zeit einträchtig das grammatische reich.
Einstmals nach einem gelage entsteht ein ringkampf zwischen den beiden königen.
Das nomen beruft sich auf die bibel: Gott hat die weit erschaffen, und Deus ist ein
nomen. Das verbum macht dagegen geltend: In principio erat verbum. Es komt
zum kriege. Jeder der beiden könige bietet seinen anhang auf: das verbum die
adverbia und alle gattungen von verben, welche in einer art schifskatalog aufgezählt
und in vier conjugationen geordnet aufgestelt werden; das nomen zieht die pronomina
und Präpositionen an sich und ordnet seine truppen in 5 declinationen jenseits des
flüsschens Sive, an dessen diesseitigem ufer das verbum seine schaaren versammelt
hat. Das participium , von beiden selten vergebens umworben, hält sich neutral, wäh-
rend gerundium und supiuum zur partei des verbums übertreten. Die Verluste auf
beiden selten werden geschildert: z. b. aio hat die meisten tempora, modi und numeri
eingebüsst, sowie viele comparative auf der gegenpariei den positiv usw. Als kriegs-
252 MINOR, ÜBER SPÄNGENBERG, BELL. GRAMM. ED. SCHNEIDER
beute werden die präterita mit passivbedeutung coeoatus, iuratus, potus usw. und
auf Seite der nomina die doppelformen honor — bonos usw. ausgelegt. Die einsieht,
dass der grammatische Staat nicht ohne eintracht bestehen kann, führt zu friedens-
unterhandlungeu. Die triumvirn Priscian, Servius und Donatus werden mit aus-
arbeitung einer seutentia defiuitiva beauftragt. Sie lautet: in den casus obliqui soU
das verbum, in den casus recti das nomen herschen. Der friede wird geschlossen.
Das motiv dieses in lateinischer prosa abgefassten schiiftchens , welches viel-
leicht durch Lucian angeregt ist und oifenbar den pädagogischen zweck verfolgt
spielend in der grammatik zu unterrichten, ist auch für die geschichte des drama von
intei'esse. Isaac Gilhausen (A'gl. Scherer in der algemeinen deutschen biographie
und das programm eines jüngeren Gühausen, dessen vollen titel man in Goedekes
grimdriss II-, 379 findet) hat in seinem drama Grammatica 1597 davon gebrauch
gemacht. Grammatica tritt die herschaft an üire vier töchter Orthographia, Pro-
sodia, Etymologia, Syntaxis ab. Etymologia sezt wider die partes orationis zu
verwalten! ein: aber verbum und nomen vertragen sich nicht und geraten in streit.
Als die Schlacht im gange ist, legen sich auch hier Etymologia und Syntaxis ins
mittel und stellen die zu beachtenden regeln auf. Gilhausen dichtete für die bühne
des Landgrafen Monz von Hessen, für welchen dessen leibarzt Johannes Rhenanus
die englische moralität von Anthony Brewer „Lingua" in der deutschen komödie
„Speculum ästheticum" bearbeitete (vgl. Höpfner, Eeformbestrebungen 39 fgg. und
Creizenachs Studien zur geschichte der dramatischen poesie im siebzehnten jahrhun-
hundert, erster beitrag, Sitzungsberichte der kgl. sächs. geselschaft der Wissenschaf-
ten, philosophisch -historische klasse 1886 s. 104 fg. anm.): hier streitet die zunge,
als Lingua personificiert , mit den 5 andern sinnen um üiro anerkennung als 6. sinn.
Möglich dass, wie Scherer vermuten wolte, auch Gühusius eine englische vorläge
benuzte. Im jabre 1600 wurde eine „Comödie aus der grammatica des M. Martin
Pfüntol" in Plauen aufgeführt (vgl. Heüand, dramatische aufführungen in Weimar
1858 s. 4 anm.). Im 17. Jahrhundert bearbeitet Harsdörffer im IV. teil der
gesprächspiele ein englisches drama The sophister, in welchem die kunstwörter der
logik als personen auftreten; für die schulen hat er es noch obendrein lateinisch
bearbeitet. Harsdörffer selbst benuzte die figuren der redekunst in ähnhchcr weise
und Tittmann (Die Nürnberger dichterschule s. 191 fg.) wül im deutschen roman (?)
imd bei den italienischen akademien ähnliches gefimden haben. Caspar von Stie-
ler in seinem „WiUmut" führt dann ebenso die begriffe aus der moral personificiert
ein (vgl. Gervinus HI, 311 anm.). Yielleicht lässt sich auch im spanischen drama
ähnliches nachweisen.
Diesen litterarischen dingen näher zu treten, hatte der hcrausgeber keinen
beruf. Er verfolgt mit dem neudruck keinen andern zweck als der Verfasser des
Bellum grammaticale im XVI. Jahrhundert imd spricht sich in der praofatio mit den
wollten aus: „Arbitror autem non sine aliquo fractu hoc opusculum et adolescentibus
et vüis nnguae latinae peritis proponi posse: qua lectione et discipuli iucunditate et
delectatione quadam ad formas grammaticae percipiendas vel repetendas ducentui', et
viii docti non mediocrem voluptatem capient, quia mirum in modum iocosa seiiis
mixta sunt."
WIEN, 7. yiAI 1888. MINOR.
SCHWEIZER - SIDLER , ÜBER IIÜLLENHOFF, ALTERTUMSKUNDE 11 253
Karl Miilleiihoff, Deutsche altertumskunde. Zweiter band. Mit 4 karten
von Heinrich Kiepert. Berlin, "Wcidmannsche buchhandlung. 1887. X u. 407 s.
14 ni.
Das gehaltvolle, mit warmer pietät gescliiiebene vorwort gibt uns aufschluss
über den die altertumskunde betreffenden nachlass MüUenhoffs und über dessen ver-
sorge für eine volstiindige veröffentUcbung derselben. Danach dürfen wir hoffen,
dass die grossartige schöi)fung uns in verhältnismässig kurzer zeit vollendet vorliegen
werde, wenn sie auch nicht in allen ihren teilen so schön ausgebaut uns vorliegen
kann und wird, wie es diejenigen partien sind, welche der gewaltige forscher, der
unermüdliche fortarbeiter und glückliebe linder selbst uns vorführen wolte. Wii'
freuen vms, dass Eödiger sein vorwort auch damit geschmückt hat, dass er in
wenigen, aber markigen zügen das bild des Schaffens seines grossen meisters, dass
er uns ein bild seines wissenschaftlichen Charakters und seiner Vaterlandsliebe ent-
worfen hat.
Dieser zweite band lag zum abdrucke fertig vor, als der tod das edle leben
zernichtete; aber doch hätte wol der sich selbst nie genügende forscher noch man-
ches kleinere da und dort geändert und hinzugefügt. Nur wenige zusätze sind dann
von den herren Pniower imd Rüdiger nach deren billigung durch Wilhelm
Scherer, den MüUenhoft" zimächst seine arbeiten fortzuführen bestirnt hatte, hinzu-
gekommen; ausserdem sind randbemerkungen von MüUenhoff selbst vorgedruckt.
Sollen wir nun in einer Zeitschrift für deutsche philologie in kürze den Inhalt
des vorliegenden bandes angeben, wie das in Zeitschriften für klassische philologie
zugleich mit der absieht geschehen ist herauszuheben, was etwa für kritische con-
stituierung des Germaniatextes usw. aus ihm zu entnehmen sei? Wir denken, dass
jeder leser dieser Zeitschrift das buch selbst nicht nur- zur band nehmen, sondern
recht gründlich diu'chstudieren wird. Für leute, denen es nur darum zu tun ist
zu sehen, was je für ihre besonderen zwecke in diesem bände enthalten sein möchte,
dient hinreichend das reiche register, welches der herausgeber angefertigt hat. Mül-
lenhoffs forschungen zu chai'akterisieren hat Eödiger, wie schon angedeutet, in dem
Vorworte mit glück unternommen. Wir könten nur etwa noch besonders den hohen
ernst heiTOrheben, mit welchem Müllenhoff blossen einfallen entgegentritt und das
erfolgreiche streben, aus dem Ungeheuern i;nd weit zerstreuten material, welches mit
der schärfsten kritik gesichtet wird, eine volle anschauung des grossen ganzen zu
gewinnen und von da aus dem einzelnen wider licht zu schaffen. Wir meinen, im
grossen ganzen lässt sich hier kaum etwas als verfehlt nachweisen; auch im einzel-
nen nichts? Gewiss wird das geschehen können. Auch des grössten mannes werk
ist menschenwerk. Aber nach unserer ansieht dürften wesentlichere irtümer auch
im einzelnen, wie sie gewiss Müllenhoff selbst bei längerem leben entdeckt hätte,
erst nach längerem liebenden nachforschen aufgedeckt werden können, und es soll
nicht gleich nach dem hervortreten des schönen baues die freude daran durch klein-
liches bemängeln getrübt werden.
Mit freudigem stolze darf Deutschland vor allem auf zwei mäuner hinbUcken,
welche sein wesen und seine weltstelluug klargelegt haben. Jakob Grimm hat
einst mit genialem blicke auf breitester grundlage ein herliches sprachwerk geschaf-
fen; er hat aber auch durch seine rechtsaltertümer, seine mythologie, seine geschichte
der deutschen spräche den grund zu einer algemeinen deutschen altertumskunde
gelegt. Müllenhoff" hat als lehrer und Schriftsteller für den ausbau der deutschen
Sprachwissenschaft und für die tiefere einsieht in die deutsche litteratur nachhaltigst
254 WEINHOLD, ANZEIGEN
gewirkt, vom anfang aber seiner tiitigkeit auch das umspannen des ganzen angestrebt
und die harmonie aller lebensäusserungen des deutschen geistes lebendig aufgefasst
und dargestelt. Wir wollen es nicht unternehmen, die Verschiedenheit der anlagen
dieser beiden miänner zu zeichnen, die kritische schärfe und die macht der phantasie
bei Grimm und Müllcuhoif abzuwägen. Jakob Grimm war es beschieden, den grand
zu legen, Müllenhoff konte auf dieser grundlage, geschult durch den iinvergesslicheu
Lach manu, weiterbauen. Ein edler grundzug waltet in den beiden männern gleich
stark, der herlichste Patriotismus, der alle kräfte aufbietet, um selbst zur wahren
erkentnis des germanischen wesens zu gelangen und diese erkentnis als reich befruch-
tende ihrer uation in vollem bilde vorzuführen. Ihre werke sind ungleich lebendigere
denkmale als eine eherne Germania.
ZÜRICH, IM JUNI 1888. H. SCHWEIZER- SIDLER.
'\Veudeliii Toisclier, Über die spräche Ulrichs von Eschen buch. (Separat-
abdruck aus dem programm des k. k. deutscheu Neustädter Staats - obergymna-
siums zu Prag.) Prag, G. Neugebauer 1888. 28 s. gr. 8. 1,20 m.
Herr W. Toischer, der sich seit lange mit Ulrich v. Eschenbach beschäftigt
und im jähre 1876 bereits dessen Wilhelm v. Wenden herausgab, wird noch in die-
sem jähre die Alexandreis desselben voraussichtüch erscheinen lassen. Um das ohne-
hin umfangreiche buch nicht alzusehr anzuschwellen, hatte herr Toischer bereits über
die quelle und die abfassungszeit des gcdichts in den Sitzungsberichten der Wiener
akademie der w. bd. CXVII, 311 — 408 (1881) seine Untersuchung veröffenthcht,
und gibt nun in der beigäbe zum lezten programm seines gymuasiums seine beobach-
tungen über die spräche des dichters unter ausbeutung des Wilhelm wie des Alexan-
der, zur rechtfertiguug namentlich von manchen besonderheiten , die in der ausgäbe
der Alexandreis auffallen könten. Denn Ulrich von Eschenbach brauchte ober- und
mitteldeutsche formen und worte neben einander, indem er zwar Wolfram v. Eschen-
bach auch sprachlich nachzuahmen suchte, aber unwilkürlich in seinen angebornen
dialekt häufig veiHel. Im engen anschluss an meine mhd. grammatik legt herr Toi-
scher in gedrängter fassuiig seine beobachtungen vor über quantität und accent, über
die einzelnen vocalc, über die consonanten, über die bilduug der worte, die conju-
gation und dechnatiou, alles auf die reime Ulrichs gegründet. Es ist somit eine
feste grundlage für die kentnis der Schriftsprache jenes dichters gewonnen.
BRESLAU. K. WEINHOLD.
Gastmähler und trinkgelage bei den Deutschen von den ältesten zeiten
bis ins neunte Jahrhundert. Ein beitrag zur deutschen kultur-
geschichte von Franz Autoii Specht. Stuttgart, Cottasche buchhandlung.
1887. 61 s. 8. 1,20 m.
Das kleine büchlein bringt nichts au sich neues; es ist aber eine gute, aus
den quellen genommene Zusammenstellung der nachrichten über speise und trank,
essen und trinken der Deutschen bis in die karUngische zeit hinein. Der Verfasser
gibt diese nachlichten gewant wider, im anfang in etwas hochtragender, inversionen-
reicher Sprache, die aber almählich natürlicher wird. Nicht immer werden die quel-
len ganz treu verwertet. So ist s. 35 die stelle aus der Germania c. 14 über die in
ausrüstuiig und unterhalt bestehende besoldung der gefolgsleute durch den princeps
so ausgelegt: „Wenn deutsche krieger von ihrem fürsten nui' reichlich zu trinken
GERING, ÜBER JAHRESBERICHT IX 20D
bekanicii, verzichteten sie gerne auf jede andere reicliliche entlohüung ilirer dienste."
Auch die citate stimmen nicht immer.
BRESLAU. KARL WEINHOLD.
Jahresbericht über die erscheiaungen auf dem gebiete der germani-
schen Philologie, herausgegeben von der geselschaft für deutsche
Philologie in Berlin. Neunter Jahrgang, 1887. Leipzig, verlag von Carl
Reissner. 1888. IV, 333 s. 8. 8 m.
Der Jahresbericht, der ^viderum mit gewohnter Pünktlichkeit sich einstelte, ist
diesmal nicht so umfangreicli wie sein Vorgänger, da die redaction sich entschlossen
hat, die pädagogische abteilung fallen zu lassen. Diese massnahme wird dadurch
raotiviei-t, dass neuerdings durch die Zeitschrift für den deutschen Unterricht und die
Jahresberichte über das höhere Schulwesen für- die bibliographische Verzeichnung
pädagogisclier litteratur ausreichend gesorgt ist. Ausserdem ist nur eine äusserliche
änderuug getroffen, indem die bücher nicht durch das ganze werk durch nummerieii
sind, sodera jede abteilung für sich gezählt ist, wodurch dem hauptredacteur eine
sehi' mühselige, aber durchaus unfruchtbare arbeit erspart wurde. Im übrigen ist
der jaliresbericht mit derselben akribie und Sorgfalt gearbeitet wie die früheren Jahr-
gänge: dies erfreuliche resultat ist natürlich wie bisher nur durch arbeitsteilung
erreicht worden. An dem vorliegenden bände haben nicht weniger als 15 jüngere
gelehrte (meist gymuasiallehrer, doch auch ein Universitätsprofessor) sich beteiligt;
die 21 fächer waren so verteilt, dass herr Bethge das got. und ahd., herr Böhm die
altertümer, herr Bolte mythologie, Volkskunde und die Übergangszeit zwischen mhd.
und uhd., herr Bötticher das mhd. und nhd., herr Brandes das niederdeutsche, frie-
sische und niederländische, licrr Brandt und herr Dieter das englische, herr Fischer
die kulturgeschiclite, herr Kaiser die algemeine lexikographie, die namenforschung
und die oberd. dialekte, herr Kerckhoff das mittellatein , herr Kinzel die litteratiu'-
^cschichte, herr Löschhorn die geschichte der german. philologie, herr Machule die
skandinavischen sprachen, herr Mahlow die algemeine und vgl. Sprachwissenschaft,
herr Röpke das deutsche recht bearbeiteten. — Leider ist der buchhändlerische erfolg
des hochverdieustüchen Unternehmens, das den fachgenossen geradezu unentbehrlich
uvworden sein dürfte, noch immer ein wenig befriedigender, und es ist sehr zu wün-
schen, dass hierin ein wandel zum besseren eintrete, damit der verein für deutsche
Philologie für die im Interesse der Wissenschaft gebrachten opfer au zeit und geld in
angemessener weise entschädigt werde. Die bibliotheken der höheren schulen selten
IS nicht unterlassen, ein so wichtiges bibhographisches hilfsmittel zu erwerben, und
vor allem selten die Verleger von germanistischer litteratur durch unentgeltliche Über-
lassung ihrer aiükel das unternehmen stützen und fördern: sie würden dadurch zu-
gleich ihrem eigenen vorteil dienen.
HALLE. H. G.
STIEZEN.
Im Handw. 2, 1190 habe ich das sfd;eti zu gründe liegende verb stiegen nach-
gewiesen mit den werten: j, stiegen erscheint durch den reim gesichert im passion.
158, 83: rfrt; hi(s mit frcuden man üf stö? (:gror)"; ich sagte also nicht, dass es
durch den reim , gesichert scheint", wie Kinzel oben band 10. 84 anm. 2 flüchtig
bemerkt.
256 MISCELLEN UND NACHRICHTEN
Einen nhd. beleg aus dem 18. jh. kann ich min aus dem Asiatischen Avan-
turicr (Frankf. u. Leipzig 1754) s. 337 beibringen:
Wir ivaren kaum tviedcr aufgebrochen, so kam ein arabischer 2))'iiäx mit einem
gefolg mit mehr als 100 mann, und stosx, xu uns.
•WÜRZBURG, JULI 1888. LEXER.
ZU LAUREMBERG.
In seiner treflichen ausgäbe der Scherzgedichte Laurembergs (Halle 1879) hat
Braune an zwei stellen anstoss genommen, die dem kenner des lebenden nd. ohne
weiteres verständlich sind. I, 352 braucht nichts als höchstens die Interpunktion
geändert zu werden: Hgr hefft ein groet farty de wancken udt getagen
t)hI, hest mick oek tvol sehn! de tvitte flo affjagen.
Die redensart „hest mi ok ivol seihn" oder „hest mi nich geseihn" ist noch heute
im nd. übhch, um eine schnelle oder plötzliche bewegung zu bezeichnen, vgl. z. h.
Fritz Reuter, sämtl. werke I (1877) s. 214:
so pedd't sei up, as hest mi nich geseihn,
as gangen twci up ehr ticei bein.
Die form affjagen ist natürlich das part. pi't. , Avas nicht auffällig ist, da das verbum
jagen in binnen- und niederdeutschen dialekten mehrfach in die st. conjugation übei'-
getreten ist (vgl. z. b. Nerger, mecklenb. gramm. § 207).
Ebensowenig ist II, 125
damit de idt en nicht woldeti to gloven
das to in so zu emendieren; to glöiven (offenbar nach analogie von to trugen) ist in
Vorpommern und Mecklenburg ein algemein gebrauchter ausdruck, der ebenfals bei
Reuter mehrfach sich findet, z. b. I, 266:
De tigers sünd hir gor tau sli»nn,
sei lopen hir tau lan'n herum —
du kanst mi dat tau glöwen, Klasen —
grad' as in Meckelborg de liasen.
HALLE. H. G.
NACHRICHTEN.
Zu den drei älteren samlungen von monographien zur germanischen pliilologie,
den Strassburger „Quellen und forschungen", den Breslauer „Germanistischen abhand-
lungen" und den Göttinger „ Beiti'ägeu " ist soeben noch eine vierte hinzugekommen,
die unter dem titel: „Schriften zur germanischen philologie" von Max Rödiger
herausgegeben wird. Die „Schriften" werden im vorläge der "Weidmannschen buch-
handlung in zwanglosen heften erscheinen, deren jedes für sich käuflich ist. Aus-
gegeben ist bis jezt ein heft: Karoltngischc dichtungen, untersucht von Ludw.
Traube; angekündigt sind ferner eine Untersuchung über den satzbau des ahd. Isidor
von Max Rannow, eine abhandlung über verbum und nomen in Notkers psalmen
von J. Kelle und eine ausgäbe des oberd. Servatius von Oskar Greifeid.
Der privatdocent dr. Rudolf Kögel in Leipzig ist zum ausserordentlichen
Professor ernant worden.
An der Universität Breslau habilitierte sich dr. Th. Siebs für germanische
Philologie, an der Universität Kiel dr. Eugen Wolff für neuere litteratur.
Halle a. S. , Buchdnickeroi des \Vaiseiihausos.
ZWEI BEUCHSTÜCKE DEE EEIMCHEONIK DES ETJDOLF
VON EMS.
Im jähre 1867 habe ich in meinen ,, Findlingen^' (Situingsherichte
der i)hil.-hist. Idasse der Wien. ah. LV.hd. s. 640 — 676) fragmente ans
vier handschriften der reimchronik des Rudolf von Ems veröffentlicht.
Seitdem gab mein söhn Osivald ein hruchstüch, das zu der Stamser
handschrift gehört, heraus.^ Vor Jcurxer zeit inachte mich der hoch-
verdiente archivar dr. David von Schönherr auf zwei pergameiit-
bUitter im k. k. stathaltereicvrcliiv aufmerksam , die von einem einbände
losgelöst sind. Ich erkante sogleich eine handschrift der reimchronik,
die nicht zu den früher entdeckten resten gehört. Schon die sprach-
iveisen zeigen, dass sie einem andern mamiscript eigen tvar. Wir
haben somit trotz der Zerstörung so vieler handschriften noch reste
von fünf Jiandschriften der reimchronik, die uns beiveisen, wie sehr
dieses tverk Rudolfs in unseren bergen verbreitet war.
Unsere handschrift, die ein doppelblatt bildet, ist wegen ihres
alters und des guten textcs, sowie wegen der sprachlichen ä7iderungen
des Schreibers beacldensu-ert.
Auf pergament rein und sorgfältig gescJiriebcn , doppelspaltig,
52^2 centimeter hoch, 24 centimeter breit, ist sie mit roten und blauen
initialen und gleichfarbigen randlinien geschmückt. Sie stamt aus
dem ende des 13. oder don anfange des 14. Jahrhunderts. Erstei'es
ist ivahrscJieinUcher. Je eine spcdte enthält 43 Zeilen, somit, da vier-
mal ztvei verse in eine zeile geschrieben ^nd, 347 verse.
Der Schreiber, obgleich er sich an seine gute vorläge hielt, erlaubte
sich doch Schreibweisen , die von derselben abweichen und ihm näher
lagen.
Die länge i wahrte er durchwegs, anstatt ei schrieb er aber con-
sequent ai."
bezaichlichen II, 79. bezaiclienüuge I, 84.
zaigeii II, 32. hail I, 91 hailekait I, 102.
1) Zeitschrift für deutsches altertum 23, 394 — 398.
ZEITSCIIUIFT F. DEUTSCUE PHILOLOGIE. BD. XXI. 17
258 i- ZINGERLfi
tail I, 90. tauten 11, 115. haim I, 128. ohaini I, 111. ain I. 22,
94. 127. aines I, 11. II, 70. ainem I, 102. ainen I, 13. 83.
II, 5. IG. 57. ainmvtigen I, 152. main I, 12. vermainden
//, 19. rain II, 59. rainer II, 10. raiiien //, 9. 89. 163.
raiiiet //, 20. rainde II, 13.
erschain /, 82. 129. II, 63.
stain I, 13, 83. staine II, 108.
belaip II, 9L 130.
arebait I, 158. 171. arbaite I, 19.
mcnschhait I, 63. 70.
richait /, 96. gewonliait II, 78.
warhait //, 62. hailekait I, 102.
werdekait II, 106.
laide I, 134. lait I, 13. 159. gelait I, 97. II, 107.
gelaite I, 18. 43.
laiter I, 22. 27. 29.
berait I, 42. 170.
sait II, 104. gesait I, 103.
beschnait //, 77.
Für ae vevtvendet unser schreihcr häufig e;
seiden /, 40. II, 146.
selecliche II, 158. seleclichen II, 160.
wer I, 112. were /, 12L 163. werin II, 137.
enbere I, 162. mere I, 120. 124.
bemeret II, 139. beweret II, 138.
ierig II, 167.
Dagegen gebraucht er ac für e:
aehte II, 137. geschlaeht I, 45.
geschlaehte I, 68. II, 36 neben geschlelite I, 84. geschlehtes I, 71.
i icird einige mal für e gebraucht:
liebi I, 166. phlegist I, 136. werin //, 137.
0 begegnet st. a i7i kom /, 107, II, 56 im hmern des verses,
ivährend im reime kam bewalirt bleibt.
wo st. wa steht II, 30.
0 für Oll stellt in:
hopt /, 13. tromme st. troume I, 22. 28.
bon st. boum II, 16.
Öfters ■xeigt sich das volhstümliche o statt e;
segnen I, 47. gesegnet I, 43. 61. 68. II, 151. 158.
BRUCHST. AUS EUD. V. EMS WELTCHRONIE - 259
erwachot I, 72. hazton II, 168. obrost I, 29.
Statt uns, unser hat die hs. immer: uns, unser. Vgl. Weinhold,
Alem. gr. § 412. Bair. gr. § 357.
ic für i vor V: hierten I, HO.
Über die consonanten sei bemerkt: auslautendes g statt c be-
gegnet:
lag I, 15. II, 33. 73.
plilag I, 14. genvg II, 117.
schlvg II, 87. trvg II, 17. gewvg II, 118.
ierig II, 166.
Neben Isaac II, 141 begegnet Isaag II, 112 und Isaagez II, 99
neben Isaacces I, 33.
Ebenso finden icir im auslaute d. statt t;
sid I, 95. bild II, 32. ward I, 97. 98. II, 65. 118 und sogar
diend I, 149. nand II, 79.
Dagegen steht herte fär herde /. 108.
S ist häufig für z gebraucht:
das/, 50. 53. 58. 87. 89. 94. 97. 100. 107. 136. 141 147. II, 37.
40. 67. 82. 89.
swas I, 51 es I, 28. 95. 14L II, 37. 140. 149.
alles I, 114. II, 149.
liebes II, 75. 77. mas I, 28.
fürbas II, 135. gras I, 84. gos I, 85.
Dagegen konit oft z für s vor:
vnz (uns) II, 161. genaz II, 71. dez II, 52.
waz II, 72. Labanez II, 15.
Isaagez //, 99. segenz II, 144.
genezen I, 134. wezen I, 135.
Ezav //, 123 neben Esav II, 119. 131
11 = m begegnet in bon (boum) II, 16.
Für Joseph steht Josep II, 166.
t ist eingeschoben in mentschait I, 63, wie dies im bair. dialecte
oft geschieht. Osivakl v. Wolkenstein bietet sogar mentzsclii.
Für die Verbindungen sl, Sil icird oft sohl, sdm geschrieben:
geschlaeht I, 45. geschlaehte I, 68. II, 36. gescldehte I, 54.
geschlehtes I, 72. II, 162. schlaffe 7, 73. schlaf I, 20. ont-
IJ Die beste hs. (X) der Osicaldschen gedickte schreibt: meiitzsch /, G, o.
VI, 169. XVII, 1, 5. 5, 25. XXV 1. IG- mentzschen XVII, 1, 14. 2, 10.
4, 18. mentzschlichen XVII, 3, 6 usw. Die xahlen sind nach B. Webers aus-
gäbe gegeben.
17
260
I. ZliNfGERLE
schlief I, 17. sclilfg II, 87. beschnait II, 77. beschnitten II, 82.
egesclüich I, 78.
Interessant für mich ist, dass die Uinge des vohds durch ver-
dopjJelimg des folgenden consonanten angedeutet wird: schaffen (= Scha-
fen) I, 108. schaffe (schafe) /, 73. befazzen II, 113. grozzer I,
108. II, 71. 74. 106. 108. grozzen II, 171. Es ist dies nicht als
schär fung aufzufassen, selbst nicht hei vatter (= vater) I, 41. 124.
II, 93. 98. 107 , denn im hairischen dicdekte wird bis auf den heu-
tigen tag das a in vater als länge gesprochen. Verdoppelt begeg-
net z in gehaizze 7^ 52. giezzen II, 43. liezzen II, 44. svezzen
II, 164.
An schreihverstössen sind mir nur zerstorsten II, 31 st. zerstör-
ten, sj^arp II, 111. segen st. degen II, 48, mit krafte höh II, 127
aufgefallen, und II, 74, iro 2col xu. lesen ist: Jacob was in grozzer
Mag, vgl. II, 97. 98.
Bieten die frag))iente aucli nur 347 verse, so geben sie doch
lehi'reichc einsieht in das vorgehen des dichters hei bearheitung der vor-
läge. Rudolf war des kiteinischen kundig, wie wir wissen. Er war
aber auch, ivo es ihm passte, kein schlechter Übersetzer.
Wenn wir unsere 2 blätter mit der Genesis vergleichen , so hielt
er sich bald genau an den vorliegenden text, bald gab er denselben
freier icider; dann übersprang er stellen oder flocht eigenes ein.
Das erste hlatt gibt Genesis 28, 10 — 29, 20. Ich gebe eine
gegcnübcrstclhing :
V.L 2 = Genes. 28, 10.
-3—9 fehlen.
- 10—13 = Gen. 28, IL
- 14 — 20 Zusatz.
- 21 fgg. = Gen. 28, 12.
- 28 fgg. = Gen. 28, 13.
- 37 = Gen. 28, 15.
- 43 fgg. = Gen. 28, 14.
-46 — 72 Zusatz.
- 72— 75 = Gen. 28, 16.
- 76 = Gen. 28, 17.
- 79. 80 Zusatz.
- 81 = Gen. 28, 18.
- 86—90 = Gen. 28, 22.
- 93 = Gen. 28, 21.
V. 94—97 Zusatz.
- 98 = Gen. 28, 19.
- 99 fgg. = Gen. 28, 22 u. 35, 7.
- 104 =- Gen. 29, l
- 110 = Gen. 29, 4. 5.
- 112 = Gen. 29, 6.
- 115 = Gen. 29, 9.
- 118 = Gen. 29, 12.
- 122 = Geil. 22, IL
- 123 Zusatz.
- 124 = Gen. 29, 12.
- 126—130 = Gen. 29, 13.
- 132 = Gen. 29, 14.
- 133 — 137 Zusatz.
- 138 fgg. = Gen. 29, 14. 15.
BEUCHST. AUS RUD. V. EMS ■«'ELTCHEOXIK
261
V. 144 fyg. = Gen. 29, 15.
- 148 = Gen. 29, 19.
V. 1—5= Gen. 35, 1.
- 6 — 11 xusatx.
- 12 = Gen. 35, 2.
- 13 — 17 xusatx.
_ 28 fyg. = Gen. 35, 2.
- 21 = Gen. 35, 3.
- 25 — 35 = Ge7i. 35, 4.
- 36—45 xusatx.
- 45 — 54 = Gen. 35, 5, doch
frei beJmndelt.
- 55 ^ Gen. 35, 6.
- 57 = Gen. 35, 7.
- 60 = Gen. 35, 8.
- 62 fyg. = Gen. 35, 9. 10.
- 67 = Gen. 35, 16.
- 74 — 86 = Gen. 35, 18.
I V.149
I - 168-
Ziveites blatt:
V. 87 ■■
= Gen. 29, 20.
173 xusatx.
35, 21.
Rudolf ühergeht klug Gen. 35, 22
— 26 incl
V. 91 = Gen. 35, 27.
- 94 — 97 xusatx.
- 98 fgg. = Ge?i. 35, 28.
- 104 fgg. = Gen. 35, 28.
-HO fgg. = Gen. 36, 6 — 6' sehr
frei.
- 119 = Ge7i. 36, 8.
- 121 — 135 ganx frei.
- 138 fgg. = G. 27, 28 fgg. ganx
frei.
- 152—163 xusatx.
- 166—172 = Gen. 37, 2. 4.
Ich teile einige beispiele der ividergabe mit:
G. 28, 12. Yiditqiie in somnis scalam stantem super terram
et cacumen ülius tangens coeliim, angelos qiioque Dei ascendentes et
descendentes per eam.
V. I, 21 fgg. do sach der gottes wigant
ein leiter in dem troume hie,
der hoeh unz an den himel gie.
An der sach er liberal
engel gan iif und ze tal
G. 28, 15.
V. I, 37.
von im und zuo im aber wider
die leiter iif und nider.
Et ero custos tuus quocumque perrexeris.
ich wil din geleite sin
und mit fride dich bewarn
üf disem weg, den du wilt varn.
G. 28, 16. Cumque vigilasset Jacob de somno, ait: Yere Domi-
nus est in loco isto et ego nesciebam.
V. I, 72. Jacob erwahte unde sprach,
do er den trouni im släfe sach:
262 I- ZIXGERLE
„zAYiir got ist an dirre stat,
des wist ich niht."
G. 28, 17. Quam terribüis est, inquit, locus iste! non est hie
aliud nisi domus dei et porta coeli.
F. I, 76. Gotes hüs alhie ist üf getan
daz himels tor äne wan.
disiu stat ist egeslich.
Frei aber schön ist O. 29, 20: „Servivit ergo Jacob pro Rachel
Septem annis: videbantur illi pauci dies prae anioris magnitudine"
durch die verse I, 148 gegeben:
daz lopt er im; er was aldä,
vil dienstliche dient er sä
Labane durch die schoenen magt;
diu minne het an si verjagt
mit ainmüetiger minne
herze, muot unde sinne
so sere, daz in dirre zil
nach ir dühte niht ze vil.
von herzen was er ir so holt,
daz ir süezer minne solt
ringert im die arebeit,
die er in ir dienste leit.
sines herzen gerndiu gir ^
so sere sente sich nach ir,
e daz er ir enbaere,
daz im ringer waere
der dienest zwivalt durch ir lip,
daz si wurd sin eUch wip.
von liebe düht in niht ze vil
des dienstes und der järe zil.
Diese freie uridergabe der bibelsteUe xeigt uns Gottfrids von
Strassburg geübten schiller. Möchten sich in Rudolfs reimchronik viele
äh?iliche stellen finden, ico der chronist sich frei und froli ergehen lässt.
Blatt I.
(a) gen Aram von bersabe
Gaht er, als im geraten wart.
durch Kananeam gie sin vart,
Ain laut, das man svs nande.
5 die Ivte von dem lande
BEUCHST. AUS RUD. V. EMS WELTCHRONIK 263
Sin lip mit vorbte ser entsaz.
si trvgen sinem vater haz.
Das vorht och yü ser an im
die sta(t) ze Caiarelim
10 Und fvr er vnd kom sa
aines abendes zv der Ivza.
Da ward er siner trvwe main.
er lait sin hopt vf ainen stain,
Yil manger bober sorg er pblag.
15 docb swie vnsamft er lag,
In vil mangen sorgen tief
lag er verdaht, vnz er entschlief.
Do sich Jacob gelaite
nach der müden arbaite
20 Vnd der schlaf in vberwant,
do sach der gottes wigant
Ain laiter in dem tromme hie,
der hob vnz an den himel gie.
An der sah er fberal
25 engel gan vf vnd ze tal
Yon im vnd zu im aber wider
die laiter ^-f vnd nider.
Als er es in dem tromme mas,
ze obrost an der laiter saz
30 Got vnser berre unde sach
von himel her nider vnd sprach:
Ich bin Abrabames got
vnd Isaacces, in dem gebot
Wil ich geben in dine hant
35 ze besizzen diz lant
"Vnd nach dir dem kvnne din.
ich wil din gelaite sin
Ynd mit &ide dich bewarn
vf disem weg, den dv wilt varn,
40 Ynd wil din mit seiden phlegen.
dius anen vnd dines vatter segen
Sol dir sin berait von mir,
so das gesegnot an dii"
(b) In dinem samen werden
45 dv geschlaebt vf allen erden.
264 I- ZINGERLE
In clinem samen so wil ich
dich segnon vncl befriden dich.
Yf der verte phlag er sin
vnd tet im sine helfe schin,
50 So das ze saelden im ergie
nach wnsche, swas er an vie.
Och tet got den gehaizze sin erkant,
do er fvgte da das lant
Sinem geschlehte sit
55 in den tagen vnd bi der zit,
Do die Israhelschen schar
Josve sit brahte dar,
Do -wart das lant im vndertan,
wie der segen solt ergan,
60 Das dv kvnne vf allen erden
gesegnet selten werden.
In sinem kvnne das ergie
sit, do die mentschait enphie
Got vnser herre krist,
65 der got gewer vnd mensch ist.
In dem alr der weite kint
gesegnet in sinem geloben sint.
Der sin geschlaehte hat erkorn
ze rehter si^ipe vnd er geborn
70 Nach der menschhait sit wart
von des geschlehtes rainer art.
Jacob erwachet vnd sprach,
do er den tröm im schlaffe sach:
Zwar got ist an dirre stat,
75 des wist ich niht, hie ist gesät
Götz hvs, al hie ist vf getan
das himel tor ane wan.
Disv stat ist egeschlich,
hie so öget got mir sich,
80 Des genad mir kvnt hie worden ist.
vf rilltet an der selben frist
Got, der im vor erschain,
77 Das biiuel tor ist vf gotan aue wan J/s., doch vf getan ist rot durch-
strichen.
BRTJCHST. AUS RUD. V. EMS WELTCHRONIK 265
ze gehvgd Jacob ainen stain
Mit der bezaichenvnge gros.
85 61 er vf den stein do gos
Vnd wilit in; Got gehiez er sa,
(c) das er im Avolte geben da
Den zeheuden siner habe gar
vnd das er wolte bringen dar
90 Ze opher sines zehenden tail
vnd dvrch des gvten trömmes hail
Die stat niit opher erte,
wenn er wider kerte,
Das er got ain stat alhie
95 bvwte, als es öch sid ergie.
Mit vil hoher richait
ain stat ward vf das velt gelait.
Dv ward sit Bethel genant.
Der nam ist noch da fvr erkant,
100 Das er tvte gottes stat,
wan si wart got dar gesät
Ze aineni vrkvnd der hailekait,
von der vns ist al hie gesait.
Jacob von dannan kerte sa
105 gen Mezopothamia
Ynd kom dar nach in Aram.
als er vf das gevilde kam,
Von schaffen grozzer herte vil
vand er al da. zem selben zu
110 Bat er die hierten in wizzen lan
vmb sinen ohaim laban,
Ob er lebt vnd wer gesvnt.
si sagten im do sa ze stvnt,
Es fvr alles wol vmb in.
115 vlL balde fvrten si in hin,
Da er labanes tohter vant,
ain maget, was Rachel genant.
Dv Avas nach wünsch wol getan,
do sagt er ir ane wan
120 Yil herze liebv mere,
das si sin niftel were.
■1
26(3 I- ZIXGERLE
Er kvste si minneclich. 7.,
dv edel tugend rieh *:
Dv mere braht ir vatter do.
125 der was siner kvnfte fro.
Mit fröden er im engegen gie,
vil frvntlich er in enphie
Vnd fvrt in in sin hvs haini.
sin gvter wille im wol erscliain.
(d) loO Er sprach zim, do er het vernomen, J
wie er in flvhten dar was komen:
Du bist mines kvnnes blvt,
nieman dir hie laide tvt,
Nu mäht wol bi mir genezen;
135 durch mich solt dv des flizig wezen,
Das dv phlegist der schaffe min,
dv bevilch ich den trvwen din.
Do ain manot hin kam
vnd dar nach ain ende nam,
140 Laban Jacoben fragte,
das es in niht betragte.
Ob er im dienen wolte,
was er im geben solte.
Er sprach: ich wil dienen dir,
145 wilt dv Kacheln geben mir,
Ymb si siben iare zil.
des dvnkt mich vmb si niht ze vil.
Das lopt er im, er was al da,
vil dienstlich diend er sa
150 Labane dvrch die schonen magt.
dv minne het an si veriagt
Mit ainmvtiger minne
herz mvt vnd sinne
So sere, das in dirre zil
155 nach ir dvhte niht ze vil.
Von herzen was er ir so holt,
das ir svzer minne solt
Kingert im die arebait,
die er in ir dienste lait.
160 Sines herzen gerndv gir
s
BRÜCKST. AUS RUD. V. EMS WELTCIIRONIK 267
SO sere sente sich nach ir,
E daz er ir enbere,
daz im ringer were
Der dienst zwivalt durch ir lip,
165 das si wrd sin elich wip.
Von liebi dvht in niht ze vil
des dienstes vnd der iare zil.
Do das zil ain ende nam
vnd dv' zit Jacobe kam,
170 Das im solte sin berait
Ion nach siner arebait.
Die er mit dienste het getan,
als ich vor gesprochen han.
Blatt II.
(a) Jacob dv solt durch die geschiht
dir ze sere fvrhten niht.
In bethel solt dv varn,
ich wil dich gar wol bewarn,
5 Ynd mach ainen alter mir,
da ich mich e 5gte dir
Mit ansihteclichem schine.
dv solt aber e die dine
Eainen mit rainen Sachen,
10 mit schulden rainer machen,
ob si inder schuldig sint.
Jacob besante sinv kint
Und rainde si mit 1er zehant.
Labanez abgot er vant,
15 Da si rachel verborgen
vnder ainen bon mit sorgen
Het. er namz vnd ti-üg si zin.
svne, sprach er, nu werfet hin
Die vermainden valschen abgot
20 vnd rainet vch in gotz gebot.
Wir svlen das nit langer sparn,
in Bethel svlen wir varn
Ton disem lande, daz ist min rat,
V. 163. 64 in einer xeile geschrieben.
2G8 I. ZINGERLE
Daz vwer hant verw'rket hat.
25 Ton dan berait er sich do sa.
nv hetten sine svii al da
Abgot, die hetten si genomon
in Sichern, do si dar komen
War'n mit vientlicher hant,
80 als es wol ist hie vor bekant.
Wo si zerstorsten die stat.
dv bild er im zaigen bat,
"War an lag gezierde vü.
si hiez Jacob an dem zil
35 Begraben vnder ainem bumme do.
nv schribent svmelich also,
Das golt wrde da fvnden sit.
es hiez nemen der kvng Davit,
Do er mit hohen Sachen
40 das tempel wolte machen
Got, als er gedahte,
daz sin svn volbrahte,
Vnd hiez ez ze samen giczzen.
(b) die abgot ligen liezzen
45 Jacob vnd sine svne da.
nv kam den laiitlvten sa
Yon got ain vorht in den mvt
so groz, daz si den degen gvt
Ymb der schuld geschiht
50 getorsten an komen niht,
Noch beswern durch den schaden,
dez si waren vberladen.
Alz da von siner kinde hant
vch tet dv Schrift bekant.
55 Mit sineu kinden in Bethel
kom do der gvt israhel
Aiuen alter bvte got
vnd ophert nach gotz gebot
Sin rain opher got al da.
60 bi der zit starp Delbora,
Dv rebekken het erzogen.
48 Segen hs.
BRÜCKST. AUS RUD. V. EMS AVELTCHEOXTK 260
mit warhait vnd gar vngelogen
Erschain im got aber do
vnd staet im den namen also,
65 Daz er ward Israhel genant,
als im der engel tet erkant,
E das er kam in Salem.
von Bethel gen Bethlehem
Evr er, daz hiez do Efframta.
70 Kachel lag aines kindes da,
Mit grozzer arbait si genaz.
do das kint geborn waz,
Si lag tot an dem selben tag.
Jacob in grozzer klage was
75 Ymb sin herze liebes wip,
als er begrvp ir werden lip.
Sin liebes kint er do beschnait
nach der e gewonhait,
Bezaichenlichen nand er in
SO der zeswen svn Benjamin.
Bennon hiez er nach iamerz sitten,
e das er wrd beschnitten,
Wan sin mvter an im starp
vnd an siner gebvrt verdarp.
85 .Von Bctleem fvr fvrbas er
fvr ainen tvrn, der hiez Ader,
(c) Ynd schlug da vf sin gezelt
an die stat vnd vf daz velt,
Das vf im trvg cUe rainen stat,
90 Da Sit das tempel wart gesät.
Da belaip er etwie lange sit
vnd was al da unz an die zit,
Das er zv sinem vatter kam
in Ebron. do der vernani
95 Sine kvnft, er was sin fro.
Kebekka was erstorben do.
Des het er trvrecliche klag.
nv waren sines vatter tag
Isaagez also vil,
V. 99. 100 in einer xeile gcseliricbca.
270 I- ZINGERLE
100 das sin alter vf das zil
Sin leben do begvnden iagen.
er starp dar nach in kurzen tagen,
Do sine tag in ii* iarn
mit zal erfvllet warn.
105 Der was, sait dv schrift fvr war
ahzig vnd hvndert iar.
Er wart mit grozzer werdekait
in sines vatter grap gelait
In dem staine in Ebron,
110 den er e köfte vmb Ephron.
Do der patiiarclie starp
Isaag vnd er verdarp,
Sines gvtes erbescliaft
besazzen do mit richer kraft
115 Sin svn, das was billicli.
das gvt si tailten vnder sich.
Des was so vil, me dan genvg,
das man niemannes do gewg,
Des habe wrd grozzer bekant.
120 do fvr Esav ze hant
In sin gebirg vnd belaip al da.
das lant hiez Idumea
Ynd was gelegen bi Damas,
da Ezav do inne was
125 Yil gewalteclich.
von dem selben rieh
Zelt Moyses zweLf kvnig rieh
mit krafte höh gelich.
Nv do was kvngez namen erboru,
130 die von der fruht waren geborn;
Nv ir anegenges stam
(d) an Esav geschlechte nam
Ynd alle bi ir iarn
da kvnge warn.
135 Des gibt aber der Jude niht.
sin zal niht fvrbas gibt,
Wan das von dem geschlaehte
der kvnge werin aehte.
111 sparp lis. 124. 25 und 133. 34 in einer xeile (jeschriehen.
BRÜCKST. AUS RUD. V. KMS WELTCirRONIK 271
AI hie het vns beweret
140 dv Schrift vnd bemeret,
Wie es vmb den segen ergie,
den Isaac sinen Mnden lie.
An 61 an wiu an körne
wart der wolgeborne
145 Jacob mit des segenz kraft
gehöhet an herschaft
Ynd nach der seiden wnne
gewirdet mit rainem kvnne.
Jacob den segen vor enphie,
150 als es alles sit ergie.
Vber körn 61 vnd win
mvst Esav gesegnet sin.
Das wart gewer dar an,
das er dv bezzern lant gewan.
155 Jacob nach der gottes e
der gewan herschaft me,
So vil, das von siner art
al der erde kvnne wart
Gesegnot selecliche
160 zer weit vnd ze himelriche
Mit seleclicher sigenv[n]ft
von fnser herren Cristes kvnft,
Der dvrch. vnz geborn wart
von des raiuen geschlechtes art
165 Ynd von Marien der zvszen magt,
als es dv schritt fvr wäre sagt.
Josep, do der nach rehter art
sehzehen ierig wart,
In hazton ser die brüder sin
170 vnd taten im vnfrvntschaft schin
In ir mvte ze aller zit.
si betten des vil grozzen nit
stüle vnd etswenn vberlvt,
das er dem vater was so trvt
175 Ynd im ie vor in allen.
GUFIDAUN, 13. APEIL 1888. IGNAZ ZINGERLE.
272
DEE TEAKTAT DEE UPSALA-EDDA
„nf setnmgu hattalykils."
Der sogenante zAveite traktat der Edda wird algeniein als eine
orthographische abhandlung betrachtet. Müllenhoff DA V, 167 spricht
von „drei kapiteln über das nordische, in der schrift zu verwendende
buchstabensystem" ; in der neuen ausgäbe für das Samfund til udgi-
velse af gammel nordisk litteratur heisst der traktat „zweite gramma-
tische abhandlung" ; Björn Magnussen (31sen betont in der einleitung
zu der ausgäbe der dritten und vierten Eddaabhandlung ausdrücklich
die Avichtigkeit unseres traktates für die geschichte der grammatik auf
Island. Nur Möbius hat (Hiittatal 11, 41) auf den Zusammenhang zwi-
schen dem traktat und dem commentar des Hättatal hingewiesen und
vermeidet jede bezeichnung, die auf die behandlung dos alphabetes im
traktat gewicht zu legen schiene.
"Wenn ich im folgenden nachzuweisen suche, dass unser traktat
eine andere bedeutung hatte als die Orthographie zu regeln, so gehe
ich von der Voraussetzung aus, dass Müllenhoffs arbeit über die Snorra-
Edda wenigstens E. Mogks Charakterisierung des cod. U. volauf bestä-
tigt und insbesondere die kurze fassung des traktates in ü mit recht
als ursprünglicher, die lange im cod. W mit recht als „alberne kom-
pilation" bezeichnet hat. Auch was die mängel in der Zusammenstel-
lung der Eddateile und deren Ursachen anlangt, muss ich Müllenhoffs
ausführungen innere Wahrscheinlichkeit zugestehen, möchte aber daran
erinnern, dass Müllenhoff selbst an die grenzen der „herstellenden kri-
tik" gerade bei der Eddafrage mit drastischen werten erinnert hat.
Der traktat steht zwischen Skäldskaparmäl und Hättatal. Mit
ersterem hat er gar keine Verbindung, mit lezterem kerne äussere.
Gehört eine rechtschreiblehre überhaupt in den rahmen der Edda?
Können wir annehmen, dass Snorri, wenn auch vielleicht an einem
anderen ort und mit anknüpfenden anfangs- und Schlussworten den
ti'aktat als solche in sein handbuch für junge skalden aufgenommen
wissen wolte? Oder ist derselbe durch versehen hineingekommen und
solte nur dem Schreiber zur norm dienen? "Weder das eine noch das
andre. Mit der „Eddulist" hat die Orthographie nichts zu tun; so wie
heutzutage für das papier berechnet waren zu Snorris zeiten die Lieder
nicht, dass man dem jungen skalden gleich mit der Verslehre die mit-
tel an die band hätte geben müssen, seine künftigen opera der nach-
weit überliefern zu können. Was soll dann in einer schreiblehre die
BRENNER, DER II. TRAKTAT DER UPS. EDDA 273
ganze oiiileituug über die natiirlaiite und geräusche^? was die eigen-
tümliche griippierung der laute in den beiden figuren? Die rechteckige
figur wäre reine Spielerei, nur der untere teil von ä ab hätte prak-
tischen wert, aber auch nur beschränkten. Auf der anderen seite ist
der traktat als norm für die Orthographie ganz unvolständig ; über die
bedeutung von q und e ist z. b. nicht gehandelt. Die kurze bemer-
ku ng: dass in e und (> der «-haken statt des volständigen a geschrie-
ben werde, gehört wol ursprünglich gar nicht in den text; sie schliesst
sich unmittelbar an einen abschnitt an, der unmöglich an richtiger
stelle steht. Es gehen nämlich die zur beleuchtung der anwendung
von längezeichen gewählten sätzchen „d pvi äri sem ari var fceddr,
JkU er i mino mini" vorher, dann folgt eme bemerkung: oft verändert
die ausspräche von werten den ganzen sinn, je nachdem der vokal
lang oder kurz gesprochen wird. Dieser satz gehört offenbar vor die
beispiele, und in W findet er sich in der tat etwas verkürzt vorher
und aus ihm wird dort die notwendigkeit des längezeichens abgeleitet;
er komt dann aber nachher noch einmal an der gleichen stelle wie
in ü. Es scheint derselbe also ursprünglich am rande gestanden zu
haben; mit ihm kam dann wol die nun ganz unvermittelte bemerkung
über e imd q in den text. In dem entwurf war sie nachträglich an
den rand geschrieben, weil e und q in der zweiten figur ihren platz
gefunden hatten. Was über e und q gesagt ist, zeigt deutliche spuren
der entlehnung aus abhandlung I, dass es ganz flüchtig nachgetragen
wurde geht daraus hervor, dass o übergangen ist wie in tab. II;
absichtlich kann das nicht geschehen sein, denn der laut 0 muss zu
Snorris zeit vorhanden gewesen und q kann nicht ö gesprochen wor-
den sein, da sonst der hin weis auf die beziehung zwischen q und a
ganz ungeschickt gewesen wäre, auch kann es nicht zufällig sein, dass
im Hättatal nur q mit q und 0 mit 0 reimt, aber nie q mit 0.^ —
Dem Verfasser des traktats lag nichts an der volständigkeit des alpha-
betes, eben weil er kein neues orthographisches System einführen, auch
nicht ein bestehendes lehren weite.
Mit der lehre von den dichterischen Umschreibungen ist die eine
hälfte der theorie, die im kommentar zum Hättatal als grein bezeich-
net ist, die mdlsgrein, erledigt. Im verlauf der kommentierung des H
wird die andere hälfte, die hljöctsgrein, und die theorie der iala set-
1) Diese stimt mit einzelneu partieii des Skuldskaparmäl in der darstelliings-
forin so überein, dass der Verfasser derselben Skaldskaparmäl wol gekant haben muss.
2) Anders urteilt über die o dieser zeit Larsson in seiner ausgäbe von cod.
AM. 645. 4« s. Lin.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 18
274 BRENNER
nmqar hdttann im anschliiss an die Strophen des liedes behandelt.
"Was tala ist bedurfte keiner weiteren erklärung, dagegen versteht sich
die bedeutung von hljöä nicht so ganz von selbst. Durch die Verwen-
dung von reimstäben und später von reimsilben war der Isländer
gezwungen und befähigt, die einzelnen laute im wort als selbständige
einheiten zu isolieren, aus ihrer Verbindung mit anderen lauten los- '
zulösen, noch ehe er zu schreiben und lesen gelernt hatte. Aber das
geschah mechanisch, nach dem gehör. Mit der verbreitmig der buch-
schrift^ wurde die trennung der laute einerseits erleichtert, andererseits
aber auch erschwert, indem das ungenügende schriftsystem den hören-
den befangen machte. Recht lehrreich ist als beleg für diese bekante
erscheinung die behandlung des i und des p und c in unserem traktat, i
davon später!
Die Isolierung und Verbindung der laute nun, gewissermassen als
wissenschaftliche grundlage für die spätere definition des reimes (Hätt.
2 13— 2G) jgi; 0g ^ ^yas der Verfasser des traktates darstellen wolte; von j
der Verbindung der vokale mit konsonanten, von der fähigkeit, isoliert
ganze werte darzustellen handelt — von der einleitimg abgesehen —
der ganze traktat, die Verbindungsfähigkeit der laute ist für die zwei
tabellen und ihre einteilung bestimmend gewesen.
Die einleitung begint mit der frage.- hvaä er hliops grein? Wir
erwarten diese frage Hätt. 1 ^^. Aber wie dort nach mdlsgrcin nicht
gefragt wird, weil die antwort schon mit dem vorausgehenden Skäld-
skaparmäl gegeben ist, so wird auch eine algemeine definition von
hlj6(tsgrei'?i nicht verlangt, weil sie eben im Tr. schon vorliegt; dage-
gen folgt hier die erklärung von Mjöäsgrein als terminus der v'ers-
lehre, als welcher er im Tr. nicht erwähnt ist. Es wird nämlich in
der besprechung der hliöpsgrein ersichtlich vom algemeinsten zum beson-
deren fortgeschritten. Der traktat begint mit den lauten {hliop) über-
haupt, handelt dann von den lauten der tiere, endlich von den mensch-
lichen sprachlauten; von diesen aber im einzelnen nur insoweit, als
es für die Würdigung der reime nötig ist. Man möchte fast glauben,
dass der traktat dazu bestimt war, in die einleitung des Hättatalcom-
mentars verarbeitet zu werden. Er wäre leicht vor l^-^ einzuschieben;
die werte stafasetning gerir mal alt könten dann fallen, sie ersetzen
im kommentar eine algemeine definition von Mjöäsgrein und stehen
1) Ich nehme mit Storm an, dass die runenschrift auf Island zu längeren
aufzeichnungen wenig oder gar nicht verwendet wurde, und dass sie gar nicht so j
algemein verbreitet war. Anders bekantlich Olsen in seiner schritt: Eunerno i den f
oldisl. Lit. (Kbh. 1883).
i.
DER n. TRAKTAT DER UPS. EDDA 275
bereits im traktat [mähiafir . . (jcra mal af hendingum peim sem peir
(jera viä hliocUtafina fyrir eäa epter)\ und statt hljöäsgrein er pat
Aväre, ähnlich wie km-z zuvor zu schreiben liljöitsgrem hättanna
er pat.
Der Inhalt des traktats ist zusammengestelt mit rücksicht auf die
bedeutung der hljöäsgrem für die skaldendichtung, für die stafa set-
niiig. Das möge nun im einzelnen untersucht werden.
I. Die kreisfigur und der kommentar dazu.
Der mitlere kreis enthält die vier buchstaben, die bloss im anlaut
stehen können (also nur im Stabreim verwendbar sind): p, v, h, q.
Es wäre an und für sich denkbar, dass hier die regel gegeben werden
wolte, man solle p nur im anlaut schreiben (im inlaut et); aber bei v,
h, q passt eine entsprechende regel gar nicht; denn niemand kann
daran denken ä üu in- oder auslaut zu schreiben, andererseits hat man
nie anstand genommen, v und q im inlaut zu gebrauchen. Gemeinsam
für alle vier laute ist nur, dass sie zum Stabreim, nicht aber zum sil-
benreim taugen; für v nur ein paar belege aus Hätt.: 9*^ spjqr : qi^var,
10^ skqr : hjqrvi, 11^ friäke : scevar, 16 ' pryngr : sqngvi; für q: 21^
klehk : sekqva , 22- rekkir : klekqvan. Was ^ anlangt, so scheidet ent-
weder der traktat zwischen p = stimloser spirans und et = stimhafter
(dann würde aber z. b. 48 '^ mips : rauäu gegen die regel sein, solche
fälle von stimlosem p im wortinnern sind freilich sehr selten), oder er
steht bereits unter dem bann der Orthographie und scheidet — wie
unsere grammatiker bis in die jüngste zeit — die laute, weil die buch-
staben geschieden sind. Jedenfals beweist die Zusammenstellung des p
und h mit q und v, dass die werte: ma tu etiskis annars nyta en
Vera fyrer oprum sfofum die fähigkeit im wortaiilaut, der Unfähigkeit
im wort- (und süben-) auslaut zu stehen gegenüber stellen wollen.
Im zweiten kreis stehen 11 konsonanten, die im an- und aus-
laut stehen können, aber kein wort für sich bilden (die also zum stab-
und silbenreim taugen, aber nicht allein für sich eine reimsilbe bilden
können) : h d f g l m n p r s t. ^
Im dritten ring sind zwölf vokale, die in vier gruppen zerfal-
len: einfache a e j o u y , zusammengesezte, die mit ligaturen geschrie-
ben werden ce av ay; zusammengesezte, die mit gefreuten buchstaben
1) So in der figur, der traktat liat /.• und f noch, was zur zahl 11 nicht
stimt, es ist jedoch möglich, dass durch falsche einteilung (für l sind zwei fächer
verwendet) ein huchstabe, k verdi'ängt %\T.u'de.
18*
276 ÖRENNER
geschrieben werden ey'^ ei; endlich der „Wechsler" i (diese vokale kön-
nen im anlaut und auslaut stehen und fitr sich silben (werter) bilden —
also taugen sie zu stab- und silbenreim, können lezteren aber [anders
als die konsonanten im zweiten ring] allein für sich bilden). Dass cb
hier als zusammengesezter laut gilt, darf nicht wunder nehmen: ent-
weder ist schon im 13. Jahrhundert m circumflektiert worden (woraus
neuisl. cd; über die ersten spuren des vollen diphthonges s. mein hand-
buch s. 34), oder es hat die Zusammensetzung des buchstaben die auf-
fassung des lautes beeinflusst.'- Jedenfals ist aber der diphthongscharak-
ter des ce hier viel weniger betont als die geschlossenheit des lautes,
gerade wie bei ei und ey, bei denen ausdrücklich bemerkt ist, dass
sie einen laut zusammen ausmachen, der e und i, e und y enthält,
dass man nur auf eine ligatur verzichte, weil sie sich nicht leicht
(öhcegt) binden lassen. Wenn hier vom schreiben ausführlicher gehan-
delt ist, so liegt der grund darin, dass der Verfasser hier den Wider-
spruch zwischen schrift und ausspräche erkante und deshalb mit der
gefahr rechnen zu müssen glaubte, dass der schüler durch die schrift
irregeführt dinge trenne die zusammengehören. Der zwölfte buehstabe
fehlt im kreis als zwölfter, da er schon als dritter steht, es ist i vor
vokalen. Dieses ^ gehört eigentlich nicht in den ring und fehlt des-
halb in der Zeichnung mit recht; aber besprochen muste es doch wer-
den und so wird es im traktat im anschluss an den dritten ring
behandelt. Es werden die schon vorher erwähnten funktionen des
gegensatzes halber widerholt (^ als vokal, i als zweiter konsonant von
diphthongen) , ferner heisst es: wenn aber ein vokal nachfolgt, wird es
konsonant und werden mit ihm viele volständige (einsilbige) werte gebil-
det, wie ia, oder iorp oder ioi\ Ein anderer Wechsel des i ist der 3,
... wenn ein konsonant vorhergeht, aber ein vokal folgt: wie in biorn,
oder hior oder biory.^'' Ist zwischen dem i in iqrä und in biqrg ein
unterschied? Ich w^eiss nur einen: in iqrä ist i reim stab, in biqrg
1) Dass ft^ (Ug.) uud ey nebeneinander aufgefiilirt werden, zeigt wideriim, dass
es dem Verfasser nicht darum zu tun war, ein System aufzustellen oder über seine
Schreibung rechenschaft zu geben, sondern, dass er das Verhältnis von laut und
schrift darstellen wolte: schreibt man die ligatur a?/, so drückt man in der schrift
die enge Verbindung der beiden laute aus, schreibt man ey ^ so muss man darauf
verzichten. Dass mj und ey im klang gleich sind, darauf komt es dem Verfasser in
dem Zusammenhang viel weniger an , als auf die trotz der verschiedenen bezeichnung
gemeinsame dij^hthongengeltimg. Übrigens ist ay (üg.) selten gebraucht, z. b. in
AM 645 4", im Agrip , in handschriften also , deren entstehimgszeit in Snorris schrift-
stelleijahi-e oder kurz nachher zu fallen scheint.
2) CR wurde auch in deutschen grammatiken lauge als dij)hthong behandelt.
3) Hier folgt i als teil von ei.
u
ni;R II. TRAKTAT DEK- UPS. EDDA 277
aber nicht; auch zum silbciiroim taugt das iezte i nicht, vgl. die
adaihendingar valclr : skjaMu?' Hätt. 5*^, spjqr : qrvar 9'^, blöä: rjöda 11^,
i^Jcor : Jfjqrvi 10^ usw. ^
Wenn weiterhin im anschluss an den dritten ring von der quan-
tität der vokale die rede ist, so bedarf es wol nicht erst eines nach-
weises, dass die gleiche oder ungleiche quantitat füi* die reime von
bedoutung ist. Gerade dass die quantitat in diesem Zusammenhang —
wo nur von der Stellung zu den konsonanten und der fähigkeit silben
und Worte zu bilden die rede ist — behandelt wird, ist für mich ein
beweis, dass die laute nur nach ihrer bedeutung für den vers betrach-
tet werden. Es heisst: ef shyrt skal rita, ])a skal draga yvir Jtami
stafinn er sei7it skal leipa, d. h. wenn man vokale, die in der aus-
spräche verschieden sind, in der schrift auch unterscheiden will, soll
man die langen mit einem strich bezeichnen. Es wird hier eine schreib-
regel gegeben, aber doch nur eine bedingte; der sinn kann dem
Zusammenhang nach nur sein: durch die gewöhnhche, unterschiedslose
widergabe von a und ä darf man sich nicht verleiten lassen, beide
für gleich zu halten; kann doch die verschiedene quantitat zwei sonst
ganz gleiche Wörter unterscheiden, wie äri und Ari, man solte also
eigentlich kürzen und längen auch in der schrift unterscheiden.
Über die stelle, in der c und q statt cb und ao empfohlen wer-
den-, ist oben schon gesprochen. Gehört sie gegen meine dort ver-
tretene Vermutung wirklich in den text, dann muss sie den sinn
haben: für die einfachen laute e und q ist die bezeichnung durch den
a- haken zu empfehlen, anstatt der Schreibung ce, ao (weil man sie
sonst mit zusammengesezten lauten verwechseln oder dafür halten könte,
so dass man etwa 7rmä {raoä) und hlqär {hlaoär) bände. Für 0 (und 0)
war die ligatur ce auf Island nicht gebräuchlich (sie ist vor allem nor-
wegisch — dafür auf Island b oder in älterer zeit eo — ; als der traktat
entstand war wol eo ganz ausser gebrauch gekommen). Es wäre daher
möglich, dass deshalb von 0 nichts erwähnt wird, weil keine dem Ver-
fasser bekante Schreibung den laut zum doppellaut stempelte, also kein
misverständnis zu bekämpfen war. Oder brauchte der Verfasser q auch
mit für 0, wie so viele handschriften des 13. Jahrhunderts? Ich glaube
nicht.
1) Es muss auffallen, dass hier nur bei i der unterschied der vokalischen und
der konsonantischen geltung hervorgehoben wird, nicht auch bei u. Der Verfasser
schrieb also wol nur v (nicht u) als konsonant, und kent auch die reimbindung von
V mit vokal nicht, da er von dem Zusammenhang des v mit dem vokal u keine
ahnung mehr hat. Dies spricht gerade nicht für umfassendere kentnisse des autors.
2) Sie ist in U und "W verderbt überliefert.
278 BRENNER
Im vierten ring sind 12 bnchstaben: bh, dd, ff', G, K, l, M,
N, pp, B, S, f (oder T?)^ welche sämtlich modifikationen der einlachen
konsonanten, die im auslaut von worten oder silben {samstqfn ist wol
zu lesen statt )iof)i) möglich sind, darstellen sollen. Die paarweis zu-
sammenklingenden beispiele: holl : fjall, cross : hross, framm : hramm
zeigen, dass der Verfasser an die reimworte oder reimsilben dachte:
in skothending wie adalhendiug reimt M (d. i. mm) nur mit 31, nicht
mit 7)1. Die bemerkung, dass man entweder eine besondere form des
konsonanten oder die gewöhnliche doppelt zu schreiben habe^, besagt
wider nichts anderes, als dass die verschiedene bezeichuungsart keine
verschiedenen laute widergebe. Die werte: pessir stafir gera ecki
annat e.n menn vilia hava pa firi ritzhattar sakir, die in W ganz
fehlen, in U aber vielleicht entstelt sind, scheinen mir dies anzu-
deuten.
Der fünfte ring enthält die drei bnchstaben ä, z, x, die nur
im Silbenauslaut stehen können (also nur für den silbem-eim bedeutung
haben) und c „und es haben einige die Schreibweise, es für konung zu
gebrauchen, aber das ist seine einzig richtige bedeutung: wie die ande-
ren endbuchstaben im silbenauslaut zu stehen." Die erste hälfte, die
von c = konimgr handelt, fehlt in W, stand sie am rand? Die
zweite hälfte ist etwas unverständlich. Schon der Verfasser von abh. I
kam mit dem c nicht recht ins reine; er nent das einfache c (das er
für k braucht) nach „schottischer" d. i. „irischer" weise che, das dop-
pelte ecc. Lässt der Verfasser des traktat II c nur als endbuchstabe
gelten, so kann er entweder an c in der Verbindung ck gedacht haben 2,
oder er denkt an die benennung che imd fand den laut ch^ in der tat
z. b. im auslaut von m.iqc, ?nfc, pic duch c bezeichnet; das irische ch^
auf das abh. I zurückweist, hatte die geltung /.
Die Schlussworte der ersten hälfte: Titim' cro sva litapir her sem
ioprum ritxhadti. könten meine ansieht zu fall bringen, wenn sie nicht
auch in einem abriss der Orthographie ungehörig erschienen. Die kreis-
figur enthält allerdings ausser d {))tep) x (ecs)., z (/)e^.'), c (ce) noch
4 tituh; diese gehören aber offenbar nicht in den ring der undirstaßr.
1) Die aus abh. I stamt. (? für ^ findet sich vor allem in norwegischen hand-
schriften, aber auch im Ägr., AM 291, 4°, im St. homil. b.
2) Denn er lässt ja neben den besonderen buchstabenformen auch doppelschrei-
bung zu, also ck neben /»■; einfaches k fehlt der figur, wie bemerkt, ganz.
3) Über ch für k im auslaut s. Axel Koch, Undersöku. i sveusk spräkhistoiia
s. 13. In der kreisfigur ist freilich ce, nicht che geschrieben, aber es ist auch sonst
im äussersten ring verschiedenes flüchtig hingeworfen, so pet für xet.
DEK II. TlfAKTAT DER UPS. EDDA 279
Die boiuerkung über die tituli im text sagt nicht, wie die stellen, die
man als orthographische an Weisungen betrachten könte, wie man schrei-
ben soll, oder wie man algemein schreibt, sondern wie „hier
geschrieben ist"; „hier" kann auf das Eddamanuscipt gehen, kann
aber auch auf die kreisfigur hinweisen. Ich glaube die tituli sind
durch die (am rande eingetragene?) anmerkung über den titulus c =
konunyr in diesen Zusammenhang gekommen. Nachdem über c als
abkürzung die rede war, könte man auch die übrigen abkürzungen
aufgezählt haben wollen, dies weist der Schreiber des schlusssatzes als
unnötig zurück, da die abkürzungen hier wie anderwärts seien; ein paar
sezt er (oder ein späterer), um doch etwas zu tun, in die figur, aber
darunter nicht einmal die häufigste, die doch abh. I anführt, nämlich*.
IL Die rechteckige figur und ihr kommentar.
Der text begint mit dem wort stafasetning , buchstabenverbin-
dung, welches, wie oben erwähnt, auch im Hättatal gebraucht wird,
und zwar dort als algemeinerer ausdruck gegenüber der hljoäsgrein,
d. i. der lautverbindung zum reim; im folgenden komt auch das wort
he7idin(j ein paarmal im traktat vor, aber gleichfals nicht, wenigstens
nicht notwendig, in der technischen bedeutung von „reim." Die erklärung
der rechteckigen figur ist in ihrem ersten teil schwerfälKg und verderbt
überliefert. Ich sehe hier von der erläuterung des grifbrettes, der
Schlüssel imd saiten ab, denn die tabelle selbst ist klarer als die erläu-
terung; aber die werte 61^^ pessar hencUngar usw. bedürfen einer
näheren beleuchtung. So wie sie in U überliefert sind (in W fehlen
sie), geben sie keinen vernünftigen sinn. Klar ist nur, dass gesagt
wird, die lautverbindungen , welche die tabelle darstelt, sind die kür-
zesten, denn sie bestehen nur aus je einem vokal und einem konso-
nanten. Ich nehme keinen anstand den satz ok gerir — setninginni
hinter „haß hava" zu stellen i, denn gerir bildet die natürliche fort-
setzung zu tekr z. 9: der sinn ist: die manipulation am grifbrett bringt
die gewünschte Verbindung von konsonant und vokal hervor imd
„Schaft so viele hendingar als oben in der stafa setning (d. i. in der
tabelle s. s. 61 1) verzeichnet sind", nämüch so viele hendingar als die
tabelle buchstabenzeichen enthält. Hieran muss sich dann der satz
schliessen: aber diese heyidmgar sind nicht aUe möglichen, etwa, pessar
hendingar ero (ekki allar en) ero 7neiri, en pcer sem fyrr ero ritapar
(ero) hinar 7ninzto . . . oder pö ero h. enn meiri, usw.
1) Dass der traktat in U Umstellungen sich gefallen lassen muss, zeigt s. 58 ^~'',
(s. 369« fgg.).
280 BRENNER, DER II. TRAKTAT DER tU'S. EDDA
Der sehliiss des traktats ist von F. Jönsson eingeklammert Avor-
den, aber vielleicht besser noch hätte er den anfang eingeklammert,
denn die worte her sfanda bis zum ende erweisen sich als zweite und
zwar erheblich klarere erläuterung des bildes vom grifbrett.
Die figiir und beide commentare aber ■wollen nichts anderes als
die einfachsten der Verbindungen, von denen in der ersten hälfte die
rede war, soweit sie für die lehre von den reimen verwendbar waren,
übersichtlich zusammenzustellen; es fehlen deshalb die Verbindungen
mit e und q hier mit recht nicht, und 0 ist wol nur aus versehen
weggeblieben. Die figur ist sehr geschickt gemacht, mit einem blick
übersieht man alle einfachen silben, die für silben- und Stabreim passen.
Der traktat bietet, auch wenn man von der schlechten Überliefe-
rung in U absieht, manche Unebenheiten. Er erweist sich mit seinen
termini sowie durch die Vermeidung alles dessen, was im kommentar
zum Hattatal ausgeführt ist, als teil dieses kommentares. Möbius hat
nachgewiesen, dass Snorri selbst nicht der Verfasser des Hättatalcom-
mentares ist, auch den traktat könte Snorri nur in einer sehr schwa-
chen stunde geschrieben haben. Nichts hindert uns, anzunehmen, dass
der traktat vom Verfasser jenes commentares im aufti'age Snorris her-
gestelt ist. Die figuren könte Snorri selbst entworfen haben. Der
erste redaktor des Edda-nachlasses, Müllenhoffs x, fand den traktat in
concept bei dem Hättatalcommentar, wol schlecht geschrieben, korri-
giert, mit randbemerkungen , den text zur zweiten ligur in doppelter
fassung. Schon x mochte den traktat als eine orthographische arbeit
auffassen, von ihm stamt dann die stelle über die titlw und anderes
was jezt den text überlädt. Der redaktor y hat endlich die ursprüng-
liche bedeutung des traktates ganz verwischt und durch neue entleh-
nungen aus abh. I, durch geisthche zutaten die sonderbare misch ung,
die uns in abh. II W vorhegt, zuwege gebracht.
MÜNCHEN. 0. BEEKNER.
EINE BEAEBEITÜNG DES PAPIKIAMJS AUE DEM
EEPEETOIE DEE WANDEETEUPPEN.
Es pflegt als feststehende tatsache betrachtet zu werden, dass
zwischen dem sogenanten gelehrten buchdraraa und dem Schauspiel des
wandertruppenrepertoirs im 17. Jahrhundert eine niemals durchbrochene
Scheidewand gestanden habe.
HEINE, PAPINIANUS 281
Insutbrii ist diese behauptuiig alleixlings richtig-, als die kunst-
dramen wol niemals von den Wandertruppen in der form gespielt
worden sind, in welcher sie gedruckt vorlagen; in bearbeitungen aber
kam das kunstdrama des 17. Jahrhunderts auf die bühne der gewerbs-
mässigen Schauspieltruppen und hielt sich auf dem repertoir bis zur
mitte des 18. Jahrhunderts.
Als beleg für diese behauptung möge ein drama dienen, dessen
handschrift die k. k. hof- und Staatsbibliothek zu Wien bewahrt i; es
führt den titel:
„Der Grrossmüthige Rechts Grelehrte Äemilius Paulus
Papinianus oder der Kluge Phantast und tvahrhaffte
Calendet^ Macher^^
und ist eine, dem grösseren publikum mundgerecht gemachte bearbei-
tung des Papinianus von Andreas Gryphius.
Die handschrift, welche aus 25 blättern und einem beigeklebten
scenar besteht, trägt auf blatt P die aufschrift: „J. C. Haacke. Symb.
Semper Idem", dann folgt auf 2" titel, personen- und requisiten-
verzeichnis. Die nun folgenden 23 blätter enthalten den text der tra-
gödie, welcher mit der Unterschrift versehen ist: Tragoediam hanc
in II memoriam Iulia7iae || Compagniae scripsit || G. R. Haskerl olim
stud. II N(uncj V(ero) Comicus Merseburg, (ensis) 1710." Das beige-
klebte scenar endlich trägt auf seiner rückseite den vermerk: ,,In
Dresden C(arl) L(udivig)^^ H(offmann) Ano 1722 3 lulg."
G. ß. Haskerl, der Schreiber des manuscripts, ist wol identisch
mit jenem prinzipal Hasskerl, von dem die allerdings recht unzuver-
lässige Chronik des deutschen theaters berichtet, dass er um 1720 eine
truppe geleitet habe, deren erster Schauspieler Markgraf weder lesen
noch schreiben konte, und dass er 1726 notar geworden sei'^.
Seine Unterschrift lehrt uns ferner, dass er, ein ehemaliger Stu-
dent im jähre 1710, als komiker der Merseburger schauspielergeselschaft
wirkte, und seine tragödie „in memoriam Julianae Compagniae" geschrie-
ben hat.
Mit dieser „Juliana Compagnia" kann nur die truppe der Sophie
Julie Elenson gemeint sein, deren prinzipalin um jene zeit unter
1) Cod. 13161.
2) Das C und L ist allerdings so verschlungen, dass die beiden buchstaben
ein Q zu bilden scbeinen; da aber der ntämüche namenszug sich auch bei dem aus-
geschriebenen namen Hoffmanns findet , so unterliegt die obengegebene deutung der
initialen C L und H keinem zweifei.
3) (Ch. H. Schmid) Chronologie des deutschen theaters (1775) s. 53 u. 57.
282 HEINE
dem namen „die schöne Juliana" bekant Avar. Derselbe name wird ihr
auch in einem schmähgedicht beigelegt, das sie ihres anstössigen lebens-
wandels Avegen angrifft Sie selbst rühmt sich in einer 1710 gemach-
ten eingäbe an den Frankfurter magistrat, dass sie eigens für sie ange-
fertigte stücke zur auffuhrung bringen wolle ^, zu denen vielleicht auch
die oben angeführte bearbeitung des Papinianus gehört hat; denn das
manuscript derselben war im besitz ihrer truppe, wie der namenszug
ihres späteren gatten J. C. Haacke auf bl. l'' der handschrift beweist.
Aus dessen bänden gieng es an C. L. Hoff mann, den dritten gatten
der Elenson über, der dasselbe, wie der oben erwähnte vermerk auf
dem scenar dartut, bei einer aufführung zu Dresden am 3. juli 1722
benuzte.
So unterliegt es keinem zweifei, dass Haskerl seine tragödie für
Sophie Julie Elenson schrieb und zwar glaube ich annehmen zu
dürfen, dass er nicht nur der Schreiber, sondern auch der bearbei-
ter dieses dramas war, da er als ehemaliger student einen gewissen
grad von bilduug besessen und schwerlich für eine fremde truppe
lediglich Schreiberdienste getan haben wird; auch jene oben erwähnte
bemerkung der Elenson dem Frankfurter magistrat gegenüber, lässt
darauf schliessen, dass sie sich im besitz neugefertigter stücke, nicht
von abschriften schon vorhandener wüste. Schliesslich wäre die etwas
weitschweifige Unterschrift Haskerls für einen abschreiber doch zu
anmassend.
Inwieweit er aber selbständig arbeitete, inwieweit er ältere bear-
beitungen benuzte, ist mit dem vorhandenen material nicht festzustel-
len; dass es vor ihm schon bearbeiter des Papinianus gab, ist sicher;
denn wir finden aufführungen des Stückes durch Wandertruppen schon
seit 1677 erwähnt, denen ohne frage das original des Grs^phius nicht
zu gründe gelegen haben wird. Dieses kam nur gleich nach seinem
erscheinen 1660 zur darstellung; durch „die den freyen künsten erge-
bene jungend" wurde es siebenmal in Breslau zu St. Elisabeth gege-
ben s. Aber auf einer andern, als einer schulbühno kann das original
in unveränderter gestalt seiner ganzen anläge nach nicht gegeben wor-
den sein. Yon aufführungen des bearbeiteten Papinian sind mir fol-
gende bekant geworden:
1) Diese mitteihmg verdanke ich der gute der frau Elise Mentzel in Frank-
fui-t a. M.
2) E. Mentzel, Geschichte der Schauspielkunst in Frankfurt a. M. (1882)
s. 137.
3) Ä. Gryi)hii Trauerspiele, herausg. von H. Palm. (Tüb. 1882) s. 497.
PÄPINIANUS 283
1677 gab Treu in München: Der grossmütige rechtsgelehrte Papinianiis i.
1690 gab Yelten in Torgau: Der grosse rechtsgelehrte Papinianiis 2.
Um 1700 gab man: Die enthauptung Papiniani des rechtsgelehrten unter
Caracalla ^.
1710 Avolte S. J. Elens on das drama in Frankfurt nach iinsrer hand-
schrift geben ^.
1722 gab Hoff mann in Dresden das stück nach imsrer hdschr.^
1738 gab Eckenberg in Eraukfm't: Der mit weiser gerechtsanie eher
sterben- als laster billigende römische rechts gelehrte Aemilius
Paulus Papinianus, wobey zu abwechselnder gemütsergötzung ein
kluger phantast und verrückter doch wahrhafl'ter calendermacher
erscheinen wird^
1741 gab Wallerotty in Frankfurt: Der grossmütig sterbende rechts-
gelehrte Aemilius Paulus Papinianus, welcher unter der regierung
Passiani des römischen kaysers öffentlich enthauptet worden. Hans
"Wurst stelt vor einen im hirn verrückten sternseher '^.
1742 gab derselbe in Frankfurt: Der in seinem leben und tod gross-
mütige rechtsgelehrte Paulus Aemilius Papinianus. NB. die zwi-
schen einem überstudierten astrologe und gescheit sein wollenden
Juristen vorkommenden lustigen scenen werden eine angenehme
abwechslung verschaffen l
1745 wolte Schröder in Prag geben: Der grossmüthige römische Jurist
Papinianus '^.
Diese angaben liefern nebenbei bemerkt einen lehrreichen beitrag
zur geschichte des komischen Clements in den ernsten dramen. "Wäh-
rend dasselbe bei den frühesten aufführungen nicht einmal im titel
erwähnt ist, wird es bei den späteren immer stärker betont, wobei
aber die titel darauf hinzuweisen scheinen, dass die komischen scenen
mit dem eigentlichen gang der handlung nichts zu tun hatten.
Was uns die titel nur vermuten lassen, bestätigt die bearbeitung
von 1710; hier stehen die komischen scenen schon möglichst isoliert;
auf den gang der ernsten handlung bleiben sie ohne jeden einfluss, im
original fehlen sie ganz; auch in andern punkten weicht die bearbei-
1) Trautmann, Jahrbuch, fiir Münchner geschichte 1887 s. 257.
2) Heine, Veiten s. 36 nr. 64.
3) Diese aufführung erwähnt ein von Meissner herausgegebenes komödien-
verzeichnis: Shakespeare -Jahrbuch XIX s. 148 nr. 50.
4) Vgl. die oben erwähnte unterschritt Hoffmanns.
5) Mentzel s. 427. 6) Mentzol s. 448. 7) Mentzel s. 464 — 65.
8) Teuber, Geschichte des Prager theaters. I (1883) s. 186.
284 HEINE
tung von 1710 vom original ab. Der vergleich beider dramen kann
zugleich als beispiel für die art dienen, in welcher die deutschen Wan-
dertruppen ihre vorlagen für ihre zwecke ummodelten. Auf eine wört-
liche widergabo des ersten aktes der bearbeitung lasse ich eine kurze
inhaltsangabe der 4 übrigen akte folgen.
(2 a)
Tragoedia |
genandt |
Der Großniüthige Rechts | Gelehrte |
Acuiilius Paulus | Pai)inianus |
oder I
Der Kluge Phantast und wahr | haffte Calender- Macher |
Actores:
Antoninus Bassianus Caracalla ^ , . , ^ 7 7 • 7 r^
. ^ . ^ , l beide Bruder und rönnschc Kaiiser.
Antoninus Gela / '^
Julia, des verstorbenen Kayser Severi nachgelassene Wittwe, Bassiani
Stief-, und Getae rechte Mutter.
Papinianus, Feldherr.
Plautia, dessen Gemahlin.
Eugenia, dessen Mutter.
Laetus, Bassiani geheimer Bat.
Oleander, Flavius — beydc Hofjunker.
Trasullus, em Sternseher.
Traraeus, Ein im Oekirn vcrrücMer Rechtsgelehrter.
Officier aus dem Lager — Hencker mit den Seinigen.
(2 b)
Necessaria: 2 schwartze Mäntel, 2 schwartze Röcke, 4 schwartze Tücher.
Geschlinge: ein grosses Beü, Becher, Dolch. _
Fackeln und Calvonium. 2 Eöpfe. Monument.
(3 a)
Actus 1ms. Sc. I.
Laetus, Flavius, Oleander.
Laetus. Bassianus Lebe, imd sey mit Siegeß Kräntzen bekrö-
net, so lange | Phoebus pranget, und seine Fruchtbahrkeit der Erdboden
spendet, es seynd schon viele Jahre | verfloßen; da ich unter den Lor-
beersträuchen Meines Allergnädigsten Keysers und Herrn, die stelle j
PAPINIANUS 285
eines geheimen Raihs vertreten: was für Veränderung Sich Zeither
ereignet und mit was | für Falschheit der Römische Hoff ist angefül-
let gewesen, werdet ihr mir getreueste Fi"eunde | am besten Zeugen
können |
Plavius. Die glückssterne der Ehre und des Sieges haben an
den Römischen Himmel genugsahm hervor- | geleichtet, aber durch die
boßheit der Menschen, werden sie verfinstert, die Winde des ehrgeitzes |
treiben die unbesonnene bald hin und her, woraiüf nothwendig ein
ungewitter | folgen muß, daß Sie Schiffbruch leiden. |
Oleander. Der ist gleich fertig Seine Sinne der niedrigkeit ge-
widmet, welcher nicht nach hohen | Ehren ämtern trachtet. Sondern
mit sein gut gewißen Zu rathe gehet, als dann Kann er | Sich der
Hohen Fürsten gunst versichern, und unter denen Palmen der auff-
richtigkeit die | Majestät Seines Keysers anbeten. |
Laetus. Betrachtet daß Papinianus Keine Staffel zum Höchsten
Thron mehr übrig, er ist der | nächste nach dem Keyser, ihm ist das
Reich, das Hauptlager, die Höchste geheimde Rathsstelle ] an vertrauet,
das Römische Volck nennet ihm einen Yater deß Yaterlandes. |
Flav. Noch Mehr einen Schwager des Keysers, deßen Hoheit
die Fama durch Süd -Ost | und west, ja bey den Rauhen Scyten schon
längsten ausgeblaßen hat. |
Gl e and. Waß haben wir Zu hoffen | : Ich muß nur Zimi Schein
Seiner Meinung beyfall geben, | unsere Ehre und ansehen, wird durch
den Mund dieses hofiartigen gemindert, wir haben | weiter nichts zu
sagen, sondern müßen Zu sehen, wie die gerechtigkeit Kein Schwert |
habe, die Jenigen Zu Züchtigen, die Sie umb der Herrschafft willen
beleidigen. |
Laetus. Unsere glucks -blumen müssen durch die Hitze dieses
hochmüthigen verwelken | Selten wir nun die äugen Zu thun und
schlaffen? o nein diese Wunde muß | mann durch das Pflaster der
Vorsichtigkeit heilen, das ende giebt allen einen Nahmen, und Die |
würckung der Hoffnung verspricht mir eine Yerbeßerung Meineß Stan-
des, ich gehe ] dieser Sache weiter nach zu dencken. ab. \
Fla vi US. Ey so gehe daß sich alles Unglück rühre, wie geden-
cket laetus uns anitzo Zu verführen, daß wir Pajyi | nianum Sollen
verfolgen helffen, das soll niemand erleben, wie artig haben wir ihn
durch I unser Simuliren ausgelockket, nun wißen wir seine Schelmische
anschläg, was sollen wir | thun. Sollen wir Sie offenbahren, oder ver-
schweigen, waß düncket euch Cleaiider. \
286 HEINE
(3b) Cleand. Wir wollen lieber schweigen imd Zu sehen wie
er die sache weiter anfangen wirdt, hernach Können | wir doch alles
und jedes offenbahren. |
Flavius. Eß sey also, Pajyinianus lebe Nestors jähre ab |
Oleander. Und sey mit so viel Wohlergehen gesegnet, als sterne
am Himmel seyn. ab. \
Sc. 2.
Papinianus am Tische.
Papinianus. "Wer auff den gipfel der höchsten glickseeligkeit
über alle andern steiget, und von dießer stol- | zen Höhe, auff den
gemeinen Pöbel herunter Schauet, wie unter ihnen die Königreiche | in
feuer, die fehler mit waßer überschwemmet, und wie der Erzürnte him-
mel mit blitz und | donner Tempel und Thiu-m zerschmettert, ja seine
Siegeß Zeichen unter so viel 1000 | doten-Cörpern versencket Siehet,
derselbe hat in Seinen Hohen würden YieX über | das gemeine wesen
zu herschen. Aber ach! wde bald wird sein Haupt von einen | Schwin-
del eingenommen, daß er durch einen un verhofften Fall in den ab-
grund sincket? wie | bald wird die felsen gleiche Macht des gipffels,
daß auch berg und thal dar über Zittern | müßen, durch ein erdbeben
versencket? In einem augenblick ist es geschehen, daß der | ungestüme
wind umb die Ehren Klippen herumbsaußt, und dieselben mit der
un- I geheuren Pest der verläumdung anstecket, und wann hat diese,
wenn der neidt ihr | beyfall giebet, nicht allezeit Triumphiret, was ists
Papinianus? Daß Keiner dir an | Standt, macht, noch hoheit nach-
giebet; was ist's? Daß jedermann deinen wincken gehorchen | muß,
was ists? daß der Keyser auf deine brüst die höchste Ehren Säule
auf- I gebauet, ach! es seind nichts als harte Klippen, an welchen Dein
Hoffnungs Schiff | zerscheitern und Zu Grunde gehen wird. 6 ihr in
Zanck verwirrte brüder, | warumb raset ihr doch also? vieleicht wdrd
euch die fülle der länder. Die große wei- | te See, und die gantze weit
zu Enge sein. Eß ahnet mir etwas sonderliches, mich dün- | cket ich
sehe schon die brüderHchen Fäuste einander in den Haaren, die große
Stadt I Rom in noth und Trauer, die länder in Verderben, die Schiffe
in brand und aschen, | den Thron Zerstöret, und mich wie wohl durch
einen unverhofften fall plötzlich ersticket, doch | füi'chte und scheue den
todt nicht Fapinianus, weil Schon längst die verläumbdung das beil |
geschliffen, mann hat das volck auf mich verhetzt, lügen ausgestreüet,
und meinen | rühm , welcher doch nach mir leben bleiben wird ver-
nichtet, ja man schätzt das vor die | Klare Wahrheit, waß doch der
argwöhn angerichtet hat.
PAPINIANUS 287
Sc. 3.
Eügenia und Plautia.
Eügenia. Eß müßen auff das unvergleichlige Haupt meines Soh-
nes 1000 Schneeflockken der | glickseeligkeit fallen. |
Plautia. Und seine Stirne mit ewig blühenden Lorbeerblättern
umbkräntzet seyn. |
Papinianus. Will Kommen trostreiche Erfreürin Meines lebens
ich umbfange euch und liebe euch | nebst beküßung Eurer Schönen
wangen, welche von Lilios und Rosen blühen, |
(4 a) Eügenia. "Was vor eine dunckle wolcke der traurigkeit
läßet sich in eurem ahnmüthig Helden aug erblicken |
Papinianus. Ach eine solche, die den Himmel unsers gantzen
hauses benebelt. |
Plautia. 0 w^ehe: waß saget Mein liebster? |
Papinianus. Begleitet meine Seite durch eure stille, und ruhet,
ich will euch mit Kurtze etwas offenbahren. |
Eügenia. Wir werden eß mit verAvunderuug anhören |: Setzen
Sich auff" die Stühle :| |
Papinianus. Man will mich beschuldigen als ob ich die Ver-
ehrung der götter an die Seite Setze, und die Christen | lehre nicht
mit Schwerdt und Feuer vertilge, ist es aber wohl zu loben, daß man
diese leüte ] also grimmig verfolge, und leichen auf leichen häuffön soll
da doch niemand ihr verbrechen | weiß, wer itzo die Christen nur nen-
net, will stracks haben, daß man mit ihnen ohne nach | frage Zu der
Marter Eile, da doch das heüige Recht auf eine gewiße Zeit Ziehlet
Zu voll- I Ziehung deß blutigen Urtheils. |
Plautia. Ich bin bestürtzt und verstumme vor Schrecken. |
Papinianus. Man will mir aufbürden, daß ich die Zwietracht
der Fürsten helfPe verstärcken, und das Feuer | aufblase, daß ich nach
den thron und Crone der Äntoniner trachte und der gleichen greüel
mehr, die | ich anitzo wegen der bestürtzung zu melden olmmächtig
bin: Stimmen aber mit meinem leben die | lügen über ein? Soll die-
ses Meine belohnung sein? daß ich manche Nacht ohne Ruhe habe Zu
gebracht, | daß ich so manchen tag Kälte und Hitze erlitten, daß ich
so wohl zur See als land mein leib und leben | gewagt, und mein blut
mit der femde blut auf dieser brüst vertilchet, durch meinen Schweiß |
hab ich die beängstigten länder erquickt, die macht der Parther be-
zwungen, den Nil imd ! Euphrates mit Schiffen bedecket, den stolzen
Rhein umbpfählet, das recht der Römer er- ( Kläret, den stürm der
völcker verhütet, die stadt in eüserster hungersnoth mit Korn aus 1
288 HEINE
Osten versehen und erhalten, itzt nach Westen itzt nach Süden und
dem rauhen jS'orden gereiset | dort Schantzen hingesetzet, hier mauren
aufgebauet, hier thürme und Wälle gegründet, | den Arabern unbewuste
brunnen entdecket. Mein leben habe ich vor die Freyheit | des Eeichs
in gefaln- gesetzet, der feinde list habe ich durch meine Klugheit er
Kundschafftet, | und offenbahret, freunde in bindnüsse gebracht, verjagte
wieder ins reich gesetzt, und für dich | du Edles Rom das eüserste,
auch mit verlust meiner eigenen guter gewaget, ein Schatten | reicher
bäum ist vor dem Donner Sicher, ein strauch stehet unversehret, wer
aber die gemeine I Noth zu hindern sich bemühet, der suchet nichts
als seinen Untergang, Aver sich vor alles andre \ waget und sein leben
in die schantze schlägt, wird unter vielen nicht einen finden, auf deßen
wahre | treue er sich verlaßen Könne, dero wegen bin ich aller Ehren
satt, ich bin der ämter über- | drüßig. So gar dass ich auch in dem
Mittage Meines alters nichts mehr wünsche als den todt, man | wii'd
nach meinem Absterben gestehen müßen, daß ich Schrecken, furcht,
ja alle wiederwärtigkeiten | großmüthig überwunden habe. |
Plautia. Diese entstellung peiniget meine Seele, hat jehmals die
bitte E: gemahlin statt gefunden, | So mäßiget anitzo eure Schmertzen
— wie schweiget ihr? ach erhellet doch die lichter | eurer äugen, und
Sehet an ein betrübtes weibesbild, die ihren mau mit | thränenden
äugen, und erblasten wangen umbarmet. |
(4 b) Pap in. Laßet ab holdseeligste gebietherin, Meine Zunge ist
ermüdet, ihre [unleserlich ], | ihr Sehet daß man meine
redlichkeit in verdacht ziehet, unsere fügend will man mit denen | ab-
scheüligsten lästern beschmutzen, man miß gönnet uns die gnade und
gunst des Keysers, | deucket uns zu stürtzen, ach erwäget liebste Seele
mit was gedanken ich überwältiget sey | und mich nicht eher Zur ruhe
geben werde, biß daß mein Sorgen volles leben ein Ende hat. |
Plautia. Ein ende saget ihr? das erst den rechten anfang gewin-
net, waß für raserey hat eure Sinnen | bemeistert? wer sind denn Eure
ankläger, last sie hervortreten! Ich weiß eure Un- | schuld wird ihre
Klage übersteigen. |
Pap in. Der Krieg ist gefährlich, wann so viel verläumbder die
Unschuld unterdricken , ich begehre | nicht mehr zu leben, die anblicke
der Welt sind mir ejn greüel, es ist vergebens, daß ihr mich | tröstet,
weil ich sehe, daß Keine entschuldigimg mehr helöen will. |
Plautia. Ihr habt ja nichts verwircket das sti'afbahr ist er mun-
tert euch wieder, denn unter den lorbeer | Sträuchen des Keysers seyd
ihr vor allen donuer sicher. I
PAPINIAJs'US 289
Pap in. Es ist zwar ein großes daß uns der Keyser liebet, wan
man ihm aber auch zu einen falschen Wahn | wieder uns verleitet, so
ists mit der Keyserlichen gnade geschehen, julia ZweifFelt an Meiner
ti'eüe I und meinet daß ich Bassicmus wieder ihren Sohn Getam ver-
hetzet, Sie Ziehet meine Freundschaft | in verdacht, und gehet mit arg-
wöhn schwanger, wie wird doch ein sterblicher so vielen Unglick wi-
der [ stehen Können. |
Plautia. Vermeinet Julia uns auch noch zu verderben, die einen
solchen auftruhr in dieser sache erreget hat, gehet doch mein lieb, und
fallet dem Keyser Zu fuß, damit Eure Unschuld am tag komme. |
Pap in. Wie soll ich dem fußfällig werden, der mir Kein Wort
mehr glaubet? der nichts als lästern und schmähen | Kann, dem Key-
ser, der da geitzig und überflüßig den Wein durch die gurgel flößet,
der da | erzittert wenn er drucken und voller Weise seine Tiranney
verübet, der als ein | fürst gesetze vorschreibet, und dieselben durch
eigene laster Zerstöret: 6 der großen | thorheit: |:Laetus lauret:| |
Sc. 4.
L a e t u s.
Laetus. 0 unerhörte boßheit, pfleget mann den Keyser so zu
hintergehen, und seine Majestät Zu | verletzen, was ich zu vor nieh-
mals habe glauben wollen, muß ich anitzo mit eigenen obren anhören]
heißt das dem Keyser geti-eü sein? |
Pap in. Heißt dieses recht und ehrlich den beschützer eures ober
Herren zu belauren, und seine Worte auf- | zufangen, die aller Welt
so wohl mündlich als schrifFtlich ohne euch Können vorgestellet wer-
den, j Schämet ihr euch nicht mir solche Sachen aufzubürden, die wie-
der die Wohlfahrt meines Keysers laufen | Seyd versichert daß ich mit
euren Schaden Meine geführte Worte verantworten Kann, j
Laetus. Ich sehe, daß euer hertz voll verrätherey und Meineid
stecket, werde derohalben meine obren durch | eure beredtsahmkeit nicht
betäuben laßen. |
Plautia. Nun ist es Zeit loß zu brechen; ich habe lange genung
geduldet, du bist aber derjenige | welche Meinen liebsten Eheherrn , bey
der weit in verdacht zu bringen vermeinet, du bist eine | Furia die
uns plaget, du reitzest den gemeinen pöbel wieder ihn auf: du auff-
wiegeler, | du schleichest ihn überall nach, damit du ihn (5a) fällen
mögest, was reitzet | dich dann diese treue Seele Zu haßen, die dich
in deinen standt gesetzet, und Zu den höchsten würden erhoben | Un-
treuer, Nichtswürdiger, ich erstimirae über dein böses vornehmen, |
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 19
290 HELNE
Papin. gedult Meine Seele laßet ihn mit seinem anhang wüten
und toben, der himmel wird doch dem gerechten bey stehen. |
Plautia. Hin weg du gespenst und plag geist meiner Seelen,
Meine äugen ti-agen abscheü dich länger anzusehen. |
La et US. Ich gehe, Meine gerechte Rache soll durch des Keysers
Urtheil volzogen werden, ah. \
Papin. Aber ach mein Kind war umb weinet ihr, verdunkelt
nicht die holdseeligsten lichter eures überirdischen | angesichtes, ver-
bannet alle bitterkeit aus Euren hertzen, gedencket daß diese galle in
Zucker sich | verwandeln wird, Meine großmütigkeit soll die feinde
dämpffen, und als ein Diamant in | reinen golde hervor prangen. abeu7it.\
Sc. 5.
Traraeus solus.
Traraeus. Laßt mich loß ihr häscher Meiner gedancken, machet
platz der heiligen gerech tigkeit, welche mit 6 grau | schimmeln auff
einen himmel blauen schütten über den Horiw/it meiner gelehrsamkeit
gefahren Körnt, | da Kommen die Römischen Ratbs Hn. in langen
rocken und rothen stieffein angestochen, es scheinet sie wollen | mit
ihren Acten das Capitolvmu in Rom stürmen, die herren procuratores
fechten umb einen betitel j mit geld, aus der langen stange, die Hn.
candidaien der rechten halten mit ihren exceptiombus \ productiojiihus
litis contestationibus , mdlitatibus und sententiis der judex a quo, stei-
get auff I einen viereckkichten Cathcder, und bläßet neben seinen Locis
diyestis den Paragraphuni sextuni \ de non offendemlo mit Posaunen
ab, und list herÄich ihnen das juramentum ßdelitatis vor, der | Key-
ser machet sich lustig mit dem Papiniauus, rüstet 6 fuchsscliAväntzer,
welche in blauen strümpffen | auf den Reichs Saale eine Masqcrade
tantzen. Siehe da Konit einer von des Keysers geheim- | den Räthen
angetreten, er siebet gar spitzig aus umb seine Nase, er hat gewiß
heute morgen eine | purgatio}i eingenommen, ich muß doch hier an
die Seite seine reden anhören. |
Sc. C.
Lact u s.
Laetus. Ich Avill verschaffen daß Äntöninus Geta seinem bruder
Bassianus Zu fuße fallen und seinen Dolch Küßen soll. |
Traraeus. Küße du ihm den Podex du aufwiegeler (ad spect)
das ist gar der rechte, der will die brüder auff- | wiegeln und zusam-
men lietzen, o daß du verreckest wde ein alter bauren beugst, oder ver-
schimmelst wie I ein frischer Mause dreck auff einen alten hafferboden. 1
PAPINIANÜS 291
Laetiis. Ein Himmel kann nicht 2 Sonnen vertragen. |
Traraeus. (ad spect) viel weniger einen Solchen sclielm der
lauter Uneinigkeit anfanget und machet. |
Laetus. Man muß sie von ein ander Trennen, und den Bas-
sianus allein auf den Römischen thron vorstellen. |
Traraeus. (ad spect) JN'un Merke ich worauff es geziehlet, sie
wollen den guteji Getam hinrichten, da soll sie | die Krank darvor
holen. I
Laetus. Papinianus wird sich Zwar bemühen, die Streitigkeit
bey Zu legen, aber er soll mit seinen eige- | non Schaden erfalrren
wie hoch er gestiegen ist. |
Traraeus. (ad spect) wer da nicht ein gebackener Lümmel son-
dern ein rechtschaffener Kerl sein will | der muß die Ehren wappen
seiner Heroischen That an den Thor weg seiner stirne aushencken | auf
welcher nicht ein garstiger Düstelfüncke , sondern eine freundliche
Nachtigall. Nicht ein | stinkender Roß Käfför sondern eine arbeitsahme
biene muß gepraget sein | wie solches zu lesen In (5 b) Meister Sau-
nahels Seiner NeüaufFgelegten | BacJianten tröster, Tomo priino, Capite
vigesimo tertio versiculo is sub Uteris P. Q. R. S. \ pagina mea tre-
centesinia septuagesima sexagesima septima. \
Laetus. Dieser Man stehet seiner gewohnheit nach in ti offen
gedancken, den die Melancholici belieben | Keine gesellschaft Sondern
bedienen Sich der einsahmkeit. |
Traraeus. Parol, Sie bitten dclation, die Sache ist bey dem
Herrn revercnten, man brauchet co7iclusionem \ reverentalein , die andere
Parthie hat an das hoffgericht appeUrt, geschwinde deckt den disch |
bringet das gebratene her, drincket doch den Hn. einmahl zu, nur
einen Drunck Mein Patron \ darnach sol er nach hoffe gehen ich will
den herrn nicht länger auffhalten. |
Laetus. Er ist gantz verstöret in Seinen gedanken, einen sol-
chen Pkantasten hab ich zeit Meines lebens nicht gesehen. |
Traraeus. Wann ihr nicht blind seyd, so thut die großen Kal-
besaugen auff. Setzet die brülle auf und gucket | in die institutiones
hinein, da stehet expresse librl §3 Iwneste vivere neminem lae-\dere
jus suum, ciiiqiie tribuere. \
Laetus. Die rechts Sachen wie ich mir einbilde müßen ihm im
Kopffe stecken. |
Traraeus. Cum reverentia , magnifice, invictissime , nobilissime,
Doctissime atque sapientissime , Pomine, Po: \ praeses, was gibts
19*
292 HEINE
guts neues, Seind die abgesanten abgefertiget, es ist Sonsten heute ein
Schöner | tag, aber ich vermeine immer es wird bald regnen. |
Laetus. Narren seynd Narren. |
Traraeus. Das ist wahr StuUoruni plena sunt omnia. \
Laetus. Ich sehe wohl dass ihr mit lauter grillen beseßen seyd,
und wolt philosophiren , und erwegets erst wer ihr Seyd und waB ihr
redet. |
Traraeus. Daß redet mir ein Schelm nach, was gehet mich der
philosophus an, der mit seinen fallacien uns | einen Allamodischen hart
aufsetzet, last mich mit der philosophie ungeschoren, oder ich werde
die I Göttin Themis ruffen die soll die Rache aus der hölle citiren und
euch einen tre7nulante)i \ auf euren vernunfts Kasten geben, daß eure
leichtfertige gedancken in alle 4 theile der weit | herumbfliehen sollen. |
Laetus. Närrischer Mensch, Phantast, dummes gehirn. |
Traraeus. Was dürfft ihr mir mein gebrechen vorwerffen, hatte
ich nur einen eintzigen Zeugen der dieses mit | angehöret, ihr sollet
mir coram judicio eine öffentliche abbitte thun, doch wenn eß euch
nicht zu I wieder ist so wollen wir die sache, damit sie in keine wei-
läufigkeit gerathe per amica \ hilem compactionem beylegen. I
Laetus. Darffstu dich wohl unterstehen, also vermeßen mit den-
jenigen Zu reden, die mail als | väter deß Vaterlandes mit gebührender
Ehre verehren muß. |
Traraeus. Conccdo maiorem, neyo minorem, resped muß sein
das gestehe ich, deß wegen müßten die töchter | vor denen müttern, die
Söhne aber hinter den vätern hergehen: Wer heute zu tage Kein
repu I tations verwandter ist, den setzet man hinter die Thür, gibt
ihm eine höltzerne Kanne ohne lidt \ und ohne henckel, er darff in
Keine gesellschafft Kommen, wofern er nicht nasenstüber kosten will,
will I man bey denen leüten Iieine händel haben, so muß man den hut
unter den arm tragen, damit man | ja die perrücke nicht verderbet,
plagen einen die winde im leibe, so darff mau Keinen streichen | laßen,
wofern man den resped nicht verliehren will, absonderlich waii frauen
Zimmer Zu | gegon ist. Uti se habet lex foramen cod: de doacis. |
(6a) Laetus. Bezähme deine Zunge, sonst wird man dich mit
gefängnüß strafen. |
Traraeus. Satis pro iinperio, ich bin Capahel genung, die
schrifften ab zu copiren, und waii ihr mir viel poßen | macht, so hohle
ich den blinden leyer mann Ovidius, der soll mir geschwinde die
Verse des Virgilii in aller | an dacht abrumpeln, discite jjistitiam mo-
niti, et non temnere divos, hie zu dinen nicht die Plumpen esels und
PAPIMANCS 293
was generis communis ist, nam ex qiiovis h'gno non fit mercurius,
sondern die alles | geschwinde nach äffen können, nam facilius est,
carpere quam imitari , dann eine wohl gestirnte ] laute Klinget beßer
als ein brumeisen, und die alten Violinen geben den reinsten Klang
von sich. |
Laetus. Hir Yommi Papinianiis : Ach der erwünschten Ankunft. |
Traraeus. 0 du practicken macher. Sehet wie er sich so heilig
anstellet. |
Sc. 7.
Papinianus.
Papin. Glickseeliges wohl ergehen dem unvergleichlichen Laeto.\
Laetus. Der vortreffliche Papinianus lebe in erwünschter Zu-
friedenheit. [
Traraeus. Das heist complemcntiren icl est: cojnplete 7nentiri. \
Papin. wolte der himmel, daß ich mein leben in guter Zufrie-
denheit Könte Zu bringen aber der schändhche Neid | zerstöret alle
Yergnügung. |
Laetus. Der Keyser weiß wohl wem er liebet und hochhält
derohalben darff man sich Keine gedancken machen, | daß man in
Ungnade fallen wird. So ferne man nur änderst ein gut gewißen hat. |
Traraeus. Solte der gute papinianus wißen, was ich weiß, er
solte den Schmeichler änderst begegnen, und ihm | einen Schnitt mit
den dreck Meßer über das maul geben, daß man ihm von ehrlichen
leüten unterscheide. |
Papin. Der Keyser ist Keyser, wie bald kann ein Verleumder
den nahm eines ehrlichen Cavallirs mit | verrätherey und andern lästern
besclunitzen. |
Laetus. wer wolte sich wohl unterstehn demjenigen zu belei-
digen der bey den Keyser in großen ansehn imd | gnade ist, und von
jedmann zu Rohm geehret und geliebet Avird. |
Traraeus. wer es nicht wüste, der solte meinen, daß Laetus
der fi-ömmeste und gewißenhaffteste Mensch in der gantzen [ weit sey,
da ihm doch die scheinheiligkeit und schelmsticke aus den äugen her-
aus sehen. |
Laetus. "Waß murmelt maii alhir, habt ihr etwas vorzubringen
So sagts mir bey Zeiten, und laßet | das brummen unterwegens. |
Traraeus. Wie, was, wer brummet, Seht ihr mich vor ein
baren an, es ist eine Schande daß man einen | ehelichen Kerl auf der
Straße nicht Kann Zu frieden laßen.
294 HEINE
Pap in. Kommet näher herbey Traraeus, ich weiß wohl, daß
ihr allezeit mit übei"flüßigen gedancken | beladen seyd! Kann ich euch
helffen, so Avill allen möglichen fleiß anwenden. |
Traraeus. Ich bedancke mich vor das gute anerbieten, die -H^^.
besuchen mich in meinen geringen logi7ne7it \ auf auch einen gespick-
ten haasen und ein paar knackwürste, ich will saure gurken dazu
holen laßen. |
Pap in. Der gute man dauret mich sehr weil er gantz verwirret
ist, da er doch ohndieß mit aller | ehre und dienst fertigkeit einen
jeden begegnet. |
Sc. 8.
Flavius und Oleander.
Flavius (heimlich) hir ist ])apinianus, ich wolte wünschen, daß
wir uns ihm durch unsere treue Konten | verpflichtet machen, aber in
gegen wart des Laetus will sich es nicht schicken. |
Oleander. Er wird gCAviß auf dem wege Sein dem Keyser aufp-
zuwarten. |
Traraeus. Aber ein Netin, hontis dies, H: Flavius: si vales
hene est ego valeo, habt ihr heute nicht die Zeitung | gelesen, was
macht Ih: M: der junge Antoninus? was macht Bassianus, Julia,
jplautia Caracalla, und Mons \ ieur Tobis Seyed sie noch offenes leibes,
Ja H: Cleander hatte ich doch euch bald vergeßen, salu- \ tem pluri-
•mam dicit Marcus T. Cicero, Meine Liebe feine Herrn, wo spatziren
Sie hin, haben sie | etwa einen Schmaus, oder wollen sie etwa eines
abstechen ijrosit die Mahlzeit. |
Pia vi US. Stille stille Traraeus, stellet diß gespräch an die Seite,
wir Kommen schon weiter Zu sammen. |
Papinianus. (heimlich.) Ihr Meine äugen Könnet ihr wohl den
anstiffter meines unglicks noch anschauen | warumb waffne ich mich
nicht mit Zorn diesen nichtswürdigen zu straffen, doch Meine Unschuld
wird I durch himmlische Rache an den tag Kommen AVillkommen ihr
Hn. Kommen sie von Ih: M: den Keyser, und j haben sie ihre Klage
wieder mich bey ihm vorgebracht? |
Cleander. Wir sind niehmahls Sinnes gewesen zu Klagen, hat
er uns doch nichts zu wieder gethan. |
Papinianus. Ich habe vermeinet ihr wollet den Keyser das
urtheil über mich Sprechen laßen, in dem ihr mir | zuvor aufbürden
Avolet, als hätte ich ein Crimen laesae Maiestatis begangen. |
Flavius. Daß sey ferne von ims, er irret sich, aber wir haben
wol sonsten etwas davon gehört doch | Können wir schweigen — —
PAPINIANUS 295
Er meint nicht änderst, als ob wir auch mit in der verrätherey begrif-
fen wären. |
Papinianus. Yon wem, und was hab ihr gehöret? redet fi'ey,
so ihr mich meinet ich will euch nichts leugnen.
Oleander. Wir haben wegen nothwendiger geschaffte uns nicht
länger aufzuhalten, wir wollen euch unsere | meinung Schon ein ander
mahl enddecken. (Flavius et Oleander ab.) \
Traraeus, Daß seynd noch 2 ehrliche Vögel, je gütiger der
Keyser, je schlimmer sind seine bedinten, es wil | immer einer mehr
Sein als der andere, mich düncket Sie werden ein Mahl anlauffen, wie|
der Eßig Krug an die Wand, da er den Henckel verlohren. j
La et US. Dieses waren verblühmte reden, ich weiß nicht, waß
ich daraus nehmen soll.
Papinianus. Ein jeder ist ein dolmetscher Seiner eigenen worte,
doch es hat nichts zu be- | deuten ich will gehen und den Keyser auf-
warten, ab. I
Laetus. Und ich will gehen von diesen leüten die rechte Wahr-
heit zu erfahren, ab. |
Traraeus. Und ich will gehen und den vorrath Meiner über-
flüßigen I gedancken aiiff den Trödel Marckt hencken, wer mir will ab
Kauffen, der Spreche mir zu in der Perückken Machers | straße zum
Schwartzen fincken in des Herrn Blumen besehers | hause gegen den
Yogel Marckt über 2 treppen lün auff, die | fenster gehen auff die gaße
und vorne ist die thüi-, dieses | zur nacluicht Sage ich Hii'. ab. \
II. akt.
1. sceiie. Bassianus, Laetus, Flavius, Oleander. Bassianus
schickt die beiden lezteren zu Geta, um ihn wegen der besetzung des
stathalterpostens in Ägypten zu befi-agen, ob er seine Zustimmung zu
der von Bassianus volzogenen ernenuung des Oelsus gäbe. Laetus,
der nun allein mit dem kaiser bleibt, hält aufreizende reden. Wozu
solle er immer den bruder befragen, wenn er etwas befehle? Ihm
allein, als dem erstgeborenen gebühre die herschaft, und er solle sich
sein recht nötigenfals mit gewalt verschaffen. Wol sei der brudermord
etwas schreckliches, aber ein fürst sei von allen gesetzen fi-ei; und
habe doch sogar Jupiter seine brüder nicht neben sich regieren lassen,
sondern die herschaft im himmel für sich allein in anspruch genommen.
Bassianus hat noch bedenken: ob das lager ihm dann treu bleiben
werde, und Papinian auch fernerhin sein berater bleiben wolle.
296 HEINE
3. scene. Flavius und Cleander kommen zurück, und melden,
dass Geta sich der ernennung des Celsus widersetze. Bassianus gerät
in zorn, und von neuem stachelt ihn Laetus zur ermordung des bru-
ders auf: der himmel könne nicht zwei, sondern nur eine sonne ver-
tragen. Bassianus entschliesst sich, „durch eine rechtmässige räche
seinem hause die ruhe zu verschaffen." — ab.
3. scciic. Geta kann nicht glauben, dass ihm Bassianus feind-
lich gesint sein könne.
4. scene. Julia komt und ihr gegenüber äussert Geta seinen
argwöhn gegen Bassianus. Julia ist ganz bestürzt, dass ihrem liebling
eine gefahr droht. — Beide ab.
5. scene. Trafullus erzählt, dass die Aspecten am himmel schlecht
stünden und ein grosses blutvergiessen verkündeten.
6. scene. Traraeus komt und belauscht die astrologischen dar-
legungen des Trafullus, und spricht ihn endlich an, um von ihm sein
eigenes Schicksal zu erfahren.
7. scene. Geta klagt seiner mutter Julia, dass er von unüber-
windlicher ti-aurigkeit befallen werde, derer er nicht herr werden kömie.
8. scene. Bassianus komt mit Laetus und begint den Geta wegen
dessen Weigerung zur rede zu stellen. Die beiden geraten in streit,
vergebens sucht Julia die beiden brüder zu beschwichtigen, Laetus reizt
den Bassianus immer mehr imd reicht ihm schliesslich den dolch, den
Bassianus dem bruder in die brüst stösst.
9. scene. Auf das Jammergeschrei der Julia komt Flavius her-
beigeeilt und fält dem rasenden kaiser in die arme und hält ihn zurück.
10. scene. Traraeus erscheint ebenfals und sucht Gela zu hel-
fen, allein dieser ist bereits tot. Julia sinkt ohnmächtig nieder, Fla-
vius springt ihr bei, bringt sie wider zu sich, und nun erhebt sie
klagen um Geta.
11. scene. Trafullus komt und sucht die Julia zu trösten und
von rachegedanken abzubringen.
13. scene. Oleander komt und fordert im namen des kaisers die
auslieferung der leiche des Geta. Julia gesteht ihm dieselbe zu und
nimt rührenden abschied von dem körper ihres toten Heblings.
III. akt.
1. scene. Bassianus spricht in einem (metrischen) monolog seine
reue und seinen schmerz über die ermordung des bruders aus. Was
werde das reich dazu sagen? Was die Völker, die ihm unterständen?
Wer werde ihm noch künftig vertrauen schenken, da nicht einmal der
PAPINIANUS 297
briider ihm habe vertrauen schenken können; und könne er selbst noch
irgend jemand ti'auen, wenn er selbst gegen den bruder mistrauen
gehegt? Ja, wie kam er denn zu dieser Schandtat? Nur die bösen
ratgeber seien daran schuld gewesen, und Laetus solle seine aufreizen-
den Worte mit dem tode büssen. Mit diesem entschluss ruft der kai-
ser nach
2. sceiie. Flavius und befiehlt ihm, dem Laetus sein todesurteil
zu überbringen und die ausführung desselben zu überwachen.
3. sceiie. Oleander erscheint vor dem kaiser und stattet ihm
bericht ab über die erfolgte überti-agung der leiche des Geta. Bassia-
nus erkundigt sich vor allem nach dem benehmen der Julia, wie die
kaiserin die ermordung ihres sohnes aufnehme. Oleander erzählt, die
kaiserin sei ganz hofnungslos, allein sie schelte und tobe nicht gegen
Bassianus, der habe sich nur vom jähzorne fortreissen lassen; die wah-
ren schuldigen seien diejenigen, die ihn gegen Geta aufgereizet. Bas-
sianus ist davon so ergriffen, dass er befiehlt, den Laetus wenn mög-
lich noch lebend in die gewalt der Julia zu übergeben, damit diese
nach wünsch ihre räche an ihm kühlen könne. Geta selbst solle ein
fürstliches leichenbegängnis erhalten und unter die götter versezt wer-
den. Oleander eilt mit den befehlen des kaisers fort.
4:. sceiie. Laetus freut sich über die ermordung des Geta. Jezt
sei er der macht wider um eine stufe näher gekommen.
5. sceiie. Flavius überbringt ihm das todesurteil. Laetus ist
ganz niedergeschmettert. Er schwankt unentschlossen, ob er den kaiser
noch um audienz bitten imd ihn bei dieser gelegenheit niederstossen
solle; oder ob es besser wäre ins lager zu eilen imd die Soldaten zu
offener meuterei zu bringen; oder ob er endlich seine anhänger in der
Stadt sammeln und dem kaiser entgegentreten könne. Das lezte scheint
ihm das beste. Er ruft seinen dienern und hausgenossen, aber Flavius
meint, jezt helfe kein rufen mehr, der befehl des kaisers müsse vol-
zogen werden. Ihm stünde die Avahl der todesart frei — gift imd dolch
habe ihm der kaiser übersendet. Laetus sucht wenigstens einen auf-
schub zu erlangen, Flavius verweigert jedes weitere verhandeln; wäh-
rend die beiden noch streiten, komt
6. sceiie. Oleander mit dem neuen befehle des kaisers: Laetus
sei am leben zu lassen. Schon glaubt sich dieser gerettet, da verkün-
det Oleander, dass Laetus der Julia zu beliebigem verfahren übergeben
werden solle. Nun will Laetus selbst sterben, und greift nach gift und
dolch. Aber die beiden hindern ihn, band an sich zu legen, und füh-
ren ihn mit sich weg.
298 HEINE
7. sceiic. Traraeus beschreibt die raserei des Bassianus und die
traner der Julia, die „salz und wasser weine."
8. scene. Trafnllus komt hinzu. Traraeus klagt ihm, er fühle
sich krank und zählt ihm eine ganze menge von beschwerden auf, die
er alle fühlen will. Trafullus rät ihm verschiedene heilmittel, allein
Traraeus wittert hinter jedem etwas verdächtiges. Trafullus sagt ihm,
die aspektcn des himmels deuteten wider auf blutvergiessen. Er erkun-
digt sich nach dem leichenbegängnisse des Geta, aber Traraeus gibt ganz
verkehrte antworten und begint ein gelehrtes gespräch über die vier
Jahreszeiten, das aber immer lauter wird und schliesslich in einen streit
ausartet, bis sie am ende gar handgemein werden. Der lärm lockt den
9. scenc. Flavius herbei, der ihnen ilire unart, vor dem trauer-
gemache sich derart aufzuführen, derb verweist und riilie schaft.
10. scene. Papinian empfängt den Oleander, der mit einem auf-
trage des Bassianus zu ihm sich begeben. Der kaiser verlangt, Papi-
nian möge die Verteidigung des brudermordes übernehmen. Papinian
weigert sich dessen; man könne diese tat noch so sehr beschönigen,
sie bleibe immer eine Schandtat; er ehre das recht mehr, als alle kai-
ser der weit, und eher solle sein ganzes haus zu gründe gehen, als
dass er die Verteidigung eines unrechtes übernehme. Alle Vorstellungen
des Oleander scheitern an dem festen willen des Papinian. — ab.
11. seeiic. Julia ist noch immer unti'östlich über den verlust
ihres Kindes und Avill ihm in den tod nachfolgen.
13. scene. Flavius komt und meldet ihr die ankunft des Laetus.
13. scene. Laetus wird hereingeführt und beklagt sein geschick,
in die bände eines rachsüchtigen weibes gegeben zu sein. Allein sein
mut ist nicht gebrochen. Trotzig tritt er der Julia entgegen, die ihn
mit vorwürfen und Schmähungen überhäuft. Die entsetzlichste todes-
art will sie für ihn aussinnen, ilun das sterben möglichst lang machen.
Der tod am kreuze ist ihr zu milde; auch den gedanken, ihn mit sie-
dendem pech und schwefel verbrennen zu lassen, verwirft sie; aber
ihm solle das falsche, tückische herz aus der brüst gerissen werden,
und sie selbst will der ausführuug ihres befehles beiwohnen.
IT. akt.
1. scene. Oleander und Flavius sprechen mit einander, wie die
strafe an Laetus volzogen worden.
3. scene. Traraeus komt hinzu und erkundigt sich nach den
näheren umständen bei dem tode des Laetus. Sie erzählen ihm, er
sei sehr trotzig gestorben. Traraeus begint angst zu fühlen, dass er
PAPINIANUS 299
den Ti-afullus so arg beleidigt habe, der alles dies blutvergiessen so
genau vorausgesagt habe. Flavius und Oleander entfernen sich, und
es komt
3. sceiie. Bassianus und lässt sich in ein gesprcäch mit Traraeus
ein. Er ist erzürnt, dass gerade diejenigen, auf deren treue er sich
am meisten verlassen, ihm jezt nicht mehr gehorsamen wollen. Des-
halb fühle er sich unsicher, und glaube sich von allen selten her durch
gefahren bedroht und von allen verachtet. Aber er werde sich schon
achtung zu verschaffen wissen, und alle selten seine macht zu spüren
bekommen.
4. sceiic. Oleander komt und meldet, dass Papinian sich wei-
gere, dem wmische des kaisers nachzukommen. Bassianus ist empört
darüber; er beschuldigt den Papinian der treulosigkeit und schiebt sei-
ner Weigerung verschiedene be weggründe unter; er weigere sich nur,
um sich beim volke behebt zu machen, oder er habe dem einfluss sei-
ner ehrgeizigen gemahlin ' nachgegeben. Oleander sucht die vorwürfe
des kaisers zu entkräften und den Papinian in schütz zu nehmen.
Allein seine worte machen Avenig eindruck auf den kaiser.
5. sccne. Papinianus erscheint vor dem kaiser. Oleander ent-
fernt sich, und nun versichert Papinian dem kaiser seine volle ergeben-
heit. Niu" die Verteidigung der erraorduug Getas könne er nicht über-
nehmen, trotz aller ergebenheit für seinen herrn. Bassianus gerät in
immer heftigeren zorn. Es sei Papinians pflicht, ihm seineu willen zu
erfüllen und auch in diesem stücke zu gehorsamen, denn er sei der
herr und brauche nur zu befehlen. Papinian räumt ein, dass er dem
kaiser dienen müsse und solle; allein seine pflicht reiche nicht so weit,
um eine Schandtat beschönigen zu müssen. Bassianus meint, dann
könne er die dienste des Papinian überhaupt entbehren. Papinian
nimt seine entlassung gerne entgegen und entfernt sich nun. Bassianus
gerät nunmehr erst recht in aufregung. Er will schwere räche nehmeu
an Papinian, sein ganzes haus solle zu gründe gehen und er selbst
seine Weigerung mit dem leben büssen. ]\Iit diesem vorsatze entfernt
er sich.
6. sceue. Traraeus komt und erzählt, er habe sich mit TrafuUus
vöUig versöhnt, und dieser habe ihm zum zeichen seiner freundschaft
seinen neuesten kalender zugeeignet. Er liest nun die langatmige und
schwülstige dedication vor und gibt dann einige proben aus den prak-
tischen lehren des kalenders zum besten: zu baden sei am besten in
warmen badstuben; die nägel zu beschneiden sei ratsam, wenn sie
alzulang geworden, u. dgi. mehr. — ab.
300 HEINE
H, sceiie. Papinian komt niit seiner fraii Plautia und seinem
jungen söhne. Plautia ist ganz betrübt über die ungnade, in die Pa-
nian gefallen. Dieser tröstet sie: die tugend bleibe stets unversehrt
und unberührt von allen wechselfällen des glückes.
8. sceiie. Flavius überbringt die befehle des kaisers und fordert
dem Papinian alle ehrenzeichen und gnadengaben ab, die er empfan-
gen, so Avie alle abzeichen der ämter, die er bekleidet. Noch einmal
dringt er in ihn, den wünsch des kaisers zu erfüllen. Aber Papinian
bleibt standhaft, auch als Flavius erklärt, auf des kaisers befehl auch
den söhn Papinians mit sich führen zu müssen.
9. scene. Bassianus schlmnmert auf einem ruhebette imd jam-
mert über die ratlosigkeit und die pein, die ihn erfült. Schliesslich
schläft er ein.
10. scene. Traraeus und Trafiülus kommen und erblicken den
schlafenden kaiser, der unruhig sich herumwirft. Trafullus meint, der
kaiser sei krank, und er kenne auch seine krankheit: er werde von
geistern verfolgt. Traraeus bekomt furcht vor den geistern, Trafullus
beruhigt ihn; er wolle den kaiser befragen; denn im schlafe könne man
von den leuten alles erfahren, wenn man sie recht ausfrage, ohne dass
sie etwas davon wüsten.
11. scene. Des Laetus und Geta geister erscheinen und umschwe-
ben den kaiser; sie wollen räche haben. Trafullus und Traraeus ent-
fernen sich eilig, der kaiser schreckt aus dem schlafe auf und klagt
über den schrecklichen träum, den er gehabt.
13. scene. Papinian, Eugenia, Oleander und Flavius treten auf.
Die lezteren bringen dem Papinian von selten der Julia die aufforde-
rung, ihre partei zu ergreifen. Aber Papinian weigert sich, seinem
herrn die treue zu brechen. Macht und ehre seien vergänglich, des
menschen Schicksale schweben auf und nieder. Der kaiser lässt ihn
zu sich in den Staatsrat bescheiden. Eugenia hat böse ahnungen, aber
Papinian tröstet sie. — Alle ab.
13. scene. Traraeus spricht seine verwimderuug über die gei-
stererscheinungen aus.
14. scene. Bassianus, Papinian, Flavius, Oleander und der söhn
des Papinian treten auf. Bassianus fordert noch einmal den Papinian
auf, seinen wünsch zu erfüllen; sonst wolle er sich für die Weigerung
des Vaters an dem söhne rächen. Auch jezt bleibt Papinian standhaft.
TJnerschüttert will er seinen söhn in den tod schicken, denn es geschehe
um des rechtes willen. Nach einiger zeit wird das haupt des kindes —
auf einen wink des kaisers war der knabe abgeführt worden — herein-
PAPINIANUS 301
gebracht. Papinian klagt nicht und weint nicht. Seine empfindung
drückt er in den wenigen werten aus, „er sei stolz darauf, einen solchen
söhn gezeugt zu haben, der noch im tode den kaiser, der das recht
beugen wolle, durch das blecken der lippen höhne." Bassianus begint
zu fürchten, dass die standhaftigkeit des Papinian diesem alle herzen
gewinnen werde, und beschliesst nun auch diesen töten zu lassen, um
sich zu sichern. Vor seinen augeu soll dem Papinian das haupt abge-
schlagen werden. Papinian nimt die künde von seiner bevorstehenden
hinrichtung gefasst entgegen; in rülirenden werten verabschiedet er
sich von Rom, für dessen grosse er so lange gesorgt, von dem kaiser,
dem er so lange treu gedient, von seiner gemahhn, die er immer ti'eu
geliebt, und von seiner mutter, die er stets gebührend geachtet habe.
Auch dem Plavius dankt er für seine freundschaft, und legt sodann
die oberkleider ab, um dem henker diese mühe zu ersparen. Niemand
solle über seinen tod betrübt sein: er gehe durch kurzes leid zu lan-
ger ruhe eiu. Henker treten ein, und Papinian wird auf offener bühne
vor den äugen des kaisers enthauptet. Aber kaum ist das haupt des
Papinian gefallen, so fühlt Bassianus reue. Wider habe er einen treuen
freund und diener weniger; und welchen eindruck wüi'de erst die künde
von der hinrichtung des Papinian beim volke und im lager hervorbrin-
gen? Er will geld unter die menge streuen lassen, um sich beliebt
zu machen, und Papinian solle mit allen ordentlichen ehren bestattet
werden.
15. sceiie. Plautia und Eugenia werfen sich dem kaiser zu füssen
und flehen um gnade für Papinian; aber es ist schon zu spät. Auf
diese Schreckensnachricht eilen sie fort, Bassianus aber, von neuem von
heftiger furcht befallen, will allen anschlagen zuvorkommen durch ver-
doppelte strenge.
V. akt.
1. sceiie. Yor dem grabbdenkmal des Papinian erscheinen Julia,
Eugenia und Plautia und klagen imi den toten.
3. seeiie. Auch Oleander, Flavius, Trafullus und Traraeus kom-
men und bezeugen ihre ehrfurcht vor dem mutigen märtyrer des rech-
tes. Den schluss bildet ein klaggedicht für Papinian, dessen einzelne
Strophen von Flavius, Oleander, Eugenia, Plautia und Julia gesprochen
werden.
Ob nun diese bearbeitung nach dem orginal gemacht ist, oder ob
sie selbst wider auf einer bearbeitung beruht, lässt sich mit dem vor-
handenen material nicht feststellen. Aber die bearbeitung von 1710
302 HEINE
steht jedenfals, wie die grosse menge wörtlicher übereinstimniimgen
beweist, dem Papinian des Gryphius so nahe, dass die Übereinstim-
mungen und abweichungen in den beiden dramen als beabsichtigt,
nicht unwilkürlich entstanden, betrachtet werden müssen, und dass
daher ein vergleich dieser bearbeitung mit dem original einen charak-
teristischen beitrag für die Übereinstimmung und abweichung des ge-
schmacks der Wanderbühne gegenüber dem des gelehrten dramas lie-
fern kann.
Yor allem fält da ins äuge, dass die gereimten Alexandriner bis
auf eine einzige stelle^ in prosa aufgelöst sind. Diese änderung ist
wol eine concession an die beiden faktoren des dargestelten dramas,
an publikum und darsteiler. Ersterem ist selbst die schwülstigste prosa
verständlicher als der vers, lezterem die prosa deshalb genehmer, weil
sie geringere anforderung an die kunst des recitierens und die schärfe
des gedächtnisses stelt.
Freilich steht die liier verwendete prosa an unnatürlicher gespreizt-
heit den versen des Originals nicht nach, da sie meist sich damit
begnügt, nur die Stellung der Avorte des Originals zu ändern und
so all den schwulst und bombast, von dem dieses strozt, weiter mit
sich führt.
Eine weitere abweichung zeigt das personenverzeichnis. Überall
wo Gryphius einen Charakter durch mehrere personen vertreten lässt,
begnügt sich die bearbeitung mit einem repräsentanten. So tritt von
den eitern des Papinianus nur seine mutter Eugenia auf, so fehlt Sabi-
nus", der freund und gesinnungsgenosse des Latus, so sind die rollen
des kämmerers, des Macrinus und der zahlreichen hauptleute auf Fla-
vius und Oleander und einen einzigen officier verteilt.
Wie die zahl der stummen personen, so fehlt auch der chor, Avel-
cher die „reyhen" zu sprechen hat; der Inhalt dieser chöre ist aber
meist in der bearbeitung auf die reden einzelner oder auf ganze scenen
verteilt. Hinzugekommen ist die rolle des Traräus, des Hans "Wursts
in der einkleidung eines halbirsinnigen Juristen.
Die Streichungen im personenverzeichnis haben, glaube ich, kei-
nen inneren grund, sondern eine äussere Ursache. Hasskerl verfasste,
wie oben erwähnt, seine bearbeitung für eine bestimte truppe, deren
personenanzahl ihm sicherlich bekant war, und auf welche er bei der
abfassung seiner bühnenbearbeitung rücksicht nehmen muste, indem er
1) Akt .3 sc. 1.
2) Sabiiius fehlt auch iu dcu beidcu drucken des Originals von 1659 und 1698.
PAPINIANüS 303
die rollenzahl mit der personenzahl der Elensonschen truppe in ein-
klangbrachte.
Beide dramen sind in 5 akte geteilt (Gryphius nent sie bekant-
lich abhandlungen) , innerhalb dieser grenzen raachen sich nun man-
cherlei ahweichungen geltend.
Gleich die erste scene ist eine zutat der bearbeitung. Sie führt
uns den Latus vor, der den Flavius und Oleander zu überreden sucht,
sich von Papinianus loszusagen, weil dieser günstliug des kaisers ihrem
glück im wege stünde; zu seiner Vernichtung selten sie sich zusani-
menschliessen. An der ti-euen gesinnung der beiden hofjunker Fla-
vius und Oleander scheitert aber der versuch des Latus, Unterstützung
für seine intrigue zu finden. Diese scene ist für die ganze gattung
des Wandertruppen -dramas höchst charakteristisch. Sie erspart dem
Zuhörer jede deukarbeit; sie teilt ihm sofort den hauptinhalt des dra-
mas mit: Latus will den Papinianus stürzen. Zugleicli aber rückt diese
scene die intrigue des Latus, welche ja auch bei Gryphius die hand-
lung beeinflusst, volständig in den Vordergrund und stempelt die tra-
gödie so zu einem intriguenstück , wodurch, wenn auch unbewusst eine
stärkere einheit der handlung erzielt wird, welche dem original, das
sich vielleicht zu eng an seine klassischen quellen, den Dio Oassius
und den Spartianus anschloss, bekantlich abgeht.
Wir werden durch diese vorbereitende eingangsscene auch ent-
schieden wirksamer in den gang der handlung eingeführt, als durch
den eintönigen 156 verse zählenden monolog des Papinian, welcher bei
Gryphius das drama einleitet. Erst die zweite scene bringt in 25 Zei-
len die ersten 30 in prosa aufgelösten verse dieses monologs, dann
wählte der bearbeiter nur noch einige zeilen desselben aus und lässt
den rest des monologs den Papinian erst in der 3. scene sprechen,
welche gleich, ohne dass vorher, wie im Gryphius der kämmerer
erschienen wäre, Plautia, aber abweichend vom original, in begleitung
der Eugenia einführt.
Das fehlen des gespräches zwischen Papinian und dem kämmerer,
dessen ende Plautia belauscht, stimt wenig mit den gewohnheiten der
dramen der Wandertruppen überein; denn das motiv der belauschung
ist eins ihrer beliebtesten hilfsmittel. Überdies verleiht sie in diesem
falle dem original ein frisches dramatisches leben; denn Plautia, durch
ihr lauschen von der gefahr, welche ihrem hause droht, unterrichtet,
greift sofort lebhaft in den dialog ein. In der bearbeitung dagegen
muss Papinian erst den trauen das drohende unheil enthüllen, ehe sie
ihre befürchtungen und hofnungen aussprechen können. Der anfang
304 HEINE
dieser scene ist eigentum des bearbeiters, dann folgen stellen aus dem
ersten monolog des Papinian, der Unterredung mit dem kämraerer und
der entsprechenden scene des Originals. Lezteres schliesst seine erste
abliandlung nach der Unterredung zwischen Papinian, dem kämmerer
und der Plautia mit einem „reyhen der hofejunckern Papiniani", wel-
cher ein bescheidenes von hof, macht und pracht fernes leben preist.
Die bearbeitung entfernt sich hier volständig vom original, indem
sie demselben noch 5 scenen hinzufügt, in welchen sie nochmals die
bosheit des Latus und die ehrlichkeit des Fabius und Oleander hervor-
heben zu müssen glaubt, scenen, deren ernst durch die possen des
Traräus unterbrochen werden.
Schon in der dritten scene nämlich erscheint, von den übrigen
ungesehen Latus im hintergrund und hört — hier haben wir das beliebte
belauschuiigsmotiv — wie Papinian, im verti-aulichen gespräch mit sei-
ner gattin und niutter, die üppige Untätigkeit des kaisers Bassian
beklagt. Da tritt in der folgenden scene Latus hervor und beschuldigt,
sich auf das erlauschte berufend, den Papinian verräterischer gesin-
nung. Die antworten, welche Plautia dieser bezieh tigung entgegensezt,
sind der zweiten scene des Originals entnommen, in welcher Plautia
sie dem kämmerer zuruft.
In der fünften scene tritt Traräus allein auf, dessen monolog in
possenhafter und fast unverständlicher weise den grundgedanken der
reihen, die Verachtung des hoflebens, widergibt.
In der folgenden scene kann es sich der bearbeiter wider einmal
nicht versagen, den Latus auseinandersetzen zu lassen, dass er böse
anschlage im sinne habe, welche sich gegen Papinianus und den kaiser
Geta richten. Indessen ist Traraeus ungesehen — wider das motiv der
belauschung — zeuge dieser auseinandersetzungen des Latus, zu denen
er, von Latus ungohört, seine meist unanständigen bemerkungen macht.
Auch diese art des dialogs, welcher sich gleichsam aus zwei monolo-
gen zusammensezt, kann man im drama der Wandertruppen häufig
bemerken 1. Die folgenden scenen bringen nun den Latus mit Papi-
nianus, und den lezteren mit Flavius und Oleander zusammen, deren
wahren Charakter Papinianus ebenso verkent, wie den des Latus. Nur
Traräus ist über die absiebten dieser vier personen ebensogut unter-
richtet, wie der Zuschauer, und lässt dies in seinen bemerkungen
erkennen. Der akt schliesst mit einer albernen aufforderung des Tra-
räus, ihm seine überflüssigen gedanken abzukaufen.
1) Vgl. Lessiug, Hainburgische dramaturgie , stück 02 (VII, 317 Heiiipel).
PAPINIANUS 305
Der anfang des zweiten aktes sorgt wider in der bearbeitiing
dafür, dass dem Zuschauer keine tatsaclie überi'ascliend komt, sorgfältig
bereitet sie auf die kommenden ereignisse vor; denn die scene begint
mit der entsendung des Flavius und Oleander zu Geta, der seine Zu-
stimmung zu einer von Bassian getroifenen Verfügung geben soll. Latus
benuzt diese handlung, um dem kaiser Bassian seine unwürdige Unselb-
ständigkeit klar zu machen. Von hier an gehen original und bearbei-
tung gleichmässig vor. Latus sucht den kaiser gegen seinen bruder
Geta aufzuhetzen, Oleander (in dem original ist es Flavius) kehrt mit
der nachricht zurück, dass Geta die verlangte Zustimmung verweigere;
Latus benuzt diese Weigerung des Geta, um Bassian gegen diesen in
zorn zu bringen, den er bis zu solcher höhe zu steigern weiss, dass
Bassian vor dem gedanken des brudermords nicht mehr zurückschreckt.
Während im original die ermordung des Geta schon in der näch-
sten scene vor sich geht, glaubt die bearbeitung noch mancher Vor-
bereitung zu bedüifen, ehe sie zu der bluttat komt.
Erst muss auch Geta des längeren sich über das Verhältnis zu
seinem bruder aussprechen und seiner mutter den verdacht berichten,
den er gegen den bruder hegt. Aber nicht genug, dass die ansichten
von menschen gehört werden, auch was der himmel verkündet muss
erst noch vorgebracht werden. Der Sterndeuter TrafuUus komt herzu
und berichtet, dass die himmelszeichen ein unheil zu verkünden schie-
nend Dann wird das gemüt der Zuschauer noch zuvor durch eine
possenscene zwischen Trafullus und Traräus erheitert, und endlich tritt
Geta wider auf und klagt über eine unerklärliche traurigkeit, die ihn
befallen habe; erst jezt nach so vielfältiger Vorbereitung geraten die
bruder in jenen streit, der mit der ermordung des Geta endet. Selbst
hier will der bearbeiter den hanswurst nicht missen, als die tat schon
geschehen, als Geta schon tot ist, eilt Traräus herbei, um in tölpelhaf-
haftem eifer dem ermordeten beizustehen.
Der schluss des aktes stimt bis auf das fehlen des reihens und
einige unwesentliche einzelheiten in der bearbeitung mit dem original
überein.
Der dritte akt begint in der bearbeitung mit der Avörtlichen wider-
gabe des Originals; die verse enthalten den monolog des brudermörders,
in Avelchem dieser seine reue über die rasche tat ausspricht. Könige
auf der einsamen höhe ihres thrones weinen und menschliche schwächen
1) Diese scene ist aus der andeiitung einer späteren stelle des Originals ent-
standen, in welcher Trafullus die Julia erinnert, dass er schon vor der ermordung
des Geta ein unglück vorhergesagt habe. (S. 547. S. 455 fg.)
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCUE PHILOLOGIE. BD. XXI. 20
306 HEINE
bejammern zu hören, war ein so beliebtes Schauspiel für das publikum
jener zeit, dass es in keinem stücke fehlen durfte. Deshalb hat wol
auch der bearbeiter an dieser kraftstelle den Alexandriner des Originals
beibehalten, um dieselbe so besonders zu betonen. Von hier an ist
dann wider durchweg die prosa angewendet. Inhaltlich aber schliesst
sich die bearbeitung ziemlich eng an das original an. Nur dass in der
4. scene Latus in einem monolog seine freude über das gelingen sei-
nes planes ausspricht, während bei Gryphius Sabinus, der freund
des Latus, mit diesem die günstige läge des augenblicks bespricht.
Ferner ist in der 5. scene Flavius statt des hauptmanns der Überbrin-
ger des todesbefehles an Latus, und in der 6. scene wird der verän-
derte befehl nicht wie im original von einem zweiten hauptmann, son-
dern von Oleander überbracht.
Li den drei folgenden scenen entfernt sich aber die bearbeitung
wieder von dem original, sie bilden ein Intermezzo, welches der komik
dient. Traräus, Trafiülus und Flavius sind es, welche in diesen pos-
senscenen wirken, die beiden lezteren behalten aber iliren ernsten Cha-
rakter bei, nur Traräus besorgt die spässe, bei denen es auch an tät-
lichkeiten nicht fehlt.
Erst die IL scene knüpft wider an das original au und enthält
den kernpunkt des dramas: Oleander bringt dem Papinian den befehl
des kaisers: den brudermord zu verteidigen. Papinianus weigert sich
dessen; die beiden folgenden scenen behandeln dann übereinstimmend
die räche, welche Julia an Latus nimt. Der schlusschor aber fehlt
wider in der bearbeitung.
Der vierte akt begint mit drei scenen, welche das original nicht
hat; da Traräus in ihnen die hauptrolle spielt, so sind sie dem
komischen teil des dramas zuzurechnen, obwol sie etwas ernster gehal-
ten sind, als die übrigen scenen des Traräus.
Die 4. und 5. scene entsprechen den beiden eingangsscenen des
4. aktes bei Gryphius. Oleander meldet dem Bassian, dass Papinian
sich weigere, die Verteidigungsrede zu halten, worauf dieser selbst vor
dem kaiser erscheint und standhaft auf seiner Weigerung behart. Dann
wird aber wider eine possenscene des Traräus eingeschoben, die wir
immer vor oder nach einer besonders erregenden ernsten scene finden.
In der 7. scene geht die liandlung wie im original weiter; die 8. scene
zeigt nur darin eine abweichung, dass statt des Macrinus Flavius die
botschaft des kaisers überbringt, durch welche er seiner ehren und
ämter entsezt und seines sohnes beraubt wird. Die nächste scene des
Originals fehlt in der bearbeitung. Sie enthält die aufforderung des
PAPINIÄNUS 307
lagers an Papinian, sich an die spitze des heeres zu stellen, das zu
einer revolution zu seinen gunsten geneigt sei. Papinian weist dieses
anerbieten zurück. Warum diese scene nicht mit in die bearbeitung
aufgenommen ist, dafür scheint mir eine erklärung schwer. Es ist
doch sonst in diesen dramen beliebt, durch möglichst viele beispiele
den Charakter einer person zu erweisen, und eine gelegenheit wie das
original sie hier bietet, wird gewöhnlicli begierig aufgegriffen. Ich vermute
fast, dass diese scene ursprünglich hat aufgenommen werden sollen,
und nur während der arbeit wider vergessen ist. Der im personen-
verzeichnis aufgeführte „officier aus dem lager", der in der ganzen
bearbeitung nicht erwähnt wird, hat sicherlich in dieser scene auftre-
ten sollen.
Das original schliesst den vierten akt mit einem chor der räche,
welcher dem schlafenden Bassian erscheint. Diese idee ist in den vier
scenen der bearbeitung 9 — 12 weiter ausgeführt. Traräus und Traful-
lus werden nämlich zeugen der geistererscheinungen , welche den Bas-
sian quälen. Diese aus ernsthaftem und possenhaftem gemischten
scenen werden durch ein gespräch zwischen Papinian und einem
abgesanten der Julia unterbrochen; Julia lässt nämlich den Papinian
heimlich auffordern, ihre partei zu ergreifen; im original bildet die-
ses gespräch (durch den geschmacklosen zusatz, dass Julia dem Papi-
nian ihre band anbieten lässt, erweitert) den beginn der 5. abhand-
lung. Die 2. scene derselben enthält ein gespräch Papinians mit sei-
nen eitern, welches zum fortschritt der handlung nichts beiträgt.
In der bearbeitung, in welcher die scenenzählung noch immer im
4. akt weiter läuft, findet sich dieses gespräch am schluss der
13. scene, aber in ganz verkürzter form; es wird von Papinian und
seiner mutter geführt. Die 14. scene der bearbeitung und die 3. scene
im V. akt des Originals entsprechen einander. Ihr Inhalt ist das
eigentliche ende der tragödie: Bassian lässt den söhn des Papinianus,
dann diesen selbst hinrichten, und empfindet sofort reue über diese
neue bluttat.
Auch in der folgenden scene entsprechen sich original und bear-
beitung, nur dass hier der chor und der vater des Papinianus fehlen;
auch spielt die scene nocli bei Bassian, dem sich Eugenia und Plautia
zu spät um gnade flehend zu füssen werfen, während bei Gryphius
den frauen auf ihrem bitgang die leiche des Papinian entgegengetra-
gen wird.
So fält der schluss der 5. abhandlung mit dem schluss des 4. aktes
der bearbeitung zusammen.
20*
308 HEINE
Der 5. akt der bearbeitiing, der im original fehlt, enthält eine
feier am monument des Papinianus ohne jede dramatische handlung.
Der vergleich zeigt also, dass nur eine scene des Originals, und
zwar anscheinend unbeabsichtigt, ganz fortgefallen ist, diejenige, in
welcher das lager den versuch macht, Papinianus an die spitze einer
militair-revolte zu rufen.
Andere scenen haben woltätige Verkürzungen erfahren; wie der
übermässig lange monolog des Papinianus zum beginn des dramas, oder
jene scene mit den abgesanten der Julia, in welcher man das fehlen
des anerbietens dieser bejahrten witvve, dem Papinian ihre band zu
reichen, sicherlich als einen vorzug bezeichnen kann. Dagegen sind
eine statliche zahl von scenen und ein nachspiel vom bearbeiter hin-
zugefügt, andere wesentlich erweitert worden.
Die mehrzahl dieser zutaten dienen lediglich der komik, deren
Vertreter Traräus im original nicht vorkomt. Die possenscenen haben
keine beziehung zu dem eigentlichen Inhalt des Stückes und stehen
auch in sich selbst nicht im Zusammenhang, ebenso fehlt ihnen jede
dramatische handlung, es sind meist coupletartige spässe, die eben-
sogut an einer anderen stelle vorgebracht werden könten, als an der,
an welcher sie stehen. Allerdings scheint das priuzip vorzuwalten,
diese possen vor oder nach erregenden handlungen die gemüter der
Zuschauer beruhigen zu lassen.
Grössere ausdehnung haben auch die scenen gCAvonnen, in denen
besonders hervorragende momente abgehandelt werden, wie mord, hin-
richtungen, geistererscheinungen oder hervorragende seelenaöekte, wie
beispielsweise die reue des Bassianus eine solche scene ausmacht.
Dadurch muss eine solche bearbeitung schon an ausdehnung ge-
winnen, dass in dem drama der Wandertruppen nichts von bedeutung
hinter der scene vor sich gehen darf: alles wird auf die bühne gezogen
und mit möglichster genauigkeit vorgestelt. Überhaupt zeigt sich ein
geringes vertrauen in die aufmerksamkeit und fassungskraft der Zu-
schauer. Die einzelnen Charaktere (ich erinnere besonders an Latus)
erschöpfen sich in der auseinandersetzung ihrer guten oder schlimmen
absiebten, der geringste fortschritt der handlung (ich erinnere an den
beginn des ersten und zweiten aktes) muss vor den äugen der Zuschauer
langsam vorbereitet werden, und stets ist das publikum früher und
besser unterrichtet, als die auftretenden personen.
Geht hier die bearbeitung etwas zu weit, so ist andrerseits ein
angenehmes masshalten nicht zu verkennen ; übermässig lange reden sind
gekürzt, die überfülle von gelehrsamkeit, mit welcher das original prunkt,
PAPINIA>XS 309
ist vermieden, oder strömt mit lächerlicher Wirkung aus dem munde des
Traräus; ja Hans Wurst — eben dieser Traräus vertiitt die stelle des
Hans Wursts — drängt sich nicht, wie in andren dramen der Wander-
truppen, störend in die ernsten scenen hinein, sondern treibt sein wesen
nur in ihm besonders eingeräumten auftritten; nur beim tode des Geta
ist er in die tragische handlung hineingezogen.
Die erwähnten ab weichungen sind ja im ganzen nicht erheblich,
da sie den gang der handlung, wie ihn das original bietet, wenig
beeinflussen; doch haben sie genügt den Charakter der tragödie umzu-
wandeln.
Gryphius schildert im Papinian mit der gewalt seiner pessimisti-
schen Weltanschauung die ti-agik der inneren notweudigkeit, mit welcher
ein unwandelbar rechtlicher mann mitten in einer korrumpierten weit
untergehen muss; und um diese innere notweudigkeit klar hervortreten
zu lassen, verschmäht er es, äussere einflüsse alzuwirksam zu schildern
und weist diesen, besonders der intrigue des Latus, nur eine beschei-
dene Stellung im drama an.
Der bearbeiter zog hingegen gerade die macht der äusseren um-
stände in den Vordergrund und liess den Papinianus nicht sowol einer
inneren notweudigkeit, sondern den verderblichen anschlagen des Latus
zum Opfer fallen und schuf so aus einer vortreflichen ti'agödie ein mit-
telmässiges intriguenstück.
HALLE. C. HEIXE.
EEHGE BEMEEKimaEN ZU JOHANN PETEE TITZS
DEUTSCHEN GEDICHTEN.
Li seiner ausgäbe: Johann Peter Titz' Deutsche gedichte (Halle,
Buchhandlung des Waisenhauses, 1888) hat L. H. Fischer die schwer
zugänglichen, sehr häufig nur noch in einem exemplar vorhandenen
einzeldrucke der dichtungen Titzs sorgfältig gesammelt und wir schul-
den dem herausgeber für diese entsagungsvolle arbeit aufrichtigen dank,
so wenig die gedichte Titzs auch durch Inhalt und form innerhalb der
deutschen dichtung des siebzehnten Jahrhunderts sich auszeichnen. Die
beobachtungen, welche dem Verfasser dieser zeilen bei der lektüre von
Fischers ausgäbe sich aufdrängten, sollen in dem nachfolgenden auf-
satz mitgeteilt werden; man entschuldige das fragmentarische dieser
bemerkungen; dieselben waren ursprünglich für eine recension bestimt
310 ELLINGER
und sind er.st auf veranlassung des herausgebers dieser Zeitschrift für
eine Irurze abliandlung zusammengestelt worden.
In Fischers ausgäbe macht ein kurzes episclies gedieht: Liicretia
den anfang. Bei der geringen aufmerksamkeit, die man bis jezt dem
epos des siebzehnten Jahrhunderts zugewant hat, ist jeder beitrag zur
besseren erkentnis desselben von Wichtigkeit. An sich freilich kann
man dem gedieht kein sehr grosses lob spenden; man muss anerken-
nen, dass der dichter sich von jeder Übertreibung, zu der der stoff so
leicht veranlassung gegeben hätte, frei gehalten hat; aber andrerseits
ist ihm auch nirgends gelungen, über das gewöhnliche hinaus zu kom-
men, und die reden, die er seinen personen in den mund legt, sind
von einer gradezu erschreckenden trivialität. Indem er sein fahrzeug
immer in der nähe des Strandes auf massig tiefem gowässer einher-
steuerte, fiel es dem schwung- und phantasielosen manne freilich leicht,
die klippen zu vermeiden, die der junge Shakespeare nicht zu umge-
hen vermochte. Indessen komt dem gedieht immerhin eine gewisse
bedeutung zu und diese ist in dem gegenständ begründet, den das
gedieht behandelt. Der stoff der Lucretia muss nämlich um die mitte
des siebzehnten Jahrhunderts für epische behandlung sehr beliebt gewe-
sen sein. Wir wissen z. b., dass Heinrich Held ein gedieht: Lucretia
verfasst hat; ich habe dasselbe allerdings nie gesehen - — in Helds
Deutscher Gedichte Yortrab (Franckfurt an der Oder 164.3) findet es
sich nicht — allein nach der gleich zu citierenden notiz von Nicolaus
Peucker sowie einer weiteren nachricht von Jacobus Klincke ist an
seiner existenz nicht zu zweifeln. Offenbar kam man grade diesem stoff
mit besonderer neigung entgegen, so dass Johann Franck aus Guben
in seinem epos Susanna i diese der Lucretia gegenüberzustellen und
gegen den leztereu stoff zu polemisieren für nötig fand. Er tut das,
indem er Susanna beständig mit Lucretia vergleicht und in versen , die
mit allem möglichen und unmöglichen kram aus antiker mythologie
und geschichte verbrämt sind, die keuschheit der Lucretia anzweifelt:
Kan auch, Lucretie, mit recht der rühm dir bleiben
Den Naso dir ertheilt? mir wil es gar nicht ein
Dass du so keusch gewest, wie man dich wil beschreiben
Kan auch dieselbe wol so gar olm Argwohn seyn.
Die einem frembden hat zu Willen wollen leben?
Dich hat (es fählet kaum) auch eigne Lust bethört
1) Jobann Franckons In deutsi^he Tracht verkleidete und der sonst überaus
schönen Römischen Lucreticn an Keuschheit weit überlegene und entgegen gesetzte
Susanna. Franckfiu'th an der Oder 1656.
1
zu TITZS DEUTSCHEX GEDICHTEN 311
Nicht bloß ins Scliwerdtes- Furcht; daß du dich dem ergeben,
Der deinen Keuschen -Sinn hat durch die Brunst versehrt.
In diesem ton geht es weiter und aus den verschiedensten anzei-
chen wird uns dann bewiesen, dass es mit Lucretiens keuschheit nicht
so weit her gewesen sein könne. Franck wendet sich zwar nicht direkt
gegen irgend einen seiner poetischen Zeitgenossen, sondern er polemi-
siert nur gegen Ovid, aber dass man die spitze herausgefühlt hat,
bezeugt das folgende der Susanna vorgesezte gedieht Nicolaus Peuckers:
Wie Susanna das Exempel einer Tugendsamen Frawen
Yon dem Paar der alten Schälcke, welch' ihrer Lieb entbrant,
Angeklaget, und des Todes schuldig wird vom Volck erkant,
Vud was sie in solchen Aengsten hat zu dem für ein Vertrauen,
Der air Heimligkeiten kennet, dessen Wohnung in dem blauen.
Der auch einen solchen Richter also fortschafft an die Hand,
Welcher sie vom Tod' erlöset, wird bey dir ein Wörter Band,
Franck, auff den gelehrte Leute, wie nach einer Warte schauen.
Hab ich jemals der Poeten Schrifft und Lieder gern gesehen,
Ey so wird es mit der Keuschheit der Susannen itzt geschehen.
Eile nur, fort, fort, und eile; bald! alsbald gib sie zur Presse!
Doch ich steh noch in Gedancken: Held, den Franck und Peucker
lieben,
Hat der Keuschheit Königinne, die Lucretie, beschrieben
Wem ich unter diesen beyden wol das beste Lob zumesse?
Da die deutsche litteratur des siebzehnten Jahrhunderts im we-
sentlichen von fremden mustern abhängig war, so verdienen die Über-
setzungen noch eine ungleich grössere beachtung als in andren epochen,
da sie es sehr hcäufig sind, die uns fingerzeige für die richtige histo-
rische einreihung der selbständigen produkte geben. Aus diesem
gründe dürfen auch die beiden Übertragungen Titzs, die sich in
Fischers ausgäbe unmittelbar an die Lucretia anschliessen , hier eine
kurze erwähnung finden. Es sind zwei dichtungen des Holländers
Jakob Cats, die eine eine kleinere epische erzählung, die andre ein
cyklus von episch -lyrischen gedichten, in welchem ein antiker stoff
die grundlage für einen poetischen brief und einige liebeslieder bietet,
die ihrerseits widerum weitere ausführungen an den stoff anknüpfen.
Die Übersetzung ist im ganzen nicht ungewant; die beiden dichtungen
sind an sich nicht eben sondei'lich bedeutend. — Der aus Herodot,
Strabo, Plinius und Aelian bekante stoff des zweiten gedichtes — die
geschichte der Rhodope — muss aber schon viel früher in Deutsch-
land algemein verbreitet gewesen sein, da ein zug desselben im deut-
312 ELLIXGER
sehen g-eselschaftsliede verwendet worden ist. Ich darf auf diese tatsache
wol mit einem werte eingehen. Eine Untersuchung über die antiken de-
mente und die art ihrer verweiulung im deutschen volks- und geselschafts-
liede, wäre von hohem interesse; einzehies über diesen gegenständ hat
soeben M. v. Waldberg in seinem buche: Die deutsche renaissance-lyrik
(Berlin 1888) s. 71 fgg. zusammengestelt. In unserem falle nun hat
das geselschaftslied um die wende des sechzehnten und siebzehnten
Jahrhunderts die antike erzählung einfach adoptiert, um eine Streitfrage
daran zu knüpfen, wie sie uns ähnlich z. b. in der älteren französischen
poesie entgegentritt. Aus Titzs Zusammenfassung der antiken Zeug-
nisse über das leben der Rhodopo hebe ich die betreffende stelle aus:
„Bald darauf, als Er (Knemon) wiederumb nach gewohnheit Ihr auff-
gewartet, windet Ehodope ein par Rosen -Kräntze: derer einen Sie auff
Ihr eigenes, den andern aber auf Knemons Haupt setzet. Ohngefehr
begiebt sichs, dass auch der Königliche Rath dazu kommt. Rhodope,
damit Sie unter diesen beiden einen angenehmen Streit veruhrsachen
möchte, giebet Ihren Krantz dem Hofmann: dem Knemon aber nimmt
Sie Seinen, und setzet ihn Ihr selbst auff. Darüber den Jener sehr
fi'ohlockt, und den armen Poeten auslachet: dieser aber erweiset, dass
solches von Rhodope aus keiner ungewogenheit geschehen, sondern dass
es vielmehr für ein Zeichen einer sonderbaren Liebe und grossen
Yertrauligkeit zu achten." Dazu vergleiche man das lied, welches
Hoffmann von Fallersleben (Gesellschaftslieder, s. 21 fgg.) mitteilt. Zwei
Jünglinge werben um die liebe eines mädchens und verlangen, sie solle
erklären, Avelchen von beiden sie lieber haben Avolle. Die Jungfrau
verweigert eine direkte antwort, gibt aber ihre entscheidung durch ein
zeichen zu erkennen. Sie lässt beide freier zu sich kommen; der eine
trägt zufällig einen kränz auf dem haar, der andre nicht.
Die Jungfrau mit Yerleubte
Nahm ihr eigen Kränzelein
Und setzt es auf das Haupte
Deß der bloß kam herein.
Dargegen sie sich wendet
Zum andern Ereier dar
Und nahm sein Kranz behende
Und setzt ihn auf ihr Haar.
Nun rath. Lieb, und entscheide,
Welchs sei das rechte Pfand
Und Zeichen dieser beide
Gewechselt zu der Hand?
zu TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN 313
Ein Kränzlein ward genommen,
Das ander ward verehrt:
Nur eins das hat gewonnen
Und die Jungfrau begehrt.
Es wird sich wol nicht bestreiten lassen, dass hier wirklich eine
einwirkung der antiken erzählung auf das geselschaftslied statfindet.
Die lyrik Titzs geht, ebenso wie seine gelegenheitsgedichte, auf
den spuren Opitzs und Simon Dachs. An den lezteren erinnern nicht
nur manche gedieh te Titzs der gesamtstimmung nach, sondern auch in
einzelheiten tritt diese anlehnung hervor und Titz verwendet nicht sel-
ten gedanken, die bei Simon Dach öfter widerkehren. Man vgl. z. b.
die Worte Dachs (Oesterley s. 115):
Solt er es anders meinen.
Als gut mit uns, den seinen?
Das glaub ich ewig nicht;
In trübnus uns verlassen
Und unbarmhertzig hassen,
Ist wider seine pflicht.
Er weiß sich anzustellen.
Als stürtz er uns zur hellen
Und wer uns spinnenfeind ;
Bleibt doch in allen nöthen.
Ja, möcht er uns auch tödten,
Der allerbeste freund,
mit einer stelle bei Titz, Fischers ausg. s. 291:
Vnd ob es offt zwar scheinet.
Als were, was er thut.
Mit vns nicht wol gemeynet.
So ist es dennoch gut.
Und wenn Titz in demselben gedieht sagt:
0 wol der Frommen Seelen,
Die GOtt versetzet hat
Aus jhres Kerckers Holen
In jedem grosse Stadt!
so erkennen wir auch hier einen gedanken, der bei Simon Dach unzählige
male variiert wird. — Aber wenn Titz sich auch im einzelnen an Simon
Dach anzuschliessen versucht, so liat er doch im ganzen nicht viel von
ihm gelernt. Dachs geistliche gedichte atmen eine sanfte, elegische,
wunderbar trostreiche Stimmung; üerall hören wir die milden sehn-
suchtsworte der liebenden seele, welche aus dem irdischen leben nach
314 ELLINGER
ihrem hiralischen heiinatslande zurückstrebt, zuweilen hat Simon Dach
auch mit glück versucht, seiner leier kräftigere akkorde zu entlocken und
in dem schönen, ofl'enbar Luthers lied: „Jesaja dem Propheten das
geschah" nachgedichteten lied: „Ich hörte, spricht Johannes, ein ge-
schrey, — Als eine stimme der engel vielerley" ist es ihm in der tat
gelungen, Luthers kraft nahe zu kommen. Erst wenn man Titz an die-
sem seinem vorbilde, das er zu erreichen sich bemühte, misst, erkent
man, wie tief er steht. In seinen geistlichen liedern zeigt er durchaus
keine sonderliche begabung und überragt nirgends das durchschnitsmass
der religiösen lyrik jener tage. Aber auch seine gelegenheitsgedichte
sind recht steif und ungelenk. Wie sauer ihm die arbeit geworden
ist, die verse zusammen zu leimen, lässt sich aus seinen eigenen Wor-
ten ersehen (s. L53 der ausg. Fischers):
Wie eine Tochter ptlegt viel Thi'änen zu vergiessen,
Wenn jhr der bleiche Todt den Vater hingerissen:
So weinen Sie (näml. die musen) vmb Euch, und lassen Keinen für,
Man klopffe was man wil an ihrer Pindus Thür.
Ich hab' ohn' vnterlaß bej^ Ihnen angeschlagen,
Vnd umb ein Lied gefleht. Euch würdig zu beklagen:
Doch hat für dieses mahl mir niemand auffgethan,
Weil keine, was ich klopff' und bitte, hören kan.
Es fehlt auch sonst nicht an stellen in den leichengedichten, in
denen er ganz ähnlich wie hier sein Unvermögen mit seinem grossen
schmerz entschuldigt, vgl. z. b. s. 160 z. 109 fgg. Überall erkennen
wir, wie es ihm an Originalität mangelt und wie er nur mit der gröss-
ten mühe die gedanken zusammenbringt. Für die leichengedichte wer-
den daher die psalmen geplündert und recht hässlich ist es, wenn die
verwässerten psalmworte durch Titzs magere umkleidung hindurchschei-
nen, so z. b. die worte des neunzigsten psalms, den Titz auch einmal
' paraphrasiert hat, in dem gedieht s. 167 fgg. AVeiter müssen rheto-
rische hilfsmittel die fohlenden gedanken ersetzen; sehr häufig werden
zu diesem zweck interjektionen, namentlich: 0! eingestreut, z. b. s. 166:
0 Wol! 0 wol gekämpft! 0 Wol! 0 wol gerungen!
0 seelig grosser Sieg!
Oder s. 169:
0 Freud'! 0 Seehgkeit, die GOtt uns da wird geben!
0 süsse Wonn' und Ruh'! 0 reicher Überfluß!
0 Wollust ohne Ziel! 0 hochgewünschtes Leben.
Ebenso werden in ganz unsinniger weise anaphern angehäuft,
z. b. s. 205 fgg. z. 85 — 105. — Das gleiche, w^as soeben von den trauer-
zu TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN 315
gedieh ten gesagt war, gilt auch von der sonstigen gelegenhoitspoesie
Titzs, die einkleidung ist in den meisten fällen ärmlich, die ausführung
wenig befriedigend. Nur einmal ist es Titz gelungen, ein hochzeits-
gedicht zu schaffen, das man wirklich mit vergnügen liest. Es ist dies
das gedieht: Poetisches frauenzimmer (s. 113fgg.), welches, an ein anti-
kes Vorbild anknüpfend, durch das derbe und treffende des ausdrucks
und durch die formelhafte widerkehr der gleichen strophe unwilkür-
lich an das sechzehnte Jahrhundert gemahnt.
Hin und wider wird auch in Opitzs weise das lob eines heiteren
und massigen lebensgenusses verkündet und der dichter fordert auf,
die stunde zu geniessen, da das menschenleben sich rasch seinem ende
zuneige. Opitz selbst ist in einer reihe von gedichten besungen wor-
den; zunächst finden wir eine lobschrift auf ihn, in welcher Opitz in
den üblichen hyperbeln gefeiert wird: er ist der deutsche Maro und
Catull, Petrarcha muss vor ihm schweigen, Ronsard und Sannazar,
„wie hoch sie sind gelehrt", bekanten doch, dass Opitz der lorbeer-
kranz zukomme; in ähnlichen lobhudeleien ergeht sich ein epigramm
auf Opitzs bild; den sclüuss machen einige klagegedichte und eine
grabschi'ift. — Natürlich hat er auch unmittelbar an dichtungen Opitzs
angeknüpft und sein hochzeitsgedicht (s. 134):
Phyllis saß in tieffen 8chmertzen
An der stillen Myrten See,
ist zu den bei M. v. Waldberg (a. a. o. s. 115 fgg.) zusammengestelten
nachahmungen von Opitzs liede: „Coridon, der gieng betrübet — An
der kalten Cimbersee" noch hinzuzufügen.
Ausser den Übersetzungen aus dem niederländischen weist die
vorliegende ausgäbe auch Übertragungen aus der neulateinischen litte-
ratur auf. Da Titz selbst als lateinischer dichter eine grosse frucht-
barkeit entwickelt hat, so wäre die frage aufzuwerfen, ob sich einflüsse
der neulateinischen poesie nicht auch in seinen selbständigen dichtun-
gen nachweisen lassen. Man gestatte mir, dass ich auf diesen punkt
hier etwas näher eingehe; die ein Wirkung der neulateinischen dichtung
auf die deutsche poesie des siebzehnten Jahrhunderts ist viel bedeuten-
der und umfangreicher als man gemeiniglich annimt; ich gedenke, die
lateinische dichtung Deutschlands im fünfzehnten und sechzehnten Jahr-
hundert mit ausschluss des dramas monographisch zu behandeln und
werde dabei auch auf diesen gegenständ näher einzugehen haben.
In der tat treten auch in Titzs selbständigen dichtungen die nacli-
wirkungen der neulateinischen dichtung bedeutend hervor. Wenn Titz
316 ELLINGER
z. b. in seiner aiifforderiing zum Türkenlmeg (s. 215 in Fischers ausg.)
ausruft :
Weg, hinweg mit solchen Kriegen,
Mit den Jammer-vollen Siegen,
Da ihr selbst einander freßt,
Da ihr armen Euch verzehret,
Und weit mehr, als Dürr' und Pest,
Eure Länder selbst verheeret!
so spricht er damit einen gedanken aus, der in der neulateinischen
dichtung überaus häufig widerkehrt. Fast in allen ermahnungen zum
Türkenkrieg, wie sie die neulateinische litteratur des sechszelmten Jahr-
hunderts, namentlich in Deutschland, in so grosser fülle aufzuweisen
hat, finden wir beständig — und zwar meist wie hier, am anfang — die
bitte, Deutschland solle sich nicht länger in bürgerlichen kriegen selbst
zerfleischen, sondern seinen kriegerischen mut gegen die Türken keh-
ren. Man vergleiche, um nur ein beispiel anzuführen, die Imperatores
Turcici von David Pfeifer ans Leipzig (Basel o. j.; das einleitende
gedieht von Caspar Bruschius nent das jähr: 1550), s. 31:
Europae regina mihi Germania dicas.
In tantuni quis te dedecus error agat?
Yt tua tarn saeuo des membra uoranda latroni,
Ceu rernm nolis amplius eße caput.
Per laudes generosa tuas, per sceptra precamur,
Si non uis alijs parcere, parce tibi.
Dumque potes, foedos a deo compesce furores,
Nee proprias armes in tua Ma manus.
Mutua terrigenao miscentes praelia fratres,
Inuicti dextris procubuere suis.
Deformem traxit ciuili Marte ruinam,
Vrbs, per qnam flauas Albula noluit aquas.
Aber weit mehr noch als in diesem gedieht tritt der einfluss der
neulateinischen dichtung in der ode hervor, welche Titz der übersetznng
eines lateinischen gedichtes von Heinsius beigegeben hat ^ In ihr wird
ein gedanke behandelt, der von den neulateinischen dichtem bis zum
überdruss in allen tonarten variiert wird, dass es nur die dichtkunst
ist, welche dem menschen unsterbliches leben verleiht, oder, wie es
Titz in dem refrain seiner ode ausdrückt:
Die Musen machen, dass der Mann,
Der Lob verdient, nicht sterben kann.
]) Dasselbe steht auch in Alberts arien, s. 206 der ausgäbe von Fischer.
zu TITZS DEUTSCHEX GEDICHTEN 317
Es ist nicht meine aufgäbe, die unzähligen Zeugnisse für die
beständige widerkehr dieses gedankens bei den neulateinischen dichtem
hier zusamnicuzutragen, schon die anführung der stellen aus den bedeu-
tenderen dichtem, aus Celtis, Busch, Micyll, Eoban Hesse würde zu
viel räum in ansprach nehmen. Nur auf zwei tatsachen sei noch hin-
gewiesen. Einmal, dass auch die einzelheiten in den ausführungen
Titzs aus der neulateinischen poesio stammen; so ist es z. b. ein fort-
während gebrauchtes argument der ISTeulateiner, dass die zeit alles zer-
störe, nur den rühm nicht, den der dichter verliehen. Str. 9 singt
Titz (s. 229): Wo könt jhr jtzt gefunden werden,
Carthago, Babylon, Athen?
Auch Rom, du Königin der Erden,
Die du doch soltest Ewig stehn?
Die Musen machen, dass der Mann,
Der Lob verdient, nicht sterben kann.
Dazu vergleiche man eine stelle in dem widmungsgedicht zu den
oben erwähnten Imperatores Turcici von David Pfeifer, s. 8:
Quis noßet Thebas? doctas quis noßet Athcnas?
Persaeas altae quis Babylonis opes?
Haec nisi diuini celebrassent oppida Yates
Quorum perpetuas res facit eße labor.
Weiter ist hervorzuheben, dass namentlich die neulateinischen
dichter Ost- und Westpreussens auf diesen gedanken beständig zurück-
kommen und ihm in mannichfachster weise ausdruck geben, so dass
wir hier eine ganz unmittelbare beziehung zu Titz erhalten. Man vgl.
z. b. folgende worte des Georg Sabinus, Elegiarum über I. 1. (s. 3 der
ausg. von 1606):
Carmine laudati vivunt post funera reges;
Carmine notitiam posteritatis habeut.
Quis nunc Aeacidae mavortia nosset Achillis
Facta, nisi illustri carmine nota forent?
Dulichio nomen regi famamque perennem
Smyrnaei tribuit nobile vatis opus.
Vgl. Titz a. a. o., str. 12 s. 229:
Wer könte von Aleides wissen.
Wenn jhn nicht aus der langen Nacht
Der Musen Yolck hätt außgerissen,
Vnd biß auf vnser Zeit gebracht?
Wie diese idee in den köpfen der neulateinischen dichter Preussens
sich festgenistet hatte, können wir an der hartnäckigkeit mit boobach-
318 ELLINGER
ten, mit welcher z. b. Andreas Miincer aus Elbing in seinem kleinen
büchlein: Elegiarum libri tres (Königsberg 1550) immer wider auf die-
selbe zurückkomt. Ebenso wie oben Sabimis ruft er II. 1 aus:
Fortia nam ueterum quis nosset facta uirorum,
Quotquot in hoc mundi continet orbe polus,
Quis Fabios, quis Scipiadas, te denique Caesar,
Aut sciret nomen magne Camille tuum?
Si non carminibus seruassent talia uates,
Doctorumque super non monumenta forent.
Und ein ganz ähnliches versprechen, wie es Eoban Hesse Erfurt gege-
ben, gibt unser dichter seiner Vaterstadt Elbiug, HL 1:
Mantua si celebris cum uate Marone superbit,
Laudat ut Andinum gloria sera nemus,
Pelignis gaudet si patria Sulmo Camoenis,
Maeonias iactat si quoque Smyrna Deas,
Seu quos praeterea praestantes orbe Poetas
Cum priscis aetas temporis huius habet,
Sic uos (si magnis licet haec componere parua)
Laus manet a quali carmine cunque meo.
Diese hervorhebung der macht des dichters geschah bei den Neu-
lateinern zuweilen ohne nebenabsicht, in den meisten fällen aber hatte
dieselbe die ausgesprochene absieht, irgend einem mäcenaten einzuprä-
gen, wie nützlich und notwendig es sei, die dichtkunst im algemeinen
und den betreffenden dichter im besonderen zu begünstigen, da der
dichter kein geringeres gegengeschenk verleihe als die Unsterblichkeit.
Um bei den oben angeführten preussischen dichtem zu bleiben, so
lässt Sabiuus in dem citierten gedieht (I. 1 s. 2 fg.) seine muse den so
vielfach von den neulateinischen dichtem Brandenburgs, Preussens und
Sachsens gefeierten HohenzoUern, den erzbischof Sigismund von Mag-
deburg, folgen dermassen anreden:
Musa sed inprimis hic te mea laudibus efFert;
Nobile crebra tuum pagina nomen habet.
Nam tua majores virtus quae praeterit omnes,
Altius in coelum laude vehenda fuit.
Si quis Erythreas gemmas donavit et aurum,
Hand meliere carmine dona dabit
Yt tua morte careus vivat post funera virtus,
Nostra tibi princeps et monimenta dabunt.
His mihi pro meritis quae praemia digna rependes,
üratia si Musis est roferenda meis?
zu TITZS DEUTSCirEN GEDICHTEN 319
Ganz ähnlich apostrophiert Andreas Müncer IL 1 a. a. o. seinen mcäce-
naten: Dumquo foues paßim pulsas Helicone camoenas,
Et suniptu nutris docta lycea tuo
Aoternam statuet tibi laudem fama perennis,
Extingui quae non qiialibet arte queat:
Hinc toa certatim cantabunt nomina, quotquot:
A superis uatum pcctora numen habent.^
Das gedieht Titzs gehört zu der ersten gattiing, welche die macht
der poesie ohne eine besondere nebenabsicht herausstreicht. Dass aber
auch die andere, Aveit häufiger auftretende art, in der deutschen dich-
tung dos siebzehnten Jahrhunderts fortlebt, soll hier nur an einem bei-
spiel nachgewiesen werden. In M. David Trommers Nickerischer
poesie (Dreßden 1670) findet sich ein gedieht an einen herrn G. von
Beuchlingen, dessen gedankengang durchaus den eben angeführten aus-
lassungen der lateinischen dichter entspricht, s. 149 fgg. Man vergleiche
Strophe 6 des gedichtes:
Was der Höchste mir verliehen.
Das zwar wenig ist nnd schlecht,
1) Das klassische Vorbild für diese hervorhebung der macht des dicht^TS mit
der bestimten absieht, irgend einen vorteil dadiu-ch zu erreichen, ist wol Tibull I. 4;
"-'■ ^SS-- Pieridas, pueri, doctos et amate poetas,
Aiirea nee superent muuera Pieridas.
Carmine piupurea est Nisi coma: carmina iii siut,
Ex humero Pelopis non nituisset ebiu\
Quem referent Musae, vivet, dimi robora tellus,
Dum caelum Stellas, dum vehet amuis aquas.
Atqui non audit Musas, qui vendit amorem,
Idaeae currus üle sequatur Opis
Et tercentenas erroribus expleat urbis
Et secet ad Phrygios vilia membra modos.
Von sonstigen klassischen Vorbildern für die betommg der macht des dichters
komt vor allen dingen das von Celtis fast wörtlich nachgeahmte wort des Lucau (9, 980)
m betracht: q sacer et magnus vatum lal)or, omnia fato
Eripis et donas populis mortalibus aevmn.
Wenn Titz s. 230 str. 13 sagt:
Meiustu, dass vor Achilles Zeiten
Kein kühner Held gewesen sey?
Doch weiss man nichts von ihren Streiten,
Weil kein Poet nicht war dabey.
so braucht wol nicht darauf hingewiesen zu werden, dass er dabei unter d(3m eiu-
fluss der so vielfach nachgeahmten stropho des Horaz steht, Od. IV, 9, 25: Vixere
fortes ante Agamemnona.
320 ELLINGER
Soll Dm ans dem Grabe ziehen;
Uns ertheilt man dieses Eecht.
Was geschickte dichter schreiben,
Das muß ewig ewig bleiben.
Und die schlussstrophe :
Bleibe ferner mir ergeben,
Mein geehrter Macaenat;
Bleibe meiner Musen Leben,
Meiner Musen Hertz und Rath,
So versprech ich deine Sachen
Noch den Leuten kund zu machen.
Man verzeihe mir, dass ich bei diesem gegenstände so lange
verweilt habe, aber es erschien mir nicht ganz imnötig, an einem kon-
kreten falle zu zeigen, wie bedeutend der einfluss war, den die neu-
lateinische dichtung auf die deutsche poesie des siebzehnten Jahrhun-
derts ausgeübt hat und dass man zur feststellung desselben ein anderes
verfahren einschlagen muss, als es bis jezt da geschehen ist, wo man
hin und wider auf diesen einfluss aufmerksam gemacht hat. Man hat
sich, wo das leztere geschehen ist, begnügt, zu zeigen, wde einzelne
Neulateiuer von den deutschen dichtem des siebzehnten Jahrhunderts
übersezt und nachgeahmt worden sind; es ist aber von weit grösserer
wiclitigkeit, nachzuweisen, wie die beständig widerkehrenden hauptmo-
tive der neulateinischen dichtung nun auch in die deutsche dichtung
des siebzehnten Jahrhunderts übergehen. —
Äusserlich offenbart sich dieser Zusammenhang Titzs mit der neu-
lateinischen dichtung ausser in seinen eigenen lateinischen versuchen,
in seinen Übersetzungen. Er hat ein stück aus Daniel Heinsius über-
sezt und er hat weiter seine kraft an einem der bedeutendsten neu-
lateinischen dichter zu erproben gesucht, an den epigrammen des Eng-
länders Johannes Owen.
Owen ist der begabteste und individuelste der neulateinischen
epigram matiker. Wie tief z. b. stehen die neulateinischen epigramma-
tiker Frankreichs unter ihm. Das gleiche lässt sich von den Italienern
sagen und noch weniger vermag Deutschland einen epigrammatiker
aufzuweisen, der ihm durchaus gleichzustellen wäre, auch Euricius Cor-
dus erreicht Owen nicht. Überschaut man nun die epigramme Owens
in ihrer gesamtheit, so muss mau allerdings zugestehen, dass nicht alle
auf gleichen wert ansprach machen können; die üblichen Spielereien
der Neulateiner, die uns nicht mehr scherzhaft erscheinen, finden sich
auch hier, Wortspiele sind wie natürlich sehr stark vertreten, und wenn
zu TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN 321
sie zuweilen auch recht geistreich sind, so kann man ilmen andrerseits
ebenso häufig dieses lob nicht erteilen (man vgl. z. b. I. 37, ich eitlere
nach der ausgäbe Breslau 1658). Owens epigramme müsten, wenn
ihnen eine eingehendere betrachtung zu teil werden solte — und sie
verdienen eine solche durchaus — im einzelnen nach ihren Stoffen
gruppiert werden. Körperliche gebrechen werden sehr häufig verhöhnt,
namentlich die kahlköpfe müssen herhalten. Neben den körperlich mis-
gestalteten dienen insbesondere die hahnreie und pantoffelhelden zur
Zielscheibe des witzes. Recht vergnüglich ist es, wenn die katholikin,
die einen Protestanten heiratet, sich bloss den freien Avillen vorbehält
(11. 47, vgl. auch IL 54), oder wenn Pontius meint, man solle alle
gehörnten ehemäimer ins meer werfen imd seine frau ihm den guten
rat gibt, in diesem falle erst schwimmen zu lernen (I. 68). Ebenso
werden auch die laster gegeisselt, der geiz, die bestechlichkeit der rich-
ter (s. 78 nr. 23). Die gewöhnlichen stichblätter der satire, ärzte und
Juristen, werden beständig durchgezogen (vgl. z. b. I. 15. I. 71. I. 80.
Hübsch ist das epigramm s. 128, 11: Furtimi non facies; Juristae scri-
bitur haec lex — Haec, non occides, pertinet ad Medicum; ähnlich
die bemerkung s. 138, 86 von dem arzt Cinna, der seine kranken nicht
lange leiden lässt). Auch die prediger werden nicht verschont, sie
werden aufgefordert, sich erst selbst zu bessern, ehe sie andre zu bes-
sern versuchen (III. 47), und über Rom macht Owen den, allerdings
schon von Euricius Cordus vorbereiteten, hübschen witz, dass dort nicht
Peti'us, sondern Simon hersche (s. 128, 8).
Befinden wir mis hier überall auf bekantem gebiet und begegnen
wir überall den ti-aditionellen gegenständen des epigramms und der
Satire, so zeigt sich der dichter in anderen epigrammen bei weitem
selbständiger. So wenn er die neutralität des feiglings verhöhnt, der,
wenn Pompejus siegt, Pompejaner, w^enn er unterliegt, Cäsarianer ist
(s. 88, 105). Oder wenn er das litterarische Verbrüderungswesen, die
gegenseitigen lobhudeleien geisselt, wozu er, was die neulateinische
dichtung betiift, allerdings alle veranlassung hatte: Marcus lobt mich in
seinen versen; was gilts, er tut das, damit ich ihn wider lobe. Ton
scharfem witz zeugen viele der agressiven epigramme, die zum teil
unmittelbar persönlicher veranlassung, ihre entstehung verdanken mögen.
So z. b. wenn er I. 33 dem Marcus zuruft: Warum leugnest du, dass
es in der natur ein vacuum gibt, da doch dein köpf für die existenz
eines solchen den besten beweis liefert?
Indessen nicht immer schreitet der dichter in den epigrammen
zum angriff auf personen oder richtungen. Auch die blosse betrachtung
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 21
322 ELLINGER
und die sentenz machen sich geltend. Manche epigramme sind in Wirk-
lichkeit nur Überschriften, die einen gegenständ in kurzen zügen nach
seinen wesentlichen bestand teilen zu charakterisieren suchen, z. b. die
einzelnen sinne. Unter den rein betrachtenden epigramiuen sei auf fol-
gendes schöne wort verwiesen (s. 112 Monosticha ethica et politica, 3):
Nunquam vera fuit charitas, quae desiit esse: — Nam nullus veri finis
amoris erit. Hierher gehören auch diejenigen epigramme, die sich über
fragen des Staatslebens oder die notwendigen eigenschaften des fürsten
verbreiten. Nichts schlimmer für den Staat, als die Ungerechtigkeit,
denn sie reisst häuser und mauern ein (Monosticha, 60). Yor dem
regiment eines alzujungen herschers warnt er eindringlich (ebda, 57).
Dem herscher selbst empfiehlt er als die besten künste gerechtigkeit
und liebe; das sind die waffen, gegen die man nichts ausrichten kann
(ebda 51). Er warnt ihn vor den Schmeichlern (ebda, nr. 73: Blan-
dus adulator ßegum ccrtissima pestis. — Haec gaudet sanctos perdere
saepe viros.) und macht ihn auf die ungeheuere Verantwortung aufmerk-
sam, die auf ihm liege, da das volk sich in seinem wandel nach dem
fürsten zu richten pflege (ebda 72: Si studia et mores populi cogno-
scere curas; — Res facilis: vitam Principis inspicies.).
Sein eignes lebensideal entwickelt der poet, der in diesem punkt
wol aus der not eine tugend macht, indem er die genügsamkeit preist
(Monost. 34 und 81). Nicht der ist glücklich, der viele äcker besizt,
sondern reich ist der, dem einer genug ist (ebenda 67). Der einzige
wirkliche reichtum aber ist die tugend (Monost. 36), und mit einem
bei den Neulateinern sehr häufig Aviderkehrenden gedanken ^ weist Owen
1) Mau denke z. b. au Murots ei^igramm an Marius Crucius:
Forma aetate perlt: vires aetate fatiscunt,
Casibus iumuneris eripiuutiu' opes:
Una, Mari, est virtus, quam non vis temporis aufert,
Nou premit indigno sors inimica pede.
Uua suos invicta perennibus inserit astris,
Fortuuae imperio liberat una suos.
Haue seqiiere. lusani est i)Ostj)onere finna caducis,
Yeraque quae bona siuit, spernere-, falsa sequi.
Aiicli Ijei Conrad Celtis kehrt der gleiche gedanke häufig wider, ^■gl. z. b. Auio-
res IV. l.T):
Diuitiae, luxus, dominatio, gloria, honores,
Forma, genus, mores et gemebundus amor,
Omuia terra suis sepelit conditque cauernis
Et toto (certum est) constat in erbe nihil.
Sola immortalis probitas viiiusque sub orbe est
Et qiiae posteritas carmina docta jjrobat.
zu TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN 323
darauf hin, dass alles vergänglich sei und nur die tugend und das wis-
sen unsterblich seien:
Omnia dispereunt, mundo quae pulchra videntur;
Divitias subito sors inimica rapit.
Perpetuo durat virtus doctrinaque rerum,
Inque illam sors nil, quod dominetur habet,
Haec tibi sola potest laudenKjue, decusque parare,
Te facit haec veris deliciisque frui.
Hunc, studiose puer, \dgili tibi quaere labore,
Hec tibi prae cunctis sit potiore loco.
Wenn du weise bist, hast du mehr schätze als Crösus; der weise
ist niemals arm (Monost. 37). Und nicht ohne stolz verkündet der dich-
ter beständig den rühm der gelehrsamkeit und des wisseiis: Alexander
war der grosseste der könige, Aristoteles der weiseste der weisen; gross
Alexander, grösser Aristoteles. Der weise machte Alexander besser,
der grosse konte Aristoteles nicht grösser machen.
Aber nicht so sehr auf den bisher besprochenen epigrammen
beruht das Interesse, das man diesem merkwürdigen dichter entgegen-
bringt; es gründet sich vielmehr auf eine an zahl von gedieh ten, in
denen man spürt, wie der dichter selbsterlebtes mit bitterkeit ausspricht
und die ihrem Inhalt und ihrer form nach ziemlich isoliert in der neu-
lateinischen poesie dastehen. Man kann es dem vielumgetriebenen poe-
ten glauben, wenn er versichert, der anfang der liebe sei süss, das
ende aber bitter, fröhlich pflege Yenus zu kommen, traurig davon zu
gehen. „So sind die wellen süss, so lange sie noch dem meere ent-
gegenstreben, aber bitter, sobald sie sich mit seinen fluten gemischt
haben." — Und die not und das elend, die schweren schicksalsschläge,
die Owen erduldet, spiegeln sich in einer reihe von epigrammen wider,
deren pessimismus von einer tief verdüsterten Stimmung zeugt. Nicht
allein, dass er mit seiner zeit nicht zufrieden war und derselben die
tage der altvordern gegenüberstelte dass er sein eignes Zeitalter nur
für ein 6pigonenzeitalter hielt, das vom überlieferten kapital zehre und
nur ein echo der früheren zeit sei — auch das ganze, beständig zwi-
schen furcht und hofuung schwebende menschenleben erschien ihm
ziel- und zwecklos, „das menschenherz nichts als sorge, das fleisch
nichts als ein trauriger cadaver; geboren werden ist krankkeit, das
leben ein beständiger tod." Und den gesamtinhalt des mensch enlebens
sucht er folgendermassen zusammenzufassen: „dem untergange zugeneigt,
um niemals wider zum aufgange zu kehren, lebe ich heute, morgen
werde ich sterben und gestern ward ich geboren." —
21*
324 ELLINGER
Es würde eine lohnende aufgäbe sein, Owens nachwirkung in
Deutschland zu verfolgen. ISToch im achtzehnten Jahrhundert vermögen
wir dieselbe zu erkennen; es ist bekant, dass Lessing durch Owen
beeinflusst worden ist. Ja selbst im neunzehnten Jahrhundert scheinen
noch töne aus Owens melodieen nachzuklingen. „Die zeit, die man
nicht schläft, hat man dem tode abgewonnen" sagt Grabbe in Don
Juan und Paust; Owen: „Wenn der schlaf nichts ist als tod und
der tod nichts als ein schlaf, so lebe ich um so weniger je mehr
ich im leben schlafe" (III. 140). Und wenn Heinrich Heine witzelt:
„Leben bleiben wie das sterben für das vaterland ist süss", so fin-
det sich auch liier etwas ähnliches schon bei Owen: Pro patria sit
dulce mori licet atque decorum; — Yivere pro patria dulcius esse puto
(I. 48).
Für uns komt hier nur das siebzehnte jahi-hundert in beti-acht.
Owen war in Deutschland während des siebzehnten Jahrhunderts unge-
mein beliebt;- von den deutschen dichtem dieser epoche wird er
citiert, ganz besonders häufig z. b. von Mosch erosch. So ist es nicht
wunderbar, wenn bald Übersetzungen Owenscher epigramme auftau-
chen. Die erste ist freilich schlecht genug. Es ist die Verdeutschung
einer auswahl von epigrammen in reimpaaren (Embden 1641. 8. Goe-
deke, III-, 232). Der Übersetzer, Bernhardus ISTicaeus Ancumanus, die-
ner am werte gottes zu gast, hat sein buch den borgmeistern, rahts-
herrn und secretariis der Stadt Embden zugeeignet, damit diese seine
Übersetzung gegen „alle zoüitische anbellende hünde, lautschreyende träge
esel, und gruntzende wülende seh weine" beschüzten. Der herr pfarrer
hatte eine solche Verteidigung allerdings nötig, denn seine Übersetzung
konte sich nicht selbst verteidigen: sie zeugt sowol in der widergabe
der gedanken als in der handliabung der poetischen form von einer
gradezu unglaublichen plumpheit. Nur einige epigramme sollen zur
rechtfertigung dieses Urteils hier folgen. S. 9 nr. 18. Dixit Anaxagoras
atram esse Nivem, gravis Autor: — Haec aetas multos vidit Anaxa-
goras; — Laudavit niveas Corvi Yulpecula pennas: — Hei mihi, quot
Yulpes secula nosti-a ferunt! Das übersezt Mcäus Ancumanus folgen-
dermassen :
Der weise Anaxagoras,
Durfft sagen, daß der sehne war schwartz
Wie viel der Anaxagoren
TImt man zu dieser zeit finden!
Der lose Euchß erhub mit preiß
Des schwartzen Raben Feder weiß:
zu TITZS DEUTSCHKN GEDICHTEN 325
Wie findt man heut zu dieser frist,
So viel der Fuclißen voller listl^
Oder s. 10 cüe Übersetzung des epigramms De Bardella, latrone
Mantuano: Bardellam solans Monachus in morte latronem, — Euge,
tibi in Coelo Coena paratur, ait, — Respondet Bardella; Hodie jejunia
servo, — Coenabis nostro, si lubet, ipse loco.
Als Biirdelläm, den Murdr elend,
Ein Mörmich tröst am letzten end.
Und sprach: Ey lieber förcht dich nicht,
Dir wird im Himmel zugericht
Das Abendmal, mit süßm Willkomm:
Antwort Bardella: Lieber Herr Ohm,
Für mich jhr mögt, gliebts euch, dort gast
Zu Abend seyn, dann heüt ich fast.
In der gleichen elendigkeit und verballhornung geht es weiter
fort. Nur noch zwei beispiele. S. 169 nr. 316 das epigramm Ad
Marianum: Oderunt peccare boni virtutis amore, — Sunt igitur pauci
nunc, Mariane, boni. — Im probitas tanti, probitas tam denique parvi
— Penclitur; ut probrum pene sit, esse probrum. Die Übersetzung:
Aus Lieb zur Tugend die Frommen Sund
Und Laster hassn von hertzn grund:
Darumb auch heüt zu dieser stundn
So wenig Fromme werden fundn.
Es wird Untugend so hoch geacht,
Dagegen Tugend so gar veracht:
Daß nunmehr für ein grosse schand
Man acht, ein fromm Mann seyn genant.
Schliesslich noch das epigramm: Luxus Ingenium et mores perdit.
Nil lethale magis, quam luxu perdere mores: Haec pestis juvenum est
1) Ziu' vergieicliung sei eine andere Verdeutschung dieses epigramms aus dem
17. Jahrhundert hierher gesezt; sie rührt von Joh. Franck her, der ebenfalls einige
gedieh te Owens ühersezt hat (Johann Frauckeus Poetischer "Werke Fünftes Buch,
nr.XC s. 362):
Der Anaxagoras, ein Mann von hohen Sinnen,
Gab für als wenn der Schnee gantz Kölsch wartz solte seyn;
Ich wettete wol drauff, imd wolt' es auch gewinnen,
Es stmimen heute viel mit dieser Meinung ein.
Der Fuchß der lobt' einmal den schönen weissen Eaben:
Ach warlich wo wü' itzt betrachten imsre Zeit;
So werden wir bey uns viel solcher Füchße haben,
Die wegen frembder Gunst zu lügen seyn bereit.
326 ELLINGER
saevior ingeniis. Das kurze gedieht wird von Nicaeus Ancumanus
ganz unbillig auseinandergezert (S. 310, nr. 552).
Nicht tödlichers kan seyn auif Erdn,
Als wenn die gute Sitten werdn
Durch Schlemmerey zu nicht gemacht:
Die grausam Pest hat auch gebracht,
Yiel Junger Leut umb jhrn verstand,
Die sonst dient hetten Leüt und Land.
Während der diener am werte gottes zu gast sich in spräche und
metrik an die schlechtesten traditionen des sechzehnten jahrhunders
anschloss, gieng Yalentinus Loeber, „der Artzney-Kunst Ergebener" in
den spuren der neueren richtung der poesie. „Es ist gewagt, der berg
ist erstiegen", ruft der Übersetzer in der vorrede freudig aus, „Avie
rein und gut die arbeit sey, wirstu, in teutsch geübter leser, bald
vermercken können. In dolmetschung dergleichen ist mir vorgangen
der berühmte und fleissige Opitius, der nicht allein die Trojanerin, des
Catonis Zweiversche v. a. m. sondern auch viel Yberschriften des Mar-
tialis übergeti'agen."
Henricus Löber hat in seinem deutschredenden Owenus (Hamburg
1653, vgl. Goedeke a. a. o.) fast alle epigramme Owens übersezt und
nur hm und wider ein oder das andere ausgelassen. Natüi'lich ist in
seiner Übersetzung der fortschritt zu constatieren gegenüber der zulezt
besprochenen. Aber immer noch lässt die Übersetzung vieles zu wün-
schen übrig. An die stelle der reimpaare in Nicäus Ancumanus mach-
werk sind hier die Alexandriner getreten und es liegt auf der band,
wie wenig dieses metrum geeignet ist, die knapheit und prägnanz des
distichons zu ersetzen. So geschieht es in sehr vielen fällen, dass ent-
weder der gedanke Owens in ungebülirlicher Aveise auseinandergezert
oder dass, wenn der Übersetzer ein distichon in zwei Alexandrinern
widergibt, dasselbe fast ganz unverständhch wird.
Löbers deutschredender Owenus ist wol die bekanteste der Owen-
übersetzungen des siebzehnten jalu'hunderts. Weniger bekant ist die
anthologie der Übersetzungen Oweuscher epigramme, welche Gottfried
Eeinler seinem poetischen Lust-Gärtgin (Zeitz 1677) einverleibt hat
(s. 146 — 150, s. 169 — ^179). Auch Feinler hatte, wie es scheint, ein
besonderes Interesse an der neulateinischen litteiatur; er hat in seinem
Lust-Gärtgin auch andre stücke neulateinischer dichter übersezt, darun-
ter ein von Georg Sabinus nach Lucian entworfenes gespräch zwischen
Venus und Amor. Auch die in der neulatemischen dichtung Deutsch-
zu TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN 327
laiuls ungcniein häufig widerkehreude form der Micae bibliacae (ura-
schreibungen oder ausdeiitungen einzelner biblischer worto oder Situa-
tionen in ganz kurzen gedichten), die überhaupt aus der neulateinischen
litteratur in die deutsche dichtung des 17. Jahrhunderts gekommen zu
sein scheint, finden wir bei ihm. Seine Übersetzung steht etwa auf
dem Standpunkte der Löbers. Zuweilen gelingt es ihm, den gedanken
des lateinischen dichters erträglich widerzugeben; sehr häufig verball-
hornt er auch seine vorläge mit unerhörter plumpheit. Eür beides nur
einige beispiele:
S. 149. (Owen s. 170.)
Der Weg ist breit genung, der runter pflegt zu führen.
Die Höllen -Bahn ist Avohl gebahnt und selten leer,
Man kömmt hier leichtlich fort; und wenns ein Blinder Avär,
So könte er sich aus dem Wege nicht verKehren.
S. 147. (Owen s. 69.)
Den wolgeplagten Job, durch Göttliches Geschicke
Und Satans argen Keid, betraft' diß Ungelücke:
Ihm ward verlohren Gut, und Rind- und Kinder -Häuft';
Ja, sein gesunder Leib gieng Ihm auch endlich di'auff.
Es war nichts übrig mehr, als seines Hertzens- Grämen,
Sein ungezognes Weib, die wolte niemand nehmen:
Die, die verdoppelt' ihm die schwere Creutzes-Last
Ihr Hohn- Gespräche ließ ihm weder Ruh noch Rast.
S. 170. (Owen s. 114.)
Das allzu viele und das grausam -wilde Lachen
Kan einen Menschen selbst zu einen Thoren machen:
Der angenehme Schertz gescheh zu rechter Zeit,
Doch sonder Mund-Geschrey, mit schöner Höffligkeit.
Natürlich ist es an dieser stelle unmöglich, auf alle diejenigen
deutschen dichter des siebzehnten Jahrhunderts einzugehen, die einzelne
epigramme Owens verdeutscht haben. Die grosse reihe der namen
aufzuzählen, hätte sicherlich keinen zweck und wir wollen deshalb
sogleich zu der lezten umfänglichen Owen -Übersetzung übergehen, die
wir zu besprechen haben, das sind die Florilegü Oweniani Centuria I
und II von Titz. (1643 und 45.) Sie ist der zeit nach, in der sie
erschien, nicht die lezte und wir haben die vorher besprochenen Über-
setzungen nur vorausgeschickt, um ilu'en wert durch vergleichung mit
ihren mitbewerberinnen festzustellen. Titz gibt ebenfals nur eine aus-
wahl der epigramme Owens und man kann nicht in abrede stellen.
328 ELLINGER, ZU TITZS DEUTSCHEN GEDICHTEN
dass er vom Standpunkte der deutschen dichtung des siebzehnten Jahr-
hunderts aus die gelungensten epigramme Owens recht geschickt zusam-
mengestelt hat. Für die sclunerzliche ironie eines tief verwundeten
gemütes fehlte es diesen podanten, die in selbstzufriedener und selbst-
genügsamer heiterkeit von ihrem niuseum aus die weit betrachteten,
an jedem Verständnis. Darum hat sich der biedre Titz auch sehr wol
gehütet, sich an eine Übersetzung derjenigen epigramme zu machen, auf
denen Owens eigentliche bedeutung beruht; wo er doch einmal ein
solches Wagnis unternimt, scheitert er gründlich, man vergleiche z. b.
s. 260: Nur Ein Weg zeiget uns das Leben; viel der Tod.
0 wol! der tod ist gut; das Leben Müh und Noth.
Soll man nun über Titzs Übersetzung im ganzen ein urteil fällen,
so bleibt es im wesentlichen bei dem gleichen urteil, welches über
Löber und Feinler gefält worden ist. Zuzugeben ist nur eins: in
einigen wenigen fällen ist es Titz gelungen, das Owensche epigramm
gut widerzugeben. Das gilt z. b. von dem epigramm I. 80 (bei Titz
I. 22), welches man bloss mit der ungelenken und durch ihre unge-
schicktheit ganz unverständlich gewordenen Übersetzung Löbers zusam-
menzuhalten braucht, um den Vorzug der Titzschen widergabe einzu-
sehen. Der gleiche fall lässt sich dann noch einige male beobachten. —
Bei anderen epigrammen aber überwiegt wieder das ungelenke des
ausdrucks und die ungeschicktheit der widergabe, sie nehmen sich
unerträglicli steif und hölzern ans. Auch werden manche epigramme
in ganz ungebührlicher weise auseinander gezert und es scheint fast,
als hätte Titz das für etwas besonders schönes gehalten. So gibt er
eins der eingangsgedichte Owens (L 2) ganz geschickt folgendermassen
wider: Wirst du dir alles hier, mein Leser, lieb sein lassen,
So ist dein Vn verstand; wo nichts, dein Neid zu hassen.
Er kann aber nicht unterlassen, neben dieser präcisen und ange-
messenen Übersetzung noch die folgende kahle und weitschweifige Ver-
breiterung des epigramms hinzuzufügen:
Wofern du alles das, mein Leser, gut wirst nennen.
Was hier geschrieben ist, so muss ich es bekennen.
Ich schelte deinen Wahn und Unempfindlichkeit:
Gefällt dir aber nichts, so misfält mir dein Neid.
Eine genauere betrachtung der Übersetzungen Owenscher epigramme
im siebzehnten Jahrhundert sowie eine darstellung der einwirkung Owens
auf die selbständige deutsche produktion im siebzehnten Jahrhundert,
behalte ich einer besonderen Untersuchung vor.
BERLIIs. GEORG ELLIXGEE.
329
HEEDEE IM FAUST.i
SchoD Scherer (Goethes frühzeit, s. 75) hat claraul" hingewiesen,
dass bei den offenbar nachträglich eingeschobenen versen des eingangs-
monologs (89 — 93): „Jetzt erst erkenn' ich ... bis „Morgenrot" an
Herder und dessen „Älteste Urkunde" zu denken sei. Der schöpfiings-
bericht in den büchern Moses als erste Offenbarung gottes in der
geschichte ist v. 93 mit dem morgenrot als der ersten Offenbarung got-
tes in der natur verglichen. Nun wird Fausts monolog von v. 169 an
durch die dazwischenkunft AVagners unterbrochen. Das hierauf fol-
gende gespräch^ wii'd herbeigeführt durch des famulus misverständnis,
die in leidenschaftlicher erregung an den erdgeist gerichteten werte des
beiden seien nur eine deklamation, etwa eines griechischen trauerspiels,
und verbreitet sich dann weitläufig über den kanzelvortrag der pre-
diger. Dass hier widerum eine von den später in den text eingeschal-
teten stellen vorliegt, lässt sich von vorn herein mit grosser Wahrschein-
lichkeit vermuten. Jedoch muss dieselbe zu den älteren, bis 1775 ent-
standenen teilen des gedichtes gerechnet werden, da sie bereits in dem
urmanuscript enthalten ist. Im nachstehenden soU nun der beweis
geführt werden, dass die stelle einen direkten ausfluss der bis zum
jähre 1775 verfassten, von Goethe eifrig gelesenen theologischen schrit-
ten Herders, speziell der 1774 erschienenen „ Provinzialblätter " bildet.
»Sie würde hiernach in die zeit von 1774 — 75 zu verlegen sein.
jSTun hat zunächst in bezug auf v. 203: „In denen ihr der mensch-
heit Schnitzel kräuselt" schon Suphan (Goethe -Jahrbuch von 1885,
s. 309) an den gleichklang des ausdruckes „Schnitzel kräuselt" mit
dem „gekräuselten schnitze! werke " aus Herders Provinzialbl. nr. XIV
(Suphans Herderausgabe bd. VH, s. 304) erinnert. Aber jene stelle des
Faust aus den Herderschen werten, aus denen sie jedenfals geflossen
ist, zu erklären, hat man noch nicht versucht. Im zusammenhange
lauten bei Herder die worte: „Aber ob keine andere" (nämlich hand-
habe, um die religion zu beweisen) „wäre? Ihr köntet sie eben vor
eiirem gekräuselten schnitzelwerke nicht sehen: sie steht an
einem anderen ende!" Der ausdruck bezeichnet hier einen zierrat
1) Ygl. Herder als pfarrcr in „Herrn, u. Dorothea", in meinem anfsatze in der
Ztschr. f. deiitsclien unt. jalirg. 87 lieft 1, s. 78 fg.
2) Diese scene hat in dem neuentdeckten „Urfaust" bis auf eine abweichung
in der stelle: „Allein der Vortrag macht des redners glück ..." bereits unverändert
den jetzigen Wortlaut. Am Schlüsse fehlt noch, wie im fragment von 1790, in den
Worten "Wagners vor dessen abgang die hiudeutimg aiif die nachfolgende oster-
tagsscene.
330 IIUTHER
von papicrsclinitzeln, der dio sache selbst verdeckt. Ebenso offenbar
auch in der stelle des gedichtes. „Ihr kräuselt in euren reden der
menschheit (als dativ!) schnitzel" ist ein metaphorischer ausdruck für:
Ihr verhült eiu'en hörern mit worten — so heisst es im vorangehen-
den verse statt reden — das, was ihr sagen wolt; ilir gebt den men-
schen werte; ob auch etwas dahinter steckt, können sie nicht erken-
nen. Der sinn der stelle wird aber nur aus dem zusammenhange der
ganzen partie verstanden werden können. Der dichter begeistert sich
liier in der rolle Fausts für eine gefühlsmässige auffassung der neu-
testamentlichen lehre, welche er in der Herderschen auslegung dersel-
ben fand. Dass er sich gerade diese seite der lezteren angeeignet hatte,
zeigt seine äusserung speziell über Herders Erläuterungen zum neuen
testament^: „Gott weiss, dass das eine gefühlte weit ist! Ein beleb-
ter kehrichthaufen, deine art zu fegen, und nicht etwa aus dem keh-
riclit gold zu sieben, sondern den kehricht zur lebendigen pflanze zu
pahngenesieren." Nur insofern als also auch in unserer scene die
lebendig -praktische auffassungsweise der bloss theoretischen gegenüber-
gehalten wird, konte dieselbe dem vorangehenden monolog angereiht
werden.
Hier nur die hauptsächlichsten stellen, welche direkt aus den
Herderschen Schriften erhelt werden.
Zu V. 177 — 80. Der dichter dramatisiert von hier an bis zum ende
der ganzen scene die von Herder in den Provinzialblättern gefülirte pole-
mik gegen den von Spalding, in dessen buch von der nutzbarkeit des
predigtamtes vertretenen theologischen rationalismus, welcher das pre-
digtamt zu einer weltlich -philosophischen tugendanstalt machen wolte.
Der ausdruck v. 180 zunächst „durch Überredung leiten" bezieht sich
direkt auf die art der „prediger-philosophen", wie Herder sie nennt,
von der kanzel herab statt durch darstellung des wertes gottes in sei-
ner unmittelbaren kraft und stärke durch demonstrierte moralische
beweggründe auf die hörer wirken zu wollen (Pr. Bl. II und XIV,
Suph. VII, s. 233 — 34, 305). Der pfarrer dieser richtung, welchen
Goethe als "Wagner auftreten lässt, muss schon von v. 177 an in unab-
sichtlicher Selbstironie seine Unzulänglichkeit bekeimen, mit seinen dem
1) An die „ Erläutenmgen " speziell klingen einzelne partieen an, so der ver-
such einer Übersetzung aus dem Johamiesevangeliiun an die ausdrücke der ersteren
(I Erl. , s. in Suphans Herder bd. VII s. 356): „Gedanke, wort, wüle, tat, liebe." So
auch der vers der ostergesangsscene : „Das wunder ist des glaubens liebstes kiud"
(vgl. Suphau ün Goethe -Jahrbuch von 1885, s. 310). Wir berücksichtigen hier näher
nui' die gesprächssceue , in welcher Goethe seinen freund direkt auf die bühne zu
bringen scheint.
HERDER IM FAUST 331
Studierzimmer entstammenden gelehrten diskiissionen auf die menge
einfluss zu üben. Für „museum" in v. 177 gebraucht Herder den
ausdruck „doktorstube."
Y. 186. „Braut ein ragout aus anderer schmaus" spielt auf den
von Herder den predigern der Spaldingschen richtung gemachten Vor-
wurf an, dass sie (Suph. s. 308) die christliche lehre, statt sie im zusam-
menhange, in anwendung und absieht, wie sie ist, zu nehmen, zer-
reissen, zerstücken und verstümmeln." Der vergleich ihres Verfahrens
mit dem „brauen eines ragouts" lag sehr nahe.
Y. 200 — 201:
„Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's nötig, Worten nachzujagen?"
Diese verse geben Herders rüge wider, dass die prediger-philosophen
sich bei ihren kanzelreden nur an dämmernde, algemeine worto mit
oratorischem gepräge — blinkend werden sie in v. 202 genant — hal-
ten, ohne im einzelnen auf scharfe analyse des herzens und lebens
einzugehen (Suph. s. 229 — 30). Das leztere ist erforderlich, um, nach
Herders eigenen werten, auch nur etwas zu sagen. Herder, der hier
geradezu unter dieser maske redend eingeführt wird, richtet deshalb,
wie es im gleichen sinne auch in unsern versen geschieht, die auffor-
derung an jene, dass sie ihren reden den algemeinen predigtcharakter
abstreifen, von den kanzeln herabsteigen und als weltlich -philosoplüsche
lehrer bestimte Weisheit und tugend vortragen sollen. In diesem zusam-
menhange finden auch die schon oben berührten verse ihre nähere
erklärung: „Ja, eure reden . . . sind unerquicklich, wie der nebelwind
..." Herder meint dasselbe, wenn er (s. 229) die predigten nach ratio-
nalistischem geschmacke als „wölken- und nebelzug algemeiner Wahr-
heiten" bezeichnet, die nicht erbauen können. Der ausdruck „wolken-
und nebelzug" entspricht direkt dem in v. 204 gebrauchten „nebelwind."
Mit V. 206 begint ein zweiter abschnitt des gespräches. Hier
wird zwar die polemik Herders mit Spalding in dramatischer form
fortgeführt, jedoch wechselt das thema insofern, als Goethe des lezteren
an dem Wortlaut der heihgen schrift geübte hermeneutik und kritik
ins äuge fasst. Diese art der forschung, deren Vertreter der dichter
widerum als Wagner darstelt, ist es, gegen welche sich Herder in der
rolle Fausts richtet mit den werten: „Das pergament, ist das der heil'ge
brennen ...?" Die verse geben Herders werte (Suphan s. 258) wider:
„Eine religion, auf pergament geschrieben, und darüber disputieret,
immer nur Wissenschaft der buchstaben!" Dieser art der bibelexegese
hält nun Herder seine erklär ungen gegenüber, die keine gelehrten
332 HUTIIEK
interj^retatiüuen, sondern vielfach nur aus dem eigenen geiste und
gemüte geschöpfte psychologische entwickelungen sind. Der dichter
bezeichnet, diese ihm sympathische seite der Herderschen bibeldarstel-
lung ausschliesslich ins äuge fassend, demgemäss die eigene seele in
V. 216 — 17 als die einzige quelle der religiösen befriedigung.
Wagners worte v. 219 — 20:
„Zu schauen, wie vor uns ein weiser mann gedacht,
Und wie wir's dann so herrlich weit gebracht ! "
parodieren die philosophisch -moralischen ausleger des neuen testaments.
Bei Herder heissts (s. 232) von ihnen: „leidiges andenken an einen
guten mann, der einst auch, aber freilich lange nicht so volständig als
wir, Wahrheit und tugend lehrte!" Und ferner (s. 310): „Wo Avir aber
jezt gegen den Matthäus, Paulus, Jesus in der bibelerMärung stehen!"
Zu V. 228 — 83:
„ Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer ! . . .
Ein Kehrichtfass und eine Rumpelkammer
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion
Mit treö'lichen pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen in dem Munde ziemen."
Nachdem Faust-Herder in den vorhergehenden versen von der
rationalistischen theologie gesprochen hat, welche die biblischen schrift-
steiler ganz nach ihrem sinne interpretieren will, kenzeichnet er hier
ihr vorgehen auch der so individuellen Schreibweise des evangelisten
Johannes gegenüber, den sie ebenfals nach ihren algemeinen, rationa-
listischen formein umdeuten, gleichsam, wie es bei Herder heisst,
„unter ihr joch bringen" möchte. Der dichter scheint sich hier direkt
auf die unveröffentlichte schrift „Johannes" zu beziehen, die ihm
danach, wie häufig auch andere Herdersche Produktionen, privatim
als manuscript bekant geworden sein müste. Der ausdruck „kehricht-
fass und rumpelkammer" bezeichnet offenbar nichts anderes als was
Herder im „Johannes" (Suph. s. 316) mit „fächer und krambuden"
meint, in welche die philosophischen erkiärer jenen evangelisten, nach
Herders werten, zu verteilen ti'achteten. Was dies bedeutet, erhelt aus
dem zusammenhange, aus dem wir hier nur die worte hervorheben:
„Wie? er (Johannes) wäre nicht, wie sie zu machen? ... Er wäre
nicht zur gemeinen art zu bringen?" Wenn nun die bibelauslegungen
der fraglichen richtung als „kehrichtfass" und „rumpelkammer" bezeich-
net werden, so geht dieser ausdruck auf deren art, den bibeltext nach
der Schablone ihrer rationalistischen grundsätze zn behandeln. Hier-
nach ist auch das folgende zu erklären: „Und höchstens eine haupt-
HERDER EM FAUST 333
und Staatsaktion, mit treflichen pragmatischen maximen." Die lezteren
sind offenbar dasselbe wie die „axiomata moralia" bei Herder („Johan-
nes", Suph. s. 309), nämlich moralische Grundsätze, da „pragmatisch"
bedeutet: aufs handeln bezüglich, also so viel wie „moralisch." Mit
moralischen maximen aber pflegten die rationalistischen bibelausleger
nach Herders Vorwurf zu prunken, statt das lebendige wort gottes nach
seiner immittelbaren kraft zu verkünden (s. 249 und 50). Jene in Ver-
bindung mit einem pathetischen vortrage sind es nun, was der dichter
mit „haupt- und Staatsaktion" bezeichnet und in das Puppenspiel als
den ilmen geziemenden ort verweist. Die erwähnung des lezteren übri-
gens verrät, dass Goethe sich bei seiner dichtung an dieses, das Pup-
penspiel Faust, angelehnt hat.
Auch der schluss des gespräches zeigt dieselbe tendenz, Avie die
von uns herbeigezogenen Herderschen Schriften. Auch dort (v. 234
und 35) wird die profanierung des geistlichen lehramtes gekenzeichnet,
wenn Wagner, der fingierte Vertreter der Spaldingschen theologischen
richtung, sich geradezu als von dem dränge nach weltlicher erkentnis,
statt von den Impulsen des göttlichen rufes, der göttlichen sendung
und bestiramung, welche nach Herder die geistlichen lehrer beseelen
selten, geleitet bekennen muss. Er bleibt deshalb dabei, die behand-
lung theologischer materien nur als sache der gelehrten diskussion zu
betrachten.
So erweist sich uns Herder als die quelle, aus welcher die epi-
sodische gesprächsscene ihrer ganzen tendenz nach erklärt werden muss.
Da sie nun einerseits erst im anschluss an dessen citierte Schriften
geschaffen sein kann, andererseits, wie aus ihrem Vorhandensein in dem
faustmanuscript von 1775 hervorgeht, in diesem jähre bereits vollendet
war, so haben wir zugleich einen anhält, um die entstehungszeit der-
selben genau zu fixieren.
Im übrigen dürfte nach meiner meinung das Faustmanuscript
kaum einen so unti'üglichen ausgangspunkt bilden, um zu bestimmen,
was von der dichtung bis 1775 fertig gestelt war, und was nicht. Da
bekantlich das originalmanuscript aus losen blättern bestand, so wissen
wir nicht, ob Goethe dem Frl. v. Göchhausen alles zur abschrift zu
überlassen für gut fand. Einzelnes mochte er wegen der deutlichen
anspielungen auf andere personen oder auf selbsterlebtes zurückhalten.
Wusste doch jedermann aus seinem freundeskreise, dass er selbst der
Faust, dass Merck der Mephistopheles sei! Das gesagte gilt insbeson-
dere von der 2. scene im Studierzimmer, welche offenbar des dichters
verkehr mit dem Darmstädter freunde darstelt. (Vgl. meine schritt
334 HUTHER, HERDER IM FAUST
„Die verschiedenen plane im ersten teile von Goethes Faust, Cottbus
bei Kittel, s. 32 u. fg.). Denn was haben wolwollend mahnende freun-
desworte, wie:
„Wie magst du deine Rednerei
Nur gleich so liitzig übertreiben?"
Und „Euch ist kein Mass imd Ziel gesetzt",
und so andere mehr, welche die gleiche haltung zeigen, mit dem eigent-
lichen thema des Faust zu tun? Merck selber ist es, der hier unter
dem bilde eines allem höheren geistesfluge feindlichen dämons den
dichter auf den boden der phantasielosen Wirklichkeit zu bannen sucht,
wie er in Wahrheit ihm die richtung auf das realistische gebiet gege-
ben hat, auf dem sich fortab seine Schöpfungen mehr und mehr bewe-
gen. Ein humoristisches dement ist im Faust auch sonst nicht zu
verkennen. So mag die scene ursprünglich ganz ohne beziehung auf
das werk entstanden und erst später demselben eingefügt sein. Dass
der dichter schon früh angefangen hat, fremdartige bestandteile aufzu-
nehmen, zeigt das beispiel der oben besprochenen Wagnerscene. Es
bleibt hiernach, trozdem jene scene noch nicht in dem neuentdeckten
Faustmanuscript enthalten ist, die möglichkeit offen, dass, wie ich nach-
zuweisen gesucht habe, die älteren teile der scene ebenfals aus der
vorweimarschen zeit stammen, zumal da dieselbe deutliche spuren trägt,
dass hier altes und neues verschmolzen ist (s. meine schrift s. 32 — 33).
Ähnlich dürfte es sich mit der spaziergangsscene verhalten^. Wenn
E. Schmidt die beziehungen der Gretchenscenen auf einzelne bestimte
akte aus Goethes liebesverhältnis zu dem Frankfurter Gretchen in abrede
stelt, so scheint mir die bezeichnung „Gros Hans", welche Faust in
der scene „Trüber tag, feld" im manuscript führt, eine neue bestä-
tigung dafür, dass der dichter direkt sich selbst und sein eigenes erleb-
nis vorführen wolte. „Der grosse Hans", Goethes eigenem im freun-
deskreise gebräuchlichen verkürzten vornamen entsprechend, heisst Faust
auch in der scene in Gretchens zhnnier. E. Schmidt nun ist der mei-
nung, dass die erzählung in dichtung und Wahrheit dem Faust nach-
gedichtet sei. Wie solte aber Goethe dazu kommen, die Schilderung
von Fausts Kebesverhältnis in seine lebensbeschreibung aufzunehmen,
wofern jene nicht seinem wii'klichen erlebnisse im wesentlichen ent-
sprach? Überhaupt wird sich über einzelne stellen des gediclits grösse-
res ücht verbreiten, wenn man sich zu einer mehr realistischen auf-
1) Dies gegen Ehrich Schmidt, s. dessen recension meiner schrift in der deut-
schen litteraturzeitung, Jahrgang 1887, nr. 29, s. 1044.
FROSCH, ZU ANASTASIUS GRÜN 335
fassimg entschliessen kann. Die consequenzen einer solchen aus-
legungsweise zu ziehen, solte die aufgäbe des erwähnten schrift-
chens sein.
COTTBUS. A. HTJTHER.
ZU ANASTASIUS GEUN.
In Anastasius Grüns Hymne an Östen-eich (Gesammelte werke II,
355) findet sich folgende unklare stelle:
Leuclitend flammt dein Schild, der blanke, welchem Lerch' und Aar
entsteigen.
Aller "Welt von deinem Bündnis mit dem Tag und Licht zu zeugen.
Der aar, welcher dem schilde der Austria entsteigt, ist selbstverständ-
lich der österreichische doppeladler, das reichswappon. Die Schwierig-
keit liegt aber in dem umstände, wie die lerche auf diesen schild
komt, und was sie zu bedeuten hat. Hier liegt ein offenbares misver-
sändüis des dichters vor. Den gütigen mitteüungen des heraldikers
und hofwappenmalers Karl Krahl in Wien verdanke ich folgende fach-
männische aufschlüsse: Das kaiserliche hauswappen enthält 3 längsge-
teilte fehler, die der Zeichnung des sie umgebenden reichsadlers ein-
geschrieben sind. Das erste feld zeigt im gold einen roten, blaugekrön-
ten, bezungten und bewehrten löwen, das Avappen der Habsburger;
das zweite einen weissen balken im roten fehle, schon seit den zeiten
'der Babenberger das wappen Österreichs; das lezte in gold einen roten
rechtbalken, der mit drei weissen merletten belegt ist. Dies ist der
jüngste bestandteil des kaiserlichen Wappens, es ist das wappen der
Lothringer.
Diese merletten verwechselt der dichter offenbar mit der lerche.
Die merlette ist weder adler, noch lerche, sondern eine im franzö-
sischen und englischen wappen sehr häufig vorkommende wappenfigur,
ein „ gestümmelter " vogel ohne schnabel und füsse, welcher, verschie-
den gezeichnet und gefärbt, stets den nameu merlette führt. — Die
merlette ist somit keine bestimte vogelgattung, sondern gewissermassen
das bild des vogels in abstracto.
Littre, II, 1, s. 526 leitet merlette und merle vom lateinischen
merula ab. Das wort bedeutet im französischen und lateinischen amsel.
Schon im mittelhochdeutschen wurde es aus dem romanischen entlehnt,
und der name merUn, niederd. merUkin findet sich in alten dichtun-
gen, z. b. bei den minnesängern mehrmals.
WIEN. F. PEOSCH.
336 G. KETTNER, WIELAND TINT) LESSINGS LAOKOON
WIELAND TJOT) LESSINGS LAOKOON.
Zum beweise für den einflnss, welchen die lehren des Lessing-
schen Laokoon auf die zeitgenössischen dichter ausübten, pflegen u. a.
die verse aus Wielands Idris und Zenide (ges. IV, str. 13. Bd. XVI,
79 Hempel) angefüln't zu werden ^r
Er lässt den fluss zurück und tritt in einen hain,
Den ich, weil Lessing mich beim ohr zupft, nicht beschreibe.
Dagegen scheint ein anderer deutlicher hinweis desselben dichters auf
den Laokoon bis jezt noch nicht beachtet zu sein. In Alboflede,
einem der 1786 — 1789 erschienenen feen- imd geistermärchen, heisst
es zu anfang (Hempel XXX, 263) „Das, was [an Alboflede] dem ersten
anblick am meisten auffiel, war ihr alter und ihre hässlichkeit. Beides
übertraf alles, was man sich davon einbilden kann; die eisgrauen Par-
zen hätten jung und die hässlichste der Grorgonen reizend neben ihr
geschienen; das mag genug davon sein, denn ich male nicht
gerne, was niemand ansehen mag." Zu dem lezten satze ver-
gleiche man aus dem anfang von absch. II des Laokoon: „Wer wird
dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein
alter epigrammatist über einen höchst ungestalteten menschen. Man-
cher neuere künstler würde sagen: „sei so ungestalten wie möglich;
ich will dich doch malen." Und in dem vorhergehenden macht Wie-
land die unmittelbare nutzanwendung von der bemerkung Lessings in
abschn. XX: „Auch hier ist Homer das muster aller muster. Er sagt:
Nireus war schön; Achilles war noch schöner; ... aber nh'gends lässt
er sich in die umständliche Schilderung dieser Schönheiten ein. . . .
Wie sehr würde ein neuerer dichter darüber luxuriert haben!"
Auch Wielands beurteilung von Le Barbiers kupfern zu Gessners
werken (im Merkur von 1780; Hempel XXXV, 406 fg.) zeigt in jeder
zeile den gelehrigen schüler Lessings.
1) Vgl. Erich Sclimidt, Lessüig, geschicMe seines lebens uud seiner Schrif-
ten. Bd. n, 1. aht. (Berlin 1886) s. 39.
SCHULPFOETA. GUSTAV KETTXER.
MISCELLEN UND LITTEEATUR
Indogermanische mythen. II. Achilleis. Ton Elard Hu^o Meyer. Berlin,
Ferd. Dümmler. 1887. Vni, 710 s. 8. 14 m.
Wei- einen überblick über die entwackhmg der vergleichenden mythologie seit
Kuhns epochemachender abhandlung: „Über die herabkimft des feuers und des göt-
tertrankes (1859)" hat, wird sich eines gewissen skepticismus nicht entschlagen kön-
MÖGE 337
nen, fals er nicht selbst unbedingtei" anhänger der vergleichenden mythologie ist.
Während die vergleichende Sprachwissenschaft eine positive Wissenschaft geworden
ist, an der kein verständiger mehr zu riitteln wagt, nehmen die anhänger unserer
heutigen vergleichenden mji;hologie mehr ab als zu. Der boden ist hier ungleich
schlüpfriger als dort, eine anerkante methodo zu finden ist ungleich schwerer,
die faktoren, die hier sprechen, sind ungleich zahlreicher. Der vergleichenden
Sprachwissenschaft sind die sprachen der einzelnen indogennanischen stamme der
brunnen, der allein und genügend wasser gibt. Der vergleichende mythologe hat
von der tatsache auszugehen, wie Spiegel (Die arische periode s. 128) im anschluss
an Max Müller (Tori, über den lU'spning und die entwicklung der religion s. 197)
ganz richtig betont, dass die frage, wie unsere vorfahren zur vorstellimg über-
natürlicher dinge gelangt seien, weiter nichts voraussetze, als die fünf sinne des
menschen auf der einen imd die weit wie sie ist auf der andern seite. Die-
ser satz gilt für die ganze menschheit wie für die einzelnen Völker. Da aber die
menschen in ihrer kulturent«-icklung weit auseinander gehen und die weit in den
einzelnen gegenden eine andere ist, so ist der satz auf die einzelnen Völker luid
stamme anzu.wenden; dadurch aber schon entstehen der vergleichenden mytho-
logie bisher unüberwundene schwieiigkeiten. Wir haben uns in erster linie mit
den Indogermanen zu beschäftigen. Um uns bei ihnen auf jenen einfachen und
natüi'lichen staudpvmkt zu stellen, müssen wir die fragen beantworten: 1) auf wel-
chem kulturstandpimkte standen diese in der lezten zeit vor der trennung, und
2) welche gegend bewohnten dieselben? Denn die lebensinteressen eines hirtenvolkes
süad andere als die eines ackerbautreibenden, und es ist ein grosser unterschied, ob
dieses indogennanische volk in einem lande gesessen, „wo dominierende winde das land
beherschen und wo diese, wenn sie die wintennonate hindurch das land ausgetrocknet
und zulezt zu einer art verbranten wüste gemacht haben, in der alles pflanzenleben
eretorben scheint, sich dann m furchtbaren, ganze tage wie in dunkele nacht ver-
wandelnden gewittern im füi'chterlichsteu tumult der elemente wenden ; sobald sich dann
aber der hiumiel wider aufkläi't, sich eine in das üppigste grän gekleidete flur zeigt"
(Leo, Ztschr. f. d. myth. I, 56), oder in einem lande, wo zwar stümie wehen, aber
gewitter eine seltene und diu-chaus ungefährliche erscheinung sind (Du Chaillu, Im
lande der mittemachtssonne II, 141). Weder die eine noch die andere frage ist zur
zeit algemein befriedigend gelöst, und so sind heute noch schon die ersten Spaten-
stiche des vergleichenden mythologen in morastboden. Wie er aber l)ei der ersten
frage zugleich ethnograph und geograph sein muss, so muss er es bleiben bei der
prüfung der mythologie der einzelnen vöIker, die er zu seinem zwecke verwendet.
i Hierbei treten ihm aber wider imzählig viel ungelöste, ja imlösbare fragen entgegen.
Ob dieser Schwierigkeiten hat die vergleichende mythologie jene wui'zeln aller mythen
bei Seite gelassen und hat aus den fruchten jene und den stamm herauszuforschen
sich bemüht. Hand in hand mit der sprachvergleichimg durfte hierliei als unanfecht-
bares resiütat gelten, dass die Indogermanen den lichten himmel als hauptgott ver-
ehrten; aus sich selbst heraus aber hat die vergleichende mythologie festgestelt,
dass die natm-kräfte bei ihnen göttliches ansehen besassen. Dieses schwerhch anzu-
I fechtende ergebnis ist diu'ch die neusten arbeiten E. H. Meyers etwas verschoben
worden; den zweiten punkt lässt derselbe bestehen, dagegen nimt er den bisher
algemein als himmelsgott aufgefassten Djäus — Zevg — Ziu erst als eine secimdäi'e
büdung an, die sich bei den einzelnen völkem gleichmässig oder ähnlich, wenn ich
den Verfasser recht verstehe, aus einer älteren gewittergottheit entwickelt habe.
ZEITSCmtIFT F. DEUTSCHE PHILOI.OGIE. BD. XXI. 22
338 MOGK
Teils an der band Miillenlioff-Mannhardtscher forsch imgen, teils diircli eigne
ist Meyer zii dem ergebnis gelaugt, dass es sieb von vier mytbengruppen wahrschein-
lich machen lässt, dass sie in ihren grundzügen schon in der indogennanischen zeit
festgesezt sind: der Dioskuren - Helenamytbos , der regenbogenmythos , der mj-tbos
vom winddämon und vor allem der mythos vom gewittergotte. Mit lezterem beschäf-
tigt sich fast ausschliesslich der vorliegende band, eine ebenso lehrreiche wie saubere
arbeit, die mau mit freude liest und die diu'cb ihre klarheit zweifelsohne manch schö-
nes ergebnis bringt. Ein urteil über den grösseren ersten teil der arbeit, über die
entstehimg und entwicklung der Ilias, überlasse ich den klassischen plülologen; nur
andeuten wül ich, dass ich mir die ursprüngliche gestalt der Achilleis trotz Meyers
scharfsinnigen ausführungen nicht gut ohne Patroklos denken kann. Gleichwol setze
ich hier, wo es gilt melu' die mythologische seite des buches ins äuge zu fas-
sen, das ergebnis der Meyersehen forschungen als tatsache voraus. Ich nehme fer-
ner von neuem Standpunkte aus von Meyer als bewiesen an, dass der heroenmythos
nicht veiTuenschlichter göttermythos ist, sondern dass beide neben einander aus
ähnlicher wurzel entstanden sind imd oft gegenseitig sich beeinflusst haben. Dagegen
scheint es mir ein gewagtes unternehmen, dem indogermanischen gewitter eine solch
xunfassend mythenbildende gewalt zu geben. Dies sezt, worauf ich schon hindeutete,
den gewitterreichen liimmel des indischen bodens voraus und ist wol für indische
Verhältnisse erklärlich, nicht aber für gegenden wie die germanischen. Man hält die
anschauungen der Veden meines erachtens noch viel zu sehr für den massstab, nach
dem man auch mythen anderer Völker misst. Und wenn auch die Germanen diese
ur Vorstellungen aus der gewitterschwülen asiatischen luft mitgebracht hätten, solten
sie dann in neuen gegenden, wo das gewitter mehr in den htutergrund tritt, noch in
solcher frische den alten dämonencult behalten haben, dass sich aus ihm ein Donar =
Thor-, ein Frey-, ein Heimdall-, ein Lokiraythos, eine Beowulfs-, eine Siegfrieds-,
eine Helgi-, eine Dietrichs-, eine Parzival-, ja eine Tuistosage entwickelte? (s. 648).
Die entwicklung des götter- oder heroenmythos sezt doch ein frisches einwü-keu
hauptsächlich der naturerschemung auf die mythosbüd enden stamme voraus; nur
durch lezteres kann der mythos und die sage lebendig und lebenskräftig werden.
Eine grosse menge nordischer mythen lässt sich nicht vom nordischen boden tren-
nen; dazu gehören vor allen auch viele Thorsmythen. Allein sie können unmöglich
in einer zeit entstanden sein, wie schon Uhland ganz richtig sah, wo noch Thors
physische Seite vorwaltete; sie setzen bereits einen Übergang der physischen gottheit
in eine ethische voraus, die dem menschen in allen lebenslagen beisteht. Die
gestalt des alten gottes ist geblieben, und hieran erkennen wir seine urspiüngliche
bedeutung, er selbst ist aber ein anderer geworden.
Ich gehe aber noch weiter in den Meyerschen Voraussetzungen. Ist er doch
der erste, der ims ein büd entwirft, wie er sich die indogermanische ui'form seines
gewitterdämonenmythos denkt (s. 654). Ich räume seine urform ein und will versuchen,
ob sie sich auf germanischem boden bestätigt. Vermisst wii'd freilich nach diesem
entwurf die antwort auf eine meines ei'achtens fast eben so wichtige frage : wie denkt
sich Meyer die geschichte des mythos, ich will nicht sagen von der zeit der ent-
steh ung, aber von der zeit an, da sich die indogermanischen Völker trenten, bis zu
der zeit, wo er in Griechenland als Achilleusmythos , bei den Indern als Bhisma-,
bei den Letten als Dungis-, bei den Germanen als Siegfiied-, bei den Kelten als
Lugmythos auftritt? Die zeit, wo die mythen oder sagen an bestirnte nameu sich i
knü])ften, wo der mythos in die uns erhaltene diehtuug eintrat, lässt sich mit wahr
ÜBER MEYER, INDOGEEM. MTTHEN H 339
scheiulichkeit feststellen. Halion nun während des langen Zeitraumes trotz mannich-
facher localer verändeiimgen die Völker den alten dämonen glauben beibehalten, oder
haben sie mythen gehabt, die dann von neuen verdrängt wurden? Hier stehen wir
wider vor ungelösten fragen.
Die Urform, welche nach Meyer die Indogermanen zur zeit vor ihrer trennung
gehabt und aus der sich die mannichfaltigsten mythen und heldensagen gebildet hät-
ten, ist folgende: „Ein dämon des donners liegi, überwältigt von den heftigen, das
gewitter ankündigenden stürmen, hilflos da, indem ihm seine blitzwaffe im wolken-
nebel versteckt ist. Aber beim herannahen des freundlichen windes gewint er die
Oberhand über sie imd erhält seine waffe wider (1). Vom freundlichen wind (oder
einer dunklen wölke) imterstüzt, bezwingt der donnerdämon die gestaltenwechselnde
wasserreiche wölke (den über dem wasser wallenden nebel), die sich verbergend
oder verborgen oder donner und blitz fürchtend ihm nur widerwillig ergibt (2). Der
donnerdämon feiert mit der wolkenfrau ini beisein anderer wölken und der winde
(auch des regenbogens) seine laute hochzeit hoch oben im gewölk, wobei ihm der
freundliche winddämon den unwiderstehlichen blitz schenkt, der nur vom donner-
dämon oder dessen blitzsohn geschwungen werden kann (3). Aus der ehe des don-
nerdämons mit der wolkenfrau geht der blitz als söhn hervor, der von seiner mutter
im gewitter in das wolkenfeuer oder den siedenden wolkenkessel , ins weihende, stär-
kende hiinmelsnass geworfen wird, worüber der vater donnernd seinen zorn äussert.
Beim abnehmenden gewitter eilt die erschreckte wölke davon. Oder: Der erzürnte
vater wirft den blitzsohn ins flammende gewölk und die besorgte wolkenfrau nimt
diesen rettend in ihren schoss auf. Oder: Eine als aaime gefasste dunkle wollte wirft
den blitzsohn ins wolkenfeuer, als aber die wolkenfrau bei diesem anblick aufschreit,
flieht jene aufleuchtend davon (4). Der blitzsohn wird den winden und wölken zui*
erziehung anveiii'aut von der wolkenfrau (oder dem donnernden vater). Der ■wind
oder auch die wölke nährt ihn mit wolkennass, der schnelle, kraftvoll sausende imd
rauschende wind untemchtet ihn im laufe, im blitzwurf, in musik. Weit runher
gekommen ist 'er überhaupt weise und der zukunft kundig. Er überträgi seinem
Zögling die väterliche lanze, deren anfertigung auch wol dem wetterleuchtenden
dämon zugeschrieben wird. Auch die wolkenmutter bleibt ihrem söhne nahe. So
übei-trift der blitz frühe alle wesen an Schnelligkeit und ki'aft (5). Auch unter den
wolkemnädcheu hält sich der blitz in deren kleider versteckt auf (6). Wenn die
donnertrompete ertönt imd die wetter leuchten, bricht der blitzdämon mit wüdem
donnerruf nackt oder in glänzender rüstimg, nachdem er den ersten regenguss genos-
sen, zimi kämpf hei-vor, gegen zwei feinde, den düstern wasserreichen wolkendra-
chen imd den riesigen verschliesser der wolkenbui'g. Mit seinen durch den dämon
des Wetterleuchtens geschmiedeten neugearbeiteten blitzwaffen und der hilfe dessel-
ben dämons während des kampfes besiegi der blitzdämon beide feinde, versinkt
jedoch beinah in den losgelassenen fluten des wolkendrachens. Beim sieg ertönt sein
frohlocken (7). Der blitzdämon erleidet den tod schon im herbst, als er zum lezteu
male versucht, das tor der wolkenbui'g zu sprengen. Vom übermächtigen stui-m-
dämon des lierbstes werden ihm seine blitzsehnen zerrissen. Im lezten flammenden
gewitter des Jahres wird er bestattet und liegt nun entweder im stillen wintergewölk
oder in der ferne, imi im frtihling widerzukehren (8).
Aus dieser indogermanischen lu-foiin, meint nun Meyer, haben sich eine reihe
mythen bei den einzelnen indogermanischen stammen gebildet, bei denen sich nicht
nur die personen, sondern auch die reihenfolge der ereignisse, wie sie unter 1 — 8
22*
so j
völ- I
340 MOGK
gegeben , nachweisen lassen. Der Verfasser verfolgt dies dann liei den einzelnen Völ-
kern mit einer ungemeinen belesenheit, sowol — und zwar in erster linie — auf
dem gebiete des beroenmytlios als auch auf dem des göttermythos. Die urform selbst
ist hauptscächlich erschlossen aus dem Achilleusmythos und deshalb bedmfte es jener
eingehenden vonmtersuclmngen über die lU'sprüngliche Achilleis, die ja allein zu
gründe gelegt werden durfte; erhärtet aber ist diesell)e durch heranziehen von
mythen, sagen, sitten imd gebrauchen aller indogermanischen Völker. AVenn wir von
einem gegebenen oder erschlossenen ganzen ausgehen, wie im vorliegenden falle, so
können wir gewiss mit leichtigkeit eine reihe von Übereinstimmungen bei allen
kern finden, anders steht es dagegen, wenn eine reihe von gleichmässig aufeinander-
folgenden tatsachen und personen aller indogermanischen Völker sieh mehr oder
weniger decken; dann lässt sich ein gemeinsamer kern nicht leugnen. Dabei muss
fi'eilich von den mythen der einzelnen stamme dieselbe kritik verlangt werden, wie
sie Meyer beim Achilleusmythos angestrebt hat. Mythos und sage wächst fort und
verändert sich, und wenn auch junge Überlieferungen alten gehalt haben können,
so muss doch zunächst die frage beantwortet werden, ob sie nicht ihrem gehalt
nach jung sein müssen. Ich stehe ferner mit Meyer auf gleichem Standpunkte,
dass nur der die mythologie volwissenschaftlich betreibt, der ihr historisches und
vorhistorisches Stadium umfasst, scheide mich aber von üim, indem ich verlange,
dass erst diese historischen inythen nach allen selten hin klar gelegt sein müssen,
bevor wir uns an die vorhistorischen machen können. So lange jenes nicht der fall
ist, scheint mir hier der boden noch zu unsicher. Auch im vorliegenden werke hat
Meyer ausschliesslich den Achilleusmythos ganz und voll historisch bebandelt und
hierin hat er mich wenigstens von der blitznatui* des heroen überzeugt, ebenso wie
ich seiner Kentaurenauffassung nach den neuen erörtemngen (s. 447 fg.) wenn aucli
nur bedingten beifall zollen muss. Auch der entworfene ui'mythos muss annähernd
das richtige treffen, wenn die paraUelreihen so stimmen, wie es nach Meyers dar-
legung erscheint. Ob dies nun in Wirklichkeit so ist, soll auf germanischem bodon
untersucht werden, indem ich die einzelnen punkte in sage rmd mytlios vergleiclic
und prüfe, ob die parallelen berechtigt sind oder nicht.
A. Die parallelen der beiden- (Sigfrids-) sage.
1) Der dämon des donners, der hilflos da liegt, ist Sigmund, der götterlieli-
ling; er ist von einer bösen wölfin bewältigt, da ihm Siggeir das vom windgotto
03in in den bäum gestossene schwort misgönte; mit hilfe eines freundes der schwa-
nenjungfrau Signy - Siglint reisst er dem untiere die zunge aus und befreit sich
dadurch. — Dazu ist zu bemerken, dass nicht die wölfin, sondern Siggeir den Si-
mund in den stock gesezt hat, und dass die wölfin gleich das erste mal umkomt,
als sie an Sigmund herantritt. Das Schwert selbst spielt bei cüeser scene gar keine
rolle. Eher entspricht Vols. c. 8 den fordenmgen des ui-mythos: hiernach lässt Sig-
geir- Sigmund und Sinfjotli fesseln — aber weil SinfjotH mit seinem Schwerte des
königs kinder getötet hatte — ; Signy trägt dann selbst in stroh gewickelt das Schwert
zum hügel, in dem vater und söhn vergraben sind, damit sie mit seiner hülfe sich
befreien. — "Während nian diesen punkt des mythos halbwege widerfinden kann,
wenn man zwei verschiedene berichte combiniert, kann ich den zweiten überhaujit
nicht finden.
2) Sigmund gewint mit Odins hilfe die scliwanenjungfrau Signy -Siglint, die
ihre gestalt bei ihrer veremigung mit Sigmund tauscht. Odin spielt zunächst hierbt'i
nach den quellen überhaui)t keine rolle, so sehr er aucli das geschlecht der Volsui
ÜBER MEYER, INDOGERM. MYTHEN II 341
gon unter seinem schütze hat. Ferner hat Sigmund keine gewalt an der Siguy zu
üben, sondern aus freiem antriebe begibt sich, leztere zu ihrem bruder, um mit ihm
einen des ganzen Volsungengeschleohtes würdigen spross zu erzeugen. Was Meyer
in die Volsungensage legt, verschiebt volständig den ethischen gehalt der grossartigen
dichtung. Und auch das zweite meerweil) des NL., das Meyer zur stütze seiner
parallele heranzieht, ist nicht angebracht, auch wenn wir mit A (Lachmann 1479^)
Siglint gegen C Winelint (Zarncke 235. 4^) lesen: Hagen nötigt dasselbe, ihm die
Zukunft vorauszusagen, aber nicht zum beischlaf, um mit ihr den blitzheros zu
erzeugen. Der gestaltentausch kann Signy höchstens als wolkengottheit erweisen;
melir gibt zu diesem punkte die Siegfriedssago nicht.
3) Im 1. punkt erscheint Sigmund als donnerdämon; hier soll auf einmal Sig-
mund mit Siggeir, der doch dort als sein gegner erscheint, identisch sein, und mit
der wolkenfrau Signy die elie eingehen. Ganz abgesehen davon, dass in der Vol-
sungensage die ehe zwischen Siggeir und Signy erst den anfang der Streitigkeiten
bildet, ja den grundstock derselben geradezu ausmacht, dass also nach der einzigen
quelle jene gar nicht denkbar waren, wema sie dieser verausgiengen, kann meines
erachtens die hochzeit des Siggeir mit der Signy, das wäre des stuimdämons mit der
gewitterwolke , nicht schlechthin auf eine sehr kühn erschlossene, wenn ich recht
verstehe, hochzeit des Sigmund mit der Signy gedeutet werden, weil dieser mit sei-
ner Schwester den Sinfjotli gezeugt hat. Ich kann deshalb auch diesen punkt nicht
unter die parallelen einreihen.
4) In punkt 4 erscheint nun wirklich Signy als Sigmunds gattin, wenigstens
ist es Signy und keine andere, die ihre zwei knaben tötet (s. 641), aber nicht vor
Sigfrids gebui't, sondern vor Sinfjotlis. In Wirklichkeit ist aber die gemahlin Sig-
munds, mit der er den allein auserwählten Sigurct zeugt, nicht Signy, sondern
Hjordis: Sinfjotli ist erzeugt, um das geschlecht der Volsunge zu rächen, Sigurd,
um es in seinem höchsten glänze zu zeigen. Auf jeden fall entschwindet das Ver-
ständnis der Volsungensage, wenn wir Signy und Hjordis zusammenwerfen, wie es
Meyer tut. AVeiter soll das neugeborne kind von seiner mutter in einen wolkenkes-
sel gehalten werden, worüber der vater seinen zorn äusseii, infolge dessen die mut-
ter davoneilt. Auch was hier als parallele herangezogen wird, ist durchaus nicht
geeignet, dieselbe zu erweisen. Meyer stüzt sich dabei auf f'idrs. c. 160. Nach die-
ser stelle ist Sisibe, Sigmunds gemahlin, von falschen dienern des königs des ehe-
bruchs Avährend seiner abwesenheit angeklagt; Sigmund gibt zweien derselben den
auftrag, die königin zu holen und zu töten. Im dunklen walde sieht die königin ein,
was man mit ihr vorhat. Der eine abgesante wiU sie mit seinem leben schützen,
der andere will sie aber töten. In diesem augenblicke gebiert die Sisibe den Sigurd
und da sie nichts anderes da hat, tut sie das kind in ein gläsernes trinkgefäss (gler-
pottr). Da stösst ArtwLn, der den tod der königin Avill, das gefäss mit dem fusse,
dass es hinab in den ström rolt. Dieses soll der paraUelmythos zur feuertaufe des
Achilleus sein. Ich vermag beim besten willen keine Übereinstimmung zu finden. Und
dabei ist noch gar nicht mit der nachweisbaren tatsache gerechnet, dass, wie die
ganze fidrekssaga, auch dieser bericht über Sigurds geburt offenbar junge, ganz
romantische züge enthält.
Die grösste Übereinstimmung findet sich im 5. punkte: wie Achilleus vom
zauberkundigen kentauren Chiron erzogen wird, dem er auch seine lanze verdankt,
so unterrichtet Eegin oder Mmir (denn beide sind zweifelsohne identisch) deir Sieg-
fried — freilich nur in der schmiedekuust. Auch dieser verdankt dem meister direkt
Ü42 MOGK
oder indirekt sein treÜiclies scliwert. Gar kein gewicht dagegen vermag ich auf
Siegfrieds löwenkämpfe nach dem. Siegfiiedsliede zu legen (s. 642), da diese offenbar
ganz später zuwuchs sind, angedichtet unter dem eiuflusse ritterlicher romantik.
6) Der sechste zug fehlt nach Meyers eigner aussage in der Siegfriedssage
(s. 643): Sigurd findet sich nirgends im frauengewand. Dafür tritt aber die noi^we-
gische form der Siegfriedssage, die Helgisage ein (s. 663). Da fehlt nun freilich vor
allem der nachweis, dass die Helgisage mit der Siegfi'iedssage identisch ist, denn nui'
unter dieser Voraussetzung lässt sich jener zug aus ihr nehmen. Dann müsten ja
auch auf ähnliche weise die früheren züge sich in der Helgisage erweisen lassen,
was Meyer wol mit gutem gründe imteiiassen hat. Auf alle fälle fält dieser punkt
im vergleiche des Achilleus- oder indogermanischen dämonenmythos mit dem Sieg-
fiiedsmythos.
Im 7. punkte zeigt sich dieselbe doppelte auffassimg einer und derselben gestaJt,
wogegen ich mich schon oben aussprach. Nach s. 5 war Siegfrieds lehrmeister,
dem er sein schwert verdankte, der stürm dämon Regln. Nach s. 7 verdankt der
blitzdämon seine waffe, mit der er gegen den wolkendrachen kämpft, dem dämon des
Wetterleuchtens (s. 663). Kann nun eine und dieselbe gestalt nicht zugleich dämon
des stiirmes und Wetterleuchtens sein, so fält auch dieser vergleich mit dem urmy-
thos. Die einzige Übereinstimmung, die sich in diesem punkte findet, wäre, dass
der blitzdämon mit einer vorzüglichen w^affe einen gegner erlegt, im Achilleusmythos
Achilleus den Hektor, im Siegfriedsmythos Siegfried den di'achen Fafnir.
Eine gewisse Übereinstimmung findet sich auch im lezten punkte: der blitz-
held stirbt im lezten^ gewitter durch den herbstlichen sturmdämon; wie AchiUeus
so wird Siegfiied an der einzigen verwundbaren stelle getroffen.
Ich habe die einzelnen punkte dui'chgesprochen; eine wii'küche Übereinstim-
mung zwischen dem Siegfried- und Acliilleus- und dem aus lezterem erschlos-
seneu urmythos vermag ich nui' in der erziehung der beiden beiden und in ihrem
tode zu finden. Auf die Verschiedenheiten beider punkte einzugehen würde hier zu
weit führen; nur das eine muss ich betrefs des todes hervorheben: Hektor ist jeder-
zeit ein gegner des Achüleus , Hagen aber ist mit Siegfried ursprünglich verwant und
hat mit ihm gemeinsame sache , was unwdlküi'lich an das Verhältnis zwischen Loki imd
Thor, namentlich aber zwischen Hodr und Baldr erinnert. Und lezteren wird doch
schwerlich auch Meyer für einen gewittergott halten. — Auf dem gebiete des germa-
nischen Siegfi'iedsmythos vermag ich also die von Meyer aufgestelte reihe des indo-
germanischen gewittermythos nicht widerzufinden. "Wenn wir alles, was deutsche
und nordische sage, was alte und junge erzählung berichten, zusammenw'erfen, dann
lässt sich mit nicht alzu grosser Schwierigkeit herausfinden, was zu einer erschlos-
senen urfoiTn passt. Erst die quellen kritisch prüfen und dann den m'sprünglichen
kern zur vergleichenden mythologie benutzen, das führt meines erachtens allein
dahin, wohin Meyer mit rastlosem fleisse xmd beneidenswerter belesenheit steuert.
B. Parallelen in der göttersage.
Noch weniger vermag ich Meyers parallelen aus dem gebiete der germanischen
göttermythen beizupflichten (s. 621 fgg.). Auch hier wird fast alles nach Schwartz-
scher weise aus der gewitterscenerie herausgelesen. Im nordischen „Thor", meint
Meyer (s. 627), ist die person des älteren donnergottes (Fjorgynn) ujid seines sohnes,
des blitzgottes, verschmolzen. Vorher hat der Verfasser den Thor als söhn des Fjor-
gynn zu erweisen gesucht: jener müste demnach als bUtzgott von der feuererschei-
1) "Wenn wü- den trunk Siegfrieds am bnumen als den lezten trank auffassen (s. 665).
ÜBER MEYKK, INDOGERM. MYTHEN II 343
imng des gewitters aasgegangen sein. Allein dorn widerspricht schon der nanie.
Donar- Thor ist zweifelsohne unter diesem namen erst eine bei den Germanen ent-
standene gotthoit. Alle Wörter aber, die demselben sprachkreise angehören wie
Donar -Thor (vgl. Kluge, Etym. wtb. 52), lassen erkennen, dass sie mit einer
schalbewegimg eng zusammenhäugen , auch nicht eine spur einer licbterschoinung
zeigt sich, bei einem. Daher muss Donar -Thor von haus aus ein donuergott und
nicht ein blitzgott sein, und kann schon deshalb nicht mit Acliilleus, wenn dieser
in Wirklichkeit ein blitzheros ist, oder dem indogermanischen blitzdämon zusammen-
fallen. Von Thors müttern erscheint mir die Hlodyn (s. 623) den grössten ansprach,
auf eine wassergottheit zu haben. Auf germanischem boden ist Thor entstanden, auf
germanischem vielleicht gar nur auf nordischen ist er in beziehung zur Fjorgyn
gebracht. Im südgermanischen erscheint got. fairguni ags. firgen nur als berg, im nor-
dischen daneben als erde. Am klarsten tritt aber Thor als söhn der JqvS. auf, d. i.
die erde, und dagegen lässt sich nicht ankämpfen. In skaldischen gedieh ten fmden wir
es unzählige male, dass die pars pro toto angewendet wird; in diesem kreise erscheint
infolge dieser skaldischen figur auch fjqryyn als synonym für erde, und so ist die
bezeichnimg des Thor als burr fjqrgynjar gerade so verständlich wie sveinn yrundar,
oder niär boräs oder runnr hauärs. Dabei will ich die sprachliche tatsache,
dass fjqryyn von der wui'zel parc = füllen, spenden komt, durchaus nicht anfech-
ten. Liesse sich nun Thor als söhn der FjorgjTi erweisen, so dürften wir doch
nur schhessen, dass er der söhn der regenspendenden gewitterwolke wäi'e; für
einen daraus erschlossenen vater Fjorgynn aber als donnergott fehlt jeder fass-
bare beweis. — Meyer geht weiter im vergleich: auch Thor wird von windriesen,
Vingnir dem schütler und Hlöra der brüUerin, erzogen, den Gandharven - Kentau-
ren des nordens. Diese sturmdämonen werden von Meyer mehrfach als stütze
der nordisch-en Gandharven ins fehl geführt (z. b. s. 534. 623). Es ist nicht zu
leugnen, dass sie viel bestechendes haben, und ich bin nicht gewilt, erzie-
herische sturmdämonen geradezu zu leugnen. Nur hat es mit jenen beiden seine
bedenken. Der emzige, der die beiden namen in engster Verbindung mit Thor keut,
ist Snorri; unter den kenningar Thors sagt er: Thor heisst auch fostri Vinynis ok
Hlöru; einen beleg aus der skaldendichtung vermag er dafüi' nicht zu bringen (Sn. E.
I, 252). Nun heisst aber fostri in erster Urne pflege vater und erst in zweiter
pflege söhn. Infolge dessen hat man jene stelle verschieden aufgefasst, vor allen tritt
Petersen (Nord. Myth. 284 amn. 1) ganz entschieden für die erste auffassung ein. Er
stüzt sich dabei auf die freihch recht wüsten genealogien der praefatio der Sn. E.
(I, 22), wo Vingener als Thors söhn erwähnt wiixl, was schon nach der alten papier-
handschrift Hypn. Vingnii- sein soll. Dasselbe Verhältnis kent auch die Flatb. in einer
geschleehtstafel des königs Harald (I, 27) und im prolog zur Sverrissaga Sigui'd-
arsonar (II, 533). Dem ist entgegen zu halten die euhemeristische sage von Thor
in der praefatio der SE. , wo von Thor erzählt wird, dass er vom herzog Loricus
von Thracien und dessen frau Lora, was doch nichts anderes als Hlora sein kann
(vgl. cod. U zu SE. I, 252: Loro), auferzogen sei imd dass er beide getötet habe.
Andererseits ist aber auch auf diese entschieden hellenisch angehauchte sage nicht
viel zu geben, da sonst Lorichi oder Loiiko, der sich doch mit jenem Loricus deckt,
als Thors söhn genant wird (Flb. I, 27. 11, 533). Nach diesem bestand der quellen
dürfte die wagschale mehr dafür ausschlagen, dass fostri Sn. E. I, 252 als pflege-
vater aufzufassen ist, und wü" haben in Vinynir d. h. überhaupt der schwinger,
wie alle nordischen dialekte zeigen, und Hlöra ganz ähnliche späte abstraktionen zu
344 MOGK
suchen wie in Thors söhnen Modi und Magni. — Dass sich zwischen Thor und ludra
gewisse Übereinstimmungen, wie der zorn, das feurige äuge u. ähnl. finden (s. 624),
ist sehr natürlicli, da ja beide von haus aus gewittergottheiten sind; ich kann mir
dieselben jedoch wenigstens ebenso gut aus dem direkten einwirken der natur erklä-
ren als aus einer gemeinsamen wurzel. Wenn aber Meyer sagt, dass Thor wie seine
indogermanischen genossen zwei arten feinde habe , drachen und riesen , so vermag ich
ihm ebensowenig beizustimmen, als wenn er in dem riesischen baumeister einen „wurm"
findet. "Wo Thor als einbani oder dolgr orms auftritt, ist stets nur ein bestimter
ormr, nämlich der Midgardsormr gemeint, und die kenning ist aus dem weitverbreiteten
mythos von dem fange der Midgardsschlango entstanden, die nui' in der phantasie
eines am meere wohnenden volkes heimisch sein kann. Von Thors drachenkämpfeu
weiss die nordische mythologie nichts. Noch manches andere müste ich von mei-
nem Standpunkte aus anfechten: so erscheint Thor stets als junger mann; was das
Lex. Myth. vom Gammel Thor aus Norwegen anführt — das sich übrigens auch
im schwedischen Volksglauben findet — ist sicher auf christlichen einfluss zurück-
zuführen. Auch die „leincmte" der I'rymskviSa steht auf wackligen füssen (Sij-
mons, Eddalieder betr. stelle) u. ähnl. mehr. Vor allem aber möchte ich mich
gegen Meyers auffassung von Loki wenden, den er als dänion des Wetterleuch-
tens auffasst. Es ist freilich eine landläufige behauptung, dass Logi der proto-
typus des Loki sei; allein noch niemand hat es versucht, diese Übereinstimmung
durch die spräche zu erhärten, ja dasselbe ist nach nordischen Sprachgesetzen immög-
lich , Logi kann nimmer zu Loki werden. Ich glaube sogar , dass Logi überhaupt eine
jüngere ersch einung ist als Loki, denn er gehört meines erachtens wie andere von
Fomjots geschlechte erst der vikingerzeit an. Loki kann nur der „schliessende" heis-
sen; sein name mag ebenfals jmig sein, da er in die zeit allegorischer namengebung
fält, aber sein Inhalt ist entschieden alt; er ist beendiger alles bestehenden, w'ie ihn
schon Uhland, Müllenhoff u. a. deuten, des guten wie des schlechten — xmd hierin
liegt seine doppelnatiu' — imd begleitet als solcher namentlich den Thor, weil dieser
den feindlichen mächten ein ende macht. Vom Meyerschen Standpunkte ist der den
göttern immer wider aus der Verlegenheit helfende Loki unverständlich, wir wissen
nicht was wir mit dem Utgardaloki machen sollen, die trilogio Odin Hoenir Loki
wii'd verworren, sein auftreten beim göttergeschick ist unerklärlich. Die späte Loka-
senna, mit ihrer geislung der alten götter können wir doch nicht zum beweis für
alte mythenzügo heranziehen. Und selbst wenn dies gestattet wäre, so ist doch
noch ein unterschied, ob einer vom donnergotte vertrieben wii'd, oder ob er aus
furcht vor seiner gewalt von seinen Schmähungen ablässt. Eerner ist es nicht Thor,
der den Loki vor Thiazi rettet (s. 627), sondern die äsen sind es (Sn. E. 11, 294).
Ich vermag aus dem, was Meyer füi' die parallele Lolci - Hephästos vorgebracht hat,
weder einen beweis für dieselbe zu finden noch in Loki die Personifikation des Wet-
terleuchtens zu erkennen. Auf den halsbandmythos kann ich hier nicht näher ein-
gehen. Nur meine ich, widerspricht die alte auffassimg vom regenbogen volständig
der nordischen natur. Ein so klarer und schöner mythos muss in einem grossartige-
ren phäuomen seine wurzel haben und so hat schon Müllenhoff mit gutem gründe
auf den abendhimmel hingewiesen, der in der aui'ora borealis sich in seiner gross-
artigsten pracht zeigt. Statt alles hinweises auf alte quellen führe ich nur die eine
Schilderung von Du Chaillu (11, 41) an: „"War der anblick so schon von zauberhaf-
ter Schönheit, so solte sich die pracht des Schauspiels doch noch zu iinvergleich-
licher grossartigkeit steigern: fern am nächtlichen hinimel Üamte und zuckte glühende
ÜBER MEYER, IiNDOGERM. MYTHEN U 345
lohe, feurige garben sprühten empor, dazwisclien alier walten und wogten leuchtende
wölken — es war die aurora borealis, die dort strahlte und alles ringsum niit hellem
scheme ühergoss; dabei meinte ich auch zu sehen, wie aus dem schnee winzige fun-
ken hen'orsprühten — ich glaubte mich in ein feenreich versezt — so überirdisch
schön, so wunderbar erhaben war das bild, und immer wider brach ich in laute
ausrufe des entzückens und der bewimderung aus." Und hierzu vergleiche man den
halsbandmythos nach Ulf Uggason und der Flateyjarbok. Es kann nicht genug betont
werden, dass jedes Verständnis der mytheu auf lockerem boden steht, sobald sich
die mythen nicht mit der natur des Lindes zusammenbringen lassen, dem sie erwach-
sen sind, fals nicht fremder einlluss erweislich ist. Und gerade dieser erwägimg ist
Meyer mehi' als jeder andere, freilich nur auf griechischem boden, gerecht geworden.
Ich vermag schliesshch auch Meyers deutung des Frey als gewittergott nicht
beizustimmen. Wenn er in manchen punkten dem Thor gleicht, so ist das etwas
ganz natüi'Uches, sobald man einen einblick in die entwicklung der nordischen götter
hat. Fast alle hauptgötter haben sich zu historischer zeit, zur zeit unserer quellen
melu" oder weniger lokal zu dominierenden gottheiten erhoben, die die eigenschaften
der in anderen gebieten herschenden götter in sich aufgenommen haben. Wo Thor
der hauptgott war, me in Norwegen, war er zugleich ein gott der fruchtbarkeit, des
Wetters, der Schiffahrt, des krieges; und wo man Frey verehiie, wie in den frucht-
bai'en gefilden Upsalas, schrieb man üim auch eine reinigende kraft der luft zu und
Hess ihn über luft und meer herschen. Frey ist imd bleibt meines erachtens von
haus aus ein hchter himmelsgott. Sein schwort, das in die hand der reifiiesen komt,
findet sich bei allen hypostasen dieses alten gottes wider, wie ich a. o. zeigen
werde, und kann nichts anders als die sonne sein, denn die macht des lichten him-
melsgottes ist vorüber, sobald diese in der gewalt der dämonischen mächte der fin-
sternis sich befindet. Und nur hieraus kann die vielverzweigte mythe entstanden
sein, dass der lichte gott dui'ch seine eigene waffe umkomt. Hierher gehört auch
die erscheinung Baldrs, wie wir sie namentlich aus Saxo kennen, und dieser lässt
sich nicht als blitzdämon auffassen.
Soviel neues auch Meyers buch enthält, so belehrend es auch an so vielen
stellen ist, so kann ich mich doch von der richtigkeit seines Schlussresultates nicht
überzeugen. Auf germanischem gebiete kann ich weder die ganze reihe seines indo-
germanischen urmythos finden, noch eine nachweisbare Übereinstimmung in einzelnen
pimkten imd dies weder in den heroen- noch in den göttennythen. Auf den gebieten
der anderen mythologlen mag es vielleicht besser bestellt sein; ich mag hier kein
ui-teü über die benutzung der quellen fäUen ; auf dem gebiete der" germanischen hat
Meyer die gesamte Überlieferung aus alter und junger zeit, die deutsche und die
nordische zusammengeworfen und sich hiervon das herausgenommen, was für den
von ihm aufgestelten mythos sich eignete. Nicht alle punkte habe ich herausgegrif-
fen, che mir von einer historischen betrachtimg unserer mythischen quellen aus
imhaltbar erschienen, allein ich glaube, sie genügen für- die behauptung: wenn wir
das imhaltbarc der parallelen abziehen, so bleibt nicht viel mehr als die Überein-
stimmung übrig, die väv bei fast allen auch nicht indogermanischen Völkern finden,
wie sie auch Meyer gern einräumt (s. 675), eine Übereinstimmung, die ich mir,
mit MüUenhoff zu sprechen, aus der tri-sialen Wahrheit erkläre, dass die gleichheit
der menschlichen und der umgebenden äusseren natur, soweit sie reicht, überall
ähnliche erscheinimgen auch in der weit des geistes erzeugt.
LEIPZICx, JAN. 1888. E. MOCtK.
346 KAUFFMANN
W. Wilmaiius, Beiträge zur gesohiuhtc clor älteren deutsclieii litteratur.
Heft 3. Der altdeutsche reimvers. Bonn, Eduard Webers verlag (Julius
Flittner). 1887. 152 s. 8. 4 m.
Die vorliegende Untersuchung bezweckt eines der bedeutsamsten ereignisse der
ältei'en deutschen litteraturgeschichte , die einführung des reimverses, an band seiner
rbytbmischen struktur und deren Verhältnis zum alliterationsvers aufzuklären. Es
ist schon viel dariiber behauptet, nichts annehmbar gemacht worden. Der grund
lag im wesentlichsten darin, dass die ansichten über den rhythmischen bau der alli-
terierenden lang- resp. halbzeile zu keinen endgültigen ergebnissen gelangt waren;
verlorene liebesmüh, auf schwankendem boden feste anhaltspunkte finden zu wollen.
Es ist bekantlich das verdienst von Sievers, die rhythmik des germanischen alHtera-
tionsverses auf grund einer zahlenmässigen Statistik festgestelt zu haben. Bereits
sind seine resultate gemeingut der wissenschaftlichen arl)eit geworden. Ganz im sinne
der Sieversschen forschung bewegt sieh Wilmanns. Der Verfasser tritt meist hinter
seinem stoff zurück, er gibt uns zunächst eine höchst dankenswerte Statistik und wir
erhalten auf diese weise einen ungetrübten einblick in die tatsächlichen Verhältnisse;
die Schlussfolgerungen entwickeln sich auf grund einfacher combinationen , so dass
der leser immer das woltuende gefühl hat, klar zu sehen.
Wilmanns führt zuerst (s. 3 — 7) in die ge schichte der studieu über
den ahd., speciell Otfridschen versbau ein; es kam insonderheit darauf an, den Stand-
punkt gegenüber den verwanten arbeiten von Piper (Über Otfrids accente, Beitr.VUI)
und Sobel (Die accente in Otfrids evangelienbuch Q. F. XL VIII) zu präcisieren.
Pipers Untersuchung enthält eine reihe von bemerkungen, denen man vornherein
die Zustimmung nicht versagen wird, die aber durch die entwicklung des Verfassers
keineswegs als zutreffend erwiesen werden. Es konte nicht zur klarheit seiner
argumentationen beitragen, wenn er das ganze geheimnis auf eine „rhythmische
responsion" oder eine „rhythmische gewichtsausgleichung " ziuiickführen wolte,
begriffe, die er nirgends befriedigend erläutci-t hat. Sobel, dessen ausführuugen* weni-
ger unter dem zwang einer vorgefassten meinung zu leiden haben, ist zu resultaten
gelangt, die schon durch, die algemeinheit ihrer formuherung und den mangel an
Zusammenhang die lösung der frage nicht fördern konten, doch hat sich im fortgang
der Studien die von Sobel hervorgehobene dipodische struktur als besonders zutref-
fend ergeben. Wilmanns hat vor allen früheren voraus , dass er sich auf feststehende
anschauungen über die rhythmik des alhterationsverses beziehen konte, und er führt
selbst s. 6 aus, wie seine Studien erst durch Sievers Publikationen in eine „neue
bahn " geraten seien , auf der er zu Schlüssen über die Vortragsweise des alten verses
gelangte, in der die einzelbeobachtungen ihre erklärung und begründung fanden.
Damit beschäftigt sich abschnitt VIII: Zur geschichte des altdeutschen reimverses.
Ich glaube, dass die Untersuchungen des Verfassers sich viel mehr zu einer „geschichte
des Otfridschen verses" (s. 130) gestaltet haben würden, wenn die dort entwickelten
graudsätze den algemeinen rahmen für die einzelsamlungen abgegeben und als aus-
gangspunkt gedient hätten. Wenn einmal die typenreihe Sievers als gültig anerkant
wui'de, musten sämtliche rhythmischen erscheinungen bei Otfiid auf sie bezogen wer-
den. Es ist dies aufrecht zu erhalten, wenn auch Otfrids vers sich „nicht rein aus
der alliterierenden langzeilo entwickelt, sondern der vers der kirchlichen hymnen die
Umbildung gefördert und beeinflusst hat" (s. 140).
Die Untersuchung gliedert sich in folgende abteilungen:
ÜBER WILMANNS, DER ALTDEUTSCHE REIMVERS 347
1. Lieblingsi'liytJiinou s. 8 — 45. „Wenn m;m Utfrids verse liest, nimt
man leicht gewisse lieblings-rhythmeu und -kadenzen wahr, unter deren ein-
fluss dichter und Schreiber standen; der dichter Hess sich durch sie in der wähl und
fügung der werte, die Schreiber^ in der accentuierung leiten. Diese lieblingsrhythmen
fasst die folgende Untersuchung zunächst ins äuge." Diese sogenanten lieblingsrhyth-
men sind nach Wilmanus aus der accentuierung widerzuerkenuen , die rhyth-
mischen accente stehen in den weitaus überwiegenden fällen entweder auf der ersten
und dritten, oder zweiten und vierten, oder nur auf der zweiten hebung, diese drei
hauptmögiichkeiten werden kurz als form 1. 3, form 2. 4, form 2 (lieblingsrhythmen)
bezeichnet, vgl. 1) then änagiu ni füarit II, 1, 11. 2) joh in seive ubar äl II, 1, 36.
3) t/ia.^„ was nu wörolt scanta II, 2, 20 usw. Form 1. 3 findet sich nach WiLmanns
samlungen im ersten halbvers 3935, im zweiten 3634 mal, bei form 2 sind die zah-
len 1233:2132, bei form 2. 4 nur 937:619; andere formen bleiben im ersten halb-
vers 099, im zweiten 719, (der zweite und dritte ictus wird im ersten halbvers 194
mal, im zweiten 136 mal accentuiert). Die bodeutung der üeblingsrhythmen zeige
sich auch im verhalten der handschrift P. Seltenere versfoi'men, wie accentuierung
der ersten hebung oder der dritten oder der ersten, zweiten und dritten; ersten,
dritten und vierten usw. in V erscheinen häufig in P in die lieblingsrhythmen ver-
iüidert, vgl. s. 10 fgg. Jeder dieser liebltngsrhji;hmeu gliedert sich in zwei formen,
je nachdem die Senkung fehlt („gedrängte formen") oder nicht, vgl. 1. 3 uuüntar
uiiard tho mdrax, : hüs inti uuenti; 2) selbes boton sine : joh fihi seltsanaz; 2. 4:
tito fuarun UuH thunili not : ist ira lob joh giuiidht. Die samlungen haben das
interessante resultat ergeben, dass die verse mit fehlender Senkung am häufigsten in
der form 2 miftretcn. Verse der form 1. 3 zeigen zwischen dem ersten und dritten
ictus meistens einen regelmässigen Wechsel von hebung imd Senkung. Wenn eine
Senkung fehlt, entbehrt sie in der regel der erste fuss, selten der zweite, wie das
s. 16 fgg. näher dai'gelegt wird, ausnahmen s. 46 fgg. Bei versen wie %it joh thiu
regula, joh allo thio xiti, in denen dem dritten ictus ein einsilbiges wort vorangeht,
fragt es sich, ob dieses oder die vorhergehende silbe (einsilbiges wort oder endsübe)
den ictus trägt. Wilmanns meint , es sei kein zweifei , dass bei weitem in den meisten
versen dieser art das dem acccnt vorausgehende einsilbige wort nicht gehoben
werden dürfe, -weil gerade solche Wörter, denen ein spraclilicher ton nicht zukomt
(doch vgl. die beispiele s. 53 anm. 2) an dieser stelle mit vorhebe gebraucht werden
und üinen immer ein wort vorangeht, das den zweiten ictus tragen könne (einsil-
biges oder zweisilbiges mit langer stamsilbe). In versen wie xi tms riht er hörn
heiles I, 10, 5. tha§ minu toerh suinen II, 13, 18 u. a. wenigen glaubt Wilmanns,
woran kein zweifei sein kann, dem Substantiv den ton nicht vorenthalten zu dürfen
(vgl. auch s. 23 § 12). Es ist für uns in den andern fällen nicht mehr- möglich fest-
zustellen, wie im einzelnen der autor gelesen haben wolte (Wilmanns s. 20), es gilt
auch hier das grammatische nebentongesetz, wonach die hervorhebung der einzelnen
süben im satz eine frei wechselnde ist; die vortragsmelodie ist, soweit nicht durch
logische principien fixiert, abhängig von den wechselnden Stimmungen, die ihren
sprachlichen ausdruck eben in der wechselnden gruppierung der nebentöne, in unse-
rem fall der rhythmischen icten finden. In einzelnen fällen wie rufst er nan härto
IV, 31, 6 weist das enclitische pronomen auf rhythmische nachdruckslosigkeit , dagegen
1) Wilmanus legt die ausgäbe von Erdmann zu grund und folgt ihm auch iii der kritü; der
accente. In V stammen diese von der band des correctors (Otfrids selbst?) vgl. Erdmann ausg. s. XV;
den Schreibern von P hat die accentuierte handschrift V vorgelegen , ebenda s. XLII. XLVI.
348 KAÜFF^UNN
glaube ich niclit, dass IV, 33, 17: drüliün min, drühtiii vitn möglicli wäre. Dass
in versen wie tlia:^ sie erdrichi xaltin, ciltfäter vmrer usw. "Wümanns abstufung
zutiift, ist ebenso zweifellos, als in guatemo lande sowol güatemo, wie güatemd auch
vor dem ictus stathaft ist, in einem falle wie kindilin tninu IV, 13, 3 ziehe ich
unbedenklich kmdilin vor (vgl. s. 109 anm. 1). Meiner meinung nach ist hier jeg-
licher Schematismus vom übel.
Bei dem Heblingsrhythmus 2.4 liegen, was das Verhältnis der halbverse betiift,
die dinge ganz ähnlich, und zwar fehlt die Senkung des zweiten fusses sehr viel häu-
figer als die des dritten (§§ 16. 19). In verseu der form 2 ist gleichfals im zweiten
fuss syncope der Senkung zahli'eich, gewöhnlich fehlt sie dann aber auch im diitten
fuss, so dass der vers in drei silben austönt, deren jede einen ictus trägt: ouh sel-
bun biicih frono I, 1, 29 usw. Der zweite halbvers, in welchem die form 2 fast
noch einmal so oft als im ersten erscheint, zeigt verhältnismässig dieselbe technik
wie der erste.
In der zusammenfassenden Übersicht s. 40 fgg. komt Wilmanns zu dem resul-
tat, dass die formen 1. 3 und 2 die neigung zu absteigender beton ung im versschluss
teilen, während 2. 4 den lezten ictus hebe. Die „gedrängten formen" begegnen
öfter im zweiten als im ersten halbvers, in jenem ist form 2 mit fehlender Senkung
im zweiten und dritten fuss sehr verbreitet, hier finden namentlich die „schweren,
dreisilbigen Wörter, die mit zwei langen silben beginnen, ihren platz", vgl. die tabelle
s. 41 anm. 1.
Mit dem nachweis der „ Heblingsrhythmeu " ergibt sich ganz von selbst das
sichere resultat, dass die „übliche Vortragsweise einen der ersten icten nachdrücklich
hervorzuheben liebte" s. 41. Für die form 3 finden sich nach Wilmanns nui' 163
verse und davon sind in P niu' 26 el)enso accentuiert; für die form 4 kent "Wilmaims
nur 12 stellen, in P stimt dazu nur eine einzige; in V ist zweimal 3. 4 vertreten,
vgl. s. 41 fg. anm.
Für die acceutsetzung (d. h. mit anderen worteu hervorhebung beim deklama-
torischen voi-trag) komme nun aber nicht blos die bedeutung des wortes im satze in
betracht, sondern auch die länge des wortes imd seine Stellung im verse. .nDei"
hauptton eines wortes, welches zwei oder gar drei füsse einnimt, jst naturgemäss
stärker, als der eines wortes, das auf einen fuss beschränkt ist, z. b. stärker in
scouuuönti und scoihmdn als in scouuon"' (doch nicht = scouon?). Daraus leitet
mm "Wilmanns in strenger conseq^uenz die tatsache ab, dass wenn ein wort niit drei
hebungen den schluss des verses bildet, der eingangsictus des verses als weniger
kräftig unbezeichnet bleiben kann, auch wenn er auf ein woii fält, das nach seiner
Stellung im satze recht wol tonfähig ist s. 42, z. b. thie krisfes ältmaga, -xi gotes
änalusti usw., selbst einem dreihebigen v erb um ordne sich demgemäss das nomen
unter: theii brunnoii reinota; ja sogar ein zweihebiges nomen erhebe sich auf grimd
dieses algemeingesetzes über ein einhebiges: %i kristes houbiton saz usw. Da nun
ferner die stärke des zweiten ictus in solchen verseu darauf beruhe, dass ihm der
dritte und vierte untergeordnet wird (was auch in woitverbindungen einti'eten könne),
so folge daraus, dass auch ein einhebiges wort im zweiten fuss den hauptaccent tra-
gen könno, wenn nur der folgende ictus sich ihm unterordne: ther alto seäle siner,
ja sogar bei verben: xi gote rihta si iru muut. Alles komt zunächst darauf an,
was sich "W^ilmauns bei der „ uuterordnmig " denkt, wir hören darüber nui', sie sei
in der Wortverbindung begründet s. 43 fg. Zunächst sei das Verhältnis des ersten
ÜBER WILMANNS, DER ALTDEUTSCHE REUIVERS 340
und zweiten ictus massgebend. Mit der helniug des ersten ictus ist in der regel
(„ lieblingsrhythmus ") die des dritten verbunden, fält dieser ani' eine schwache silbe,
so konte sie dem zweiten ictus untergeordnet werden und dann erhielt vor dem ver-
stärkten zweiten ictus auch die erste keinen aceent. Die consequenz sei nicht so
straff im verhältuiss der zweiten zur vierten hebung. Als erklärungsgrund für die
Übermacht der form 2 im zweiten halbvers nimt Wilmanns an, dass der dichter die
reime noch nicht breche, die halbverse hängen syntaktisch zusammen, am schluss
des ersten bleibe die stimme gehoben, im zweiten senke sich die satzmelodie. Mit
erhebung der stimme ist Verstärkung des tons keineswegs identisch, aber "Wilmanns
kann doch nicht lunhiu anzunehmen, dass dieselbe dadurch „begünstigt" werde, ton-
erhebung bringe eine „ähnliche Wirkung" hervor, daher die accentuierten personal-
prouomina am ende der halbverse (vgl. s. 48 anm. 1) usw. Es ist widei'um nur con-
sequent, wenn ^Vilmanns aus dem überwiegen der „mächtigen" form 2 im zweiten
halbvers folgert, dass „dervoiirag es liebte, den hauptnachdmck in den zweiten halb-
vers zu legen, wie in der alliterierenden langzeile der hauptstab dem zweiten halb-
vers angehöi-t." Die ganze erörteruug knüpft sich an eine kette hyi)othetischer prä-
missen, die für sich betrachtet wie in ilu'en cousequeuzen kaum Zustimmung finden
werden.
Das IL kapitel s. 46 — 52 behandelt: Fehlen der Senkung vor stark be-
tonter silbe. Hier ergeben sich sehr charakteristische beobachtungen , mit denen
Wilmanns nicht ganz ins reine zu kommen vermag. Nach dem bisherigen ergibt
sich, dass die Senkung in A-ielen fällen vor einer höchst betonten silbe nicht fehlte,
Wilmanns drückt sich aus, „dass das fehlen der Senkung vor den höciistbetouten
Silben nicht 'beliebt war." Es werden mm die verse zusammengestelt, in denen
syncope der Senkung vor den mit accenten versehenen silben belegt ist. Diese aus-
nahmen sind sehr belangreich und lassen strenge formuherung einer bestimten regel
kaum zu (vgl. s. 127, 5). Namentlich stösst sich Wilmanns an der häufigen accent-
sctzung in ivar min (nur selten war min; so auch IV, 20, 39 P), analog friiint
min u. a. (es war zu bemerken, dass II, 12, 37 in P friunt, und ebenda HI, 20,
149 miiat); um das System festzuhalten, nimt Wilmanns an, dass min vielleicht
mehr durch die höhe als durch das ge-nicht des tones hei-vorgehoben sei (vgl. auch
s. 53 anm. 2). Inconsequent, vom Wilniannsschen Standpunkt aus, scheint mir auch
die annähme bei acccntuierung zweier aufeinanderfolgender hebungen, z. b. er santa
man indnage I, 20, 3 V oder ältquma I, 4, 29 usw. von einem „relativen" wert
des ictus zu reden.
Cap. m. Umfang der füsse s. 52 — 66. Es handelt sich hier um die mehr-
silbigen Senkungen: der umfang der füsse nimt nach dem versende zu ab. Mehrsil-
bige senlvungen sind im ersten fuss sehr viel häufiger als im zweiten, in diesem häu-
figer als im dritten; sehr interessant ist das ergebnis, dass bei mehrsilbiger Senkung
die betonte silbe im zweiten fuss beinahe immer, im dritten ausnahmslos kurz
ist. Eine reihe sehr treffender bemerkungen enthält § 46. Hier macht Wilmanns
zunächst darauf aufmerksam, dass die silbenzahl sehr häufig nur für das äuge das
gewöhnliche mass übersteig-t, nicht für das ohr, ein gesichtspunkt, den Wilmanns
sehr geschickt in abschnitt IV und V ausgebeutet hat, z. b. tho gab er imo änt-
tcurti H, 4, 91 liest Wilmanns tho gab erm änticurti u. a. Es kann keinem zweifei
unterliegen, dass die enclitischen formen viel häufiger, als die haudschriften sie setzen,
gesprochen worden sind; so interessante fingerzeige Otfrids Schreibung imd diakritische
zeichen abgeben, es w^erden sich leider nie gesctze füi- ihre vorwendimg und aus-
350 KATIFFMANN
dehmmg feststpUeu lassen^. Auf eiue kiu'ze stamsilbe folgen zwei Senkungen sehr
viel öfter als auf eiue lange; davon, dass durch eine sogenante „ silbenverschleifung "
auf der hebung ein wert oder eine Wortverbindung der form vi-^w für den dichter
den wert eines trochäischen oder spondeischen wortes gewonnen habe, kann nicht
die rede sein (s. 64. 128, 7 — 9), bekantlich muss dies immer wider hervorgehoben
werden. "Weniger definitiv hat sich Wümanns über schwebende betonung aus-
gesprochen, wenn er solche z. b. für unreini I, 14, 12 zulässt, hat sie eben ihren
actuellen grund in der gewöhnlichen rede. — Ygl. zu diesem kapitel noch die zusam-
menfassenden bemerkungen §99, 7 fgg. 100 bezüglich der mit Pauls auffassimg sich
deckenden „gesteigerten" und „ reducierten " längen.
IV. Zweisilbige wörter in der Senkung s. 66 — 72. Die „regel", dass
zweisilbige wörter nicht in der Senkung stehen, erleidet nach "Wümanns die aus-
nahmen (§ 47), dass die artikelformen thera, iheru, thero häufig, andere mehrsilbige
Wörter sehr selten in der senkimg stehen (§48); im auftakt sind zweisilbige wörter
zulässig, drei silben belegt "Wilmamis 14, vier silben Imal (V, 9, 23'*); die meisten
stellen kommen auf den zweiten halbvers.
"V". Elision und synalöphe s. 72 — 92. Unbetonte vokale können sowohl
im an- als auslaut vor folgendem resp. nach vorhergehendem vokal verstummen.
„Die algemeine regel ist, dass der auslautende vokal der endsilben und der selb-
ständigen Wörter mit kurzem vokal unterdrückt wird, dagegen langer vokal oder
diphthong selbständiger wörter stand hält, die unterdrtlckung des anlautenden
Vokals ist fakultativ und auf einzelne fälle beschränkt s. 72 fg. 1) Elision der
endsilben. Gewöhnlich haben sie die Schreiber dem leser überlassen. "W^'ilmanns
nimt mit fug und recht an, dass die elision nicht als eine wilkürliche Satzung der
metrischen kunst zu betrachten sei, sondern als in der gesprochenen spräche begrün-
det. Es liegt nahe sich dafür auf die heutigen mimdarten zu beziehen. Die beobach-
tung ergibt, dass ehsion bei weitem nicht so häufig eintritt, als "Wümanns fürOtfrids
Sprache verlangt; es darf auch hier nicht schematisiert werden. Nicht selten sieht
sich "Wümanns veranlasst, den hiatus zuzulassen (s. 74 fgg. u. a.), was nach mass-
gabe der dialekte durchaus zxüässig ist und von "Wümanns sehr viel weiter hätte
ausgedehnt werden dürfen. 2) Elision selbständiger wörter (§ 54 fgg.) ni, zi,
bi, thi, the, gi. tm usw. "W^ie eine Schreibung siiix =r si iu ix IV, 15, 3 u. a.
(§ 61) beweist, muss die regel auch auf diphthongischen ausgang (§ 56) erstreckt
werden, dasselbe gut für wio (s. 80), vgl. z. b. "^"inteler Kerenzer mundart s. 116.
Volle Zustimmung verdient die ansetzung von doppelformen mit langem und kur-
zem vokal bei si (conj.), thu, so (s. 81 fgg.). Der zAviefachen, geschichtlich ent-
wickelten ausspräche der formen sia, sie {: sa, se) usw. gemäss, können diese wörter
auch im verse verschieden behandelt werden (§ 61), der artikel verschmüzt mit der
folgenden sübe (§65), z. b. theuuangelionY^ 25, 33, lauter dinge, welche die gram-
matik ad notam zu nehmen hat.
VI. Ictus und wortaccent s. 92 — 124. Hier ist mancherlei wider auf-
genommen, was "Wümanns bereits Z. f. d. a. 27 behandelt hat, wovon wir hier abse-
hen. Ich hebe daraus hervor: „Im zusammengesezten wort pflegi die zweite
stamsübe sich der ersten unterzuordnen. Daraus folgt, dass in den handschiiften
nui' die erste einen accent erhält und im verse entweder beide einen ictus tragen
1) Man solte derartiges auf die zeitgoiiossisclie wie namentlich auch z. b. auf die spätere
Spielmannsdichtung üherti-agen , leider sind Schreibungen -wie im "Wessobrunner glauben Denkm. - 238 fg.
(worauf mich gütigst herr prof. Lucae aufmerksam macht) nicht häufiger , aber um so weitvoUer.
ÜBER WILirANNS, DER ALTDEUTSCHE REHMVERS 351
odor nur die erste. Doch zeigen handsclirift und vors aus nahmen. AVir finden
einen acceut auf beiden stamsilben, oder nur auf der zweiten und die erste
kann in der Senkung stehen. Diese ausnahmen müssen entweder in der spräche
oder im metrischen voiti'age begründet sein. Das erste ist anzunehmen, wenn in
gewissen bilduugen die erste silbe nie gehoben wird; das zweite kann der fall sein,
wenn die erste silbe mir ausnahmsweise in die Senkung tritt" (s. 93 fg.) vgl. drüt-
theganon I, 28, 11. drutmhinisgon IT, 11, 35 ii. a. "Wilmanns erklärt diese auf-
fallende, vielbesprochene tatsache daraus, dass „die hauptictus der lieblingsrhythmen
die accentuatiou beeinflusst " hätten. Man betonte, wenn die erste stamsilbe den
ersten, die zweite den zweiten ictus trägt, der dritte aber auf eine unbetonte silbe
fiel, die zweite stamsilbe und wählte die form 2" (s. 94): in himilgiialliehi V. 4,
53 u. a. Wilmanns uuiss dies sofort einschränken: „selbst wenn der dritte ictus
auf ein selbständiges oder schwach betontes woii fält, kann diese form vorgezogen
werden": tliiu hellipörta uhar thaz III, 12, 35; ähnlich will er sogar drutliut sinan
I, 7, 19 erklären (vgl. s. 117 anm. 1), allein auch für Wilmanns bleibt es noch
„merkwürdig" (s. 95), dass einigemal die form 2 vermieden ist: alle dagafristi
I, 10, 18 u. a. Unklar ist es mir geblieben, was Wilmanns damit meint, wenn er
fortfährt: „In allen diesen versen fand jedenfals nur eine geringe Verschiebung
der natürlichen tonverhältnisse statt; in manchen vielleicht gar keine" (s. 95) vgl.
oben: „man betonte die zweite stamsilbe." Gilt hier dasselbe was s. 96, 12 aus-
gesprochen ist: „hier war es Sache des vortragenden durch schwebende betonung
auszugleichen, d.' h. den durch den accent bezeichneten ictus zu massigen"? auch
§74 hören wir: „Einige verba erfaJiren unter ähnlichen bedingungen wie die nomina
eine Verschiebung des haiiptaccents " : fuaxfällonti 1 , 5 , 50 u. a. ^ § 92 wird
dann angenommen, dass tue zweite stamsilbe auch ungehoben bleiben könne 1) in
der Senkung vor einer andern stamsilbe, z. b. äntdag I, 14, 1, IdntUiä II, 3, 34
u. a. 2) wenn sie sich einer sprachlich minderbetonteu bildungssilbe unterordne:
fleisl'ichemo U, 2. 29; ewartd IV, 19, 57 usw. Der rhythmus führe hier gleichfals
zu einem widerstreit zwischen woii- und versacceut, „den der vortragende durch
schwebende betonung auszugleichen hatte", lauter dinge, die, wie ich glaube, auch
noch anders aufgefasst werden können. — Den beschluss büdet eine sehr geschickt
angelegte zusammenfassende Übersicht s. 125 — ^130. In einem anhang s. 140
— 152 werden noch die kleineren ahd. gedichte behandelt.
VIII. Zur geschichte des altdeutschen reimverses s. 130 — 145-
„Die geschichte des Otfridschen verses zu schreiben, war nicht meine absieht, aber
nach der mühseligen Untersuchung wird man es mir gestatten, das thema mir selbst
xmd dem leser zuj- erholung wenigstens zu berühren." Die kritik hat sich folglich
diesem kapitel gegenüber auf einen andern Standpunkt zu stellen. Wir erhalten hier
eine zu knappe vergleichung der „lieblingsrhythmen" mit dem fünftypen-
system der alliterationsdichtung; die aus dem Charakter des buches heraus-
tretenden, subjektiver gefäi'bten erörterungen s. 140 fgg. enthalten manches nach mei-
ner meinung umichtige.
Es ist Wümanus gelungen, s. 131 fgg. die von Sievers aufgestelten tjq^en
ABCDE mit ausnähme des lezten (§109) an band der rhythmischen accente
1) In der liste § 78 , s. 101 entscheide ich mich ohne hedenken gegen Wilmaims für die s. 102
anm. 2 ausgesprocheue mögliclikeit imd lese z. h. thlu drma müater min I, 2, 2, nicht muati^ min usw.,
■welche „ungewöhnlichen hetonungen" dadurch entstehen, weiss ich nicht; so man %i frmuuu sdd,
so sun si miiatcr scäl, tliix Ist der ander päd usw.
352 KAtTFFMANN
Otfrids widerzuerkenneu, vgl. A f'nigar fJ/manJ, 2, 3 (-^ x | — x), mähtiri druhtin
1, 7, 9 usw. (§§ 79. 104). Tu dieser einfachsten form nur spärlich erhalten, bildet
dieser typus die grundlage für die von Wilmanns als form 1. 3 („liebhngsrhythmus")
bezeichnete versart, die form 2. 4 wird mit B (X-^ | X—) ideutificiert (§ 105 fg.)
z. h. joh ther heilogo geist I, 8, 24, ni lax dir %U thes ingdn I, 1, 48 u. a. Die
form 2 findet "Wilmanns in Sievers C wider ( X -i | ^ x ) in unsemo dnnuxxe V, 2,
4; sinax, körn reinot I, 1, 28 usw. und vereinigt damit auch die alten D- formen
U I i^^X oder J-\>^Xi-) z. b. ftiaxfdllonti I, 5, 50, thegan Hnfalton II, 7, 55
u. a. Der typus E komme für Otfrid nicht in betracht, (grandformen -l:^x. \ j.
oder -1 X :^- | ^); wenn sich ihm auch die uebenform 1. 4 zur seite stelle, der bau
der verse zeige sonst keine verwantschaft. Es scheint mir unberechtigt, diesen typus
auszuschliessen, während doch die gesteigerten E- verse (-^ x x | -^x) unter einer
allerdings ebenfals nicht zulässigen verquickung mit A-versen (§ 104 anm.), zugelas-
sen werden: mummonto säzi III, 26, 30. Der einfache typus E erscheint unzwei-
deutig, z. b. sehs dagon fora tMu IV, 2, 5 (vgl. im Heliand sibun uuintar samad
520 Beitr. XII, 343, 3), alaheziron win 11, 9, 88, frö tmdriin sie sin VIV, 2, 8
XI. a. Im lezten beispiel sind die drei icten auffällig, um so interessanter, dass P
fro nicht mit accent versehen hat, obwol kein zwcifel sein kann, dass es das Stich-
wort der halbzeile bildet. Die frage nach den E-versen hängi demnach mit der
principi eilen aiiffassung der rhj-thmischen accentuierung bei Otfrid zusammen, die im
anschluss hieran nochmals erörtert werden soU; es möge au dieser stelle genügen,
den E-tyims belegt zu haben, vgl. jezt auch Sievers Beitr. XIII, 156.
Es handelt sich zunächst uin eine accentuierung wie ebcmeicigan I, 5, 26;
fihuuuiari V, fihu nuiari P III, 4, 3; n-olaivilligun III, 10, 17; Jiimilgüalliehi
V, 4, 53; ißixodspentare V, 8, 36; drtämennisgon V, 11, 35 u. a. (vgl. § 72).
Wenn wir Averse finden wie in himilriche ouh thax^ ist uudr IV, 9, 28 Y {himil-
riche P); baldl/cho so imo %dm IV, 35, 1 V (hdldUeho, erster accent getilgt, P),
so erklärt, wie schon angedeutet, Wilmamis die auffällige accentsetzung dui'ch ein-
fluss des „lieblingsrhythmus" 2, allein auch für "Wilmanns bleibt es merkwürdig, dass
der „lieblingsrhythmus" in ganz analogen fällen vermieden ist: alle dagafristi
I, 10, 18; joh ihen adalerbon IV, 6, 8; es erscheint so mehr- als wilkürlich, wenn
so leidlicho mi rüagtun III, 17, 54 V, {leidlicho P) als „versehen" betrachtet wü'd,
während haldlicho IV, 35, 1 V (s. o.) passieren kann, nur eben weil die lieblings-
form 2 gewahrt ist. Beitr. XIII, 162 fgg. hat sich auch Sievers über diese erschei-
nung unter dem titel „Das Verhältnis der accente zu wort- und satztou" geäussert.
Als oberstes piiucip für die Setzung der accente nimt Sievers das rhythmische und
daraus folge, dass Otfrid den natürlichen wort- und satzton systematisch
vernachlässige, wo er mit dem gewohnten rhythmischen Schema in
widerstreit gerate. Wir sehen, dass Sievers hier mit Wilmanns zusammengetrof-
fen ist. Composita, deren zweites glied auf J-^x ausgeht, fallen am versschlusse
notwendig unter den typus D der alliterationsdichtung, andere D- verse wie joh reht
niinnonti I, 4, 8 tragen nur einen accent und zwar an der dem zweiten stabwort
entsprechenden stelle (so bereits Sobel s. 19 fg.), und so erkläi'e sich ohne weiteres
eine accentsetzung wie in fuaxfdllonti I, 5, 50. Diese erkläning genügt ebenso-
wenig für eine reihe ausnahmen, z. b. otmüatige I, 7, 16. Schliesslich bleibt fitr
mich kein grund ersichtlich, waiami Otfrid bei alten D-versen die zweite hebung vor
der ersten ausgezeichnet haben solte, während in der alliterationstechnik die erste
hebung dominierte; ich denke dabei besonders an die möglichkeit der quantitativen
ÜBER WILMANNS, DER ALTDEUTSCHE REIMVERS 353
reductiou auf zweiter hebung {thiodcuninge Heliaod 27G7 u. a.), ferner ist aucii
Wilmanns der ansieht, dass wenigstens in fällen, wo der erste Lestandteil des com-
positunis ein Substantiv war, dieses entschieden den stiirkern ton getragen habe
(s. 95).
Ich glaube, solche auomalien der rhj^thniischen accentuatiou dienen am besten
dazu, die absiebten des accentuators erkennen zu lassen. Die Verteilung der
accente in V (so gut wie in P) ist keine systematische, so zahlreich die belege
für eine bestirnte form sein mögen, es bleiben immer ausnahmen und reste, die ohne
ersichtlichen grund widerstreben. Ich brauche hiefür keine belege zu geben. Ob es
im sinne des accentuators lag, eine streng zu beobachtende rhythmische regel zur dar-
stellung zu bringen, mag eine offene frage bleiben; nach beschaffenheit unserer Über-
lieferung ist es durchaus unwahi'scheinlich , dass von unberufenen störend eingegriffen
worden wäre. Es sind sicheie merkmale vorhanden, dass Otfrid den bau der allite-
rationszeile gekant hat, andrerseits kann es keinem zweifei unterliegen, dass dieselbe
zum vierhebigen reimvers umgestaltet worden ist. Von den versen und partien des Otfrid-
schen Werkes, die ganz ohne rhythmische accente auf uns gekommen sind, abgesehen
(vgl. Erdmann ausg. s. XV. XXXVI. XLI. XLIII. XLIX fg.) begegnen verse mit zwei
accenteu, ebenso der manier des alliterationsverses entsprechend, wie die selteneren
mit vier accenten, die volle scansion des reimverses darstellen: thu drühtin ein es
alles bist I, 2, 33 V; giscuffota sia soso i-x, xmn IV, 29, 31 V; ist ferro irdriban
fmi himile iix, V, 21, 8 VP^ Der recitator ist in diesen fällen unzweideutig ange-
wiesen. Es wäre wichtig, wenn sich ausmachen Uesse. ob die rhji:hmischen accente
in V einzig und allein vom Verfasser in sein handexemplar eüigetrageu worden sind,
nüt der absieht für seine person sich anhaltspunkte für die recitation zu notieren,
oder ob sie für äugen berechnet waren, die mit den eigensten rhythmischen Inten-
tionen des Verfassers nicht vertraut waren. Wii' haben ziu' lösung der frage kein
äusseres mittel, man ist aber sehr zu einer entscheidung in ersterem sinne geneigi,
weü es eben tatsächlich unmöglich gewesen ist, feste voiiragsregeln daraus zu ent-
nehmen. Ich meine ausserdem, dass eine reihe von abweichungen der acceutuation
in P dahin gehen, dem bedürfnisse eines fremden entgenzukommen. Wenn in V m
himilriche ouh thax ist uiidr IV, 9, 28 himilriche P accentuieit ist, könto man
daran denken, dass in V himil- ohne accent geblieben ist, weil der betreffende
acceutuator selbstverständlich himil- beim voi'trag accentuierte , und wenn die-
ses „selbstverständlich " für den betreffenden Schreiber von P nicht galt, konte er es
wagen, dem rhythmisch stärker betonten hiinil- den accent zu geben imd ihn dem
schwächer betonten -ricJie zu entziehen. Ich fasse folglich verse wie fuaxfällonti
I, 5, .50 so auf: Durchaus in Übereinstimmung mit den nachdruoksverhältnissen der
Umgangssprache trägt fuax- den rhythmischen hauptictus, der nicht bezeichnet zu
werden brauchte; der ictus, der -fullonti gegeben wurde, bezweckt der silbe den-
selben grad von nachdruck zu geben, wie ihn fuax- besizt, der accent
ist gesezt, weil die silbe im alliterationsvers nicht vollen ictus getra-
gen hat, erst durch Verwendung im vierhebigen reimvers volhebig
geworden ist. Demnach kreuzen sich die bedürfnisse des alliterations - und des
reimverses und eben aus diesem compromiss zwischen alliterations- und
reimvers-technik kann die rhythmische acceutuation bei Otfrid ohne rest gedeu-
1) Im leztereii falle ist die setzung der 4 accente vielleicht darin begründet , dass der vers nicht
dipodisch, sondern podisch gelesen werden muss , vgl. dazu Sievers Beiti-. Xlll, 124 fgg.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 23
354 SIEVKRS
tet werden. Der erklilnmgsgrund für die accente in den einzelnen versen ist dem-
gemäss auch nicht einheitlich, sondern wechselt mit den wechselnden rhythmischen
formen. Entweder ist der zusammenfall von prosaischem silbeuictus mit dem rhyth-^
mischen versictus nicht bezeichent auf grund einer bestirnten Voraussetzung, oder
aber stelt der accent die im neu eingeführten vierhebigen vers notwendige betonung
einer im älteren stile niu' nebentonigen oder wenigstens nicht volhebigen silbe dar.
Gewiss ist in der mehrzahl der fälle die Setzung von zwei accenten durch den „lieb-
lingsrhythmus " (typus A, typus B; Sievers dipodien) bedingt, oder in alten C- ver-
sen nur ein accent wegen der rhythmischen gliederung des musterverses gesezt, aber
ich sehe keinen zwingenden grund in widerstreitenden fällen eine Vergewaltigung der
gesprochenen spräche anzunehmen (vgl. auch Sievers auffassimg a. a. o. s. 146 unten).
Zudem erscheint mir meine auffassung der „ unregelmässigen " accentuierungen als
die natürliche consequenz der Sieversschen theorie von der entstehung des reimver-
ses aus dem Übergang vom recitierenden zum musikalisch - taktierenden Vortrag. Die
daraus sich ergebenden „neuen" versicten sind gleichfals zur darstellung gekommen,
Sievers Schwankungen zwischen verschiedenen typen erscheinen mir bedenklich. Bei
meiner auffassung wird nicht bloss das anstössige verschieben des wortaccents ver-
mieden (Wilmanns s. 23. 42 fg. 93fgg.), sondern ich komme so auch am einfachsten
mit den anomalien des versrhythmus (Wümanns nebenformen 2. 3; 1. 4; 1. 2. 3;
1. 2. 4; 1. 3. 4) zurecht, man vergleiche in diesem sinne z. b. die von Sievers aus-
gehobenen unregelmässigen C-verse a. a. o. s. 154, 7. 164, d u. a. Besonders wich-
tig scheint sie mir aber für die bcurteiluug derD-verse; was Sievers a.a.O. s. 142 fg.
ausgefiüirt hat, steht m. e. im widersprach zu seiner grundanschauimg; ich nehme
auch hier accentsetzuug auf ursprünglich nicht volhebiger silbe an , wie die taktierung
der dipodie erforderte.
MARBURG, 3. FEBR. 1888. FRIEDRICH KAUFFMANN.
Beöwulf. Mit ausführlichem glossar herausgegeben von Moritz Heyne.
5. aufläge, besorgt von Adolf Sociu. Paderborn und Münster, F. Schö-
ningh, 1888. [Bibliothek der ältesten deutschen litteratur-deukmäler,
bd. UL] X, 299 s. 8. 5 m.
Die intensive arbeit am deutschen wörterbuche, welche eine Unterbrechung
nicht gestattete, hat, nach dem bericht des Vorworts s. IX, M. Heyne veranlasst,
die besorgung des notwendig gewordenen fünften druckes seiner bekanten Beowulf-
ausgabe einem jüngeren gelehrten, A. Sociu, zu übertragen.
Die beurteilung der dieser gestalt entstandenen neuen ausgäbe ist nicht ohne
Schwierigkeit. Stelt man sich auf den Standpunkt, dass es sich dabei bloss um einen
revidierten abdruck eines im wesentlichen feststehenden buches handeln solte, so
kann man dem bearbeiter wol zugestehen, dass er seiner aufgäbe leidlich gerecht
geworden ist. Er hat die resultate der neueren arbeiten über ags. spräche und über
den Beöwulf im besondern fleissig und im ganzen sorgfältig eingetragen, soweit sie
ihm deutlich vorgezeichnet waren, und so hat das buch wirklieh eine reihe von
besserungen erfahren. Aufgefallen ist mir indess, um von einzelheiten abzusehen,
dass Zupitzas facsimileausgabe , obwol unter den benuzten hilfsmitteln mit aufgeführt,
doch für die feststellung der handschriftlichen Überlieferung so gut wie gar nicht
ausgebeutet ist. Bei zweifelhaften lesimgen wii-d wol gelegentlich, aber keineswegs
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 355
kons(>quont, av;f Zupitzas angabeu rücksicht geuommeu. Vor allem aber ist es eiu
übelstand, dass noch, eine reihe von lesarten nach den älteren coUationen als zwei-
felhaft bezeichnet werden, wo das facsimile auf den ersten blick entscheidet. In
solchen fällen hätte es doch nahe gelegen, entweder den alten ballast sich wider-
sprechender früherer angaben fallen zu lassen, oder die durch das facsimile direkt
als falsch erwaeseneu lesungen auch ausdrücklich als falsch zu keuzeichuen. Als
stellen, bei denen die facsimileausgabe in der einen oder andern richtung nicht zu
ihrem rechte gekommen ist, führe ich beispielsweise an v. 43 nalms : nalas , 241
Ic : Ic, 209 tvcs : wces, 787 leoä : leod, 797 frea- : frcah-, 1037 teon \ : teon . . . | ,
1071 fr : CS : fres aus frger, 1129 unhlitme : unJditine , 1224 siide : side aus wide
u. a. m. Zu 2524 liätte angegeben werden müssen, dass über dem h von hattres
ein tügungspunkt im facsimile steht. Ganz misverstanden ist auch v. 2660 das über-
geschriebene auslassungszeichen cf , ^.^i.deest; es wird als unterpunktierte und danach
zu tilgende abkürzung für äat gefas.st, während doch Zupitza z. b. die richtige
erklärung gibt. 2815 steht speof deutlich da. In dieser richtung bedarf also der
apparat der neuen ausgäbe noch einer gründlichen nachprüfung. Im vorbeigehen
bemerke ich noch, dass s. 84 zwei besserungen mii' zugeschi'ieben werden, die ich
nicht zuerst vorgesclilagen habe; pä für pcet v. 15 stamt von Bouterwek, s. Beitr. 9,
370, eafcran v. 19 statt eafera von Eemble: ich habe nur die richtigkeit dieser lez-
tereu conjektur durch neue gründe zu stützen gesucht.
Der berichtigung der quantitäten hat der herausgober besonders sein augenmerk
zugewendet, wie er s. IX hervorhebt. Hier sind auch wirklich viele besserungen der
lezten zeit aufgenommen worden. Unverständlich ist mir nur das princip, nach wel-
chem er stam.silben, deren länge sich nur aus der rhythmik des verses, nicht aber
aus der etymologie oder Orthographie erschliessen lässt, nicht mit dem delmungs-
zeichen versehen hat. Warum soll das metrische kriterium nicht gelten, wo gxam-
matik und etymologie keinen anlialt für quantitätsbestimmungen bieten? Übrigens
ist auch Socin seineni eigenen princip gar nicht getreu geblieben. Dass es ags. mwe
heisst, wüste die grammatik längst, ehe man metrische gründe für annähme der länge
des i hatte, und doch schreibt Socin wider niwe. Auch ühte, -a dürfte doch wol
grammatisch feststehen. "Wenn Socin firas u. dgl. schreibt, muste er auch Önettaii
aufnehmen; hier zeigt auch die Orthographie die länge an, denn niemals begegnet
anettan; h&Axch. glaubt auch Socin, wie es scheint, noch an eine ableitung aus anan
„hauchen", s. 243''!
Soweit wäre also die neue ausgäbe im ganzen gerechtfeitigt. Ich glaube aber,
dass man an die fünfte ausgäbe eines mit zur einführung in die angelsächsischen
Studien bestimteu Werkes wol die anforderung stellen darf, dass nicht nur das von
anderer seite zur correktur von text und Wörterbuch direkt beigesteuerte gemssen-
haft eingetragen werde, sondeni dass in einem solchen falle ein neu eintretender
herausgeber das buch überhaupt darauf hin prüfe, wie weit es in allen seinen teilen
noch auf der höhe der zeit steht. Dass Heynes ausgaben altgermanischer texte, so
praktisch imd zweckmässig sie von hause aus angelegt sind imd so viel gutes sie
demgemäss ihrer zeit gestiftet haben, in bezug auf grammatik und werte rklärung auf
dieser höhe nicht mehr stehen, hätte auch dem neuen herausgeber nicht verborgen
bleiben sollen, und eine systematische revision aller ausätze des glossars wäre dem-
nach wol angezeigt gewesen. Diese hat aber Socin nicht vorgenommen. Nach den
proben, die er von seiner kentnis des angelsächsischen in der neubearbeituug von
23*
356 SIEVERS
Körners laut- und flexionslehre abgelegt hat\ ist es mir freilich zweifelhaft, ob er
zu einer solchen revision der rechte mann gewesen wäre. Andrerseits mag ihm das
Verhältnis zu Heyne als dem ursprünglichen herausgeber und gesamti'edactor der
samlung hinderlich gewesen sein, von dessen auhänglichkeit au alte imd liebgewon-
nene irtümer rcf. speciell sich zu überzeugen oft genug gelegenheit gehabt hat, und
der ausserdem über das Verhältnis von redactor und mitarbeiter etwas eigentümliche
Vorstellungen zu haben scheint (vgl. meinen Tatian, Vorwort s. X). Was ich an aus-
stellungen vorzubringen habe, muss ich daher an die gesamtadresse der beiden her-
ausgeber richten, da ich nicht im einzelnen zu scheiden vermag, wen für dieses
oder jenes die Verantwortung trift.
Der text der neuen ausgäbe entspricht, wie bereits in der vierten, den anfor-
derungen, die man billigerweise stellen kann. Auf meinuugsverschiedenheiten einzu-
gehen unterlasse ich daher. Dagegen ist das glossar durchaus zurückgebheben. Es
ist ohne gründliche Säuberung iind Umarbeitung nicht mehr zu gebrauchen, und
durch die menge des fehlerhaften, welches es enthält, geradezu schädlich für die
anfänger, zu deren gebrauch es bestirnt ist.
Ich erlaube mir, diese behauptung dui'ch einige proben zu erhärten, bemerke
aber zugleich, dass mein absehen nirgends auf volständigkeit gerichtet gewesen ist.
1) Die ausätze der lemmata, die vergleiehungen der Wörter verwanter
sprachen, die gelegentlichen etymologischen bemerkungen, wimmeln noch immer von
gröberen oder leichteren grammatischen Verstössen. Belege: S. 133* Höce upr. statt
Höe trotz Bugge, ztschr. f. d. ph. IV, 204. — 140* unter celfylce got. ali-s statt
alji-s seit der ersten aufläge! ebenda ist auch die angäbe „fylce^ altn. fylki, col-
lectivbildung von folc" zu beanstanden, denn ein selbständiges *fylce existiert itn ags.
nicht-, nord. fylki steht für *gi-fylki. Auf derselben spalte ist falsch die angäbe, dass
celmtliHg fiiY ealmihtig stehe. — 140"' a;dre, edre ntf. statt redr, edr\ — 141'' <^r „com-
parativbildung von ä'W — Natürlich ist es comparativadverb zu got. air, steht also für
*airi% wie leng usw. — 147* im lemraa beornan statt des im Beowulf und Fiuusb.
allein belegten byrnnn. — 148* on-hidian statt onbidian; das wort ist denominativ
von önbid. — 150* ge-blödian statt ge-blddgian. — 152* d-bredtan getrent von
breotan, dbreötan 152''; ein bredtan ist nirgends bezeugt; vielmehr gehört breotan
zu den verbis der m- reihe, welche ihr praet. bisweilen mit eö bilden, ref. ags. gr. -
§ 384, anm. 2. — 154* büan ist nicht schlechtweg als stv. zu bezeichnen, da ein
starkes praet. fehlt. — 158 '^ eweccan „lebendig machen, s. c/cic"l Vielmehr zu
civaemi. — 159* cymllee, lies eymlice, Beitr. X, 497. XI, 557; bei kui'zer Wurzel-
silbe müste es *cymeltce heisseu. — 175'' ge-fcege als positiv zu dem allein belegten
comparativ gefcegra 916 ist zweifelhaft, da nirgends parallelen zu finden sind. Nach
ahd. gifago (selten stark flektiert), mhd. gevage wird man gefaga sw. adj. ansetzen
müssen. — 176* gehört die verkürzte form fcett nicht ins lemma, da sie nur in mehr-
silbigen formen auftreten kann. — 179 '^ ist feorhlagu falscher ansatz statt -legu,
Beitr. IX, 243. — 190* gamenu-däu, 281'' umäu, ein langsilbiger weiblicher ä-
stamm, statt -wääl — 193* wird gealgmdd wider zu gealla „galle" gestelt, als ob
eine solche Verkürzung von *geallig im ags. erhört wäre. — 193'' gedn ist nicht
aus gegn, sondern aus gcegn, geagn entstanden, Beitr. IX, 225. — 205* hdst adj.
1) Dort werden uns z. b. — im jalii-e 188G — 87! — Wörter wie cmsan, hednan, spredtan, hrin-
gan, speornan , sjnncan , getingan, piiigaii, ddan, hiiipan, gipan, iracan, cldan, fniscin , beogan, leöfan,
sneotan, pre&wan usw. in reicher fülle als existierende starke verba aufgetischt. ,
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 357
statt hceste, da es endungslose *'- stamme bei den ags. adjectivis ausser fyrn nicht
gibt, ags. gl-.- §302. — 205* helrüna swm. ist sehr zweifelhaft, da sonst nur das
fem. bekant ist. An dem weiblichen geschlecht ist kein anstoss zu nehmen, vgl.
Müllenhoff, zur ruuenlehre 44, got. unhulpö u. ä., auch Heynes eigene anmerkung
s. 99 zu V. 1261. — 205'' helpc swf. neben help auf griiud von v. 2449 anzusetzen
halte ich bei der ungemeinen häufigkeit des wertes für mehr als bedenklich; hclpan
ist vom Schreiber als infinitiv gemeint gewesen, und er hat seinen fehler nicht ver-
bessert; das richtige helpe haben schon Kemble und Thorpe vorgeschlagen. — 206*
unter hedan ist der absatz 2) zu streichen; gehedde 505 gehört zu (jehegan, vgl. ref.
ags. gr.- §230, anm. Beitr. IX, 293. — 210* steht heorohöciht, 213'' hociht statt
-hocihte, s. Beitr. IX, 257. — 214'' (und 215* imter hroden) sind hreoäan, gehreö-
äan fehler für (ge-)hre6dan , Beitr. IX, 279. — 215'' es ist kein grund vorhanden,
hrysian und nicht hryssan anzusetzen, wenn ciigssan geschrieben ^\■il■d, wie dies
s. 157* geschieht; vgl. Beitr. IX, 288. — 216* es ist ungehörig, htvceäre „aber" und
hicfcäer „ol)" zusammenzuwerfen; der fehler hwfpäre statt hiccrcter 1315 berechtigt
doch dazu nicht. — 227" hätte nicht ein inf. magan angesezt werden sollen ohne
den vermerk, dass er nicht existiert. — 228'' manig-oft adv. „sehr oft" ist eine
grammatische Unmöglichkeit. — 233* ist midde adj. statt mid ein groher gramma-
tischer fehler, — 233'' ist im lemma die form morn zu streichen, denn dasf/r schwin-
det nur hl den mehrsilbigen formen. — 235* tilge bemeornan imter bemurnan als
falsche form, ags. gr. ^ §389, anm. — Ebenda lies {ge)myndgian statt {ge)myndian
(wider eine falsche bildung von einem adj. auf -ig, wie oben geblddian; s. auch
unten gewergian). — 235'' ist nach dem wolhekanten imp. (eigentlich opt.) gemyne
zu gemtman (ags. gr. § 423, 9) ein unerhörtes swv. gemynian angesezt! — 238*
sind niäer „ hinab " und nioäor adv. comp, „weiter unten " fälschlich zusammen-
geworfen.— 243* lies orlege stn. statt orleg, GreüiII, 358. Beitr. XI, 356. — 249''
ist {ge)sceädan für {ge)sceadan zu setzen und die helege mit den unter (ge)sceääan
gegebenen zu vereinigen, denn sceääan = got. skapjan ist die einzige alte form. —
254'' ein adj. sei, sir.l existiert hekantlich im ags. nicht; dem got. sels würde *sdle
entsprechen. — 256'' sind sigl „sonne" und das daraus abgeleitete siglc „schmuck"
zusammengeworfen, imd dem als einzigen lemma gegebenen sigl stn. ein plui'al
sigle gegeben auf giimd der stelle Brösinga mene, sigle ond sincfcBt 1200 fg.
Ich wüste weder zu sagen, nach welchem paradigma ein neutrum sigl, pl. sigle
geht, noch was der „plural" siglc. an der citierten stelle zwischen den singularen
mene und sincfat soll. — 258'' wäre slcepan vielleicht besser als anv. angesezt;
denn es muss bei der spärlichen belegung des praeteritums dieses verbums in der
poesie zweifelhaft bleiben, ob dem dialekte des anglischen Beowulf nicht wie dem
Ps. imd dem northumbrischen allein die form .sZe/j^e zukam (ags. gl".- § 395, anm. 2).
— 259'' wozu die junge form besnyäian im lemma statt des älteren besnyddan? —
263'' styl stm. „stahl" ist ein (freilich weitverhreiteter) fehler für style stn. oder
stm. Woher solte wol der umlaut kommen? Grundform ist stahlio-, daraus ang-
lisch sfeeli acearium Ep. 49, steli Er f. 49. Corp. 55, staeli Corp. 1431, style Wvight-
AYülker I, 344, 31. 459, 16; demgegenüber kann die form stel in den so vielfach
verderbten Leidener glossen 188 (Sweet, OET. 116) imi so weniger in betracht kom-
men, als diese glosse mit Ep. Erf. Corp. usw., welche alle die form steli , style ver-
treten, auf eine quelle zurückgeht. Der richtige nom. style steht schon bei Lye. —
265'' siegle adj. nach der /« - declination angesezt, vermutlich nach alts. .sicigli;
dann müste es auch ags. stvigle heisseu; lies also sivegel adj. (vermutlich alter u-
358 SIEVERS
stamm, daher die doppelformen). — 266" sivenge stm. statt stveng; der nom. ist ja
auch in der poesie belegt. — 267" ist oferstvtäian fehler für ofersuiäan nach der
jrt-klasse; als beleg steht bei Heyne selbst die 3. sg. ofersiviäeä, die doch kaum
dazu aufmuntern kann, ein verbum nach der ö-klasse anzusetzen; übrigens ist z. b.
bei Grein neben einer masse anderer entscheidender formen auch der iuf. oferstciäan
belegt. — 267'' swigor „schweigsam" existiert nicht (müste ülierdies wol sicigor lau-
ten); swigra 981 ist natüiiich mit Grein u.a. als comparativ zu dem reichlich beleg-
ten swige zu fassen; ziu' consti'uktion vgl. meine anmerkung zum Heliand 328. —
269'' teon swv., lies *te6gan, ags. gr.- §414, anm. 4. — Ebenda lies fhnbran, be-
timbrmi statt -tan; der Beowulf kent noch keine ö- formen (vgl. ags. gr. - §405). —
271'' lies getrüwian statt getnlwan, welches eine unmögHche form ist. — 272* lies
wider tyrivan nach der /a - klasse statt tyriDtan; einziger beleg nuctyriiydne Beow. —
276* gepingan ist trotz Dietrich bei Haupt XI (nicht IX), 430 ein fehler, denn es
liegen nur praeterital- und participialformeu mit ng vor, wie nachgerade bekant sein
dürfte. Der fehler ist um nichts geringer, als wenn jemand behaupten wolte, zum
part. fougcn, praot. fengoii gehöre ein Inf. fongan statt fön. — 283'' gewcf stn. „ge-
webe" zum pl. geiviofu „geschick"; es muss getvif heissen, denn das ags. unter-
scheidet gewif „Schicksal" und geicef „gewebe", ags. gr. ^ § 263, anm. 3; geivef tex-
tura AVright - Wülker I, 490, 38, aber geicif furtimam, fatum 245, 44, dat. geivife
fato 406, 4. 496, 19, fortune 406, 5. 500, 9, geicifsMi fiu-tuuatus 406, 3. Zudem
steht geiviofu Beow. 698 bei dem ersten Schreiber, der io nur als ^«-imilaut von i,
nicht auch von e kent. — 284* geiccgan „kämpfen" war als selbständiges lemma
anzusetzen, nicht unter wegan „tragen" zu stellen, denn es hat mit diesem worte
nichts zu tun, Beitr. XH, 178 fg. — 285* müssen ' ^rä wider dem \ne es scheint
unausrotbaren tverig „geächtet" statt werig begegnen. — 286* hes geiccrgian für
gewcrlgean, denn das wort ist ableitung von teerig. — 287'' ein adj. «t-eorce existiert
nicht (müsto auch *iry>'cc heissen), sondern nur das subst. /veorc und dessen adver-
bial gebrauchter instr. iceoree. Dennm eallum /ras . . . iceorce on mÖde'Beovf. 1418 fg.,
ßd was Abrahame tveorce on viöde Gen. 2790 fg. entsprechen ganz formein wie
pat him biä sur in liis möde, onge pon hc hü äna icdt Gn. Ex. 42, was hini
siciäe ange on his mode Oros. 2, 5 (Grein I, 7) mit dem adverliium ange, Beiti-. IX, 260,
oder wearä me on hyge sied leöhte Gen. 676, wearä hyre rilme on mode Jud. 97,
oder utias im tinötho innan brioston, an is sebon sudro Hei. 3294 fg., imdwenn
ne me tveorce sind tvifebrögan Jul. 135 alleufals zweifelhaft erscheinen könte, so
wird gerade für dies gedieht der adverbiale Charakter von tveorce sicher gestelt durch
me pd fracedii sind on mödsefan mceste iceoree 71 fg., denn mcesie kann gar
nichts anderes sein als adjecti\ischer instr. sg. — 294* ist geivittig „bei bewustsein"
als selbständiges lemma von wltig zu trennen, denn es ist ableitung von gewitt,
gen. geivittes, nicht mit ge- cbmponiertes tvitig.
2) Nicht besser steht es mit den angaben über die ge schlecht er. Vielfach
sind diese angaben ohne weiteres falsch; alte druckfehler sind dabei meist sorgfältig
conserviert; manches ist nach dem neuhochdeutschen angesezt, obwol sich abwei-
chendes geschlecht im ags. belegen lässt. Oft sind auch die geschlechter einfach
geraten, ohne dass darauf aufmerksam gemacht ^vürde, dass es sich bloss um ver-
mutimgen handelt. Als belege führe ich an:
bana, bona stm. statt swm. ; so schon seit der ersten auÜage!
bend, fyrbend stm., hellbend, irenbend, ivcclbend stf., ancorbend stmf.?,
searobend stm. oder f.! Ausser dem nichts entscheidenden nom. bend vmd dat. pl.
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 359
bendum ist im Beowulf niu- der acc. (wahrscheinlich pl.) ivalbende handgewriäene
1937 fg. belegt, und danach ist für den Beowiilf das wort als stf. anzusetzen; vgl.
dazu Beitr. IX, 238. X, 463 fgg.
bolstcr, hlcörbolster stn.; vielmehr stm. nach altn. botst r m.^ ahd. botstar m.^
Graff II, 113 fg., mhd bolster m., mhd. wb. I, 119. Lexer I, 324.
breöst nur stn. nach dem gewöhnlichen ansatz; aber mine breast acc. 453
verlangt daneben stf. (vgl. got. brusts jil. f.).
(jebijrd „fatum destinatum" stn.; kann auch stf. sein.
camp stm.; die ags. belege. lassen das geschlecht zweifelhaft; dem deutschen
masc. steht das nord. kapp n. zur seitc.
deöfol nur stm.; kann aber auch n. sein, wie anderwärts, auch in der poesie.
dolg (im glossar fehlt dies verweisungswort), sindolh stm. statt stn., Grein
I, 195.
dögor stmn., endedogor stm. Alier das wort ist der regel nach neutrum.
Der ansatz eines masc. beruht, so viel ich sehe, nur auf dogra gehwilene Sat. 243,
und dies ist, worauf schon die ungewöhnliche construktion weist, schwerlich mehr
als Verderbnis für das geläufige dogra gehwilce (vermutlich veranlasst durch das
kiu"z vorhergehende bileicitne).
drcör stm. bloss nach Vermutung; keine stelle entscheidet über das geschlecht;
ebenso faroä stm.
gilp, doigilp stm. statt stnf'ra)., vgl. acc. gielp micel Gen. 25. Dan. 599.
Das in prosa häufige giefp masc. ist in der i)oesie nur durch unmjtne gelp in den
späten Metris 10, 2 belegt und da aus der prosavorlage (pone unnyttan gilp Fox
s. 68) herübergenomraen.
gnorn stm. nur nach Vermutung; es kann ebenso gut n. sein wie torn (s.u.).
greöt stm. nach dem vermutungsweise (nach merigriox) als m. angesezten
ahd. griox; gegen den ansatz sprechen dcet greöt Aelfr. Hom. I, 74 (bei Bosworth-
Toller zu finden), altn. grjöt n. Auch mhd. ist griex, n. noch gewöhnlich.
gyrn stn.; für diesen ansatz spricht gar nichts. Nach den belegten formen
kann das wort stm. und stf. sein, und beide geschlechter wechseln beim ahd. gntn.
hihä stf. nach den verwanten sprachen und der üblichen, aber falschen ergän-
zung heä[re] hofe 2213. Das wort ist aber im ags. m. oder n., s. Platt, AugliaVI,
173, ref. Beitr. IX, 239.
heolfor stn. blos nach Vermutung.
heolstor stn. statt stm., vgl. pl. helustras Ep. Erf. 867, //eofe^ras Corp. 1723.
he orte swn. statt swf., ein von der ersten aufläge her conservierter fluch tig-
keitsfehler, obwol selbst in Heynes kurzer laut- und flexionslehre das richtige zu
finden ist.
lila st stn. vermutungsweise nach dem dat. pclm klmste 52. Andere sicherere
belege aus dem ags. kenne ich nicht; bis sie nachgewiesen werden, wird man sich an
mhd. der last zu halten haben.
gehlyn stm. statt stn., was die Wortbildung verlangt.
hlytm stm. nach dem (in. hy. dat. Iilgtuic nur vermutungsweise, wenn auch
wahrscheinlich richtig angesezt.
h red er stm. ist schon von Bosworth - Toller mit recht bezweifelt worden. Da
das ags. nicht zwischen m. und u. entscheiden lässt, wird man das geschlecht einst-
weilen nach dem m\ glossar selbst citierten got. hair^ra n. pl. ansetzen müssen.
360 SIEVERS
hord stm. und n., hedh-, irord-, wyrmhord stn., breosthord ohne grund als
stm. Das neutrum ist im ags. das m-sprüngliche und für den Beowulf allein anzu-
setzen, denn wie schon Grein II, 96 bemerkt hat, ist liord m. auf die prosa be-
schränkt, und zwai' auf die spätere, Platt, Anglia VI, 173.
hreä, yüähreä, sigehreä stf. Das geschlecht ist nicht direkt zu bestimmen,
da nur nom. acc. sg. ohne artikel vorkommen; aber die parallele hröäor-hreä weist
Avie dogor-dckg, Mlor-hM u. a. auf alten s- stamm, also auf stn. oder allenfals, mit
übertritt, stm.; vgl. ref. ags. gramm. '' § 267, a. 289.
hreoti) stm. statt stf., abermals fluch tigkeitsfehler, der schon aus der ersten
aufläge stamt.
hröäor stm., vielmehr wahrscheinlich stn., s. zu hreä.
gehygd stn. statt stfn., das geschlecht lässt sich für den Beowulf nicht be-
stimmen.
gemong stm. statt stn.; neutrales geschlecht verlangt die wortbildimg und
ergibt sich direkt bereits aus dem von Grein citierten pl. pcl ■wyrtgemang Ps. Th.
44, 10; weitere belege für das utr. gibt Boswoiih - Toller unter gemang, gemong.
geniynd stf. statt stfn., da keine Beowulfstelle speciell für das f. zeugt.
nosu swf. ist geraten, es könte ebenso gut nosa swm. sein, oder nösa swm.,
nöse swf., worüber Beitr. X, 248 zu vergleichen ist.
sand stm. statt stn. Grein II, 390 citiert bereits pl. sattd bäsnodon Ex. 470,
harii sond Metra 7, 13; weitere belege jezt bei Bosworth - Toller 815 fg.
seür stm., aber richtig Isernseilr stf. nach dem acc. sg. -scure 3117.
segn stm. und n., aber hedfodsegn bloss stn., während von den entscheiden-
den BeowulfsteUen zwei, 47. 1022 für das m. sprechen, und nur einer, 2768, für
das ntr.
sele stmn., bei den übrigen compositis richtig stm., nur bei winsele direkt
falsch stn., denn es steht se unnsele 772. Es ist gar kein giimd vorhanden, für den
Beowulf von dem sonst algemein allein belegten geschlecht abzugehen.
seön, syn, ansyn stf., aber iditeseon und wundorseon stfn. Das Avoii ist
überall f., auch ivliteseön 1651, wo es nom. ist; der schein dass es dort n. sei, ist
nur durch die falsche Interpunktion der stelle hervorgerufen: vor weras ist mit Grein
ein kolon zu setzen; teeras an sdicon (nicht onsäicon) ist ganz wie folo tö scego>i 14:23.
stc'cl (nicht stal: Beitr. X, 244. 508) stm. wird wol richtig sein; aber es fehlt
an beweisenden formen, welche gegen ein mögliches ntr. entschieden.
sund stm. statt stn., wie nach dem altn. siind (in beiden bedeutungen) anzu-
setzen ist.
siveofot und sweoloä stm. beruhen nur auf Vermutung luid können stn. sein.
torn, ligetorn stm. statt stn., acc. torn unlytel Beow. 834.
trem, irym, stn.; das geschlecht ist aus dem ags. nicht zu bestimmen, und
nlid. triimm ist wegen ahd. drum, dhntm fernzulialtcn.
pred, peödßred stf. vermutungsweise nach dem dat. peödßredum. Das wort
komt in allen drei gesclilechtern vor, Gi'ein II, 596, für den Beowulf lässt sich kein
bestimtes geschlecht erweisen.
uhte (statt lihte) swf. statt stm. oder stn., Beitr. IX, 216.
tvalu swf. ist geraten; wenn der acc. pl. lealan richtig wäre, könte man
ebenso gut (mit den früheren ausgaben) nala swm. ansetzen, da der nom. sg. nir-
gends authentisch bezeugt ist. Mit dem von mir vorgeschlagenen icaln meine ich
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 361
natürlich ein stm. = altn. vqlr in effgr^lr = eggteinn (Bugge, Beitr. XII, 369), got.
icaliis (acc. pl. uahms Luc. 9, 3).
ivfBteregesa stm. statt swm. (in der ersten aufläge durch druckfehler „s. m.",
dann von der zweiten ausgäbe ab st. m. !).
wdd, heretvdkd, heaäotvdd stf.; belegt ist ini Beowulf mir der dat. pl. -wd-
dum, es bleibt also zweifelhaft, ob nicht wie sonst als alternative n-dde stn. anzu-
setzen ist.
wiht stnin., <?/?r?7?# stm. statt stfn., s. Grein II, 703, ref. ags.gr. § 267, anm. 3.
wir stn. statt stm., nach altn. virr m.
tvorn stn. statt stm., plui'. ivornas Panth. 6.
rvrixl stn. statt stf. Der entscheidende beleg pysse irrixle dat. aus Beda ist
bei'eits bei Lye imd Grein angeführt, und on ivrixle ebenda {on ivriexle auch noch
Cura past. 341, 18) ist sicher als acc, nicht als dat. zu nehmen {= an stelle von,
in vicem), also ebenfals für das fem. beweisend.
yrre stm. statt stn., wider ein blosser flüchtigkeitsfehler, der aus der ersten
aufläge stamt.
3) Endlich gelange ich zu den bedeutuugsansätzen, einzelerkliirungen
und damit Verwanten punkten. Auch hier möge wider eine anzahl von beispielen
genügen, bei der ich mich zudem, um nicht zu sehr zu häufen, auf die ^äer ersten
buchstaben des alphabets beschränke.
andhätor stmn. „entgegenkommende glut" ist zu streichen, denn reäcs and-
hättres 2524 ist — um von der sonderbaren bedeutung des gemutmassten wortes
abzusehen — "kein möglicher vers; die aUiteration ist vocal auf vocal, und dass das
erste nomen einer halbzeile notwendig die alliteration haben muss, dürfte doch jezt
nicht mehr bestritten werden, mag man nun „anhänger der vierhebungs- oder der
zweihebungstheorie "^ sein (s. X). Überdies steht in dem h von hattres, wie schon
oben s. 355 angegeben wui'de, ein tilgungspunkt.
andlang „sehr lang"; hieriiber vgl. jezt meine bemerkungen in dem Fest-
gruss für Böhtlingk, Stuttgart 1888. s. 110 fgg.
andweard „gegenwärtig, daseiend"; das wort bedeutet aber ursprünglich
„zugewendet, entgegengewendet", xmd wenn 1286 fgg. das blutige schwert im kämpfe
die sirin ofer keime andtceard seireä, so sind das gemäss nicht die „daseienden"
oder die auf dem helme „stehenden", sondern die dem Schwerte „entgegenstehen-
den", die „feindlichen" eberzeichen.
ddfarii ist wie altn. bdlfnr (Bugge, Tidskr. YIII, 65) wol nicht „weg oder
gang zum Scheiterhaufen", sondern „auf" den Scheiterhaufen; bringan on ddfare
ist = „auf den Scheiterhaufen bringen", wie ganz richtig \mter gchringan s. 153*
erklärt wird.
dgldcivif adj. ist unmöglich, vAq schon Bugge, ztschr. f. d. ph. IV. 205
bemerkt hat; jedenfals aber widerspricht der ansatz der eigenen aumorkuug Socins zu
1155 (s. 97), w» ides %/fpe/f?/" unbeanstandet unter den „ asyndetischeu Verbindun-
gen" aufgeführt wird, die ich Beitr. IX, 137 besprochen hatte.
unhydig „eines entschlusses , d. i. festen entschlusses , eines sinnes, d. i.
fest, tapfer, entschlossen" und ähnlich hernach äiirded w^erden ebensowenig dui'ch
altn. einrddr (so!) „eigensinnig" wie durch das von Grein beigezogene ahd. eimvülig
„pertinax" gerechtfeitigt. "Was soll eines anhy d ig Guthl. 869. 951. El. 829 dann
bedeuten, oder gar (Nabuchodonosor) wearä pä ankydig ofer ealle men, siciämöd on
sefan for pdre siindorgife ße him god sealde gnmena rice Dan. 605? Etwa „Nah.
362 SIEVERS
wurde so tapfer, weil ihn gott zum herscher gemacht hatte " ? NatürHch ist anhy-
dig sjTionym dem schon von Grein verglichenen amnöd, onniöd „übermütig", imd
für dieses steht nicht mu' die bedeutung durch die glossen amnöd contumax Ep. 202
(omnödErL^ a?imood Covp. 521)^ anmöda, -möde contumax Wright-Wülker I, 212, 8.
365, 2 fest, sondern auch die kürze des a durch den häufigen Wechsel der formen
anmöd (anmedla) und onmöd {onmcdla)\ änmöd „imanimis" ist fern zu halten. Die
adjectiva anhygdig und anmöd sind ganz gebildet wie oferhygdig und ofermöd und
bedeuten eigentUch „vorwärts (oder gegen einen oder etwas"?) gerichteten sinn habend",
dann in gutem smne „strebend, mutig, kühn", etwa wie u-lanc, in schlechtem sinne
„übermütig", und entsprechend ist dann auch anräd aufzufassen, wie schon die Ver-
bindung yrre ond anrdd Beow. 1576. Byrhtn. 44 erkennen lässt (vgl. auch pä icearä
yrre anmöd cyning Dan. 224); die gruiidbedeutung dürfte sein „einen anschlag habend
gegen", vgl. ahd. anaräti „verrat", eigentlich „anschlag gegen."
(crfader „weiland vater, verstorbener vater" bezweifle ich stark; wie drge-
streön, drgetceorc usw. „alte schätze, altes werk" bezeichnen, heisst drfceder gewiss
zunächst „alter vater", dann „verfahr" imd „vater" überhaupt, ganz so wie eald-
fcPÄer (vgl. auch ahd. altfater „ahnherr") 373 von Beowulfs vater Ecg|)e6w ge-
braucht wird.
ars^re/" (genauer drstafas pl. t.) „hilfe, luiterstützung " ist falsch erschlossen
für hine hälig god for ärstafum üs onsende 381 fg. , J5m . . . for drstafum üsic söh-
test 457 fg., wo /br ärstafum nur bedeuten kann „aus huld"; denn for bezeichnet
im ags. trotz Grein I, 314, nr. 10, oder Heyne, Beow.^ 183^ (imter for) niemals
einen zweck. Die einzigen stellen, die man dafür angeführt hat, sind die beiden
oben citierten und Gen. 508, eine stelle die Grein einfach misverstanden hat. Der
teufel hat Eva so mid Hgenum 588 verleitet, dass sie anfängt ihren sinn aßer pdm
Idrum (des teufeis) 592 zu wenden: das war eine schlimme tat füi" die menschheit:
es ist ein grosses wunder, dass gott es dulden wolte, dass tcurde pegn swä tnontg
forlSdd be pdm lygenum, pe for pdm. Idrum com. Wo kann da von einem zweck
die rede sein? Die männer sollen doch nicht etwa „um der lehren 'v^iUen" gekom-
men sein? Die stelle ist vermutHch verderbt, oder com bezieht sich auf lygenum:
„durch die lügen, die aus des teufeis lehren entsprungen waren." Syntaktisch auf-
fällig bleilit die stelle dabei freilich auch, aber auf alle fälle kann sie nicht so ver-
wendet werden wie Grein es getan hat. ■ — Dass übrigens die ergänzung von v. 457
von der richtigen auffassuug von for drstafum bedingt wü'd, habe ich bereits Beitr.
IX, 138 hervorgehoben.
headurün ist sicherlich nicht „geheimnis des streites", sondern „kampf-
rune", s. Müllenholf, ziu" runenlehre 44.
bealu imd composita; healu subst. heisst schlechtweg „übel, böses" in wei-
testem sinne, aber auch nichts anderes; das adj. ebenso „übel, böse." In der com-
position verbindet sich bealu- teils mit adjecti\'is, wie bealu- hycgende , -hydig „böses
sinnend" = „feindselig", oder, ausserhalb des Beowulf, bcalufid, -füs, -leds, oder
mit substantivis Auch im lezteren fall behält das wort seine grundbedeutung ein-
fach, wenn das Schlussglied neutraler bedeutung ist: bealiccrceft „böse kunst" =
„Zauberkraft", bealuddd „Übeltat", beahisid „böser weg, böses Schicksal", bealuspell
„böse botschaft", bcalupanc „böser gedanke." Drückt aber das zweite glied an sich
bereits etwas böses oder schlimmes aus, so verblasst die grundbedeutung von bealu-
mehr, so dass man sagen kann, es diene fast mehr zur blossen Verstärkung des
Übeln begriffes des zweiten teiles, so in werten wie bealubenn, -dämm, -cwealm,
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 363
-inivit, -ntä, -rdp, -sorg u. dgi. Nun vergleiche man, was statt dessen im glossar
auf dem wege der isolierung der einzelnen werte von einander erreicht ist. Zu
V. 2715 specieU bemerke ich, dass bealomäe (wie des metrums wegen gelesen wer-
den muss) einfach „ feindselig " bedeutet.
bearm; in dem satze htm tö bearme cicdin määdumfcet mcere soll bearm
figüi'lich „besitz, eigentum" bezeichnen: wolgemerkt, nicht die formel tö bearme
cuman soll =^ „in den besitz kommen" sein, sondern schlechtweg bearm ^=
„ besitz " !
dbeödan; v. 390 ivord iime dbcdd wird erklärt durch den misverstäudlichen
ausdruck „kündete die werte drinnen", während doch das ä- ausdi'ücklich auf die
draussen befindHchen hörer hinweist. — Unter dem gleichen lomma lesen Avii- y,eoton
weard dbedd entbot dem riesen einen Wächter 669" imd unter eofou s. 173'' wird
das eoton unserer stelle als unflektierter dativ erklärt. Solche dative sollen aber erst
noch nachgewiesen werden.
be6rpc(ju „biertrinken, gelage"; es ist mir zweifelhaft, ob die grundbedeu-
tung richtig angesezt ist. Das verbum piegan bedeutet bekantlich 1) empfangen,
2) verzehren, und entsprechend spalten sich die bedeutungen des verbalsubstantivums
pegu; in födorpegu, nilpegu liegt ebenso deutlich der begriff des verzehrens vor,
als in bedgpegii, hringpegii, srncpegu der des empfangens. Dann bleiben beorpegn
und icinpcgu übrig, und diese stelle ich fürs erste lieber zu pegu „empfang" (bei
dem „gelage" wird das hier, der wein vom gastgeber gespendet und vom gast
empfangen), weil picgean einstweilen nur in anwendung auf das verzehren fester
nahrung, aber nicht auf das trinken nachgewiesen ist.
beöt ist nicht schlechthin „Versprechung, verpflichtende zusage einer zu unter-
nehmenden tat ", gebeötian nicht „ sich zu einer zu unternehmenden tat verpflichten,
sich anheischig machen", sondern, wie z. b. Grein richtig andeutet („jactantia, pro-
missio gloriosa, und überhaupt promissum" I, 112) steht dem begriff des „sich ver-
messens" am nächsten.
gebtdan c. acc. heisst nicht auch „erwarten", sondern nur „erleben, erfah-
ren"; als „erwarten" regiert es wie das einfache bidan den genitiv.
blccdfast „ruhmfest, berühmt ...", ebenso söäfcEst „fest in der Wahrheit",
tirfcest „ruhmfest", w/sfa-st „sapientia firmus. " Yielmehr bedeutet -fc^st in diesen
und ähnlichen compositis „verbunden mit, also im besitze von", vgl. (etftestan,
befcestan, oäfastan im sinne von „infigere" und das ganz gleichbedeutende got.
-hafts, deutsche -haft (Anglia I, 578).
blöd; hierunter lesen wir: .,after deörnm men hini langad beorn iviä blöde
nach dem geliebten mann sehnt sich der held (Hrödgär) widers blut, d. h. er Hebt
ihn, obschon er ihm nicht blutsverwant ist 1881." Dieselbe erklärung Avird auch imter
kmgian 221 "^ und iviä 289"^ widerholt; sie ist notwendig falsch, denn erstens wird
langian im ags. stets mit dem acc. (also hine langad, nicht him langad) verbun-
den, zweitens wäre das praesens langaä xmbegreiflich , imd drittens ist die deutung
von Uta blöde imerhöii. Das richtige hat längst Thorpe gesehen, als er born für
beorn vorschlug: „dass ihm Sehnsucht nach dem beiden im blute braute." Die wähl
der Präposition tviä ist ganz begreiflich. Die Sehnsucht „steckt" Hrodgar „im blute",
ist mit ihm sozusagen „gemischt", und so wird dieselbe präposition gebraucht, welche
nach blondan, niengan u. ä. ganz gewöhnlich steht (Andr. 425. El. 307. Metra 7, 8.
8,23. 20,65.111.128.236. 29,50. Ps. 68, 22. 105, 26 usw.).
364 SIEVERS
brant, hront „tosend, schäumend, hochgehend von schiff und flut" ist
geraten; das wort ist formell identisch mit altn. brattr „steil", und dies wird in
brattr breki auch von den wogen gebraucht; „steil aufragend'^ ist also die einzige
bedeutung, die sich für das ags. brmit rechtfertigen lässt.
bräd soU „massenhaft" bedeuten in bräd gold 3106 (dieselbe erklärung ujiter
(lold s. 198^); diese bedeutung ist lediglich für die eine stelle zurechtgemacht; nir-
gends heisst bräd sonst „copiosus", sondern entweder einfach „breit", oder „w^eithin
sich erstreckend." An unserer stelle werden bedr/as ond ^rof/ ^oZcZ gegenübergestelt:
kann es da zweifelhaft sein, dass die bedrjas das „gewundene", icunden gold, bräd
gold aber das fated gold, also „goldbleche" bezeichnet?
bregdan: ^bröden (brogden) mc'el das gezogene schwort", ähnlich s. 230*
unter mal; vgl. dazu Anglia I, 580.
gebregdan; die Übersetzung von v. 1665 verstehe ich einfach nicht; wdpen
hat ja immer noch ganz concreto bedeutung, und heisst meines wissens nie „vertei-
digungsmittel", wie hier angenommen wird. Und die construction ?
bryneleoma, bryneivylm sind wider zu speciell aus der eiuzelsituation
heraus als „licht der feuersbranst , wogen der feuersbrunst" erklärt; allerdings han-
delt es sich an den beiden stellen um eine bestimte feuersbrunst, aber deswegen
heisst bryneleoma doch nur „feuerschein", bryneicylm nur „feuerwogen", da bryne
auch nur ganz algemein „brand, feuer" bedeutet (vgl. auch composita wie brynehät,
bryneteäras u. dgl.). "Wo bleibt die „feuersbrunst" Sat. 27. Guthl. 644, wo bryne-
wyhn vom höllischen feuer gesagt ist? Oder soll man sich etwa merken: y,bryne-
ivylm 1) =^ wogen einer feuersbrunst, 2) ^ wogen des höllenfeuers " usw. für
jede specielle anwenduag?
brytnian heisst nicht eigentlich „zerstückeln", sondern ist ebenso gut wie
das richtig erklärte bryttian denominativ zu brytta „Spender", und nui" dies darf
etymologisch als „zerstückler" erklärt werden.
eealdum cearsiäum 2397 sind nicht schlechtweg „kalte kummerfahrten",
wie s. 156* angibt, sondern „feindselige, verderbhche, böse." Im altn. hat kaldr
diese bedeutung ganz gewöhnlich ; aus dem ags. vergleicht sich cleopaä ßonne sicä
cearful ecaldan reorde, sprcceä grimlice se gast tö päm di'iste Seelen 15.
be-ceorfan heisst nicht „trennen, abschneiden", sondern „beschneiden";
durch den angegebeneu bedeutungsansatz Avird die construction nicht erklärt.
ä-ciyan ist nicht „herzurufen", sondern „herausrufen"; das ist schon deut-
lich durch den zusatz of coräre.
Collen ferhd soll bedeuten „von nicht gemeinen gedankeu, in seiner denkart
höher als die andern stehend, hochsiimig." Die richtige erkläi'ung ist bei Grein I,
166 zu lesen: „gleichsam geschwollenen gemütes, was sowol die folge des kummers
als auch des mutes usw. sein kann." Für die erstere bedeutung zeugt die Variation
mit ■mödcrcänige Eleue 377 (vgl. auch eleopode pä collenferhä cearegan reorde Andr.
1110), für die zweite Variationen wie eine collenfcrd Andr. 1580, anhydige Elene
848, ellenröfe Andr. 350, blute Elene 246, eddhrcäge Jud. 135. Die grundbedeutimg
ist also „erregten sinnes."
corder; hier ist zu v. 3122 falsch construiert; cyniges gehört mit dem fol-
genden pegnas zusammen, nicht zu of eordre.
Clin na n 2) hätte nicht schlechthin nüt „können" augesezt werden sollen; die
bedeutung „verstehen" ist noch überall deuthch (182 =: „sie hatten nicht gelernt";
ÜBER BEOWULF EDD. HEYNE -SOCIN 365
1446 intensiviert ciide, wie so oft im mhd. ich kan „ich verstehe" = „es liegt in
meiner art oder natur" auch von leblosen Subjekten angewant wird).
deääic7c; es ist mir zweifelhaft, ob „des todes behausung, wohnung des
todes" mit offenbai' persönlich gedachtem „tod" (also „todeshaus" := „Unterwelt" wo
der tod wohnt) das richtige trifft. Phon. 48 sind dedärceced, haleäa heolstorcofan
einfach „gräber", deddscle Guthl. 1048. Crist 1537 bezeichnet die höUe (man beachte
an lezterer stelle die Zusammenstellung deääsele deofoles, auch die parallele mit
u-ifehiis); bezeichnend ist auch Walf. 30; wemi der walJisch unteiiaucht, auf dessen
rücken die Schiffer gelandet sind, ponne dedäsele drence bifasteä scipu niid sceal-
cum: hier ist deddscle das todbringende meer, in welches Schiffer und schiffe ver-
sinken. Nach unserem Sprachgebrauch wären also dedäwtc, -reced, -sele eher mit
„totenhaus" widerzugeben.
deor; es ist kein grund vorhanden, für 2091 eine besondere bedeutuug „wild,
grausam" anzimehmeu.
dolgilp ist nicht „verheissung vci-wegener taten, verpflichtende zusage zu
kühner Unternehmung", sondern „toller Übermut." Es ist wider auf die bedeutung
von for keine rücksicht genommen (vgl. oben s. 362 zu urstafas).
dorn; hier smd die bedeutimgen orduuugslos durch einander geworfen : I. zustand
überhaupt; 11. rechtlicher zustand, daher 1) urteil, rechthche meinung, 2) sitte, 3)
gericht; III. freier bevorzugter zustand, daher 4) belieben, wilkür, 5) macht, gewalt,
6) nihni, ehi'e, ruf, 7) herlichkeit! Auch sind die einzelnen belege widerholt falsch
untergeordnet. So bedeutet dorn (/ödes 2859, dryhtnes dorne 441 sicher nicht „got-
tes gewalt", sondern „gottes richterspruch."
drincan. Zu dem bedeutungsansatz für das part. druncen vgl. Beitr. IX,
139 fg.
driisian „eigentlich hiufiillig sein, hier vom wasser stagnieren, faulig wer-
den; praet. lagii drihade (durch das blut Grendels imd seiner mutter) 1631." Auch
dieser ansatz ist mir bedenklich, wenigstens die gieichung „stagnieren = faulig wer-
den." Ich denke, nachdem Beowulf aus den fluten emporgetaucht imd an das land
gestiegen ist, liegt nun das blutgefärbte wasser (nachdem öich die wellen beruhigt
haben) in öder einsamkeit da. Auf eine solche auffassung scheint uns auch wceter
under sfod dreorig ond gedrefed 1417 fg zu deuten.
dryht- in compositis wie drylitcnen, -gestreöii^ -leöd, -lic, -niddunt, -sele
usw. bedeutet „edel, vorti'eflich", wie auch Heyne z. t. ansezt. Nach dieser analo-
gie hätten auch dryhtbearn mid dryhtguma einfach als „edler junger mann, edler
krieger" erklärt werden sollen; auch sie setzen die abgeleitete bedeutung von dryht-
bereits voraus, und sind niclit auf „Jüngling aus einer edeln kriegerschaar" und
„mann der kriegsschaar" zurückzuführen.
dugud; hier heisst foi- dugedum 2502 nicht „in tüchtigkeit", sondern „wegen
meiner tapferkeit, aus tapferem sinne" (oder „weil ich ihiu überlegen war"?)
dyrne; hier ist „abgelegen" zu streichen, denn dyrne bedeutet das nirgends;
auch dyrne „heimtückisch" ist zu bezweifeln; dyrne heisst u. a. alles, was aus der
finstern hölle komt, also auch alle bösen geister, dämouen u. dgl..
Den rest des glossars in ähnlicher weise durchzugehen, wird man mir nach
diesen proben wol erlassen.
HALLE, 18. .lUNT 1S88. ■ E. SIEVERS.
366 SIEVERS. ÜBER SARRAZIN, BEOWL'LF - STUDIEN
Beowiilf-studien. Ein beitrag zur geschichte altgermanischer sage
und dichtung von (»regor Sarrazin. Berlin, Mayer & Müller, 1888. VII [I].
220 s. 8. 5 m.
Seit etUchen jähren hat der Verfasser dieser „Studien" es sich angelegen sein
lassen, die Beowulflitteratur durch eine reüie von „ entdeckungen " zu bereichern.
In der geschichte dieser entdeckungen sind drei hauptphasen oder -stufen zu unter-
scheiden. Zuerst entdeckte Sarrazin (Paul - Braune , Beiträge XI, 159 fgg.), dass der
ags. Beowulf eine einfache Überarbeitung eines altdäuischen Originals sei. Auf der
zweiten stufe (AugUa IX, 515 fgg.) wurde Cynewulf als der betreffende boarbeiter
entdeckt. Unsere „Studien" stellen die dritte stufe dar; sie bringt, neben einer reca-
pitulierung der fräheren aufsteUungen , als Schlusskrönung des gebäudes den satz:
Der Verfasser des altdänischen heldengedichtes , dessen „obscure bearbeitung" (s. 118)
im ags. Beowulf vorliegt, ist StarkaSr der alte.
Gegen Sarrazins methode der beweisführung habe ich in einem speciellen
punkte, nämlich in bezug auf die Verwertung sprachhcher kriterien, bereits zweimal,
Beiträge XI, 354 fgg. und XII, 168 fgg., leider erfolglos, einspruch erhoben. Wie
die „Studien" zeigen, ist er auch jezt noch des guten glaubens, dass man über
sprachliche dinge mit erfolg schreiben könne ohne die betreffenden sprachen selbst
zu kennen. Was aber neben den sprachlichen momeuten zur begrüuduug des gan-
zen hypothesengebäudes vorgebracht wird, entspricht so sehr dem gegenteil dessen,
was man sonst philologische methode zu nennen pflegt, dass ich im Interesse der
leser dieser Zeitschrift darauf verzichten muss, micli eingehender damit auseinander
zu setzen. Ich versuche es also nicht zum dritten male, den Verfasser zur umkehr
zu bewegen, sondern begnüge mich damit, ähnlich wie dies soeben ten Brink, Beo-
wulf, Strassbiu'g 1888, s. 248 getan hat, meinen Widerspruch einfach zu registrieren.
Nur ein kleines vergnügen möchte ich mir noch gestatten, nämlich die auf-
merksamkeit des lesers auf die polemischen abschnitte zu lenken, welche dazu
bestimt sind, die mangeUiaftigkeit meiner kentnisse im nordischen und angelsäch-
sischen ins gebührende licht zu stellen. Unter diesen abschnitten ist namentlich der
excurs über den suffigierten artikel s. 198 fgg. lesenswert. Hier dokumentiert der
Verfasser ziuiächst wider, dass er nicht weiss, was der nordische suffigierte artikel
ist, indem er behauptet, er finde sich in Uedem wie Vgluspä und YQlundarkvida.
Dann weist er nach, dass der gebrauch des suffigierten artikels im altdäuischen bis
an die schwelle des uruordischen zurückreiche. Unter den beweisenden Zeugnissen
fungieren dabei u. a. :
a) bei Saxo Grammaticus Berginuni, d. h. nach Sarrazin Berg -in „die berge"
als uame der Stadt Bergen, von der man bisher anzunehmen pflegte, sie heisse altu.
Bji^rgijn, gen. Bjqrgynjar für älteres Bjqrgvin usw.
b) ehcnda, Ly?ufiot'thmum = dän. Limfjord-en; es steht aber bei Saxo Lym-
fiorthinuni fretum, wie er sonst auch Lyn/ieus s/'mis oder Lymicum mare braucht.
c) runeuinschriften mit formebi wie kubl paiisi , st/'n paust', runar pasi usw.
Das weitere möge der leser im originale nachselien.
HALLE. 1. SEPT. 1888. E. SIEVERS.
SIJMONS, ÜBER KORMAKS SAGA ED. MÖBIUS 367
Kormaks saga horausgegoben von TIi. Möbhis. Halle a. S., buclihandlimg
des Waisenhauses, 1886. 208 s. 8. 4 m.
Der wünsch nach einer neuen ausgäbe der Korinakssaga , dem vor einigen jäh-
ren Gudbr. Vigfüsson ausdruck gab (Cpb. 11, 63), als er in seine samlung ausser den
fragnieuten von Kormaks Sigur|)ardrapa die mehrzabl der visur der saga aufnahm, ist
von Th. Möbius bald erfült worden. Die sehr interessante, strophenreiche erzählung,
bisher nur einmal (1832) herausgegeben, verdiente nach einem halben Jahrhundert
gewiss eine neue bearbeitung: dass Möbius ihr die sorgsamste pflege gewidmet hat,
braucht dem kenner der Möbiusschen schritten — und welcher nordische pliilologe
wäre dies nicht? — kaum erst versichert zu werden. Wie der editio princeps, so
liegt auch dieser neuen ausgäbe der bekante codex AM 132 fol. (A) zu gründe, die
einzige alte membrane, welche die saga A'olständig bietet, neuerdings in dem hoch-
wilkommenen ersten hefte des „Katalog over den Aruamagnteanske händskriftsamling"
(Kbliv. 1888) als Mödruvallabök bezeichnet und der ersten hälfte des 14. Jahrhun-
derts zugewiesen. Doch, davon abgesehen, dass die neue vergleichung von A sehr
nutzbringend gewesen ist, hat Möbius seinem texte der saga eine breitere handschrift-
liche luiterlage zu geben vermocht durch die benutzimg des membranfragments AM
162 F fol. (s. Katalog vor den Arn. händskrfsml. 1, 124), das allerdings nur ein klei-
nes stück der saga (6-^ — 11-") enthält, aber selbständigen kritischen wert besizt und
einige male gegen A entschieden im rechte ist. Die zalilreichen chartacei dagegen
scheinen sämtlich auf A zurückzugehen, wie Möbius für neun derselben s. 78 fg.
schlagend nachweist; ihre abweichenden lesarten haben somit nur die bedeutung von
conjecturen und sind für den text der Strophen nur mit vorsieht zu verwenden, da
sie vielfach den bei Kormak häufig mangebiden silbenreim herzustellen suchen. Selbst-
verständlich kann bei diesem zustande der Überlieferung eine ausgäbe der Kormaks-
saga wesentlich nur eine normalisierte und behutsam bessernde widergabe von A sein,
und so hat auch der herausgeber seine aufgäbe verstanden.
Dem texte (s. 3 — 56), dem die Varianten und vorgeschlagenen emeudationen
(zu den visiu') beigegeben sind, folgt zunächst ein buchstabengetreuer abdmck der
visui" nach A und B (s. 57 — 64), sodann eine einleitung, walche über Inhalt, form,
Überlieferung und kritik der saga orientiert, nebst anmerkungen kritischer und erklä-
render natur zum prosatexte (s. 65 — 91). In eingehendster weise werden darauf die
85 Strophen dei' saga erläutert (s. 92 — 174), erst im algemeinen, dann jede einzeln.
Dieser teil des buches ist sehr geeignet, die Schwierigkeiten und Wunderlichkeiten
der skaldenpoesie einem wider so recht zum bewustsein zu bringen. Trotz der ver-
hältnismässigen einfachheit von Kormaks technik und trotz der peinlichen Sorgfalt,
mit welcher Möbius, für einzelne strophen unterstüzt von J. forkelsson, G. Vigfüs-
son, F. Jonsson imd H. Gering, diese gedichte bearbeitet hat, bleibt noch so man-
ches rätsei zu lösen, scheint so manche crux nicht zu beseitigen: und daran ist kei-
neswegs bloss die schlechte Überlieferung schuld, die ihrerseits wider in dem den
späteren abschreibern abgehenden Verständnis für die skaldische spräche wurzelt,
sondern fast ebensosehr die kürzlich von Heinzel (Auz. f. d. a. 14, 43 fg.) mit recht
hervorgehobene Idiomatik der altnordischen kunstdichtung. Der vorteil, den die
festen bestimmungen über Stabreim, sUbenreim und silbenzahl der conjecturalkritik
zu bieten scheinen, bedeutet tatsächlich wenig der hilflosen Unsicherheit gegenüber,
was in stilistischer hinsieht den skalden zugetraut werden dürfe und was nicht. Die
Schwierigkeit wird bei Kormak noch erhöht durch die lässigkeit seiner metrischen
technik (s. 96 fg.): statt aäalhent findet sich skotheut und umgekehrt, und liüttlaust
368 siJMONs
komt äusserst häufig vor, der hauptstab steht in 17 fälleü statt auf der ersten silbe
auf der zweiten oder dritten des 2. verses usw., sodass, wie der herausgeber auch
betont, in unserer saga durch, metrische fehler keineswegs immer auch überlieferungs-
fehler mit Sicherheit indiciert werden. Was einstweilen für herstellung und deutung
zu eiTeichen war, hat Möbius gewiss erreicht, die alzukünstlichen coustructionen
Sv. Egilssons hat er nicht selten durch überzeugende einfachere ersezt, und manche
schöne emendation ist ihm mittelst einer umsichtig gehandhabten plülologischen
methode gelimgen. Dankbar darf man ihm sein für die der .prosaischen Wortfolge
der einzelnen Strophen sich anschliessende deutsche inlialtsangabe , wodurch er man-
chem die oft wenig lohnende mühe erspaii haben wird, selber die glose zu suchen:
mehr als WoKram müssen die nordischen skalden tiutcBre mit ir mcsren laxen gan,
und wir dürfen uns nur freuen, wenn Möbius die rolle des deuters übemimt.
Den beschluss des buches machen ein register der umschreibimgen (keuningar,
vidkenningar , hälfkenningar) in den Strophen der Kormakssaga (s. 175 — 178), ein
wörtei-verzeichnis zu den visiu' (s. 179 — 203), in welches man gerne auch diejenigen
Wörter des prosatextes hätte aufgenommen gesehen, die sich nicht im „Altnordischen
Glossar" finden, endlich ein nameuverzeichnis (s. 204 — 206) mit dankenswerten Ver-
weisungen bei den isländischen Ortsnamen auf Kälunds „Historisk-topografisk be-
skrivelse."
An diesen bericht über die ausgäbe knüpfe ich die besprechmig di'eier einzel-
ner punkte, in denen ich dem herausgeber nicht beizupflichten vermag oder doch zwei-
fei äussern möchte. Die zwei ersten beti'effeu kleinigkeiten der Orthographie und der
erkläi'ung.
Möbius hat, während der prosatext auf gnmd von A normalisiert wurde, die
visur in das älteste erreichbare sprachliche gewand gekleidet. Er misst dieser nor-
malisierung mit vollem rechte nur eine untergeordnete „symbolische" bedeutung bei
(s. 101*), da zwischen der eutstehung dieser visur und den handschriftlichen Zeug-
nissen, auf die sich die normalisierung stüzt, noch immer mehr als zwei Jahrhun-
derte liegen. Allein es ist wünschenswert, dass in die reconstructionsversuche der
älteren sprachgestalt in den ausgaben altnordischer gedichte almählich einheit komme.
Im algemeinen wird man sich dem verfahren des herausgebers durchaus anschliesseu
können. Einige fast imvermeidliclie iueonsequenzen hat Möbius selber berichtigt,
und es verlohnt sich kaum der mühe, auf ein paar weitere aufmerksam zu machen.
Dass dui'ch versehen in str. 31 Hviteng, Skafnongr stehen geblieben sind (gegen
Skipunga 52*. 65*, Solundar ö7\ Skafnunge 59') hat Sievers Beitr. 12, 482^ be-
merkt. Die gänzliche Vermeidung des ?<-umlauts von «, sowie die Unterlassung des
?<- Umlauts von «, wo der silbenreim unumgelauteten vokal zu fordern schien, billigt
Möbius laut seines Widerrufs s. 207 selber nicht mehr, und in der tat ist die annähme
skandinavischer gelehrter, dass dieser umlaut erst im 11. Jahrhundert eingetreten sei,
mit den beglaubigten tatsachen der Sprachgeschichte nicht avoI zu vereinigen. Adal-
hendingar von a r^ (^ oder u ^~^ ' sind eben nicht völlig reine silbenreime, die in
der älteren skaldik ein ähnliches kenzeichen noch unvollendeter technik sind, wie die
unreinen endreime der älteren mhd. poesie. ^ Auf einen anderen hierher gehörigen
1) Man gestatte mir bei dieser gelegenlieit die berichtigimg eines ärgerlichen ii-tiuus in der Ortho-
graphie des kürzlich erschienenen ersten halbbandes meiner ausgäbe der Eddalieder , auf welchen S. Bugge
und E. Sievers mich freiuidlichst aufmerksam gemacht haben. ]Mit unrecht habe ich ps- und qst- in
compositis geschrieben , wählend doch beide des Umlaufs entbehren müsten , ersteres als langsilbiger
M- stamm, lezteres als langsilbiger t- stamm: vgl. die Beitr. 12, 491 von Sievers citierte litteratur. Das
ÜBER KORMAKS SAGA ED. MOBIUS 369
punkt gehe ick etwas näher ein. Die pluralformen des ind. praes. der wurzel es
schreibt Möbius mit s: esoni 16', esut = eso-at l?*, eso 53^ (im texte ero, doch
s. ] Ol * in eso gebessert) , daneben die verkürzte form 'ro 41 °. Jedenfalls nicht mit
recht, denn in diesen formen ist r aus x bereits umordisch; ja, wir dürfen Hxum,
*ixuä, w^ozu die 3. pl. altn. ero analogiebildung ist, unbedenklich als die urgerma-
nischen formen der 1. 2. pl. betrachten: ahd. birii/m, bind sind daraus durch
mischung mit der i- wurzel hervorgegangen, und auch ags. earun aron weisen auf
eine form mit x zurück (vgl. Sievers Beitr. 6, 571 fgg.). Aber auch die annähme,
die an sich immerhin möglich w^äre, dass in späterer zeit das s einmal aus den sin-
gularformen est, es in den plural eingedrungen sei, wird durch die gekürzten for-
men 'rom, 'rop, 'ro und dann sogar 'o widerlegt. Weiter erhebt sich die frage, ob
esomk =^ es vier, wie Möbius 16- geschrieben, oder eronik zu schreiben sei, wäh-
rend natürlich in der bedeutuug ero mer in jedem falle nm- eromk richtig ist. Wäh-
rend ich in den Eddaliedern esomk und vqsomk (= vas mer) in den text gesezt, ist
mir jezt, namentlich durch briefliche bemerkungen S. Bugges, die berechtigung sol-
cher formen doch zweifelhaft geworden. Die formen esomk und vqsomk, in den
handschrifteu wol nirgends belegt, verdanken ihre einführung wol ausschliesslich der
formellen übereiustimmung mit es, vas, allein, wie hiipomk = baup mer unter ein-
fluss des plurals, Hesse sich auch eromk, vqromk = es mer^ vas mer unter demsel-
ben einfluss wol erklären. Auch kann bereits vor der zeit der Eddalieder und der
Kormakischen dichtung neben betontem es unbetontes eR bestanden haben. S. Bugge
glaubt für diese annähme eine stütze zu finden in den Inschriften von Björketorp und
Stentoften, die er jezt auch als echte alte Inschriften betrachtet (über frühere ansich-
ten s. F. Burg, Die älteren nord. ruueninschr. s. 59 fgg.), wo aR =: altn. er bereits
vorzukommen scheint. Vorsichtiger scheint es unter diesen umständen jedenfals
eromk und vqromk beizubehalten.
Sodann eine kleine bemerkung zur erklärung einer stelle. In str. 4 sagt Kor-
mak von der unverwant auf ihn sehenden Steingerd, sie habe d halse Hagbarßs —
wofür F. Jonsson mit recht und h. H. lesen will — auf ihn hingestart. Die saga
hat daraus folgenden zug der erzählung gewonnen (5^^~^^): Nu finnr Steingerär at
hon er sen, snyr nü i skotid ok ser undir skegg Hagbar äi. Nu berr Ijos i annlit
henni; pd mcelti Tosti: „Kormakr, ser pii angun utar hjd Hagbaräshqfdmu?"
Der herausgeber erklärt s. 82, wesentlich in Übereinstimmung mit der deutung in
einem chartaceus, Steingerd habe sich hinter einem hölzernen türpfosten versteckt,
der am obern ende mit dem geschnizten köpfe des Hagbard versehen war. Und
ohne zweifei ist so etwas gemeint; nur w'äi'e es merkwürdig, wenn ein isländisches
haus des zehnten Jahrhunderts mit einem bilde von Hagbards bärtigem haupte ge-
schmückt gewesen sein solte. Trotz der beliebtheit, deren sich die sage von Hagbard
und Signy im ganzen norden erfreute (vgl. namentlich Sv. Grundtvig, Daum, gamle
folk. 1, 258 fgg.), haben wir doch kaum eine stütze für die annähme, dass die islän-
Stockh. homüieiibuch schreibt wol auch stets äst- (z. b. li^. 1514. ißse. 72i5. 1163. igßi usw.). Es
wäre also zu schreiben gewesen: dsbrü Griimi. 295, dslißar Skirn. 34 s, äsniegen Hym. 32'-. Fragm. 6 (1)^,
äsmeger Vegt. 7^, cismaga Svipd. 11, SS-", Äsgarp J'rkv. IT^, sgarpe Hjm. 7°, Äsnmndar Griinn. 49^,
4.solfr Hyudl. 21 1, sowie: äsirdß Hym. 4-'. 312. Verführt hat mich vermutlich die Schreibung (isinundar
im Eegius Grimn. 49-, die allerdings nicht zuftällig sein kann, sondern den M-umlaut andeuten muss.
Ich will überhaupt gestehen , dass die freüich unleugbare tatsache , dass die u - stamme mit langer erster
Silbe als erstes compositionsglied regelrecht keinen w-umlaut haben (vgl. vandstyggr, fjarfbdl, vallrop,
hiattleikr, skjaldpik. u. a.), mir durch Heinzel Anz. f. d. a. 12, 48 fgg. noch keine genügende erklärang
gefunden zu haben scheint. [Vgl. jezt die ausführungen von E. Sievers, oben s. 104. Eed.]
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 24
370 siJiioxs
(lische kuust sich von den lielden der nordischen sage so individuelle Vorstellungen
gebildet hätte , dass etwa Hagbards köpf durch bestirnte charakteristische züge unmit-
telbar als solcher wäre erkant worden. Unwilküi'lich erinnert man sich der bereits
mehrfach (z. b. von Müllenhoff Ztschr. f. d. a. 12, 297 und 0. Jaenicke DHE 4, XLH)
hervorgehobeneu interessanten mhd. glosse hagcbart „larva" (gl. Herrad. 189"), die
freilich W. Wackernagel , doch wol ohne genügenden grund, als agebart (zu ecje) deu-
tet: s. "Wöiierb. 123*. Dem vereinzelten ahd. eigeunamcn Hagiqjart entspräche aller-
dings an. *IIqgharpr (wie ahd. hagustalt = an. liqgstaldr^^ allein, wie neben hagu-
stalt ein hagastalt {Hagustalt und Hagastalt als eigennamen: Müllenhoff a.a.O.), ist
auch neben Hagiqmrt ein ahd. Hagapart Hagabart = an. Hagbarßr denkbar. Die
Hagbardsage muss auch in Deutschland einmal bekant gewesen sein, wie sich aus
der spielmannsmässigen Umgestaltung der alten austrasischen Hugdietrichssage erwei-
sen lässt, und es ist nicht unmöglich, dass mhd. hagebart „Larva" eine appellativisch
gewordene erinnerung an jenen Hagliard ist', der in frauenverkleidung die geliebte
gewint. Dürfen wir etwas ähnliches für die Strophe Kormaks annehmen, so dass
auch in ihr Itagbarßr appellativisch als „bärtige larve, bärtiges haupf^ zu verste-
hen wäre? Noch möchte ich darauf hinweisen, dass Hagbarßr als beiname Odins
nicht nachzuweisen ist. Ich bemerke dies, da G. Yigfusson im Oxford. Dict. 231''
s. V. Hagbarär mit nicht ungewohnter Sorglosigkeit angibt: „a name of Odin . . .
Edda", und im Corp. poet. bor. H, 80. 573 in einer strophe des tJlfr Uggason, welche
sich übrigens nicht nur in der Kristni saga c. 8 (Bisk. I, 13), sondern auch Njala
c. 102 luid Fms. II, 203 findet, Hagbaräx (= „Woden's") liest, während alle hand-
schriften, soweit ich sehe (s: K. Gislason Njala II, 498, J. f'orkelsson Skjr. ävisum
i Njäls sogu (1870) s. 21), auf Hdrbarßs weisen. "Wäre in der tat Hagbarßr als
0{)insheiti überliefert, so liesse sich die stelle in Kormaks vers auf einen geschnizten
Odinskopf deuten, der allerdings weit leichter zu begreifen i;nd durch genügende
analogien zu stützen wäre (Weinhold Altn. Leben s. 420 fg.).
Gegen Möbius' datierung der Kormakssaga oder doch gegen das stichhaltige
der ai'gumente, welche derselbe für seine datierung beibringt, hat sich Heinzel Anz.
f. d. a. 14, 54 gewant. Wie ich glaube, sind seine einwendungen nicht grundlos.
Möbius schliesst eme verhältnismässig späte abfassung der saga — in der zweiten
hälfte des 13. Jahrhunderts — aus der mangelhaften composition derselben und aus
dem Verhältnis der A'isur zur erzähhuig. Der sagaschreiber hat aus einer verlorenen
Bersasaga geschöpft imd aus ihr aucli solche züge aus Bersis leben in seine erzäh-
lung aufgenommen, die in keiner beziehimg zu Kormak stehen und chronologisch
später fallen als die in unserer saga erst nachher erzählten weitei'en erlebnisse des
haupthelden: also ein störender compositionsfehler. Er wird ferner in seinem berichte
diu'chaus beeinflusst durch die visur, erzählt um ihretwillen: statt dass sie unmittel-
bar aus der saga „herauswachsen", bilden sie die „stützen und träger" derselben.
Diese beiden beobachtungen , deren richtigkeit keinem zweifei unterliegt, führen
Möbius zu der ansieht, dass Kormakssaga nicht auf einer in der mündlichen tradition
ausgebildeten saga beruhe, sondern erst in späterer zeit auf grund alter gedieh te und
historischer eriunerungeu nach dem vorbilde älterer SQgur wilkürKch zusammengesezt
1) haucstalda iii Eegius Sig. sk. 31= und OJdr. G^ ist wol als h^gsMda zu verstehen (icli vor-
danke diese auffassung einer mitteilung H. Gerings, in der er seine erklärung im Eddaglossar 70 *> ziuück-
nimt). Das wert mag dann in Snorra-Edda wirklich mit hmikr zusammengebracht sein, durch die pho-
netische Schreibweise mit k statt g (Noreen Altisl. gr. § 187, 2) verleitet. Vgl. übrigens schon Oxf. dict.
s. V. haukstaldar.
ÜBER KORMAKS SAGA ED. MOBIüS 371
sei. Der verehrte herausgeber wird es mir nicht verübeln, wenn ich gestehe, durch
diese erörterung (s. 70 fgg.) nicht überzeugt zu sein. Ich glaube nicht, dass diese
stilistischen oder aesthetischen beobachtungen, so dankenswert und fördernd sie sind,
zu einer datierung ausreichen. Die Unebenheit der composition und ungeschickte
einfügung von episoden könte ja an sich auch auf frühe entstehuugszeit deuten: sieht
man z. b. , wie in der Njäla die composition trotz der verschiedenen in dieser saga
zusammengearbeiteten motive wol durchdacht, die episode geschickt verwendet ist,
so könte daraus mit gleichem rechte auf die weiter fortgeschrittene kunst etwas spä-
terer zeit geschlossen werden. Ähnliches gilt von Laxdn?la; denn freilich sind die
episoden von Gunnarr und BoUi in ganz anderer kunstvollerer weise mit der haupt-
handlung verwoben, wie die episode von Bersi in Kormakssaga. Was ferner das
Verhältnis der Strophen zum jorosatexte angeht, so muss ich zunächst Heinzeis ein-
wendungen, die ich nicht widerholen will, zustimmen und mache ferner auf die nicht
gleichgültige tatsache aufmerksam, dass keine einzige strophe der saga zweifei an
ihrer ächtheit erregt. Damit will ich Möbius' datierung nicht bestreiten, sondern nur
andeuten, dass seine argumente mir nicht zwingend scheinen. So lange nicht durch
umfassende stilistische beobachtungen eine sichere grundlage geschaffen ist, scheint
es vorsichtiger, auf eine relative Chronologie der IslendingasQgur zu verzichten. Be-
zeichnend für die Unsicherheit in diesen fragen ist, dass G. Vigfüsson, allerdings
ohne seine gründe anziigeben, die Kormakssaga noch neuerdings (Cpb. II, 32) one
of the oldest genant hat. Und in der tat, andere beobachtungen, wie die in münd-
licher Überlieferung unschwer begi'eifliche lockerheit der Übergänge und die den
modernen leser befremdende sprunghaftigkeit der erzählung, die sich, ausser an den
von Möbius hervorgehobenen stellen, auch namentlich iü c. 11 bemerkbar macht, wo
wir ohne ersichtlichen grund von Melr (22 ^-) nach Eeykir (23 ^ : Kormak bringt dem
Skeggi das geliehene schwert zurück) , wider nach Melr (23 *■* : vier stropheu au Dalla),
und wider nach Reykir (24 -^ : Kormak entschuldigt sich str. 34 , dass er das schwert
so spät zurückbringt, obwol er dies schon 23* getan) versezt werden, sodann das
archaische gepräge des satzbaus gemahnen oft an eine frühe entwickelungsperiode
des isländischen sagastils. In Ljosvetningasaga nimt man ähnliches wahr. Möchte
doch bald die methodische erforschung von composition und Stil der isländischen
SQgur uns in den stand setzen, mit grössei'er Sicherheit über derartige fragen zu
urteilen : B. Dörings leider nicht fortgesezte „ Bemerkungen über typus und stil der
isl. saga" (1877) imd vor allem Heinzeis „Beschreibung der isl. saga" (1880) solten
nachfolge finden.
Es sei mir gestattet, bevor ich diese anzeige schliesse, noch auf einige anord-
nungen der äusseren druckeinrichtung aufmerksam zu machen, durch welche sich
Möbius' neue ausgäbe der Kormakssaga sehr zu ihrem vorteil von früheren saga-
editionen unterscheidet und welche sich für die leichtere benutzuug derartiger bücher
den nachfolgern sehr empfehlen möchten: 1) besonderes titelblatt (s. 1 — 2) und auf
dessen rückseite übersichtliches Verzeichnis der Codices und abkürzungen. — 2) durch-
gehende nummerierung der Strophen (z. b. Korm. str. 1—85). — 3) der setzer ist
von vornherein darauf hinzuweisen, dass, wenn eine strophe wegen Seitenwechsels
brochen werden muss , dies nur hälftenweise (z. 1 — 4 | 5 — 8) geschehe , da zum
Verständnis unbedingt die Übersicht der halben strophe erforderlich ist. — 4) ober-
halb des textes oder neben demselben am rande hinweis auf die zulezt erschienene
hauptausgabe , wegen der citate nach früheren ausgaben: der mangel eines solchen
hin weises macht sich z. b. recht fühlbar in K. Gislasons Njala, wo überdies die
24*
3?2 DÜXTZER
frühere ausgäbe falsche kapitelzählung hat. — 5) unten in den Varianten neben der
angäbe der in den text aufgenommenen lesart auch angäbe ihres aiietors, die nur feh-
len kann, wenn dieser der herausgeber selber ist, obwol auch in diesem falle eine
andeiitung den vorzug verdient. — Von diesen empfehlenswerten neuerungen, die,
so einfach sie sind, für die praktische brauchbarkeit einer ausgäbe keineswegs gering
geschäzt werden dürfen, hat F. Jonsson 1 — 4 in seiner neuen ausgäbe der Egilssaga
(1. 2. Kbhv. 1886/87) bereits dui-chgeführt.
Der hochverdiente herausgeber, dem die pflege der nordischen philologie in
Deutschland so viel verdankt, hat auch in seinem neuesten werke alle uns so wol
bekanten und so lieb gewordenen Vorzüge seiner sorgsamen und umsichtigen arbeits-
weise widerum voll bewährt.. Möge noch manche ähnliche gäbe von seiner band ims
erfreuen !
GRONINGEN, ni MAI 1888. B. SIJMONS.
Goethes beziehungen zu Zürich und zu bewohnern der stadt und land-
schaft Zürich. Von Ludwig' Hirzel. Neujahrsblatt herausgegeben
von der stadtbibliothek in Zürich auf das jähr 1888. Leipzig bei
S. Hirzel.
"Während der fünfunddreissig jähre, die seit erscheinen meines aufsatzes über
Goethe und Lavater in der Schrift „Goethes Freimdesbilder " verflossen, ist unsere
keutnis dieses Verhältnisses durch urkundliche mitteilungon vielfach erweitert wor-
den, aber wie manches noch immer zu tun übrig geblieben, drängte sich mir lebhaft
auf, als ich füi' Kürschners „ Nationalbibliothek " die Schweizerreise zu bearbeiten
hatte, wo in den berichten über Zürich noch häufig das Verständnis erst vermittelt
werden muss. Bei der künde vom erscheinen der Hirzelschen abhandlimg hegte
ich die hofnung, diese werde bei der günstigen Stellung des Verfassers aus dem vol-
len geschöpft sein und auf der höhe der Wissenschaft stehen: aber wie sehr wurde
meine erwartung getäuscht. Es ist eine unart der neuern kritik, dass sie, wo es
nicht einen Parteigenossen zu feiern gilt, mit scharfer hervorhebung der mängel,
wenn nicht gar mit einfacher verui'teilung und herunterreissung sich begnügt, das
wirkliche verdienst verschweigt: um so mehr scheint es mir geboten, dem abfälligen
urteil über die neueste Züricher abhandlung die anerkennung des wirklich geleisteten
vorausgehen zu lassen.
Hirzel hat natürlich die neuesten, zum teil von ihm selbst gelegentlich
gegebenen mitteilungen über Goethes Verhältnis zu Zürich und Zürichern seiner
darstellung einverleibt; die zahl derselben ist nicht unbeträchtlich. Daneben verdan-
ken wir ihm auch einiges ganz neue. Unbekant war bisher der anfang eines brie-
fes, den Lips gleich nach seiner ankunft in Weimar (am 13. november 1789) in Goe-
thes hause schrieb; freilich hätte dieser sich nicht im berichte selbst voll ergiessen
dürfen, sondern in eine anmerkung gehört. Ton einem schreiben, worin Goethe
am 15. märz 1783 sich über den freimaureriag in "Wilhelmsthal gegen Kaj'ser aus-
spricht, war es Hirzel leider niu' gestattet, die freilich recht bezeichnenden schluss-
worte zu geben: „Wenn man woltätig sein will und weiter nichts, kann das jeder
am hellen tage und in seinem hauskleid." S. 55 erhalten wir den brief von Goethes
mutter an Lavater vom 9. april 1795, den Mörikofer nur verstümmelt mitgeteilt hat.
Darauf beschränkt sich das hier zuerst gegebene. Nicht viel zahlreicher sind die
Hirzel eigentümlichen und zugleich wahren bemerkungen. Eichtig wird
,1
ÜBER HIKZEL, GOETHES BEZIEH. ZU ZÜRICH 373
s. 54 gegen Bächtold bemerkt, Magdalena Schweizer müsse Goethe schon 1775 gese-
hen haben; aber warum steht dies ganz verloren erst in einer anmerkung zum jähre
1779? In der anmerkung 63 wird zustimmend der nachträglich erhaltenen mittei-
lung gedacht, unter den „Orells", die Goethe dui-ch Lavater grüssen lässt, sei die
familie von David OreU zu verstehen, dem vater des philologen J. C. Orelli, dessen
pathe Lavater gewesen. "Wir hören dabei, dass von OreUis mutter viele briefe vor-
handen seien; aus einem an Lavater wird eine Goethe (die „bekentnisse einer schö-
nen seele'") betreffende stelle mitgeteilt. Da wäre auch wol ihres anziehenden brie-
fes an Knebel zu gedenken gewesen, aber meine samlung „Zur deutschen litteratur
und geschichte" (1858) kent Hirzel nicht, und so sind ihm auch alle dort gege-
benen nicht unwichtigen briefe Toblers an Knebel unbekant geblieben, aus denen er
genaueres über den selbst am Weimarischen hofe mit besonderer auszeichnung auf-
genommenen, zur griechischen litteratur mehr als zur bibel neigenden jungen Züricher
theologen erfahren haben würde, als er jezt mitteilen konte. Richtig ist die Vermu-
tung, dass Goethe bei seiner dritten reise durch Joh. Konrad Eschers „Geognostische
Übersicht der alpen in Helvetien" (1796) gefördert worden sein werde; aber Hirzel
durfte sich diese Vermutung sparen, da sie als tatsache bekant ist. "Wie konte er
übersehen, dass Goethe an Yoigt schreibt; „Die aufsätze eines herrn Escher von
Zürich haben mü- eine geschwinde Übersicht gegeben dessen, was ich auf meiner
kleinen vorgenommenen tour zu erwarten habe." Dankenswert ist die bemerkung,
dass der von Goethe besuchte Fäsi damals redakteur der BürkUschen zeitung gewe-
sen, woraus aber freiKch noch nicht folgt, dass es diesem bei seinem besuche beson-
ders um politische nachrichten zu tun gewesen; war ja Fäsi vor allem ein mann der
Wissenschaft, wie andere, die Goethe damals aufsuchte.
Doch inwiefern hat Hirzel die aufgäbe gelöst, ein bild von Goethes beziehung
zu Zürich zu entwerfen? Zu weit würde es uns führen, wolten wir auf alle unge-
nauen und schiefen ausdrücke eingehen, die auf ungenügender kentnis oder nachläs-
sigkeit beruhen, wir beschränken uns auf die hervorhebung sachlicher irtümer. S. 3
lässt Hirzel den Fraukfui'ter dichter am 8. juni „mit seinen reiscgefährten (den bm-
dern Stolberg) in Zürich ankommen.'' — Hätte er sich mit den nachrichten der gräf-
hchen brüder über die Schweizerreise näher bekant gemacht, so hätte er gewusst,
dass Goethe ohne sie zu seiner Schwester gereist (eben erfahren wir, dass Lenz üin
dorthin begleitet) und er allein, einen tag vor diesen in Zürich angekommen war. —
In der ausführung über den musiker Kayser,'über dessen Charakter als komponisten
Hülers urteil nicht übergangen werden dui-fte, lesen wir, Goethe habe ihn nach Eom
kommen lassen, während dieser sich zur überkunft anbot; noch weniger ent-
spricht es der Wahrheit, dass dieser am hofe zu Weimar verdriesslichkeiten gehabt;
er begleitete die herzogin mutter auf der reise nach Italien, fand sich aber durch
die ihm zu teil gewordene behandlung so veiiezt, dass er noch in Deutschland sie
veiiiess und voll uumut nach Zürich zurückkehrte, wodiu'ch das, was Goethe mit
ihm beabsichtigt hatte, auf immer unmöglich wurde. Die Vermutung, Goethes Ver-
bindung mit Reichardt habe zu dem bruche zwischen Kayser und dem Weimarer
dichter mit beigeti-agen, dürfte kaum zu halten sein. Kayser zog sich zurück, weil
er sich schwermütigen grillen hingab, die auch seine tätigkeit lahm legten. — Wenn
s. 12 behauptet wird, von beziehungen Goethes zu Nanne Lavater und Luise Ziegler
sei nichts bekaut geworden, so solte man meinen, über diese personen sei überhaupt
nichts bekant. Aber ISTanne Lavater war Hans Kaspars nichte und Luise Ziegler ist
durch ihre Verbindung mit Christof Kaufmann nur zu sehr bekant geworden. Aus
374 DÜNTZER
Nanne Lavaters briefen an die Ziegier habe ich (Kaufmann s. 46) eine ungemein merk-
würdige äusserung bekant gemacht, die auf die bekautschaft mit Goethe deutet, ja
ein „herUches briefchen" Goethes an die freuudin Lise erwähnt. „Er weiss, dass ich
da bin", schreibt sie von dem „teui'eu" Goethe, „weiss er schon nicht, wie sehr ich
für ihn bin."
Nicht zu entschuldigen ist es , wenn Hirzel daselbst die verse auf dem Züricher
see nicht in der jezt algemein bekant gewordenen ursprünghchen fassung gibt, ja
man diirfte verlangen, dass er auch den sonstigen Inhalt des tagebuches „Donners-
tagsmorgen aufm Zürchersee" nicht übergangen, den ersten entwui'f der „Hoffnung"
überscliriebenen verse, ja selbst die ausgelassene strophe mitgeteilt hätte:
Ohne Wein kanns uns auf Erden
Nimmer wie dreihundert werden.
Ohne Wein und ohne Weiber
Hol' der Teufel unsre Leiber,
wo Erich Schmidt nach dreihundert unbedenklich „Säuen" ergänzt, während doch die
einfache Steigerung! zu dreihundertfaltiger kraft des trinkers genügen dürfte [? Eed.],
trotz des kannibalischen chores der trunkenen stndenten, von dem zweifelhaft ist, ob
er nicht aus einem wirklichen saufliede genommen ist. Auf blossem übersehen beniht
es, dass Hii-zel unter dem jähre 1775 nicht erwähnt, was ich („ Ereundesbilder "
s. 41) aus unmittelbarer queUe berichtet habe: „Am 2. jiüi lernte er bei Lavater
auch den treuherzigen, fromchristUchen Brenner von Basel kennen, der sich eines
solchen freigeistes in dem freunde Lavaters und Pfenningers nicht versah, und ihm
am 31. august einen wunderlich beschränkten brief über die nnchristlichkeit des
„traktätleins: die leiden des jungen Werthers" schrieb, das er erst nach Goethes per-
sönlicher bekautschaft gelesen. Als möghch bezeichnet es Hirzel, dass Goethe schon
1775 ijiit dem arzt Hans Kaspar Hirzel in berührung gekommen, was jedenfals 1779
der fall gewesen. Goethes bekautschaft mit dem schon 1761 erschienenen, KUjogg
schildernden buches Hirzels: „Die Wirtschaft eines philosophischen bauers" glaubt
Hirzel durch dessen äusserung an frau von Laroche beweisen zu können, er habe in
Klijogg keinen moralisch philosophischen bauern gefunden. Dass er al)er das buch
selbst gelesen, ergibt sich daraus nicht; es war algemein bekant, dass der arzt Hir-
zel auf diesen als einen philosophischen bauern die aufmerksamkeit hingelenkt, und
Klijogg war seit dieser zeit ein berühmter mann geworden, so dass Goethe nicht
unterlassen konte, seiner freundin vom besuche bei demselben zu beichten. Dage-
gen wird man freilich aus einer briefstelle Goethes an Lavater vom 3. juli 1780
schhessen müssen , dass dieser ihm den ersten teil seines werkes „ An Gleim über
Sulzer den Weltweisen", gesant habe. Danach abei- wäre seiner erst 1779 zu erwäh-
nen gewesen, wie es richtig mit dem jungen Heidegger geschieht, obgleich Hii'zel es
für wahrscheinlich erklärt, dass Goethe, da derselbe eine namhafte kunstsamlung
schon 1775 besessen, schon damals mit ihm in berührung gekommen.
Zu manchen Vermutungen, dass Goethe im jähre 1775 auch andere Züricher
besucht, verleiten Hirzel spottverse des chorhern Tobler, mit denen es eine ganz
eigene bewantuis hat. Sie sind wähi-end Goethes ausflug in die kleinen kantone
geschrieben, doch eben so sehr, ja im gründe noch mehr wider dessen gegner als
wider ihn selbst gerichtet. Dass der berühmte dichter nur einen ausflug gemacht
habe, von dem er zu Lavater zurückkehren würde, ahnte Tobler nicht. Er wirft ihm
vor, dass er mit seinem eingebildeten adlerbhck sogleich alle Zürcher gelehrten
durchschaut, „charakter, köpf und herz aufs härchen" erkant zu haben glaube.
ÜBER IIIRZEL, GOETHES BEZIKH. ZU ZÜRICH 375
„Ich keun' sie jetzt, | Ey, ey, die Herren Gessner, Bodmer, Breitinger, | Steinbrü-
che!, Compagnie, | Das Völkchen Zürcher, ha, | Ist das so ganz was herrliclies? | Die
keun' ich mehr als gnug!" Toblor führt die bedeutendsten Züricher gelehrten mit namen
an, fügt aber, da er nicht alle in gleicher oder wenigstens in besonderer achtung
stehenden nennen mag und kann, ein „Compagnie" hinzu. Wolte man annehmen,
Goethe habe aUe genanten gelehrten besucht, so würde dies auch noch von man-
chem andern gelten müssen, er müste vom 8. oder 9. bis zum 14. jimi eine grosse
zahl Zürcher gelehrten auf Lavaters wünsch besucht haben, was an sich dui'chaus
unwahrscheinlich ist, weil er vouLavater, dessen näherem kreise und seinen eigenen
freunden, den Stolbergen, Passavant, Kayser, Lindau in ansprach genommen war. Da
Goethe nach seiner gebii'gsreise noch längere zeit in Zürich zu verbleiben gedachte,
so wäre es ganz auffallend, wenn Lavater ihn gedrängt hätte (denn alle besuche
machte er nur diesem zu liebe), so viele bekantschaften im fing zu machen. Dass
er von den genanten Steinbrüche! nicht besucht, steht, wie Hirzel selbst bemerkt,
durch Bodmers äusserung an Schinz vom 15. juni fest, die er freilich wörtlicli hätte
anführen sollen. Aus demselben briefe geht hervor, dass Goethe mit den Stolbergen
auch nicht bei dr. Hirzel und Hottinger gewesen, ja beti'achtet man den brief Bod-
mers oliue verurteil in seinem zusauunenhang, so geht daraus hervor, dass dieser
zu seiner hohen freude aUein von Goethe mit einem besuclie beehrt worden war.
Wenn Tobler von Goethes persönlicher berührung mit andern Zürichern spricht, so
scheint dies auf blossen gerüchten zu berahen, die jenem zugekommen waren, wie
dies bei der grossen aufregung, welche Goethes ankunft und sein wohnen in Lavaters
hause hervorgerufen, nichts weniger als auffallend ist. Somit dürfte man ganz sicher
mit der annähme gehen, dass er wälu'end der ersten woche seiner anwesenheit nur
Bodmer besucht hatte, der diese ehre durch einen gegenbesuch bei Lavater erwiderte.
Doch kehren wir zu Toblers spotversen zurück, so schliessen diese damit, die mei-
nung der von Goethe nicht besuchten Züricher, Lavater hätte ihn nicht zu ihnen
geführt, weil er gefüi'chtet, „dem würden, ging er umher, die äugen geöfnet", sei
eben so beschränkt, wie Goethes verächtliches lu'teil über alle Züricher gelehrten
überhaupt.
In bezieliimg auf Hottinger, den Goethe als einen der entschiedensten gegner
Lavaters nicht hatte besuchen können, werden ausser den bekanten tatsachen ein
paar haltlose bemerkungen geboten. In den ohne namen erschienenen „Brelocken ",
die Hottinger sich zuschrieb, findet sich die äusserung: „Aber einstimmen will ich
in den wünsch, dass er [Goethe] von Seiten seines herzens besser gekant sein möchte!"
Hirzel würde die frage: „Ob Hottinger Goethe von selten seines herzens näher hat
kennen lernen", sich erspart haben, hätte er gewusst, dass jene bemerkung durch
ein bekantes wort Jung Stillings in dessen von Goethe selbst herausgegebener „Wan-
derschaft" veranlasst worden: „Schade, dass so wenige diesen vertreflichen mann
[Goethe] seinem herzen nach kennen. " Jungs Schrift ■ trägt die Jahreszahl 1778,
erschien aber schon im jähre 1777. Auch die „Brclocken" zeigen auf dem titel das
jähr 1778, der vorbericht ist gar datiert „Im jidius — 1777"; der drack verzog
sich wol so lange , dass Hottinger vorher (die stelle steht im zweiten teile des buches)
Jungs Schrift gelesen hatte. Die „Brelocken" dürften jedenfals nicht ganz von Hot-
tinger stammen, da sie dessen parodie „Menschen, thiere und Goethe" (s. 141 fg.,
wo Hii'zel den druckfehler „Wer im (statt in) menschen" unverl)essert gelassen hat)
und seine briefe Selkofs (s. 131) mit vollen backen preisen, was wir diesem unmög-
lich zuschreiben können. Aber Hii'zel will aus jenem von Hottinger erwähnten
376 DÜNTZER
wünsche auf eine vorher eingetretene nähere Verbindung zwischen Goethe und Hot-
tinger schliessen, obgleich noch die „Brelocken" mit aller schärfe und bitterm höhne
gegen ihn iind Lavater losfahren. Mit gleichem unrecht wird aus dem „ simplen,
bonhomiereichen discours über AVielands und Goethes Versöhnung", den Lavater bei
der festlichen vereinigimg der Züricher gelehrten auf der chorherrnschule mit Hot-
tinger gehabt (er gedenkt desselben gegen Zimmermann am 12. februar 1776), eine
Verbindung zwischen Goethe und Hottinger gefolgert. Eine damalige annäherung
zwischen Lavater und Hottinger leugnen wir nicht; eine briefliche äusserung
des lezteren an Lavater teilt Hegner unter dem 2. december 1775 mit, und in seinem
„schreiben an seine feinde" vom 1. april 1776 erklärt Lavater, dass er Hottinger
trotz so vieler falscher vorwürfe nicht mehr für einen vorsätzlichen lügner halte. Aber
dies kann unmöglich Goethes Versöhnung mit Hottinger beweisen. Auf rech-
nimg einer solchen möchte Hirzol auch den umstand setzen, dass Goethe bei der
neuen redaktion seines „triumphes der empfindsamkeit " im jähre 1786 (nicht 1787)
von den empfindsamen büchern, die aus dem „leinenen sacke" gezogen werden,
„Seihofs briefe" gestrichen, aber nicht diese allein, auch „Thomas Imgarten",
„ Adelstan -und Röschen", „Allwills Papiere", „Freundschaft und Liebe" (beide von
seinem freunde Fr. Jacobi) und seine eigene Stella." Er weite eben die stelle ver-
einfachen und sezte für alle diese zum teil längst vergessenen romane blos einen,
„Der zarte jüngling." Also nicht aus Schonung Hottingers Hess er „Selkofs briefe"
weg, sondern diese gehörten zufällig zur zahl derjenigen, die er der dramatischen
wii'kung wegen strich.
„Zu anfang des monats juli 1775, der tag der abreise ist nicht genau ermittelt,
verliess Goethe Zürich", heisst es knapp abgebi'ochen s. 23. Wie es damit stehe,
lässt Hirzel den leser gar nicht ahnen, obgleich dieser punkt, solte der Züricher
aufenthalt möglichst genau geschildert werden, von grösster bedeutung ist. Hirzel
schrieb dies J. Crüger nach, aber hier galt es selbst nachsehen, und wie verworren
auch die Sache durch widersprechende berichte geworden, sie löst sich bei ruhiger
betrachtung leicht. Lavaters äusserung an Herder vom 22. juli 1775, einem „Sams-
tag" (so dass eine verschreibung des monatstages unmöglich ist): „Nun ist Goethe
schon zehn tage weg; vermutlich hast du ihn schon gesehen" (dieser brief hat uns
selbst vorgelegen), gestattet keinen zweifei. Lavater konte sich bei dieser bestirnten
angäbe unmöglich iiTen. Sehen wir, was ilir entgegensteht! Crüger gibt aus einem
briefe Bodmers an Schinz in Alstetten vom 11. juli die werte: „Jemand, der Goethen
nach seiner abreise in Baden gesehen hat, erzählt, dass er mit mir überaus wol und
mit keinem Züricher besser zufrieden sei." Gegen das sichere datum des Lavater-
schen briefes müssen wir den 11. für verlesen halten. Die briefe von Bodmer au
Schinz sind im sommer 1775 regelmässig montags oder donnerstags geschrieben, nur
einmal, wenn das datum richtig ist, an einem sontage; der 11. juli aber fält auf
einen dienstag. Wahrscheinlich ist der brief vom 13., und es wäre dies nicht der
einzige fall, wo 3 irrig als 1 gelesen worden. Am 3. juli traten die Stolberge ihren
ausflug an, imd Goethe solte am 5. abreisen, aber es war ihm, obgleich die mutter
in einem briefe an Lavater dringend seine rückkunft gewünscht hatte, unmöglich sich
von diesem zu trennen, er blieb noch eine volle woche. Dieser späte tag der abreise
stimt auch zu dem zusammentreffen Goethes mit Zimmermann in Strassburg, wo
dieser am 10. ankam und bis zum 14. oder 15. bleiben wolte, auch zu seinem auf-
enthalte in Darmstadt, von wo er am 24. mit Herder und dessen gattiu nach Frank-
furt zurückkehrte. Soeben ist Lenzens äusserung vom 13. bekant geworden: „Goethe
ÜBER HIRZEL, GOETHES BEZIEH. ZU ZÜRICH 377
ist bei mir und wartet schon eine halbe stunde auf dem hohen münstertui'me." Vgl.
auch Haym, Herders leben I, 739. Sonach blieb Goethe nach abreise der Stolberge
noch über eine woche bei Lavater allein, wo er ihn und seinen nähern kreis noch
genauer kennen lernte.
Über die beiden besuche bei Bodmer gibt Ilirzel die berichte des alten Patriar-
chen, die frischer sind als die ein halbes jahrhimdert spätere erzählung Goethes,
aber in den hauptpunkten stimmen sie überein, dass die besuchenden ihn „jugend-
lich verehrten" und Bodmer den Frankfurter dichter imd die grafen munter und
artig erapfieug, nur gedenkt Goethe bloss eines besuches. Die sich selbst bespiegelnde
eitelkeit des alten, dem das treiben der jungem nur eine anmassliche verirrung
schien, tntt so bezeichnend hervor, wie Goethes geschick, alles zu vermeiden, was
denselben verletzen konte. Vom zweiten besuche berichtet Bodmer ausdrücklich,
Goethe sei zurückhaltend gewesen, habe weder von seinen Schriften noch von Herder
und Wieland gesprochen, dagegen Klopstocks und Homers mit Verehrung gedacht.
"Wir hören auch, dass Lavater sie vorher in Eschers haus geführt. Das kann nur
der „colonel Escher" sein, der im jähre 1779 den herzog bei seinem zweiten besuche
zu Bodmer geleitete, und dieser war nach dem vertraulichen tone zu Bodmer dessen
neffe und späterer erbe, Escher im Wollenhof, wie Crüger gesehen hat. Aber Hir-
zel meint seltsam genug, es sei Johannes Escher im Eelsenhof (oder im Thalacker)
gemeint, von dessen näherer beziehung zu Bodmer wir nichts wissen.
„Ein teil der wahrscheinlich 1775 geschriebenen ersten abteüung der briefe
aus der Schweiz " scheint nach Hirzel zu bezeugen , dass das dortige leben Goethe
beschränkt vorgekommen sei. Freilich lesen wü.- auch in Scherers htteratm--
geschichte, diese briefe hiengen mit Goethes Schweizerreise von 1775 zusammen und
seien eine nicht sehr bedeutende nachahmung von Sternes „Empfindsamer reise."
Aber Sclierer hatte hier, wie auch sonst zuweilen, keine kentnis von dem längst
entdeckten. Schon vor einem menschenalter habe ich in meinen erläuterungen zu
„Werthers leiden " diesen briefen eine eingehende betrachtung gewidmet und aus
einer mir bekant gewordenen angäbe in Goethes tage buch bewiesen, dass sie
im februar 1796 zu Jena diktiert seien, was freilich bis heute aUen Goethefor-
schern, die sich über jene briefe geäussert, ein offenbares geheimnis geblieben war,
wie manches andere, da man sich für meine „erläuterungen", die man eben meist
gar nicht kent, nur unbekanterweise herunterreisst, zu vornehm dünkt.
Goethe habe, heisst es weiter, „durch die Unternehmung der reise (von 1779),
die er angeraten gehabt, seinem jugendlichen fürstlichen gebieter dasselbe geben wol-
len, was er selbst vier jähre zuvor in der Schweiz gewonnen: „ablösung von stö-
renden Verhältnissen und entwicklung und kräftigung des eigenen wesens." Ver-
schwommener und unklarer dürfte man kaum Goethes absieht der zweiten Schwei-
zerreise bezeichnen können. Doch wir wollen hier nur tatsächliche irtümer berichtigen.
„Goethe ward damals, und zwar in Lavaters oder S. Gessners hause [eine ganz aus
der luft gegriffene bestiramung] , auch mit dem originellen Jägerhauptmann Salomon
Landolt bekant, dessen „tüchtige Wunderlichkeit er anstaunte", wie er sich auch an
„den märchen", mit denen man sich von Landolt trug, nicht wenig ergözte." Frei-
lich schi-eibt Goethe in den „Tag- und Jahresheften" unter dem jähre 1820 hei
gelegenheit der vom Verfasser, dem Züricher maier David Hess, ihm zugeschickten
lebensbeschreibung Landolts: „Ich hatte den mann im jähre 1779 persönlich kennen
gelernt .... Hier fand ich nun jene frühern tage wider hervorgehoben und konte
ein solches psychisches phaenomen um so eher begreifen, als ich seine persönliche
378 DÜNTZER
gegenwart und die Umgebung, worin ich ihn kennen gelernt, der einbildimgskraft
und dem nachdenken zu hülfe rief." Aber es lässt sich leicht zeigen, dass 1779
druck- oder Schreibfehler statt 1797 ist. Goethes tagebuch berichtet: „Schaff hau-
sen, den 17. September 1797, abends. Im gasthof zur kröne ... An der table
d'hote verschiedene emigranten, dame, grcäfin, Condesche Offiziere, pfaffen, oberst
Landolt." Nun hörten wir Goethe bemerken, die erinnerung an die Umgebung, worin
er Landolt getroffen, habe sein bild lebhaft in ihm wach gerufen. Die im jähre 1797
erwähnte umgebiing, verschiedene emigriei-te, eine gräfin (wol eine französische),
Condesche Offiziere und pfaffen, war fürwahr so sehr auffallend, dass dieselbe nicht
leicht aus dem gedächtnisse schwand, und höchst sonderbar wäre es gewesen, wenn
sich eine ähnlich wunderhche Umgebung schon bei einer früheren bekantschaft gefun-
den hätte; wenigstens wäre eine solche bei Lavater und S. Gessner, in deren haus
Ilirzel die erste bekantschaft ganz wilkürlich verlegt, kaum möghch gewesen. Hess
liatte im begleitschreiben auch sich des besuches erinnert, den Goethe mit dem her-
zog 1779 der Schweiz gemacht, aber ohne ihn mit Landolt in Verbindung zu brin-
gen. Im jähre 1797 war Landolt, damals zugleich landvogt in Eglisau, als oberst-
lieutenant der von ihm aufgebrachten Scharfschützen recht an seiner stelle, da es
galt, die ruhe gegen die emigrierten, die sich hier noch herumtrieben, aufrecht zu
halten.
Seltsam macht Hirzel aus dem Pestaluz, dem bekanten Lavaters, der Goethe
im herbst 1775 zur zeit der Fi'ankfiuter messe besuchte, einen kaufmann; beileibe
darf dies nicht der bekante Pestalozzi sein, obgleich das weglassen der italienischen
endung ebensowenig auffält als bei Orell neben Orelli, und die messe nicht bloss
kaufleute nach Frankfurt zog, auch Pestalozzi, der Anna Schiüthess zur frau hatte,
mit Lavater bekant war, ja sein gewaltiger anruf an Goethe in seinen „Abendstun-
den" (1780) wol darauf deuten könte, wie ihm auch aus persönlicher berührung die
macht dieser hinreisseuden natur aufgegangen war. — Dass der herzog Karl August
Lips in Klotten besucht habe, wird wol kaum mehr als eine unschuldige anekdote
sein. Nach dem briefe zu m-teilen, den Lips 1789 gleich nach seiner ankimft in Wei-
mar schrieb, scheint der herzog ihm persönlich noch ganz unbekaut gewesen zu
sein; denn seine hofnung, dieser werde ihn gut aufnehmen, beruhte auf dem, was
Goethe ihm versicherte, und auf dem lobe, das die meisten leute ihm gaben, nicht
auf eigener Überzeugung, die er aus einem „wenn auch nur kurzen besuch des leut-
seligen fünsten in seinem dorfe" gewonnen haben würde. — Auch das, was über das
zusammentreffen des jungen Tobler in Genf mit Goethe gesagt wird, ist irrefüh-
rend. Schon drei jähre muss jener damals in Genf, wol bei dem pastor Diodati,
gewesen sein; denn gegen Knebel gedenkt er er am 6. augustl782 seiner fast sechs-
jährigen abwesenheit. Wenn Goethe, als ihm Tobler zu Genf Lavaters buch über-
reichte, nicht zu einem vertraulichen gespräch mit diesem kam, so erklärt sich dies
schon daraus, dass sie sich nur in gegenwart des pastors Diodati sprachen, wo Tobler
vielleicht auch durch die bedeutung des berühmten mannes befangen war, und Goethe
selbst, wie wir wissen und er selbst bei dieser gelegenheit ausdrücklich bemerkt,
sich in geselschaft aufzuknöpfen nicht liebte. Hirzel sucht den grund, dass es zu
keinem vertraulichen gespräch gekommen, darin, dass Tobler Lavaters homiletische
bearbeitung der Offenbarung Johannis Goethe gegeben; allein diese las Goethe erst
später. Nach dem zweiten gespräch mit Tobler bemerkte Goethe, dieser habe zwar
nähe und vertrauen zu ihm, aber wegen des Unterschiedes der jähre sei es ihnen
nicht wol zusaminen geworden. Hirzel dagegen sucht den grimd in dem unangeneh-
ÜBER HIEZEL, GOETHES BEZIEH. ZU ZÜRICH 379
men ein druck, den Lavaters scliiiften, die genante homiletisclie beschreibung und
der anfang seines aus derselben Offenbarung geschöpften „Jesus Messias" ihm ge-
macht, woi-über er sieh dem jungen freunde gegenüber nicht habe äussern wollen.
Und doch spricht sich Goethe über leztere gegen Lavater selbst mit grossem lobe
aus; sie habe ihm viel vergnügen gemacht, nur bedauert er, nicht gleich auch die
zwölf folgenden gesänge zu haben. Kann man schlimmer als Hirzel misdeuten ? Übri-
gens mag auch der umstand mitgewirkt haben, dass Tobler in Genf in dem trüben
theologischen duustkreise befangen war, der seine frische, freie natur diiickte, und
dass Goethe selbst die stadt äusserst fatal war, wie er frau von Stein verriet.
Wie höchst ungenügend des abschieds gedacht wird, den Lavater von den
freunden noch in Schaffhausen zu nehmen von seinem herzen getrieben wurde, deu-
ten wir bloss an, nicht einmal die denkwürdige erinnerung des herzogs daran ist
erwähnt. Aber lebendige schtldenmg darf man bei Hirzel nicht suchen, der nur
seine koUektaneen so gut oder schlecht, wie es ihm der augenblick gestattet, anein-
ander reihte. Die ausarbeitung des „in den bergen entworfenen" (?) Singspiels „Jery
und Bätely" sezt er „auf rechnung der in Zürich verlebten tage." Die berge und
Zürich haben mit dem idyllischen Singspiel nichts zu tun; dieses bildete sich im
dichter, nachdem er die Schweiz verlassen, da er ein andenken der glücklich
vollendeten reise dem neuerbauten Weimarschen theater spenden wolte, wozu sein
Züi-icher freund Kayser, dem er in Zürich noch nichts davon vertraut hatte, die
musik liefern solte.
Als Übergang zur dritten Schweizerreise erhalten wir eine weitläufige, nm-
längst bekantes ohne einen neuen zug bietende ausfülirung über die lösung von Goe-
thes Verhältnis zu Lavater, wobei aber gerade das bedeutendste übergangen wird,
dass der angriff des Züricher propheten auf die von Goethe göttlich verehrte natur
diesen erbitterte, was besonders hervortrat, als Tischbein, der mit Lavater in freund-
licher Verbindung stand, Rom und ihn verlassen hatte. "Wenn Hirzel sonst mit
albekanten briefstellen seine darstellung verbrämt, so dui'fte hier Goethes scharfe
erklärung in den briefen an Herder nicht fehlen. Sogar Lavaters schriftchen vom jähre
1786 „Nathanael oder die eben so gewisse als unerweisliche göttlichkeit des Christentums.
Für Nathauaelc, das ist für menschen mit geradem, gesundem, ruhigem, truglosem
Wahrheitssinne ", das derselbe Goethe als einem „Nathanael, dessen stunde noch
nicht gekommen", ins haus geschickt hatte, wird mit keiner silbe erwähnt, obgleich
sich der eine brief an Herder gerade gegen eine stelle desselben wendet. Noch weit
ungenügender ist das, was über Meyer bemerkt wird. Dass die erzählung im briefe
vom 3. november 1786, wie Goethe im Vatikan Meyers bekantschaft gemacht, auf
später ei-findung beruht, weiss Hirzel noch immer nicht, obgleich es seit dem erschei-
nen von Goethes ursprünglichen reisebriefen einem Goetheforscher kein geheimnis
sein solte. Vor allem muste Hirzel hier des grossen werkes gedenken, das Goethe
und Meyer über Italien beabsichtigten, da dieses mit dem dritten besuche der
Schweiz in nächster Verbindung steht. Um Studien zu derselben zu machen, war
Meyer 1795 nach Italien gegangen, wohin ihm Goethe im nächsten jähre folgen
wolte, aber der krieg hielt ihn zurück, und im frühlinge 1797 erschreckte ihn die
künde von des freundes erkrankung. Da bat er diesen denn, nur- eiligst in seine
heimat zurückzukehren, die, wie schon einmal, seine gesundlioit herstellen werde;
von dort wolle er ihn nach Italien abholen. Kein wort sagt uns Hirzel von den
briefen des ihm nach Stäfa entgegenreisenden Goethe , die rührende, herzliche zeugen
seiner schmachtenden Sehnsucht nach dem freunde sind, dessen ihm so woltätigen
380 DÜNTZER
iimgang er fast zwei jähre hatte entbehren müssen. Wie herzlich freute er sich,
diesen bald wider an der seite zu haben, um sich nie wider von ihm zu trennen, sich
seiner reichen ergebnisse im lebendigsten austausche zu erfreuen. Dabei tröstete er
sich leicht, selten sie auch auf einen widerholten besuch des Landes der kunst und
damit auch auf die ausführung ihres grossen werkes verzichten müssen. Hirzel
begnügt sich zu bemerken, dass Meyer in den jähren 1795 bis 1797 auf einer neuen
Studienreise in Italien gewesen und Goethe ihm auf der rückreise bis in die Schweiz
entgegengekommen, wo Meyer in Stäfa „von der reise sich noch einige zeit erholen
wolte." Das soll ein treuer bericht sein!
Über das dritte „ betreten des bodeus der Schweiz " liegen uns Goethes tage-
buchbemerkungen vor; sie bedürfen aber der erläuterung, die man von einem Züi'icher
nicht blos für den Züricher erwarten durfte. Aber dieser pflicht ist Hirzel nur teil-
weis nachgekommen; manches ist übergangen, einzelnes verfehlt. Als Goethe in
Schaffhausen bei der abendtafel eine so bunte geselschaft trift, ist Landolt nach Hir-
zel „ein alter Züricher bekanter", wovon das tagebuch nichts weiss; worauf sich
Hirzels annähme stüzt, haben wir gesehen. Bei Goethes äusserung, er habe in
Bülach die freude gehabt, „wider gemalte fenster" zu sehen, wäre es seine pflicht
gewesen, der seit Stuttgart gemachten beobachtungen über alte glasmalereien kui'z
zu gedenken, und wo möglich festzustellen, ob zu Bülach diese sich auf dem rat-
hause, in der kirche oder im hause, wo er abgestiegen, befanden. Der bericht vom
19. über die abendtafel in Zürich, an der herr landvogt Im Thuru von Schaff hausen,
der „vom Syndikate aus Lavis zurückkehrte", und ein anderer gleichfals aus Italien
kommender Züricher teilgenommen, hätte dringend der erklärung bedurft. Aber Hir-
zel sagt uns nicht einmal, dass Goethe und der herzog 1779 diesen Im Thurm in
Schaff hausen kennen gelernt, noch weniger dass Lavis (Lugano) und Luggarus (Lo-
carno), Mendrisio und Val Maggia eine gemeinsame vogtei gebildet, wohin die zur
zeit regierenden orte einen landvogt auf zwei jähre schickten. — Goethe berichtet vom
20., auf dem rückwege vom see habe er „die geistlichen zu und von einem Ver-
brecher hinüber und herüber fahren gesehen." Wüste Hirzel dies nicht zu erkläi'en
oder übersah er es, genug der mit Zürichs geschieh te nicht bekante leser sucht ver-
gebens eine erläuterung. Der gefangenthurm für Verbrecher, der sogenante Wellen-
berg (erst 1838 abgebrochen), stand beim ausfluss der Limraat im see. Theologische
kandidaten besuchten hier abwechselnd die gefangenen. In diesem türme hatte
auch der unglückliche Waser gesessen, dessen bitte man erfülte, ihm am lezten
morgen statt der dazu der reihe nach bestimten kandidaten Lavater, Hess, Schinz
und Pfenniuger zu schicken. Vgl. Meiners „Briefe über die Schweiz" (zweite ausg.)
I, 59 fg.' 68. Weiter heisst es bei Goethe: „Dann brachte ich den morgen unter den
hohen hnden auf dem ehemaligen burgplatze zu." Hirzel bemerkt dazu nur, der
einst so viel besuchte lindenhof sei heute so vernachlässigt. An einer frühern stelle
(s. 7) gedachte er der „platzpromenade" zwischen Limmat und Sihl. Woher der name
„burgplatz" stamme, erfährt man von Hirzel nicht. Es war dort die älteste helvetische
anläge, an deren stelle die Römer ein kastell bauten. Meiners nent schon 1782 den
platz „schützenplatz." Er bemerkt: „Diese promenade war ursprünglich (und ist es
auf eine art nocli jezt) eine fruchtbare wiese, die aber mit breiten und reinlichen
gangen durchschnitten und mit prächtigen aUeen von alten ehrwürdigen linden besezt
ist. Die aussieht auf die stadt und wcinberge jenseit der Limmat ist schön, aber ein
wenig eingeschränkt. Hier gingen wir mehrere stunden in grosser geselschaft spa-
zieren." Es war auch S. Gessners beliebter Spaziergang.
rBER HIRZEL, GOETHES BEZIEH. ZU ZÜRICH 381
Nach Hirzel hätte Goethe schon früher die bekantschaft von Johannes Escher
gemacht, der jezt ihn und Meyer auf seinem landgute bei Herrliberg bewirtete. Als
geschäftshaus, wodurch Cotta Sendungen an Meyer besorgte, war freilich „Johann
Escher im Thalacker in Zürich" Goethe bekant, aber von persönhcher bekantschaft zeigt
sich keine spur. Erst im november 1798 erfreute der dichter ihn mit einer seiner
arbeiten in dem ersten heft der „Propyläen." Weshalb die anekdote, Goethe habe
beim ertönen der orgel im obern saale des hauses den ganzen saal im tanzschritt
durchmessen, auf den zweiten besuch bezogen werden soll, sehen wir nicht. Wie es
überhaupt mit der Wahrheit der geschieh te steht, bleibt demjenigen zweifelhaft, der
weiss, wie manche solche sagen entstanden sind. Zu den leichtfertig ersonnenen zäh-
len wir die märe, Meyer habe sich in die tochter des landrichters Kunz verliebt, so
dass er verstört worden, als er ihre verlobimg vernommen, Goethe aber habe ihn
„durch einen höchst gelungenen Vortrag" von üsteris lied „Freut euch des lebens"
zu trösten gesucht. Die geschichte soll freUich ein 1803 geborener Züricher von
seinem vater vernommen haben. Erst bei gelegenheit dieser anekdote hören wir,
dass Goethe zu Stäfa im wirtshause „zur brandschenke " gewolmt, woneben noch das
„ zum löwen " erwähnt wü'd. Jedenfals wohnte auch Meyer in demselben gasthofe,
seine mutter war gestorben und ihr haus wol verkauft. Während sonst diejenigen,
welche Goethes aufenthalt in einzelnen städton verfolgen, über häuser und örtlich-
keiten genaue auskunft zu erhalten suchen, ist Hirzel darmn ganz unbekümmert,
seine erwähnungen solcher sind nur zufällig und weit entfernt von anschauhcher
Schilderung.
Von Hans Kaspar Escher hören wir zwar, dass er in Rom mit Meyer bekant
geworden und im sommer 1797 aus Italien, zuiaickgekommen, aber in der lebens-
beschreibung Meyers (Neujahrsblatt der künstlergeselschaft zu Zürich 1852) findet
sich, dass dieser mit Escher und Weinbrenner die räckreiso aus Italien (Florenz)
gemacht. Hirzel erwähnt bloss, dass der maier Mako mit Escher gekommen und sich
in Zürich niedergelassen. Über diese wäre Meyers spätere äusserung (Goethe „Winckel-
mann und sein jahrhundeii" s. 337) anzuführen, auch wol, wie lange er in Zünch
geblieben, zu ermitteln gewesen. — Entschieden falsch ist, dass die elegie „Euphro-
syne" in Stäfa „fast feiiig geschrieben" worden, da kaum der entwurf in der Schweiz
(in Stäfa und Zürich) ganz zu stände kam. — Sehr schlimm ist es bestelt mit der
deutung der beiden tagebuchbemerkungen : „Sonnabend, den 21. Früh von Stäfe
ab. Mittags zu Herrliberg bei herm hauptmann Escher. Sontag den 22. Früh
herrn Eschers kabinet, das sehr schöne suiten des Schweizergebirges enthält."
Hirzel lässt Goethe und Meyer bei Escher übernachten, wogegen entschieden die
nichterwähnung des abends daselbst spricht. Natüiiich fuhren sie abends weiter
nach Zürich, wo sie im gasthof einkehrten. Hirzel beruft sich darauf, dass sie am
morgen des 22. „herrn Eschers kabinet" sahen. Es steht aber nichts weniger als
fest, dass Joh. Escher auf seinem landgute, ja dass er überhaupt ein mineralien-
kabinet besessen. Der besitzer des kabinets mit den „sehr schönen suiten des Schwei-
zergebirges" war Konrad Escher, dessen wir schon gedachten. — Aus dem briefe
Goethes an Usteii vom 8. märz 1817 folgt keineswegs, dass Goethe diesen persön-
Uch kennen gelernt hatte, viel eher das gegenteil; denn unmöglich hätte Goethe
imterlassen können, des früheren Zusammentreffens zu gedenken, wenn er Usteri
persönlich gekant hätte.
Ist nach dem gesagten der wissenschaftUche ertrag der schrift unbedeutend
(über einzelnes, wie über den gastwiii Ott, den arzt Hotze, Bodmer und seine stif-
382 HOLSTEIX, ÜBER CRÜGER, STRASSBÜRGER SCHULKOMÖDIE
tung hätte noch manches neue gegeben werden können), so stösst sie durch den
übertrockenen ton, den mangel an feile und kunstvoller darstellung den leser ab,
statt ihn durch frisches leben eines anziehenden bildes zu fesseln. Alles gelehrte
beiwerk war den anmerkungen zuzuweisen, eine fliessende, nicht durch gehäufte
anführung längst bekanter stellen zerhackte Schilderung zu geben, die leben und
kraft aus den quellen sog, ohne mit dem vollen Wortlaute dei' benuzten überheferung
den leser zu überschwemmen. Auch hätten wir gewünscht, das bild wäre nicht auf
Goethe beschränkt geblieben, sondern aufWeiniars beziehungen zu Zürich ausgedehnt
worden. Denn nicht allein Goethe, auch der "Weimarische hof stand mit dem helfer
und spätem pfarrer von Zürich in Verbindung, die herzogin war schon vor ihrer
Verlobung in Zürich gev\"eseu und von Lavater und der Schweiz begeistert worden,
dieser hatte ihr auch einen band seiner „ fragmente " gewidmet und war lebhaft für
das glück ihrer ehe besorgt. Prinz Konstantin liess sich von Lavater auf seiner lei-
der so wunderlich endenden reise in die grosse weit segnen, Knebel erfrischte sich
in Zürich und der herzog kam noch einmal während Lavaters leben nach der vor
fünf Jahren mit Goethe besuchten statte, ja der dem tode nahe pfarrer der Zürcher
Peterskirche, der nüt unerschrockenem freimut sich seiner gemeinde und dem vater-
lande gewidmet, nahm schriftlich noch rührenden abschied von Weimars Karl August
und Luise, mit tiefem bedauern, dass Goethe sich von ihm auf ewig abgewant hatte.
Da wäre wol eine lebendige, in sich gerundete darstellung der Verbindung Weimars
und Zürichs im lezten viertel des vorigen Jahrhunderts zu leisten, die man gern läse
und wider läse, während wir Hirzels „ Xeujahrsblatt " weder der form noch dem
Inhalte nach als anmutende geistesblüte begiiissen können.
KÖLX. H. DÜNTZER.
Dr. Joliauues Crüg'er, Zur Strassburger schulkomödie. Sti'assburg 1888.
50 s. 8. (Aus der festschrift des protestautischen gymnasiums zu Strassburg,
s. 305 — 354.)
Der Verfasser behandelt zunächst die anfange der Strassburger schulkomödie.
Auch für Strassburg lassen sich drei pcrioden in der entwicklungsgeschichte des
lateinischen schuldramas feststellen. Die erste derselben umfasst die zeit, in welcher
der humanismus die ersten frischen geistesblüten auf dem gebiete des dramas erste-
hen liess. Wäkrend aber an anderen orten Deutschlands die klassischen dramen des
altertums oder selbstgeschaffene lateinische Schauspiele die aufmerksamkeit der gelehr-
ten schulen und der Universitäten erregten, zeigte sich in Strassburg nur geringe
teilnähme. Wenn die nachricht verbürgt ist, dass ein verloren gegangenes latei-
nisches drama des Sebastian Brant „Herkules am Scheidewege" von den Schülern
der domschule im jähre 1512 gespielt wurde, so haben wir damit den anfang des
gelehrten schuldramas für Strassburg zu verzeichnen, dem erst 1539 der bei der
eröfnung des protestantischen gymnasiums gespielte „Lazarus redi\-ivus'' des Sapidus
folgte, ohne jedoch weitere Schulaufführungen nach sich zu ziehen. Denn erst 1557
hebt die zweite periode der Strassburger schulkomödie an, in welcher unter Johan-
nes Sturms sorgfältiger leitung die Schüler des gymnasiums angehalten wurden, latei-
nische dramen aufzuführen, einmal um mit dem geiste des altertums vertrauter zu
werden, sodann um in sithcher beziehung sich zu veredeln. An der band der rats-
protokoUe der einimdzwanziger zählt der Verfasser die reihe der verschiedenen auf-
führungen dieser zweiten periode auf und lässt ims die mannigfaltigkeit der Stoffe,
welche gewählt wurden,- erkennen. Die dritte periode, die blute des Strassburger
BÖTTICHER, ERWIDERUNG 383
schultheators unter Kaspar Brülow, dai'zustellen, lag nicht in der absiclit des ver-
fassoi's; auch ist dies bereits in Jundts wertvoller arbeit geschehen.
Im zweiten abschnitt behandelt der Verfasser das leben und die werke des
Georgius Calaminus, der längere zeit lernend und lehrend in Strassburg lebte, seit
1578 am gymnasiuni zu Linz, zulezt als rektor, wirkte und 1595 starb. Ein ge-
schmackvoller lateinischer dichter ist er der erste, der die Phönissen des Euripides
in das lateinische übersezte (gedruckt Strassburg 1577; exemplar im britischen
museum) und ausser einer menge von gelegenlieitsgedichten zwei eklogen Philomusus
und Daphnis seu Christus patiens dichtete. Seine beiden tragödien Helis (1591) und
Rudolphottocarus (1594) gedenkt der Verfasser an einem anderen orte zu behandeln.
Dagegen bespricht er in einem dritten abschnitt das weihnachtsspiel Carmius sive
Messias in praesepe (1576) und bringt dasselbe am ende zum abdruck. Das spiel,
biblisch nach Inhalt, von altklassischer form, ist eine nachahmimg der Vergilschen
ekloge.
Die arbeit des Verfassers i'uht auf genauen urkundlichen forschungeu und ver-
dient besonders deshalb lob und anerkenn ung, weil sie offenbare lücken in der
geschichte des schuldramas ausfült.
WILHELMSHAVEN. HUGO HOLSTEIN.
ERWIDERUNG.
San Marte (A. Schulz) erklärt am schluss seiner au werten sehr reichen, an
gründen wissenschaftlicher art leider sehr armen bekämpfung meiner Schrift „das hohe
lied vom rittertum usw." (in diesem bände der ztschr. s. 232— 242), dass „meiner
deduction durch den misverstand der rehten e (in Parz. 468, 5) die Wur-
zel abgeschnitten sei." Da dies der einzige punkt ist, in welchem er einmal
aus dem reiche der phantasie heraus — leider vergeblich! — auf realen boden zu
treten versucht, ein punkt zugleich, dem er eine entscheidende bedeutung in dem
streite zwischen uns beilegt, so will ich mit wenigen werten zeigen, dass der mis-
verstand nicht auf meiner, sondern auf seiner seile ist.
Ich habe die zeile teert ir erfunden an rehtcr e mit Simrock und Bartsch,
so wie es der Zusammenhang fordert, aufParzivals ehe bezogen, welcher Trevrezent,
wenn sie eben eine rehfe, d. h. sitlich reine und von wahrer und reiner minne
getragene ist, eine vor der höUe bewahrende kraft zuschreibt. Das uent A. Schulz
„unsinn", verschuldet diu-ch eine „Idiosynkrasie gegen alle irgend religiöse auffassung
des gedichts", der gegenüber er sehr objektiv San Marte aufruft, der „gewiss den
wahren sinn richtiger treffend" übersezt habe: „wärt ihr auch rechtes glaubens."
Jeder, der mit dem mhd. einigermasseu vertraut ist, weiss, dass e an sich nur die
algemeine bedeutung „geltendes recht oder gesetz" hat und dass es seine beson-
dere bedeutung nur diu'ch den Zusammenhang oder besondere Zusätze erhält. Das
mhd. Wörterbuch gibt dazu die umfassendsten belege. SoU es also auf religiöse Ver-
hältnisse angewaut werden, so muss immer ein darauf bezüglicher zusatz dabei stehen,
oder der Zusammenhang muss unmittelbar darauf führen. Wir linden denn auch in
allen stellen des Parzival, auf die sich Schulz = San Marte beruft, nämlich 13, 26.
108, 21. 752, 28 nicht das blosse e, sondern kristcn c. Ich würde diese und ein
dutzend andere aus beliebigen mhd. Schriftstellern hier anführen, wenn es der räum
erlaubte. Nun spricht Trevrezent in unserer stelle (467, 1 fgg.) nicht vom glauben,
überhaupt nicht von religiösen dingen, sondern von Parzivals weibe, folglich wird
468, 5 der begriff e eben dadurch näher bestirnt als die ehe. Dass die verse 5 — 9
384 ' NACHRICHTEN
uocli uotweudig in den gedankenkreis der verse 1 — 5 gehören, folgt ja ganz klar
daraus, dass Trevrezeut auf die werte Parzivals 467, 26 — 27 min hohstiu not ist
iimben gräl : da nach unib min selbes wip antwortet. Er spricht also 468, 1 — 9
von seiner not um sein weih und v. 10 fgg. von derjenigen mn den gral. Und end-
lich: e kann den „rechten glauben" im sinne San Martes, nämlich die subjective
heilsaneignung im evangelischen sinne überhaupt nicht bedeuten, da es immer objek-
tive Verhältnisse, recht und gesetz in irgend welcher beziehung bezeichnet. Treues
lieben bewahrt vor der hölle, das ist ja ein bekanter lieblingsgedanke "Wolframs; vgl.
Tit. 51 imd Parz. 128, 23 fgg.
Auf die übrigen ausführungen San Martes einzugehen, hat keinen zweck, da
es ihm nicht möglich zu sein scheint, sich in einen andern gedankeugang zu ver-
setzen als der ist, in den er sich so lange hineingelebt hat. Nur so kann ich mir
auch die eutstellungen erklären, die er in der widergabe meiner ansichten fertig
gebracht hat. Nicht einmal citate, die er in anführungsstriche sezt, hat er richtig
widergegeben; eins hat er sogar so wilkürlicli verändert, dass baarer unsinn daraus
geworden ist. Ich stelle zur keuzeichnung dieses Verfahrens die stellen nebeneinander :
bei San Marte s. 236 unten und s. 237
oben
„sein mannesmut hat ihn zum siege über
Feirefiz (!) geführt, indem er ihn vor
Verzweiflung schüzte, doch indem er so-
zusagen den köpf oben behielt, fand er
den frieden in der demütigung vor gott."
bei mir s. 65
„Nun aber hat er (Parzival) der sele
ruoive er st fiten dadurch, dass er, imi
einen vulgären ausdruck zu gebrauchen,
„den köpf oben behalten hat." Sein man-
nesmut hat ihn zum siege' geführt, indem
er ihn vor Verzweiflung schüzte, bis er
den frieden in der demütigung vor gott
fand und nun in geduld, doch unter fort-
dauernden sorgenvollen abenteuern, auf
des Ubcs frcude wartete."
Auf die ausfälle, welche sich der recensent auch gegen meine person erlaubt
hat, antworte ich selbstverständlich nichts.
1) natih-lich über den xivlvcl.
BERLIN, OKTOBER 1888. GOTTHOLD BOETTICHER.
AiitAvort des refereuteii.
Da Parteien nicht in eigener sache richter sein können, bleibe das endui'teil
bewährten sachverständigen überlassen.
ILlGDEBÜRa, OKT. 1888. DR. SCHULZ.
NACHEICHTEN.
Der ausserordentHche professor dr. J. Bächtold in Zürich ist zum Ordinarius
ernant worden.
Der ausserordentl. professor dr. Rud. Kögel in Leipzig wurde als nachfolger
0. Behaghels nach Basel berufen.
Prof. dr. Ed. Sievers in Halle wurde von der kgl. dänischen geselschaft der
Wissenschaften zum auswärtigen mitgliede gewählt.
Am 4. sept. d. j. starb zu Reykjavik der frühere bibliothekar Jon Ärnason
(geb. 17. aug. 1819), bekant als samler isländischer volkssagen und märcheu.
Halle a. S. , Buchdruclcerei des "Waisenhauses.
.1.
HIMMELaAETKEE BEUCHSTÜCKE.
Der gute meines freundes dr. BicJiard Backivitz in Nordhausen
verdanke ich die mitteilung der im folgenden %um abdruck gebrachten
fragmente. Sie sind sämtlich aus einbänden ton büchern ausgelöst,
welche der bibliothck des klosters Himmelgarlen bei Nordhausen^ ent-
sta)n))ien. Xr. 1 und 2 befinden sich jext in meinem besitz, die
übrigen gehören dem Nordhäuser städtischen museum an und sind mir
von dessen conservator , herrn Hermann Arnold, in zuvorkommend-
ster tveise xur Verfügung gestelt ivorden, ivofür ihm mein verbind-
lichster dank ausgesprochen sei.
1. Bruchstücke einer mitteliiieclerdeutsclieii eyangelieiiliarinoiiie.
Von diesem in manchen bexiehungen interessanten werke haben
sich leider nur 6 pergamentstreifeyi erhalten. Drei breitere streifen
gehören zusamme?i und liefern eine volle textcolumne des ziveispal-
tig geschriebene7i manuscriptes und einen nur je wenige buchstaben
umfassenden abschnitt einer xiceiten cohamie. Ein vierter strei-
fen hat nahexu den umfang einer halben columne, so dass hier
der versuch gemacht werden konte, das fehle7ide vermutungsiveise zu
ergänzen. Die beiden texten streifen endlich haben nur geringe breite,
umfassen also jedesmcd nur tvenige buchstaben, ivelche nicht gestatten,
den zusaminenhang mit einiger Sicherheit festzustelleti , in 2celchen sie
gehören. Von der mitteilwig des inhaltes dieser beiden streifen icie
des randstückes der oben an erster stelle angeführten Streifengruppe
sehe ich danach ab. Besonderes sprachliclies interesse haben die weni-
gen volständig überlieferte7i ivorte nicht, ivelche sich dort finden.
Die handschrift gehört der mitte des NIII. Jahrhunderts an,
2üie mir einer unserer ersten handschriftenkenner , herr professor
W. Schuvn hierselbst, freundlichst bestätigte. Unsere evangelienhar-
monie zählt cdso mit zu den ältesten denkmälern des mittelniederdeut-
schen. Um so mehr ist zu bedauern, dass so zrenig von ihr auf uns
gekommen ist.
1) tjher diese hibliothek vgl. B. Raclarit/, , Xachricldcn über die St. Blasii-
hibliothek in Nordhausen tmd das kloster Ilinimelgarten bei Xordhauseii, dem die
bibliothek entstamt. Nordhausen 1883.
ZEITSCHEIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 25
386 SIF.TERS
Auch sachlich ist das fragment 7iicht ohne hedeutung. Es reprä-
sentiert eine von Tatian unabhängige bearbeitung des evangelischen
textes, tvelche ich sonst nicht nachiceisen kann. Zur vergleichung
habe ich die nach dem deutschen auf grund der vulgata 7'eeonstruierte
mutmassliche lateinische vorläge des deutschen bearbeiters initgeteilt.
Zum abdruch habe ich nur zu bemerken, dass meine ergänxun-
gen cursiv gegeben sind, und dass dieselbe?i natürlich 7iur den unge-
fähren tüortlaut des verlorenen andeuten, nicht aber mit Sicherheit
den ursprünglichen text ividerherstellen ivollen.
l\
mit kvlen. gesant von den vorsten der
pstere. vü von den eldesten des volkes
vii ivdas de ere leider ivas vn ene vorret gaf
en. en teken vii spr«/»; to en. Dene ek küsse
5 de is it lialdet ene vn ledet ene ivarlike
wen au' vnse h're ivoste
alle dink de 'kwmftich waren ouer ene
Do trat he vore vn sprak. Wene so
ke ie. Do antwcrc^ew se eme vn
10 spraken ilim \on naxareth. Do sprak
ihc ek ben it. vn ivdas de ene vorret
de stunt mit den seinen. Vn do he
gesproken hadr/c ek ben it do gin-
gen se to rucke vn velen an de
15 erde vn sprake;* vn ihc vragede
se echt enes. Wene soke ie. Do ant
werden se ihm \07i naxareth. Do sprak
he ek ben it. vii ek hebbe iv geseget
dat ek it ben. Soke ie mek so kdet
20 disse en wech ga?i. vn dat gescach ^^
{Mt. 26, 4 7} et fustibus misai a principibus sacerdotum et senioribus populi.
(Mt.2G, 48) Qui autem tradidit eum, dedit illis siguum dicens „Quemcunque oscu-
latus fuero, ipse est, tenete eum (J\[c. 14, 44) et ducite caute." {Joh.18, 4) Jesus
itaque sciens omnia quao Ventura erant super eum, processit et dixit eis „Quem
quaeritis?" {Joh.18, 5) Eesponderuut ei „Jesiim Nazarenum." Dicit eis Jesus „Ego
sum." Stabat autem et Judas, qui tradobat eum, cum ipsis. {Job. 18, 6) Ut ergo
dixit eis „Ego sum", abieruut retrorsum et ceciderunt in terram. (Job. 18, 7) Ite-
rum ergo Jesus interrogavit eos „Quem quaeritis?" Illi autem dixerunt „Jcsum Na-
zarenum." {Joh.18, 8) Eespondit Jesus „Dixi vobis quia ego sum. Si ergo me quae^
itis, sinite hos abirc." {Joh.18, 9) Ut impleretur sermo
HIMMELGARTNER BRrCHSTÜCKE 387
vme dat si wo7't eruilet ivorde
dat he sprak to sbieme vadere. De
du me gegeveu heues 7ienene neheb
be ek darvon xorloren. Do ging
25 ivdas to tu spraA; Aue rahhi
vn kuste ene. Do sprak ihc to eme
vrunt war to qneme du. ivdas vor
redestu des menschcfi sone mit eneme
küsse, to haut gi?ige7i se to vn
l^
helden ene. vn do gesagen de mit
waren wat dar Ä;Mmftich was. do toch
he sin sivert ut vn sloch des bischoz^es
kriecht vn sloch eme af dat locbt'e
5 ore. Dat ivas simon petriis. vn de
knecht tvas mcdchns genant. Do
sprak vnse herre petro. stote din
swert an sine stede alle de dat swer^
entvahet en vorderiiene
10 von deme sicerde. De kelik dene
min vader me gaf ne scal ek den mcht
drinken. geloues du nicht dat ek mi
nen vader bidden möge vn he me sendet
mere denne ^^relif scare *^®^' engele
15 We7ie wo mögen and'es irwllet w^den
de scrifte de geseget hebben
quem dixit „Quia quos dedisti mihi, non perdidi ex eis quemquam." (Mt. 26,49)
Et confestim accedens ad Jesum dixit „Ave rabbi'^ et osculatus est eum. {Mt. 26, 50)
Dixitque illi Jesus „Amice, ad quid venisti? {Luc. 22, 48) Juda, osculo filium homi-
nis tradis?" {Mt.26, .50) Tunc accesserunt et tenuerunt eimi.
Ib.
(Ltic. 22, 49) Videntes autem hi qui circa ipsum erant quod futurum erat.
(Luc. 22, 50) Et {Mc. 14, 47) educens gladium [Luc. 22, 50) percussit unus ex Ulis
servum priacipis sacerdotum et amputavit auriculam eius dexteram. {Joh. 18, 10)
Simon ergo Petrus . . . Erat autem nomeu servo Malchus. {Joh. 18, 11) Dixit ergo
Jesus Petro „Mitte gladium tuum in vaginam neben Mt. 26, 52 Converte gladium
tuum in locum suum. Omnes enkn qui acceperint gladium, gladio peribunt. {.Jo/t.
18, 11) Calicem quem dedit mihi pater, non bibaiii illum? {Mt. 26, 53) An putas
quia non possum rogare patrem meum, et exhibebit mihi modo plus quam duodecim
legiones angelorum? {Mt. 26, 54) Quomodo ergo implebuntur scripturae, quia sie
oportet fieri?"
25*
^
388 SIEVERS
dat it so gesehen sal. Do ?'orde he den knecht.
vn makede ene gesunt in der stunde
do sprak ihc to demQ volke vn sprak.
20 ie quam mit s werden
vfi mit kulen alsQ iegen ene mord'e
mek to vaene . nu tms ek alle dage bi iv
i7b denie temple vn fcrde vn ie ne lielde/i
mek. vn dat geschach al dar vme. dat
25 de Serif t erivllet ivoyAq. Do leten en
sine ivngere vn -flogen von eme.
vn en ivngelinc volgede eme de was
geklcdet 7uit eneme linene klede.
ouer deine nakeden vn he let dat kled
2^
vn oppenbareden sek to iherlhi. vele
Ivden. Do centurio gesach wat dar ge
sehen Avas. Do sprak got lonede he got
vn sprak. w'like disse was goddes sone
5 vn al dat volk dat dar gegenwardich
w^as. vn sach wat gesehen was. slocli
sek vor sine brüste vn sprak kerden.
vn alle de küden stunden v'ne von
eme. vü de vrowen de eme gevolget
10 waren van galilea. vnder den was
maria magdalena. vü maria iacobi
vn iosepes nivder. vii div mvder
(Iaic. 22, 51) Et cum tetigisset auiiculam eius sauavit eum. {Mt. 26, 55) In
illa hora dixit Jesus tuilns „Tanquam ad latronem existis eum gladiis et fustibus
comprehcnderc me: quotidie apud vos sedebam iu templo docens, et nou tenuistls me."
{Mt. 26, 56) Hoc autem totum factum est ut adimplerentur scriptimie . . . {Mc. 14, 50)
Tunc discipuli eius reliuqueutes eum omnes fugenmt. {Mc. 14, 51) Adolescens autem
quidam sequebatur eum amictus sindone super nudo ..., (Me. 14, 51) at ille reieeta
sindone nudus profugit ab eis.
2\
{Mt. 27, 5.3) venerunt in sanctam civitatem et apparuerunt multis. {Liic. 28, 47)
Videns autem centurio quod factum fuerat, glorificavit deum dicens: {Alf. 27, 54)
flVere filius dei erat iste." {Iv/ic. 23, 48) Et omnis turba eorum qui simul aderant
... et videbant quae fiebant, percutientes pectora sua revertebantur. {Luc. 23, 49)
Stabant autem omnes noti eius a longe et mulieres quae secutae eum erant a Galilaea
. . . , {Mt. 2 7, 56) inter quas erat Maria Magdalene et Maria Jacobi et Joseph mater
et mater
HniMELGAETXER BRUCHSTÜCEE 389
sente iohannes vn sente iacopes
vn wenne div hochtit was. anstan
15 de. dat de lichamen nicht ne bleue
an deme cruce. in deme sunnauede
baden de ivden pilatuse. dat man
ere ben breke vn neme se von deme
cruce. Dar vme quame de ridd*e
20 to deme ersten vn braken eme sin
ben. vn ok deme anderen de mit eme
gecrueeget was. Do se au* quame
to ihü. vii sagen dat he ioto dot was
do ne braken se sine ben nich. Der
25 en der riddere dede eme sine siden
op. mit eneme spere. vil to haut vlot
dar vt blot vn water. Do it an de
nie auende was. Do qua en edele
rike man. von armenie. iosep de
2\
ok bedende was des hemerikes. wanne
he was en ivngere ihü doch hemlike
durch dar ivden vorchten. De trat man
hken in to pilatuse vü bat eme den
5 lichamen geuen. Do nam pilatuse
wunder of he ioto dot were. vn sande
na deme riddere deme he de hude be
volen hadde. vn vragede ene af he
ioto dot were. vii do he des gewis
filiorum Zebedaei. {Joh. 19, 31) Juclaei ergo, quoüiam parascheve erat, ut non
remanerent in cruce corpora sabbato . . . rogaverunt Pilatum ut frangerentui" eoruni
crura et tollerentur. {Joh. 19, 32) Yeneruüt ergo milites et priini quidem fregermit
crura et alterius qui crucifixus erat cum eo. {Joli. 19, 33) Ad Jesum autem cum
venissent, ut viderunt eum iam mortuum, uou fregerunt eius cnu'a. {Joh. 19, 34)
Sed UHUS militiun lancea latus eius aperuit, et continuo exivit sanguis et aqua.
{Mt. 27, 57) Cum autem sero factum esset, venit quidam (nobilis Mc. 15, 43) liomo
dives ab Arimathaea nomine Joseph,
2^
{Mc. 15, 43) qixi et ipse erat expectans regnum dei {Joh. 19, 38) eo quod esset
discipulus Jesu, occultus autem propter metum Judaeorum. {Me. 15, 43) Et audacter
introivit ad Pilatum et petiit corpus Jesu. {Mc. 15, 44) Pilatus autem mirabatur si
iam obiisset. Et accersito centurione interrogavit eiun si iam mortuus esset. {Mc.
15, 45) Et cum cogno-
390 SIEVERS
10 wart von eme. Do gaf he den licha
men ihosepe vn iosep kophte en
reine lilaken. vn nam den lichame
von deme cruce vü nichodom^ de
dar konien was des nachtes von
15 deme crv to vnseme h'ren. de brach
te alse hundert punt divrer sal
ue von mirren vn von aloe. vn be
wunden dar inne den lichamen
mit and'em edelen krude. alse
20 man pleget de ivden to begraue
ne. vii legedeu den lichamen an
en nvwe graf. dat he eme seine
gehowen hadde an enen sten.
vn weite enen groten sten vor
25 de dore des graues, vn ander stat
dar ihs gecruceget wart, dar
was en garde vn in deme garden
Avas dat nve graf dar vor des nemä
in geleget ne was vn maria mag
visset a centimone, donavit corpus Joseph. {Mc. 15, 46) Joseph autem mer-
catus sindonein (mundam Mt. 27, 59) et depouens eum (oder et accepto corpore
Mt. 27, 59) ... {Joh. 19, 39) Et Nicodemus qui venerat ad Jesum nocte primum,
ferens mixturam myrrhae et aloes quasi libras centum . . . {Joh. 19, 40) Et ligaverunt
illud linteis cum aromatibus sicut mos est Judaeis sepelire. {Mt. 27, 60) Et posuit
illud in monumeuto novo, quod exciderat in petra, et advolvit saxum magnum
ad ostium monumenti. {Joli. 19, 41) Erat autem in loco ubi crucifixus est, hortus,
et in hoiio monumentum novum in quo nondmn quisquam positus erat. {Joh. 20, T)
Una autem sabbati Maria Magdalene venit mane . . .
3. Bruchstücke eines Cato.
Ztvei iminerhlätter in octav ans dem ende des X.V. jahrliunderts,
das lateinische in grösserer, der deutsche text in kleiyierer schrift
darunter. Für die feJdende Übersetzung von II, 30 ist räum gelassen.
Den deutschen text gebe ich buchstäblich; im lateinischen habe ich
die der geu'ohnheit der xeit nach sehr häufigen abkürxungen aufgelöst.
1\
II, 10. Yictorera victo superare sepe videmus
Den du weyst dir nich gleyche
Maffis ffesev vm entwevche
Summa < o o ^ -^
Der obir wyde dicke obir ficht
Den oberwynder als mä spricht.
HIMMELGARTXEK BRÜCHSXrCKE
391
Summa -
11. Aduersus uotiim noli contendere verbis
His minimis verbis interdum maxima crescit
Wider eyne betete mä
saltu keyne streyt nit hat
Es körnet zetlicher zcevt
Yon kleyne verteil grosser streyt.
12. Quod deiis intendit noli perqiiirere sorte
Quod statiiit de te sine te deliberat ipse
Du Salt mit tzouber nicht vo'suche
Was gotes wille vil gebruche
Was her schicket ordentlich
. Das betraclit her wol an dich.
Summ a
13. Invidiam nimis cultu vitare memento
Que si non ledit tarnen häc sufferre molestiim est
Mit vleyß du vermide
Hast vnde auch den neyde'
Ob er dir nichs anders thut
■ So macht er dach dir swere muth.
Summa <
14. Esto animo fortis quum sis damnatus inique
Nemo diu gaudet qui iudice vincit iniquo.
Du sal starckes gemütes lebin
Wil dich ey boßes recht vorteyle
Her fraüwet sich dy lenge nicht
Wer mit boßem rechte fycht.
Summa <
S u m m a
15. Litis preteriti noli maledicta referre
Post inimicicias iram meminisse nialorum est.
Das vorgehe gutes schände
Nyme (?) mer weder geande
Wene boße luchte thü das
Dy noch der vntschafft trage haß.
16. Non te coUaudas nee te culpaberis ipse
Hoc faciunt stulti quos gloria vexat iuanis.
Sehe dach das du nümer alzo ertobest
Das du dich scheltest ader lobest
Tore thü offt alzo
Die eytel lob machet fro.
Summ a
392
Summa
Summa <
17. Ytore quesitis modico dum sumptus abiindat
Labitiir exiguo quod partum et tempore longo.
f Nach ffrössem brauch saltu spare
Summa -J 1
(^ Ynd vor schaden dich beware.
o a
25. Spem retine. yna spes hominem non morte relinquit
Nich traurig biß zu kejner frist
So es dir mysselüge ist
Hab hoffenüge die keine mä
. nich in dem tod pflicht cze lan.
26. Rpm tibi quam noscis aptam dimittere noli
Fronte capillata post hec occasio calua est.
Eyn ding das dir eben ist
Das laß von dir zu kejn'e frist
Gelicke off eyne zu stat
, Das ey doch darnach vorlat.
27. Quid sequitur specta. quidque iminet ante videto
Illum imitare deum qui partem spectat utramque
Was yecz ist oder geschehe sol
Das solt du vor fursehe wol
Empfilch got dein getat
Der anfang vnd das ende hat.
28. Fortius vt valeas interdum parcior esto
Pauca voluptati debentur plura saluti.
Byst meßig zu aller stüdt
Das du belybest wol gesüt
Die natur ein wenig (?) hat
. Da mit gesundheit nit bestat.
29. Judicium populi nun quam contempseris vnus
Ne nulli placeas dum vis contempnere multos.
Summa <
S u m m a
Summa
Die sorg der gesundheyt
Sey von erste die bereit
Die zicz wil noch von schuldige sey
ob der k'anck liczit der lebe deT.
30. Sit tibi precipue quod primum est causa salutis
Tempora ne culpes cum sint tibi casa doloris
HIMMELGARTNER BRÜCHSTÜCKE 393
31. Somnia ne eures nam me9 humana quod optat
Dum vigilat sperat. per somnum cernit id ipsum.
Du solt erö nit entruche
S u in m a
ma sagt vnd'e de buchen
S II m m a
Was ey ma wacheyt begert
Das in des ey trau gewert.
III, praef. Hoc quicunque velis Carmen cognoscere lector
Hec precepta feres que sunt gratissima vite
Welcher leßer gescheyt
Weyl merke uff disse gedieht
Der sol merke disse lere
Der gebt manich vii auch ere.
1. Instrue preceptis animum ne discere cesses
Nam sine doctrina vita est quasi mortis imago.
3. Bruchstücke eines initteliüeclerdeiitsclien spieles toiu leben
Jesu.
Auch diese fragmente gehören, ivie nr. 1, mindestens noch der
mitte des XIII. Jahrhunderts an. Leider sind sie sehr verstümmelt.
Sie sind crhcdien auf xwei zusammenJiängenden stücken eines perga-
mentdoj)pelhlattes in kleinem octavformat. Von dem rückbkitt sind
die obersten W^j^ 'xeilen erhalten, von dem vorderhlatt nur je 6. Die
scliriftbrcite beträgt auf dem rückblatt 9,7 cm.; von dem vorderblatt
sind am äussersten rande je 1,7 cm. der columne abgeschnitten. Die
Schrift, an sich schön und deutlich, ist vielfach abgerieben , so dass
vieles nur durch amvendung von reo,gentien zu entziffern war, und
an einigen stellen versagte auch dies hilfs^nittel.
l^
Tc ifantulus dulcissim^ düs ihc sedeat in
g'mio dil'ce matris sue. & dicat ad ^almam
Ich bede di nv palmenbom. da n
miner moter not. unde bogetich neder in er
5 scot. StatI aü aduoce pcipietis da^ decli
l^ Der tcxt dieses frarjnients stamt aus dem eranc/elinm Nicodenii, Ti-
schendorf, Evang. aimer."^ 87, Schade, Liher de infantia s. 39. Eigentümlich ist,
dass die flucht nach Egypten vor dem bethlehemili sehen kindermord durchgeführt
erscheint. 3 dau] da scheint mir sicher %u sein; für n ist vielleicht te fiu lesen
mit unvolständig erhaltenem e. Eine sichere ergänxnng rermag ich nicht %u finden.
Der lat. text lautet Floctere arbor et de fructibus tuis refice niatrem meam.
394
net se arbor palme. asumo cacumme
ad plätas beate v'ginis marie. &
l^
.... 'itatur Iregnü siiü. & ouocet scri
ptores c& phariseos. & dicat. Ha^ rmä v'nome
war de dri konige sin gecome. den we baten
gehoden dat se to vns weder scolde kome. At
5 Uli die. In betlehem. -wart on de nige konig
getoget. se reden doreh dat vroraede lät. vn
kerden weder in ost'lant. Tc berodes dicat
2^
simo' cursu a facie dni. & agl'a magestatis ei9.
& It'ini cor9 cätet. Rebq'd eü teptator. & accedät ä
gl'i & ministret ei. & cätet. diilcisona uoce iubilä
do. 0 amor ds deitas. magestatis essentia. Trini
5 tatis societas. uerus & amicicia. sümi boni leticia.
Tu siciens sacietas. uite plena felicitas. Cor9. Te
scm dnni. angl'i. Te decet. Corus. Cberubi. angl'i
Te decet. Delde v'tat' dns & ueiat iuxta mare
galilee. Cor9 cätet. Ambiiläs ibc. & Tueniat pe
10 trfl & andreä r^tia mitetes Tmare. & dicat eis
ueniät iacob9 & iobes. p9
scolen de ewigen vroiide ent uän vö denie
uat'e min. Nv villeben kindere min. gi
scolen gode vrflde vnder tuisgen sin. Gi
scolen wolwillich. un otmodich. gehorsam
5 vn vderdenicb sin. so scal ideme rike mi
1^. 2 Ha^ imÄ] nur Ha . . . a x?f lesen.
2^. 1 Zu eryänxcn ist ettva [Et recessit diabolus uelocisjsimo 2V(/l. Matth.4, 11
Tunc reliquit eum diabolus, et ecce angeli accesserunt et raiuistrabant ei. 4 Die-
sen hymniis rermag ich nicht nachxuiveisen. 7 Te decet] rcjl. %.u Murhachcr
hymnen nr. XXV^. 8 rgl. Matth. 4, 18 Ambulans aiitem Jesus iuxta mare Galilaeae
vidit duos fratres, Simonem qui vocatur Petrus, et Andream fratrem eius, mittentes
rete iu niare ... 19. et ait illis „Venite post me, et faciam vos fieri piscatores
hominum." 20. At illi coutiuuo relictis retibus secuti sunt eum. 11 Die erste
hälfte der xeile ist abgeschnitten.
2*". Der anfang des fragmentes ist ein knapper ausxug aus der bergpredigt;
daher der schhisssatx, Explicit praedicatio x. 6 fg.
HDLMELGARTXER BRUCHSTÜCKE 395
nes vateres guwe Ion dusen volt sin. Ex
plicit pdicatio. Ipse .... Wi laten alle v
se diet. Cor9. Mirabätur oms. Delde veTat
consiibrinus düi iolies ewgl'ista. & roget
10 matre düi & dum cü discipl'is suis adnup
tias. Ihc villebe
7 Vor Wi ein icort voji 4 — 5 huchstahen unleserlich. 8 se diet sehr
xweifclliaft. Don folgenden liegt xunächst Matth. 7, 28: Admirabantur turbae super
doctrina eius xu gründe, dann folgt, mit Deinde, die iibcrleitinig xnr hochxeit von
Ca?ia nach Joh. 2, 1: Et die tertia nuptiae factae sunt in Cana Galilaeae, et erat
mater Jesu ibi. 2 Vocatus est autem et Jesus et discipuli eius ad nuptias. 11 Der
rest der xeile ist abgeschnitten.
4. Bruchstücke einer Marienklage.
Erhalten sind diese bruchstücke auf fünf übel mitgenonimenen
papierstücken, icelche die schrift dem XV. jah?'hundert xuiveist. Das
formal der handschrifl, welcher sie einst angehörten, ivar das bekante
halbgebi'ochene folio, das sogena?ite register formal K- das xweite blatt,
ivelchem nur der obere rand fehlt, hat eine länge von 31 cm. gegen
10,5 cm. breite.
An der herstellimg der blätter si?id drei etwa gleichzeitige hände
beteiligt geicesen. Die erste schrieb bl. 1^^ imd 4^ , die ziveite bl. 2"*
und 4^ , die dritte bl. 3 und 5.
Das ganxe trägt einen conceptai^tigen Charakter; das stück ist
offenbar in der handschrifl einer Umarbeitung oder erweiterung^
unterzogen ivorden. Neue blätter icurden eingeschoben, und dafür
einzelne bereits beschriebene seilen tnit je zwei sich kreuzenden linien
durchstrichen , soiveit sie nun bloss noch tviderholungen des auf den
neuen blättern stehenden textes enthielte?!. So ist bl. 2 vor bl. 3 sicher
eingeschoben. Es ividerholt in seiner z. 5^ bis schluss den ganzen
inhalt der dwchkreuzten voirlerseite von bl. 5*; dcm?i geht der text
auf bl. 3^ weiter. Es ist aber offenbar mindestens noch ein ziveites
einschubs blatt verloren gegangen. Zucir fehlt das untere drittel von
bl. 3 (etwa räum für 15 — 16 Zeilen bietend) ; aber auf diesem drittel
kann der text nicht icol gestanden haben, tvelclier den anschluss von
2'^, 31 an 3^, 1 zu vermitteln hatte, denn die ganze Vorderseite von 5"
1) Vgl. Mone, Schauspiele des mittelalfers II, 119. Weigand, xtschr. f. d.
alt. VII, 546. Grein, Alsfelder passionsspiel s. IV.
2) Über ähnliche eriveiterimgen in der hs. des Alsfelder passionsspicls s.
Vilmar, xtschr. f. d. alt. III, 478. Grein s. V.
396 SIEYERS
ivar sicJitUch durchkreiixt. Die kreiixlinien heyinnen oben genau in
den ecken der columnen, kreuzen sich in der mitte des volständig
gedachten blattes iind ivilrden verlängert wider genau in die untern
ecken des volständigen blattes treffeil, ebenso wie dies bei bl. 5% dem
untern stück einer verstümmelte?i seile, der fall ist. Danach scheint
es also bei dem einschub von bl. 2 (und dem verlornen ergänxungs-
blatt) auf eine er Weiterung des tcxtes abgesehen gewesen xu sein: an
bl. 3"' fehlen, ivie bemerkt, nur 15 — 16 xeilen, dafür stünde auf der
andern seile der umfang zweier ganzer seilen, die allerdings nicht
ganz beschrieben gewesen xu sein brauchen.
Schwieriger ist die beurteilung des zweiten falles von ergänxung,
auf bl. 4 und 5. Hier ist bl. 5 das ältere. Es hat nach links noch
einen schmalen streifen, der über den alten falz hinausgeht , und auch
auf diesem ist (neben einem vereinzelten ge) noch der rest eines kreu-
zungsstriches zu sehen^. Wahrscheinlich ist also hl. 5 der rest des 7nit-
telblattes einer alten läge, dessen beide innenseiten durchkreuzt ivaren.
In die mitte dieses blattes ist dann das blatt (oder die blatte?') ein-
geschoben, cds deren rest hl. 4, das kopfstück einer cohimne, vorliegt;
bl. 4^, 4 — 8 entspricht dem getilgten bl. 5"; 1 — 5. Auffällig ist dabei
nur, dass das eingeschobene blatt nicht von einer hand, sondern von
zwei verschiedenen händen geschrieben ist: die Vorderseite von dem
Schreiber von bl. 1, die rückseite von dem Schreiber von hl. 2. Ist
nun hl. 2 sicher ein eijischubsblait , so wird das gleiche unter diesen,
umständen auch wol von bl. 1 gelten müssen, obwol hier direkte Zeug-
nisse fehlen. Die suche läge danach vermutlich so, dass die ursprüng-
liche handschrift von dem Schreiber von hl. 3 und 5 geschrieben
geivesen und dami von zwei mit einander tvechselnden ayidern Schrei-
bern mit Zusätzen und ergänzungcn versehen ivorden iväre. Eine
solche ergänzung ivar wahrscheinlich nach 4^, 8 = 5"; 5 beabsichtigt;
leider bricht der deutsche text von hl. 4 gerade mit jener zeile ah,
aber es folgt darauf die amveisung [et vertit] se ad populiim, auf
hl. 5" cünveichend et facit quasi cadere velit mit folgendem deutschen
text. Hier solle also offenbar noch ein neues stück text eingeschoben
werdest.
Die gesangsstücke bl.P,9 — 13. 2'', 29— 30. 2\20—26 =
3"; 17 — 22 sind mit noten versehen, deren widergabe hier unterblei-
ben muss. Auf hl. 3^, 17 fgg. sind — tvas ich im abdruck durch
1) Die Vorderseite dieses Streifens enthält norli spuren einiger grossen an-
fangsbiichstabcn, ein strich ist aber nicht vorhanden.
him:\ielgartnt:r beuchstücke 397
klammern vor den betreffenden xeilen cmgedeutet habe — , die corre-
spondierenden zeüe^i der beiden strophenhälften unter nur eimnaliger
notenvorxeichnuyig zusammengeschrieben^ während der Schreiber von
bl. 2 bei seiner abschrift die Zeilen auseinander löst und demnach die
betreffende notcnfolge doppelt gibt.
Alle fünf blättcr haben durch verbleichen oder abreiben der
Schrift, durch löcher oder risse u. dgl. mehr oder iceniger gelitten.
Am übelsten ist es bl. 3 erga?igen; der text der rückseite konte nur
mit anwendung von reagentien, und auch so nur bruchstückweise
entziffert werden. Meine ergänzungen gebe ich auch hier ivider cur-
siv, und zivar im algemeinen ohne besondere angäbe des speciellen
grundes, der i?n einzelnen falle das fehlende zerstört oder unleserlich
gemacht hat. Versschlüsse innerJmlb nicht abgesezter Zeilen habe ich
durch II ausgezeichnet.
Zu einer genaueren bestimnmng der verwantschaftsverJüiltnisse
des Spieles, dem unsere fragmente — eine ausgeschriebene Marien-
rolle — gehören, genügt der umfang der bruchstücke kaum. Die
wesentlichsten berührungen mit andern spielen habe ich unter dem
text vermerkt.
V.
Owe der iemerlicbin m'e
Daz ich vil arme tod were
sal ich solch leyt finde
an raye libin kinde.
5 &c
Ich weyß wol swest' sy sind ome grä
Wolde got daz oz my czam
Czu ghende dez nachtez vf der strasße
Ich wolde sin taln gelasße
10 Ich ginge nach myme libin kinde
Ob ich oz ergü konde finde
Daz ich dach sege waz ome gesche.
It qn ihc duci' ad cayphä tue
ma'ia obviat ei dices
15 Ach my hercze libe kind
1 = Alsf. passiotissp. 5328. S. Galler passionssp. (Mone I, 105), 779.
4 Nach libin 'ist koni (angefangenes konde ?^ ausgestrichen. 6 Die anrede an die
Schwestern erklärt sich atis der spielordnung des Alsfelder passionsspieles , Orein
s. 182, deinde Maria emn duabus sororibus suis exeundo cantat. 11 Vgl. Alsf.
passionssj}. 5821.
398
Wy obele von dir gewechen sind
Dyne iüg'n viid dyne frude
0 libe kind daz ich konde
Dach czu dy gelange
20 Yiid muste dich vme fange
Yfid dann sterbn tod
Owe kind der großü nod
Ach ^V lihn früde my
Laßt ome daz lebin sin
25 Ynd toted mich dach vor on
Ach wo sal ich arme hen
Owe der iemerlichin fard
Ach d«^ wh ie geborin ward
l^
Ma'ia ad petr'
0 petre libe früt my
Du soldest der aller beste syn
He had gudii gloubn zcu dy ^okad
5 Nö finde ich an dusßer stad
Daz din triiwe ez geswached
Wenn du hast gar obele gethan
As ey vngetruwe man
Owe ist ymät so gud |1 der mich arme muter
10 erlose von dussiu uoten |1 owe iä
toten II loh' libe ome my || ghewy czu der
marter sbi ||
vnd hüff my clagiu syne nod |] owe w'e he
noch nicht tod frund ioh'
Owe der wesselüge
Ach schepp aller dinge
Sal ich my ding ßo ergebn
Du bist die warheyt \n daz lehn
17 Lies früde; ein strich über dem u ist nicht zu sehen. 28 ie] ein rest
des e noch erhalten.
1^. 1 Auch nach der Alsfelder spielordnung wendet sich Maria xu Johannes
und Petrus, Grein s. 183. 9 gud] lies guter 11 — 13 = Egerer fronl. 6036
— 39; weiteres bei Milchsack s.228, anm. 12 he] vom h nur ein rest erhalten.
2=^. 1 Die erste xeile von 2* lialb abgeschnitten tcnd unleserlich.
HIMMELGARTN'ER BRUCHSTÜCKE 399
5 Recedüt & cätät Ecce videm9
cü nö babent]
Acb der iemerlicb' smercze [spe|
Ach ach my kräke hercze
Vö iäm'e vn vö grosße lede
10 S}'! ich hiithe nu muß Schede
Vö ihü my libfi ßone
Der an den c^ce scone
lemerlicbe muß sterbn
Konde ich den tod berwerbn
15 Daz were my hercze ßusße
Acb schreged hende weynet fusße
So lange daz sterbe si tod
So bad ey ende deß iämer nod
&c.
20 Ach ich bore ey rufP
Daz ist my kind daz mich geschufP
De bad ey ruff ßo kreuch
Libe iohes ich bethe dich
Daz wedder lasßes gen
25 Med iäm'e vnd' daz crucze sten
Czu my libn kind
Ob ich oz nach lebenTg finde
Ma'ia a^^pinquat ad c^'ce cäntans
Owe owe owe ich bo*e ey iem'el/cheii ruff
30 Daz iz my kind dy mich ^"schuff |1 de ich on alle siv'e
gar II mf 'md mayt gebar
Eya du h'cze kindelin
Ich "wil dich bethe mag oz sin
Wen oz czemed de kinde wol
35 Daz oz dy mt geczwyde sal
So bethe ich dich nicht me
T^he me p9 te
Czuch mich an daz c^'ce din
20 f. = vcrsikel XVI bei Schönhack, Marienklagen s.S. 20 — 27 = Alsf.
pass. 6175—6182. Trierer marienkl. (Fundcjr.II, 266) 16 fg. 19 — 26. 22 kre-
lich] die lesung ist nicht ganz sicher; Als f. hat krenglich, Tr. krenkelich. 24 Er-
gänze du uns 27 Vgl. Egerer fronl. 6149. 29 ey iem'e] der strich über dem
e von iem'e ist rückuärts gexogen bis über das y von ey. 29 — 30" = rersikel
XVI bei Schönbach a. a. o. 30^ — 31 = versikd III, 3 fg. 36 Nach ich ist
me ausgestrichen. 38 Vgl. Unser vromcen klage 786. Böhm. Marienkl. (Schön-
bach s. 58) 145. Heidelb. pass. 5503.
400 SIEVER3
Sint wy beyde eynes fleysches
40 & äplexat' c'^ce cätad' [sjn
ramos arbor alta d'
Owe welicli rad sal my w'den
2^
uff der erd
. . . erbarme ober my weyne
Or h'cze . . . harten steyne
Ach du wünigliche boum
5 Neyne dine czelliche gavm
Vü dine ast nach myner ger = S", 1
Yn erbarme dich T myner swer
Nu sich die luthe in sollich' schiebt
Ober mich wolle erbarme nicht
10 In dusßer betterlichn not 3*, 5
Ach nu kü du blöder tot
"VVy lange wiltu forichte mich
In dusßer nod doß froge ich dich
Daz mich nemest balde
15 lo ist daz lieh my saldo 3", 10
lemerliche vorlosche gar
Deß muß ich bebii trost' bar
Yff erdn vn ruwe tribe
So lauge daz ich thot blebe &c
20 Großer clage ist my not. || owe legich v'en
tod II 3", 15
Schepp vat' bestu my |1 vn ich dy gebereriu
&c.
Owe kind 1| dine wäge sint 1| dy ßogar vorbleche?^
Äl dy macht || vn dy kraf || ez dir ßo gar entweche
25 Owe tod i| dusse nod |i matstu volenden 3^, 20
Daz ^ vö dir 1| biß her czu mir H dine böte sendest
V frowe vii ir mä
41 i'amos] der erste buchstahc ist xwelfelhaft; er sieht mehr wie 7 = et aus.
2'', 5 Lies wol Neyge diuer czelliche (= zeigen) gavm; n-as aber gavm
bedeutet, ist mir unklar. Im übrigen rcjl. Bordesholmer marienld. 734. Liehten-
taler marienkl. 91. Böhm, niarienkl. (Schönbach s. 58) 145. 14 Ergänze du
nach Daz. 17 Lies lebii. 20 fg. = versikel XV bei Schönbach s. 4. 23 fg.
= versikel V, ebenda s.S. 25 fg. = versikel VIL ebenda s. 3. 27 — 30 Vgl.
Präger Marienkl. (Schönbach s. 65) 65 fgg.
HIMMELGARTXER BRUCHSTÜCKE 4Ö1
Svd myues libes kiudes tod an
Yfi helffet my clage my leyd 3", 25
30 Daz trage myt grosßer bettherkeyd
& v'tit se ad c''ce dicens
3^
Dinen ast noch myn' beger = 2'', 6
Vnd erbarme dich in myn' sw'e
Nu sich dy lüte in solch' schiebt
Ober mich woln erbarme nicht
5 In disser bitterlichü not 2'', 10
Ach kn du blöde tot
Wy läge wiltu forchtin mich
In disser not deß frage ich dich
Daz du nicht nemest balde
10 lo ist daz licht my salde
lem'lichin vorlossin gar
Deß muß ich lehn trostes bar
Vff erdin vnd ruwe tribe
So lange daz ich tot blybe ff
15 Großer clage ist mir not |1 owe lege ich vor 2\ 20
tot II schepp' vat' bistu my || vnd ich dl gehereriii
rOwe kint 1| dine wangin sint || dir ßo gar
\Owe tod II disse not || machstu 2", 25
fvorblichn || AI din macht || Vnd dm craft
20 \volendin || daz du von dir 1| hiß her cxu mir
iis dir so gar entwechin
\Dinen boten seyndest
I frouwen vnd y man
Sit mynes libin kindes tod an
25 Yüd helfft my clagin my l&id
Daz ich trage mit grosßer bitterkeit 2*^, 30
v'tit se ad c^cem.
3^
Alßo he gesprochn hat
Sal kome nümer von disser stad
Ich wil alhy blibin legen
Ynd ouch myne geyst uff gebin ff.
30 Ergänze ich. nach Daz.
3% 9 niclit] mich 2''. 16 Xach schepp' ein bis xicei biiclistaben aus-
gestrichen.
ZEITSCURIfT F. DEUTSCHK PHILOLOGIE. BD. XXI. " 2o
402 SIEVERS
5 Ma'ia veit ad c'^ce cätas fagit (?)
Ifans int' cater'
Eya hochgelobete gotheyt
Ich mane dich diner barh'cikeyt
Die du von alder wan her
10 Äzst gezalt T foller ger
Czu vnsßen vetern mächin tag
Abraham vnd ysaac
lacob vnd dauid
Dy du hast in disßer czit
15 Von grossen sorgen erlost
Eya veterliche trost
Vil truelich ich dich man
Ob ich genode van dir han
Alßo der engel czu my sprach
20 Du he my dy herschafft gach
Daz ich muter sulde werde
Dmes kindes hy uff erdin
«So thu my herre genode schyn
Ynd korcze nu mye pin
25 Ynd my grosße h*czeleyt
Eya du godes myldikeyt
mit vorholn
gute daz vor doln
30 grosße smercze ti-age
ist daz my clage
ge vorweysset bin
e ich hen
ich leyd* nyman
35 Lihe ome iohan
erbarme ober mich
got ich bethe dich
it"
Owe tod wy bistu so gar vorczaget
Daz du schonest eyii arme maget
3^, 27 Oder nut.
4% 1 — 7 Vgl. Unser vrouwen klage 734 f gg. Böhm. Marienkl. 163 f gg.
Wolfenb. Marienkl. 28 fgg. Pichler s. 22.
HBIMELCtäRTNER BRUCHSTÜCKE 403
Nu sich an myes jömerß pin
5 Vnd zciibrich daz hercze my
Ynd gib mii* keyn'ley Mst
Wen my geist gar s'e gekreked ist
tfc v'tit se ad cruce
H'e vater ihü crist
10 mynes herczen trost du bist
Eya übe son my
4^
Ach übe kind my
Din scharffe crone ist my pin
Dy haupt ist geneyget in tod
Dyne wunde brenge my grosße nod
5 Owe iämer vn nod
Ouch sind dine owe vo bluthe rod
Ach übe kind mochte eß sin
Daz my der tod ne my j?yn
Et vertu se ad ppl'm
5^
Dine wüden brengen my grosße nod
Owe iom' ynd not
Ouch sint dine ouwen von bkite rod.
Ach übe kint mochte ez sin
5 Daz my der tot neyme mye pin
Et facit q'^i cad'e veüt
lohänes übe früt my
Gedencke an daz h'cze my
Daz ist alkranh vnd iem'üch
10 Er sal num' werden seüch
Ich sy den myne hern
In alßo grossen ern
5\
Erlosß Ä're vnß uß aüer not
Czu les — orme ende
Dy myn endende
Met truwen hüte sin an
9 fg. Vgl. Böhm. Marienkl. 139 fy.
4^, 1—8 Vgl. Böhm. Marienkl. 107^116.
5% 6 Vgl. Alsfelder passionssp. s. 204.
26*
404 HAMBURGER
5 Alle dy my dy bestan
Thu OD din genode schyn
Met die in dem riclie din. ff
&c.
Eya liben frii;ide myn
10 Daz ir aelig must sin
loseph vnd Mcodeme
Der truwe wil nüm' me
5*^, 5 my] lies myt
HALLE A. S., 14. SEPT. 1888. E. SIEVERS.
DEE DICHTEE DES JIWGEEEISr TITUEEL.
K. Spiller komt in seiner abhandlung „Albreclit von Scharfen-
berg und der dichter des jÜDgern Titurel" (Zs. f. d. a. 27, 158 fgg.)
zu dem ergebnis, dass Ulrich Füetrer keineswegs, wie man bisher,
in der tat ohne gehörige begründung, angenommen hatte, Albrecht
von Scharfeuberg als den dichter des jüngeren Titurel bezeichne,
sondern vielmehr gleich seinem älteren freunde und lehrer Jacob
Pütrich (vgl. Spiller „Studien über Ulrich Füetrer" Zs.. f. d. a. 27,
278 fgg.) die autorschaft des jüngeren Titurel AVolfram zuschreibe;
dass die Identität Albrechts von Scharfeuberg, den Füetrer ausdrück-
lich als den autor der vorlagen seines „Merlin" und „Seifrid von
Ardemont" citiert, mit Albrecht, dem Verfasser des jüngeren Titu-
rel, auch aus materiellen gründen entschieden abzulehnen und jener
Albrecht von Scharfeuberg einer späteren zeit zuzuweisen sei.
Ich verschiebe bei einer erpeuten prüfung der Sachlage und der
von Spüler für seine ansieht geltend gemachten gründe die behandlung
von Füetrers beziehung auf Wolfram bei der beschreibung des dem
jüngeren Titurel entnommenen grossen turniers auf Floritschanz bis zum
Schlüsse und knüpfe meine betrachtungen an einen anderen ausgangs-
punkt an.
Im laufe seiner Untersuchung erörtert Spiller auch die frage
(s. 160 fgg.), ob unter „fraw eren hof'', als dessen Verfasser Füetrer den
Albrecht von Scharfeuberg mit werten hohen lobes nent, der jüngere
Titurel verstanden werden könne; er gibt, unter anführung einer reihe
von belegen, die möglichkeit, ja das „verlockende" einer solchen auf-
fassung selbst zu; und dabei hat er noch übersehen, dass der abschnitt
DER DICHTER DES JUNG. TITUKEL 405
Füetrers, welcher den hinweis auf den „Ehrenhof" Albrechts von Schar-
fenberg enthält, seine genaue parallele im jüngeren Titurel hat und
dorther eine, wie mir scheint, unzweideutige beleuchtung empfängt.
Nach Schionatulanders tode zieht Füetrer (35", 4fgg.) mit bitteren
werten die frau Minne wegen des frühen endes seines beiden zur
rechenschaft, worauf die angegriffene eine derbe entgegnung nicht
schuldig bleibt, in deren verlaufe sie Schionatulander selbst in folgen-
den auch von Spiller citierten Strophen für das unheil, das ihn getrof-
fen, verantwortlich macht:
Hö7', lieher, ich ivil dich fragen
auf dein pestte gewissen,
Vnnd thue mir auch recht sagen
Vnd pis der warhait auch gen mir geflissen,
5 du hast gelesen fraiv eren hof den schönevi,
den her Albrecht vo?i scharffenberg
thuet mit chunst vnd tvortten so hohe krönen.
Drin Jiastu, gauch verbassen,
dir glesen dick genueg
10 dy artt von rechter masscn,
We7in gar zu vil ist aller fueg vnfueg.
chainr mass ivollt nye penüegen den vil heren,
darumbe von vnmasse
tett sich die mass zu vnmass auch verkeren.
15 Was das nicht vbermasse
dortt mit den Galiothen
Vnd aus der weishait Strasse
allain zu streitten so mit mengen rotten?
Ein starcken kiel mag mayi auf wassers vnnde
20 Mit vnmaß so peladen,
das er mueß sincken von vnmaß gar zu gründe.
Im jüngeren Titurel finden wir aus demselben anlass, nur unmit-
telbar vor Schionatulanders unglücklichem Zweikampf mit Orilus, ein
Zwiegespräch des dichters mit frau Abenteuer eingefügt, dessen für
uns wichtige stellen ich heraushebe (Alter druck blatt 246, Hahn str.
5019 fgg.)i:
1) Ich gebe den text der aus dem jüngeren Titurel citierten Strophen nach der
Fernberger-Dietrichsteinschen pergamenthandschrift (A- bei Zarncke, Der graltempel,
abschritt von Büsching auf der kgl. und universitäts - bibliothek zu Breslau) und dem
druck von 1477 (E^), welche (vgl. Zarncke) derselben Überlieferungsgruppe angehören
406 HAMBURGER
Owe, frou äventiure, Hahn 5019.
ir möht uns dirre mcere hä?i gefriet!
„Dax kan sich ?iiht gef Hegen, 5020.
daz reht mich dar zuo bindet.
durch daz in sol genüegen,
ob sich gelilck noch iemans under windet,
daz er niht gar dar üf ze vil sol borgen
ze verre sunder mäze:
ez wetzet hin, der ez niht kan besorgen
Und lüisen rät verhandelt" 5021.
Owe, frou äventiure, 5024.
waz ivelt ir an im rechen,
der iu so manege stiure
an prtse ie kimd i?i manegen landen zechen,
des iu kein äventiure kan genözen?
sin schade ist ivol ge fliege:
an prtse ir tuot iu selben schaden grözeti.
Er kan ouch ivol unmäze 5026.
an disen dingen fniden.
soll er nu widersäze
gein Orilus mit zagen vorhte liden.
Des möht ir selbe für uns alle spotten:
tat alle sine tvirde,
gedenket niur al ein der GaUotten!
Hier macht str. 5020 die Abenteuer dem Schionatulander indirekt
den Vorwurf, dass er nicht mass zu halten verstanden habe, und str. 5026
nimt ihn der dichter für den bestimten fall des bevorstehenden Zwei-
kampfes gegen die beschuldigung der unmäze in schütz: das stimt
durchaus zu einer früheren stelle des jüngeren Titurel, in welcher der
dichter selbst Schionatulander der unmäxe als einzigen fehlers bezichtigt
(Alter druck blatt 173, Halm 3515 fgg.):
nud im wesentlichen übereiiistimmnng zeigen, indem ich nur bei offenbaren fehlem
und zweifelhaften stellen auch auf die Wiener pergameuthandschrift 2675 (A ^ Zarncke,
abschrift von Schottky in Breslau) mid Hahns abdruck der Heidelberger pergameut-
handschrift 383 (B *) zimickgreife. Der grund hiefür wird aus dem s. 410 bemerkten
ersichtlich. — Der alte druck und A - haben eine gestörte strophenfolge : sie schieben
5031 — 34 zwischen 5019 und 5020, wodurch der Zusammenhang sowol im gespräch
des dichters mit frau Abenteuer wie auch im bcricht von Sehionatulanders ende
unterbrochen wird.
a]
1.
DER DICHTER DES JUNG. TITUREL 407
Gamuret dem jungen Hahn 3515.
ist hie diu äventiure
xe dem hoehsten lobe ensprungen,
also daz nie kein ritter so gehiure
ivart, den man geiti äventiur kan mexzen:
danne ot niur ein kleine,
dar an er künde leider sich vergexxen,
86 daz i7i niht genüegen 3516.
kund der rehten 7näze.
daz ka?i ivol schaden fliegen
und künde ouch ie, doch tvas er üf der strdxe
niht des nides noch der ühermüete:
ze liebe der hohen eren
pflac er ein teil u?imäze in rehter güete.
Von edelkeit des gräles 3517.
und von angebornem künne
so ivas im sunder tiväles
Sigüne ein spilndiu meien herzemvünne.
da von daz er ir tvirdekeit erkande,
des kund in nie genüegen,
swie hoch er trüege den prts in allem lande
Dem iverden ceheim sine 3519.
verlos gemach stn eilen:
von übermäze pine
und unbesihte künde leider vellen
disen werden edlen hoch gehiure.
stn höhez prts erwerben
nani von Ithten dinge7i schumphentiure.
Durch daz so „Miete der verte!" 3520.
stuont an dem bracken seile,
ez si lind oder herte.
daz übersach er gar, dem ez xe unheile
diu reine kläre ju7ige da, was lesende
Die verse Füetrers, in welchen er die Minne als Ursache für
Schionatiüanders unglück dessen unmäxe angeben lässt, sind also, wie
sich nunmehr mit Sicherheit ergibt, so zu interpretieren: Wilst du die
wahre schuld Schionatulanders erfahren, so schlage nur im Ehrenhof
Albrechts von Scharfenberg nach, den du so oft gelesen hast: dort
408 HAMBURGER
steht klar und deutlich geschrieben, dass diese seine schuld in der
unmäxe bestanden hat. Die Verweisung auf den eren hof aber führt
mit notwendigkeit auf die ausgehobenen abschnitte des jüngeren Titu-
rel. — In ähnlicher Situation schiebt bei Füetrer S*", 6 die Minne die
schuld für Anfortas Verwundung darauf, dass er um die verlobte eines
anderen geworben hätte: diese auffassung entstamt gleichfals dem jün-
geren Titurel (1733 fgg.). — Die beweiskraft der für Füetrer vorbildlichen
Strophen jung. Tit. 5019 fgg. in Verbindung mit 3515 fgg. wird noch
durch eine einzelheit erhöht: der dichter des jüngeren Titurel sagt 5026:
„in dem kämpfe Schionatulanders mit Orilus kann keine unmdze lie-
gen: vor diesem gegner brauchte er sich wahrlich nicht zu fürchten;
es genügt zum beweise hiefür nur an die Galiotten zu erinnern." Die
Galiothen nun finden sich auch bei Füetrer 35", 2 wider in einer ganz
verständlichen und offenbaren Weiterentwicklung jenes gedankens: darin
eben zeigte sich Schionatulanders vhermasse, als er allein gegen die
Galiothen stritt. Auch die beiden im jüngeren Titurel vorkommenden
ausdrücke iinmdxe und übermäze werden von Füetrer (oben s. 405
z. 14. 15) verwendet; und überdies hat Füetrer 35'', 1 in dem verse
chainr mass tvollt nye penüeyen den vil heren beinahe wörtlich die
entsprechende wendung des jüngeren Titurel entlehnt: 3516 so da% in
niM genüegen kund der rehten mäxe. Die beziehung Füetrers auf
den jüngeren Titurel wird somit als erwiesen zugestanden werden müs-
sen; demnach ist der Ehrenhof identisch mit dem jüngeren
Titurel und Albrecht von Scharfenberg als Verfasser dessel-
ben von Füetrer anerkant.
An einer anderen stelle, an Avelcher Füetrer unzweifelhaft auf den
jüngeren Titurel bezug nimt, nent er gleichfals nicht Wolfram als
seinen gewährsmann, freilich auch nicht Albrecht von Scharfenberg,
sondern Mörlin. Und dieser mystische Mörlin wird noch einmal von
Füetrer angezogen, als zeuge für die herlichkeit des graltempels. Beide
stellen sind von Spiller s. 164 citiert und behandelt: seine bemerkung
darüber vermag ich nicht für ausreichend zu halten.
Im zweiten citat, in dem es sich um den graltempel handelt:
Mörlin thuet die ding vns lautier chunde;
Der das nicht gelaubeji wollte,
In Mörlin Titui^el ers geschriben fiinde.
wird die Verbindung in Mörlin Titurel unter anführung einer reihe
von ähnlichen beispielen als gleichbedeutend mit Mörlin und Titurel
erklärt. Sehen wir uns die worte einmal genauer an. Mörlin wird
genant neben Kyot, der einfach aus dem Parzival und jüngeren Titurel
DER DICHTER DES JUNG. TITUREL 409
herübergenommen ist, und Wolfram, der unbestritten ersten autorität
auf dem gebiete der graldichtung i ; Mörliri muss also einen autor
bezeichnen, wie er auch in der ersten stelle als solcher erscheint.
Düi'fen wir nun annehmen, dass Mörlin einmal den namen eines
autors und in der darauf folgenden zeile den namen eines dichtwerks
darstelt? zumal der verweis auf das dichtwerk ganz unverständlich
wäre, da in demselben nirgend von dem bau des graltempels die rede
ist. Ich halte deshalb in der Verbindung in Mörlin Titurel Mörlin
für den genetiv, und so sehen wir, wie in jenem ersten citat, Mörlin
auch hier als dichter des jüngeren Titurel; der jüngere Titurel aber ist
identisch mit dem von Füetrer an anderer stelle fraw eren hof betitel-
ten werke und Mörlin demnach identisch mit Albrecht von Scharfen-
berg; die doppelte benennung desselben werks kann nicht weiter auf-
fallen, besonders da die bezeichnung „Ehrenhof" dem Inhalt besser
entspricht als die gang und gäbe „Titurel" und überdies an jener stelle
mit bedeutimg und nachdruck gebraucht ist. So vorstehen wir auch,
dass auf Mörlins zeugnis das hauptgewicht gelegt wird. — Nun weist
Füetrer dem Albrecht von Scharfenberg ausckücklich die autorschaft der
vorläge seiner Merlin dichtung zu: imi für die einführung Scharfenbergs
unter der maske Merlins ein motiv zu gewinnen, vermute ich, dass
Scharfenberg in dieser Merlindichtung dem Merlin selbst die erzählung
seiner geschichte in den mmid gelegt hat, ähnlich wie ihn der franzö-
sische roman seine Schicksale dem maitre Blaise berichten lässt, ja dass
er vielleicht sich direkt für Merlin ausgegeben hat, wie er sich im
jüngeren Titurel häufig genug für Wolfram von Eschenbach ausgibt: so
konte Füetrer leicht auf den gedanken kommen, ihn unter dem Pseu-
donym Merlin, das er sich in dem einen werke beüegt, auch für das
andere werk zu eitleren, natürlich zu dem von Spiller aufgeführten
zwecke Interesse zu erregen.
Es wäre ohnehin merkwürdig, wenn Füetrer bei seiner genauen
kentnis des jüngeren Titurel nicht die stellen, an welchen der dichter
die Verkleidung abwirft und die an deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig lassen, solte mit Verständnis gelesen haben"-; auch konte er sehi
wol besser unterrichtet sein als noch 1462 Pütrich, der im Ehrenbrief
str. 101 (Haupts ztschr. 6, 50) auch den Lohengrin Wolfram zuweist;
1) Auch, lag eiae Verwechslung des graltempels mit dem gralschlosse nahe.
2) Spiller sagt selbst s. 164: „auch kann Füetrer den jungem Titurel unmög-
lich als von Merlin verfasst angesehen haben, denn die vielen stellen, wo sich der
dichter ich Wolfram nent, musten ihm ja bekant sein." Warum nicht auch die
wenigen, wo er sich als einen anderen zu erkennen gibt?
410
HAMBURGER
unter den 30 Titurelen, die Pütrich nach eigener angäbe (str. 142)
gesehen, der hhainer iiit icas rechte , sind gewiss viele lückenhafte gewe-
sen, die namentlich die autorfrage verwischten, vielleicht auch ein-
zelne,' die nur die echten Wolframschen bruchstücke enthielten. Es
läge nahe zu vermuten, dass Füetrer für sein werk, das nach Spiller
(Zs. f. d. a. 27, 266) nach 1487 abgefasst ist^, den druck von 1477
benüzt haben mag; dagegen sprechen jedoch ab weichungen in einigen
namensformen: so hat der druck durchgängig Grahordis , Füetrer Gra-
Imrtxoys^^ ; sicherlich aber folgt er einer vorläge, die derjenigen gruppe
der Überlieferung, zu welcher auch der alte druck gehört, zuzuweisen
ist (vgl. Zarncke, Der graltempel s. 7 fgg.), da er in den späteren par-
tieen des werks öfter Strophen verarbeitet, die in der Überlieferung der
anderen gruppe fehlen^; an einigen stellen hat es sogar den anschein,
als hätte er eine noch reichere Überlieferung vor sich gehabt als sie
im alten druck niedergelegt ist. Auch konte ihm leicht die bis auf
einige von S. Boisseree (Abhandlungen der philosoph. - philolog. klasse
der kgl. bair. akademie der Wissenschaften I s. 384 fgg.) abgedruckte
bruchstücke verloren gegangene Widmung des jüngeren Titurel an her-
zog Ludwig den Strengen von Baiern bekant gewesen sein. Gerade in
einer jener Strophen (5028), auf welche Füetrer sich als dem Ehrenhof
Albrechts von Scharfenberg zugehörig bezieht, wird der Verfasser des
jüngeren Titurel von der frau Abenteuer friiint von BUenvelden ange-
redet und Füetrer liess sich dadurch nicht irre machen!
Spillers bemerkung (vgl. s. 160 und anm.), dass Füetrer in der
Übersicht über die bedeutendsten dichter, die er im Lanzelot gibt,
Albrecht von Scharfenberg gar nicht erwähnt, ist meines erachtens
unrichtig: ich glaube, dass die von ihm citierten verse so auszu-
legen sind:
Ruedoll (von Ems), zr/rr?^ (von Grafenberg) ^7^fZ (Heinrich) vom Tüiiin,
her Albrecht (von Scharfenberg) 2ca7ii benetxet mit kunsten taive.
1) Als terminus ad quem sezt Sijiller das Jahr 1508 an; ein fiüherer Zeitpunkt
wäre gewonnen, wenn in den Ztschr. f. d. a. 29, 434 anm. 3 citierten Denkwürdig-
keiten des Ludwig v. Eyb (f 1502) wirklich unser Füetrer citiert wäre. Allein der
autor, der bereits vorher „einen poeten" angezogen hat und dann fortfährt: es schreibt
auch furter der poef, kann, wie mir Edw. Schröder jezt mündlich zugibt, sehr wol
den gleichen ungenauten poeten meinen, den er nun „fürder", noch weiterhin citiert.
Bei Eüetrer habe ich das citat nicht ermitteln können. 2) A' hat die form Graharxois.
3) Das bestätigen auch anderweitige merkmale: so scheint es mir z. b. beach-
tenswert, dass Füetrer 44'', 4 in der 2. und 4. zeile dieselben reimworte, nur in
umgekehrter folge, hat wie A- und der alte druck in der entsprechenden Strophe
{lassen : Strassen) während A ^ und B ^ (Hahn 5G97) abweichende reime bieten.
DER DICHTER DES JUNG. TITUREL 411
Auch die weiteren gründe, welche Spiller für seine meinung ans
einer vergleichung des jüngeren Titnrel mit den beiden von Füetrer
Scharfenberg zugeschriebenen und nur in seiner Überarbeitung erhal-
tenen dichtungen, dem Merlin und dem Seifrid von Ardemont her-
ninit, scheinen mir nicht stichhaltig.
1. Seifrid von Ardemont. Die compositionsweise des Seifrid, des-
sen Verfasser nach Spiller s. 176 „deutsche dichtungen benuzte und im
übrigen seine phantasie ft-ei walten liess" hat immerhin viel mehr
ähnlichkeit mit der des jüngeren Titurel als mit der des Merlin, der
durchweg aus französischer quelle geflossen ist, so dass ich nicht ein-
sehe, weshalb derselbe mann, der werke so verschiedeneu Charakters
wie den Seifrid und den Merlin verfasst hat, nicht auch solte den jün-
geren Titurel verfasst haben können. Häufung von abenteuern finden
wir z. b. schon in der, allerdings auf französischer vorläge beruhenden,
Krone (um 1220): sie ist also in der zweiten hälfte des 13. Jahrhun-
derts um so eher denkbar (ich nehme demnach an, dass der Meleranz
aus dem Seifrid schöpft); wer weiss überdies, welchen umfang der Sei-
frid in seiner ursprünglichen gestalt gehabt haben mag? Ebenso kann
ich den von Spiller s. 178 vorgebrachten einzelheiten keine bedeutung
beimessen; das gemeinsame vorkommen der namen Tennis und Piti-
mont im Seifrid und im jüngeren Titurel scheint mir eher für eine
gemeinsamkeit der Verfasser als für das gegenteil zu sprechen; und die
abweichung betrefs des verwantschaftsverhältnisses der Albaflore zu Flor-
dibintx, („im jüngeren Titurel 5704 ist Albaflore die gemahhn Flordi-
bintzes, während seine tochter Floramie heisst; bei Scharfenberg ist
Albaflore So" 1 Flordaivinses jMreti'^} fält nicht schwer ins gewicht, da
ein derartiges versehen, namentlich bei der ähnlichkeit der mit flor
zusammengesezten namen, Albrecht passiert, sehr wohl aber auch Füe-
trer in die schuhe zu schieben sein kann.i Spiller erwähnt s. 176
„die vielfachen anlehnuugen an die deutsche heldensage" und die
benutzung des Herzog Ernst im Seifrid; beides findet sich auch im
jüngeren Titurel: anspielungen auf die heldensage 1710. 3312. 3355;
beziehungen auf die Ernstsage 5996 fgg. (Magnetberg, Greifen, Leber-
meer), auch 5448 (Lebermeer). Für ein motiv des Seifrid führt Spiller
selbst s. 176 parallelstellen aus dem jüngeren Titurel an; s. 177 ver-
weist er auf die benutzung des Parzival; die weiteren s. 177 bespro-
1) So spricht Füetrer 2", 7 von Kyoth dem Tcinijmnte/re, vgl. 25*=, 3 von
Tampuntcir Sigune, während Tampimteire der name von Condwiramui's vater ist;
26", 1 nent er einen helden tlicsariel, während dies der name seines landes ist
jung. Tit. 1314. 16).
412 HAMBURaER
ebenen motive können, wenn wir überhaupt nacb einer vorläge sucben
wollen, einfacb aus Albrecbts kentnis der Lobengrinsage berv orgegan-
gen sein, die er im jüngeren Titurel ausbeutet. Ich sebe demnacb kein
hindernis für die annähme der Identität des Verfassers des Seifrid mit
dem des jüngeren Titurel.
2. Merlin. Dass die berufungen auf Caesarius, Albertus Magnus,
Trotula und Gilbertus in Füetrers Merlin direkt von Füetrer stammen,
haben die nacbweisungen Spillers s. 166 fg. allerdings im höchsten
grade wahrscheinlich gemacht; doch sei erwähnt, dass im jüngeren Ti-
turel eine schrift des Albertus Magnus benuzt ist, vgl. Boisseree a. a. o.
s. 346; Zarncke, Der graltempel s. 111 fg. Auffällig bleibt immerhin, dass
sich Füetrer hätte bemüssigt fühlen sollen, sich unter bezugnahme auf
jene gewährsmäuner gegen den Vorwurf, er wolle fidein kathoUcam
gröblich perawben, aus freien stücken zu verteidigen; das anstoss erre-
gende moment kann nur die wunderbare erzeugung Merlins, die bewäl-
tigung einer reinen Jungfrau durch den teufel, sein; er fand ja aber
den Stoff bereits in einer gewiss geschäzten dichtmig vor, und so lässt
sich für ihn kaum eine veranlassung zur Verteidigung denken, während
eine solche apologie weit natürlicher demjenigen zukommen würde, der
die Merlinsage zuerst auf deutschen boden verpflanzte, und ausserdem
vortreflich zu der überal hervorbrechenden streng kirchlichen gesinnung
des Verfassers des jüngeren Titurel stimt. Im jüngeren Titurel ist gele-
gentlich ausdrücklich betont (Hahn 5595 fg. und in einer bei Hahn
fehlenden, im alten druck unmittelbar vorhergehenden strophe, auch
von Füetrer 43*^, 8 übernommen), dass der teufel über die reinen
keine gewalt habe, also mochte der gleiche dichter im Merlin wol
anlass fühlen einen fall zu entschuldigen, der dieser auffassung zu
widersprechen schien. Vielleicht ist wenigstens der anlass zu der
rechtfertigung sowie die ganze quellenerörterung, welche den eingang
des Merlin bildet, doch nicht der initiative Füetrers, sondern Schar-
fenberg zuzuweisen: Spiller bemerkt selbst s. 166, dass das gelehrte
eitleren einzelner werke als Zeugnisse für die Wahrheit der erzäblung
bei Füetrer ganz vereinzelt dasteht; bei dem gern mit seiner gelehr-
samkeit prunkenden Verfasser des jimgeren Titurel kann sie dagegen
nicht auffallen, da ihm ja die Historia regum Britaniiiae des Gottfried
von Monmouth unzweifelhaft bekant war (s. unten s. 415).
Die weglassung des Vorspiels in der hölle, über welche sich Spil-
ler s. 167 fg. äussert, spricht, auch wenn wir weder die französische
vorläge noch Füetrer dafür verantwortlich machen, keineswegs gegen
die Identität Scharfenbergs mit dem Verfasser des jüngeren Titurel;
DER DICHTER DES JUNG. TITUREL 413
vielmehr konte dieser in dem plane des teufeis, gott nachzuäffen durch
die erzeugung eines sohnes gleich der Christi, sehr wol einen anstoss
finden, zumal da sich ja noch Füetrer (nach Scharfenbergs Vorgänge?)
veranlasst sieht, sich trotz dieser weglassung seines Stoffes wegen gewis-
sermassen zu entschuldigen. Es bleibt überhaupt unklar, weshalb Spil-
ler als vorläge Scharfenbergs durchaus einen Merlin ansetzen will, in
welchen die geschichte Josephs von Arimathia hineininterpoliert worden
ist: „dem deutschen bearbeiter, Albrecht von Scharfenberg, diese Inter-
polation zuzuschreiben, würde gewiss gegen die Wahrscheinlichkeit Ver-
stössen." Warum denn? Im gegen teil: diese compositionsweise hätte
ähnlichkeit mit der für den jüngeren Titurel beliebten. Im übrigen
verrät, wie schon Birch- Hirschfeld, Die sage vom Gral s. 289 bemerkt
hat^, der dichter des jüngeren Titurel bekan tschaft mit der franzö-
sischen grallegende (vgl. str. 6173. 76), allerdings in einer form, die
auf keine bestimte quelle schliessen lässt. Allein die einführung Vespa-
sians im anfang des jüngeren Titurel scheint auf einer kentnis des
Grand Saint Gral (oder des sog. Kleinen St. Gral) zu beruhen. J^ach
dem Grossen St. Gral nun hat Scharfenberg die erlebnisse Josephs und
die gründung der tafeirunde in seinem Merlin berichtet; wii- finden
Übereinstimmung im gang der ereignisse, eine Übereinstimmung, die
sich zuweilen auch bis ins einzelnste erstreckt: so erinnert das ver-
sprechen Eualets Joseph gegenüber, christ zu werden, wenn ihm Chri-
1) Birch -Hirschfeld will dies moment füi' die nichtexistenz Kiots geltend
machen; allein seine ausführungen sind nicht im mindesten stichhaltig. Freilich halte
auch ich es für wahrscheinlich, dass Albrecht Kiot selbst nicht vor sich gehabt,
sondern seinen namen einfach aus Wolfram herübergenommen hat: ein schluss auf
"WoKrams quelle lässt sich doch aber daraus nicht wol ziehen. Die von Birch -
Hirschfeld geäusserte Vermutung einer in Deutschland verbreiteten mündhchen über-
heferang, welche von vornherein recht unwahrscheinlich ist, stelt sich als ganz
hinfällig heraus, wenn wir in dem dichter des jüngeren Titurel zugleich den des
deutschen Merlin erblicken dürfen. Wir haben den wenig auffallenden Vorgang, dass
der äusserst belesene Verfasser von dieser seiner belesenheit gebrauch macht; und er
tut es nicht „im widersprucli mit seiner quelle ", worunter Wolfram zu verstehen
ist, sondeiTi er versucht vielniehi', ganz „der ängstliche nachahmer'-, die kentnis,
die er anderswoher sich erworben, so gut es geht mit den angaben seines meisters
in einklang zu bringen. Die erscheiuung, dass Älbrecht hier aus einer quelle schöpft,
die Wolfram nicht kent, ist nichts weniger als befremdlich: denn der jüngere Titurel
beruht dui'chaus nicht nui- auf Verarbeitung von Wolframs Parzival und Titurel, nach-
ahmung des Willehalm und eigener ei-findung des dichters. Füi- einen bedeutungs-
vollen abschnitt am ende des werks hat Zarncke, Priester Johannes I, 142 fgg. (vgl.
auch Bartsch, Germania YII, 271 fgg.) die quelle nachgewiesen, und von eutlehnungen
aus Gottfried von Monmouth wird sogleich die rede sein.
414 HAMBURGER
stus in der schlacht beistände, selbst in der fassimg Füetrers 21'', 1
stark an den betreffenden abschnitt des Gr. St. Gral, vgl. Hucherll, 214;
auch dass der könig nach seiner taufe die götzenbilder zerbrechen lässt,
Füetrer 2P, 7, mahnt an den Gr. St. Gral, Hucherll, 294; bei Füetrer
führt der könig eine fahne mit einem roten kreuz ins feld, im Gr. St.
Gral ist das kreuz auf des königs schild angebracht: diese kleine Ver-
schiedenheit lässt sich vielleicht aus einem misverständnis der werte
des Gr. St. Gral herleiten: es heisst nämlich II, 214: ,,Roys, dist
Josephes, or ejitendes dont que vous feres: faites-moi aporter vostre
esmi.'' Et ü li fait aporter. Et qucmt il fu aportes, si demanda
Josephe wie pieche de drap viermeü moult rice de drap de soie, et
Josephe prist le drap, si en trencha et en fist une crois qui bien
eut un piet de Jone et demi inet de let, si le traist desus les etiarmes
en l'escu, et Vatacha moidt hien ä claus menus: Scharfenberg, der
den französischen text vielleicht nicht alzu genau studierte, mag den
Zusammenhang des drap de soie mit dem escu übersehen haben ^. Die
abweichungen dagegen sind ohne belang. Nur dürfen wir bei einer
betrachtung der gestalt, in welcher uns die legende von Joseph von
Arimathia von Füetrer überliefert ist, nicht vergessen, dass wir erst
eine verkürzte Überarbeitung der deutschen Übertragung des franzö-
sischen textes vor uns haben; und gerade in diesem abschnitt macht
sich der auszughaft dürftige Charakter von Füetrers darstellung beson-
ders stark geltend. — Dagegen scheint der dichter des jüngeren Titurel
den roman von Merlin nicht gekant zu haben-; wenigstens wird Merlin
1) 21^, 5 sagt Füetrer von dem sitze au der tafelmnde, welcher frei bleiben
soll: des ucirclt der sorgidich scsse diser sitz fortt gchaissen. Nach Bii"ch-Hirscli-
feld s. 189 fg. findet sich eine ähnliche bezeichnung nur in der Queste du Saint Gral:
siege perilleux. Wir haben hier einen terminus technicus, den Füetrers ausdruck
übersezt; wenn wir nicht eine bekantschaft Scharfenbergs mit der Queste annehmen
wollen, wozu sonst keine nötigung vorliegt, so werden wir ohne jedes bedenken uns
zu der ansieht bekennen können, dass Füetrer diese bezeichnung aus eigener kentnis
des franz. werkes eingefügt hat.
2) Strophe 4612 des jüngeren Titurel zeigt, dass der dichter auch noch von
anderen gedichten, die von Artus mutter handeln, kentnis hatte: er wendet sich
gegen diejenigen, welche sie freiwillig durch i:)faffen liebe geflohen sein lassen, denn
gegen ihren willen habe Klingsor sie entführt. Diese Zurückweisung fülirt uns deut-
lich auf verhältDisse, wie sie Heinrich von dem Türlin Krone 8305 fgg. 13035 fgg.
13182 fgg. 13570 fgg. 20360 fgg. 23706 fgg. 25736 fgg. berührt: Igern hat sich, frei-
lich erst nach Uterj^andragons tode, mit Gansguoter, der 8308. 13025 fgg. ausdiück-
lich als pfaffe bezeichnet ist, vermählt, nachdem er durch fiedelspiel ihr herz gewon-
nen. Ob Albrecht Heinnch selbst oder andere quellen im äuge hat, wird schwer zu
entscheiden sein. Für die annähme, dass er an andere gcschichten von Arnive
DER DICHTER DES JTNG. TITUREL 415
von ihm nie erwähnt; er folgt in seinem berichte von der liebe Uter-
pandragons zu Arnive = Igerna dem Grottfried von Monmoiith (vgl.
Spiller s. 169 1), der ihm auch sonst zur quelle dient: der kämpf Artus
mit kaiser Lucius von Eom jung. Tit. 4551 fgg. ist .aus Gottfrieds Histo-
ria IX, 15 — X, 12, ausg. von San-Marte s. 135 — 154, geschöpft;
ebenso gehen die an sich ziemlich unverständlichen notizen jung. Tit.
4555 fg. deutlich auf die von Gottfried V, kap. 7 — 8, s. 65 — 66 berich-
teten Verhältnisse zurück. Die Verschiedenheit der genealogie (Spiller
s. 169 fg.) kann also nicht wunder nehmen, da der dichter für den
Titurel und für den Merlin ganz verscliiedene vorlagen benuzt hat.
Dass aber ein dichter, der in einem früheren werke gelegentlich einer
bestimten quelle gefolgt ist, in einem späteren werke, das dieselben
dinge in extenso nach einer ganz anderen vorläge behandelt, gezwungen
sein solte, sich deshalb von seiner vorläge zu entfernen, kann ich nicht
zugeben: dies Verhältnis unterstüzt jedoch die annähme eines ähnlichen
eingangs des Scharfenbergschen Merün , wie ihn Füetrer uns darbietet.
Weshalb freilich Scharfenberg in seiner Merlin dichtung die genea-
logie Merlins gegenüber dem französischen roman geändert hat, bleibt
zweifelhaft ; vielleicht wolte er Merlins persönlichkeit noch dadurch heben,
dass er ihn zu einem spross des britannischen königshauses macht;
vgl. auch Spillers bemerkung darüber s. 170.
Einige weitere anzeichen, welche für die Identität des Verfassers
des Merlin mit dem des jüngeren Titurel sprechen, können wir direkt
Füetrers erzählung von Merlin entnehmen. Aus wortgebrauch und stil
lässt sich allerdings ein schluss auf den dichter des jüngeren Titurel
nicht machen; hiezu trägt das ganze werk Füetrers einen zu einheit-
lichen Charakter. Dagegen wird eingeräumt werden, dass schon die
herbeiziehung der legende von Joseph von Arimathia nach einer quelle,
gedacht und die Krone gar niclit gekaut hat, spricht folgender umstand: im jüngeren
Titurel 2433 fgg. tritt eine Schwester Uterpandragons namens Accedille auf, welche
an zauberischer Weisheit Tetis und Sibille übertrift. Auch in der Krone erscheint
eine Schwester Uterpandragons, 18712 fgg., die sogar gotinne genant wird und im
besitze übermenschlichen wisscns ist; doch heisst sie Enfeidas. Die namensverschie-
denheit scheint auf verschiedene grundlagen hinzudeuten. Überhaupt findet sich im
jüngeren Titurel keine stelle, die mit bestimtheit auf die Krone zurückgeht.
1) Die bemerkvmg Spülers s. 170 „Urlois ist im Titurel nur- ein Mitbewerber
um Arnives minne" ist durchaus irrig, da Urlois mit klaren werten als ihr gatte
bezeichnet wird, vgl. str. 4596 e Tiv kornuale Vrlois die magt ertvurbe, 4597 bix
dax vrlois ertcorben Het beide magt V7id dax laut, 4600 der (Urlois) quam m,it siner
frou-en, wie es überhaupt die ganze genau nach Gottfried gearbeitete darstellung
ergibt.
416 HAMBURGER
welche der bauptvoiiage fremd ist, wie bereits hervorgehoben, der com-
positionsweise des jüngeren Titurel entspricht, in welchem wir die
verschiedensten geschichten von den gralkönigen, Schionatulander, Ar-
tus, Parzival, Lohengrin zusammengeschweisst sehen. Albrecht zeigt
stets das bestreben, was er gibt auch in möglichster volständigkeit auf
den markt zu bringen. Ferner sind die einleitenden Strophen 17'\ 7 — 9,
welche von der bekehrung der Völker durch die von Christus ausgesan-
ten jünger handeln, ganz im geiste des frommen Albrecht; ebenso was
an Mogines gerühmt wird: er spendet den armen, baut kirchen, unter-
nimt kriege in gottes dienst, uin den Unglauben niederzuwerfen, genau
in derselben weise, wie es zu beginn des jüngeren Titurel von den
ahnen Titurels berichtet ist; auffällig ist auch die ähnlichkeit seines todes
mit dem des Barille, der von den beiden hinterlistig vergiftet wird:
er fält im kämpf durch ein vergiftetes geschoss. Sein nachfolger Con-
stans kämpft gleichfals gegen die ungläubigen. Die Sachsenkämpfe
werden als specielle glaub enskämpfe aufgefasst. Merlin heisst den könig
Uterpandragon an der statte, wo sein bruder begraben ist, eine kirche
zu ehren der heiligen Jungfrau erbauen. Dies alles liegt, wie wir sehen,
in der gleichen richtung. Wenn Füetrer IT", 7 auf Hieb verweist, so
mag das aucii auf Scharf enberg zurückgehen: im jüngeren Titurel finden
sich häufig beziehungen auf das A. T., z. b. 71. 172. 278. 1726. 2491.
3075 u. öfter. Dahingestelt bleiben muss es, ob die erklärung der
tafeirunde 23% 2
Ntv hört zu 2vas nu sey die tauelründ
In cirkcls maß gar sunnder eck vmb kraysset:
das all der werden sedel
nicht das ober oder das nyder^ haisset,
die auf Parzival 309, 25 zurückgeht, Füetrer oder schon seiner vorläge
zuzuweisen ist. — Merlins bericht über die begründung der zweiten
tafel durch Joseph von Arimathia zeigt bei Füetrer einige abweichun-
gen vom französischen roman. Wir hören, dass Mordelas, Nasiens und
Narpus durch eine Inschrift auf dem heiligen gefässe zum gral berufen
werden: davon weiss der französische text nichts, wie wir überhaupt
in der französischen grallegende noch nicht die Vorstellung einer festen
gralgemeinde finden. Dann heisst es weiter 21°', 10 fg.:
Dy lieyligkait sy iverte,
wiß dise all erstürben.
1) Hier von anderer liand ende eingefügt; unrechtmässig, weil den vers über
sein mass erweiternd.
DER DICHTER DES JUNG. TITUREL 417
Nach dem menigldich gerte
hockfart, vnheiccsh, mit geytxe si nw würben,
imnd das an higendt si tvurden gar dg flössen,
die gotx poi si verachten gar:
des nam auch got in disen schacz vil grossen.
Der was vil manig iare
verborgen aller dyet.
Nw ist ain geslächt für icare,
des tugendt akust an eren nye verschriet,
es ist ain diet an ivirden aus gesundert,
den gab got dise heiligJcait
durch ir andacht manigfeltigldich erwundertt.
Aiicli hievon steht im französischen text nichts. Haben wir diese
änderungen Scharfeuberg zuzuschreiben, wofür avoI die grössere Wahr-
scheinlichkeit spricht, so würde sich für dieselben die begründung von
selbst ergeben, wenn wir in ihm den Verfasser des jüngeren Titurel
sehen: er muste ein motiv vorbringen, welches den Übergang des grals
von seinen ursprünglichen besitzern in fremde bände rechtfertigt; in
der französischen legende, die den deutschen dichtem vor Scharfenberg
unbekant war, bleibt der gral bei dem geschlecht Josephs von Arima-
thia; Scharfenberg sucht beide Überlieferungen, die französische und die
Wolframische, mit einander zu vereinigen, wozu er schon im jüngeren
Titurel einen anlauf genommen. Die neuerung kann aber immerhin
auch Füetrer zufallen, um über die lücke, die sonst in seiner erzäh-
lung vom gral entstehen würde, hinwegzuhelfen.
Halten wir es demgemäss auf grund von Füetrers Zeugnis und
von materiellen erwägungen für ausgemacht, dass Albrecht von Schar-
fenberg, dem Verfasser des Seifrid von Ardemont und des Merlin, auch
die autorschaft des jüngeren Titurel gebühi-t, so werden wir annehmen
dürfen, dass von diesen seinen werken der Seifrid das früheste und der
Merlin das lezte ist: wir haben dann eine fortlaufende entwicklung des
dichters bezüglich der wähl seiner stoffe vor uns: der Seifrid, wol ein
jugendvverk, zeigt nur freie erfindung und benutzung in der deutschen
dichtung vorhandener motive, der jüngere Titurel teils freie ei-findung
und benutzung solclier schon vorhandener motive teils Verarbeitung
fremder quellen, der Merlin ausschliesslich Verarbeitung fremder quellen.
Nun scheint freilich allen vorstehenden erwägungen und Füetrers
ausdrücklichem zeugnis, nach welchem er Albrecht von Scharfenberg
als den Verfasser des von ihm auch fraiv eren hof betitelten Titurel
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. HD. XXI. ^7
418 HAMBURGER
nent, jene eingangs erwähnte stelle entgegen zu stehen, die ebenso aus-
drücklich für eine unzweifelhaft dem jüngeren Titurel entnommene
begebenheit, das turnier auf Floritschanz, "Wolfram als gewährsmann
aufführt. Dürfen wir uns damit begnügen an ein versehen Füetrers
zu glauben? ein versehen, das vielleicht um so eher statthaben konte,
als er bei der erzählung der Schicksale des Anfortas sowol dem jünge-
ren Titurel wie dem Parzival folgt i. Oder sollen wir uns den Wider-
spruch so erklären, dass Füetrer das pseudonym Albrechts schonte,
trotzdem er es durchschaute, ähnlich wie er — nach meiner Vermu-
tung — sein Pseudonym Merlin beibehielt? Oder hat die annähme
mehr Wahrscheinlichkeit für sich, dass er von der existenz eines "VYolf-
ramischen Titurel als grundlage des sogenanten jüngeren Titurel wüste
und glauben konte, dass das turnier auf Floritschanz auch in Wolframs
Titurel geschildert wurde? Ich halte es für sicher, dass Wolframs
Titureldichtung bei weitem ül)er die beiden allein in ihrer ursprüng-
lichen gestalt erhaltenen lieder hinausgereicht hat: die von Bartsch Ger-
mania 13, 1 fgg. herausgehobenen stücke des jüngeren Titurel scheinen
mir von ihm als unwiderleglich echt Wolframisch erwiesen zu sein. Seine
durchschlagenden gründe lassen sich noch durch die unzweideutigen
spuren einer interpolierenden Überarbeitung vermehren: er hat selbst
sicherlich mit recht str. 932 und 939 als Interpolationen bezeichnet;
ebenso ist 946 ein störender, erweiternder einschub, da 947 sich klär-
lich unmittelbar an 945 anschliesst; auch 948 wol unecht: 947 mit
den schönen echt Wolframischen versen 6. 7 ein vortreflicher abschluss
der klage Schien atulanders und überhaupt eines liedes, Avie 949 den
anfang eines neuen anzeigt. Auch die scene 2502 fgg., welche nur
eine geschmacklose widerholung von 1247 fgg. ist, spricht für die echt-
heit der früheren. Ich glaube, dass auch in den sich an Bartschs
erstes bruchstück anschliessenden Strophen 954 — 1013 Wolframische
bestandteile enthalten sind; die darauf folgende erzählung von Schiona-
tulanders besuch bei Gailet macht den eindruck eines aus eigenem und
fremdem zusammengestoppelten berichts; entschieden Wolframisch aber
scheinen mir dann wider die Strophen 1039 — 1046, welche lezte einen
vorzüglichen liedabschluss bietet; auch 257. 258 mögen der eingang
eines echten liedes sein; und ebenso stecken meines erachtens in den
unmittelbar auf Bartschs zweites bruchstück folgenden abschnitten, wie
sich aus dem Vorhandensein der Bartschischen merkmale ergibt, Wolt-
1) Die von Spiller s. 163 euigeführten veise brauchen niclit notwendig die
ihnen beigelegte bedeutung zu haben; auch wäre dadurch die annähme eines ilüch-
tigkeitsirtums, einer augenblickh(;hen gcdankenlosigkeit nicht ausgeschlossen.
DER DICHTER DES JVXG. TITUREL 419
ramische strophen. Allein erst eine kritische ausgäbe des jüngeren
Titurel könte einen gesicherten boden für weitere auf die ausscheidung
Wolframischer bestandteile hinzielende Untersuchungen bereiten und
über die art und weise der späteren Überarbeitung licht verschaffen. —
Bis in die Schilderung des turniers von Floritschanz reichen freilich
die spuren Wolframschen geistes und die objectiven kenzeichen echter
Strophen nicht i; allein Füetrer, der über das Verhältnis Wolframs zu
seinem Überarbeiter und fortsetzer nicht klarer sein mochte als wir,
konte wol noch jenen für einen abschnitt, der von den mit echten
bestandteilen durchsezten partieen nicht gar weit entfernt ist, als
ursprünglichen autor vermuten, zumal da Schionatulander schon in der
zum zweiten Bartschischen bruchstücke gehörigen strophe 1235 auf das
fest von Floritschanz hinweist.
Ich möchte sonach diesem znlezt besprochenen quellen verweise
Füetrers kein ausschlaggebendes gewicht in Spillers sinne zugestehen,
sondern vielmehr jenen Zeugnissen glauben schenken, welche Albrecht
von Scharfenberg als autor des jüngeren Titurel erscheinen lassen, eine
auffassung, welche meiner meinung nach auch durch anderweitige
momente gestüzt wird; zum mindesten aber scheint mir das resultat,
zu welchem Spiller gelangt ist, als unsicher und anfechtbar dargetan
worden zu sein.
BRESLAU. PAUL HAMBURGER.
EEASMUS ALBEEUS GESPEÄCH VON DEE SCHLANaEJST
VEEFÜHEUNa (DIE UNGLEICHEN KINDEE EYAE).
Unter den Schriften Albers ninit das gespräch: Yon der Schlan-
gen Yerfürung, vnd Gnade Christi vnsers Heilands eine her-
vorragende Stellung schon deshalb ein, weil es die liebliche fabel
Von den ungleichen kindern Evae zum gegenständ hat, von wel-
cher Jacob Grimm schon vor mehr als 40 jähren mit recht angenom-
men hat, dass sie vielleicht, gleich den Petruslegenden, noch viel ältere
grundlagen in der geschichte unserer poesie, als das 16. Jahrhundert,
ansprechen dürfe, wenn es ihm damals auch an material fehlte, den
1) Einer hiiufung von stumpfem ausgang in vers 1 und 3 begegnen wir nacli
einer langen nui' durch ganz vereinzelte fälle unterbroclienen pause in einem späteren
abselmitt des werkes: 5151. 187. 211. 212. Alter druck bl. 255 <», 4 = 5214. 215.
223-, auch hier wäre eine imtersuchuug auf Wolframscho bestandteile anzustellen.
27^=
420 MATTHIAS
beweis dafür zu erbringen i. Ferner gewint Albers werk noch dadurch
ein ganz besonderes interesse, weil die bearbeitungen des Stoffes durch
Hans Sachs-, durch welche die fabel am bekantesten geworden ist
teilweise wörtlich mit der fassung unseres gespräches übereinstimmen,
obgleich jener den Alber nirgend als quelle nent, sondern sich, wie
dieser, auf Melanchthons lateinischen brief beruft. Endlich hat die
Schrift eine gewisse kulturhistorische bedeutung, weil sie im 16. jahi--
hundert ein beliebtes Volksbuch gewesen ist und zur Verbreitung des
Lutherschen katechismus, den sie in populärer weise vorträgt, nicht
unwesentlich beigetragen haben wird.
Albers tätigkeit als reformatorischer Schriftsteller erreichte zwar
ihren höhepunkt erst im jähre 1548, als er durch den Dialog vom
Interim'^ für die rettung der bedrohten evangelischen freiheit eintrat.
Doch war er schon als er nach Berlin übersiedelte (1540) durch den
anteil, den er an dem reformationskampfe in wort und tat genommen
hatte, rühmlich bekant. Im auftrage des landgrafen Plülipp von Hes-
sen hatte er das ländchen Dreieich reformiert. Er spricht sich selber in
seiner „Kurtzen beschreibung der "VYetteraw"^ folgendermassen
darüber aus: „Es sind auch gute Brunnen in dem selben lendlin, welchs
ich erstlich zu der erkcndnis des Euangelii bracht habe, dann ich war
XL iare [1528- — 39] Pastor zu Sprendenlingen bey dem Hirtzsprung
vnd zu Götzenhain, welchs ich Gotteshain nenne, weill es von den
vnnützen Götzen zu dem rechten Gott bekert ist. Mit der Dreieyche
grentzet ein Stat, die ist Hannisch [Hanauisch], mit namen Babenhau-
sen, die erkent mich auch für iren ersten geystlichen Yater. Ynd sind
beyde in der Dreieyche A'nd zu Babenhausen fi'umme leute." Kurz
vor dem gespräch (im jähre 1539) erschienen zwei Streitschriften, bei
denen wir noch einen augenblick verweilen wollen, w^eil sich Alberus
in der einleitung zu jenem direkt oder indirekt auf beide bezieht;
zuerst „am mitwoch nach Quasimodogeniti " [16. apr.]: Yom Ynd er-
scheid der Euangelischen vnd Papistischen Messz, für die
einfeltigen. Item vom grossen Abgott Canon. 22 bL (o. o.).
Der hauptinhalt des ersten teiles ist natürlich der: dass ein prie-
ster nicht für- andere leute das sacrament nehmen soll, sondern als ein
1) S. Haupts zeitschr. 11, 257 fgg. (= J. Grimm, kl. schrifteu VII, 106 fgg.).
2) Besonders die comoedie vom jähre 1558.
3) Welchen ich demnächst mit ausführlicher einleitung und mit aumcrkungon
versehen herauszugeben gedenke.
4) Anhang zu der schritt: Yom ßasiliskon zu Magdeburg (bog. E 11 a dos
"W'ülfenbüttlei- oxomplares).
EK. ALBEKUS, VON DER SCIILAXÜEX VERFÜHRUXG 421
diencr der gemeinde dasselbe nach der Ordnung unseres lieben herren
Christi ansteilen, auch die lente zuvor also treulich unterweisen, dass
sie gerne und mit lust kommen und des heiligen sacramentes begeh-
ren. Besonders bemerkenswert ist die schrift auch deshalb, weil Alber
in ihr ganz entscliieden Stellung nimt gegen die fanatiker unter den
anhängern des evangeliums, welche auch alle äusserlichkeiten, die an
die katholische zeit erinnern könten, aus der kirche enfernt wissen wei-
ten. So scharf und rücksichtslos er ist, wenn es sich um Verteidigung
und Wahrung evangelischer grundsäize handelt, so massvoll zeigt er
sich, Avenn nur äusserliches und unwesentliches in frage komt: „Darumb
müss man auff der mittel Strassen bleiben und also sagen, ob der prie-
ster ein messgewand oder chorrock an habe, darauff sehe ich nit, son-
der darauf habe ich acht, ob er auch das heilig Sacrament aussteile
nach dem befel Christi Es wer wol kein sünd, wann er in wam-
mes vnd hosen, oder inn kriegsskleidern ging, aber es stund nit fein.
Non est peccatum contra pietatem, sed contra mores et honestatem."
Als ein rechter schüler Luthers tritt er namentlich warm ein für
die Verwendung der musik in der kirche. In dem buche: Widder
die verflüchte lere der Carlstader, vnd alle fürnemste Heub-
ter der Sacramentirer .... Musica verechter, Bildstürmer,
feiertagfeinde, vnd verwüster aller guten Ordnung (gedr. 1556)
verheisst er sogar eine schrift: Yom lob der Musica, welche wahr-
scheinlich nie erschienen ist. Als einen grossen freund der musik
zeigt er sich aber öfter, so auch in unserer schrift. Bog. B iij'': „. .
ich lass alle glocken zusamen leiten, ich lass orglen, lass mit vier stim-
men singen, dan solches laut nit übel, vnd seind gottes gaben, welche
wir nit verachten, sonder \il mer Gott darumb dancken sollen, die
sollichs nit gern hören, die solt man inn die sewsteigen weisen, vnder
die Schwein. Dann es rechte Scythe, Türeken vnd grobe sew seind."
Bog. B iiij'': „Es ist fein wann das volck zusamen kumpt, dass man
orgelt, vnd mit vier stimmen singet. Dann des menschen hertz ist on
das etwa blöd vnd betrübt, vnd mag Gott wol leiden, das man sich
frölich mache mit seinen lieben gaben. Wir seind doch gnüg gemart-
tert durch des teufeis eingeben, vnd seltzamen gedancken, darumb sol-
len wir Got noch darzü dancken, wann wir ein schöne melodei hören,
vnd nit wie die sew verachten. Ists aber sünd, dass ich in der kir-
chen orgeln hör, so ists auch sünd, das ich mich frew der jugent meins
weibs, wie mich Got heisst, Prov. Y. \ vnd dass ich frewd an mein
1) Prov.V, 18: „laetare cum muliere adolescentiae tuae" ; Luther: „deiu Born
sei gesegnet und freue sich des Weibes deiner Jugend" ; alle drei auffassuiigen nicht
422 MATTHIAS
Idndern hab. Ach es ist des teufelss gespöt, der gündt vns nit der
gaben Gotss vnd rieht newe müncherei vnder vns an." Ebenda: „da wil
diser keinen latinischen gesang in der kirchen liden, der ander kein
bilder, der drit kein corrock oder messgwand, der vierd kein orgel,
der Y. will [bl. B iiij''] gar kein fest haben, der sechst will kein ker-
tzen leiden, der siebend ist ein Tigris ^ vnd kan nit glocken hören
] eilten, der acht will nit Christus leib vnnd blüt im abentmal haben,
der neünd gibt den kindern die tauff nit völlick, lest sie gewickelt,
vnd geust nur ein tröpfflein wassers auts haupt." In gleicher weise
tritt er für beibehaltung lateinischer gesänge ein, wann sie nur nicht
Avider gottes wort fechten. Denn wenn man in der kirche keine andere
spräche gebrauchen wolle, als die deutsche, so dürfe man nicht Amen,
nicht Alleluja, nicht Kyrie Eleison, auch nicht von Christo singen,
denn es seien hebräische oder griechische werte.
Yon Bog. Ciiij'' folgt sodann der zweite teil der schrift: Von dem
grossen Abgott Canon. Canon nent er die summe der katholischen
irlehren, deren er zehn aufzählt und bekämpft: „Zürn ersten heben sie
die mess au, ziim gedechtniss Marie, vnd der heiligen .... Zum
andern halten sie das gedechtniss etlicher halben, so man nit weiss, ob
sie selig seind, oder nicht ... Zum dritten bitten die papisten im Canon
das sie Gott beschirmen wolle, vmb der heiligen verdienst willen . . .
Zum vierden nennen sie brod vnd wein ein opffer, auch ehe sie ein
Sacrament (wie sie meinen) draus machen .... Zürn fünfften, bissher
haben sie brot vnd wein geopffert, darnach, wann sie ein Sacrament
darauss gemacht haben, (wie sie meinen), so machen sie wider ein
opfier darauss vnd opfPerns Gott ... Zum sechsten bitten sie Gott, das
er jhm solicli opffer wolgefallen lass ... Zum sibenden, darnach bitten
sie Gott im Canon, er wolle dem Engel gebieten das er das Sacra-
ment für den altar Gottes hoch hinauff für sein göttlich Maiestat bringe
... Zürn achten. Da kompt wider ein recht ertz Narren stuck, dann
sie bitten vnd sprechen. Presta vt quotquot ex hac altaris participa-
tione sacro sancti filij tui corpus et sanguiuem sumpserimus omni beno-
dictione et gratia impleamur, vnd er nimpts doch allein . . . Zum
neunten, Darnach machen sie die Mutter Gots vnd die lieben heiligen
zii fürsprechen . . . Zum zehenden brechen sie ein stuck von jhrem
Sacrament vnd legens inn den kelch vnnd machen ein soppen draus."
übereinstimmend; der hebräische text lautet: „über das weib deiner Jugend, ist also
von Luther am zutreffendsten übersezt.
1) Dasselb tier ist der art, wann es ein glock oder schel hört, so wirt es toll
vnd vnsinnig, vnd wil sich selbs reissen (Physiologus).
ER. ALBERUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRUNG 423
Bekämpft er in dieser schrift die lehren der katholischen kirche
überhaupt, so ist das zweite, im gleichen jähre, erschienene buch aus-
schliesslich gegen einen ebenso geschickten und gewanten, als schrift-
stellerisch tätigen Verteidiger derselben gerichtet, gegen den anfangs
dem Protestantismus zugetanen, nachher in den schoss der alten kirche
zurückgekehrten Greorg WitzeU.
Diese höchst interessante schrift ^ ist betitelt: Das der Glaub
an Jesum Christum alleyn gerecht vnnd selig mach, widder
Jörg Witzeln Mammeluken vnd Ischariothen. Item von Jörg
Witzeis leben, vnd dabei Ludus Syluani verdeudscht, ser
kurtzweilig zulesen. Erasmus Alberus. Im Jar M. D. XXXIX.
96 bl.
Im ersten • teile komt er nach erwähnung anderer gegner des evan-
gelii auf sein thema in folgender weise [bl. 9'']:
„Neben denselben ist eyn ander vffgestanden aus vnsern brüderu,
vnd gleich wie Judas Ischarioth, Christum verlies, des brod er doch
gessen hatte, vnd zu den Juden trat, also hat sich dieser des Euange-
liums eyn zeyt lang angenummen, vnd darnach desselben allerergster
1) Auf eine kleine, aber überaus heftige sehmähselirift, welche wahrscheiulicli
kurz vor unscrm gespräche erscliieu (sommer 1541), wollen wir, da sie schon wider
abgedruckt worden ist (Schade, Sat. u. Pasq. I, nr. 7), nur hinweisen: Newe zeitung
von Eom, Woher das Mordbrennen komme, enthaltend 1. einen augeblichen brief
Petri Ribaldi, dat. Rom, am tag Petr. u. Pauli (29. Juni), des inhaltes, dass der
pabst beschlossen habe, das lutherische Deutschland mit feuer zu verbrennen, zu-
gleich, dass er Jörgen Wetzelu jährlieh 300 gülden gebe, dass er desto freydiger ...
wider die Lutherischen schreibe. 2. Ein new Te Deum laudamus. Vom Bapst Paulo
dem dritten, Welchs zu Eom in Lateinischer Sprach gesungen haben Pasquillus vnd
Marforius . . . verdeutscht durch Bepstlicher Heiligkeit guten Freund , Erasmum Albe-
rum. 3. Antwort Conradi Ribaldi auff seins Brüdern Petri Ribaldi Schrifft, an jn
aus Rom gethan; dat. Nürnberg, am tag Laureutij (10. aug.) 1541. Pasquillus rmd
Marforius sind beliebte gesprächspersonen der damahgeu zeit: Weller (Annalenll, 230,
nr. 37) führt ein deutsches gespräch an: Der verzucket Pasquinus, Auss "Welscher
sprach inn das Teütsch gebracht. M. D. XLIII, in welchem sich jene beiden per-
sonen unterreden; das lateinische original (des Coelius Secundus Curio), welches in
meinem besitz ist, trägt den titel: Pasquilli Extatici, seu uuper e coelo reuersi, de
rebus partim superis, partim inter homincs in Christiana religione passim hodie con-
trouersis, cum Marphorio colloquium, multa pietate, elegantia, ac festiuitate refertum.
s. 1. et a. — Die anknüpfung an die beiden bekanten, vom volksmund als Pasqiüno
und Marforio bezeichneten statuen in der nähe des Urbinschen palastes ist natürlich
auch der gniud, warum Rom in diesem sowie im Alberschen Zwiegespräch als scliai;-
platz gewählt ist.
2) Selten ist sie auch, das einzige bekante exemplar besizt die königl. biblio-
thek zu Berlin, von wo es mir bereitwilligst zur Verfügung gestelt wurde.
4'J4 MATTHIAS
tVind \\'orden, wio Joann. schreibt. Er war nit von viis, daii wo er
von vns gewesen were, so were er ia bei vns blieben ^ Der Judas
aber, dauon ich jetzt rede, heyst Jörg Witzel, das verlorn kind, der
seinen mund weit vffgethan hat zulestern, mehr dan noch nie keyn
Papist, Gleich wie Judas Christo leyder thet, dan die Phariseer selbst.
Diser Ischarioth war eyn pfaff, und nam eyns frummen burgers toch-
tcr zu Eisenach zur ehe, vnd genoss auch der freiheit, die weder er
noch sunst keyn mensch vff erdenn, sonder D. Martinus Luther, mit
seins leibs vnd lebes fahr zu wegen bracht, vnd keyner vor ihm sölchs
gewagt hat. Eben nun, wie Judas Ischarioth Christus brot ass, vnd
trat ihn darnach zu danck unter die fues. Also hat dieser Judas bru-
der auch gethan. Er hat des gedachten burgers Crausen dochter nun
freilicli in die XY. oder XVI. iar gehapt, vnd ist doch mitler zeyt der
Satan in ihn gefarn, das er widder von Euangelio gefaln ist, vnd vn-
terstanden sein arms weib, den Papisten zu ehrn, für eyn hur, vnd
seine arme kinder für hurnkinder zu halten. Pfei dich, du verlornes
kind, ein Tigris mus dich geseügt haben, das du deinen armen kin-
dern so hart bist, vnd keyn mitleiden mit ihn hast " Yon seinen
„ lesterbüchern " und von seiner lehre sagt er: „Die pfaffen . . freuen
sich hoch vber des Witzeis lere, vnd er ist jr vermeynter Messias, der
sie erlösen wird zu pfingsten vff dem eiss. Sie machen ihnen mit des
Witzeis lere eyn galgen frist, dann bald, bald wirts beide mit ihnen
vnd ihrem Messia aus sein."
„Meinstu verzweiuelter Judas, das die herrn vnd Fürsten, sampt
den Stedten etc. so das Euangelium an genommen haben, von wegen
deiner gottslesterigen scarteken, widderumb fressen werden was sie
gespeit haben, wie du feyger bösse wicht gethann hast. Dan du machst
dir selbst eyn whan, man halt deine bücher für eitel oracula. Aber
das soltu wissen, das sich an deine bucher niemand keret, on die
vormals Christum auch nit lieb gehabt, vnd ihren glauben auff den
sand gebawet haben, vff das die schüler seien, wie ihr meyster ist.
Schemestu dich nit iun dein hertz, das du für so vielen hochgelerten
Theologen deinen rüssel darffst auffthun? vnd gibst grosse kunst für,
der du mit dem donat nur vff den hindern geschlagen bist vnd hast
eynmal eyn kriechischs buch hinder den ofen gesehen, daher kumpt
dir das grosse geschrey vnd gepreng. Meinstu, grober gesel (esel wolt
ich sagen) man werde so vil gelerter theologen bücher verwerffen, umb
1) 1. Ep. Job. 2, 19: non erant ex uobis, nam si fuissent ex nobis, perman-
sissent utirjue nobiscum.
ER. ALEEKUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜllRUNa 425
deines vnflats willen? Ei wie sol michs doch gelüsten, das ich die
allei'schönste homilias M. Joä. Brentij hinwerffen, vnd dafür dein Tem-
poralia vnd Casualia lesen würde? Icli werde freilich D. Martinum
lutlier (durch welchen Got das Bapstumb stürmet, vnd den Antichrist
offenbart) faren lassen, vn Philippi Melanthonis, Yrbani Regij 2C bücher
verdammen, vnd deine dormisecures dafür lesen?"
„Den höchsten vnd aller besten articul , daher wir Christen heissen,
flehtet Judas Witzel an, der articul aber lieisst also."
„ALLeyn durch den GLAVBen an Jesum Christum werden wir
selig. Da wil er Christum nit lassen Christum sein, diesen allerhöch-
sten articul greifft er an, vnd gibt für, der glaub an Christum mach
nit alleyn selig, sonder, die werck müssen dem Glauben zu hülff kum-
men. Diesen articul (sag ich) greifft er an, dem sein vater, das ist,
der Satan, auch nie hold gewest, vnnd darumb so viel vnschuldiges
bluts vergossen hat."
„Ynib dieses Articuls Avillenn, hat müssen, der gerecht Abel,
ermordt werdenn. Dann sein bruder war eyn werckheylige , vnd gtü
Witzelisch Papistisch, Turckisch, heydenisch, vnd Judisch, dan disser
volcker keyns gleubt diesen articul. Der Turck gleubt ihn nit, die
Juden auch nit, die Papisten vn Wicelischen auch nit. Vmb dises
Articuls willen sind die propheten, Christus der herr selbst, die Apostel,
vnd vuzehlichen Christen ermordt worden, vnd sonderlich von dieses
articuls wegen haben wir vns von Bapst abgesondert, vnd wie wol
keinem Christen gepurt zu zweiueln an disem articul, als von dem er
den edeln, königlichen vnd hymelischen namen hat, das er ein Chri-
sten heyst, vn nun in das zwenzigst iar bucher genug dauon geschrie-
ben sind, so wil ich doch auch mich gegen diesem herlichen articul
danckbar erzeygen^, vnd so vil mir gott gnad gibt, denselbigen mit der
heyligen schrifft beweisen vnd erhalten, dan vff den articul bin ich
getaufft, darin leb ich, darin wil ich mit Gottes hulff sterben, vnd ist
gewiss, wer vff diesen articul nit stirbt, der ist ewiglich verdampf, vn
niemand iemals on diesen articul selig geworden ist."
„Hat sich nun iemand durch des Witzeis lere, lassen verfüren,
vnd an ihm noch hoffnung ist, er werde sich lassen bekeren, der höre
eben zu vnd hab acht druff, was ich schreib. Versehe mich auch, wo
ich disen articul beweisen werde, so sei damit vmbgestossen alles, was
der Witzel darneben furgibt" usw. ^
1) Auf diese ganze aiisfühning nimt er iu der voiTede zum gespräch fast wört-
lich bezua;.
42G MATTHIAS
Von bl. 40'' an folgt oiue betraclitung über die motive seiner
handhmgsweise, über sein leben und seine tätig-keit, von bl. 47'' an
„die gantze historia seines Jebeus, wie sie von d. Justo Jona beschrie-
ben." Endlich bl. 61" bis zum schluss die Verdeutschung eines latei-
nischen gespräches, welches von Witzeis abfall handelte: „des Titel heyst
Ludus Sylvani hessi in defectioneni Georgii Wicelii ad papistas; per-
sonen desselben: Witzel, Anna sein hausfraw, Nicolaus Faber, Crotus,
Cocleus."
Im jähre 1542 visitierte Alberus, auf befehl des kurfürsten
gemeinsam mit dem M. Johann Siegfried, pastor in der altstadt Bran-
denburg, das dortige Barfüsscrkloster; sie fanden auch bücher im refec-
torio (aber keine bibel), darunter auch eins, welches sie nennen librum
Conformitatum , und ist der Barfüsser Alcoran, schier so dick, wie eine
halbe bibel, enthaltend die Wunderwerke Prancisci; aus diesem buche
hat er mehr denn 500 stück legenden usw. aufgezeichnet und ver-
deutscht. Auf solche weise entstand die bekante und berühmte satire:
Der Barfuser Münche Eulenspiegel vnd Alcoran. Mit einer
Vorrede D. Martini Luth. Yersicu. Eranciscanorum. Erancis-
cus est in coelo. Responso. Quis dubitat de illo? Antipho.
Totus m und US. M. D. XLII. 80 bl. 4. Gedruckt zu Wittemberg,
durch Hans Lufft. ^
Es richtet sich die schrift gegen die übermässige Verehrung, ja
Vergötterung des heiligen, den man an einem tage 300 wamder vol-
bringen liess. „Das ist ja wol über die schnür gehauen; und über-
haupt wäre nach den wahnsinnigen legendenschreibern (man verzeihe
mir diesen ausdruck!) Christus nur ein stümper gegen ihn gewesen."-
Zwischen den durchaus polemischen Schriften nun vom jähre 1539
und 1541 erschienen drei anderen Charakters: 1. Novum Dictionarii Genus,
1540, eine art reimlexicon, besonders wichtig für die kentiiis des Hes-
sischen dialektes im 16. Jahrhundert; das dritte rein erbaulich und frei
von jeder polemik: Jesus -büchlein oder X schöne gottselige Dialogi für
die Kinder, so anfangen zu reden vnd vernehmen können 3; zwischen
beiden endlich unser gespräch Yon der schlangen Verführung usw.,
1) In meinem besitze.
2) So spricht, ganz in Albers sinne, ein gesinnuugsgenosse im vorigen jahr-
liundert: Bistoiius, Kronik der heiligen (Wittemberg 1787), von-ede.
3) Der 1. und 3. mit seiner damals dritthalb jähr alten tochter Gertrud; 2. mit
Christiana Eeders; 4. mit seiner tochter Dorothea; 5. mit Wigmund; 6. mit Cecilia
Eeders; 7. mit seiner tochter Anna; 8. mit Bernhard Eeders; 9. mit Danielis Dobini;
10. mit Gertrudechis ; darin 3 wahrscheinlich noch unbekante kinderlieder Albers.
ER. ALBKKL'S, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRl'N« 427
welches ebenfals erbaulicher natiir ist, da die polemik, ausser iii der
vorrede, zurücktritt.
Über seine quelle spricht er sich in der vorrede folgendermassen
aus: „Ich habe die vrsach vnd argument dieses Gesprechs gezogen aus
der schönen Epistel, so D. Philippus Melanchthon an den wolgebornen
Herrn vnd Grauen HeiTu Johansen von Weda geschrieben hat."
Es ist der lateinische brief, welcher 2 jähre vorher (1539) im
drucke erschien unter dem titel: Ad nobilem et generosum comitem
Joannem a weda etc. Epistola Philippi Melanthonis. Francoforti^ Der
inhalt des briefes ist folgender:
Lange nach erschaffung Adams und Evas beschloss der herr sie
und ihre familie zu besuchen und in ihrem kummervollen dasein zu
trösten. Eva, welche zufällig aus dem fenster schaute, sah den heiTu
mit seinen engein kommen; und da am nächsten tage ein fest bevor-
stand, hatte sie begonnen die kinder zu waschen, auf dass sie dem
Opfer und der predigt des vaters beiwohnten. Da sie sich schämte,
die noch ungewaschenen dem herrn vorzustellen, hiess sie diese sich
im heu und stroh verstecken, die übrigen sollen in der verhalle den
herrn erwarten und nachdem ihn die mutter begrüsst, der reihe nach
ihn ebenfals begrüssen. Nachdem der empfang in dieser weise stat-
gefunden und der herr die Eva, deren antlitz schäm und furcht aus-
drückte, geti'östet und seine hilfe verheissen hatte, lobte er sie, dass
sie die kinder nicht nur gepuzt, sondern auch sitsamkeit gelehrt habe.
Das sei aber nur der anfang der erziehung; sie müssten auch, was
wichtiger sei, wissen, dass sie geboren seien zur erkentnis gottes, zur
Verbreitung seines glaubens, zur bewahrung der ihnen zu teil gewor-
denen vorbei ssung, zum gehorsam gegen gott; auch müssten sie belehrt
werden über die Unsterblichkeit und die ewigen strafen der gottlosen.
Eva erwiderte, dass diese lehren den kindern von ihr und Adam
unermüdlich eingeprägt würden, und fügte weinend hinzu: Eingedenk
des sündenfals und der gute gottes seien sie unablässig darauf bedacht,
die kinder zu lehren, welcher dienst gott wolgefällig sei und welche
verheissuug er ihnen gegeben habe; er möge sie selber anhören und
sie zurechtweisen, wenn sie etsvas falsch verstanden.
Sie forderte also Abel auf, vorzutragen, was er gelernt habe.
Dieser begint: Ich glaube an einen almächtigen gott, welcher die
weit geschaffen hat und sie weise regiert, der den menschen verstand
1) Philippi Melanthonis opera ed. Car. Gottl. Bretschneider, vol. III, p. 654,
nr. 1785; von diesem ahdruck weicht das Wolfenbüttler exemi)lar des druckes vom
jähre 1539 mehrfach ab.
428 SLVTTHIAS
verliehen, die gottheit zu erkennen, ferner bcwusstsein ihrer pflichten
gegen gott, der endlich an die eitern sein gehet habe ergehen lassen,
ihren gehorsam zu prüfen. Hätten diese sich darnach gerichtet, wäre
die Sünde, der tod, kurz alles übel nicht in die weit gekommen. Der
teufel aber brachte die menschen zu falle; durch ihn und die mensch-
liche Schwachheit, nicht durch gott, ist die sünde in die weit gekom-
men, mit ihr der tod und die herscliaft der schlänge.
Gott aber w^olte die menschheit nicht zu gründe gehen lassen
daher verhiess er erlösung und Versöhnung durch des weibes sameu;
ihn wird die schlänge zwar in die ferse stechen, er aber wird ihr den
köpf zertreten.
Ich glaube auch, dass die opfer, welche der vater für uns dar-
bringt, ein zeichen des opfers sind, welches der verheissene für uns
sein wird; denn durch dieses, nicht durch unsere opfer, werden wir mit
gott versöhnt. Und Avenn auch sünde, tod und sonstige übel in der
weit bleiben werden, so wird doch in denen, die an die göttliche ver-
heissung glauben, ein neues licht angezündet und ein neues leben
beginnen; der verheissene aber wird kommen, die weit zu richten, den
gläubigen das ewige leben, dem teufel aber und seinem anhang die
verdamnis zu teil werden zu lassen.
Zu dem göttlichen dienst aber sind alle menschen berufen, nur
dürfen sie sich durch keine gefahren, auch nicht durch die wut der
schlänge und der gottesverächter irre machen lassen.
Mit nochmaliger Versicherung seines glaubens an gott und der
bitte, er möge ihm, seinen eitern, seinen brüdern und Schwestern gnä-
dig sein, schliesst Abel sein bekentnis. Nachdem Seth und die Schwe-
stern ähnlich geantwortet, lobt gott alle, ermahnt sie im glauben und
im gehorsam zu verharren und verspricht ihnen in allen fährlichkeiten
zu helfen. Darauf heisst er die Eva auch die übrigen kinder zu holen,
sie scheltend, dass sie dieselben habe verbergen wollen.
Eine von den Schwestern holt die geschwister; Cain erscheint,
mit trotziger miene, Strohhalme in den haaren, ohne den herrn zu
grüssen. Auch er muss berichten, was er gelernt hat: Ich glaube an
einen almächtigen gott, schöpf er der ganzen weit, dem man opfern
muss, damit er unsere äcker fruchtbar macht. Ob er unser gebet
erhört oder sünden vergibt, weiss ich nicht. Über ein leben im jen-
seits lässt sich erst nach dem tode urteilen; ich sehe aber, dass man,
um eines behaglichen lebens Avillen, gute sitten pflegen muss. Gott
tadelt ihn und mahnt ihn auf den rechten weg zurückzukehren.
ER. ALBERUS, VOX DER SGHLAXGEN VERFÜHRrxa 429
Darauf redet er alle folgenderniassen an : Als stamväter des mensch-
lichen geschlechtes solt ihr den nachkommen ein vorbild der frömmig-
keit und tugend sein. Die gläubigen unter euch wird der verheissene
held gegen die angriffe der schlänge schützen. Und da ich die Avelt
durch mein wort lenken und regieren will, werde ich aus eurer schaar
mir geeignete diener wählen. Nach diesen werten weiht er den Abel
zum priester, den Seth zum könig, den Cain aber macht er zum scla-
ven, der nur durch furcht vor strafe verhindert wird, den gottesdienst
und die gemeinschaft der gläubigen zu stören.
Nach dieser Verteilung der stände wendet er sich wider an die
Eva, mahnt sie, der erziehung der kinder auch fernerhin ihre Sorgfalt
zu widmen und tröstet sie, als sie nochmals reue über den sündenfall
äussert, durch lünweis auf den verheissenen samen.
Darauf entfernt er sich, von der Eva geleitet, die er endlich zu
den kindern zurückschickt mit dem trost, dass auch seine begleiter,
die engel, beschützer und freunde der familie sein würden. Nach die-
sen Worten wird er durch eine wölke in den himmel zurückgeführt.
Das ist der wesentliche Inhalt- des Melanchthonschen briefes; ver-
gleichen^ wir nun damit den Alberschen dialog, dessen „vrsach vnd argu-
ment" aus jenem gezogen ist. Gemeinsam ist beiden eigentlich nur
die idee, dass gott die ersten menschen besucht, um ihren haushält,
vor allem ihre kinder, die stamväter des künftigen menschengeschlech-
tes, kennen zu lernen. Im übrigen aber w^eichen beide erheblich von
einander ab. Der brief bewahrt durchaus die tendenz der alten fabel,
nach welcher sich an den göttlichen besuch die für das menschen-
geschlecht so überaus wichtige Scheidung in verschiedene stände knüpft:
Abel vertritt das geistliche, Seth das weltliche regiment, Cain die
grosse masse der Untertanen. Alber scheint diese tendenz gar nicht
erkant zu haben, mindestens lässt er sie ganz fallen und am schluss
gott dem Abel zur belohnung sein reich, also die ewige Seligkeit
verheissen, dem Cain mit ewiger verdamuis drohen. Dafür hat er die
prüfung Abels und Cains, die doch eigentlich nur mittel zum zweck
ist, mit grosser breite behandelt und sie in den Vordergrund gestelt.
Abel trägt auf die katechetischen fi-agen des herru den ganzen Luther-
1) Melanchthon neut als seine quelle: ein gewisses gedieht. Da wir demnäclist
eine gründliche Untersuchung über die geschichte der fabel von den Ungleichen Km-
dera Evae von Hru. Dr. Joh. Bolte in Berlin zu erwarten haben, beschränkt sich
unsere betrachtung nur auf das Verhältnis zwischen Albers dialog und der von ihm
genanten quelle.
430 MATTHIAS
sehen katechismus fast wörtlich vor^ und auch in Adams und Evas
reden spielt das erbauliche die hauptrolle. Im briefe tritt von den
eitern nur Eva, von den kindern ausser Abel und Cain auch noch Seth
auf, ferner neben Abel und Seth einerseits und Cain andererseits je
eine reihe gleichgesinter Schwestern. Dabei läuft eine kleine Unklarheit
mit unter. Eva ist damit beschäftigt, wegen eines am nächsten tage
zu feiernden festes die kinder zu putzen. Sie wird vom herrn über-
rascht und versteckt die noch ungewaschenen im heu und stroh. Erst
nachher, bei dem auftreten beider teile, wird klar, dass die gewasche-
nen kinder zugleich die wolgeratenen , die ungewaschen gebliebenen
zugleich die misratenen sind. Im dialog erscheinen Adam und Eva,
von den kindern dagegen nur ^ Cain und Abel. Aus der einfachen
erzählung des briefes hat Alber gewissermassen ein drama gemacht,
welches in 4 akten verläuft : 1. Klage der Eva und Adams trost. 2. An-
kündigung des göttlichen besuches und Schilderung der beiden so ver-
schiedenen brüder. 3. Katechisierung. 4. Predigt Adams, deren Vor-
handensein zunächst ganz unmotiviert scheint, aber dadurch sich
erklärt, dass die erbauung Albers hauptabsicht war. Im briefe puzt
Eva die kinder für ein fest, welches am folgenden tage statfinden soll,
und versteckt, als der herr sie überrascht, die noch ungepuzten; im
dialoge kündigt Adam den besuch, von dem er durch den engel Ga-
briel erfahren hat, der Eva an und fordert sie auf, dem besuche zu
ehren die kinder zu waschen. Cain wird zu diesem zwecke eigens
geholt, bei welcher gelegenheit Abels und Cains Charakter drastisch
geschildert wird; dort lässt Eva die ohne ihre schuld ungepuzt geblie-
benen kinder erst holen, als der herr es befiehlt, hier empfangen beide
brüder zusammen den herrn, und zwar ist der ältere in folge seines
widerstrebens ungewaschen geblieben. Dort begrüsst Cain den herrn
gar nicht, hier reicht er ihm die linke hand zum grusse. Evas klage
über den sündenfall ist im briefe nur beiläufig erwähnt, im dialog fült
dieselbe den langen monolog, der denselben eröfnet, der auch zugleich
eine sehr ins breite gehende ausspinnung des einfachen biblischen bericli-
tes vom Sündenfalle enthält. Dort trägt Abel sein glaubeusbekentnis
im zusammenhange vor, hier wird ihm stück für stück abgefragt wie
im confirmandenunterricht. Dort erscheinen Cains antworten nur mate-
rialistisch und rationalistisch, hier ausserdem auch noch zum teil siu-
los, wie eines schul ers, der seine aufgäbe schlecht gelernt hat.
So Hessen sich im einzelnen noch mehr Verschiedenheiten aufzäh-
len. Der hauptunterschied aber liegt, wie schon hervorgehoben, darin,
1) Vgl. s. 431 anm. 1.
KR. ALBERUS, VON DER SCHLANGEN' VERFÜHRUNG 431
(lass in dorn briete die einsetzung mehrerer stände durch gott, welches
der natürliche und ursprüngliche abschluss der fabel ist, beibehalten
wird, während sie Alber von dieser seite ganz gleichgiltig ist; seine
absieht ist offenbar die gewesen, die christliche glaubens-
lehre in populärer weise zur darstellung zu bringen. Er ver-
knüpft sie darum mit unserer fabel, die zu diesem zwecke wie geschaf-
fen erscheint, und es ist anzunehmen, dass dadurch sein werk grossen
beifall und einen weiten leserkreis gefunden hat.
Bei dieser absieht des Verfassers hat es auch einen sinn, dass an
stelle der einsetzung des Ständeunterschiedes Adams predigt getreten
ist. Jene würde seinen zweck, zu erbauen, nicht gefördert haben; in
dieser, welche das protevangelium , die erste verheissnng, zum gegen-
stände hat und nachweist, dass der satan, wenn er auch umhergeht
wie ein brüllender löwe, doch nicht mehr unüberwindlich ist und end-
lich mit dem ganzen antichristentum vernichtet werden wird, — in
dieser findet die darstellung der giaubenslehre ihren natürlichen ab-
schluss 1.
Die erhaltenen drucke des gespräches zerfallen in 2 klassen.
1. Originalausgabe Albers vom jähre 1541.
2. Doppelte bearbeitung des gespräches durch magister Leonhard
Jacobi aus Nordhausen vom jähre 1544 und 1553.
Nr. 1 ist in zwei exemplaren erhalten, von denen sich das eine in
Zwickau, das andere in der kleinen, aber wertvollen samlung der kir-
chen-ministerial-bibliothek zu Celle befindet, welche es mir zweimal
in freundlichster weise überliess, das erste mal durch gütige vermit-
lung des herrn gymnasial -directors dr. Ebeling daselbst. Der folgende
textabdruck ist eine genaue widergabe desselben 2. Die ausgäbe ist
gedruckt in Berlin durch Hans Weissen a. 1541.
Die erste bearbeitung des Originals durch magister Leonliard
Jacobi aus ISTordhausen führt den titel: Ein Gesprech, Yon der
verfuhrung der Schlangen vnd der gnade Christi vnsers
1) Eine recension der Jaroliischen bearbeitung vom jähre 1553 (s. unten s. 434)
in den Unschuldigen uachriehteu 1727, s. 1224, deren nachweis ich herrn prof. dr.
Ilertel in Magdeburg verdanke, tadelt, dass der Luthersche katechismus von wort
zu wort widergegeben sei; auch „schicken sich etliche . . hier gebrauchte Forniuln,
als vom Gassen lauffen Cains nicht." Die gelehrten der Unsch. nachr. halten .lacobi
für den Verfasser des gesprächs; Albers name ist ja auch vom titel ganz verschwun-
den imd erscheint nur in der vorrede.
2) Weggelassen ist, weil mit dem gespräch gar niclit zusammenhängend, das
angehängte stück: Frag vnd antwort für die Kinder, wenn sie zu des lleri'n Abend-
mal gehen wollen.
432 MATTHIAS
Heylands, zwischen Gott, Adam, Ena, Abel, vnd Cain. Eras-
mus Alberus. Ein Auslegung, vber die obgenielten Namen,
einem Erbarn vnd Wolweisen ßatli, der Keyserliclien Stadt
Northausen, zu Ehrn in Druck gegeben. Durch M. Leon-
hardum Jacobi, Northusianum. 32 bl., am schluss: Zu Erffurd
Trückts Wolffgang Sthürmer, Zu dem buntten Lawen, Bey
S. Paul. Die vorrede ist unterschrieben: Geben zu Northausen,
aus dem Steinbackhaus. Am tage Elizabeth [19. novbr.].
Anno 15441.
Dieser Leonhard Jacobi, über dessen leben und Schriften wir
in der Zeitschrift des Harzvereins für geschichte und altertumskunde,
21. Jahrg. 1888, 2. hälfte, ausführlicher berichten, war ungefähr 1515
in Nordhausen geboren, wurde 1533 in Erfurt immatriculiert, wo er
sich wahrscheinlich auch die magisterwürde erwarb, sodann 1539 und
1540 als Schulmeister im tal Mansfeld und Halberstadt tätig, endlich,
nachdem er vertretungsweise in Nordhausen ein pfaramt verwaltet und
in Wittenberg durch Luther die Ordination empfangen hatte (c. 1543), als
geistlicher kurze zeit in Laucha a. d. Unstrut (1544/45), dann an der
Ulrichskirche in Magdeburg (1546 — 48), endlich an der Stephanikirche
in Calbe a. d. Saale angestelt, wo er nach 1553 an der pest gestorben
zu sein scheint. Er war unermüdlich für die ausbreitung der evange-
lischen lehre durch wort und schrift tätig — wir kennen von' ihm aus
der zeit von 1544 — 53 nicht weniger als 16 werkchen, zum teil gelehrt -
theologisclien Inhaltes — und erwies sich vor allem in verschiedenen
kritischen lagen seines lebens als einen mann von hohem mute, der
seiner Überzeugung, der erkanten Wahrheit des evangeliums, amt und
freiheit unbedenklich zum opfer brachte und in den schweren tagen
des Interims mit grosser energie und hoher wärme die reine, unver-
fälschte lehre in mehreren Schriften verteidigte.
Seine tätigkeit an unserm dialoge aber besteht in folgendem: An
die stelle der Alberschen widmung sezte er eine neue vorrede, in wel-
cher er das buch dem rate seiner Vaterstadt zueignete. Sodann zer-
legte er das im original zusammenhängende gespräch in zwei teile,
deren erster den monolog der Eva und ihr gespräch mit Adam bis zu
den Worten: „wie sol ich dirs jmermehr voldancken?" deren zweiter
aUes übrige enthält. Jedem von beiden teilen folgt eine ausführliche
„auslegung", in welcher, unter anführung zahlreicher bibelsprüche und
1) Einziges exemplar in der Leipziger uiiivcrsitätsliiltliotliek, von wo es mir
freundlichst zugesendet wurde.
ER. ALBEKUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜIIRTTNG 433
stellen aus den vätern, das gespräcli erläutert und Adams, Evas und
der kinder verhalten und beispiel für das altägliche leben nutzbar
gemacht wird. Am schluss folgt die kinderlehre. Der text weicht von
dem ursprünglichen nur unerheblich ab.
Von dieser ausgäbe erschienen in Nürnberg zwei nachdrucke, der
eine bei Friedr. Gutknecht ohne jähr, der andere bei Valentin Neuber
1559, jener in Celle, dieser im besitz des herrn oberbibliothekars
dr. E. Köhler -Weimar, der ihn aus Maltzahns bücherschatz erwor-
ben hat.
Beide tragen den titel: Ein Gespräch, von der verfürung
der Schlangen vnd der Gnade Christi vnsers Heilandts, zwi-
schen Gott, Adam, Ena, Abel, vnd Cain. Erasmus Alberus.
Ein Ausslegung vber die obgemelten Namen. Durch M.Leon-
hardum Jacobi, Northausianum. 32 bl. 8.
Auch im texte stimmen beide miteinander fast buchstäblich
überein.
Die abweichungen der nachdrucke von dem Leipziger exemplar
sind teils unabsichtliche oder unwilkürliche, veranlasst durch nachläs-
sigkeit der setzer, teils absichtliche, indem zuweilen stellen weggelassen
worden sind, die sich gegen die katholische kirche richteten. So ist
z. b. im Alberschen texte die stelle weggeblieben, an welcher Abel von
der Unwirksamkeit der guten werke, sünde zu vertilgen, spricht [s. 456],
in der auslegung fehlen beispielsweise die klagen, dass die evangeli-
schen von den heillosen papisten angriffe zu erdulden hätten, ferner
die überaus heftigen, vor den stärksten ausdrücken nicht zurückscheuen-
den angriffe gegen die katholische messe.
Nimt man hinzu, dass auch die stark polemischen einleitungen
Albers wie Jacobis fortgelassen worden sind, so wird man nicht fehl
gehen, wenn man vermutet, dass bei beiden ausgaben buchhändlerischo
Spekulation im spiele gewesen ist, welche durch beseitigung solcher
den anti- katholischen Standpunkt der beiden Verfasser gar zu deutlich
zum ausdruck bringenden stellen den nachdrucken des an sich mass-
voll und verhältnismässig unparteiisch gehaltenen schriftchens womög-
lich auch in nicht- evangehschen leserkreisen eingang verschaffen wolte.
Acht jähre später veranstaltete Jacobi, damals pfarherr in Calbe,
eine neue ausgäbe dieser seiner bearbeitung, welche er dem rate von
Halberstadt widmete. Er versah sie mit einer neuen einleitung (unter-
schrieben mit der jahrzahl 1552), nach welcher das gespräch im Zusam-
menhang folgt, nur sind die beiden teile der ersten ausgäbe noch in
kapitel eingeteilt in folgender weise: Das erste Tiieil dises Gesprechs.
ZElTSniKIFT F. DKUTRrilE PIIILOLOlilR. BO. XXI. 2o
434 MATTHIAS
Caput primiim; Caput secuiidiim. Das ander Theil dises Gespreclis.
Caput primmn usw., indem zugleich von jedem kapitel in der Über-
schrift kurz der inhalt angegeben wird. Die völlig umgearbeitete „aus-
legung", Avelche, ebenfals im Zusammenhang, dem gespräche folgt,
schliesst sich jener einteilung genau an, nur dass das 2. kapitel des
andern teiles, sowie Adams predigt keine auslegung haben. Die kin-
derlehre fehlt überhaupt.
Der Albersche text ist in dieser neuen ausgäbe ziemlich wilkür-
lich behandelt und vielfach „gebessert." Jacobi hat eben das fremde
werk, welches er zum zw-eiten male herausgab uud mit dem er sich
verwachsen fühlen mochte, der sitte seiner zeit gemäss, wie sein eig-
nes behandelt und nicht nur einzelne, ihm unpassend erscheinende
werte und ausdrücke, sondern oft ganze sätze durch Verkürzungen oder
Zusätze oder Umschreibungen verändert, und zwar oft an stellen, wo
der Albersche text dessen gar nicht zu bedürfen schien. Im dem fol-
genden abdrucke sind die wesentlichen abw^eichungen am fusse jeder
seile angegeben.
Yon dieser zweiten bearbeitung gibt es eine ganze reihe von exem-
plaren, die alle widerholungen der ersten ausgäbe von 1553 sind, wie
daraus hervorgeht, dass die einleitung in allen die jahrzahl 1552 trägt.
Der titel lautet in dieser neuen bearbeitung: DIALOGVS Das
tröstlich vnd lieblich Gespreche, zwischen Gott, Adam, Ena,
Abel, vnnd Cain, von Adams fall vnd Christi erlösung, mit
besonderm vi eis gebessert, gemehret vnd ausgelegt, Vnd
einem Erbarn, Avolweisen Radt zu Halberstadt zu ehren in
Druck gegeben. Durch M. Leonhardum Jacobi Northusia-
num Pfarherrn zu Calbe. Auf der rücksei te des titelblattes zwei
bibelsprüche. Am schluss: Gedru,ckt zu Leipzig, Durch Jaco-
bum Berwald, Avonhafftig in der Nickelsstrassen. M. D. LIII.
G8 bl. octav. Die vorrede mit der Jahreszahl 1552.
Das in Dresden befindliche exemplar, welches mir die biblio-
theksverwaltung bereitwilligst zur Verfügung stelle, ist in einem schö-
nen, mit goldschnitt versehenen pergamentbande vereinigt mit drei
Lutherschen Schriften (darunter der kleine katechismus) und V. Die-
trichs Einfeltigem vnterricht, wie man das Yater vnser beten sol; auf
den zwei ersten, leeren blättern des bandes steht von Melanchthons
eigner band: Paulus zu den Colossern Die rede des Herrn Christi soll
in Euch Reichlich wohnen in aller w-eisheit. vnd ihr sollt euch vnter-
einander leln-en vnd erinnern Diser spruch gebeut das wir alle gottes
wort offt sollen hören, oder selb lesen, vnd ist gewislich war. Wo
ER. ALBERUS, VON' DER SCHLANGEN" VERFÜHRUNG 435
gottes Wort wohnet, das ist, avo gs im herrzen betracht vnd mit glaw-
ben angenomeü wirt, im selbigen heiTzen wohnet Gott wesentlich vnd
krefftiglich, gibet trost hiilpf vnd ewige selikeit. Scriptum manu Phi-
lipp!. Dieselbe ausgäbe auch in München und Wolfenbüttel i. In "Wei-
mar 2 exemplare, das eine aus derselben druckerei vom jähre 1555,
aus Gottscheds bibliothek stammend, das andere, ohne angäbe des
druckortes und druckers, vom jähre 1559. Endlich drei exemplare
aus demselben jähre von Jac. Berwald, befindlich in Göttingen, Celle
und in der turmbibliothek zu St. Andreas in Eisleben.
Unbekant sind mir zwei von Draudius aufgezählte ausgaben ge-
blieben, die eine ohne jähr, gedruckt bei Henning Gross in Leipzig,
die andere vom jähre 1604, gedruckt von Heinr. Birnstiel in Erfurt;
endlich das in den Unschuldigen Nachrichten recensierte exemplar (Wit-
tenberg 1553, 8. 7 bogen).
Von der Sclilangen
Terfüruiig-, viid Gnade Cliristi
Yusers Heilands, Ein aesprecli
zwiselien Grott, Adam, Eua,
Abel, Cain.
Erasmus Alberus.
(Wappen)
Gedruckt zu Berlin, M. D. xlj.
Der diirchleuchtigsten hochgebornen Fürstin und Frawen, Frawen
Hedwigen-, Gebern aus Königlichem stamm zu Poln 2C. Marggreffin
zu Brandemburg Chuifurstin, zu Stettin, Pomern, der Cassuben, Wen-
den, Vnd in Schlesien, zu Crossen Hertzogin, Burggreffin zu Nurm-
berg, Ynd furstin zu Rügen, meiner gnedigsten Frawen.
DYrchleuchtigste Hochgeborne Furstin Gnedigste Fraw, Die Christ-
liche Ritterschafft liat in jrem Artickelsbrieff kein höhern Artickel,
denn diesen,
Der glaub an Jhesum Christum macht allein gerecht
und selig.
Mit diesem Artickel schlagen die Christen jre feind zuboden, nemlich.
Teuffei, tod, sund, hell, vnd alles vngluck, vnd ist vnmöglich, das diese
feinde der christlichen Ritterschafft obligen künden, wo sie sich an die-
1) Nach freundlicher angäbe der herreu dr. Joh. B ölte -Berlin und laudes-
archivar dr. P. Zimmermann-Wolfenbtittel.
2) Schwester k(3uig Sigismuuds vou Pöleu, geniahliu Joachims IL Hector.
28*
436 MATTHIAS
sen Artickel lielt, das bezeugt auch S. Johannes, da er spricht, VNSER
GLAYB ist der sieg der die Welt vberwindt^
Darumb werden wir auch von diesem heubtartickel, CHRISTEN,
oder Christgleubigen genennet, Ynd in diesem Artickel lest sich Gott
auffs aller klerlichst mercken, wie lieb er sein Christenheit hab, Denn
nach dem der Teuffei vnser liebe Eltern, ADAM vnd EYA verfurt,
vnd vberredt hatte, das sie Gottes gebot faren Hessen, Ynd dem Satan
gehorchten, dadurch sie vnd alle jr erben, des Teuffels eigen, vnd wol
sein arme Leut^ worden sind, Ynd wie der selb vnser herr war, also
niusten wir auch sein-^. Die weil er aber ein Fürst der finsternis vnd
des hellischen fewers ist. So kundt er es vns freilich nicht besser gün-
nen, denn er es selbst hatte, darumb musten wir auch hellebrennen ^,
und kinder der finsternis ewiglich sein, bis das sich unser lieber Herr
Gott vnsers elends erbarmet, Ynd vns verhies seinen lieben Son Jhe-
sum Christum, der vns widerumb von der Teufflischen gewalt erlöset,
welchs auch (Gott sey lob vnd danck gesagt) geschehen ist, daher denn
dieser hoher Artickel sein vrsprung hat, das wir bekennen.
Allein der glaub an jhesum Christum macht vns selig.
Das ist. Wir glauben, das vns armen verdampten Leuten niemand das
ewig leben verdienet hat, noch verdienen kundt, denn Christus vnser
lieber Herr, der hat vns mit seinem blut thewer erkaufft 2c. Darumb
wir billich auch nach unserm Erlöser, Christen geneunet werden, denn
wir sind Gottes Erben vnd miterben Christi, welcher auch darumb
mensch, vnd also vnser bruder worden, Das ist nu die grosse vnd
vnaussprechliche lieb, die vns Gott Yater, durch Jhesum Christiun
bewisen hat, Ynd aus dieser Yeterlichen vnd brüderlichen lieb Gottes
Vaters vnd seines Sons Christi fleust dieser hoher Artickel, ALLEin
durch den Glauben an Jhesum Christum macht vns Gott Yater selig.
Als aber vnser lieber Herr Gott vater seer wol wüste, das den
Satan gar vbel verdross, das vns Christus von seiner tyranney erlösen
solt, das einer der grösser vnd stercker ist denn er, vber jn komen
solt^, jn vberwinden, vnd seinen hämisch nemen, darauff er sich ver-
lies, vnd den raub aussteilen 2C. Sagt er zuuor, das der zornige Satan
Christo würde in die fersen stechen, daher der Satan, gedachtem vn-
1) Äi/i rande 1. Joli. 5. (v. 4).
2) jemandes arme leiit sein, schon iiihd., jcuuiud Untertan, von jemand
ahliüncjig sein.
3) Wie der iierr, so der Inicclit.
4) Bei Grimm, Wb. IV, 2, 1744 mir das jJart. liüllbrennend.
5) Am rande 1. Joli. 4. (v. 4); Luc. XI. (v. 21. 22).
M .
ER. ALBERUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRUNG 437
serm crbartickcl nie hold werden kund, wird auch fiirtliin den selben
zuuerfolgen nicht anffhören bis an der Welt ende. Aus welchem giff-
tigen des Satanas zorn entsprungen sind souiel ketzereyen, so viel Ver-
folgung, vnd blutvergiessens, von der zeit her da Gott vater vns sei-
nen Son im Paradeis verheissen hatte, bis auff diese zeit, vnd der
Verfolgung kein auffhörens zuhoffen bis an jüngsten tag, Ynd (wie
Gott vater zu Christo im CX. Psalmen spricht) bis ich deine feinde
zum Schemel deiner fusse lege. Vnd wie Sinieon sagt, das Christus
ein zeichen sey, dem man widerspricht, also gehets noch heutiges tages,
das dieser Artickel, DER GLAYB AN Jhesum Christum macht allein
frura, gerecht vnd selig. Kein friden für dem Satan vnd seinen die-
nern hat, dem müssen sie kurtzumb widersprechen, vnd lügenstraffen.
Darumb der Satan bald im anfang, Adams erstgebornen Son den
Cain, erreget wider den Abel, das er jn erschlug, allein dieses Artickels
halben, Wider disen Artickel hat sich der Satan gesetzt mit dem Kel-
ber Gottsdienst vnd so mancherley tollen, vnnd gleissenden wTrcken,
damit Er durch seine falsche Propheten furgab, Wer solche werck vnd
vermeynte Gottsdienst auffricht, der würde dadurch selig, Ynd diese
falsche werck lere so hefftig treib das auch etliche so vnsinnig worden,
vnd jre eigen kinder der meinung opfferten vnd schlachten, als ob sie
durch solch werck das ewig leben verdienten.
Wenn denn Gott einen Propheten erweckt, der diese grewel
strafft, vnd den rechten glauben predigt, der must flux ein ketzer vnd
auffrhürischer gescholten werden, Ynd sind der selben Propheten frei-
lich wenig mit dem leben daruon komen, wie S. Steffan zeugt, da er
zu den Phariseern sprach i, Ir halstarrigen vnd vnbeschnitten an hertzen
vnd obren, jr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie ewer Yeter,
also auch jr. Welchen Propheten haben ewer Yeter nicht verfolget,
vnd sie getodt? die da zuuor verkundigeten die zukunfft des Gerechten
(das ist Christi) welchs jr nu verrheter vnd mörder worden seid 2c.
Ynd dis hatte S. Steffan kaum ausgeredt, als er auch des offtgedachten
artickels halben gesteinigot werden must. Demnach sind die lieben
Aposteln und vnzelich Christen verfolget vnd erwürgt worden. Dieses
Artickels halben wird die Christenheit noch heutiges tags gehasst vnd
verfolgt von den Turcken, Juden, Papisten, Widerteuffern, vnd allen
falschen Christen, denn diese alle lugenstraffen diesen Artickel, vnd
wollen Christum nicht lassen vnsern Jhesum, das ist vusern Seligmacher
sein, Sondern ein jgiiche sect bringt jre werck herfur, Avelchen sie die
1) Am randc Acto. 7. (Y. 51. 52).
438 MATTHIAS
Seligkeit zu schreibt, Ynd auff das sich ja niemand dnimb erger, ^veil
dieser Articljel so viel Widersacher, ja den meisten vnd besten teil der
weit zu feind hat, so ist solchs zuuor durch Gott im Paradeis verkün-
diget w^orden, das der Satan des Weibs samen in die fersen stechen
werde. Denn dieser Artickel solt wol verfolget werden, aber doch (weil
Christus der Schlangen kopff zutretten solt), obligen, Darumb alle Chri-
sten diesen Artickel, dauon sie den herrlichen vnd himlischen namen
haben, das sie Christen heissen, in grossen ehren halten sollen, vnd
mit höchstem vleis wider den Satan vnd seine Trabanten vnd hellischem
kriegsvolck, verteidigen, ja leib vnd leben vnd alles drüber wagen,
denn wo sie jnen diesen Artickel nemen lassen, so haben sie das feld
schendlich verlorn, vnd sind des Teuffels ewiglich, nicht das man nicht
auch vber andern Christlichen artickeln halten sol, Sondern wer diesen
Artickel in ehren helt, der wird gewislich die andern so aus diesem
fliessen, auch nicht verachten. Wer aber diesen artickel verleuret, der
wird von den andern nur die hülsen, vnd ein eusserlichen schein be-
halten, oder gar ein roher mensch werden.
Das diesem Artickel der Satan so feind ist, des ist er nicht zu-
uerdencken. Denn dadurch wird jm sein hellischer kopff zutretten,
Darumb auch der zornig Satan am negsten zu Wurms durch sei-
nen lieben getrewen Doctor Ecken, seine Hellischc flammen von sich
geschossen, vnd gesagt hat, Jr Lutherischen habt nichts mehr für euch,
on den losen vnd laussichten Sprucli, SOLA fides iustificat, damit
behclfft jr euch, vnd pocht die gantze weit 3C. Da sihet man, wo der
Teuffei ist. Desgleichen redet auch ein mal der Satan durch einen Ju-
den, Es sind so viel mord geschehen, die doch verriebt vnd verschwie-
gen sind, aber des tods Christi mus man stets gedencken, dauon haben
ia die Christen viel von zusagen, zu predigen, zu singen 2C. Denn
der Teuffei fület wol, was jm durch den Glauben an dem tod Christi,
für ein abbruch an seinem reich geschieht. Wir aber dancken Gott
hertzlich vmb diese bekentnis des Satanas, durch den losen D. Ecken,
vnd den laussichten Juden, auch das verlorn kind Ischarioth Witzeln,
des Bapst Esells Schmeichler, Denn dadurch werden wir vermanet bey
diesem Artickel destvester zuhalten, vnd jn destlieber zuhaben, eben
vnd sonderlich darumb, weil jm der Satan so feind ist.
Weil ich nu auch ein armes glid der Christlichen heersclmr bin,
vnd mich derhalben gegen diesem tröstlichen Ai'tickel, da vns all glück
vnd heil vnd die ewige Seligkeit her kompt, gern danckbar erzeigen
wolt, so hab ich, zu dem, das ich vormals diesen Artickel, Avider
Ischarioth Witzeln, Apostaten vnd Mameluken, meines geringen ver-
ER. ALBERUS, VON DKK SCHLANÜEN VERFÜHRUNG 439
mügcns, mit der Heiligen Schrifft verteidiget hab^, auch dis Gesprecli
geschrieben, vnd darin angezeigt, Avie von Adam an, bis auff diese
zeit, vnd furthin bis an den jüngsten tag, nie kein mensch durch etwas
anders denn durch den glauben an Jhesum Christum selig worden sey,
vnd furthin sein wird, Vnd wie S. Peter klerlich sagt^, das in keinem
andern heil sey, auch kein ander name den menschen gegeben, darin-
nen wir sollen selig werden, denn durch den Griauben an Jhesum
Christum, hab auch angezeigt, das gleich wie Abel dieses artickels hal-
ben, für dem mörder Cain kein rüge hatte bis er jn erwürget, also
werde die Christenheit dieses Artickels halben kein friden haben, bis
an der weit ende, Gott dem Herrn aber sey lob vnd danck gesagt,
das ob wol der Abel von des Cains band erwürget ist, doch Abel far
Gott in vnd durch Christum lebt, vnd Gott nimpt sich des Abels an,
vnd sein blut ist thewer geacht für jm^, vnd ist dieser artickel, darumb
Abel erwürget ward, dennoch in der weit blieben, und noch wol für
den Cainischen bleiben wird, Daher wir auch gleuben vnd bekenneu,
Ein Christliche Kirch, oder Gemein der Heiligen, Ich habe die vrsach
vnd argument dieses Gesprechs gezogen aus der schönen Epistel, so
D. Philippus Melanch. an den wolgebornen Herrn vnd Grauen, Herrn
Johansen von Weda geschrieben hat*.
Die weil nu E. F. G. auch in die Christliche kirch gehört, vnd
den offtgemelten artickel des Glaubens an Jhesum Christum mit vns
bekennen, ia E. F. G. gemahel M. G. H. Leib vnd Leben, Land vnd
Leute, vmb dieses Artickels willen wagt, Ynd mit dem Ixxiij Psalm
zu Christo spricht, "Wenn ich nur dich hab, so frage ich nichts nach
Himel vnd erden, "Wenn mir gleich leib vnd seele verschmacht, so
bistu doch Gott allzeit meins hertzen trost vnd mein teil. Denn sihe,
die von dir weichen, werden vmb komen, du bringst vmb alle die
wider dich huren, aber das ist mein freude, das ich mich zu Gott
halt ;c. So habe E. F, G. ich, als meins G. H. vnd Churfurst. vnter-
theniger diener, dis Buchlin zu einem newen seligen jar zugeschrieben,
vntertheniglich bittende, E. F. G. weiten jr diese meine geringe ehr-
erbietimg nicht raisfallen lassen, E. F. G. seien vnserm lieben Herrn
Christo vnd dem wort seiner gnaden befolhen, Prima Januarij. An.
M. D. xlj. E. F. G.
Untertheuiger
Eras. Alb.
1) Siehe oben s. 423. 2) Am rande Acto. 4. (v. 12).
3) Am rande Ps. 72. (v. 14).
4) Siehe oben s. 427 fg.
440 MATTHIAS
E8 ist kein zweiuel, das vnser liebe Altmutter Ena sich
jres falls, vnd Göttlichen gebots vbertrettiing offt vnd seer
bekümmert habe, vnd jr solclie sunde offt eingefallen sey.
Demnach hab ich in diesem Dialogo Euam zum ersten
also eingefurt, das sie sich beklaget, wie nachfolget. 5
EVA.
Ah Gott von Himel, wie hab ichs so vbel ausgericht. Ah ich
armes vnseliges weib, wie hab ich meinen frumen Man, vnd alle
vnser Erben so jemerlich verderbet i. Ah lieber Gott solt ich ge-
dacht haben, das ich so vbel thet, da ich ass von dem Baum des
erkentnis gutes vnd böses 2? Gab mir doch die Schlange so gute, 10
süsse ^ wort, als ich dergleichen nie gehört hatte, Solt ich gedencken
das der leidige Satan durch die Schlange redet ■^P 0 du schal ck-
liafFtiger Satan, 0 du listige schlang, was^ hastu mich vnd meine
arme*^ Erben gezigen'^? Ich^ war der Schlangen so wol gewonet,
das ich mich solcher schalckheit^ zu jr nimermehr versehen hette. 15
0 du böser Belial, habe ich dich nu gelernet recht kennen 1*^, lei-
der mit meinem, vnd meiner armen Erben greulichen schaden ^^P
Hette ich das gewust, das der Teuffei durch die schlangen redet ^-,
sie solt mich doch nimermehr verfurt haben ^^^ wiewol ich darumb
nicht entschuldigt bin^'^, Denn^^ mein frumer Hauswirt 1*' hatte 20
mir^' vnsers Hergots wort trewlich gnug furgesagt, dem solt ich ia
billig gehorcht haben, Ynd wenn schon ein Engel vom Himel komen
were, vnd mich änderst geleret hette 1^, so^'* solt ich jm doch nicht
gefolgt haben, aber was solt ich thun? Mein lieber Man hielt mir
1) so vbel fürgestauden. 2) Das das so vbel getban were. Das icb von
dem Baum des erkentnis gutes vnd böses esse? 3) süsse, glate (gute fehlt).
4) reden köndt? 5) wie 6) fehlt 7) verfüret vnd so schendtlich l3otrogen'?
8) Ach ich 9) vnd betrug 10) recht gelernct kennen 11) leider mit mei-
nem, meines lieben Mannes, vnd aller meiner armen Erben greulichem verderb vund
schaden. 12) hette reden wollen 13) Es solt dahin nicht, wie leider geschehen
ist, sein komen, die Schlaugen solte mich nicht so vberredt ^^ld verfüret haben
14) Doch aber, bin ich darumb nicht entschuldiget, 15) Denn es hatte mir
16) Hauswird, Adam 17) hatte mir fclilt. 18) hette leren wollen 19) so fehlt.
Z. 1. Die randbcvierl;H)i(jen (entircder bihelstelleu oder kurze angäbe des
inhaltes) sind -im folr/endcn, tceil unicesentlich, fortgelassen. 9. des: In dieser for-
mel ist das /rort, dessen geschlecht sonst zn-ischen f. 1/. n. schwankt, im 16. jh.
immer neutral, sowie unflektiert gehraucht worden, s. Grimm, wb. III, 870.
14. gezigen: arguere? hat hier keinen rechten sinn, daher tcol Jacobis änderung.
ER. ALBKRUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRUNG 441
Gottes befelch ernstlich gniig für, vnd warlicli er meinet mich mit
sonderlichen trewen^ aber ich weis nicht, wie ich mir der schlan-
gen süsse wort so wol gefalln vnd mich mehr bewegen lies 2, weder
meines lieben Adams ernstliche rede, die er doch von gantzem
hertzen zu mir sagt^ Ich arme nerrin meinet flux^ meiner einfei- 5
tigkeit nach, was die schlänge saget, das were köstlich ding vnd
eitel gülden berge ^, Ej wie ein listiger Bösswicht mus doch der
Satan sein, denn Avere der schalck in seiner eigen gestalt komen,
so hotte ich mich doch künden fiir jm hüten •^, Weil er aber mit
so freundlichen geberden solche schöne, liebliche rede furgab, ge- 10
dacht ich meiner cinfeltigkeit nach'', nicht anders, denn ia were
ia, vnd nein, nein, Ynd meinet ich liette vielleicht meinen lieben
Hauswirt nicht recht verstanden'^. Ey (sprach die schlang) solt
Gott das gesagt haben, das jr sterben werdt, wenn jr von der
schönen lieblichen frucht esset, Meinstu, das die meinung habe? 15
Solt jr so töricht sein, vnd solchs^ gleuben, Ir werdet traun nimer-
mehr des tods sterben, ia ich darff euch das mit der warheit zusa-
gen ^0, Ynd Gott weis selbs, der sol auch mein zeuge sein, das,
welchs tags jr von der feinen lieblichen frucht esset, so werden
ewer äugen wacker sein, vnd werdet sein wie Gott, Ynd wissen 20
was gut vnd böss ist, so weit feilets noch, das solcher Baum den
tod wircke, Solt^^ ein solche schöne frucht tödlich sein 12? Ah jr
arme Leute das jr so töricht seid, Jr da wert mich, das jr so vnuer-
stendig seid, vnd von^^ der allerschönsten frucht nicht essen wolt,
die doch Gott euch^^ zu gut geschaffen hat, Warzu^^ solt Gott den 25
1) Mein lieber Manu meinets Avarlicli mit mir gautz trcwlicli, hielt mir den
befehl Gottes von der verbotenen frucht des Bawms ernstlich genug für . 2) vnd
mich dadurch, so schendlich betricgeu lies. 3) weder meines lieben — sagt fehlt.
4) Statt flux: niclit anders 5) meiner einfeltigkeit nach, Das es eitel köstlich
ding Yund eitel güldene berge weren, Das die Schlange zu mir saget. 6) hüten
vnnd fürsehen. 7) meiner — nach felüt. 8) nein, meinet auch das ich
meinen lieben Hauswird nicht recht verstanden hette. 9) Statt Meinstu — solchs:
Ey wie seid jr so töricht das jr solches möget 10) mit warheit sagen 11) Ey
solt 12) frucht den Todt geben? 13) seid, vnd dauret mich gleich ewer gro-
ber vnuerstand, Das jr von 14) vmb eweren willen, euch 15) denn warzu
•
Z. 1. meinet mich mit — trewen: jemand meinen in der bedeutuny es auf
einen absehen, sonst nur in feindlichem sinne , daher mit xusätxen, wie: übel, mit
ernst, daher wol auch Jacob is ändcrung. 3. ^'eder — sagt: ich Hess der
schlant/en süsse worte mich mehr bewegen, als (= weder) Adams rede; dieser
Schwierigkeit wegen von Jac. weggelassen. 15. das es? 21. feilets: feilen,
im 16. jh. ganx gewöhnliche form für fcJilcn, )nlul. vaelen, velcu, vuleu.
442 MATTHIAS
Baum anders haben wachssen lassen i, denn das jr dauon esset?
Es essen je^ die Engel nicht dauon, So darff unser Herrgott sein^
auch nicht, Wer isset denn* billicher dauon denn jr^, als vmb wel-
cher willen er geschaffen isf? Auch ists' ein vngereimet ding,
das euch Gott sonst alle beume'' erleuben solt, vnd eben den schön- 5
sten verbieten, das were^ ein zeichen, das er euch nicht lieb hette,
so doch Gott voller ^0 lieb ist, vnd ist kein hass in jm^^ Darumb
liebe Schwester sey^^ getrost, vnd bekümer dich gar nicht, gedencke
auch nicht ein mal dran, das solche schöne frucht den tod bringe,
Solt ein frucht im Paradeis tödlich sein^^, so müst es ein andere 10
sein, diese kan es w^arlich nicht sein, Sihe sie lacht doch^'^ einen
an, so lieblich ist sie, Solt das^^ ein zeichen des zorns vnd tods
sein? Das ist nimermehr möglich ^'^, Wer solt gedencken, das solche
schöne 1^ wort vom Teuffei kemen? Ah lieber Herr Gott, so werd
ich nu^^ allererst (leider allzulangsam ^^) klug, mit meinem, vnd 15
aller meiner Erben vnvberwindhchen schaden, die ich zuuor leider
durch des Teuffels radt klug werden wolt'-"^.
Nu ist es wol war, das vus der liebe barmhertzige-^ Got
zugesagt hat, Des-"^ Weibs samen sol der Schlangen den kopff zu-
treffen ^s, Welcher zusag mein lieber Adam, Ich-* vnd-'^ mein lie- 20
bes Abeichen 2", Vns in allem vnserm trübsal trösten (denn der lei-
dige Cain, das böse kind fragt nichts darnach 2-) Denn wir wissen,
das war durch solche zusag, an Gott einen gnedigen barmhertzigen
Yator haben, der vns, vnd vnsern^s Erben, so sie auch^» gleich
wie wir, an den verlieissenen des Weibs samen, gleuben werden, 25
1) gepflauzet, wachsen vnd fruchte tragen lassen 2) ja 3) sein
nach daiif 4) denn nu 5) denn eben jr 6) ist worden gescliaffen.
7) Dazu ists auch 8) Bewmc im garten 0) were je 10) die liebe
selber, viind voller liebe 11) vnd weiss von keinem hass. 12) sey nur
13) statt vnd bokümer — sein: las dich deshalben nicht bekümmern noch anfech-
ten, nim es doch nur in sinn nicht, das solche schöne liebliche frucht könne
den Todt bringen, Solte aber eine frucht im Paradeis sein, die den todt mit sicli
brechten, 14) gleich 15) solte sie IG) sein, ist nimer mehr müghch. 17) glatt r-
süsse 18) so fehlt; nu werde ich 19) sam fehlt. 20) die ich zuuor diu'ch
des Teuifels Radt vnd eingeben gedachte klug zu werden. 21) gütige, Barmher-
tzige liebe 22) Das des 23) Darnach das ist, Er wil einen senden vnd geben,
der Ton einem "Weibe sol geboren Averden, Derselbige sol sich widerumb an dem
Teuffei rechen, von wegen des grossen Schadens, den der Teuffei durch die Schlange
im Paradiss hat angericht. 24) ich vor mein lieber 25) Statt vnd: Desgleichen
26) mein lieber Son Abel 27) böse vngehorsame kind, achtet des alles nichts
28) vnsere nachkomende 29) fehlt.
Z. 2. je: über den ivcchacl conjc und ]a «. (Jriinin, ah. IV, 2, 2278. darff: bedarf.
EK. ALBKRUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRUNG 443
das ewig- leben gewislicli geben wird, aber nichts dcstweniger müs-
sen wir arme leute vnter des manclierley^ aufechtung vnd zuletzt
den bittern tod leiden, welches ^ nimermehr geschehen were wo
ich bey Gottes wort fest gehalten, vnd der schlangen nicht gefolget
hette. Darzu bin ich darnach auch^ betrogen worden, in dem das 5
ich meinet S mein erst geborner Son Cain, solt der selbig'^ same
sein, so der schlangen den kopff" zutretten würde, so hat mirs lei-
der auch gefehlet, ia*^ ich befinde das^ widerspiel, das der Cain viel
mehr mit der schlangen^ dran ist, denn wider sie, denn warlich er
ist ein böss mutwillig kind, das sich nicht ziehen lassen Avil", Ynd 10
der fehll gar nicht an mir ist^", Yiel weniger an meinem lieben
Herrn ^^, denn wir keren allen fleis an, und leren vnser kinder den
Catechismum mit solchem ernst ^-^ vnd so treulich, das michs vber
die mass wundert, Avie doch alle mühe vnd erbeit^'^ an dem lei-
digen^* Cain so gar verlorn sein AviP'', Das frum Abelchon ist vns 15
(Gott lob) in allen dingen gehorsam, vnd ist ein fein Gottfurchtig
Idnd^'', Aber der Cain hat den Schalck hindern obren, vnd ist ein
hartneckichter halstarriger lecker, der jm nicht sagen lest, Das
frume kind Abelichen betet doch so gerne, abends vnd morgens,
für vnd nach essen, vnd danckt Gott so vleissig, aber den Cain 20
kan ich darzu nicht bringen, ia ich furcht nichts ^^ so seer, denn
das er mir etwa, wenn er elter ^'^ Avird, das frume Abelchin^'' vm-
bringe-°, denn er ligt jmer an jm zupfetzen-^, Vnd Avas das frume
1) viel vnd iiiancheiiey 2) A\'elches denn 3) Zu dem l)in ich. aiicli dar-
nacli 4j nachdem ich gemeinet 5) solte oder würde derselbige G) aber es
hat mir leider, alles A'nd weit gefeilet, Denn 7) allenthalben das 8) Nemlich,
Das mein Son Cain, mit der Schlangen wol 9) Statt dran ist — wil: dran ist,
geschweig denn, das er sollte wieder sie sein, Denn er ist zumal ein böse mutwillig
kiüdt, das sich nicht Avil ziehen lassen, fraget nach keiner vcrmanung oder warnung.
10) Vnnd ist in dem wai'lich der fehl, oder mangel an mir gar nicht, 11) Haus-
herren 12) Statt mit — ernst: so ernstlich 13) vleis vnd arbeit 14) schend-
lichen 15) so gar vmb sonst vnd A'erloren ist. 16) Nach gehorsam: thut was
es thuu sol, vnd ist in Summa ein feiner Gottfürchtiger knabe 17) Nach brin-
gen: es helffen bey jm weder gute wort oder straff wort, vnd fürchte nichts 18) uu
elter 19) kindt Abeichen 20) Aanbs leben bringe 21) Statt er ligt — zu-
pfetzen: Denn er ist jm feind,
Z. 23. zupfetzen ligen: 2. beisjyiel dieser schon Grimm, tch. III, 1575 in
der dunJdoi stelle Keisersberffs unverständlicli gebliebenen rede/reise (die jungen gesel-
len ligen ze fetzen), an tcelcher docii aucli schon Jacobi anstoss (/oiotjunen hat;
der sinn scheint: er reisst ihm heim raufen die Meider vom leib, bei Keiserbercj
überhaupt: raufen, dass die Ideidcr in fetzen gehen; vgl. Wich: rolhv. 23^ : Jiadern,
fetxen, raufen (Grimm a. a. o. sp. 15 76); die konstriüäion vcrinag ich auch nicht
\u erklären, so lange weitere bcispiele nicht bekant. [Es ist u'ol nicht an fetze
444 MATTHIAS
kind thiit, das taddolt der Cain i, da reifft'^ er jn, da schlegt er jn,
da trit er jn mit füssen, Vnd weil der schal ck sihet, das wir das
kind umb seiner frumkeit vnd einfeltigkeit willen lieb haben •^, so
thut er jm, vns zuuerdries, was er^ kan, vnd mus jmer dar das
arme Abelichin sein creutz tragen ^^ vnd von dem Cain geplagt 5
vnd gemartert sein, welches vns*'' nicht ein gerings hertz leid ist,
Zu'^ solchem jamer vnd elend bringt vns die vei-fliichte sclilang, das
sei Gott*^ geklaget dem Himlischen-' vater, den bitten wir^*^, das
er vns das verheissen kind geborn werden las, das^^ vns in die-
sem elend vnd mancherley trübsal ergetz, Ynd den empfangenen 10
schaden an der schlangen rechne, Gott sey lob vnd danck gesagt,
das er von vns den ewigen tod durch den verheissenen samen^-
genomen, Ynd lest es nur bey dem zeitlichen trübsal vnd sterben
bleiben, das wir nicht auch nach diesem leben mit^'^ heulen vnd
zeenklappern geplagt sollen werden, Für solche grosse wolthat sey 15
dir lieber Herr Gott lob vnd danck in ewigkeit gesagt i^.
ADAM Gott grüs dich mein allerliebstes weiblin. EVA Danck
habt mein allerliebster Hausswirt. ADAM Ey wie bin ich so müd
worden. EVA Ah die schuld ist leider mein, Warumb hab ich der
schlangen gefolget, daher vns all vnglück, all mühe vnd erbeit 20
kompt. AD. AVie sihestu so vbel liebes weiblin, Avas fehlt dir?
EVA Ah mein lieber Hausswirt, ist es wunder ^'^ das ich vbel
1) der böse buhe (^"ain 2) reiiffet 3) Statt kind — haben: kind Abei-
chen lielier haben vmb seiner frümigkeit vnnd gehorsams willen, denn jn, den Cain
4) was schalokheit vnd büberey er nur weis \Tiud 5) Vnnd mus also das liebe
Abeichen sein Creutz jmerdar tragen 6) vns denn warlich 7) Ynd zu 8) Gott
im Himcl 9) gütigen 10) wir aucli 11) Statt das er — das: Das er vns
den verheissenen des Weihes Same, hisse geboren werden, Der 12) Das er durch
den verheissenen Samen des AVcibes, von vns den ewigen Todt 13) dort mit
14) Statt Für — • gesagt: doch so ferne, Das wir an den verheissenen Samen des
Weibes gleubcn, vnd in solchem glauben bis ans ende beharren. Dz wolle vns Gott
durch denselbigen Samen verleihen vnd helffen. AMEN. Darnach: Caput Secun-
dum. In welchem Adam sein weih Euam tröstet, von wegen des Jamers vnd elends,
So der Teuffel durch, die Schlange, jnen vnnd dem gantzen Menschlichen Geschlechte
im Paradis hat zugericht. Von liier an sind nur die nrsentliehen ahieeichunfjen
angeführt. 15) Stedt ist — wunder: dünckets euch seltzam
(pannus) xn dcnhen, sondern an das rerbuin pfctzen (D. irb. VII, 1694 fg.), nrlches
tirsprl. „kneipen, stechen^', dann in übertragene») sinne „sticheln, schmähen, tadeln"
bedeutet; also: „er hört nicht auf (er lässt es sich angelegen sein), an ihm %u
)//äkrIn.'' licd.J
Z.H. rechne: diese rer/rechslnng MciscJ/en rächen (eticas an je///.) und anrech-
nen (jem. etir.) rührt irol daher, iceil 1. beide begriffe einander -verwandt, 2. weil
sclion ml/d. rechenen dnrcJi Kusam)ncn\icJiung mit rechan (rechen) gleichlautend wurde.
ER. ALBERUS, VON DER SCHLAXGEN VERFÜHRUNG 445
seile? OS were doch nicht Avunder, das ich mein leben lang nicht
frölich würde, vnd für leid stürbe, wenn ich gedencke an den greu-
lichen vnd erschrecklichen fall, damit ich vns vnd alle vnscr Erben
verderbet vnd in gross angst vnd not gebracht habe, wie kan ich
denn frölich sein? ADAM Nu wolan liebes weiblin, es were wol 5
ia nicht wunder, das wir uns drumb fressen, vnd^ zu tod greme-
teu, denn vnser vnfal nicht allein vns, sondern auch allen vnsern
Erben gilt, Doch haben wir dagegen den trost, das Gott durch des
Weibs samen, vns vnd unsern Erben, so wir an jn gleuben, vnsere
sunde ziiuergeben, Vnd nach diesem leben das ewig leben zugeben 10
verheissen hat, denn vns vnd vnsern kindern ist das verheissen.
Ist nu das nicht ein grosser trost, das sich Gott nach vnserm fall
so hertzlich annimpt, vnd wil durch den verheissen des Weibs sa-
men vnser lieber Vater sein, vnd vns behüten, vnd für vns sorgen
als- für seine liebe kinder, darumb er auch vns rocke von felln 15
gemacht, vnd dieselbige vns selbst angezogen hat, Avelchs ein merck-
lich zeichen ist der gnaden Gottes gegen vns.
Nu ist es wol nicht vnrecht, das wir vns vmb vnser sunden
willen bekümern vnd leid tragen, so fern doch, das wir vns auch
widerumb trösten lassen, durch die Gottliche zusag, dadurch unser 20
sunde vertilget werden , vnd sollen warten auff die zeit der erquickung,
denn die rew vmb die sunde on glauben ist oder bringt verzwei-
uelung, vnd ewige verdaninis.
Haben wir nu vnter des hie auff erden mancherley anfech-
tung vnd trübsal, so wissen wir doch, das vns die selbige nicht 25
allein nicht schaden, sondern auch zum besten dienen, ia dieser
zeit leiden ist nicht wert der herrligkeit die an vns so! offenbar
werden, Vnd ob wir schon (wo es Gott also gefeilt) in der weit
vnfriden haben, So haben wir doch friden mit Gott in dem ver-
heissenen Heiland, durch welchen wir auch einen Zugang haben im 30
glauben zu dieser gnad, darin wir stehen, Vnd rhümen vns der
hoffnung der zukunfftigen herrligkeit, die Gott geben wird, nicht
allein aber das, sondern wir rhümen vns auch der trübsaln, die
weil wir wissen, das trubsal godiilt bringt, die gedult aber bringt
erfarung, die erfarung aber bringt hofthung, die hoftuung aber lest 35
nicht zu schänden werden, das alles darumb, das die liebe Gottes
in vnser hertz ausgegossen ist durch den heiligen Geist, welcher
vns gegeben ist.
1) Statt fressen vnd: gleich 2) Als ein Vater
.^. 27 — 37 = Rom. V, 2 — 5.
446 MATTHIAS
Ist im Gott für vns, wer wil Avider vns sein? Wer wil die
auserweleten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der da gerecht
macht, Wer wil vns verdammen? Da ist des Weibes samen uns
verheissen, der dem Teuffei den kopff zutretten wird, Wer wil
vns scheiden von der lieb Gottes? Trübsal oder angst? oder 5
Verfolgung? oder liunger? oder blosse? oder ferligkeit? Aber in
dem allem vberwinden wir weit umb des willen, der vns zuhelf-
fen verheissen ist, denn ich bins gewis, das weder tod noch
leben, noch Engel, noch Furstenthum, noch gewalt, noch gegen-
wertiges, noch zukunfftiges , noch hohes, noch tieffes, noch kein 10
ander Creatur mag uns scheiden von der liebe Gottes, die da ist
in dem Heiligen verheissenen des weibes samen. EVA Es ist (Gott
lob) also, wie jr dauon redt, aber doch feilt mir offt ein die grosse
sunde, damit mich der Teuffei zufall bracht hat, vnd dencke offt
an den jamer, der vns daraus entstanden ist. ADAM Es ist ein 15
gut zeichen, das eim menschen seine sunde einfallen, vnd sich der-
lialben bekümmert, aber in solchem schrecken sol man nicht behar-
ren, sondern (wie ich vor gesagt) ergreiffen die gnedige zusage
Gottes mit festem glauben. Denn das ein mensch seiner sund hal-
ben erschrickt, Ist ein werck des Heiligen geistes, so fern anders 20
der mensch sich widerumb zu der gnadenreichen verheissung Got-
tes holt. Denn gleich wie ein Basilick so gifftig ist, das wer jn
ansihet, sterben mus, also gifftig ist auch die sunde, das der mensch,
der allein auff die selbige sihet, vnd auff solchem ansehen in der
Sunden beharret, vnd nicht dagegen die verheissung Gottes helt, 25
vnd sich der selbigen tröstet, so mus er verzweiueln, vnd in sei-
nen sunden sterben vnd verderben, welchs denn ein werck des
Teuffels ist, vnd nicht des heiligen Geistes, der aller blöden ^ hertzen
ein tröster ist. EVA, Ich weis auch warlich kein grossem trost
aiiff erden , denn die gnedige zusage vnsers lieben Himlischen vaters, 30
daran wil ich mich mit hülffe des heiligen Geistes halten. Wenn
ich in anfechtung fall, so halt ich mich zu Gottes wort, wie ich
denn von Euch, lieber Herr, offt gehört hab, Wolt Gott, das ich
]) betrübten
Z. 1 bis %um scJduss der rede frei nach Rom. IX, 31 — 39. 3 Da ist -
4 zutretten wird: offenbar mit bexug auf den inhalt ihres gesjrräches statt des '
bibeltextes: Christus Jesus, qui mortuus est etc. (v. 34). 28 blöden; uimdcrbar,
dass Jacobi an dem von L/idher so gerne gehrai(ehten irorfe atistoss genommen und
dass er es nicJä xutreffender ii)nsehr>cben liat , blüdo {\\\\g. : p.ividus , formidolosus)
= Kiirrfalnrn , liirr am besten: venagf.
ER. ALBERUS, VOX DER SCHLAXGEX YERFÜHRUXG 447
mich mit erst auch also gehalten, vnd ewr guten lere, vnd nicht
der schlangen falschen lere gefolget hette^ ADAM Nu liebes weib,
es ist leider geschehen. Doch sey zufriden, es ist alles vergeben,
Las vns Gott bitten, das wir furthin bey seinem Avort bleiben, das
vns sein wort süsser sey denn honig, vnd lieber denn alle crea- 5
turn, EVA Ich hab auch mit euch grosses mitleiden, vnd bin mir
selber feind, das ich nicht allein für mich gesundiget, sondern euch
auch Zufall bracht hab-. Denn wenn jr von der verbotten frucht
nicht gessen bettet, so würde es freilich kein not gehabt haben,
Ynd were noch nicht die gantze weit umb meiner sunden willen 10
verdampt worden. ADAM, Ja liebe hausfraw, das ich gesundiget
hab, das ist dir zu gutt geschehen, Sonst liette mir Gott wol ein
ander weib geschaffen, vnd du allein bettest müssen verdampt sein,
Nu aber hat sich Gott dein erbarmet, vnd mich vmb deinet willen
auch fallen lassen, Auff das er sich vuser, vnd aller vnser Erben 15
miteinander erbarmet, dar umb du Gott viel zu dancken hast. EVA,
Ah du allerliebster herr Gott vater, wie sol ich dirs jmermehr vol-
dancken^?
ADAM, wo ist Abel? EVA, Er futtert die Schaffe. AD.
Das ist recht, AYas thut denn der Leckerbub Cain? EVA, Ah lie- 20
her Gott was sol denn das vngehorsam Belials kiud thun? Ich hies
jn holtz jus haus tragen, da murret er vnd flucht mir, vnd schnur-
ret flux zum haus hinaus. Ich weis nicht wo er ist, Er schlegt sich
etwa mit den kindern autf der gassen, wie sein gewonheit ist, denn
selten ein tag vergehet, das nicht ein klag vber jn kompt. Er cpie- 25
let mir mein hertz. ADAM, Ich furcht jmer wir werden kein guts
an jm erleben, Wolan es sey Gott befolhen.
1) Darnach: so würde es, sonder zweiifel vmb vns vnd vusore Erben viel
besser stehen, denn es leider stehet, Aber doch, sey Gott lob vnnd danck für seine
gnedige verheissung, von des Weibes Samen. 2) Statt euch — hab: euch vnnd
alle menschen in solchen grossen vnüberwintUichen verderben vnd schaden, welcher
von der sünde herkomen, gefüret habe, 3) Statt Ah — voldancken: Das will ich
hertzlich gerne thun, Aber wie kan ich dem lieben trewen Gott vnd Vater gnugsam
dancken? Darnach: Das ander Theil dieses Gesprechs. Caput primum. In welchem
Adam vnd Ena mit jren zweycn Sönen, Abel vnd Cain reden, vnd wird hierin Abel
beschiieben als ein Gottfürchtiger fromor gehorsamer Son, Cain aber, als ein roher
Gottloser bube, der weder Got noch seine Eltern vor äugen holt.
ZA. mit erst: icofür jcxt dialcldisclt: ersten, = rorlter, frülirr, im 10. jh.
öfter. 2. gefolget bette: haben statt sein lehn jjrät. nach dem ii/hd. (jeljranch
in der ersten nhd. xeit alyemein.
448 JUTTHIAS
Ich liab vom Engel Gabriel Yerstanden , Vnser Herr Gott
werde zu vns komon, vnd sehen wie wir haushalten, Ynd vnser
kinder verhören, was sie im Catechismo gelernet haben, denn es
ist morgen ein Hochfest, das man opffern vnd Gottes wort hören
mus, Darumb zwag die kinder vnd strele sie, auff^ die zukuiifft 5
des Herrn. EYA Das wil ich gern thun, vnd bin hertzlich fro,
das vnser lieber Herr Gott ein mal zu vns komen, vnd vns in vn-
serm elend trösten wil, Vnd sihe, da kompt eben vnser liebes Abel-
chin. Gehe hin liebes kind, vnd sihe, wo dein bruder sey. ABEL,
Ah liebes mütterlein ich furcht, wenn ich jn heis heim gehen, so 10
werde mich der tuckmeusser schlagen 2. ADAM, Gehe hin lieber
Son, er wird dir auff dis mal nichts thun, Ynser lieber Herr Gott
wird bald zu vns komen. AB. Ey Gott sey gelobt in ewigkeit, das
der gütig Himlisch Vater zu vns armen Sundern komen wil. Ich
wil gern hin gehen, lieber Vater, und euch vnd meiner lieben nmt- 15
ter allzeit gehorsam sein, wie mir Gott befolhen hat, Schlegt mich
schon mein bruder, so werde ich dennoch in Gottes gehorsam erfun-
den, der wird mir mein kumer wol wendend Ah lieber Herr Gott,
Wo mag doch mein bruder sein? ich hab jn so lang gesucht vnd
finde jn doch nirgend, mich wundert wo er sey, Sihe doch was ist 20
dort für ein handel? Wer loufft dort her so schnei? Ah es ist
mein bruder, Er wird wider auff der gassen vnter den kindem ein
vnlust angericht haben, Sihe wie leufft er, ich besorge, er habs
vbel ausgericht, das er also eilt-^. Bruder Cain, bruder Cain, wo
1) wasche die kinder vnd kemme sie gegen 2) Staft Ah — schlagen: Ach
liehste Mutter, ich wil es gerne tliun, ich fürchte aber, wenn jch jn heisse heim
gehen, das er mich schlage. 3) Stau der — wenden: der alle ding kan zum
besten wenden. 4) Statt Silie wie — eilt: denn er leufft eilends, ich besorge,
es werde niclit wol zu gehen.
Z. 1. verstanden: in der heute nicht mehr (jehräiichlichen hedeutnng : erfah-
ren, hören. 4. das: so dass. 5. zwage — strele: beides offenbar mehr worte
der täglichen Umgangssprache , daher von Jac. gemieden, der trotx^ seiner absieht,
das Älbersehe gesprüch allen, die lesen können, xugänglic-h xii machen, dergleichen
„Verbesserungen" häufig anbringt. auff: Jac. gegen, beides gleichbedeutend: in
erivartung der xiiMmft, auf sie tvartend, ihr entgegensehend; auf so noch hcutxtt-
tage, gegen noch im, vorigen Jahrhundert gehräuchlicli. zukunfl't: des herrn, in
der bedeutung : widerkehr am, jüngsten tage, noch, heute gebräuchlich; in der bedeu-
tung: 'XU erwartende anlmnft, berorsfehender besuch, irie es hier gebraucht, längst
erstorben. 11. tuckmeusser oder tückmeuser (x. b. im dial. v. Interim v. Carl V.),
sind die von Alber mit deutlicher ajdelinuiig au fürhe gebrnuchteu fnrtueu, dock-
mauser bei H. Sachs.
KR. ALBEKl^S, VON DER SCHLANGEN VEREÜJIRUNG 449
leuffstu hin? Du solt heim gehen. CAIN, Wer ist da^? Sihe bist
dus lecker? ich dürfft dem buben auch wol ein kappen ^ geben, ich
bin wol so lustig darzu, aber ich mus des dings nicht zu viel
machen, ich habs schon auff dis mal vbel gnug ausgericht^.
ABEL, Du solt flux heim gehen, die mutter wil vns zwa- 5
gen^. CAIN Ich hab scliun jtzt auch einem gezwagen'^, mit rotter
laugen, were ich nicht entlauffen, man hett mir auch gezwagen°.
ABEL, Es ist warlich ein feiner rhum, du must jmerdar vnglück
stiö'ten, jch mein du wölst ein mörder werden? CAIN, "Warumb
nicht? ich dürfi'ts wol ein mal'' an dir versuchen. AB. Du wirst 10
mir dennoch heut nichts thun, Vnser herr gott wird bald zu vns
komen mit seinen lieben Engeln, darumb mach dich heim vnd stelle
dich auch wie ein liebhaber Gottes, denn es wird morgen ein hoch
fest sein. CAIN, Es sey hoch oder nidder, was ligt mir dran?
AB. Du must dich dennoch auch stellen wie ein Gottfurchtiger. 15
CAIN, Ich wil mich wol also stelln, vnd doch bleiben, Avie
ich bin, das kan ich meisterlich woF, Woher weistus, das unser
Herr Gott komen werde? ABEL, Der vater hats gesagt. CA.
Er bliebe mir lieber aus. AB. Warumb? Bitten wir doch in
vnserm gebet, das Gott der vater bey uns sey, vnd las vns nicht 20
verderben. CAIN, Ich habs auch offt also müssen beten, habs aber
nie im hertzen begert, ich nehm^ dis leben, vnd lies Gott sein
ewiges leben, Ich weis, wie es hie ist. Wer weis wie es dort sey?
ABEL, wie magstu doch so Gottlos sein? Furch testu dich nicht
für der ewigen verdamnis? CA. Was verdamnis? Meinstu das 25
war sey, was der vater von der hell predigt? Ich gieub nicht, das
ein hell sey. AB. Des wirstu wol gewar werden, wo du dich
1) Statt AVer — da: Wer raffet mir. 2) klappen 3) aber ich — aus-
gerielit fehlt. 4) wasclien — gewaschen. 5) Statt man — gezwagen: die iim-
gen hetten micli wider gewasclien 6) einesmals 7) Statt ich hin: voi'liin
das — wol fehlt. 8) im hertzen hetracht, ich nem
Z. 2. lecker: in der bedcutimg: schurke, schuft, nur in der älteren spräche,
u-o es gerne mit dem ()Ieichbedeittende)i hübe, dieh rei-bunden. 2. kappe: einon eine
kappe gehen, einem eins versetzen, eine namentlicli im IG. jcüirhimdert sehr beliebte
redensart, sicher durch einen sprung 'abgeleitet aus: einem eins auf die kappe
geben (s. Orimm, tvb. V, 193); das Jacob ische: klappe dagegen ist schalwort, schlag
mit der hand, dass es schalt, rein hochd. klapf; ihm erschien wol jene redensart
u-ider zu vulgär. 22 Der gravis auf dem e /;* nehm .s'V/ icol den cni/J. prciet.
andeuten: nähme, u-ünle nrlimrn. ueiiu mir die u-ahl grslell irürde. und Hess
(ivürde lasser/).
'TU
ZlilTSCHRIFT F. DKUTSCHE rHILOLOOIE. TiD. XXI. - ■-'
450 MATTHIAS
nicht besserst. CA. Sweig du grundteri lecker, wiltu mich leren?
Ich weis besser was ich gleuben sol denn du, Bin ich versehen zum
ewigen leben, so kome ich wol drein, der Teuffei hole mich denn 2,
ists anders war, das man vom ewigen leben sagt, Wil mich Gott
nicht, so ist der Teuffei fro, das er mich vberkome. ABEL, Ah 5
lieber Herr Gott wie kome ich darzu, das ich solchs höre? Der
vater sagt, du solst flux heim gehen. CA. Ich frage souiel nach
jm als nach dir, wenn ich mich nicht mehr für der rufen furcht,
denn für dem vater, ich wolt noch in zwo stunden nich heim ge-
hen, sondern wolt lieber hingehen, vnd noch ein gezenck anrichten, 10
wenn ich blut sehe, das ist mein lust^. ABEL, Vater, ich kome
wider. AD. Bistu da Abel? wie bistu so lange aussen gewest?
ABE Ich kund den Cain nirgend finden, zuletzt da ich jn lange
gesucht hatte, kam er daher gelauffen, vnd hatte sich mit den kin-
dern auff der gassen geschlagen, Ey wie waren jm die liend so 15
rot von blut. EVA, Ah lieber Gott, wie sollen wir jm jmermehr
thun mit dem bösen bubeu? ADAM, "Wo ist er? ABEL, Er sitzt
draussen vorm thor, vnd sihet mürrisch vnd wil nicht herein ge-
hen. ADA Cain wo bistu? CA. Er sol mir noch wol drey
mal ruften, ehe ich jm ein mal antwort. AD, Cain wo bleibstu? 20
Cain hörestus nicht? EVA, Hörestus nicht Cain, das dir der vater
rufft? CA. Wo sol ich sein? hie sitze ich. AD., Gehe her-
ein, vnd las dich auch z wagen ^, denn morgen werden wir ein feir-
tag haben, das wir opffern, beten vnd predigt hören. CAIN", Ich
1) amechtiger 2) der Teuffei — denn fcliU. 3) Statt sondern — lust:
Ich hatte lust noch ein gezencke anzurichten, denn wenn ich mag blut sehen, das
ist meines hertzen lust. 4) waschen
1. grundter lecker: lecker icider loie oben, gleieh schalle, hübe, grundter?
(1cm si)inc nach sicher = (jrundlcclcer , buhe von grund aus, u-ie das ebenso beliebte
in der heut (haut), aber die form ? am wahrscheinlichsten verliürxt aus gegründeter.
Jacobis : amechtiger = iuüi'mus, schirächlich , armselig; die mhd. form (amacht,
aniehtic) atccli von Luther gern gebraucht. 3. Bei H. Sachs (238 fgg. Tittm.J:
Du lecker, wiltu mich erst lern?
ich weiss wol, was ich glauben sol.
wil mich der Herr nicht haben wol
im himl, mich hat der teufel gern.
Jacobi hat die irorte: der Teuf. — denn u-eggelassen , n-eil sie nicht ganz logisch
sind; denn sie sollen den vorangehenden satz nicht einschränl-en, sondern den
gegensatz xu ihm bilden: bin ich nicht daxu bestirnt, mag mich der tcrifel holen;
vgl. unten s.450. IG. wie sollen — hüben: was sollen u-ir mit ihm anfangen,
machen, mit dem bösen buhen?
ER. ALT3ERUS, VOX DER RCIILANGEX TERFÜHRTJXa 451
wolt, das predigen vnd beten ^ nie erdacht worden were, das opffern
lies ich hingehen, wen es geliist, der mag beten vnd predigt hören,
jch wolt morgen lieber füchs jagen, vnd der büberey nach lauffen,
denn predigt hören, es ist doch ein tag wie der ander. AD.
Was sagstu? CA. Ich fragt wie es euch im haus gieng. ADAM, 5
Ah du lest doch dein schalckstück nicht, Wolan vnser Herr Gott
wird dich verhören werden, was du gelernt hast CA. Ich halt 2,
wenn ich jm ein gebund leerstro opffer, so werde er zufriden
sein. AD. Vnserm Herrn Gott ist viel mehr gelegen am gehor-
sam vnd Gottseligem wesen, weder am opffer, Hörestus nicht, das 10
du herein gehest vnd dich weschen last CA. Ich mag nicht
gezwagen^ sein, wenn ich gern gezwagen^ were, so wolt ich
wider vnter die knaben auff die gassen lauffen, da wolten wir
vns einander zwagen"^, das vns das blut die backen herab ken-
deln^ solt. AD. Was sagstu von blut? EVA, Ah lieber 15
Adam, wil der lecker nicht gez wagen '^ sein, so bleib er ein vn-
flat. CAIN, Ja liebe mutter, du redest wol dauon, auff der weise
bleib. EVA, Kum du her Abel, las mich dich zwagen-^ vnd hübsch
macheu, das du morgen für dem Herrn fein ehrlich vnd reinlich
stehest, so wird der Cain für jm stehen wie ein saw''. AB. Ich 20
wils gern thun, liebes mütterlein, ich wil euch gern gehorsam sein.
CA. Ich wolt, das ich jm zwagen* solt. AD. Ich sehe wie vn-
ser Herr Gott dorthin kompt mit seinen üeben Engeln. EVA,
Wolan stelt euch fein, wenn jr für vnsern Herrn Gott tretten solt,
Cain wie stehestu da, vnd Avendest den rück gegen dem Herrn? 25
stelle dich dahin bey den Abel vnd hab acht auff jn wie er sich
helt, wenn der vater vnd ich vnserm Herrn Gott die hend gegeben
haben, so trettet jr auch herzu vnd neiget euch fein für jm, vnd
gebt jm die hende, Sihe wie stelt sich der Cainl GOT, Der fried
sey mit euch mein lieben kindün. AD. Amen, Wir dancken 30
1) Opffem, beton vnd Predigen. 2) Statt Ich halt: Das weis ich selber
nicht, aber es wird vberig viel nicht sein, Ich achte 3) gewaschen 4) waschen
5) herunter kendeln 0) vufletige Saw. 7) Darnach Caput secundiun. In wel-
chem angezeiget wird, das Gott zu Adam vnd zu Eua komeu, mit jnen geredt, vnnd
sie von wegen des grewlicheu falss im Paradis geschehen tröstet mit dem verheisse-
nen des "Weibes Samen, vnd darnach wie er die kiuder Abel vnd Cain verhöret, was
sie im heiligen Catechismo gelernet haben.
Z. 1. Jacobis xitsatx : opffern ist natürlich vom übel, denn opffern irill ja
Cain gerade gelten lassen. 15. kendeln: ein wetteranisclies u-ort, käneln, kennein,
kendeln {ron känel, kändel, kendel = cauaL rinne) = tropfen, vie der regen rnn
der daehrinne (Grimm, icb. V, 160 fg.).
29*
452 MATTHIAS
dir Himlisclier Yater, das du nach deiner grossen gute vns arme
Sunder so gnediglicli daheim sucliest EVA, Ah aller liebster Herr,
wie künden wirs jmer vmb dich verdienen, das du hieher jus elend
zu vns armen leuten kompst, Vnd lest mich^ nicht entgelten, das
ich dein Heiliges wort veracht, vnd der^ Schlaügen gehorcht hab, 5
Welchs dir Himlischer vater ewiglich geklagt sey, wie bekümmer
ich mich so hart drumb. GOT, Sey zufriden liebe tochter, dein
sund ist dir vergeben, denn ich von natur gnedig vnd gütig bin,
Vnd ein^ vater aller armen bekümmerten vnd betrübten hertzen,
die hülff-^ bey mir suchen, Vnd ich wil meine voaussprechliche lieb 10
gegen euch^ ein mal beweisen, wenn ich euch nu des weibs sameii,
den ich euch verheissen hab, senden werde, durch den selben wil
ich euch von allem vbel erlösen, Vnter des aber solt jr doch vn-
getröst nicht bleiben, sondern durch den glauben an mich, vnd mei-
nen lieben*', den ich zu seiner zeit senden werde, ein gnedigen 15
Zugang zu mir haben, vnd mich in allen ewern nöten anruffen, so
wil ich euch vmb des verheissenen des weibs samen willen erhören,
darzu ich euch geb meinen Heiligen geist, welcher den waren rei-
nen glauben in euwer hertzen erwecken vnd wircken sol, Wenn jr
ansehet mein ewiges wort, vnd meine gnedige zusag. AD. Silie^ 20
wie stelt sich der Cain, vnd wendt vnserm Herrn Gott den rücken
zu, Sihestu nicht du Eselskopff, wie sich der Abel so fein stellt,
vnd das hütlin abzeugt, Trit hinzu vnd, heiss den Herrn wilkom
sein. CAIN, Wilkom Herr. EVA Ey reichstu vnserm Herrn gott
die lincke band, du grober filtz. AB. Allerliebster Herr gott vater, 25
Schöpfler Himels vnd erden, ich danck dir hertzlich, das du dich
vnser annimpst, vnd koniest her jns elend zu vns, Wie sollen wir
dirs jmer voldancken? GOT, Abel ist ein fein holdselig wolgezo-
gen kind, vnd hat seine freundliche geberden. Der Cain sihet all-
zustörrig. EVA Ah Heber Herr Gott, er wil sich nicht ziehen 30
lassen. GOT, Künnen sie auch beten? Rum her Abel, ich wil
dich mit ernst hören, Sage mir her wie betestu? ABEL, 0 vnser
allerliebster Himlischer vater, ich bit dich umb des lieben Heilands
willen, den du vns, aus vnsprechlicher '' gnad zugesagt hast, das
er dem Teuffei den kopff zutretten, vnd vns von seiner gewalt erlö- 35
1) mich armes betrübtes '\\\'ib 2) der bosliafftigcn verfluchten 3) ein tröst-
licher Tiehulff lieber 4) Trost vnud hülöe 5) euch ynd ewre Nachkomeu 6) lieben
Son 7) Darfür sey dir 0 Herr Gott himlisclier Vater, lob ehr vnd danck gesagt,
von nu an liis zu ewigen zeiten. Kompt her ir kinder, empfahet vnsern lieben Herrn
Gott vuil mit inM-t'/liilicr amhiclit vnd i'brerliioiung. Sibe 8) vnaussprechlicher
ER. ALBERUS, VOX DER SCHLANGEN VERiÜHEUXG 453
seil sol, Gib vns deinen Heiligen geist, das wii- lernen allein dei-
nen namen heiligen, loben vnd preisen, vnd den selben in allen
nöten anruffen, Las fern von vns sein alle heuchley, vnd falsche
lieiligkeit, dadnrch dein name verlestert wird, Las vns Himlischer
vater dein Eeich zukomen, Vnd nym nicht von vns das tröstlich 5
Avort der verheissenen gnaden, Las dein wort ein leuchte sein vn-
sern füssen vnd ein liecht auff vnserm wege.
Las allein deinen willen geschehen hie auff erden, wie er im
Hiniel vnter deinen lieben Engeln geschieht, Wehre des Satanas
vnd aller bösen menschen willn, den sie zu vns haben, Ynd vns 10
gram sind, weil wir deinen namen bekennen und anruffen, vnd in
deinem Reich dir allein dienen, Ynd weil wir arme sünder, die an
dich gleuben, auch in vnsern sterblichen gliedern ein bösen willn
Avider dein wort befinden, So hilff vns himlischer vater, das der
selbe böse AviU Avider dein Gesetz in vns, nicht vberhand neme, 15
Sondern durch deinen heihgen Geist vberAvunden ATid getödtet Averde,
das allein dein Gottlicher, guter, lieber ^ Avill in vns die vberhand
habe. Wir bitten dich auch Himüscher vater Amib vnser tegiich
brot, vnd allerley zeitliche notturfft, Behüt vns für dem geitz, der
alles Abels ein wurtzel ist-, 0 Herr Himlischer vater vergib vns 20
vmb deines verheissenen Heilands-^ Avillen Amsere schuld vnd sunde,
Vnd gib vns gnad, allen denen hertzlich zu vergeben, die sich an
vns versündigt haben. Nicht las vns Himlischer vater, in Ver-
suchung vnd anfechtung fallen, sondern hilff vns durch deinen hei-
ligen Geist vnser sundig fleisch zwingen, die Avelt mit jrem Gott- 25
losen Avesen verachten vnd den Satan mit allen seinen tücken*
vberwinden, vnd vnter vnser füsse treffen. Vnd zuletzt bitten wir
Himlisclier vater, du wollest vns erlösen von allem A'bel'', Das Avir
dauon bringen das ende A'users glaubens, der seelen Seligkeit Amen.
GO, Was heist Amen? AB. Amen ist ein wort, damit Avir 30
vngezweiuelf bekennen vnd gleuben, du werdest vns gewislich ge-
ben, Avas Avir gebet vnd begert haben. GOT, Woher wirstu geAvis,
das dein gebet erhöret sey? ABEL, Ans deiner gnedigen verheis-
sung, die nimermehr fehlen kan, Himel vnd erden Averden ver-
gehen, aber dein wort Amd verheissung bleibet ewiglich, Denn du 35
Himlischer vater bist der lügen feind, vnd ein vater'' der Avarheit,
1) g'uter, lieber fehlt. 2) der eine Avurtzel ist alles l)ösen. 3) vmb des
A'erheissenen des Weibes Samens vnsers lieben Heilands Avillen 4) mit allen sei-
nen tückischen anschlagen ziuiicke treiben vud 5) vbef leibs vnd der seelen
6) liebhaber
454 .MATTHIAS
Dagegen ist der Teuffei ein vater der lügen, welchs unser liebe
Eltern^ leider wol gewar sind worden im Paradeis, Dir aber him-
iisclier vater sey lob vnd danck in ewigkeit gesagt, das du vns
Widder durch den verheissenen Heiland zu gnaden angenomen hast,
durch welchen wir behalten für dem zukunfftigen zorn. GOT, Wenn 5
ich aber nicht bald gibe, was man bittet, Wie sol sich als denn der
gleubig halten? ABEL, Da sol er bey leib nicht ablassen zuhof-
fen auff deine tröstliche zusage, denn wie lang du die hülffe ver-
zeuchst, so wirstu doch gewislich helffen, wenn es zeit ist 2. GOT,
Das ist recht, warumb verziehe ich aber offt mein hülffe 3? ABEL 10
Das thustu Himlischer Vater vns zum besten vnsern glauben zu
vben vnd zu prüfen, Auff das die boAverung an vnserm glauben
rechtschaffen erfunden werde. GOT, Wenn icli aber gar nichts gib
was man von mir bittet, Avie helt sichs als denn? ABEL, Das ist
gewis, das du vns vmb des verheissenen Heilands willen lieb hast, 15
vnd wilt vns geben, was vns nütz vnd gut ist, Darumb wenn wir
aus vnuerstand bitten, das vns nicht nütz vnd gut ist. Wie wir
denn arme Sünder sind, vnd nicht wissen, was wir bitten sollen,
wie sichs gebürt, so Aviltu ein bessers, vnd mehr geben denn Avir
gebeten haben, das ist geAvislich war. GO, Kanstu auch die Zehen 20
gebot? AB. Ja Herr Gott himlischer vater, ich kan sie von dei-
nen gnaden avoI erzelen, Avie sie mich mein liebe Eltern geleret
haben, Hilff vns nur lieber vater, das wir sie auch also von hertzen
thun künnen, Avie Avir sie mit dem munde bekennen.
GOT, Du Aveist doch avoI, das ich euch darumb meinen Hei- 25
land vnd des Aveibs samen verheissen hab, das er CAver sunde die
jr aus gebrechlichkeit eAvers fleischs Avider mein gesetz thut, auff
sich neme. ABEL Für solche vnaussprechliche Avolthat sey dir
Himlischer vater eAvig danck gesagt, Amen. GOT, Wie heist das
erste gebot? ABEL, Du solt nicht andere Gotter neben mir haben. 30
GOT, Was ist das gesagt? ABEL, Wir sollen Gott vber alle ding
furchten, lieben vnd A'ertraAven. GOT, Wie heist das ander gebot?
AB. Du solt den namen deines Gottes nicht vnnützlich füren.
GOT, Was ist das gesagt? AB. Wir sollen Gott furchten vnd lie-
ben, das wir bey seinem namen nicht fluchen, schweren, zaubern, 35
liegen oder betriegen, sondern den selbigen in allen nöten anruffen,
beten loben vnd'^ dancken. GOT, Wie heist das dritte? AB. Du
1) Darnach beitlo mit jreiii vnd vnserin scliadeii alle sam})t 2) Darnach
vund dir gcfellig ist. 3) mit der liilffe ebenso rorJicr mit der hülffe verzeuchst
4) vund Gott
ER. ALBEIiUS, VOM DKß SCIlLAXCiEN VEKFÜIIRUKG 455
solt den fcirtag heiligen. GOT, Was ist das? AB. "Wir sollen Gott
fiircliten vnd lieben, das wir die predigt, vnd sein wort nicht ver-
achten, sondern dasselbig heilig halten, gern hören vnd lernen.
GOT, Wie heist das vierde? AB. Du solt deinen Yater vnd deine
Mutter ehren. GOT, Was ist das? AB. Wir sollen Gott furchten vnd 5
lieben, das wir vnser Eltern nicht verachten noch erzürnen, sondern
sie in ehren halten, jnen dienen, gehorchen, lieb^ und Averd haben
GOT, Wie heist das funffte. ABEL, Du solt nicht todten. GOT,
Was ist das? ABEL Wir sollen Gott furchten und lieben, das wir
vnserm negsten an seinem leibe keinen schaden noch leid thun, son- 10
dern jm helffen vnd fordern in allen leibs nöten. GOT, Wie heist
das sechste? AB. Du solt nicht ehebrechen. GOT, Was ist das?
ABEL, Wir sollen Gott furchten vnd lieben, das wir keusch vnd
züchtig leben in werten vnd wercken, vnd ein jglicher sein gemahel
lieben vnd ehren. GOT, Wie heist das siebende? AB. Du solt 15
nicht Stelen. GOT, Was ist das? AB., Wir sollen Gott furch-
ten vnd lieben, das wir vnsers negsten gut nicht nemen sollen 2,
sondern jm sein narung helffen bessern vnd behüten 3. GO. Wie
heist das achte? AB. Du solt nicht falsch^ gezeugnis reden
wider deinen negsten. GOT, Was ist das? AB. Wir sollen Gott 20
furchten vnd lieben, das wir vnsern negsten nicht feischlich beile-
gen, verrhaten, affterreden^ oder bösen leumnnd machen'', sondern
sollen jn entschuldigen, vnd guts von jm reden, vnd alles zum
besten keren. GOT, Wie heist das neunde? AB. Du solt nicht
begeren deines negsten haus. GOT, Avas ist das? AB. Wir sol- 25
len Gott furchten vnd lieben, das wir vnserm negsten nicht mit list
nach seinem Erbe oder haus stehen, vnd mit einem schein des
rechts an vns bringen, sondern jm dasselbige zubehalten^ forderlich
vnd dienstlich sein. GOT, AVie heist das zehend? AB. Du solt
nicht begern deines negsten weib, knecht, magd, vihe vnd alles 30
was sein ist. GOT, W^as ist das? ABEL, Wir sollen Gott furch-
ten vnd lieben, das wir vnserm nehesten nicht sein weib, gesind
oder vihe abspannen, ab dringen oder abwendig machen, sondern
die selbigen anhalten'*, das sie bleiben, vnd thun was sie schul-
dig sind.
1) sie auch lieb 2) Darnach noch durch einige wege entfreinbdcu,
3) erhalten. 4) falsche 5) Statt affterreden: im an sein ehr reden 6) Statt
oder — machen: vnd in ein böse geschrey bringen 7) erhalten 8) anlialten
vnd vermanen
Z. 22. affterreden: das irort war Jac. offenbar ;.u derb.
456 MATTHIAS
GOT, Kanstu auch den Glauben? ABEL, Ja Herr Vater.
GOT, Sage her. AB. Ich gleub an Gott vater AKmechtigen,
Schepffer Himels vncl der erden, Ynd gieub an den lieben Heiland
vnsern Herrn, den vns der Himlisch vater zugeben verheissen hat,
das er dem Satan seinen köpft' zutrett, A^nd vns vom tod, teuffei, 5
hell vnd ewiger verdamnis erlöse, Auff den hoff"en wir, Auff den
verlassen wir vns, Ynd bitten Gott, das er vns denselben bald sende,
der wird vns helöen von vnsern sunden. Ich gleube an den hei-
ligen geist. Eine heilige Gemein vnd ein Himlische bürgerschafft,
Vergebung der sunden i, Aufferstehung des fleischs, Vnd ein ewiges 10
leben. GOT, Was heist an Gott gleuben? AB. Es heist sich
hertzlich auff jn verlassen, vnd nicht zweiueln, du- himlischer vater
liabst^ vns tausent mal lieber, denn ein jglicher leiblicher vater sein
Idnd jmer lieben kan. GOT, Was heist Schopffer himels vnd erden?
ABEL, Es heist, das ich vnd alle creatur von dir^ geschaffen sind, 15
vncl das du^ vns allezeit erneren wilt^, leib vnd seele bewaren,
vnd sorgest für vns-'. GOT, Was heist an heiligen geist gleuben?
AB. Das wir aus vnsern krefften nicht künnen zu deiner^ erkent-
nis komen. Sondern dein heiliger* geist heiliget vns, vnd erweckt
in vnsern hertzen den w^^ren glauben. GOT, Was ist die heilige 20
Gemein? ABEL, Das sind alle die an dich gleuben, vnd auff den
verheissen hoiland warten^, w^ eiche aber solchen glauben nicht haben,
vnd durch ein ander mittel hülff^° suchen, die sind von dieser hei-
ligen ii bürgerschafft abgesondert, vnd^- nimermehr selig w^erden,
sondern der zorn Gottes bleibt vber jm^^. GO. Warumb sprichstu, 25
Vergebung der sunden? AB. Darumb das wir nicht mit vnsern
wercken künnen sunde vertilgen, sondern die sunde müssen durch
deinen 1* Heiligen heiland, den du vns senden wirst ^^^ vergeben
werden, 'sonst ist kein hülff noch rat, zufinden. GOT, Warumb
gebiet ich denn gute werck zuthun vnd zu opffern, so jr dadurch 30
nicht frum vnd selig werd^*^? AB. Weil du gnediger vater ^^
vns Vergebung der sunden, durch den verheissen Heiland zugesagt
hast", So ists ia billich, das wir dir^-^ dagegen danckbar seien, und
1) süüdon, durch den verheisseuen Hoilaud 2) der liebe himlische 3) hab
4) Gott 5) er — wil 6) vnd für vus sorgen. 7) Gottes 9) der heilige
9) Statt an dich — warten: an Gott vnd an den verheissenen Heiland gleuben
10) suchen in Himel zukomen 11) hinilischen 12) vnd können 13) jnen.
14) den verheissenen 15) den Gott senden wird 16) Statt "^Varunlb — werd:
W^arunib wei'den denn gute werck zu thun geboten, so mau dardurch nicht kan
from noch selig werden? vnd wazu dienet denn das Opffern? 17) Gott der geue-
dige Vater — hat 18) Fehlt.
ER. ALBERUS, VON DER SCHLANGEN VERFÜHRUN& 457
deinen^ geboten g-ehorchen, Vnd ^vcnu wir schon alles gethan haben,
das vns dnrcli dein^ gnade möglich ist, so sollen wir dennoch sagen.
Wir sind vnnütze knechte, so weit fehlets noch, das vns vnser
werck gerecht vnd selig machen, desgleichen helt sichs mit dein
opffer, das wir dir Himlischen vater^ nicht der meinung opffern, 5
als weiten wir allererst dadnrch frura- vnd selig werden, Sondern
wir sind fnr allen vnsern opffern, fnr allen vnsern wercken, frura,
gerecht, vnd selig, allein dnrch dein^ vnaussprechliche gnade vnd
barmhertzigkeit, die du^ vns zngesagt hast^ dnrch deinen ^ lieben
Heiland vnd erlöser, Vnd ist vnser opiTer nicht mehr denn ein 10
gedechtnis des znkunfftigen opffers, dadnrch wir sollen mit dir'^
versünet werden, welchs opffer sein wird, der verheissen saraen des
weibs, der sich selbst für vnser sunde, als ein vnschnldiges Lam
opffern wird, Auff das wir nu vns^ in solchem glauben auff die
znkunfft des Seligmachers der gantzen weit, gesterckt werden, vnd 15
zuneme, darumb opffern wir nach deinem^ Gottlichen befelh^, Auch
bedeut das rauch werck im opffern, der gleubigen gebet, welches
die wolcken durch dringt, Vnd die kolen bedeuten deine ^ Gottliche
lieb vnd verheissung des zukunö'tigen Heilands, darauff*^ das reuck-
werck legen, das ist, vnser gebet geschieht im glauben an deine 20
verheissung', Vnd wie das t'eur das rauchwerck anzundt, also wird ,
vnser glaub entzündet durch deine Himlische'^ verheissung. GOT,
"Was heist aufferstehung des fleisches? ABEL, Es heist, wenn ein
mal der iungste tag kompt, so sol vnser fleisch, das ist vnser leib
wider lebendig werden vnd aufferstehen. GOT, Wie kan ein todter 25
leichnam der verfaulet ist, wider lebendig werden? ABEL, Solchs,
wie alle ander ding, Befelhen wir dir Himelischer Vater, denn es
ist dir alles mügiich'*. Aus nichts sind wir worden, aus nichts
wirstu vns wider zum leben beruffen, auff das wir der ewigen
freude in der znkunfftigen weit teilhafftig werden, für welche vn- 30
auspreche^^ wolthat dir Himlischer^o Vater lob vnd danck ewiglich
gesagt sey Amen.
GOT, Wie heltestu dich, wenn du dich schlaffen legest? ABEL,
Da befelh ich mich Dir Himelischer Vater, mit diesen werten. Ich
dancke dir mein Himlischer Vater, durch deinen verheisscnen hei- 35
1) seiuen — Gottes — dem himliscliou Yater — Gottes — er — hat — seinen
2) from, gerecht .3) Gott 4) Statt nu vns: nur 5) nach Gottes befelü —
die 6) daraiiff wir 7) an die verheissung Gottes 8) Statt deine Hinilischc:
die 9) sol man Gott befehlen, Avelchem alles müglich ist. 10) VHaussprerh-
liche — clii- 0 laimlischer
458 JUTTHIAS
land Yiisern Herrn, das du micli diesen tag gnediglich für allem
schaden vnd fahr bell littet hast, Ynd bitte dicli, du wollest mir
alle meine siinde vergeben, Vnd mich diese nacht gnediglich behü-
ten, denn ich befehl mich, mein leib vnd seele, Yater vnd Mutter,
vnd alles in deine hende, dein heiliger Engel sey mit mir, das der 5
böse feind keine macht an mir finde, Amen GOT, Wie sprichstu
des morgens, wenn du auff stehest? AB. Also sprich ich. Ich
dancke dir mein Himlischer vater, durch deinen verheissenen Hei-
land, vnsern lieben Herrn, das du mich diese nacht gnediglich für
allem schaden vnd fahr behüttet hast, vnd bitte dich, du wollest 10
mich diesen tag auch behütten, für sunden vnd allem vbel, das dir
all vnser thun vnd leben gefalle, denn^ ich befelh mich mein leib
vnd seele 2C.^ GOT, AVolan liebes kind fare also fürt 2, darzu wil
ich dir meinen heiligen geist geben, der dich^ in allem trübsal
tröste, Ynd furcht dich nicht, denn es ist mein wolgefallen, dir 15
das reich zugeben. AB. Danck sey dir gesagt allerliebster vater.
CAI, Du^ solt mirs warlich halten-^, ich wil den böswicht noch
erwürgen. Ich kau nicht ein wort dauon, was er geantwort hat,
vnd mus noch drüber*^ zuschanden werden. GOT, Kum her Cain,
las mich hören was du gelernet hast, wie sihestu so sawer, Ynd 20
warurab verstellt sich dein geberd? Bete her. CA. Es ist mir
vergessen. GOT, Dir wird nicht viel vergessen sein, weil du nichts
gelernet hast. Sag her souiel du kanst, CA. Yater Himel unser,
las ^ns dein reich geschehen im Himel vnd erden. Gib vns viel
brods, vnd alles vbel Amen. GOT, \Yas ist das für ein verkert 25
gebet? EYA, Ah lieber Herr Gatt, es hilfi't kein lerens an jm, ja
er darff wol den Abel schlagen, wenn er jn heist beten. GOT,
Sage mir her den glauben. CA. Ich glaub an Gott vater hime-
lischer erden, der des weibs samen ist, vnd der heilig geist sund
fleisch leben, Amen. GOT, Ists schon aus? CA. Ich hab das 30
1) Statt denn — seele 3c. : vund befohle mich du' mit allem was ich hin vnnd
habe. 2) fort wie du angefangen hast 3) dich weiter lere, vnd 4) Harr
lecker, du 5) Statt warlieh halten: hezalen 6) darüber zum spot vnd zu
Schanden werden.
Z.2^fyg. Hans SacJ/s a.a.o. 664 f gg.: 0 vatter himel vnser, lass vns allhie
dein reich geschehen in himel und in erden sehen, gib uns schult und teglich vil
brot uu alles übel, angst und not. amen, ebda 676. Datan spricht: Ich glaub an
Got, himel und erden, mid auch des samens weih muss werden imd des heiligen
geistes namen, die sünde, fleisch und leben, amen. (Der Herr:) Ist so kui'z deines
glaubons grünt? (Dat.:) So viel ich kaum behalten kimt.
ER. ALBKKUS, VON DEK SCHLANGEN VERFÜHRUNG 459
kaum können behalten. GOT, Sage mir her die Zehen gebot. CA.
Da kan ich gar nichts von behalten. GOT, Gedenckstu denn auch
selig zu werden? CA. Ich weis wol wie es hie ist, Wer Aveis
wie es dort sey? Bin ich versehen, so werde ich villeicht auch
einmal ein wenig ^ selig, Bin ich nicht versehen, ich thue gleich ö
was ich wolle, so mus ich doch verdampt werden, das ist mein
glaube. GOT, Ist das dein glaube? "Was heltestu denn vom opffer?
CA. Mit opffern verdienet man das ewig leben, wo anders ein
ewig leben ist. GO. Wer hat dich also geleret? CA. Ich finds
in meiner vernunft't. GO. Du seit nicht gleuben, was dich vnd 10
dein verderbte vernunfft gut dunckt. Sondern was ich deinen Eltern
befolhen hab-. CA. Was die äugen sehen, das gleubt das hertz.
GOT, Selig sind, die nicht sehen vnd gleuben doch. Wolan ge-
dencke vnd folge deinen Eltern, vnd las dich den Abel leren, der
sol dein Schulmeister sein, Gedencke vnd gehorche jm, du wirst 15
sonst in die ewige finsternis geworffen werden, da wird sein heu-
len vnd zeen klappern, Abel las dir den Cain befolhen sein. AB.
Himlischer vater, Ich wil jn gern leren, wolt er mir nur folgen.
CAIN Du solt mirs warlich halten, soltu mich leren? Der böss-
wicht macht mich gantz zuschanden mit seinem Catzencismo. GOT, 20
Was murrestu? Ich weis deine gedanken wol, rieht ein spil an,
das du vnsted vnd flüchtig werdest auff erden, vnd darnach ewig-
lich verdampt. Wolan Adam du wirst vns ein predigt thuu. AD.
Ja gerne lieber liiraelischer vater 3.
Lieben kindcr, auff das wir Gottes wort fruchtbarlich hören, 25
so last vns vnsern Herr gott vmb gnade auruffen. Höret das heilig
Euangelium'^.
1) ein wenig fehlt. 2) was ich deine Eltern geleret, vnd jnen befohlen
habe. 3) Barnach Caput Tertiiim. Yen Adams Euangelion, ATid seiner Auslegung.
Adaui. 4) Statt vnsern — Euangelium: vnsem lieben Herren Gott anruffen vnd
bitten vmb seine genade, das diese prediget geschehen möge jm zu lob vnd zu ehren,
vnd ATIS zur besserung vnsers lebens, zu sterckung des Glaubens, vnd der Seelen
heil vnd Seligkeit. Amen. Höret das heilige Euangelium Genesis am 3.
Z. 3 f()(j. ebda 688 fy(j. (Achan:) Ich weiss wol, wie es stet auf erden; wies
dort zuget, das weiss ich nicht; doch wenn mich Got darzu versieht, das ich auch
selig werden söl, so wirt ich selg, tu was ich wöl. 8. Hans Sachs 695 (Esau:)
Ich halt, Got wert das ewig leben uns von des oplfers wegen geben . . . wo änderst
ein ewigs leben ist. 12. ebda (Xiinrof :) was mein augn sehen, glaubt das herz.
20. Catzencismo: der scherz ist wol von Alber aufgebracht; katze soll wie in
katzenglaube , katzengold, katzeugebet das falsche bezeichnen. 22 ffj. rcjl. I.Mose
4, 12: Unstät und flüchticj solst da sein auf erden; ebda U: Und nun rerflurlit
seist du auf der erde.
460 MATTHIAS
Also sprach Gott der Herr zu der schlangen, Ich wil feind-
schafft setzen zwisschen dir vnd dem weihe, vnd zwisschen deinem
samen vnd jrem samen, der selb sol dir den köpft' zutretten, vnd
du wirst jn in die fersen stechen. Das sind die wort des heiligen
Euangelij, der selbigen gebe vns Gott einen reinen lautern verstand 5
amen ^.
Lieben kiiider, das heilig Euangelium hat zwey stück, Im
ersten wird angezeigt, was der barmhertzige Gott vns armen Leuten
zu gut thun, vnd vns für der schlangen tyranney behüten wil. Im
andern wird angezeigt, das wir in diesem zeitlichen leben anfech- 10
tung haben werden, vnd die Schlang werd sich wider die gleubigen
setzen, vnd in des weibs samens fersen beissen^, aber das ist vnser
trost, das jhn sein beissen nichts helffen wird, denn Gott hat wol
ein kileli in der band, daraus gibt er seinen lieben kindern zu
drincken, aber der Satan vnd sein Gottloser hauff mus die heften 15
aussauffen.
Von diesen zweien stücken wollen wir handeln.
Zum ersten habt jr nu offt gehört, wie wir arme Leute von
der teuffelischen Schlangen so jemerlich betrogen, vnd verfurt sind
wider Gottes gebot zusundigen mit listen vberredt sind 3, Ynd wie- 20
wol wir billich, nach dem gerechten vrteil Gottes, ewiglich verdampt
sein selten. So hat sich doch vnser lieber Herr Gott vnsers ewigen
Verderbens erbarmet \ vnd vns seinen lieben Heiland, nemlich des
weibs samen zu geben verheissen, der dem teuffei den kopff zu-
tretten, das ist, sein gewalt vber vns neme, vnd vns von sunden 25
vnd allem vnglück erlösen, das also wer an des weibs samen gieubt,
vnd sich aiiff jn verlest^ der sol das ewig leben haben, Ynd hat
also Gott der Herr die ewige strafte in eine zeitliche verwandelt.
Also müssen wir nu wol leiblich sterben, aber nach diesem
leben werden Avir wider aufferstehen von den todten, vnd bey Gott 30
ewiglich sein, da werden wir vns frewen mit vnaussprechlicher vnd
herrlicher frende, So sollen wir Gott allzeit für solche grosse gnade,
die er vns durch den verheissen Heiland zugesagt hat, danckbar
sein, Ynd sol sich ein jglichs gegen seinem nehesten halten, wie
sich Gott gegen vns erzeigt. 35
1) Daruach Auslegung des heiligen Euangelij. 2) Darnach das ist, die
gleubigen vorfolgen, vnd vmbriugen, .3) Stau verfurt — sind: verfüret, vnd mit
listen vberredt worden sind, wider Gottes gebot zu sündigen. 4) erbarmet vnd
angenomen, 5) Statt vnd sich — verlest: vnd in solchem glaulien bis ans ende
beharret,
ER. ALBERUS, VÖX DER SCHLAXGEX VERFÜHRUNG 461
Auch solt jr mercken, das der verheissen Same des weibs on
sunde sein wird, weil er die siind vertilgen vnd vergeben sol, Es
Ullis je der on alle sund sein, der allen armen sündern von Sun-
den helffen sol, darumb wird er auch nicht geborn werden aus
sundlicheni samen wie wir, Sondern vom heiligen Geist empfangen, 5
Vnd von einer jungfrawen geborn werden, darumb heisst er des
weibs, vnd nicht des mans Samen, denn alles was von man und
weib geborn wird, das gehört vnter die verdamnis vnd ist dem
ewigen fluch vnterworffen. Aber dieser einiger mensch, der vnser
Heiland sein soP, wird heilig sein, vnd von keinen sunden wis- 10
sen. Sondern durch sein vnschuld, heiligkeit vnd gerechtigkeit, alle
arme sunder frum, heilig vnd gerecht machen, die an jn gleuben-.
Wenn aber Gott der Herr diesen heiligen Man geben werde,
das hat er vns nicht wissen lassen, sondern wir warten sein in
gedult, vnd haben kein zweiuel, was vns Gott der Herr zugesagt 15
hat, das werde er auch gewislich halten, Ynd weil wir doch vnser
zuuersicht auff die selbige zusag Gottes, vnd vnser hoffnung aufi"
den zukünff'tigen Heiland setzen. So Averden vns eben so wol da-
durch vnser sunde vergeben, als wenn wir die zeit seiner geburt
erlebten, Darumb helt vns Gott sein wort für, vnd hat vns befohlen 20
dasselbig stets zutreiben, aufl" das vnser glaub dadurch gesterckt
werde in allerley anfechtung, gute hoffnung zuhaben, Gott werde
vns nimer mehr verlassen, Vnd dis sey jtzt gnug vom ersten teil
des heiligen Euangelij. Vom andern teil wollen wir kurtzlicli hö-
ren, was das sey, das die Schlang dem heiland in die fersen stechen 25
werde, das hat nu die meinung, das der teuffei nicht ablassen werde,
die heilige Gemein Gottes die an den verheissen heiland gleub,
zuuerfolgen ^, vnd von dem waren glauben abzureissen vnterstehen
wird^, beide durch blutvergiessen vnd ketzerey^, das wird uns nu
angezeigt vnd furgehalten, zur warnung vnd zum trost. Zur war- 30
nung darumb , das wir nicht lass vnd sicher seien in der Gottselig-
keit, vnd nicht gedencken, als ob der böse feind ferr von vns sey.
Sondern wie er vns im Paradeis gethan hat, also wird er furthin
vns vnd allen vnsern erben vnterstehen zuthun, bis an der weit
ende, denn der gifftig wurm kan vns vmb seines vnmeslichen hass 35
vnd neids willen, das ewig leben nicht günneu, daraus er vmb sei-
1) sol vnnd seiu wird, 2) die — gleubcu fehlt. 3) Barnach, vud werde
sich. in. aUe wege vnterstehen diselbig von u^iv. 4) vnterstehen wird feldt. 5) Slalt
beide — ketzerey: beide durch lügen vnd niordt, das ist, durch i'alsi.-lic leivn, i^etze-
reien vnd jrthunib, vnd durch Icrieg vnd blutuergiessen.
462 MATTHIAS
iier hoffart willen Verstössen ist, darumb er, vnser Widersacher,
vmbher gehet wie ein brüllender lewe, vnd sucht welchen er ver-
schlinde^, dem sollen wir vhest widerstelm im glauben, So sehet
nu zu, wir jr fursichtigiich wandelt, nicht als die vn weisen, son-
dern als die weisen, Vnd schickt euch in die zeit, denn es ist böse 5
zeit-, Seid starck in dem Herrn vnd in der macht seiner stercke,
ziehet an den hämisch Gottes, das jr bestehen kund gegen dem
listigen anlauf!' des teuff'els, denn wir haben nicht mit fleisch vnd
blut zukempffen, sondern mit fursten vnd gewaltigen, nemlich mit
den herrn der weit, die in der finsternis dieser weit herschen, mit 10
den bösen geistern vnter dem Himel, vmb des willen, so ergreifft
den hämisch Gottes, auff das jr widerstehen kund an dem bösen
tage, vnd in all ewerm thun bestehen möget, So stehet nu, vmb-
gürtet ewer lenden mit warheit, vnd angezogen mit dem krebs der
gerech tigkeit, vnd gestiftelt an fassen mit dem Euangelio des frie- 15
des, damit jr bereit seid. Für allen dingen aber ergreifft den schilt
des glaubens, mit welchem jr auslesschen künd alle fewrige pfeif
des bösswichts, A'nd nemet den heim des heils, vnd das schwerd
des Geistes, welclis ist das wort Gottes, Ynd betet stetts in allem
anligen, mit bitten vnd flehen im geist, Ynd wachet darzu mit allem 20
anhalten viul flehen. In solchem kampff aber den wir mit dem
Satan haben, sol das^ vnser trost sein, das Gott auff vnser seitten
ist, der ist stercker denn der Fürst dieser weit, darzu hat vns Gott
seinen heiligen geist verheissen, das er vnser sterck vnd trost sey
in aller anfechtung, Vnd in summa, vnser trübsal diese zeit sol ein 25
ende haben, vnd wird darauö' folgen die ewige freude, Vnd zwar
Gott kund wol dafur sein, das vns der Satan gar nicht anfechten
must, aber weil Gott Aveis, das vns die trübsal nütz ist vnd zum
1) verschlinge 2) Statt So — zeit: viid sollen fursichtigiich wandeln vnd
vns schicken in die zeit, denn es ist böse zeit, sintemal wir stets mit der alten
Schlangen zu kempffen haben. Alles folgende bis den wir mit dem Satan haben fehlt.
3) Statt sol das: Aber doch sol dis
Z. 2. verschlinde: 1. Pctr. 5, 8, icoher die tcorte stammen, hat Luther, der
sonst verschlingen gehraucht, verschlinde, icie das verb. tirsprünglich gelautet (got.
slindan, alid. slintan, iithd. slindeu), auch noch im 16. Jh., ehe der anfänglich nur
dialektische Übergang des ud in ug algemein icurde; siehe Weigand IIP, 597.
15. Die ganxe stelle {x. l — x.21 flehen — Ephes. V, 15. IG und VI, 10—18, niul
xicar nach Lnthers übersetxung, ausser %. 14, tco der grieeh. text lautet: 15. y.cu
vno^rjac(fiivoc Toi'i nöSng iv iroi-fAicatu tov fvuyyfXi'ov Tfjg efQi'p'rjg; Ltdh.: Und an
den beinen gestiefelt, als fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens, damit ihr
bereitet seid.
ER. ALBKRÜS, VOX BER SCIILAXGEX VERFÜHRTIXa 463
besten dienet, als dadurch vnser glaub geübt, die hoffnung wechst,
vnd die liebe zu Gott dester mehr zunimpt, vnd wird also vnser
alter Adam gezüchtiget vnd gedemütiget, auff das er sich nicht wi-
der Gott aufflehne, vnd den Gott fiiren las, der jn gemacht hat,
Dariimb helt vns Gott also in der furcht, auff das vnser sundlich 5
fleisch nicht von sich werffe des giaubens joch, Vnd zuchtiget vns
der liebe Gott aus veterlicher lieb, die selbig Züchtigung sollen wir
gednltiglich tragen, der hoffnung, es werde vnser traurigkeit zur
freude werden, darzu helfP vns der AUmechtige Gott Yater durch
den lieben Heiland, den er vns verheissen hat, Amen. Vnd sey 10
also auff dismal gnug^.
So habt jr nu, lieben kinder das heilig Euaugelium gehöret,
Darumb wir Gott hertzlich dancken vnd vmb gnad bitten sollen,
das sein Heiliges wort in vnsern hertzen Avachs vnd frucht bringe
in gedult^. 15
GOTT, Ir habt wol gehört, was euch Ewer vater Adam gepre-
diget hat, Gedenckt vnd halt das predig ampt in grossen ehren, denn
dadurch lernet man mich recht erkennen, Ich hab mein wort in
seinen mund gelegt, "Wer das wort nicht lieb hat, der wird sein
anathema, maharani motha^. ABEL, Wir wollen durch dein gnad 20
von deinem Heiligen Avort nimermehr Aveichen. EVA, Amen lieber
Herr gott Vater, Amen^.
Folget Frag vnd antworte
1) Statt Amen — giuig: an welclien fest zu gleubeu vnd in solchem Glauben
zuuerliarren , wolle vns der gütige Vater dazu seinen heiligen Geist verleihen vnd
geben, Amen. 2) Darnach Beschlus des andern Teils dieses Gesprechs. 3) Statt
Ich hab — motha: on welch erkentnis niemand wird können selig werden Ich habe
mein AVort in seinen mundt geleget, AVer das wort nicht lieb hat, der sey verflucht.
4) Ende dieses schönen Gesprechs, von Adams fall, wie derselbige ist gebüsset wor-
den, durch Jesum Christum der gantzeu weit Heiland. Volget nu die ausleguiig
vber das erste Capitel des ersten theils, dieses Gesprechs. S'^j^ seiteri. Darnach
Xützlich Lere aus diesem Ersten Capitel 4^/^ seifen; darnach Auslegung vber das
aoder Capitel des ersten Theiles, 3^^ Seiten; Volget nu die Auslegung vber das erste
Capitel des andern Theils, 14^^ seifen; 2. capitel des andern teiles, sowie Adams
prediijt haben keine auslcfjwuj. 5) Folget Frag ATid antwort tisiv. bis ztim schluss
fehlt; auch in unser/n abdrucke wegyelassen , weil xu dem yespräch (jar nicht in
bexieliuny stehend.
NORDHAUSEX. E. MATTHIAS.
464
EIN BEIEF JOHANN LAUEEMBEEOS.
Wann und mit ivem Lauremherg seinen hausstand begründete,
l/isst die sorgfältige und verdienstliche wbeit Lrqjpenbergs (1861) über
seinen lebensgang unentschieden; doch teilt er s. 165 ein glückininsch-
gedicht zum 18. april 1619 mit, in welchem der junge Rostocher pro-
fessor einem Hamburger freunde, dem pastor Heinrich Mump, bekent,
dass er im vergangenen winter zu Hamburg eine geliebte gefunden
habe, mit der er sich i))i frühlinge zu verheiraten hofte:
Me per hortulos vagantem, quos Cythera prolicit, —
Mellea siiave cepit Liliiim fragrantia, —
Lilium, qnod mox magistra casti Amoris doxtera
Inserendum, sponte Lauri complicabitiir comis,
Una radix sab gemcllo floriturum siirciilo. —
Mox obumbrabit cupituui nostra Lauras Lilium.
Wenn schon die auffällig oft iriderholte vergleichung der geliebten mit
einer lilie, verbunden mit der in Laurus enthaltenen anspielung auf
den namen Lauremberg, auf den namen der braut hinzudeuten seheint,
so findet diese Vermutung ihre bestätigung in der von L. Daae^ aus
J. Worms Forsog til et Lexicon over laerde maend 1, 583 (1771)
entlehnten nachricht, dass Lauremberg mit Maria Lelin (Lilie) ver-
heiratet ivar. Volle Sicherheit gewärt nun der nachfolgende aus dem
Wolfenbütteler Mscr. Gud. lat. 12 entnommene brief, in welchem Lau-
ronberg seiiwn früheren Ichrer Kirch>nann zu seiner am 23. mai 1619
zu Hamburg zu feierncloi hoclizeit mit Maria Lilie, tochter des Ham-
burger bürgers Sebastian Lilie, feierlich einladet. Johann Kirchinann,
geb. 1575 zu Lübeck, gest. ebenda 1643, hatte 1603—1613 in Rostock
die später von Lauremberg verwaltete professur poeseos bekleidet, ivar
dann aber als rcktor der Lübecker gelehr tenschule in seine Vaterstadt
zurückgekehrt-. Wir können an der hand dieses authentischen doku-
ments zugleich eine bisher auffällige nachricht des historikers Joh.
Loccenius, auf welche Dcme aufmerksam gemacht Jmt, als irtümlich
nachweisen. Loccenius^ schreibt nämlich am 23. med 1630 aus Up-
sala an den Soröer professor Joh. Meursius, dass Sebastiauus Lilie,
D. Joanuis Laurembergii , communis nostri amici, gener im begriffe
1) 0>i> liitnuDiistcn o(j satir/'Lcreii JoJmn Laureinherg, Cl/r/sfäau'a 1SS4 s.lö.
2) Bursian, Alhfptii. deutsclie l)iof/raj>hir IG, 14 fg.
3) Joci. Meursius, Opera 11, 511 (Florentiae 1762).
fciN BRIEF LAUREMBERGS 465
sei nach Dänemark %u reisen. Unmöglich konte Laureinberg 1630
schon eine heiratsfähige tochter U7id einen Schwiegersohn hesitxen:
Loccenius hat eben g*ener und socer verivechselt.
Der brief steht auf einem folioblatte und ist mit noch xierliche-
7'er und zarterer schrift als die von mir im Jahrbuche für nd. Sprach-
forschung 13, 49 xusammengestelten autographen Laurembergs ge-
schrieben.
S. Amicitiae nosti-ae nuper renatae et bono cum Deo perennatu-
rae leges postulant, Vir Clariss. vt audacius nunc te compellem, et
sanctum piumquo a te poscani Honoris obsequium. Ego dum vestigijs
tuis insistens per hortos Apollineos felicissime ä te excultos ambulo,
et calore Poetico nonnunquam accendor, alius quoque mentem invasit
igniculus, qui casti Amoris ala ventilatus, in coniugalem flammam tan-
dem erupit. Solet sanö Medicorum et Poötarum cummunis praeses
interdum adseclas suos in hortos Dioneos deducere, ijsque spectanda
praebere lierbarum florumquo genera quam plurima: Ego quoque non
invitus eo perductus, quemnam e tot üosculis seligerem, diu multum-
que mecum perpendj: sed nee rosae purpura, nee ligustri splendor,
nee viror amaraci, nee caltae aurum nee oder violarum ita animum
meum affecit, ut unius lilij candor et fragrantia. Hoc quod dico lilium,
virgo est honesta et überaus, Maria Lilia, viri integerrimi et pru-
dentissimi Sebastiani Lilij, civis Hamburgensis filia, quam legitime
mihi desponsam solemniter et ritu consueto doniuui deducere constitui
ad diem 23 Maij, qui S. Trinitatj sacer est. | Intelligis nunc ipse, Vir
Clarissime, quid a te petiturus sim. Cum Floralia celebrant virgines,
et ad serta conficienda flosculos decerpturae eunt, amicularum et fami-
liarium turbam convocant, vt ne secretö ac sine testibus tarn pulcra
pereat florum amoenitas. Ego dum coronam mihi plectit Hymenaeus,
et pronubus Amor me ducit ad delibandum virgineum lilij mei floscu-
lum, non possum non convocare ad hanc celebritatem vires quos eru-
ditio et virtus amicos mihi conciHavit: quos inter Tu non postremus
es Clariss. Kirchmane, quem olim praeceptorem venerabar, nunc
amicum haereditarium et fautorem suspicio ac colo. Tu itaque hoc
officij largiturus es amicitiae nostrae, atque ita te compositurus, ut ad
diem modo dictum Hamburg! praesto esse^, ibique luceni hanc sollem-
nem et Hymenaeo ac Hilaritudini sacram devotamque ducere proque
feüci nostro coniugio vota ad Deum fundere possis. Facies eo ipso
quod dignum est sua Virtuto, et mc iam ante tibi devinctum aeternum
1) Hier folgt in der hs. possis, das nachher durchgestrichen ist.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. 30
466 VON BAHDER
poiTu obstringes. Yale Vir Clarissime, et nie tui obseruantissimiini
amare perge.
Eostochij, Prid. Non. Maj. An. CIÜIOCXIX.
T. Exe. Obs.
Joannes Laurembergius.
BERLIN. JOHANNES BOLTE.
KARL BARTSCH. 1
Mit Karl Bartsch, f zu Heidelberg am 19. febr. 1888, ist ein gelehrter
dahingeschieden, der auf dem gebiet der germanischen, wie auf dem der romanischen
pliilologie eine vielseitige und erstaunlich ausgedehnte tätigkeit entfaltet hat, auf bei-
den gebieten als kritiker und lierausgeber der hervoiTagendsten einer.
Karl Bartsch wurde zu Sprottau am 25. febr. 1832 geboren. Von seiner frü-
hesten Jugend hat er uns in dem bruchstück einer autobiographie „Aus der kinder-
zeit" erzählt. Seine erste ausbildung erhielt er auf den gymuasien zu Gleiwitz und
Breslau. Im jähre 1849 bezog er die dortige Universität um klassische philologie zu
studieren, wendete sich aber bald und dauernd der germanischen philologie zu, in
die er durch Weinhold eingeführt wurde. Seine Studien sezte er in Berlin fort, wo
namentlich "W. Grimm anregend auf ihn wirkte. Neben der altdeutschen zog ihn
auch die altfranzösische und provengalische litteratur in hohem grade an, imd um
sich mit diesen näher bekant zu machen, unternahm er 1852 — 53 eine reise nach
Paris, London und Oxford und durchforschte die dortigen bibliotheken. Frilchte die-
ser reise sind das altfranzösische und das provengalische lesebuch, hilfsmittel die
dem Studium der romanischen sprachen ausserordenthch zu gute gekommen sind und
eine reihe von auflagen erlebt haben. Nachdem er die folgenden jähre privatisierend
und in vorübergehender lehrerstellung verbracht, erhielt er 1855 eine anstellung als
custos der haudschriften am germanischeu museum zu Nürnberg. In diesen jähren
knüpfte er die bekantschaft mit Franz Pfeiffer an, die für seine wissenschaftliche
richtung von eingreifender bedeutuug war. Pfeiffers bestrebuugen, die deutsche phi-
lologie von den fesseln engherziger schulmeinungen zu befreien und der altdeutschen
litteratur mehr als es bisher der fall war, in den kreisen der gebildeten eine statte
zu bereiten, fanden durch Bartsch warme Unterstützung. Von anfang au gehörte er
zu den eifrigsten mitarbeitern der Zeitschrift Germania, deren redaction er vom
14. bände ab nacli Pfeiffers tode übernahm. In Nürnberg begann er seine tätigkeit
als herausgeber mhd. bisher unedierter werke, durch die er viele neue quellen der
altdeutschen litteratur erschloss und die deutsche philologie um eine reihe kiitischer
leistungen ersten ranges bereicherte. Noch in Nürnberg erschienen in rascher folge:
des Strickers Karl, die bruchstücke des Berthold von Holle, die Erlösimg mit reich-
haltigen mitteil ungen über andere geistliche dichtungen, die analyse der compilation
Karlmeinet. Erst als er im jahi- 1858 einen ruf als professor der deutscheu littera-
tur an die Universität Rostock erhielt, kam er in eine Stellung, die ilim vöUig zusagte
und ihm erlaubte mit frischcrem mute fortan sich seinen wissenschaftlicl\en arbeiten
[1) Der nachstehende nekrolog, dessen abfassung lir. prof. v. Bahder auf unsere bitte freund-
lichst übernommen hatte , gelangt seinem wünsche gemäss unverändert znm abdruck , -wir bemerken
jedoch , dass wir mit den von dem hemi verf. ausgesprochenen luteilen und ansehauiingen in mehreren
punkten nicht übereinstimmen. Red.]
KARL BARTSCH 467
ZU widmen. Wie uns Bartsch in seinem auf der Karlsruher philologenversamluug
gehaltenen Vortrag „Über die gründung gormanischer und romanischer Seminare und
die methode kritischer Übungen" selbst erzählt, war schon bei der berufung verab-
redet, dass das seit 1839 bestehende phOosopliisch-ästhetiselie Seminar in ein deutsch -
lihilologisches verwandelt werden solte. Bartsch eröfnete dies Seminar im herbst
1858 — das erste deutsch -philologische, das den späteren gründungen der art vielfach
zum Vorbild gedient hat. In die Rostocker zeit fallen eine reihe kritischer untei"-
suchungen und ausgaben, von denen ich nur envähne seine Untersuchungen über das
Nibelungenlied, die meisteiiieder der Kolmarer handschrift, die altfranzösischen
romanzen, Albrecht von Halberstadt, herzog Ernst. In den von Pfeiffer gegründeten
„Ueiitschen klassikcrn des nüttelalters " übernahm er die Kudrun, das Nibelungen-
lied, später Wolfram von Eschenbach. Die berufiuig nach Heidelberg (1872) als pro-
fessor der germanischen und romanischen philologle erschloss ihm einen ausgedehnteren
Wirkungskreis. Auch hier war die begründung eines deutschen seminars (in Verbin-
dung mit einem romanisch -englischen) seine erste tat. Hier in Heidelberg wirkte er
in einem immer wachsenden kreise von schillern bis zum jähr 1876, wo ihn eine
lungenkrankheit dem tode nahe brachte. Aber seine kräftige natur überwand den
anfall, bis ihn 1886 km'z vor dem Heidelberger Jubiläum, an dessen Vorbereitungen
er |tätigen anteil genommen liatte, die tückische krankheit von neuem ergriff luad
nicht wider gesunden Hess. Die lezten lebeusjahre muste der unermüdlich tätige
mann ohne akademische und fast ohne schriftstellerische tätigkeit verbringen. Sehr
gross ist die zahl der Schriften, die in Heidelberg von ihni ausgegangen sind, ich
nenne hier den grundriss der proveu^alischcn litteratur, die sagen, märchen und
gebrauche aus Mecklenburg, die ausgaben von Konrads v. Würzburg Partonopier.
Hugo V. Montfort, Reinfrid von Braunschweig, die schweizerischen Minnesinger, die
die neubearbeitung von Kobersteins grundriss und Gervinus litteraturgeschichte , das
buch „Zur quellenkunde der altdeutschen litteratur. "
Im mittelpunkt der gelehrten tätigkeit Bartschs auf germanistischem gebiet
steht die kritische behandlung altdeutscher, vornehmlich mhd. gedichte. Als kritiker
wandelt Bartsch in den fussstapfen von Lachmann und Haupt. Als geistigen schüler
Lachmanns müssen wii' Bartsch m der tat bezeichnen, trotz der kluft, die ihn von
der Lachmannschen schule trente; er selbst hat sich als solchen gern bekant. Wie
Lachmann hatte er es sich zum ziel gesteckt, die herausgegebenen gedichte in ihrer
ursprünglichen form wider herzustellen. Die mit Sicherheit durchgeführte kritische
methode, die voUe beherschuug der mhd. spräche, die Vertrautheit mit der altdeut-
schen litteratur, die poetische Veranlagung, die es ihm ermöglichte, die werte des
dichters bei trümmerhafter Überlieferung wider herzustellen, Hessen ihm auch schwere
aufgaben glänzend geHngen. Sein versuch das gedieht des Albrecht v. Halberstadt
aus Wickrams Überarbeitung in die ursprüngliche form zuiilckzuübeiiragen, legt von
seinem talent rühmliches zeugnis ab. Notwendige Voraussetzung einer kritischen
ausgäbe ist die gründliche durchforschung der spräche und metrik des behandelten
denkmals. Bartsch führte nicht wie Lachmann in seinen ausgaben ein normalisieiies
nüttelhochdeutsch dui'ch, sondern suchte durch sorgfältige betrachtung der reime die
sprachformen des dichters festzustellen. So hat er bei den mitteldeutschen denk-
mälern, die ihn nach Pfeiffers Vorgang besonders anzogen, die ursprüugHchen formen
zu erschliessen gesucht. Dass es ihm Ijei diesem verfahren auch nur annähernd
gelungen wäre, die sprachformen des dichters überall herzustellen, wird jezt aller-
dings niemand behaupten können, dazu sind speciellere dialektische Untersuchungen
30*
468 VON BAHDER
erforderlich mit benutzuag urkuudliclieu materiais und der modernen mundart. Solclie
eingehendere sprachliclie forscliuugcn vorzunehmen, lag Bartsch fern, wie das gebiet
der Sprachforschung überhaupt nicht das war, auf dem er sich mit verliebe bewegte.
— Von bleibenderem werte sind Bartschs metrische Untersuchungen. Auch hier
durchaus von Lachmanns forschungen ausgehend, gelangte er doch bald in wichtigen
punkten zu abweichenden ansichten. Sein feines gefühl für rhythmiis lehrte ihn das
unhaltbare von bctonuxigcn wie liebe mit leide. Eine reihe von monographicn , wie
über den strophenbau in der höfischen Ijaik, den inneren reim in der höfischen lyi'it,
die lateinischen Sequenzen, legen für seine begabung für metrische imtersuchungen
Zeugnis ab.
Als htterarhistoriker komt Bartsch die gleichmässige beherschung der germa-
nischen und romanischen litteraturen zu gute. So konte er über die zusammenliänge
der provengalischen und mhd. lyrik, über die bearbeitungen der Eolandsage, über
die quellen des Parzival wichtige aufschlüsse geben. Das meiste hierher gehörige
findet sich in den Anleitungen zu den ausgaben; die zu Albrecht v. Halberstadt und
zum herzog Ernst seien besonders hervorgehoben. Die eiuleitungen zu den „Classi-
kern" geben in gesclimackvoUer form über die entstehung und grimdlage der dich-
tungcn aufschluss. Nach diesen leistungen dui-fte sich Bartsch wol als berufen
ansehu, die neubearbeitung von Kobersteins grundriss und Gervinus geschichte der
deutschen dichtviug zu übernehmen. Die den altdeutschen Zeitraum behandelnden
teile des gruudrisses sind, namentlich in der 6. aufläge, fast ganz zum eigentum
Bartschs geworden, wir verdanken ihm nicht bloss die fülle des bibliographischen
materiais, sondern auch den darstellenden tcxt zum grossen teile.
Fragt man nach dem höhepunkt der wissenschaftlichen tütigkeit Bartschs, so
werden lüer unstreitig seine Untersuchungen über das Nibelungenlied zu nennen sein.
Die ansichten, die sich Bartsch aus seineu früheren kritischen Untersuchungen über
die bearbeitiuigen älterer gedichte gebildet hatte, übertrug er hier auf das gröste
deutsche cpos und trat mit einer theoric hervor, welche berufen schien, die sich einan-
der scliroff gegenüberstehenden meinungen zu versöhnen. Wenn sie in fachkreisen
keine ungeteilte Zustimmung gefunden hat, so lag das ziuii teil daran, dass man
sich nicht entschliessen konte oder wolte, den kernpunkt der theorie, die annähme
der beiden bearbeitungen, von einigen weniger gesicherten annahmen zu sondern,
zu denen sich Bartsch bekante, z. b. zur autorschaft des Küreubergers, oder dass
man der art und weise, wie Bartsch das original zu reconstruieren suchte, nicht
durchaus zustimte. Mögen auch einzelne von Bartschs aufstellungen als zweifelhaft
oder hinfällig erscheinen, die grundlagen seiner theorie sind unerschüttert, ja es ist
kaum der versuch zur widerlegimg derselben gemacht worden. Bartsch gereichte es
zur besonderen genugtuung, dass man auch von ehemals gegnerischer Seite seinen
ansichten in wesentlichen stücken entgegenkam.
Nicht geringschätzen wollen wir Bartschs tätigkeit auf bibliographischem gebiet.
In seinen seit 1863 in der Germania erscheinenden bibliograplüschen Übersichten gab
er zuerst einen überblick über das gesamtgebiet der deutschen philologie, welcher
diese als eine in sich geschlossene, wolgegiiederte Wissenschaft hervortreten liess, und
hat die algemeinc anerkeunung der deutschen pMologie als einer selbständigen, phi-
lologischen Wissenschaft dadurch nicht wenig gefördert, vor allem aber den fach-
genossen ein beqiiemes und unentbehi-Hches hilfsmittel geliefert. Bartsch hat dieseni
rmternehmen, das fast allein auf seinen schultern ruhte, einen grossen teil seiner
zeit geopfert, er führte es auch noch weiter fori, als im jahresbericlit der gesclschaft
(!
KARL BARTSCH 469
für deutsche phüologie ein coucurrenzunternelimea entstanden war; nur in den lezten
jalirea verhinderte ihn seine schwere krankheit die bibliographie zu liefern. — Sehr aus-
gedehnt war auch Bartschs recensionstcätigkeit. Er hat fast über alle werke, die ihn
näher berührten, recensionen geschrieben, meist in der Germania. Yiele derselben
enthalten höchst wichtige beitrage zur kritik. Es ist erstaunlich, wie ausserordent-
lich weit Bartsch den kreis seiner kritischen Untersuchungen zog und doch begegnet
unter diesen kaum eine, die nicht von gründlicher bekantschaft mit der handschrift-
lichen Überlieferung und tiefer Versenkung in den Sprachgebrauch des besprochenen
Werkes zeugte.
Bei diesen Untersuchungen kam Baiisch namentlich noch eins zu gute: seine
bedeutenden kentnisse auf dem gebiete der i)aläographie und handschriftenkunde.
Die zahl der handschriften , welche durch seine bände gegangen sind, ist enorm. Er
besass auch eine kentnis der gedruckten und noch ungedruckten altdeutschen litte-
ratur wie kaum ein anderer. Zeugnis davon legt der katalog der altdeutschen hand-
schriften der Heidelberger imiversitätsbibliothek ab; leider konte er die den einzelnen
stücken beigefügten verweise nicht in der volstäudigkeit geben, wie es ui'sprünglich
sein plan war. Seit jähren arbeitete er an einer Quellenkunde der altdeutschen litte-
ratur, eine kleine probe daraus veröffentlichte er in dem gleichnamigen buche, das
übrige war bei seinem tode schon so weit gediehen, dass eine Veröffentlichung des
ganzen zu erwarten ist.
Die persönlichen schüler Bartschs gedenken mit besonderer daukbarkeit des-
sen, was er ihnen als lehrer in colleg und seminar gewesen ist. Seinem Vortrag
fehlte jeder phrasenhafte aufputz; schlicht gehalten, wie er war, fesselte er doch
den Zuhörer durch die klare gedankenentwicklung und die zu herzen gehende wärme
des tones. Den teilnehmern am seminar werden besonders die textkritischen Übun-
gen uuvergesslich sein. Hier wusste er den schüler selbst zui' kritischen arbeit
anzuregen und ihn in stand zu setzen, seine grammatischen imd metrischen kent-
nisse zvu' kritischen reconstruction der texte zu verwerten. Nirgends so wie hier
gewann man den eindruck, dass Bai'tsch von seinem eigensten gebe und aus dem
reichen schätze seiner durch die eingehendsten forschungen gewonnenen erfahrungen
schöpfe.
Seinem wesen nach eine milde und versöhnliche natui', Hess sich Bartsch doch
hie und da zu scharfer und verletzender polemik hinreissen, doch meist nur da, wo
er es mit einem in parteihochmut befangenen gegner zu tun zu haben glaubte. In
der Wissenschaft hat er nie den einseitigen parteistandpimkt eingenommen, der alles
nicht innerhalb der parteikreise entstandene ignoriert oder nur gelegentlich mit hämi-
schen bemerkungen abfertigt, sondern hat auch das von gegnerischer Seite kommende
gute willig anerkant, das nach seiner ansieht verfehlte mit gründen bekämpft. Die
kleinliche freude, wissenschaftliche gegner vom katheder herab zu verunglimpfen,
hat sich Bartsch nie bereitet. "Wenn er sich im colleg über die in unsrer Wissen-
schaft bestehenden gegensätze aussprach, tat er es nie ohne auch seinen geguern mit
achtimg zu begegnen.
Viel zu früh ist Bartsch seiner rastlosen tätigkeit entrissen worden. In der
deutschen philologie wird der reichbegabte mann, der gründliches wissen und metho-
dische Schulung mit feinem sinn für poesie verband, allezeit eine ehrenstelle ein-
nehmen.
LEIPZIG. KARL VON BAHDER.
470
JON ARNASON.
Soeben bringt mir ein brief des isländischen geologen IVjrvaldur Thoroddsen
die traurige nachricht von dem am 4. September 1. j. erfolgten tode seines pflege-
vaters, des bibliotliekars Jon Arnason in Reykjavik. Die liervorrageuden Verdienste
des treflichen mannes um die volks- und sagenkunde seiner heimat begründen für
ihn doch wol einen nachruf in einem deutschen fachblatte, und meine langjährige
Verbindung mit demselben mag es entschuldigen , wenn gerade ich dem lieben freunde
einen solchen zu widmen wage.
Jon Arnason war am 17. august 1819 zu Ilof auf den Skagaströud in der
Hünavatnssysla geboren; nicht am 7. august, Avie bei A. de Gubernatis, Dictionnaire
international des ecrivains du jouv, s. 83 verdruckt steht. Schon in früher jugend
verlor er seinen vater, Arni Illugason {-f 1825), welcher am genanten orte pfarrer
war, lind wuchs unter der obhut seiner mutter auf, bis er die gelehrte schule bezog,
welche damals noch in Bessastadir ihren sitz hatte. Im jähre 1843 absolvierte er
diese laut des mir vorliegenden schulberichts über dieses jalir, mit welchem auch die
angaben von Erslew, Forfatter-lexicon, Suppl. I. s. 38 und Kr. Kälund , in J. 0. Bricka's
Dansk biografisk Lexikon, I, s. 334 übereinstimmen; das mir anderweitig genante
jähr 1845 muss darnach auf einem irtum beruhen. Unter der leitung Sveinbjöru Egils-
sons, des tüchtigen rectors, und Hallgrim Schevings, des vortreflichen lehrers der
genanten schule, erwarb sich Jon eine gründliche klassische bildung nicht nur, son-
dern auch eine sehr eingehende bekantschaft mit der isländischen spräche und litte-
ratur; beiden männern bewahrte er ein treues und dankbares angedenken. Lange jähre
diente er sodann selbst an der gelehrten schule, zuerst als aushilfslehrer und später
als inspector; andererseits bekleidete er mehrere jähre hindurch den dienst eines
bischöflichen secretärs, und über 30 jähre lang, anfangs unentgeltlich, später um
geringen lohn, das amt eines Vorstandes der landesbibüothek , welche unter seiner
Verwaltung einen sehr bedeutenden Zuwachs erhielt. Endlich gehörte er auch zu
den bogründern und eifrigsten förderei'u der isländischen altei'tümersamlung und zu
den fleissigsten mitglicdcru der in Reykjavik sesshaften abteiluug des Islenzka Bök-
mentafolags, überall seine kräfte einsetzend, wo sein land deren zu bedürfen glaubte.
— Am 25. august 1866 verheiratete sich Jon Arnason mit Katrin, einer tochter des
administrators forvaldur Sivertsen von Hrappsey; ein hofnungsvoUer söhn, welcher
aus dieser ehe hervorgieng, starb im jähre 1883, und sein verlnst beugte den ohne-
hin schon leidenden vater vollends darnieder. Durch gicht schon seit geraumer zeit
am schreiben gehindert, und in den lezten jähren überdies axxch nahezu erblindet,
ertrug er gottergeben sein schweres leiden, bis er demselben vor wenigen wochen
endlich erlag. Schlichte frömmigkeit war überhaupt der grundzug im Charakter des
mannes, so wenig er davon sprach, und so wenig er jemals neigung zum geistlichen
stände verspürt hatte, zu welchem ihm sein bilduugsgang den zutritt eröfnet hätte.
Einfach und grundehrlich, zurückhaltend im verkehr mit andern, und doch wolwol-
lend und dienstfertig gegen jedermann, war er bei allen beliebt die ihn kanten; alzu
bescheiden um sich irgendwie vorzudrängen, spielte er aber trotz seiner nationalen
gesinnung und seiner begeisterung für alles volkstümliche nie eine rolle im Öffent-
lichen leben seiner heimat, und nie konte er es zu einer Stellung bringen, die ihm
ein sorgenfreies dasein gesichert hätte. Sein leben war ein leben voller arbeit und
not, und wird er seinen lohn erst im jenseits erhalten.
MAtTRER, JOS ARN'ÄSON 471
Jon Ärnason hatte schon frülizeitig eine lebensbeschreibung Luthers (Agrip af
sefisögu dr. Maiieins Lüters, Reykjavik 1852), und eine solche kaiser Karls des
grossen geschrieben (Sagan af Karlamagnüsi keisara; Kopenhagen 1853); er war fer-
ner niitherausgeber der Drapa um Örvar-Odd von Benedikt Gröndal (Reykjavik 1851)
und der gesammelten Schriften Sveinbjörn Egüssous gewesen (Reykjavik 1855 — 5ü),
für welche lezteren er auch eine lebensbeschreibung dieses seines lehrers beisteuerte.
Der Schwerpunkt aber seiner leistungen lag in seinen werken auf dem gebiete der
isländischen Volkskunde. Der biiider Grimm „Kinder- und hausmärchen" gaben den
anstoss zu diesem seinem mrken. Sie waren ihm, der damals als hauslehrer bei
Sveinbjörn Egilsson in Bessastaflii" lebte, und zugleich Magnus Grimsson in die bände
gefallen, welcher damals als schüler die dortige gelehrte schule besuchte; schon im
jähre 1845 verabredeten beide gemeinsames sammeln isländischer volkssagen und mär-
chen, Volkslieder, Sprüche, spiele, rätsei u. dgl., und als erste frucht ihrer gemein-
samen tätigkeit veröffentlichten sie bereits im jähre 1852 ein büchlein, welches den
titel „Islenzk «jfintyii" führt (Reykjavik). Teils der frühe tod seines freundes imd
mitarbeiters, welcher am 18. januar 1860 als pfarrer zu Mosfell in der Mosfellssveit
starb, teils auch die Schwierigkeit für die rasch anwachsenden samlungen einen Ver-
leger zu finden, Hess diese später etwas ins stocken geraten; als sich aber eine nam-
hafte buchhandlung in Deutschland bereit erklärte, den vertag zunächst der volks-
sagen und märchen zu übeniehmen, und als auch das Islenzka Bokmentafelag zu
solchem behufe seine Unterstützung zusagte, strömte rasch neuer stoff von allen sei-
fen bei, und bereits in den jähren 1862 — 6-4 konte die samlung in zwei starken
octavbänden erscheinen (Islenzkar {)jöctsögur og jefintyri; Leipzig J. C. Hiniichs).
Hatte noch im jähre 1849 ein dänischer arzt, welcher doch anderthalb jakre lang die
insel in amtlichem auftrage bereist hatte (P. A. Schleisner, Island undersögt fra et
Isegevidenskabeügt syuspunkt, s. 164 — 65) behaupten können, dass auf Island zwar
noch viel aberglaube hersche, aber ohne den dichterischen schwung, welchen er im
übrigen norden zeige, imd dass man dort nur sehr wenig den elben und sonstigen
naturgeistem entsprechendes kenne, mit welchen das volk in Norwegen, Schweden
und Dänemark die natiu' zu bevölkern verstehe, so zeigte sich jezt in schlagendster
weise die völlige unlialtbarkeit dieses ausspruches. Das statliche werk hat bereits
so viele bearbeitungen in englischer, dänisch -norwegischer imd deutscher spräche
erhalten, und ist von fachmänuera und reisebeschreibern schon so vielfach benüzt
worden, dass es unnötig erscheint über dessen bedeutung hier etwas zu sagen; aber
dafür darf ich hier zeugnis ablegen, dass Jakob Grimm, welchem dasselbe gewidmet
ist, immittelbar nach dessen empfang in einem briefe an mich eine wahrhaft rtihrende
freude ausspracli über den ebenso reichen als eigentümlichen Zuwachs, welchen die
samlung der germanischen sagenkuude bringe. Neuerdings hat nun das Bokmenta-
felag angefangen ehien zweiten teil der volkstümüchen samlungen Jons und einiger
jüngerer freunde desselben herauszugeben, nämlich die rätsei, reimspiüche und
spiele; das erste heft der rätsei hat noch Jon Arnason selbst, das erste heft der
spiele aber hat im einverständnisse mit ihm Olafur Davidsson bearbeitet, welchem
lezteren man auch eine sehr verdienstliche einleitung über die geschichte der spiele
auf Island verdankt (Islenzkar gatur, pidur og skemtanir, 1887 imd 1888). Hoffent-
lich wird nicht nur die veröffenthchung dieser samlung glücklich zu ende geführt,
sondern auch die überaus reiche liedersamlung bald herausgegeben, welche Jon Arna-
son zusammengebracht hat. Da sein handschriftlicher nachlass teils beim Bokmenta-
felag, teüs in der isländischen landesbibliothek untergebracht ist, düi'fte die heraus-
472 MAUEEß, JON AENASON
gäbe keine übertriebenen sehwierigkeiten bieten ; der mann selbst und die Wissenschaft
haben aber ansprach darauf, dass des ersteren treue lebeusarbeit nicht nutzlos ver-
loren gehe.
Indem ich diesen nekrolog abschliesse, gehen mir die „Isländische volks-
sagen. Aus der samlung von Jon Arnason ausgewählt und aus dem
isländischen übersezt von M. Lehmann -Filhes" zu (Berlin, Mayer & Mül-
ler, 1889), ein werk, welches ganz geeignet scheint, die bekantschaft mit den volks-
sagen Islands denjenigen zu vermitteln, welche der isländischen spräche nicht hin-
reichend mächtig sind, um sie im originale studieren zu können. Nui' wäre zu wün-
schen, dass die auswahl etwas reichlicher ausgefallen wäre, und dass der bearbeiter
zimial auch von den für Island so überaus charakteristischen tJtilegumannasögur einige
mitgeteilt hätte.
Ich benutze aber diese gelegenheit, um auf ein weiteres werk aufmerksam zu
machen, welches unter dem titel: „Jon Sigurclsson, the icelandic patriot.
A biographical sketch, published by one of his relatives" kürzlich
erschienen ist (Reykjavik, 1887). Ganz abgesehen von seinen sonstigen Verdiensten
hat der am 7. december 1879 verstorbene Jon SigurSsson für die volkskimde seiner
heimat unendlich vieles geleistet, wenn auch ziun teü in mehr verborgener weise,
durch die von ihm angelegten samlungen und die anderen von ihm gewährte anre-
gung und förderung; aus diesem gründe mag die ebenso warm als wahr geschriebene
biographie desselben, welche wir einem seiner jüngeren verwanten, I'orlakur Olafsson
Johnsen in Reykjavik verdanken, hier erwähnt werden.
MÜNCHEN, 26. OCTOBER 1888. KONRAD MAURER.
MISCELLEN UND LITTEEATUR
Die Griseldissage in der littcraturgeschichte von Friedrich you Westen-
holz. Heidelberg, K. Groos. 1888. 1 bl. u. 177 s. 8. 2,40 m.
Eine eingehende Untersuchung über die zahlreichen gestaltimgen der von dem
dichter des Decamerone in die litteratur eingeführten Griseldisfabcl ist widerholt in
Iczter zeit als wünschenswert bezeichnet worden. Sehr erleichtert ist diese arbeit durch
den vorzüglichen artikel „Griselda" in Ersch und Grubers Algemeiner encyclöpädie
der Wissenschaften imd künste I. Serie, 91. band, s. 413 — 411 (1871), in welchem
Rein hold Köhler die samlung und Ordnung des materiales vorgenommen und die
wichtigsten fragen knapp und sachkundig erörtert hat, imd durch che nachtrüge,
welche Ph. Strauch 1885 in der Zeitschrift für deutsches altertimi 29, 373 — 443
im anschluss an seine Veröffentlichung von Albrecht von Eybs Grisardis gab. Auch
lagen für die methode einer solchen Untersuchung genug ähnliche arbeiten vor, welche
als muster dienen konten.
Leider erfült das vorliegende buch, welches nach s. 164 als doktordissertation
in Heidelberg eingereicht und genehmigt worden ist, nicht die durch den titel eiTeg-
ten erwartungen. Das von Köhler zusammengebrachte material hat der Verfasser
nicht volständig ausgenuzt, von Strauchs artikel aber auffallender weise erst nach
abschluss des ganzen kimde erhalten, und auch andre neuere einschlagende werke
wie C. Schröders ausgäbe der Griseldis und des ApoUonius (Leipzig 1873), W. Sehe-
BOLTE, ÜBER VON WESTENHOLZ, GRISELDISSAGE 473
rers Anfänge des deutschen prosaromaus (Strassburg 1877) oder M. Landaus Quellen
des Decamerone (Stuttgart 1884) übei-sehen. In der anordnuug des Stoffes folgt
er diu'chaus Köhler, indem er seine darstellung in folgende abschnitte gliedert:
I. Über den Ursprung der sage. 11. Die grundlegenden bearbeitungen der sage (Boc-
caccio und Petrarca). III. Bearbeitungen in prosa ( Volksbücher und märchen).
IV. Poetische bearbeitimgen (3 epische gedichte und 4 dramen). Als sein ziel
bezeichnet v. Westenholz s. 4, eine geschichte aus dem Decamerone auf ihren Wande-
rungen durch Europa oder doch den hauptstationen derselben zu verfolgen, da ihm
ein derartiges unternehmen recht interessante einblicke in die verschiedene auffas-
sungs- und darstellungsweise eines und desselben Stoffes bei verschiedenen Völkern
und zu verschiedenen zeiten zu versprechen schien. In wirkliclikeit begnügt er sich
mit einer analyse von sechs prosaischen und sechs poetischen bearbeitungen, unter
denen die von Dekker, Chettlo und Haughton verfasste „Comedy of Patient Grissil"
und Halms Schauspiel Griseldis (1834) am ausführlichsten, auf 66 selten, besprochen
werden. Ein solches eklektisches verfahren, welches dem mehrverheissenden titel
einigermassen widerspricht, liesse sich rechtfertigen, wenn eben wirklich die haupt-
sächhchsten fragen, welche sich an die entwickelung des Stoffes knüpfen, erörtert
und eine geschichte der lezteren gegeben würde. Aber die erste hauptfrage, auf
welche v. Westenholz, nachdem er über Boccaccios quelle nur zu einem nega-
tiven ergebnis gelangt ist, auf s. 21 eingelit, das Verhältnis der lateinischen bearbei-
tung Petrarcas zu dem italienischen originale, vennag er nicht selbständig zu
lösen, da ihm die erzähluug Petrarcas, die doch für die Verbreitung des Stof-
fes nach dem auslande weit wichtiger wurde als Boccaccios novelle, welche nach
G. Voigts ausdruck die gattung der novelle überhaupt erst in den humanistenkreisen
hoffähig machte, „nicht zugänglich" war; er beschränkt sich also auf die Verdeut-
schung Steinhöwels vom jähre 1472 und die schon von Köhler gegebenen bemerkim-
gen. War es wirklich so schwierig, was die Heidelberger bibliothek nicht bot, von
einer andern zu erhalten? Sehr nahe lag es ferner, die verschiedenen deutschen
Übersetzungen des 15. Jahrhunderts mit einander zu vergleichen, von denen eine sogar
in Heidelberg selbst handschriftlich vorhanden ist. Wir besitzen drei bearbeitungen
nach Petrarca: durch Heinrich Steinhöwel, durch Albrecht von Eyb, durch einen
ungenanten obersächsischen klostergeistliclien, und eine nach Boccaccio direkt durch
Arigo, den Verfasser der ohne ausreichende gründe Steinhöwel zugeschriebenen üeca-
meronübersetzung, während Niclas von Wyles Verdeutschung verloren gegangen zu
sein scheint. Aber v. Westeuholz geht an diesen wertvollen beispielen für das eindrin-
gen der italienischen novelle in' die deutsche litteratur und für die gestaltung des
prosaromans vorüber und citiert weder Bobertag noch Scherer; nur im anhange
bespricht er nachträglich Eybs arbeit, freilich ohne der formalen seite genügende
beobachtung zu schenken. Die gedruckten Volksbücher in verschiedenen sprachen
werden nach Köhler aufgezählt; für die vier märchen (s. 33 — 46) wird ebenfals Köh-
lers aufsatz „Die Griseldisnovelle als Volksmärchen" [Archiv f. litgesch. 1, 409 — 427]
ausgezogen; woher aber Köhler das dänische, das russische und das isländische mär-
chen entlehnt hat, wird nicht gesagt, wie auch sonst die bibliograpliischen angaben
öfter die nötige Sorgfalt vermissen lassen; Köhlers grundlegender artikel bei Ersch und
Gruber z. b. wird weder s. 8 noch s. 28 genau angeführt. Schi'ieb vielleicht der Ver-
fasser sein buch überhaupt für ein grösseres publikum, dem an dergleichen dingen
nicht viel liegt? Allein diesem würde doch auch nicht mit seitenlangen blossen auf-
zählimgen von büchertiteln wie s. 28 fgg. gedient sein.
474 BOLTE
Besser gelungen ist dem Verfasser der 4. abschnitt : „Poetische bcarbeitiingen" ;
er gibt hier ausführliche inhaltsan gaben von Chaucers „The prioresses tale", von
der altcuglischen ballade, welche für die Dekkersche komödie die quelle hergab, und
von der „Nouvclle de Griselidis", welche der märchenerzähler Charles Perrault zuerst
in Versen und dann in pi'osa behandelte. Vieles ist hier gut beobachtet imd hervor-
gehoben, wenn auch die darstellung oft gar zu breit wird und die charakteristischen
züge jeder fassung nicht genügend erkennen lässt. Das gleiche gilt von den analy-
sen der Griseldisdramen : 1) Comedy of Patient Grissil von Dekker, Chettle und
Haughton, 2) Lope deVega, El exemplo de casadas y prueva de la paciencia (1616);
nur ein auszug aus Grillparzers Inhaltsangabe; 3) Hans Sachs, Die gedultig und
gehorsam markgräfin Griselda (1546), 4) Friedrich Halm, Griseldis (1834). v. Westen-
holz verrät auch hier in der sorgfältigen widererzählung geschmack, aber zugleich
einen wol aus ungeübtheit herrührenden mangel an zielbewusster und das wesent-
liche vom unwichtigen sondernder methode, während seine beschränkuug hinsichtlich
des materials ihm die erkentnis der historischen eutwickluug und verschiedener zu-
sammenhänge erschwert. Der positive gewinn also, den die Wissenschaft aus seinem
buche ziehen kann, ist nur ein geringer. Für weitere forschungen bleibt nach wie
vor Köhlers artikel die grundlage, nur nebenher Avird man den lezten abschnitt des
vorliegenden Werkes einzusehen haben.
Zu nachtragen wäre somit reiche gelegenheit; ich beschränke mich jedoch
auf einige einzelheiten, da schon Ph. Strauch im Anzeiger für deutsches altert. 14,
249 — 251 verschiedene ergänzungen geliefert hat.
Eine spanische Übersetzung von Petrarcas novelle steht in der dem 15. Jahr-
hundert angehörigen samlung „Castigos y dotrinas" und ist mit dieser herausgegeben
von H. Knust in „Dos obras didäcticas y dos legendas sacadas de manuscritos de la
Biblioteca del Escorial ", Madrid 1878 s. 260 — 265; vgl. R. Köhler, Zs. für roman.
philol. 3, 273. — Über einige neugriechische Volkslieder vgl. F. Liebrecht, Jahrb.
für roman. litt. 4, 113 und Zur Volkskunde (1879) s. 217 nr. 292. — Zu s. 30:
R. Bechstein, Altdeutsche märchen, sagen und legenden 1863 s. 34 — 56. — Zu s. 32:
über eine böhmische hds. vom jähre 1459 vgl. J. Dobrowsky, Geschichte der böh-
mischen Sprache und litteratur 1792 s. 153. — Zu s. 83 vgl. L. Petit de Julleville,
Les mysteres 1880 2, 182. — Ebenda z. 8 v. u. 1. Gillot statt Gillet. — Zu s. 167:
eine weitere hdschr. von Eybs Gnsardis liegt in Wolfenbüttel, 44. 16 Aug. fol.
Zu s. 84 fg. Schon von Köhler angeführt, aber von v.AVestenholz übersehen ist
die merkwürdige lateinische schulkomödie Grisellis von Eligius Eucharius (=
Houckaert), Antverpiae 1519, von der ich exemplare auf der Genfer und der Löwe-
ner bibliothek sah. Unter den deutschen stücken des 16. Jahrhunderts ist das drama
des Hans Sachs (1546) das wichtigste; es existiert davon ein Kölner nachdruck
ohne jähr (Goedeke 2-, 427), 1579 zur fastnacht ward es im rahmhof zu Frankfurt
am Main von etlichen gesellen dargestelt (E. Mentzel, Ai'chiv für Frankfiu'ts geschichte,
n. f. 9, 14), und ward 1582 von einem landsmanne des dichters, dem schuhneister
Georg Mauritius (1539 — 1610), zu Steier in erweiterter und veränderter gestalt
aufgeführt. Diese Umarbeitung ist uns in einem drucke vom jähre 1606 erhalten;
aus dem prolog geht hervor, dass Mauritius, der inzwischen um seines protestan-
tischen bekentnisses willen vertrieben und in die heiniat zurückgekehrt war, sein
werk auch in Nürnberg auf die bühne brachte:
Ob wir aber gleichwol von den Altn
Verstandn , das solch Spiel auch sey ghaltn,
ÜBEK VOX WESTENHOLZ, GRISELDISSAGE 475
Vor vielen Jahrn in dieser Stadt
Eim fiirsichtign, tcohceisen Rath:
Jedoch icas nir dabey habn gthan,
Wird geben die Collation.
Denn drinn geicesn viel Lücken ivüst,
Die ivir habn xieinlich aussgebüsst,
Dem Handel tceiter nachgedacht,
Vnd besser all vmbständ betracht,
Verhoffn nach diesem xu euch alln,
Es iverd auch d' Ordnung bass euch gfalln.
Die hier angedeuteten erweiteriingen sind sehr äusserlicher art, der primk der gan-
zen hofhaltung, das treiben der dienerschaft wird uns vorgeführt, die äusserungen
der Untertanen des grafen über sein benehmen mitgeteilt, die personenzahl von 13
auf 50 vermehrt. Hofteufel und Eheteufel müssen nach der weise des protestantischen
dramas als anstifter der intrigue vor den äugen des publikums agieren. Verschiedene
reden der rate Walters Averden von Mauritius einem „ hofprediger " in den mund
gelegt; für die ergötzung der Zuschauer sorgen verschiedene narren (Rupl, Morio,
Yeitl) und ein zwerg Pigmäus , deren <äusserungen mit der handlung in keinem zusam-
menhange stehen und auch ganz kunstlos eingeleitet werden; so sagt Morio zuVeitl:
Lass sie beysanimen spintisirn,
' Wir icollcn da ein tveil stultirn.
Des Maui'itius gleichnamiger söhn übersezte 1621 die Griseldis des vaters in
lateinische prosa und Hess sie durch Studenten auf dem Altdorfer Theatrum academi-
cxmi, über welches ich nächstens einiges mitteilen werde, aufführen. — Keinen unmit-
telbaren einfluss von Haus Sachs lassen zwei norddeutsche Griseldisdramen erkennen.
Von dem ersten, bisher uii'gends erwähnten besizt die Weimarer bibliothek eine
gedruckte Inhaltsangabe :
ARGVMEXTA \ Comoediarum quae Latine et \ Germanice ä scholasticis
ludi Mariani | sunt exhibitae | In Hilarijs huitis Änni \ 1578. \ Scripta et
edita ä M. | Valentino Schreckio. | Inhalt \ Der Comedien u-elche Lateinisch
vh I Deudsch von der jugent auß der Pfarr- \ schulen %u S. Marien sind
agiret | tvorden \ In Faßnacht \ Dieses Jares 1578. | Beschrieben vn in Druck
verfertiget \ Durch \ M. Valentinum Schrechium. \ 1 ^4 Bogen. 8. Am Schlüsse
steht: Oedruckt xu Dantxigk bcy | Jacobo Rhoclo. \ 1578. \
Die lateinische "«idmung gibt an, dass der Danziger Schulmeister V. Schreck vor-
schriftsmüssig jährlich eine latemische imd eine deutsche komödie aufzuführen hatte
und diesmal den Phonnio des Terenz und eine deutsche Griseldis eigner mache dazu
wählte. Als seine quelle nent er mu' Boccatius; von der anläge des ganzen geben
gereimte Übersichten der 5 einzelnen akte künde. Eigentümlich, ist, dass die heirat
Walthers nicht vorgeführt wird, sondern das stück erst nach derselben begint. Einen
breiten räum nimt die Schilderung der verschiedenen stände und ihrer Schattenseiten
(bauer, kaufmann, hofleute) ein, Satan hezt den fürsten wider seine gemahlin, aber
der aus der geschichte des Tobias wolbekante engel Eaphael tritt ihm entgegen ; ver-
geblich protestieren die stände wider die austreibimg der fiü-stin. — Das andre drama
hat den Berliner domküster Georg Pondo (vgl. Allgem. deutsche biogr. 20, 407 fg.)
zum Verfasser imd ist von diesem nebst einer komödie von Isaacs Heyrath dem her-
zöge Heimich Julius von Braimschweig 1590 zu seiner hochzeit gewidmet. Der
prolog beruft sich auf Petrarcas novelle:
476 BOLTE, ÜBER VON WESTENHOLZ, GRISELDISSAGE
Diese Historien beschreibet fein
Franciscus Petrarcha im Latein,
Sie ist mit vleis ins Detttsch gebracht,
Vnd nun zu einr Co^noedicn gmaclit.
Mit Mauritius und Schreck teilt Poudo die verliebe füi- die ausmalung des
lioflebens, das er in Berlin selbst beobachten konte. "Was die rate, die edelknaben,
die trabanten, trompeter, hofnarren, kammermägde von den handlungen der haupt-
personeu gewahren, das erzählen sie ausführlich und geben ihr urteil darüber ab;
"Walther ist ein junger, lebenslustiger herr, der etwas zur Völlerei und ziu- jagd und
bauernplackerei neigt und vom eheteufel in seinem Widerwillen gegen die ehe bestärkt
wird. Gar nicht übel wird die familie der heldin eingeführt; Janiculus und seine
frau Gertsch unterhalten sich in schlesischem dialekte über einen träum ihrer toch-
ter, der von einer heirat mit dem markgrafen handelt; nichtsdestoweniger schilt die
mutter die mit der Schafherde heimkehrende Griseldis wegen ihres hochmutes (wie
in den Josephdramen Jakob seinen sohif wegen seines traumes); diese aber entgeg-
net (in hochdeutscher mundart), dass der markgraf schon öfter, wenn er zur jagd
ausritt, freundlich mit ihr geschwäzt habe. Das von Pondo vielfach verwante kunst-
mittel , durch ahnungcn und träume auf die späteren ereignisse vorzubereiten ^, benuzt
auch Mauritius; doch träiunt bei ihm nicht Griseldis, sondern Janickl von der stan-
deserhöhuug seiner tochter. Pondo eigentümlich ist, dass im 4. akt die beiden alten
gerade in dem augenblicke auf das schloss kommen, ihre tochter zu besuchen, wie
diese von ihrem gatten Verstössen wird. Eingelegt sind nd. scenen zwischen den
baueru Brix und Stentzel und dem narren Dromo, einzelne hiebe auf die katholische
kirchc fehlen nicht.
Andre Zeugnisse fiir das fortleben des Griseldisstoffes auf der bühue sind:
1598 aufführung durch gesellen in Deynze (E. Vander Straten, Le theätre villageois
en Flandre 1, 22. 1874.). — 1626 (aber nicht 1671) aufführung einer ChrysUla (=
Grissil) in Dresden durch englische komödianten (Fürstenau, Zur geschichte der
musik und des theaters zu Dresden 1, 97. 231. C. Heine, J. Veiten. Diss. Halle
1887 s. 22). — Jesuitenkomödien (ausser der s. 176 erwähnten Wiener handschr.
vom jähre 1681): 1736 in Fi'cisingen: Amor personatus s. Gualterus in Griseldam
simulate furens (Strassburg, TJniversitätsbibl.). 1740 in Grammont (Faber, Histoü'e
du theätre franyais en Belgique 1, 49. 4, 347). 1762 in Freisingen : Gaudens patieu-
tia (Cod. lat. Monac. 22U4 s. 406). 1775 in Renaix (F. Vauderhaeghen , Bibhographie
Gantoise 7, 256. 1869). 1783 in Regensburg (Kleinstäuber, Verhandlungen des histor.
Vereins von Oberpfalz und Regensbui'g 37, 154. 1883. Mettenleitcr, Musikgeschichte
der Stadt Eegensburg 1866 s. 254). — Fernere aufführungen : 1741 zu Fraukfurt
(E. Mentzel, Ai'chiv f. Frankfurts gesch. n. f. 9, 449) uud 1770 zu Kaufbeuren
(Trautmann, Archiv f. litteraturgesch. 14, 230).
Zu den italienischen dramen trage ich nach: RoUi, Griselda 1744 (AUacci,
Drammaturgia s. 889). Über die opern gibt H. Riemann, Opernhandbuch (1887)
s. 196 fg. 725 fg. noch folgende nachweise: Zenos text wurde komponiert von Anto-
nio Pollarolo (Venezia 1701), Predieri (Bologna 1711), Orlandini (Bologna 1720),
G. B. Buononcini (Londra 1722), P. Torri (Monaco 1723; F. M. Rudhart, Gesch. der
oper am hole zu München 1, 108. 1865.), Fr. Conti (Vienna 1724; vgl. L. v. Köchel,
J. J. Fax 1872 s. 541), Albinoni (Ven. 1728). Andere opern: CheUeri (Piacenza 1707),
1) Vgl. F. Spongler, Dor verlorene solin im drama des 16. jiüirh. (1888) s. 60 und 95 fg.
feOLTE, UBEß BiRKET SMJTlJ, ALTDÄN. KOMÖDIEN* 477
Capello (Rovigo um 1710), AI. Scarlatti (Koma 1721), Vivaldi (Veii. 1735), Porpora
(Monaco 1735, text von Salli), Latilla (Eonia 1747), Nie. Logroscino (Napoli 1752,
text von T. Stanzani), N. Piciani (Ven. 1793), F. Paer (Parma 1796, text von Anelli),
Fed. Ricci (Ven. 1847, text von Piave), Or. Scarana (Napoli 1878), Giulio Cottraii
(Torino 1878, text von Golisciaui). Auf Halms drama gehen ohne zweifei zurück die
opeiTi von T. Friedr. Müller, Percival und Griseldis (Agram 1841, text von A. v. Kies-
heim) imd von K. Schnabel, Griseldis und Percival (Breslau 1851, text von Karlo).
BERLIN. JOHANNES BOLTE.
Tobiac komedie, et dansk skuespil fra tiden omkring 1600, udgivet
for universitets-jubilaeets danske samfund af S. Birket Smith. Kj0-
benhavn, Thieles Bogtrykkeri 1887. XYIH, 98 s. 8.
Comoedia de Mundo et Paupere, et dansk skuespil fra begyndelsen af
det 17. aarhundrede, udgivet for universitets-jubilaeets dansko
samfund af S. Bii'ket Smith. Kjobeuliavn, Thieles Bogtrykkeri 1888. XVII,
119 s. 8.
S. B. Smith, der schon durch verschiedene tüchtige abhandluugen und aus-
gaben um die geschichte des älteren dänischen Schauspieles wolverdicnte Vorsteher
der Kopenhagener Universitätsbibliothek, legt in den beiden genanten bänden uns zwei
dänische dramen vor, aus welchen bisher nur kleine bruchstücke veröffentlicht waren.
Beide stücke sind einer handschrift der königi. bibUothek in Kopenhagen (Gamle kon-
gelige samling 794 fol.) entnommen, welche für die geschichte des unter dem ein-
tlusse der reformation entwickelten schuldramas wichtig ist. Sie enthält nämlich:
1) Nabal, eine dänische Übersetzung von Rod. Gualtherus' lateinischem
stücke (Tiguri 1549), wahrscheinlich identisch mit der 1578 in Ribe auf-
geführten des büi'germeisters Soren Skriver zu Kolding.
2) Tobias.
3) Drei Zwischenspiele: Aarets fii-e tider, Herkules og Omfale, De fii'e Verdens
aldre.
4) S am so US fiengsel (1599) von Hieronymus Justesen Ranch; gedi'uckt in
Smiths ausgäbe von desselben „Danske skuespil og fuglevise", Kjobenhavn
1877 s. 135 — 265.
5) Maria Magdalena.
6) De Mundo et Paupere.
7) Hecastus, eine übersetzimg nach dem lateinischen des Niederländers
G. Macropedius (Antverpiae 1539), in Aarhus entstanden.
Wie einige kui-ze vermerke lehren, diente diese handschrift bei einer auffüh-
ruug, welche der junge rektor der schule zu Randers, Petrus Theocarus oder Th0-
gersen (1582 — 1G34) mit seinen Schülern am 5., 6. und 7. mai 1607 von nr. 6,
nr. 1 imd von Plautus' Aulidaria veranstaltete. In ähnlicher weise scheint nr. 2, der
Tobias, zusammen mit dem Heautontinionnnenos des Terenz, wozu man den prolog
aus Hegelunds Susanna entlehnte, und dem Eimuchus desselben dichters dargestelt
zu sein^ Der Verfasser, Avelcher nirgends genant wii'd, hat sich nur bei nr. 1 und 4
ermitteln lassen; doch weisen zwei stellen im Tobias (s. 50 und 98) ziemlich klar auf
1) Man kann hierzu die vorsclii-ift vorschiedenor Schulgesetze in deutschen städton vergleichen,
wonach im 16. Jahrhundert jährlich eine lateinische komödie des Plautus oder Terenz und eine deutsche
biblischen Inhalts aufgeführt werden musten.
478 BOLTE
Viborg als den eutsteliungsort dieses Stückes hin. Die naheliegende Vermutung,
dass der in Viborg lebende Eanch, der dichter von nr. 4, auch nr. 2 verfasst habe,
weist Smith aus inneren gründen zuriick, während er für nr. 6, De Mundo et
Paupere, dem obengenanten Peter Th0gersen in Eanders einigen anspnich auf die
Urheberschaft zugesteht.
Von diesen beiden stücken nr. 2 und 6 liefert uns der herausgeber einen buch-
stäblichen getreuen abdruck, in welchem wir nur des bequemeren citierens wegen die
verszählung hinzugefügt wünschten; die einleituugen erörtern die fragen nach dem
entstehungsoiie , dem Verfasser und der Originalität derselben.
Der Tobias reiht sich der grossen gruppe von Schauspielen an, welche auf
grund der wolabgenmdeten biblischen erzählung im 16. Jahrhundert in Deutschland
und den nachbarläudem entstanden. Das gegenseitige Verhältnis dieser bearbeitungen
ist noch nicht imtersucht und lässt sich, da mehrere stücke noch nicht wider auf-
gefunden sind, vielleicht nicht mit völliger Sicherheit bestimmen ^ Dem dänischen
Schauspiel weist Smith eine selbständige Stellung zu, da er fünf deutsche, ein latei-
nisches und ein schwedisches Tobiasdrama untersucht hat, ohne eine nähere ver-
wantschaft zu finden. Indes scheint der Viborger anonymus nicht ganz ohne kentnis
älterer dramatischer versuche gearbeitet zu haben. Zwar- dass er gleich Hans Sachs
und Ackermann die mutter des jungen Tobias ebenso Anna nent wie die mutter der
Sara, darf man hier nicht anführen; denn hierfür konte dieVulgata, der auch Luther
folgte, die quelle sein, während Rollenhagen, Schonaeus und Martin Bohemus (1618)
der mutter der Sara den namen Edna (Hedna), welcher sich im griechischen Origi-
naltexte findet, verleihen. Aber auf die mehrfach nachgeahmte komödie des Elsässers
Georg Wickram (1551) gehen möglicherweise die beiden scenen I, 3 mxd. III, 2
zimick, in denen Salvator, d. i. gott-, die engel Gabriel und Eaphael aussendet, lun
die Seele eines erschlagenen Juden in den himmel zu holen und den jungen Tobias
auf seiner reise zu geleiten. Andre gemeinsamkeiten, welche vielleicht auf zufall
beruhen, versage ich mir anzuführen. Jedenfals gehört die darstelluug im einzelnen,
wie die anspielungen auf dänische sitten und vollcslieder (s. 57, vgl. s. XI ') zeigen,
zum grössteu teile dem dänischen autor. Sein eigentum ist aucli, wie die verglei-
chung der andern Schauspiele lehrt, der ganze zweite akt. Nachdem er nämlich im
1) Vgl. Sclierer, Doutscho Studien 3 (Wiener Sitzungsberichte phü. - hist. kl. 90, 185 — 193. 1878);
Holstein, Dramen von Ackermann und Voith 1884 s. 8; Bolte, HeiTigs archiv 77, 305. Bibliograpliisches
matorial wird näclistens E. Picot in der von Rothschild begonnenen ausgäbe des Mistere du Viel testa-
raent liefeni.
2) Mit dem namen Salvator, der ja unzweideutig Cliristus bezeichnet, hat es übrigens seine
eigene bewantnis. Wenn derselbe sich bei katholiken und Protestanten au stelle gottvaters in darstellun-
gen alttestamentlicher goschichten findet, so hat man darin eine anwendung des schon bei Irenäus (202)
und Origenes (254) auftretenden dogmas zu erblicken, dass alle oifenbarungen gottes durch den Xoyoc:,
den präexistenten , wie nachher den incarnierten , also durch Chn'stus , geschehen sind. So erscheint
Salvator in dem um 1480 niedergeschriebenen Künzelsauer fronleichnamspiel (Werner, Germania 4,
340} und in dem gleichzeitigen Egerer fronleichnamspiel (herausg. von Müchsack 1881 v. 29 — 1058)
als der weltschöpfer und der gott Adams , Abrahams , Moses und Salomos , in dem 1514 aufgezeich-
neten Heidelberger passionsspiel (herausgegeben von Milchsack 1880 v. 2239. 4113) als der leiter der
geschicke dos Elias und Hiob. Ebenso tritt er in den Tobiasdramon von Wickram (1551), Rollenhagen
(1579) , Gotthart (1619) und in dem Geistlichen spiele vom falle Adams und Even dos Holsteiners Joh.
Stricerius (1570) auf. Ganz den gleichen siim hat es, wenn Joh. Avianius 1596 in seiner lateinischen
tragüdie Adamus lapsus und 1016 sein vordeutscher Joh. Oepffolbach (vgl. Bolte , Allgem. deutsche biogr.
24, 366 fg.) die erschaffung der weit und des ersten menschenpaares dem Logos zuteilen. Dagegen
werden in Chr. Richters oper Adam und Eva (Hamburg 1078) Salvator und Jehovah zusammen neben-
einander eingeführt
ÜBER BIRKET SMITH, ALTDÄN. KOMÖDIEN 479
ersten die fromme gesimiung des Tobias und seine Wendung vorgeführt hat, stelt er
hier dar, wie die freier der Sara einer nach dem andern vom teufel erwürgt werden,
weil sie es verschmähen, ihren ehestand mit gebet zu beginnen. Verständigerweise
liisst er dies nicht siebenmal, wie in der bibel, geschehen, sondern beschränkt sich
auf drei freier, die er als hoffäitig, reich und als gamel horejagere charakterisiert.
Dem biblischen eheteufel Asmodeus geselt er noch einen gehilfen, den bryllupstrold
Misogamus, zu und malt ihr walten mit besondrem behagen aus. Zu den anzüg-
lichen lästerreden der mägde bieten die deutschen stücke parallelen. Im 3. akte
wird die aussendung des jungen Tobias, dem sich der eugel Eaphael unter dem
namcn Azarias als gefährte anbietet, geschildert; im 4. die wandrung und Werbung
desselben, hochzeit mit Sara, Vertreibung des Asmodeus, ankimft Gabeis; im 5. die
abreise des jungen paares in die stadt des alten Tobias, welcher sein augenlicht wider
erhält. — Die hochzeitsbräuehe werden nicht mit der ausführlichkeit wie von RoUen-
hageu (157(J) und Friderici (1637) dargestelt*, aber die sitte, dass der bräutigam
nach der trauung von den gasten schlage erhält, kehrt auch hier (s. 20 imd 56)
wider: Hie, nt fit in sponsaliis, terga mutuo verberant astantes. — Das s. 33
citierte deutsche lied: „Ich bin so lang geuessen" ist erhalten im Ambraser lieder-
buche von 1582 nr. 258, auf fl. blättern von 1606 und 1611, in den Niederdeutschen
Volksliedern (Hamburg 1883) nr. 33; mit melodie im hsl. liederbuche Seb. Ebers vom
jähre 1592 (Berliner mscr. germ. qu. 733) 1 nr. 5, in dem um 1608 geschriebenen
liederbuclie des Petrus Fabricius (vgl. Bolte, Niederdeutsches Jahrbuch 13, 55 — 68)
nr. 106 und bei Melch. Franck, Eeuteiiiedlein 1603 nr. 5; vgl. desselben Fasciculus
quodlibeticus 1611 nr. 5; eine vierstrophige geistliche umdichtung im Coburger gesang-
büchlein 6121 s. 147. — S. 95 wird ein Pygmer- (Pygmäen?), ein reifer- imd ein
thorentanz aufgeführt. — S. 37 der ausmf: o hui iodidh. — S. 65 ein ausfall auf
den papst. — S. 85 ein träum des alten Tobias als Vorbereitung auf die rückkehr
des Sohnes. — S. 21 u. ö. halbverse zum ausdrucke der erregtheit, auch als teu-
felsmetrum.
Das andre stück, die Comoedia de Mundo et Paupere, der wir uns nun zu-
wenden, ist durcli seinen eigenartigen, an die französischen und englischen morali-
täten älterer zeit erinnernden Inhalt merkwürdig. Muudus erscheint dem gramma-
tischen geschlechte zuwider als ein weibliches wesen; es ist die aus der siureichen
dichtung Konrads von Würzbiu'g und den bussreden der predigermönche wolbekante
„Frau Welt", die Personifikation der irdischen, von gott abführenden sinnerdust^.
Unter trompeten- und höruerschall tritt sie auf und verheisst reich tum und frohes
leben dem, der ihr dienen wolle; Pauper naht sich ihr bittend, fast wie der Fortunat
des deutschen Volksbuches und der englischen komödianten; sie verleiht ihm einen
beutel mit geld und prächtige kleider, indem sie ihm befiehlt, übers jähr widerzu-
kommen. Vergeblich warnt ihn der engel Gabriel vor dem trüge der weit. Nach
ablauf eines jahi-es stelt er sich wider ein und erhält von frau Welt widernm geld
und die Weisung, ein jähr lang in freuden zu leben, von ihrer tochter eine goldene
halskette. Er nimt nun den ihm begegnenden Claus Schot in seinen dienst und lässt
sich zu einer wirtin „fru Thuttensmach" führen, wo sie unbekümmert um die worte
1) Vgl. Bolte, Alemannia 14, 188 — 193.
2) Vgl. F. Sachse, Der weit lohn von Konrad von Würzburg, progr. Berlin 1857 s. 14 fg.
Erich Schmidt, Goetlie-jahibuch 3, 120 — 123. In den Gesta Romanorum 202 erscheint einem ritter eine
Jungfrau, vorn schön und lieblich, hinten voller würmer und Verwesung ; sie nent sich ,,Seculum."
Ähnlich in Dantes Inferno 17, 10: ,,Gerione."
4§0 ÖOLTE
des zweiten engeis schmausen und zechen. In der 3. scene — die einzelnen auf-
tritte sind durch moralisierende ermahnungen eines interlocutors an die Zuschauer
unterhroclien — empfangt frau Welt den Pauper widcrum gnädig und verhcisst ihm
kaiserkrone und sccpter, doch unter einer hedingung:
Oni du vill horc och lyde min hud,
Daa schall du forst forsuerre gud,
Tht'll predicken at höre scliall du cy gern,
Tlien fathig schall die roffuc och slaa,
Ander dieris guodtx, schalt du med ivold borttage,
Der äff schall du hafftie kresen dage . . .
Trotz der Warnung des dritten engeis willigt Pauper ein, wird zum kaiser gekrönt
und wirbt sogleich Soldaten, denen er gebietet, auf der landstrasse alle waudrer zu
berauben und weder möuch noch priester zu schonen. Die Soldaten machen sich
bereitwillig unter der führung von Claus Schot auf und überfallen nach einander
einen mönch, einen priester, einen kaufmann und einen bauern, plündern sie aus
und schleppen sie zum kaiser, der neue mahnungen der engel zur gottesfurcht in
den wind schlägt. Damit schliesst der 1. akt. — Der 2. begint mit einem komischen
Zwischenspiel. Der bauer, den seine frau, ähnlich wie in Schonaeus' lateinischer
posse Vitulus (1.595) und in nd. bauernscouen , nüt allerlei waaren in die stadt zu
markt geschickt hatte, kehrt, nachdem ihn die Soldaten beraubt haben, heim und
wird von der frau mit scheltworten empfangen; sie beschuldigt ihn, das geld ver-
trunken zu haben, und prügelt ihn mit hülfe ihrer kinder so arg durch, dass er die
hülfe der teufel anruft, die ihn auch alsbald von seinen quälern befreien. Inzwi-
schen naht der kaiser seiner gönuerin mit einer neuen bitte, er wirbt um ihre toch-
ter. Nachdem er das Jawort erhalten, wird die hochzeit mit pracht gefeiert, und
sein glück scheint volkommen. Aber durch eine neue unbarmherzigkeit macht er
das mass seiner sünden voll. Ein altes krankes weib, das vor der pforte seines
palastes um speise bettelt, jagt er trotz der fürbittcn seiner mitleidigen diener mit
harten werten foi't. Da befält ihn während des tanzes ein plötzlicher schmerz, er
muss sich aufs bett legen und seine gattin, die eben zärtlichen abschied von ihm
genommen, imi ihre mutter zu besuchen, zurückrufen. Aber diese verlässt ihn jezt
herzlos :
Kand du ey Icffue och vere min ynand,
leg thager en anden, huor leg kand. — —
Derfor vill ieg thiU min moder hierngaa
Och see, huor ieg en anden mand kand faa.
Auch die herbeigeholte frau Welt erklärt ihm nicht helfen zu können, er müsse
jezt zur höUe fahren:
Ey anden Ion giffucr ieg dig
For all den thieniste, du giorde mig.
Ebenso versagen ihm seine ritter und fieuude ihren beistand. Der doktor Frunteius,
der zu Köln und Paris studiert hat und Aristoteles und Socrates zu eitleren weiss,
bereitet dem kranken einen trank; da dieser jedoch nicht anschlägt, rät er ihm, auf
sein Seelenheil zu denken. Unterdes hat sich das arme weib wider in der nähe ein-
gefunden; in der hofuuug, dass sie vielleicht ein mittel anzugeben wisse, lässt sie
der kaiser holen; aber seiner früheren abweisung eingedenk weigeii sio sich, ihm
zu helfen. Er bescheidet den mönch zu sich (hier ein ungeschickt angebrachter
aktschluss) und bewegt ihn durch grosse verheissungcn , ihm absolution zu vcrspre-
ÜBER BIRKET SMTH, ALTDÄX. KOMÖDIEN 481
cjien kraft des von papst Sixtus IV. eiieilten ablassbriefes. Da tritt der tod selbst
liereiu; die diener schreien entsezt auf und greifen um dann auf des kaisers geheiss
an; doch er scheucht sie leicht zurück:
Neij, nei, icke saa, i (jiiode drcmje,
leg lader mig icke threnge
Äff keiser eller kong,
Fri eller fange,
Herre eller frue,
Det siger ieg paa min loffue.
Tili saa mange, ßom erre
I Verden herre,
Maa alle doe
Äff denne verdsens oe.
Saa maa det och eders keiser gaa,
For huilcken ieg nu gich fraa.
Der mouch liört dem sterbenden die beichte, aber statt ihn zu absolvieren, vei-flucht
er ihn in einem mischmasch von latein und dänisch zur höUe, weil er selbst von
ihm früher böses erfahren, und ruft den teufelu zu:
0, gribite, gribite, rapideque ducite,
Bychite, slebitte, Orchoque tradite,
Hoc erit ipsius postrcmum valete.
Wie sich nun die teufel der seele bemächtigen, tritt ein engel ihnen entgegen und
furdei-t sie vor den richterstuhl gottes, der noch ein feierhches Verdammungsurteil
über den verstockten sünder ausspricht.
Es ist wol ohne weiteres klar, dass diese dramatische fabel nicht erst im jähre
1G07 von Peter Thogersen in Eanders ersonnen wurde, sondern dass uns hier, wie
der herausgeber ausführt, eine bearbeitung eines älteren ausländischen Schauspieles
vorliegt. Die einfache handlung, die allegorische einkleidung und der stark aus-
geprägte moralische oder religiöse zweck erinnern an die dramengruppe, welche sich
an die englische moralität Everyman angesclilossen hat; allein während es sich dort
um die rettung eines bussfertigen Sünders vermittels der guten werke oder des glau-
bens handelt, ist im dänischen drama die bestrafung des unbussfertigen Sünders der
gruudgedanke. Die zahlreichen moralpredigten , welche der interlocutor und auch
einige der handelnden personen au die Zuschauer richten, bieten ein gegenstück zu
den betrachtiuigen eines doktors und eines kaufmanns in dem 1510 zu München auf-
geführten spiele „Vom aygen gericht vnd sterbenden menschen", über welches zulezt
K. Ti'autmaun im Jahrbuch für Müncluier geschichte 1, 190 — 201 (1887) gehandelt
hat. Zu dem eigentümlichen auftreten der sieben warnenden engel hat Smith s. IV eine
wertvolle parallele aus Joh. Herolts Sermones de tempore nr. 62 (1499) nachgewie-
sen (vgl. ferner G. Eeypchen, Spil von den siben "Weysen 1559 bl. 15 a); mir scheint, dass
der dänische bearbeiter hier seine vorläge mehrfach gekürzt hat. Der zweite engel
tritt uämüch (s. 19) in weissem gewande und mit palmzweigen auf und deutet dies
als ein abzeichen der im himmel weilenden seligen ; ebenso trägt der 5. engel (s. 47)
specerei, der 6. (s. 51) brot und wein, der 7. (s. 62) eine kröne. Die Symmetrie
erfordert, dass auch der 1., 3. und 4. mit attributen versehen sind; und dies wird
sicher im original der fall gewesen sein. Auch auf s. 12, wo Pauper den 1. engel
als Gabriel' anredet, bevor ihm dieser seinen namen angegeben hat, liegt eine flüch-
1) Der 3. engel wird s. 25 Raphael , der 8. auf s. 109 Ottoniel genaiit.
'> I
ZEITSCHRIFT F. DF.UTSCHK PHILOLOGIE. BD. XXI. '^ i-
482 BOLTE
tigkeit des Übersetzers vor, während sich auf s. 16 fg. wohl durch einige Umstellun-
gen der reden des Miles und des Pauper helfen lässt.
Das original, welches trotz aller bemühungen nicht zu ermitteln war, sucht
der herausgeber s. VII im benachbai'ten Deutschland oder in Holland. Dass die vor-
läge nicht lateinisch abgefasst war, darf man aus der ungeschickten bezeichnung der
frau Welt als Muudus und aus der Verwendung des lateins in den lezten reden des
möuches folgern. Deutsche, besonders nd. worte und Wendungen finden sich diu'ch
das ganze stück verstreut; für Holland aber spricht die verliebe der Holländer für-
allegorische darstellungen , und ausserdem wissen wir, dass P. Th0gersen von 1602
ab in Leiden studierte und sich somit einige kentnis nid. litteratur erwerben konte.
Allein was von titeln deutscher dramen etwa eine verwantschaft vermuten lässt,
gehört entschieden nicht hierher, wie J. Greifs Mundus (1537), V. Boltzs Der weit
Spiegel (1551), B. Riugwaldts Speculum mundi (1590) und J. Dehns glcichbetiteltes
stück (1629), A. Papes Mundus iramundus (1012) und die Nordhausener schulkomö-
die Vom laufe der weit (= Fortuuat. 1643). Dagegen bin ich in der glücklichen
läge, ein niederländisches Schauspiel nachweisen zu können, welches zwar nicht die
vorläge Thögersens gewesen sein kann, aber mit derselben in sichtlichem zusammen-
hange steht. Es führt den titel:
Spieghel des Loops deser Wcrcldt. \ Bat is: \ Een sehoone Comedia, Waer
in I hetoont 2vort hoe het hwjdesdaechs in deser We- \ reit toe gaet, ende hoe
dieBoosheyt overkant genomc liehbcn- \ de, den Onnooselen jammerlijc bedrieeht,
de ireleke \ nochtans ivederom tot hennisse comende, door | de Waerhcyt bekeert,
ende op den rechten \ Weck ghcbrocht icordt. \ Allen Simpclen e^ide vromen
Chri- I stenen tot ivaersehouicimjhe in \ Druck ictglicgaen. | Q | TOT GOR-
CHVM. II Voor Adriaen Helmichsx. Boec-vcr- \ cooper, op de Marckt. 1620. \
2 Y2 bogen 8°. — Auf bl. Ciiijb der druckervermerk: Tot Dordrccht. \ By Niclaes
Vincenten. Bocck-druc- \ ker, 1620. \ (Bibl. der Maatschappij voor nederl.
letterkunde in Leiden).
Das stück, dessen autor ungcuaut bleibt, zerfält in 8 akte (Wtcomen) und ist
in den kunstvoll verschlungenen reimverscn der Eederj-ker geschrieben. Es treten
darin folgende 10 personen auf:
Den Onnoselen een Man sleclttelijc ghecleet.
De WaerJiegt een Man statich ende slecJ/t.
De Liefde een Vroio statich en siecht.
T ghelooff een Vrou statich ende siecht.
Welhist een sinnekeu.
Tu-ijffel een sinneken.
Die Wereldt een Man Costelijk toeghemacckt.
T schadt een vrou Costelijck toegheinaeckt.
Knaghoule Consciency een Wächter.
Schriftucr een Priester.
Akt I. Onnoosele (der unschuldige) tritt klagond aiif und wünscht sich den tod:
Want Trouux niijn vaeder die is rerdrcuen
En Oottnocdicheyt mijn moeder —
Da komt ein mann herzu, Wahrheit geheisscn, fragt nach seinem leide und tröstet
ihn, er werde seine eitern wider finden:
Ghy moet beminnen des Heeren troordt
Siecht en recht Oodt rre^csende, en gacn soo roort,
t'BER BIRKET SMITH, ALTDÄN. KOMÖDIEN 483
Mijn reden hoort,, ivat ick v ontknoope,
Met cen vast betrouiven en vlijtighe hope
Beicijsende alt y dt trou aen v naesten
Met Caritate icilt v vry haesten,
So cocii/pt ghy ten lactsten,, int huys ran Vreden:
Daer suldt yhyse rinden.
n. "Wahrheit holt seine frau Liebe und seine tochter Glaube herbei, welche
Onnoosele geleiten sollen ; dieser verlobt sich mit der tochter und verabredet, sie am
andern tage im hause „van Gratien" zu treffen. — III. "Wollust und Zweifel beraten
sich, wie die heirat des Onnoosele zu hindern sei.
Tivyffel: Ick weet ons een ranck
AI met den ganck,, verstaet dees d/'nghen:
Wy sullen hem tot die Wereldt bringhen
En segghen, die Wereldt weet vrylijck dat,
Off hy teil ghcucn xijn dochter Schadt
Den Onnoosclcn tot eenen tcijue.
Weiht st: By dien raedt ick gantschelijck hlijiie.
Macr hoc soliden tcy hem crijgen, hy cn soude niet icillen?
Off tcy sullen moeten maken gheschille
En segghen, dat T'ghelooff en hocr is,
En dat Logen haer rader eh Bedroch liaer nioer is,
En dat Iiy met Iiacr te cort sal clooten.
IV. Onnoosele iii-t umher:
Wat ick veel draeiic, icat ick vecl loope,
Wat ick i'eel waeye,, met alle winden,
Wat ick veel craeye,, icat ick veel roepe:
Dat huys van Gracie en weet ick niet te vinden.
Ick loope vast soecken glielijck die blinden
Met xware ghepeynsen, en vreemde ghedacliten,
0 Geloof, Lief de en Wacrheyt, wie sal my ontbinden?
Da begrüssen ihn "WoUust und Zweifel und raten ihm ab, seinen weg weiter zu
verfolgen; denn die Wahrheit möge niemand leiden, sie werde aus städten und dör-
fern vertrieben, seine braut Glaube aber werde ihn nur ins verderben ziehen, wie
lun ihretwillen schon viele propheten, apostel und nicärtjTer gestorben seien.
Wel liest: Soeckt troost aen die Wereldt, dat is v t' beste.
So crijciit ghy int teste xijn dochter tot een wijuc.
Onnoosele. Die Wereldts dochter, tvats haer bedrijuen?
Wat can sy doen? off tcat is haer hantieringlie?
Tivyffcl. Sy cant ran als.
Well HS t. Sy doet reel nceringhe.
In alle verkeeringhe,, moet niense ghebruycken.
Ticgffel. Sy doet Twist rijsen, ende Oorloge ontlueken,
Sy maeckt crom recht, ende recht iceer crom.
Wcllust. Sy timmert groote Hnysen^ eh werpse wederom.
AI wat sy doet, sy en is niet bcschaempt.
Onnoosele. Hoe heet dcese dochter?
Wel Inst. Sy is hct Schadt gJienacinpt,
Sy coempt ongheblaemt int openbaer rry.
31*
484 BOLTE
Onnoosele hat seinen ansclieinend wolmeinenden ratgebern scWiosslich keinen
andern einwand als das misfalleu seiner eitern entgegenzusetzen, vernimt aber, dass
man mit den grundsätzen von Treue und Demut nicht vorwärts komme. So fügt er
sich ängstlich geworden in die vorschlage von Wollust und Zweifel, wird in den
gewohnheiten der weit, saufen, fluchen, lügen und betrügen, unterwiesen imd für
den empfang bei dieser mit andern gewändern bekleidet: mit dem rocke Iloover-
dicheyt, mit der mutze Hoochmoedt, dem mantel Eerghiericheydt imd dem Schwert
Ghewclt. — V. Unterdes sorgen sich Wahrheit, Liebe und Glaube um den ausblei-
benden freund und klagen in vier parallelen Strophen.
T' (jheloouc: AI vioeteti tci) nv achter lande gaen clolen,
AI moden ivij nv van een ycgclijck vcrtredcn %ijn,
AI is den Onnooselen ons nv ontscholen,
AI moeten tvy nv van hem verscheyden xijn,
AI moet trihulacy van ons ghcleden xijn
AI gaet ons die Wereldt nv verdrucken,
AI wil nv niernandt niet ons te vreden %ijn,
AI valtet ons contrary in alsidcken stucken,
AI cn icil nv niernandt ons rooskens pluckcn . . .
VI. Herr Welt heisst seine knechte Zweifel und Wollust im haus der Sünde
ein mahl für seinen gast zurüsten und lässt diesen mit seiner tochter Schaden allein.
Beide trinken einander zu, Onnoosele ruft hingerissen:
0 lustighe blocyendc wijngaerdt rank,
AI toaer ick cranck,, ick ivorde ghesondt:
Ick moet v eens cusscn, u roodcr mondt,
Mijn sherfscn grondt,, doct ghy ontfonckcn.
Schade singt ein lied: Ontfonckt v liert, ivilt vrolijck xijn im tone: Een macch-
deken heb ick int herte ghesindt. Da, als Onnoosele wider seine liebste küsst,
tönt mitten in den jubel hinein von oben die Warnungsstimme eines Wächters, Na-
gendes gewissen geheissen, welcher jedesmal mit den werten schliesst: Keert, kcert
iceer, tis meer dan tijdt. Durch die erinnerung an den kreuzestod Christi für den
Sünder fühlt sich Onnoosele ergriffen und fragt den wamer, wo er seine verlobte
Glaube finde. Wie dieser ihn an Heiligeschrift verweist, veiiässt er Schade und ihre
diener i;nd macht sich auf den weg. Von den zurückbleibenden vernimt der eintre-
tende harr Welt, dass sein anschlag mislungen ist. — VH. Onnoosele bekent gott
nüt den werten des 51. psalms seine sünde. Heiligeschrift erscheint, bestreicht seine
äugen mit der salbe Licht und heisst ihn andre kleider (Rocht, Sanftmut, Einfalt,
Reue) anlegen. Dann wird der bussfertige zu Wahrheit, Liebe und Glaube geleitet
und mit Glaube zusammen gegeben. Heiligeschrift spricht ihm das ehogelöbnis vor:
Hier cocni ick Onnoselen mct mijn vryen moetwille
En beghcer alleen Tghelooff te trouircn^
Niet äff te gaen, al soudt mijn rouu-en,
Nocli van te scheyden om lieff noclt leedt.
Nachdem alle kniend gottes sogen erfleht, gehen sie in das haus des Friedens, wo
Onnoosele seine eitern finden soll. — VIH. Vergebliche wutausbrüche von Wollust
imd Zweifel.
Das nid. drama reiht sich mehreren französischen moralitäten des L5. — 16.
Jahrhunderts an, welche die bekohrung des sündigen menschen durch Personifika-
tionen der ilim zu liilfe kommenden christlichen tuc;cndcn und der ihm cntoee-entre-
ÜBKIJ BIKKET SMITII, ALTDÄX. KOMÖDIEN 485
tendcn laster veranscbaulichen ^ Unter den erhaltenen stücken steht wol die 1494
in Tours gespielte moralität U komme pecheiir demselben am nächsten-. Auch hier
verführen Monde , Franc Arbitre , Peche und andre laster den menschen, aber Charite,
Foy, Esperance, Confession, Penitence, Chastete und die übrigen tugenden leiten ihn
zur busse und zu einem seligen ende. Von andern Schauspielen kennen wir- leider
nui- die titel: Le Monde qui tourne le dos a chacun von Jehan d'Abondance (1538),
L'histoire du Module (1575), L'Innocent (1507) und Eistoire pieuse du pauvre com-
mun (1531). Namentlich der vorlezte titel legt es nahe, hier das original des nid.
Stückes von 1620, welches seiner ganzen anläge nach sehr wol im 16. Jahrhundert ent-
standen sein kann xind über dem personen Verzeichnis den nebentitel: Comoedie van
den Onnooselen trägt, zu vermuten. Überdies Liefert der 1539 zu Middelburg gespielte
Boom der sehriftueren^ in der hcldin Elc-Bysonder ein weibliches Seitenstück zu
Onnoosele. Gegenüber den älteren moralitäteu zeichnet sich der Spieghel des loops
dcser Wcreldt durch eine weniger einförmige, lebendigere eiukleiduug der allegorischen
begriffe aus; Wahrheit, Liebe, Glaube stehen nicht als gleichaiüge gestalten da, welche
sich nach einander dem wandrer als begleiter auf dem wege zi;m ewigen leben zu-
gesellen , sondern Glaube ist die tochter von "Wahrheit und Liebe , mit welcher Onnoo-
sele, der natürliche mensch, einen ehebund eingehen muss: ein zug, welcher den
einfluss der reformatorischen rechtfertigungslehre erkennen lässt. Eigentümlicherweise
begegnet uns der bisher in französischen bühnenwerken nicht nachgewiesene Inhalt des
6. aktes: der besuch bei herrn Welt, der gnädige empfang, das bankett und die Ver-
lobung mit der tochter der Welt, auch in Süddeutschland, wo 1562 Job. Heros* in
seiner „Tragedia Der irrdisch Pügerer" eine unbeholfene travestie verfasste: aus der
tochter der Welt ist frau Venus, aus ihren dienern Cupido, aus Onnoosele- eine art
Tannhäuser geworden.
Trotz mancher mit der uld. moralität übereinstimmenden züge behält das dänische
drama freüich noch besonderheiten genug. Vor allem nimt Pauper ein andres ende als
Onnoosele; er häuft als Schwiegersohn der Welt und mächtiger kaiser freveltaten auf
freveltaten und stirbt, nachdem alle seine freunde ihm in der todesnot (ganz wie im
Everymandrama) ihren beistand versagt haben, in Verzweiflung, während jener sich
rechtzeitig durch den abgesanten gottes warnen lässt und zum himmel eingeht. Lides
auch für diese lösung des problems bietet die französische bühnendichtung beispiele dar,
indem sie in den moralitäten Bien avise, Mal avise luid L'homme juste et l'Iiomme
mondain dem lebenslaufe eines frommen Christen den weg eines gottlosen gegenüber-
stelt, der von den lästern zu Malefin hingeleitet wird. Wir werden somit kaum fehl-
gehen, wenn wir die quelle der Comoedia de Mundo et Panpcre in einer französischen
moralität suchen, welche dann in den Niederlanden überarbeitet und ausgestaltet
wurde, und von welcher noch ausläufer in dem Gorchumer dnicke und in Heros' tragö-
die vorliegen. Thogersen konte dann, wie schon erwähnt, während seines aufenthaltes
1) Vgl. meine oinloihinir zu dem in kurzem erscheinenden neudiiick von J. Strickers Düdeschem
schlömer. Eine geschichte der allegorie und Personifikation im ma. , welche K. Eaab in seinem, ver-
dienstlichen Programm „Über vier allegorische motivo in. der lateinischen und deutschen litteratur des
ma." (Leoben 1885) in angriff genommen hat, verspricht lohnende ergebnisso und würde einem dringen-
den bedürfnisse abhelfen.
2) L. Petit de Julleville, Rei)ertoire du theatre comique en France au moyen age 1886 s. 72.
306, 359 , 398. Leroy in der Patrie , Journal Suisse 18G6 , 18. a^Til.
3) .Jonckbloet, Geschichte der nid. litteratui- 1, 390 — 393. Toxtabdruck in Willems' Belgisch
miiseum 10, 327 — 335 (1846).
4) Goedeke , Everyman (1865) s. 101. Spengler , Der verlorene söhn (1888) s. 143 fg.
486 BOLTE, ÜBER BIRKET SMITH, ALTDÄN. KOMÖDIEN
in Leiden den stoff kennen lernen; es ist aber auch möglich, dass derselbe auf einem
andern wege zu ihm gelangte. Am 7. märz 1561 teilte der Schulmeister Christian
Schreigelius zu Wismar dem rate der stadt mit: „dat ick ein Christlick spil mit
minen midhidpern habe thogericht, dar de Lop der Welt, wo es it-xt in velen
Orden thogheit, rast grüntlick inne Vorräten rnd ogenschinliek vorgestellet,
destduige im Nedderlande gemaeket vnde ock sünst in etlieken Sesteden gespe-
let", und bat, ihm „de Kercke tfiom Grauen Municken" zu vergönnen, „darinne
vor de gemeine tJio speien"^. Hier haben wir also eine nid. moralität, die im titel
und somit auch wol im Inhalte mit dem Gorchumer drucke von 1620 übereinstimt;
da dieselbe auch in den Seestädten, d. h. Eostock, Lübeck, Hamburg, auch wol
Bremen undDanzig, aufgefülirt worden war, so mag sie von da aus nach Dänemark,
insbesondere nach Eanders vorgedrungen und hier 1607 zu einer schulkomödie ver-
arbeitet worden sein. Sicheres können wir, solange nicht neue entdeckungen uns
zu hilfe kommen, hierüber nicht feststellen.
Auch über die grössere oder geringere Selbständigkeit des dänischen dichter«
lässt sich, solange uns seine vorläge mangelt, schwer ein urteil abgeben. Von eini-
gen offenbar dem bearbeiter zur last fallenden kürzimgen war schon s. 481 die rede.
Als Zusätze sind der jn-olog und der epilog zu beti'achten, welche teilweise mit dem
Tobiasdrama wörtlich übereinstimmen; ebenso die bauemscenen , welche einen frische-
ren ton anschlagen, und die anspielungen auf dänische lokalitäten und Verhältnisse;
imter den 40 personen, welche, wenn ich richtig gezählt habe-, im stücke auftreten,
verdankt sicher der aus der nordischen mythologie entlehnte teufel Urgatiloch
(s. 37. 38 fg. 104), vielleicht auch der s. 45 genante Claus Narr, sein dasein dem
dänischen Übersetzer. Auf das katholische bekentnis des ersten Verfassers scheint
die person des mönclies, seine Schriftauslegung und lehre vom ablass hinzudeuten;
doch haben protestantische bearbeiter diese figui" mit burlesken zügen ausgestattet
und den ernsten schluss vor dem richterstuhlc gottes hinzugefügt. Der ursprüng-
lichen fassung ist vielleicht auch die erwähuung des papstes SixtusIV. (1471 — 1484),
des erbauers der Sixtiuischen kapeile in Rom, auf s. 87 zuzuweisen; indes daif man
hierauf nicht zu viel gewicht legen.
Von einzelheiten notiere ich noch: s. 11, z. 3 v. u. ist wol scenam statt sel-
lam zu lesen, d. h. der Standort der nicht auf der bühne tätigen Schauspieler; die
bühne heisst theatrum (s. 13. 38. 42. 49. 62) und proscenium (s. 35. 46. 49. 72;
s. auch H. J. Eanchs Danske skuespil s. 68). — S. 77 und 80: das lied „Ich stand
an einem morgen" steht bei Böhme, Altdeutsches liederbuch nr. 269; geistliche um-
dichtungen bei Ph. "Wackernagel, Das deutsche kirchenlied 3 nr. 792. 1255. 1258 —
1260. — S.89 und 108 „0 vae iodut." — S. 80 „Jeus Plebs" und „ Per Omnes " r=r
alle menschen. — S. 117 über den „Floriger vel Maigravius", der hier wie im Tobias
s. 97 den beschluss spricht, weil die beiden stücke an einem maifest der schule auf-
geführt werden, vgl. Ed. Pabst, Die Volksfeste des maigrafen (Berlin 1865. 4.) und
W. Mannhardt, Der baumkultus der Germanen (1875) s. 369 — 382.
1) D. Schrötlor , Kirchonhistorie des ovangel. Mocklenburg^s 2 , 314 (1788) , vgl. Goedoke , Grund-
riss 2", 402.
2) Leider fohlt ein persononverzeichnis.
BERLIN. JOHANNES BOLTE.
GERING, ÜBER \VIMAU:r , DDBEFONTEK I AKIRKEBY 487
Dobcfoutcu i Akirkeby kirke. Af Ludv. F. A. Wimmer. Kobenhavn, Gyl-
dendalske boghandel, 1887. Ol), 84 s. gr. 4. Mit 4 + 3 tafeln. 20 kroncii
(= 22,55 m.).
Der hundertjährige gebm-tstag des grossen dänischen Sprachforschers Rasmus
Kristian Rask (geb. 22. nov. 1787 zu Brfendekilde auf Fühnen, gest. 14. nov. 1832
zu Kopenhagen) hat in seiner heimat eine reihe von festschriften hervorgerufen \
unter denen die vorliegende zweifellos die wertvolste ist. Sie gilt einem altskandi-
navischen sprach- und kunstdenkmal, über dessen herkunft und alter bis in die
neueste zeit irtümliche ansichten bestanden, die erst durch "Wimmcr endgiltig besei-
tigt sind.
Die meinung, dass die runeninschrift auf dem taufsteine der kirche zu Akir-
keby (einem Städtchen im südlichen teile von Bornhohn) nicht, wie man seit der
ersten publikation des denkmals durch Chr. J. Thomsen und Finn Magnusen- kritik-
los angenommen hatte, den dialekt jener insel repräsentiere, sondern in gotländischer
spräche abgefasst sei, war von Wimmer, der den stem 1879 an ort und stelle unter-
sucht hatte, bereits iu den Smäbidrag tu nordisk sproghistorie ^ ausgesprochen und
dann in einem in der königl. dänischen geselschaft der Wissenschaften am 27. februar
1880 gehaltenen vortrage ausführlich begründet worden. Mit der Veröffentlichung
dieses Vortrages zögerte er indessen, bis zwei neue reisen nach Bornholm (1882 und
1887) die lezten zweifei gelöst und das erfreuliche ergebnis gehabt hatten, dass die
ganze inschnft — wenige buchstaben abgerechnet, die durch conjectuv- gefunden wer-
den musten — mit zweifelloser Sicherheit entziffert wurde. Der voiirag gestaltete
sich nun zu einer umfangi'eichen festschrift, die durch die munificenz des dänischen
Unterrichtsministeriums in einer des gefeierten namens würdigen, höchst gediegenen
ausstattung erschienen ist.
!Xach einer einleitung über die methode der runenforschung, die mittel zur
datierung der inschiiften u.a. (s. 1 — 11), wendet sich der Verfasser ziu- beschi-eibung
des aus grauem (gotiändischen?) Sandstein gefcrtig-ten baptisteriums , imd zwar zu-
nächst (s. 18 — 21) zur Schilderung der auf demselben befindlichen sculptui-en. Es
ist nämlich der obere, cylinderförmige teil des beckens auf der aussenseite diu'ch
elf Säulen, die durch kleeblattförmige bogen verbunden sind, in elf felder geteilt,
welche zu bildlichen darsteUungen aus der heilsgeschichte benuzt sind. Im ersten
felde erblicken -uii" den engel Gabriel (geflügelt und mit einem scepter in der rechten
band), der an die vor ihm stehende Jungfrau seine botschaft ausrichtet; im zweiten
Maria und Elisabeth, die sich durch umarmimg begnissen*; im dritten die geburt
1) Aus Veranlassimg dieses tages erscliienen eine ausführliclie biographie Easks von Fr. Rön-
ning (Kopenh. bei K. Scbonberg) , eine festrede von W immer, gehalten in der Kopenhagener Univer-
sität (Kopenh. bei Gyldendal) und eine neue ausgäbe der altehrwürdigen Islendingabok von Finnur
Jünsson (im auftrage des isländischen bökmentafelag, Kopenh. beiiloller). Von den aufsätzen, die die
nordischen Zeitschriften infolge des Jubiläums verölfentlichten , erwähne ich nur den von Tilh. Thom-
sen in Nordisk (Letterstedtskaj tidskrift, 1887, s. 593 — C06.
2) Antiqvariske annaler IV (Kjobh. 1827) s. 140 — 151. Nachträgliche bemerkimgen dazu von
Rask ebda s. 269 — 271.
3) In: Det philologisk - historiske samfunds mindeskrift (Ivobh. 1879) s. 193 fgg.
4) Die auffallende zutat, die der glorienschein der Jungfrau Maria im 1. und 2. felde erhalten
hat (und zwar wolgemerkt nur in diesen!) hat Vimmer nicht genügend erklärt. Es erhebt sich näm-
lich aus der glorie ein schmaler , durch 2 pai-allele linien begrenzter streifen , der sich jedoch in der mitte
kreisförmig erweitert. Wimmer vermutet zweifelnd, dass dieser streifen einen strahl dai-steUon solle und
hat sicher damit recht , nur geht derselbe nicht , wie "Wimmer meint , von Maria aus , sondern senkt sicli
auf sie herab. Es soU dadurch, wie aus verwanten bildwerken zweifellos her\'orgeht, die befruchtung
Christi (Maria iin bette liegeud, am fassende Joseph, über ihrem haupte ein engel
ein räucherfass schwingend, daneben die krippe mit dorn eingewickelten Jesuskinde,
recMs davon der Steilige stern und darüber die köpfe von ochs und esel); im vier-
ten und fünften die anbetung der heiligen drei könige, die in langen ge wändern mit
krönen auf den häuptern langsam heranscbreiten und in der emporgehobenen rechten
band ihre gaben darbringen (salbenbüchse, ring und weihraucbfass), während das auf
dem schösse der mutter sitzende Chiistuskind zwei fiuger der rechten band wie seg-
nend emporstreckt; über dem baupte der Maria ist widerum der stern angebracht.
Im sechsten bis achten fehle ist die heimkehr der drei könige dargestelt, die hoch
zu rosse davon reiten, in der rechten ihre scepter haltend, die in laubgewinde aus-
laufen. Die drei lezten fehler sind der passion gewidmet: im neunten wird Christus,
der bis an die hüften entblösst und an einen pfähl gebunden ist, von zwei kriegs-
knechten gegeisselt; im zehnten wird er von zwei Söldnern zum kreuze geführt und
im elften endlich ist er bei demselben angelangt und ein schergo, der hammer und
nagel in den bänden hält, steht bereit die krcuzigung vorzunehmen.
Die runeninschrift, welche eine erklärung dieser bildlichen darstellungen
enthält, ist auf den erwähnten kleeblattförmigen bogen angebracht, doch sind zuwei-
len, wenn der räum dort nicht ausreichte, auch die kapitale und säulen mit zu hilfe
genommen worden. Dieser Inschrift, die natürlich den eigentlichen Vorwurf für die
Untersuchung des Verfassers bildet, ist der folgende teil des buches (s. 21 fgg.) gewid-
met, und zwar folgt zunächst (s. 21 — 38) ein ausführlicher rechenschaftsbericht über
den gegenwärtigen zustand der Inschrift, in welchem über die mehr oder minder
deutliche lesbarkeit der einzelnen zeichen, über die risse, Sprünge und abblätterun-
gen, die einige von ihnen beschädigt oder ganz zei'stört haben, genaue mitteüungen
gemacht werden. Es ergibt sich aus diesen, dass von 431 runen, aus denen die
Inschrift bestand, nur 12 gar nicht mehr erkenbar sind, die aber in den meisten
fäUen sehi' leicht sich ergänzen lassen; nur in einem falle schwankte der Verfasser
eine zeit lang zwischen mehreren möglichkeiten, bis er schliesslich zu einer ent-
scheidung gelangte, die meines erachtens das richtige getroffen hat. Der Verfasser
gibt darauf (s. 38) eine transscription der ganzen inschrift in lateinischen buchstaben,
behandelt dann (s. 39 — 42) das zu derselben benuzte aiphabet und erklärt im
anschlusse daran (s. 42 — 60) ausführlich die vorkommenden sprachformen, worauf
eine nochmalige (normaUsieiie) widergabe der inschrift, die den genauen phonetischen
wert der einzehicn zeichen darzustellen sucht, und eine wörtliche Übersetzung folgen
(s. 61 — 62). Die hieran sich anknüpfenden erörterungen (s. 63 — 75) gelten der datie-
rung des denkmals, füi' die namentlich ein im jähre 1328 abgefasstcr gotlän-
discher kal ender (herausgegeben von Ole Worm unter dem titel „Fasti daniei"
1626) und die altgotländischen gesetze (Guta lag, herausgegeben von Schlüter
im 7. bände von „Sveriges gamla lagar", Lund 1852, und von C. Säve in den
„Gutniska m-kunder", Stockh. 1859) benuzt worden sind. Beide denkmäler müssen,
wie die vergleichung der sprachforraen lehrt, der taufsteininschrift zeitlich sehr nahe
stehen, doch ist diese unzweifelhaft älter. Namentlich ist hierfür der umstand
dor Jlaria durch den heiligen geist bezeichnet worden , und der kreis in der mitte dos stralües ist entwe-
der eine rohe (verstümmelte) andeutung der den heiligen geist symbolisierenden taube oder geradezu der
embryo des Jesuskindes, der anderwärts noch deutlicher dargestelt wird, vgl. J. E. Wepsely, icono-
graphie gottes und der heiligen (Lpz. 1874) s. 29 fg. ; Alwin Schultz, die legende vom leben der Jung-
frau Maria und ihre darstelliuig in der bildenden kunst des mittelalters (Lpz. 1878) s. 54 fgg. ; Heinr.
Otte, handbuch dor kirchl. kmist - archäologio dos deutschen mittelalters, P (Lpz. 1883) s. 527.
ÜBEK WIMMER, DOBErONTEN I AKIRKi':BY 489
l)o\veiscud, class der kalender die Unterscheidung zwischen R r (=. german. r) und
Y ß (= gcrm. x), welche die taufsteininschrift noch consequent festhält, bereits
aufgegeben hat. Das ergcbnis, zu dem Wiaimer gelangt, ist, dass der taufstein dem
Iczten viertel des 13. Jahrhunderts angehört, ein ergebnis, das durch das von dem
kunsthistoriker Jul. Lange abgegebene (s. 75 abgedruckte) gutachton bestätigt wird.
Da nun auch die sämtlichen sonst bckanteu gotländischen runeninschriften jüngeren
datums sind, so stelt sich die taufsteininschrift als die älteste Urkunde der gotlän-
dischen Sprache dar, die wir besitzen. — Der schluss des buches (s. 77 fgg.) behan-
delt noch ein dem steine von Akirkeby sehr ähnliches denkmal, den schonischen
taufstein in der kirche zu Bjersjö, der jedoch mindestens ein halbes Jahrhundert älter
ist als jener und zu seiner mit einzelnen dänischen Wörtern vermischten latei-
nischen Inschrift nicht runon, sondern lateinische majuskela verwendet. Eine ver-
gleichung dieser beiden deukmäler, die zum teil dieselben scenen darstellen, ist
schon deshalb interessant, weil sie zeigt, wie sehr die künstler des mittelalters an
die herschende tradition gebunden waren und mit welcher Zähigkeit Jahrhunderte
hindurch die einmal ausgebildeten typen nicht nur innerhalb eines landes, sondern
im ganzen occident festgehalten wurden, wie denn z. b. die darstellung des Christus-
kindes in der krippe mit den darüber angebrachten köpfen des ochsen und des esels
nicht bloss auf den beiden eben besprochenen nordischen taufsteiuen, sondern auch
auf einem Gernroder taufstein (abgebildet bei Ütte a. a. o.) genau in dei-sclben typi-
schen manier ausgeführt ist.
Die Inschrift von Akirkeby ist natürlich, wie alle runendenkmäler aus christ-
licher zeit, mit den zeichen der sogenanten jüngeren reihe geschrieben, deren zahl
zunächst nui- 16 betrug, bis almählich (seit dem ende des 10. Jahrhunderts) als neue
sprossformen die punktierten runen hinzutraten, von denen unser denkmal 7
besizt, sodass im ganzen 23 buchstaben vorhanden sind, die wir nachstehend nebst
der üblichen lateinischen transscription widergeben (zuerst unter a) den gi'undstamm
von 16 zeichen, dann unter b) die nei;en sprossformen):
a) r n t' + R K h) n r K + * t ^
f >' P 0 r k y (j iir) c ;i d j)
>l< + I + H
h )i / a s
t ^ r Y /k
t b l VI R
Es ist dies im wesentlichen dasselbe aiphabet, das im 13. Jahrhundert alge-
mein angewant wurde imd z. b. auch in dem bekanten codex runicus des schonischen
gesetzes benuzt ist. Nur haben auf dem taufstein die runen + und < nicht die gel-
tung CS und o (diese laute waren dem altgotländischen fremd), sondern bezeichnen
a imd o; ferner hat die rune A., welche in der runenliandschrift bereits den vocal y
widergibt, auf dem taufstein, wie oben erwähnt, noch die alte geltung (=r r); end-
lich ist es eine sonst nirgends begegnende eigentümlichkeit unseres denkmals, dass
aus der alten Ä:-rune (K) zwei sprossformen gebildet sind (K und K), von denen
die eine zur bezeichnung der gutturalen media {[/), die andere zur bezeichuung des
gutturalen nasals (ng) verwendet wird.
Wir geben die inschrift nach der Wimmerschen lesung, indem wir wie dieser
die durch conjectur gefundenen zeichen in eckige klammern einschliessen , und fügen
eine wörtliche Übersetzung hinzu (die römischen zahlen bezeichnen die elf bogen):
490 GERING
1. fiifa in aaiiti yctbrel ol; sclipi saida iitan'a af //an skuldi bani fypa,
IL ßi'fa /R cl/>.abcß ok mar/'a ok licüsas.
III. Iiiar Iniilis »/aria sum hau beim fydi slripcra liiutix oh iorpar swn
OS Icijsti.
IV. pita iRii pat'R priR kimimyaR \s]u)n kristi giarpu ofr KCirum drotiii.
V. hiar fok kau iiipr knmiiiga ofri uar drotin.
VI. Yll. liiar ripii paiR bnrt pjviR kunuiiyaR sipan palR ofrat I/[af]a onnii drot-
ni yitpi.
Vlll. pjair pct hiar fram s\a]t]u..
IX. ioPüR tokii iiarn drotin ok bc[rp]i{ h[a]n 7iip)[r t'\ri ok yetu.
X. sipan ladu ^aiR lian burt piapa)i bundin.
XI. ok nrlildii hiar iopaR irsus a krns.
si fram a pita.
sihrafR [n/,]cstcr[i].
I. Dies ist S. Galn'iol und (welcher) sagte der S. Maria, dass sie solte ein
kind gebtären.
IL Dies ist Elisabeth und Maria und (welche) sich begrüsscn.
in. Hier ruht Maria naclidem sie als kind gel)ar den Schöpfer des hinimels
und der erde, so uns erlöste.
IV. Dies sind die drei künige, so Christo machten Opfer, unserem herrn.
V. Hier nahm er an der konige opfer, unser herr.
VI. YU. liier ritten sie foii die drei könige, nachdem sie geopfert haben unserm
herrn gott.
Vni. Sie das hier voraus sahen.
IX. Die Juden nahmen unsern herrn und schlugen ihn am pfalile und bewach-
ten ihn.
X. Darauf leiteten sie ihn fort von dort gebunden.
XL und nagelten hier die Juden Jesus aus kreuz.
Sieh hin auf dieses!
Sighrafr der meister.
Dass diese inschrift wirklicli in der spräche der insel Gotland geschrieben ist,
kann keinem zweifei unterhegen. Man l>rau('ht nur die ersten kapitel der Gutalag
zu vergleichen, um hierüber ins kLare zu kommen. "Wie die taufsteininschrift, so
beginnen auch die Gutalag mit den Wörtern pita ir, die beide für den altgotlän-
dischen dialekt charakteristisch sind, da die übrigen altskandinavischen muudarten
(die ostnordischen wie die westnordischen) an stelle des i das ältere e aufweisen;
ferner finden wir auf der ersten seite der Gutalag wie in unserer inschrift die selt-
same femininform //an, die Wimmer gewiss mit recht als eine analogiebildung auf-
fasst; hier wie dort begegnet das verbum fypa^ (got.födjan, altn.fWpa)^ das widerum
ein unverkenbares merkmal des gotländischen besizt, in welchem altn. o' regelmässig
durch >} vertreten wird; beide deukmäler zeigen ferner die alten diphthonge uuver-
kümmeii (auf dem taufsteine //ailsas, paiR, leysti — in den Gutalag naika, //aipnii,
/laisii , //oy, soypui)/ usw.), während die übrigen ostnordischen mundarten dieselben
sclion längst in einfache vocale gewandelt hatten; beide quellen haben die im ostnor-
dischen sonst unbekante pronominalform örun/, usw. usw.
ÜBER WIMMER, D0BEFONTEN 1 AlvlRKEBY 491
Der beweis, den Wimmor für seine behauptuug führt, ist also durchaus unau-
fcchtbar, und ebenso wird das ergebuis seiner lesuug (die conjecturen eingerechnet)
kaum jemals modificiert werden. Nur über die deutung der worte, die auf dem
8. bogen eingegraben sind, wage ich anderer mcinung zu sein als der Verfasser.
"Wimmer glaul)t, dass dieselben auf den träum der magier sich beziehen, durch den
diese augewiesen wurden, nicht zu Herodes zurückzukehren, sondern auf einem
andern wege in ihre heimat sicli zu begeben. Ich halte diese erklärung aus ver-
schiedenen gründen für falsch. Wäre sie richtig, so hätte „meister Sighrafr", dessen
worte doch sonst an deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, gerade hier sich
verzweifelt unklar ausgedrückt. Ferner würde die darstellung der vision — Wim-
mers erklärung als richtig vorausgesezt — ■ von der sonst in der altendländischen
kunst traditionellen behandlung dieser scene — in welcher der biblischen erzählung
entsprechend die könige ruhend, aber nicht reitend abgebildet werden (vgl. Alwin
Schultz a. a. o. s. 62) in auffallender weise abvveichen. Endlich, solte der bildhauer,
der doch sonst mit der einführung von engelgestalten nicht kargt (vgl. feld III) gerade
hier, wo sie am platze war, die anbringung des engeis unterlassen haben? Alles
dies scheint mir unglaublich. Ich betrachte vielmehr die Inschrift über dem 8. felde
als eine hinweisung auf die in den drei nächsten abteilungen dargestelte passion:
„sie sahen das (nämlich das folgende, die marter des herrn) hier voraus." Die lei-
densgcschichte wird somit gewisscrmassen als eine vision der heiligen drei könige
hiugestelt. Diese bilden überhaupt den mittelpuukt der ganzen, aus 11 bildorn beste-
henden darstellung; die fünf mittelsten sind ihnen ausschliesslich gewidmet, 1 — 3
und 9 — 11 bilden gleichsam nur den rahmen. Dadurch stelt sich der bildliche
schmu(;k des denkmals als ein symmetrisches, wol geordnetes ganze dar: die geburt
wie der tod Christi ist an die geschichte der heiligen drei könige, die dem bildhauer
die hauptsache war, augeknüpft. Dass diese heiligen auf dem steine in auffallender
weise bevorzugt sind, hat auch Wimmer gefühlt (vgl. s. 77): der umstand lässt sich
wol nicht anders erklären, als durch die annähme, dass die kirche, für die der tauf-
stein bestimt war, die heil, drei könige als ihre speciellen Schutzheiligen verehrte.
Dies wäre der einzige puukt, in dem ich von dem gelehrten Verfasser abzu-
weichen mich genötigt sehe. Nur beiläufig will ich noch bemerken, dass derselbe
einmal in dem verlaufe der arbeit genötigt gewesen ist, sich selber zu berichtigen:
während s. 35 die form hnndan (so hatten die ersten herausgeber der Inschrift statt
bundin gelesen) für eine „Versündigung gegen die grammatik" erklärt wird, ist s. 57
zugegeben, dass diese form „a priori" möglich sei.
Ich bin für den leserkreis dieser Zeitschrift vielleicht schon zu ausführlicli
geworden, glaubte aber einem w^erke gegenüber, das als eine musterleistung beson-
nener philologischer kritik und Interpretation anzusehen ist, zu einem etwas einge-
henderen referate verpflichtet zu sein. AVir nehmen das schöne buch dankbar als
eine abschlagszahlung an — indem wir hoffen das grosse monumentale werk, das
der Verfasser seit langeu jähren vorbereitet, bald ans licht treten zu sehen. Die
aufgäbe, die sämtlichen runendeukmäler seines Vaterlandes zu deuten, konte in keine
würdigeren bände gelegt werden. Der norden, der auf dem gebiete der runcnfor-
schung lange genug unberufene dilettanten' an der arbeit gesehen hat, darf stolz
1) Der sclilimste — und hoffentlich lezte — dieser dilettanten hat auch im 3. hande seines wüsten
Werkes , das bekantlich ein einziger grosser anaclironismus ist , es sich nicht versagen können , aufs neue
seinen kindischen fanatismus zu bekunden, indem er die deutsche Wissenschaft der „raubgior" bezich-
tigte. Veranlassung dazu gab ihm ein bild in Joh. Scherrs „nationalem prachtwerk" Germania, das
492 FINNUR JÖNSSON
darauf sein, dass er jczt zwei meister, deren namen liingst europäischen ruf erlangt
haben — Sophus Bugge und Ludvig Wimmer — sein eigen nent.
HALLE, 9. APRIL 1888. HUGO GERING.
Die runenschrift von Ludr. F. \. Wimmer. Vom Verfasser umgearbei-
tete und vermehrte ausgäbe. Mit 3 tafeln und abbildungen im texte.
Aus dem dänischen übersezt von dr. F. Iloltliauseu. Berlin, Weidmann-
sche buchhandlung. 1887. XXIV, 392 (2) seiten. 14 m.
Die frage nach dem Ursprünge der runenschrift hat schon seit langer zeit viele
gelehrte beschäftigt, und beinahe ebenso gross ist die zahl der darauf gegebenen
antworten; von den schwedischen und dänischen altertumsforschcrn des 16. und 17.
jalirhundci-ts — unter denen nur Rudbeck und Ole "Worm genant seien — bis auf
den Verfasser der vorliegenden schrift hat fast ein jeder in anderem sinne sich aus-
gesprochen. Auch dieser gleicht seinen Vorgängern darin, dass er zu einem resultat
gelangt, das von den meisten früher aufgestelten hypothesen abweicht, doch unter-
scheidet er sich von ihnen dui-ch die tiefe gründlichkeit seiner Untersuchung, die
Sicherheit der methode und die endlich erreichte richtigkeit des ergebnisses. Das
original^ erschien 1874 (zuerst in den Aarboger for nordisk oldkyndighed og historie,
dann auch separat) und machte auf dem gebiete der runologie geradezu epoche.
Wie das werk jezt in deutscher Übersetzung vorliegt, besteht es aus zwei
büchern, nebst verschiedenen als anhang beigefügten einzelabhandlungen. Das erste
buch (s. 11 — 176) führt den titel: „der Ursprung der runenschrift" und zerfält in
folgende kapitel: 1. frühere ansichten über alter und Ursprung der runen (s. 11 —
22); 2. das Verhältnis zwischen dem phöuicischen und den alten südeuropäischen
alphabeten (s. 22 — 56); 3. die runenschrift: A. ihre Verbreitung (s. 56 — 74), B. das
älteste gcmeiugermanische runenalphabet (s. 74 — 89), C. das Verhältnis der runen-
schrift zu den übrigen alten alplialjeten. Ihre abstammung vom lateinischen aipha-
bet (s. 89 — 140), D. Verschiedenheiten zwischen der runenschrift und den übrigen
alten alphabeten (s. 140 — 143), E. die richtung der runenschrift, trenuungszeichen,
binderunen, einfassungshnien (s. 143 — 171), F. wo entstand die runenschrift (s. 171
— 176). — Das zweite buch (s. 179 — 258) ist betitelt: „die entwicklung der runen-
schrift im norden" und gliedert sich in nachstehende kapitel: 1. die jüngere, kürzere
runenreihe (s. 179 — 190); 2. das Verhältnis zwischen der kürzeren und längeren
runenreihe (s. 191 — 251); 3. die punktierten runen, das jüngste runenalphabet
(s. 252 — 258). Schon diese Übersicht zeigt, wie vorzüglich und planmässig der stoff
geordnet ist.
Es war für den ref. von besonderem Interesse, das original mit der Über-
setzung zu vei-gleichen und die fortschritte zu betrachten, die der Verfasser infolge
neuer funde und fortgesezter Studien gemacht hat. "NVii" begegnen dabei, um es von
vornherein zu sagen, den günstigsten und erfreulichsten resultaten.
Zunächst sind im ganzen genommen alle Zeitbestimmungen, sowol in der
geschichtlichen entwicklung der runenschrift wie auch bei der datierung der oinzel-
einen upländischen ruiienstein darstolt , den aber die untorsc}\rift schlankweg zu einem rügonschen macht.
AVir verurteilen natürlich, wie jeder ehrliche mensch, den g-owissenlosen nnfug, den fingerfertisre auto-
ron oder Verleger mit der wilkürlichon honutzung von cliches treiben, glauben aber dem auslande gegen-
über darauf hinweisen zu müssen, dass mit der Wissenschaft das genante bilderbuch von Joh. Sehen-
ebenso wenig etwas zu schaffen hat , wie die drei folianten des anglodänischen ruiienopus.
1) Dieses ist s. z. im 6. bände dieser ztschr. (s. 330 — 341) von Max Rioger besprochen worden.
ÜBER WIXDIER, RUNENSCHRIFT 493
uen steine, mit weit grösserer Sicherheit und genauigkeit angesezt, namentlich für
die älteste periode. Der vei-fasser ist jezt zu dem ergehnis gelangt, dass die einfüh-
rung der runonschrift im norden erst um das jähr 400 n.Chr. erfolgte, also 1'/., Jahr-
hunderte später, als man früher annahm. Hiermit stimmen die jüngsten rcsiütate
der archäologischen forschung üherein.
Eine durchgreifende änderung haben auch neuere sprachwissenschaftliche Unter-
suchungen und entdeckungen (z. b. über die germanische spirantem-eihe j, (f, Ö)
veranlasst. Hierauf komme ich unten noch einmal zurück. Zunächst sei der Inhalt
der einzelnen teile des buches kurz resümiert.
Das 1. kapitel des 1. buches handelt über die ansichten früherer forscher
(von denen jedoch mit recht nur das wichtigste mitgeteilt wird); das 2. kapitel über
das Verhältnis zwischen dem altsemitischen (phönicischen) aiphabet und den südeuro-
päischen. Von diesen stammen die giiechischen alphabete direkt von dem semi-
tischen ab, die zwei italischen hauptgruppen (die etruskisch - umbrisch - oskische
[sabellische] und die lateinisch -faliskische) von dem griechischen. Diese beiden
kapitel sind nur- wenig verändert und vermehrt, doch haben die neuerdings auf
Cypern gefundenen phönicischen Inschriften -fragmente beräcksichtigung erfahren (vgl.
s. 23 und 26 — 27). Die darstellung von dem gegenseitigen Verhältnis der verschie-
denen alphabete wird auch für klassische philologen sehr lehrreich sein und sei die-
sen zum Studium angelegentlich empfohlen.
Der 1. abschnitt des 3. kapitels bespricht die Verbreitung der nmenschiift bei
den germanischen Völkern. Die beweise für "Wimmers behauptung, dass die
mnen ein gemeinschaftlicher besitz aller Germanen gewesen seien, haben sich seit
dem jähre 1874 beinahe vordoppelt. Zu den im original besprochenen 6 continen-
talen deukmälern — das 7., die spange von Freilaubersheim , hatte erst in der nach-
schrift (Aarb. 1874 s. 2(33 fgg.) berücksichtigt werden können — sind 6 neue hinzu-
gekommen : das speerblatt von Kovel in Volhyuien und die spangen von Nordendorf (b),
Hohenstadt, Friedberg, Ems und Engers. Der Verfasser geht darauf zu der bespre-
chung der aus dem altert um und mittelalter überlieferten quellenzeugnisse über:
Tacitus (Germ. 19), Yenantius Fortunatus (dessen „barbara ruua" zweifellos richtig
als gegensatz zu lateinischer schrift verstanden wird), Saxo grammaticus (litterae
ligno insculptae) usw. Das ergebuis der imtersuchung ist, dass „die germanische
Völkerklasse in den ersten Jahrhunderten nach Christi gebmi ein ninenalphabet ge-
habt hat."
Dieses gemeingermanischc runenalphabet wird hierauf näher untersucht, unter
Zugrundelegung dreier „ futharke ", die auf 3 iu verschiedenen hindern gefundenen
denkmäleru erhalten sind: dem bracteatcn von Vadstena (Schweden), der spange von
Charnay (Frankreich) und dem Themsemesser oder richtiger Themseschwert (Eng-
land). Diese 3 denkmäler liefern den beweis, dass das gemeingermanisclie aiphabet
aus 24 zeichen bestand, deren reihenfolge die auf dem brakteaten von Vadstena
beobaclitete gewesen ist (auf dem jedoch das zeichen für et aus mangel an platz
fehlt).
Der wichtige 3. abschnitt enthält den nachweis, dass dieses aiphabet aus einem
lateinischen abgeleitet worden ist.
Nachdem der Verfasser auf die unleugbare verwantschaft einzelner lateinischer
buchstaben mit den entsprechenden runenzeiclien aufmerksam gemacht hat, wird
gezeigt, dass die lezteren weder direkt von dem gemein -semitischen noch von dem
griechischen aiphabet abstammen können. Hier ist namentlich das zeichen für f
494 FINXUR JOXSSON
massgebend: im gnechischen bat F (digamma) den lautwert «; (uicbt /"), im latei-
niscben dagegen bezeicbnet F ebenso wie die entsprecbende rune f. Ungefähr das-
selbe ^^^rd sodann für k geltend gemacht: nur im lateinischen (und etruskischen) ist
C = Ä-, ebenso im runenalphabet. Das etruskische aiphabet kann jedoch nicht in
betracht kommen, da es in anderen punkten von dem ruuenfuthark , trotz mehrerer —
scheinbarer — Übereinstimmungen, recht bedeutend abweicht. Ein direkter Zusam-
menhang zwischen dem lateinischen aiphabet und den runen ist somit bewiesen. Die
abweichungen einzelner runen von der gestalt der lateinischen buchstaben (z. b.
F \'' , T T. T^ V) erklären sich einfach aus der beschaffenheit des materials, auf dem
jene anfänglich angebracht wm-deu. Nach den Zeugnissen bei Venantius und Saxo
wurden die rmien auf holztäfelchen eingerizt. Hierzu „sind namentlich senkrechte
linieu zweckmässig, wogegen die wagerechten leicht undeutlich werden"; das prin-
cip: gerade linien mit schräger richtung zu brauchen „hat die runenschrift in
ihrer ursprünglichen gestalt in seiner ganzen strenge durchgeführt" (97). Hierzu komt
ferner das 2. princip , „ die beistriche niemals sich über den senkrechten stab erheben
oder unter densell)en gehen zu lassen" (100). Auf diese weise lassen sich 17 runen
im ganzen sehr leicht aus den entsprechenden lateinischen buchstaben ableiten, näm-
lich ABCDEFHILMN ORSTU. Dass D die mutterform für |> wurde, könte
wunderbar scheinen; es hat jedoch seinen gruud daiin, dass d im germanischen
spirantisch war (das Verhältnis ist, wie später nachgewiesen wird, dasselbe Avie zwi-
schen k und g). „Wären die laute im lateinischen und germanischen dagegen die-
selben gewesen , so wäre es mindestens sehr auffallend , dass mau lat. D zur bezeich-
nimg für den ganz verschiedenen, im lat. unbekanten laut p gewählt, aber für das
dem lat. und germ. gemeinsame d ein neues zeichen gebildet hätte. Ganz anders
dagegen stelt sich die sache, wenn das germ. den fZ-laut gar nicht hatte, aber
sowol p wie ^, die beide vom lat. (/ weit ablagen und zwei zeichen im runenalpha-
bet erforderten. Es lag dann ebenso nahe, lat. D zur bezeichnuug für p wie für ä
zu wälilen, und das hat das ranenalphabet ja auch getan, da es ausser allem Zwei-
fel'steht, dass V formell das lat. I> ist" (108 — 109). cf wurde darauf auf die weise
gebildet, dass man zwei D neben einander stelte. So hatte man also aus den 16
lat. buchstaben 17 runen erhalten.
Da nun mehrere zeichen nur aus dem lat. aiphabet gebildet sein können und
andere zum mindesten ebenso gut aus diesem wie aus dem griechischen, so ist die
nächstliegende schlussfolgenmg die, dass alle runen ausschliessHch aus den lateini-
schen buchstaben entstanden sind. „Wo sich ein charakteristischer unterschied in
form oder bedeutung zwischen dem lateinischen und den andern alphabeten findet,
weisen die rimenzeicheu ausschliesslich auf das lateinische hin" (111).
Die behandlung der übrigen runen (der zeichen für j, n-, R =^ r finale,
ny , j, p, und der rune 'V, deren bedeutung unsicher ist) gehört zu den am meisten
umgearbeiteten partien des buches, da für mehrere derselben eine neue auffassung
geltend gemacht wird; sie ist daher ganz besonders interessant. Der Verfasser
beweist unwiderleglich, dass X = J aus zwei neben einander gestelteu C entstanden
ist (das lat. X hat vielleicht als vorbild gedient^), P := iv aus Q^ Y = - (später
= R) aus lat. Z, ^ = ng widerum aus zwei aneinander gerückten C, endlich H
oder H =y (die jära-rune) aus lat. G (der nachweis dieser lezten entwicklung ist
1) Das ist jedoch streng genommen wol nielit notwendig , da die analogie mit i^ auf dieses zei-
chen führen uiuste, das also nur zufällig zu der ähnliclikeit mit lat. X gelangte?
ÜBER WIMMER, RUNENSCHRIFT 495
besonders scliÖu und interessant). Diese runo hat übrigens mehrere formen, die sich
jedoch fast sämtlich leicht ans dem lateinischen bnchstaben herleiten lassen. Die
ruue für ;; hat el)enfals mehrere formen: ^ N DC usw. Der lateinische buchstabe P
hätte ja zu Y werden können, dies aber war das zeichen für ?r; folglich konte diese
rune nicht =^> gebraucht werden. Im original hatte der Verfasser daran gedacht, dass
die angeführten formen auf eine zusammenrückung zweier ^ zurückführen könten; jezt
nimt er dagegen an, dass man aus Peine runo K und hieraus, der Symmetrie lialber,
das zeichen ps bildete. Ohne diese annähme irgendwie bestreiten zu wollen, erlaubt
sich der ref. die frage aufzustellen, ob dieses ^ nicht direkt aus i? abgeleitet ist; da
der erfinder des runenalphabets sah, dass erP nicht brauchen konte, um ein zeichen
Y = p daraus zu bilden , so könte er möglicherweise P ganz aus dem spiele gelassen
und aus B zwei zeichen gescliaffen haben, ebenso wie aus G und P, allerdings auf
ganz verschiedene weise?
Die bedeutung des lezten Zeichens ^ ist der Verfasser genötigt als ganz unsicher
hinzustellen (obgleich es auf dem kreuze von Ruthwell ein h widerzugeben scheint).
Mögliche rweiso stamt es von dem lat. Y und hat wol niemals einen wirklichen laut-
wert gehabt.
So gibt es kaum eine rune, die sich nielit bestirnt aus einem entsprechenden
lateinischen bnchstaben ableiten lässt; überdies beweist die jära-rune ganz sicher,
dass das lateinische aiphabet, nach dessen muster die runen geschaffen sind, das
jüngere lateinische aiphabet war, ein resultat, das von ganz besonderer Wichtigkeit
ist. Dieses resultat, obwol dasselbe wie im original, ist hier weit besser begründet,
da einzelne zweifei und unaufgeklärte momentc jezt volständig entfernt sind.
Auf die folgenden abschnitte geht ref. nicht näher ein und bemerkt nur, dass
zwei Paragraphen in der 2. abteilung (binderunen; einfassimgslinien , bildliche dai'stel-
lungen) ganz neu sind.
Der lezte abschnitt behandelt die frage, wo die runenschrift entstanden ist.
Hierauf kann der Verfasser eine bestimte antwort nicht geben, hält aber die annähme
für die wahrscheinlichste, dass sie in einem südgermanischen volksstamme geschaf-
fen wurde, vielleicht ohne direkte berührung mit den Römern, sondern indirekt,
sodass der erfinder des futhark das lateinisclie aiphabet bei den Galliern kennen
gelernt hat. Es muss dies in der ersten kaisorzeit geschehen sein.
Hieraus kann sodann die sehr wichtige folgerung gezogen werden, dass die
runenschrift „nicht als beweis für das eindringen eines neuen Stammes zu dieser zeit
(der eisenzeitj gebraucht werden kann" (176).
Das zweite bucli beschäftigt sich mit der „ entwicklimg der runenschrift im
norden." Die runenschrift ist um 400 nach dem norden gelangt; aus dieser zeit
imgefähr müssen die ältesten Inschriften (auf losen gegenständen) stanmien. "Wäh-
rend man in diesen noch das gemeingermanische aiphabet von 24 bnchstaben benuzt
findet, erscheint in späteren Inschriften (ungefähr nach 800) ein neues aiphabet von
IG runen, das im gegeusatz zu dem ersteren ein specifisch nordisches genant
werden kann. Im Widerspruch mit altern forschern, welche meinten, dass dieses
aiphabet älter sei als- jenes und es mit einer einwanderungstheorie in Verbindung
sezten, die jedoch aus historischen und archaeologischen gründen so gut wie unmög-
lich ist, beweist der Verfasser punkt für punkt, wie dieses aiphabet von IG zeichen
mit notwendigkeit und ziemlich natürlich aus dem älteren von 24 nmen entstanden
sein muss. Diese entwicklung, die selbstverstiüidlich ganz almählich vor sich gieng,
wurde besonders durch Veränderungen in der spräche selbst bedingt. Die alte jära-
496 FINNUR JONSSON
rune z. h. muste iliren laiTtwcrt ändern ; da anlautendes j durchweg abgeworfen ward,
wurde *jnra zu dr: daraus erklärt sich, dass diese rune nun zur bezeichnung eines
a verwendet ward. Die alte rune ansuR (die äss - (Jss - rune) bekam die bedeutung
eines nasalen a (nicht o). Obgleich man auf diese weise zwei zeichen für den a-laut
ci'hielt, wurde die zahl der ruueu im ganzen weit geringer. Die rune für o wurde
aufgegeben, da dieser laut in vielen fällen sich in n gewandelt hatte; oft war er
auch ganz fortgefallen usw.
An manchen stellen sind vo]n Verfasser auf grund neuerer funde (z. b. des
Vatn- Steins) Umarbeitungen vorgenommen worden und mehrere partien sind weitläuf-
tiger behandelt als im original.
Dies war die 2. periode der runenschrift im norden. Die dritte begint um
das jähr 1000; ihr charakteristisches merkmal sind die sogenauten punktierten
runen. Zuerst gab es deren nur zwei (}, p' = e, g)^ später kamen andere hinzu.
Hierbei macht sich das streben geltend, die runenschrift in genauere Übereinstim-
mung teils mit der herschenden ausspraclie, teils mit dem lateinischen alphabete zu
bringen.
Die resultate, zu denen der Verfasser gelangt ist, sind in allen wesentlichen
punkten unbedingt sicher, und die zukunft wird sie nicht umstürzen können, eben-
sowenig wie dies die 14 jähre, die seit dem erscheinen des Originals verflossen sind,
vermocht haben. Zu erwarten ist nur, dass die gewonnenen ergebnisse durch wei-
tere forschungen eine immer festere stütze erlangen, und dass über eiuzelheiten, die
noch als unsicher betrachtet werden müssen, almählich klareres licht verbreitet wird.
Ich erinnere besonders an die coli -rune und deren gebrauch.^
Der grosse wert des buches für geschichte, spräche und kultur des ganzen
germanischen volksstammes wird durch die 6 abhandlungeu , die der Verfasser als
auhang hinzugefügt hat, in hohem masse vermehrt. Im original fand sich nur die
lezte, die übrigen fünf sind ganz neu. Ich erlaube mir auch über diesen anhang
kurz zu referieren.
In der 1. alihandlung („das wulfilanische aiphabet ") bekämpft der Verfasser
die von J. Zacher ausgesj)rochene ansieht, dass Wulfila das runenfuthark „als gnind-
lage für seine schrift gebraucht und die runen zur ähnhchkeit mit den griechischen
(und lateinischen) buchstaben umgebildet habe" (270). Wimmer weist im gegenteile
nach, dass das griechische aiphabet das direkte vorbild für das gotische abgegeben
hat, und dass "Wulfila aus dem lateinischen aiphabet nur die zeichen für q, h, j, f, s
und aus dem nmenfuthark nur zwei, nämlich o und ti entlehnte.
In der 2. abhandlung („ das altnorwegische runengcdicht und die isländische
runenreinierei") behandelt der Verfasser ein in Norwegen um 1200 gedichtetes und
ein auf Island wahrscheinlich im 15. Jahrhundert verfasstes runen -Med, die für die
spätere entwicklung der runenschrift von bedeutung sind.
In der 3. abhandlung („örtliche abweichungen im gewöhuhchen nordischen
futliark") werden besonders solche abweichungen besprochen, wie sie die in melu'-
facher beziehung interessanten Inschriften der steine von Eök und Kälfvesten auf-
weisen, sowie die Hclsinger „ stablosen " runen.
Die 4. abhandlung fülirt den titel: „das Verhältnis zwischen den runen r
und R."- In der älteren runeuperiode und in den ersten zeiten der jüngeren wer-
1) Gelegentlich komt der Verfasser auf den magischen gebrauch der ranen zu sprechen. Eine
besondere abhandlung über diese vei-wendung nach dorn gegenwärtigen Standpunkt der Wissenschaft wäre
sehr erwilnsclit, da die frage für die kultm-geschichte von ausserordentlicher bedeutung ist.
ÜBER "WIMMER, RUNENSCHRIFT 497
den diese zwei zeichen stets unterschieden. Gleichwol wird später ziemlich häufig R
gebraucht, wo mau r erwartet hätte (z. b. titaR, afteR, fapeR). Dies wird zwei-
fellos richtig als eine aualogiebildung erklärt; ein r, das im auslaute eines woiies
stand, bekam den lautwert des R, weil dieses nur auslautend vorkam. Um das jähr
900 tritt dann die Veränderung ein, dass umgekehrt R nach dentalen lauten in r
übergeht, nach labialen und guttiu'alen dagegen erhalten bleibt. Zulezt drang r
überall ein.
Die 5. abhandlung („ chronologische Übersicht der ältesten nordischen runen-
denkmäler'^) enthält eine sehr wilkoramene Übersicht über die Zeitfolge der einzelnen
runendenkmäler und zugleich eine sehr interessante und überzeugende darstellung
der beweguugen, welche die runenschiift in den nordischen ländern gemacht hat.
Dieselbe gelangte, wie es natürlich ist, zuerst nach Dänemark (um 400) imd wurde
hier nur zu inschriften auf losen gegenständen verwant. Demnächst finden wir sie
in allen 3 ländern (500 — 800); in dieser zeit komt sie jedoch nui- in Norwegen und
Schweden, nicht auch in Dänemark, auf steinen zur anwendung. Seit sehr alter zeit
war es nämlich in Norwegen brauch, zum gedächtnis verstorbener bau tasteine zu
errichten, und mm fieng man — zuerst wol ebenfals in Norwegen — an, runen auf
diesen einzuhauen. Almählich änderte sich jedoch die sitte. Es wurde üblich einen
kleinereu stein mit ganz kurzer Inschrift im Innern des grabes selbst anzubringen
imd auf demselben einen bautastein ohne Inschrift aufzustellen. Almählich (nach
650) wurde .'^odanu der ganze brauch in Norwegen aufgegeben, er wanderte aber
nach Süden und wurde nun in Dänemark angenommen, wo er im 9. Jahrhundert zur
anwendung kam imd hier die sitte hervorrief, steine — und mitunter sehr grosse
und prächtige — mit langen inschriften zu versehen. Diese kreisbew-egung macht
es volkommeu erklärlich, wariun Island keinen einzigen runenstein aus der zeit vor
1300 aufzuweisen hat. Die besiedelimg der insel fält nämlich in die zeit, wo im
mutterlande der braueli. bautasteine mit inschriften darauf zu errichten, verschwun-
den war.
Die 6. und lezte abhandlung, die schon im original sich fand, bespricht „die
ältesten dänischen runendenkmäler mit der kürzeren runenrcLhe." Es wird hier eine
genaue abbildung jedes deukmals und zugleich eine musterhafte exklärung desselben
gegeben, nachdem eine sprachgeschichtliche Übersicht über den lautweii der ein-
zelnen runen (die eine starke Umarbeitung erfahren hat) vorausgeschickt ist. Die
hier behandelten inschriften sind um 3 vermehrt (die der steine von Öija, Nörrenaerä
rmd Rönninge). ^
Dass der Verfasser in seiner schrift gelegentlich manche von den alten inschrif-
ten in musterhafter weise behandelt hat, sei zum schluss noch ausdrücklich bemerkt;
auch dass öfter neue und sorgfältige abbüdimgen mitgeteilt sind. Für die Veranstal-
tung der deutschen ausgäbe, diu'ch die Wimmer sein werk nun einem weit grösseren
leserkreise zugänglich gemacht hat, sind alle freunde der germanischen altertumskunde
1) Gegen die deutiingen des Verfassers liat der ref. im ganzen genommen nichts einzuwenden.
Nur kann er einen zweifei über die auffassung der worte : at rita sa varpi (auf den steinen von Glaven-
drup und Ti-yggevfelde) nicht zurückhalten. Ebenso wie der verf. würde auch ref. einen weit stärkeren
ausdruck erwarten als „er soU widerherstellen"; überdies würde diese aufforderung sehr wenig eindruck
auf denjenigen gemacht haben , dessen wh-kliche absieht es war , den stein zu schädigen oder zu entfer-
nen. Riti könte ja möglicherweise ein wort von sehr schlimmer bedeutung gewesen sein, das später
verloren gieng und dessen sinn zu finden infolgedessen schwer oder unmöglich sein wird.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXI. «jJ
498 MATTHIAS
ihm zu wärmsten danke verpflichtet. Eühmend sei noch, hervorgehoben, dass die
verlagshandlung dem buche eine ganz vortrefliche ausstattung gegeben hat.
KOPENHAGEN, IM MÄBZ 1888. FINNUE JONSSON.
[Das uneingeschränkte lob, das der ref. dem buche spendet imd dem wir uns
volstiindig anschliessen , darf auch auf die Übersetzung ausgedehnt werden; einzelne
kleine Verstösse (z. b. „die kgl. nord. oldskriftselskab" s. XIX) werden den meisten
deutschen lesern gar nicht zum bewustsein kommen. Dagegen kann es zu misver-
ständnissen führen, dass die Wörter „Germanen" und „germanisch" in dem werke in
verschiedenem sinne angewendet woi'den sind: einmal (z. b. s. 56) nach der in Deutsch-
land üblichen weise als bezeichuung aller Völker unseres Sprachstammes, dann aber
auch (z. b. s. 71 imd 73) nach dänischem brauch als benennung der eigentiichen
„Deutschen" oder Westgermaneu. — Auf s. 5 hätte für deutsche leser, die doch in
der nord. litteratur häufig weniger gut zu hause sind, der Urheber des doii citierten
ausspruches (Niels Math. Petersen) angegeben werden können. eed.]-
Badenfahrt von Thomas Murner. Neudruck nach der ausgäbe Strass-
burg 1514. Mit erläuterungen, insbesondere über das altdeutsche
badewesen von Ernst Martin, professor an der Universität Strassburg.
Mit sechs Zinkätzungen. Strassbui'g, J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel). 1887.
XXn, 44 s. 2 m.
In der einleitung wird zunächst das dreifache Interesse heiTorgehoben , welches
sich an Murners „ andechtig geistliche badenfart " knüpfe : nur hier zeige sich der
lachlustige ernst, der Spötter gefühlvoll; ferner sei das gedieht ein zeugnis für die
predigt vor der reformation, und zwar für die predigt, die nach Geilers vorgange
nicht einen bibeltext, sondern Vorgänge aus dem täghcheu leben zu gründe lege;
endKch gebe das buch, indem sein Verfasser die einzelnen Vorgänge des damals
üblichen badeus zu gründe lege und diese dui'ch die beigegebeneu bilder erläutere,
einen erhebhchen beitrag zu unserer kentnis der badealtertümer. Auf s. VI — XXTT
folgt sodann eine aufzähluug und besprechung von badegebräuchen ältester und älte-
rer zeit, wobei auch ausserdeutsche stamme, wie Finnen und Slawen, beräcksich-
tigung finden und zugleich dankenswerte nachtrage und berichtigimgen zu der aus-
führlichen darsteUung des badewesens von G. Zappert (Ai'chiv f. künde österr. ge-
schichtsqueU. XXI, "Wien 1859) sowie zum III. kap. des 1. bandes von Schultz,
Das höfische leben zur zeit der minnesinger (Leipzig, Hirzel, 1879) gegeben werden.
Der eigentliche abdruck des in 35 abschnitte zerfallenden gedichtes umfasst 41 sel-
ten ; s. 42 fg. gibt auskunft über den der ausgäbe zu gründe liegenden druck der Göt-
tinger Universitätsbibliothek (poet. germ. 2459), 43 fg. über die im neudrack verbes-
serten sinstöreuden felüer des alten di-uckes, sowie ein Verzeichnis der druckfehler
des neuen, 44 endlich über die sonstige gestaltung des textes.
Zu den in der einleitung besprocheneu Ijadealteitiimem Hessen sich ja, wenn
räum und gelegenheit es gestatteten, noch nachtrage liefern, wie es natürlich ist, da
sie eine erschöpfende darstelluug derselben gar nicht geben wül^ Doch w-ollen wii'
wenigstens auf ein paar Schriften hinweisen, in denen, ähnHch wie in Murners
gedichte, die Vorgänge beim baden eine aUegoiische anwendung finden. Zwei
1) Zu ivadel und queste (s. XVI) ist zu vergleichen XI , 493 iind XII , 226 dieser Zeitschrift.
ÜBER MURNERS BADENFAHRT ED. JURTIN 499
davon sind in Scheibles Schaltjahr enthalten (III, 212 und 398), Der Juden Bad-
stub {auctore Adriano Warnero Franco, Ursel 1606); imd Des Bapst und der
Pfaffen Badstub (1546), eine satire gegen den pabst und seinen anhang-, die
dritte in prosa von einem Nordhäuser landsmann, M. Johannes Spangenberg, scheint
eine unmittelbare uachahmung des Murnerschen gedichtes zu sein: Ein geistlich
Badt der Seelen, angezeigt im Leiblichen Bade^
Der text, dem ein facsimile des alten titeis vorangeht, ist eine genaue wider-
gabe des erwähnten Göttinger druckes, nur dass, offenbar um den unifang des buches
nicht noch mehr auszudehnen, die zahlreichen lateinischen randglossen fortgelassen
und von den 35 bildern, die den 35 abschnitten beigegeben waren, nur das titelbild,
n, V, XV, XVII, XXXIV wdderholt sind.
Da die bilder einen wesentlichen bestandteil des werkchens bilden, geben wir
hier kurz eine beschreibung der im neudrucko fehlenden.
III. Christus neben einem Ziehbrunnen, über dessen steinerner eiufassung der
eimer schwebt, links neben derselben sizt der dichter, den köpf in die linke band
gestüzt.
IV. Laugen machen. Christus giesst in einen dreieckigen, an drei bändern
aufgehangenen sack wasser, welches in einen darunterstehenden kübel läuft.
VI. In das bad enphahen. Der dichter wird von Christus empfangen, im
hintergrunde das badehaus, an dem aushängeschild kentlich: an einer langen stange
hängt eine badehaube, in derselben eine badequaste.
VII. Sich abziehen. Christus zieht dem vor ihm knienden dichter die
kutte aus, im hintergrunde das badehaus, kentlich an 3 auf einem bret Liegenden
badekappen.
VIII. Vor got nackent ston. Christus mit aufgehobener rechter hand,
vor ihm der dichter, nur mit einer badehose bekleidet, die linke hand auf der brüst,
in der rechten die quaste, im liintergrunde das badehaus.
IX. Die Füs we sehen. In einer art Säulenhalle sizt in gleichem kostüm
der dichter, die hände gefaltet, neben ihm auf der bank der wadel, vor ihm kniet
Christus, ihm in einem kübel die füsse waschend; vor der tüi- der Ziehbrunnen
sichtbar.
X. Den Leib reiben. In derselben halle der dichter lang auf einer bank
ausgestreckt, daneben Christus, ihm mit den händen den leib reibend.
XL Die hut kratzen. Der dichter sizt vornübergebückt, Christus steht
vor ihm iind krazt ihm mit den nageln den rücken; links darüber in einer nische
ein häufen steine (zur erzeugimg des dampfes, vgl. Zajjpert, a.a.O. s. 88).
XII. Schrepffen. Der dichter auf einem schemel sitzend, hinter ihm Chri-
stus, auf die linke schulter einen schröpfkopf setzend; auf dem schemel liegt ein
Schröpfmesser und ein glashütchen.
XIII. Das haubt waschen. Cliristus sizt auf einer bank, vor ihm an der
erde der dichter, dem von jenem mit beiden händen das haupt gewaschen wird;
links ein kübel mit querholz, rechts ein brunnen mit fliessendem Avasser, in einer
nische die erwähnten steine.
XIV. Das haupt scheren. Der dichter auf einem schemel sitzend, Chri-
stus steht vor ihm und rasiert mit einem breiten schermesser, welches er in der
1) Diese bisher unbekante schrift (herausgegeben 1552 von dem sehne dos Verfassers, Cyriacus)
ist enthalten in einem mischband der gräfl. Stolb. bibliothek zu "Wernigerode.
32*
500 MATTHIAS
linken band hält, jenem den köpf, offenbar die auf der tonsur nachgewachsenen
haare; rechts auf einer hank ein barbierbecken, sowie eine spitzzulaufende barbier-
tasche mit umhängeriemen.
XVI. Das har strelen. Auf einer bauk in einer niedrigen stube, deren
decke sichtbar, ein ganz nackender ohne badehose mit reichlicherem haarwuchs als
der dichter und ohne tonsur, Christus davor, mit der rechten band ihm den köpf
haltend, mit der linken das haar strehlend. Das bild rührt von einem anderen holz-
schneider her als die übrigen 34.
XVIII. Die Füs reiben. Auf einer bauk ausgestreckt der dichter, ganz
nackend, die bände gefaltet, die blosse durch einen wadel verdeckt, den rechten fuss
gegen die linke hüfto des vor ihm stehenden teufeis stemmend, welcher ihin mit lan-
gen krallen die füsse reibt; der teufel mit bocksfüssen, langem schwänz, fledermaus-
flügeln, das gesiebt mit wallendem haupt- und barthaar wie mit flammen umgeben.
XIX. Ab giessen. Christus, vor dem hause im freien stehend, giesst mit
der linken band wasser aus einem kübel über den vor ihm gebückt stehenden dich-
ter; rechts ein Springbrunnen.
XX. Ein badmantel geben. Christus hängt dem dichter einen bademan-
tel i;m.
XXI. Niderlegen. Christus deckt den dichter, der auf einem mit hohem
kopfkissen versehenen ruhebette liegt, mit einer decke bis an die schultern zu; unter
dem bett zwei schuhe.
XXII. In ruwen hüten. Der dichter schläft, den linken arm auf der decke;
rechts sizt in einem niedrigen, künstlicli geschnizten stiihl Christus, den köpf auf die
linke band gestüzt, der rechte arm ruht auf dem bette.
XXni. Wider anthuon. Christus und der dichter vor dem bette, lezterer
im Unterkleid, Christus zieht ihm die kutte an.
XXIV. Heim gon. Der dichter, völlig angekleidet, mit einer kappe auf
dem haupte, entfernt sich, Christus gibt ihm den segen, im hintergnmd das badehaus.
XXV. Wol leben. Christus sizt an der hinterseite eines gedeckten tisches,
auf demselben eine gebratene gans und angeschnittenes brot, links von Christo der
dichter, rechts ein bürger, beide grosse becher vor sich.
XXVI. Der Jungbrun. Ein Springbrunnen mit grossem becken, aus wel-
chem durch zwei röhi'on das wasser an den boden läuft, unter der einen sizt eine
frau, unter der anderen ein mann, beide nackend, das wasser mit den bänden auf-
fangend; aus dem becken erhebt sich eine säule mit drei röhren, im becken zwei
kinder, mit den bänden das aus jenen fliessende wasser auffangend.
XXVII. Im Vordergrunde rechts ein korb mit kräutern, links über einein
feuer ein kessel mit kräutern gefült, zu unterst an einem mit noch drei zahnen ver-
sehenen eisenstabe hängend; neben dem kessel in einer mit wasser gefülten wanne
der dichter, eine kappe auf dem haupte, im hintergrundo ein Springbrunnen.
XXVIII. Aus einem mit bäumen bewachsenen bergabhange Hiesst wasser aus
vier i'öhren in einen trog, von dem sich eine weibliche person mit zwei gefiüten
krügen entfernt; im hiutergrund das badehaus, dessen aushängeschild ein kränz an
einem langen holzkreuz.
XXIX. Unter einer säulenlialle badet eine frau in einer hölzerneu wanne ein
kleines kind; links davon auf einem feuer ein topf.
XXX. In einem gewölbten badezimmer sizt der dichter,'' in einer fast leeren
badewanne; Christus giesst ihm aus einem kleinen krug öl über die füsse.
ÜBER MUENERS BADEMFAHRT ED. MARTLN 501
XXXI. Das te glich, bad. Im freien sizt in einem steinernen tröge, in dem
aus einem brunnen wasser fliesst, der dichter zwischen zwei jüngeren männern nicht-
geistlichen Standes.
XXXII. Das wilt bad. In rundem, mit wasser gefiilten kübel steht der
mit badehose belileidete dichter, indem er eine vor ihm auf einer Strohmatte liegende
nackte person segnet, welche die arme kreuzweise über den leib gelegt hat; vor die-
ser liegt auf einem dreibeinigen Schemel neben einem deckelki-ug ein stück brot, auf
einem teller zwei äpfel (?).
XXXni. Das seh weiss Bad. Der dichter in einem kübel sitzend, welcher
von einem spitzen zeitdach völlig überdeckt ist; dasselbe hat vorn einen schlitz, aus
welchem jener mit dem Oberkörper hervorsieht.
XXXV. Der baderin danckeu. In der mitte steht eine schwangere frau,
mit beiden htänden ein buch haltend, mit einem heiHgenschein, in welchem der name:
S. Anna. Darüber ein verschlungenes band mit einer oifenbar fehlerhaften inschrift
(coticeptio cae marie in corpore suo .proprie gtialiter absque peccati madaj.
Endlich hat eine vergleichung des von der Verwaltung der Göttinger Univer-
sitätsbibliothek freundlichst zur Verfügung gestelten alten druckes mit dem neudrucke
folgendes resultat ergeben:
1. Ausser den auf s. 43 fg. als im neudrucke verbessert angeführten fehlem
des alten druckes sind in jenem noch folgende stilschweigend verbessert: I, 48 aue
(im alten drucke ane); 71 fehlt nit %uo; 11, 2 Da {So)^ 15 tugont (tugent), 53 Das
(Dass)] V, 25 tveis (weiss) ^ 49 grfieret {ge-)\ VI, 2 dier (dir)^ 40 alss (als), 71
trostlch {-lich)\ VIII, A standt {stan : dranY^ 31 iungfronwen {-frouicen) ^ bl g straf-
fet (ge-)] XIV, 54 sten {ston)\ XV, 16 leern {leren : eren); XVID, 33 Älss (Als);
XX, 21 glagst {clagst); XXIII, 30 denneti (denen); XXV, 89 mecht (macht); XXVI, 5
gstorben (ge-); XXIX, 58 Vnss (Vns); XXX, 10 Mb (Leib); XXXI, SQWnd (Vnd);
XXXIII, [30 Velrürt (Verl-)], 46 dersrlben (-selben); XXXIV, 63 ivürdt (würd);
XXXV, 8 Vrrgiss (Ver-), 20 strastburg (Strassb.), 38 gwohnheit (geiv-), Msj^racch
(sprach), 171 vnss (vns).
2. finden sich ausser den s. 43 , anm. 1 angeführten druckfehlern im neudrucke
noch folgende: I, 22 steht im alten drucke richtig wil (im neuen will), II, 31 ivuosch
(tvüsch); m, 7 letst (letzt), 70 do rxuo ::= dar xuo (do &uo); V, 1 gesuntheit (ge-
siindli.), 41 luilliklich (ivülickl.) , 53 ims = imes (im), 71 leyd (leid); VI, 3 Keim
^^ keinem (Kein), 11 kort ist richtiges impf., auch sonst im 16. jahrh., aus Murners
Luth. narr. b. Grimm (V, 409) im reüu, also unzweifelhaft:
alsbald er dis beschwerden hört
das angsicJ/t er gleich von mir kort;
also kert im neudrucke nicht richtig. 40 früm (frtim), 45 lond (lont); VII, 10
diser (dieser), 35 notturfft ( — turft); VIII, 71 siehst (siehst); IX Überschrift
fus (F.); X überschr. leib. (L.), 70 Dartimb (Darum). XI, 70 barmhcrt^ikeit
(-igkeit); XII, 4 es, nämlich das geil bluot (er), 27 vppikeit (vppigk.), 40 och
(ouch); XTTI, 15 süberleich, im reime auf gleich (silberlich); XIV, 6 Dan (Den),
49 dennocht bleibst (dennoch dl.); 23 erßllen : tvillen (erfüllen); 4A gerechtikeit (ge-
rechtigk.); ebenso 55; XVI, 5 fürsichtikeit (fiirs.), 37 dennocht (dennoch), 57 diser
(dieser), 24 den (die); XVIII überschr. fus (F.), 44 Da (Das), 70 verxiveiflen
(-fein); XX, 5 buoss : muoss (büoss : müss), 5l frummer (frommer); XXII, 31
1) Wol wegen des reimes als druckfehler anzuseilen, obgleich alemannisch stände als praes.
nachweisbar, z. b. gleich 3 zeüen vorher: xvü stand ich, her, so mtßkcnd hie.
502 NACHRICHTEN
doch {}iocIi); XXIV, 66 das (des)^ -lant {-landt)^ 67 ivcrendt (tveren); XXV, 36
Doch (Dach), XXVII, 42 vhersach {üb.); XXVIII, 13 schlechtem {schlechten), 22
ein {im), 27 7iit {mit), 46 mit {nit); XXIX, 34 nie {nit), 65 seivi {sein), 66 stir2)t
{stirbt); XXX, 10 leib {Leib), 12 gesuntheit {gesunt); XXXI überschr. Bad ibad),
4 hat auch {kot oueh); XXXII überschr. Bad {bad), 19 Her {Herr), 49 rernomen
{-nommen), XXXIII, 32 Vnsufcr {-fufer), 61 xuon = xuo den {zuo); XXXV, 19
kuntschafft {kundschaft) , 31 Er -für {Es -für), 34 keiserin {kais.), 123 herschafft
{-Schaft),
XV, 22 steht im alten wie im neuen drucke: gut, im reime auf duot, ist zu
lesen guot? XIX, 52
Ich mag sie nit im dreck Ion Ugen,
So sie so cleglich %iio mir schreien.
muss es sehr igen heissen? ich kann freilich diese mhd. fonn alemannisch nicht
nachweisen.
NORDHAUSEN. E. MATTHIAS.
NACHKICHTEN.
Die ord. professoren drr. Th. Mob ins in Kiel und K. Weinhold in Breslau
erhielten den Charakter als geheime regierungsräte.
Von der königl. bair. akademie der Wissenschaften wurden professor dr. Ludv.
F. A. Wimmer in Kopenhagen iind director dr. A. Essen wein in Nürnberg zu
auswärtigen mitgliedern, professor dr. Joh. Kelle in Prag zum correspondierenden
mitgliede erwählt.
Der privatdocent dr. freiherr vouWaldberg in Czernowitz wurde zum ausser-
ordentl. professor befördert.
An der Universität Leipzig habilitierte sich dr. Ernst Elster für nex;ere
deutsche litteratur.
Der herausgeber dieser Zeitschrift hat einen ruf an die Universität Kiel erhal-
ten und angenommen.
Am 30. nov. 1888 starb zu Marburg der ordentliche professor der germani-
schen Philologie, dr. Karl Lucae (geb. 7. aug. 1833).
Am 26. december 1888 starb zu Luud der frühere professor an der dortigen
Universität, Carl Johan Schlyter, der herausgeber von „Sweriges gamla lagar"
(geb. 29. Januar 1795 in Karlskrona).
503
I. SACHREGISTER
Achillesmytlius siehe mythologie.
alaisiagae (*aisagj6) siehe mythologie.
A 1 b e r u s , E r a s m u s , reformiert das läud-
cheu Dreieich 420. seine Schrift Yora
Vnterscheid der Euangelischen vnd Pa-
pistischen Messz 420 fg. gleichgiltig
gegen äusserlichkeiteu der katholischen
kirche 421. verliebe für musik 421 fg.
— Von dem grossen Abgott Canon
422 fg. — Newe zeitung von Rom 423,
anm. 1. — Streitschrift gegen Georg
Witzel 423 — 26. — Der Barfuser Mün-
che Eulenspiegel vnd Alcoran 426. —
Von der schlangen Verführung
(die ungleichen kinder Evae):
H. Sachs abhängigkeit von Alber 420.
vgl. 450, 3. 458, 23. 459, 3. quelle
des gespritchs Melanchthons lateinischer
brief 427. Inhalt desselben 427 fgg.
Verhältnis Albers zu demselben 429 fg.
drucke des gesprächs 431 — 35. bear-
beitung desselben durch magister Leon-
hard Jacobi aus Nordliausen 431 — 35.
text des gespräches 435 — 63.
Albrecht von Scharfenberg: der von
UMch Füetrer dem Albrecht zugeschiie-
bene Fraw eren hof identisch mit des-
sen Jüngerem Titurel 404 — 408. Al-
brecht auch Verfasser des von Füetrer
bearbeiteten Seifrid von Ardemont 408
—412, und Merlin 412—17. — Ver-
hältnis Albrechts zu Kyot 413 anm. 1.
zu "Wolfram 418 fg. zu den französi-
schen vorlagen 411 — 17.
althochdeutsch siehe Otfrid.
altnordisch: über transscription der Ed-
dalieder 102 fg. — Upsala-Edda: zweck
des traktats „af setningu hattalykils"
272 fg. Inhalt desselben : kreisfigur und
kommentar dazu 275 — 79. rechteck-
figur und kommentar dazu 279 fg. —
datierung der Kormakssaga 370 fg. —
altnordische mythologie siehe dieses.
Anna von Köln, beschreibimg ihres lie-
derbuches 129. Inhalt siehe kirchenhed.
Arnason, Jon, nekrolog 470 fgg.
Bartsch, Karl, nekrolog 466 — 69.
Bartsch, Michael, biographisches 22, anm. 2.
briefe von Opitz an ihn 22 — 24.
Becanus, Martin, sein Manuale von Opitz
übersezt 18.
Becker, Friedrich, nekrolog 73 fgg.
Beda (göttin) siehe mythologie.
Bergers Galora von Venedig identisch mit
Den unglücklichen brüderu 45 fg. bio-
graphisches über Berger 46 fg.
Bernegger, Matthias, 28, aum. 1. 8; 31,
anm. 1; 178, anm. 2.
bibeldrucke: Zusammenhang des 1. imd 4.
mit einer haudschrift der Paulinischen
briefe des (Waldensers '?) Ulrich Ortlieb
203 — 206.
Bodmers beziehungen zu Goethe s. diesen.
böhmische vogelnamen siehe dieses.
Bornholmer taufstein siehe ruueu u. Maria.
Brieg, fürst von, siehe Opitz.
Catü : Himmelgartner bruchstücke eines C.
390 — 93. vgl. Himmelgarten.
Cats, Jac. , siehe Titz.
Coler, Christoph, biographisches 17, anm. 3;
18. übersezt den latemischen text von
Grotius Von der Wahrheit der christ-
lichen religion 19 fgg. — briefe von
Opitz an ihn 18 fgg. 25 — 3.3. 34 fg.
37 fg. 163 — 78.— brief Senftlebeus an
Coler 182 fg.
Cothm-nius, schulgeuosse von Opitz 24,
anm. 5.
Cimi'ad, Caspar 38, anm. 2. vgl. 175,
anm. 4.
Czepko, Daniel, brief von Opitz an ihn 34.
Dach, Simon, siehe Titz.
dänische dramatisierung des Tobias von
einem auonymus 478 fg. des Peter
Thogerseu Comoedia de Mundo et Pau-
pere 479 — 86. vgl. drama.
Dohna, Karl Hanuibal von, Opitz' gönner
17 fgg. befiehlt die deutsche Übersetzung
von Grotius lateinischem gedichte Von
der wahi-heit der christlichen religion
19 fgg. vgl. Coler.
drama: bedeutimg des sogenanten Ham-
burger Preisausschreibens 42. Ur-
sache der zurücksetzimg des Julius von
Tareut vor den Zwillingen 42 fg. hono-
lierimg von Schinks Gianetta Montaldi
44. Die unglücklichen brüder identisch
mit Bergers Galora von Venedig 45 fg.
vgl. diesen, aufzählung der honorier-
ten und nicht honorierten stücke 47. —
Christian Reuter durch das volksdrama
beeinflusst 119. Stranitzkys abhängig-
keit von Reuter 119. — der stoff von
Mart. Rinckharts Der Eislebische
christliche Ritter behandelt in einem
Sterzinger fastnachtspiel, Rex mortis
188 fg. vgl. Rinckhardt. — der Papi-
nianus des Andreas Gryphius auf
dem repertoir der Wandertruppen 280 fg.
beschreibung der handschrift 281. der
beai'beiter des Stückes, Hasskerl, wid-
met es der truppe der Sophie Julie
Elenson 281 fg. aufführungen dessel-
504
SACHREGUSTER
beu 282 fg. eiufüguug komischer sce-
nen in die bearbeitimg 283 fg. akt 1
284 — 95. inhalt von akt 2 — 5 295 —
301. vergleichuug der bearbeitung mit
dem original 302 — 309. — Griseldis,
bearbeitung des Stoffes von E. Eucha-
rius, H. Sachs, G. Maiu'itins, V. Schreck,
G. Pondo 474 fgg. vgl. Griseldis. — To-
bias, dänische bearbeitung eines ano-
nymus 478 fg. des Peter Thogersen
Comoedia de Mundo etPaupere479
fgg. damit verwantes niederländisches
Schauspiel Spieghel des Loops deser
Wereldt 482 fg. ähnliche, namentlich
französische moraütäten 484 fg. ver-
miitliche vorläge des dänischen Schau-
spiels 485 fg.
Dreieich, reformiert durch Alber, siehe
diesen.
Dudithius, Andreas 163, anm. 3.
Edda siehe altnordisch.
Eichendorff: bruchstücke aus seinem
littorarischen nachlass 214 — 18. Schrif-
ten über ihn 218. seine romane und
novellen 218 — 25. seine lyrik 225 —
229. Eichendorff als vorbild Heines und
W. Müllers 225 fg. seine patriotischen
gedichte und litterarischen Satiren 227
— 229. seine dramen 229 fg. seine
epischen gedichte 231 fg.
Elenson, Sophie Julie, und ihre Wander-
truppe 281 fg. in ihrem repertoir eine
beailieitung des Papinian von A. Gry-
phius dm-ch Hasskerl 281 fg.
Eschers beziehungen zu Goethe s. diesen.
Eucharius, Eligius, siehe Griseldis.
fastnachtspiel: Eex mortis in dem manu-
script des Vigil Eaber identisch mit
Rinckharts Der Eislebische christliche
Ritter 188 fg.
Feinler, Gottfr. , Übersetzer Owens 326 fg.
Fimmila (göttiu) sielie mythologie.
Franck, Joh., seine bearbeitung der Lu-
cretia 310 fg. seine Übersetzung Owens
325, aum. 1.
Püetrer, Ulrich: der von ihm dem
Albreclit von Scharfenberg zugeschrie-
bene Fraw eren hof identisch mit des-
sen Jüngerem Titurel 404 — 408. Al-
brecht der Verfasser des von F. bear-
beiteten Seifrid von Ardemont 408 — 12
und Merlin 412 — 17.
geistliches lied siehe kirchenlied.
Genesis siehe Rudolf v. Ems.
Gerhardt, Paul, zwei lateinische gelegen-
heitsgedichte auf Petrus Vehr 201 fg.
und Samuel Rosa 202 fg.
Gertrud, legende von S. , 157, anm. 1.
Gilhausen, Isaac, Gramraatica 252.
Goethes Faust: die gesprächsscene zwi-
schen Faust und Wagner beernflusst
von Herders theologischen Streitschrif-
ten 329 — 33. sonstige anspielungen auf
persönliche erlebnisse 333 fg. — Goe-
thes beziehungen zu Zürich: G. kam
einen tag nach den brüdern Stolberg
dort an 373. seine beziehungen zu
dem musiker Kayser 373. zu Nanne
Lavater und Liüse Ziegler 373. erster
entwurf der Hoffnung 374. bekant-
schaft mit Hirzels buche Die Wirtschaft
eines philosophischen bauern (= Kli-
jogg) 374. beziehungen zu sonstigen
Züricher gelehrten 374 fg. zu Hottin-
ger 375 fg. zu Bodmer xmd Escher 377.
zu Landolt 377 fg. zu Pestalozzi 378.
zeit der abreise von Zürich 376 fg. Karl
Augusts angeblicher besuch bei Lips in
Kletten 378. zusammentreffen mit dem
jüngeren Tobler in Genf 378 fg. zeit
der abfassung von Jery und Bätely 379.
bruch mit Lavater 379. beziehungen
zu Meyer 379 fg. über die dritte Schwei-
zerreise 380. besuch bei Escher 381.
Usteri Goethe unbekant 381.
Goldast, Melchior, polyhistor, 33, anm. 9.
Gotländische runeniuschrift, älteste, siehe
runen.
Griseldissage: lateinische schulcomödie
Griseldis von Eligius Eucharius 474.
Umarbeitung des dramas von H. Sachs
durch Georg Mauritius 474 fg. latei-
nische Übersetzung davon 475. zwei
norddeutsche bearbeitungen der sage
durch Valent. Schreck 475, und Georg
Pondo 475 fg. andere Zeugnisse für das
fortleben des Stoffes 476 fg.
Guiot siehe Albrecht von Scharfenberg und
AVolfram.
Hamburger Preisausschreiben, das soge-
naute, siehe drama.
Harsdörffer gesprächsspiele IV 252. vgl.
Spaugenberg.
Hasskerl, bearbeiter des Papinian des An-
dreas Grvphius für die Wanderbühnen
281 fg.
Heine, H., beeinflusst von Eichendorff
siehe diesen.
Heinsius, Daniel, hymnus in Bacchum
übersezt von Opitz 180, anm. 4. vgl. Titz.
Herdei's theologische Streitschriften von
Goethe im Faust benuzt 329 — 33.
Herrmann , Daniel , brief von Opitz an ihn
21. 178 fgg.
Himmelgartner bruchstücke einer mit-
telniederdeutschen evangelienharmonie
385 — 90. eines Cato 390 — 93. eines
mittebiiederdeutschen Spieles vom leben
SACHREGISTER
505
Jesu 393 fgg. einer Marienklage 395 —
404.
Hirzels beziehungen zu Goethe siehe diesen.
Hottingers beziehungen zu Goethe siehe
diesen.
Jaeobi, magister Leonhard, aus Nord-
hausen, gibt Älbers gesijräch Von der
schlangen Verführung usw. neu heraus
431 — 35. vgl. Alber.
Jesu, leben, Himmelgaiiner bruchstücko
vom 393 fgg. vgl. Himmelgarten.
indogermanische mythen siehe mythologie.
Irminsul siehe mythologie.
Karl Augusts angeblicher besuch bei Lips
in Klotten siehe Goethe.
katholisches kirchenlied des 16. jahrhim-
iiunderts siehe kirchenUed.
kirchenlied des 16. und 17. Jahr-
hunderts: liederbuch der Anna von
Köln 129 — 163. beschreibung dessel-
ben 129. inhalt eines kathohschen he-
derbuches des 16. Jahrhunderts 130 fg.
samlung der Catherina Tirs 132. Inhalt
des liederbuchs der Anna von Köln 132
— 139. lateinisches weihnachtslied ] 40.
in dulci jubilo 141 fg. weihnachtslied
142. Du bist mein 143. beeiuflusst
von Luthers Nu freut euch lieben Chri-
sten gemein (1524) 143, anni. 1. pfingst-
lied 144. ähnlichkeit mit dem Luther-
schen Nu bitten wir den heiligen geist
144, anm. 2. Ayauderlied 145 fgg. buss-
lied 147 fg. christenfreude 148 fg. em-
pfang der braut Christi im himmel 149 fg.
Sehnsucht nach dem himmel 151 fg.
gebet an Jesu. Maria und Michael 152 fg.
geistlicher frühliug 153 fg. Marienkranz
154 fgg. Sankt Gertrud 157 fgg. lie-
besHed geistlich verändert 159 fg. zwei
geistliche parodien eines tiinküedes 160
fg. trinklied 161 fgg.
Kirchmann , brief Laurembergs an 464 fgg.
Kirchners biographie von Opitz 29, anm. 3.
Klingers ZwilliBge siehe drama.
Klopstock: fehler im drucke des Messias
imd der Oden 190 fgg. mitteilung des
Messiasfragmentes : Gericht über die bö-
sen könige 192 — 199.
Köhler, Georg, von Mohrenfeld 167, anm 8.
Köln, Anna von, siehe diese.
Kormakssaga, datienmg 370 fg.
Landolts beziehungen zu Goethe siehe
diesen.
Laurembergs gattin Maria Lelin 464 fgg.
brief an seinen lehrer Kirchmanu ebda.
Lavaters beziehungen zu Goethe siehe die-
sen. — Nanne Lavater siehe Goethe.
legende von S. Gertrud 157, anm. 1.
Leisewitz, Julius von Tarent siehe drama.
Lelin, Maria, siehe Lauremberg.
Lessings einüuss auf Wieland 336.
Lieguitz, fürst von, siehe Opitz.
Lingelsheim 32, anm. 3.
Loeber, Valentin, Übersetzer Owens 326.
Luther: zwei stücke des liederbuches der
Anna von Köln von Lutherschen liedern
beeinflusst 143, anm. 1; 144, anm. 2.
vgl. kirchenlied.
Machner, Matthias, biographisches 16,
anm. 4. beziehungen zu Moscherosch
ebda, brief au ihn von Moscherosch
183—88.
Manutius, Paulus 163, anm. 7.
Maria: bildliche darstellimg der immacu-
lata conceptio auf einem Boruholnier
taufsteiue 487 und anm. 4. — Himmel-
gartner Marienklage, bruchstücke 395 —
404. vgl. Himmelgarten.
Mauritius, Georg, Griseldis siehe dieses.
Melanchthons brief an den fürsten von
"VVied quelle für Albers Gespräch Von
der schlangen Verführung usw. 427.
vgl. Alber.
metrik: accentuatiou bei Otfrid 352 fgg.
Meyers beziehungen zu Goethe siehe die-
sen.
minnegesang: das tagelied romanischen Ur-
sprungs 244 fgg. Verhältnis der späte-
ren tagelieder der Volksdichtung zum
höfischen minnegesang 247.
mittelniederdeutsche evangelienharmonie,
bruchstück 385 — 90. — spiel vom leben
Jesu, bruchstück 393 fgg. vgl. Him-
melgarten.
Monavius, Jacob 25, anm. 5.
Moscherosch, briefe von, an Matthias
Machner 183 — 88.
Muckius 35, anm. 5.
MüUer, "W. , beeintlusst duix-h Eichendorff,
siehe diesen.
Müncer, Andr. , siehe Titz.
mythologie: methode der vergleichen-
den m. 336 fgg. indogermanische niy-
thengruppen 338 fg. gewittermythus
(Achilleusmythus) 339 fg. vergleichung
der Sigfridsage mit lezterem 340. ver-
gleichung der germanischen göttermy-
then mit dem ui'mythus 342 — 45. —
Tius Things, der altnordische him-
melsgott 1. in Deutschland kriegsgott 1.
bei den Sachsen mit den beinamen Sax-
uot, Saxneat, auch Er (Irminsul) 1 fg.
mit dem beinamen Things, der über das
ding waltende, auf zwei lateinischen in
England gefundenen Inschriften 2 — 5.
die daneben genanten alaisiagae =
alaisagiae =: aisagjü, die grossen gesetz-
sprecheriunen 7. erklärung der wort-
form und bedeutung aus den germani-
schen dialekten 7 — 12. crklärun"; der
506
SACHREGISTER
uameu Bedu und Fimmila 12 fgg.
der friesische gott Forsite 14 fgg.
neulateinisclie dichtung, ihr einüuss auf
die deutsche des 17. Jahrhunderts 315
— 328. vgl. Titz, P. Gerhardt.
Nicaeus Äucumanus, Übersetzer Owens
324 fgg.
niederdeutsche grammatik: Schwächung des
auslautenden m zu n 249. — gebrauch
von dat (nicht plconastisch) 249 fg. syk
bei intransitiven verbis 250.
Ojtitz im dieuste des burggrafen von
Dohna 17 fgg. übersezt das Manuale
des Mart. Becanus 18. 35, anni. 6, so-
wie des Grotius gedieht Von der Wahr-
heit der christhchen religion 18. vgl.
Coler und Dohna. — biief an Daniel
Herruiann 21. 178 fgg briefe an Coler
18 fgg. 25 — 33. 34 fg. 37 fg. 163 —
178. stambuchblatt von ihm 21. 183.
briefe an Michael Bartsch 22 — 24. an
Andreas Senftleben 24 fg. biographie
Kirchners 29, anm. 3. brief an Daniel
Czepko 34. an Caspar Sinner 36 fg.
Verfasser von sangbaren liedern29, anm 9.
sein vater 31 , anm. 7. sein religiöser
imd sitlicher Standpunkt 17 fgg. 31,
anm. 9. beziehungen zu den fürsten
von Brieg undLiegnitz 20fg. 167, anm. 7.
seine Übersetzung des Hymnus in Bac-
chum des Daniel Heinsius 180, anm. 4.
seine geliebten Asterie und Sylvia 180,
anm. 6.
Ortlieb, Ulrich, Waldenser? siehe l>ibel-
drucko.
Otfrid: über accentuation bei Otfr. 352 fgg.
Owens epigrammc 320 — 24. übersezt
von Beruh. Nicaeus Ancumauus 324 fgg.
von Joh. Franck 325, anm. 1. vonVal.
Loeber 326. von Gottfr. Feinler 326 fg.
von Titz 327 fg.
Papinianus des Andr. Giyphius auf dem
repertoir der wanderlnihnen 281 fg. siehe
drama.
Pestalozzis beziehungen zu Goethe siehe
diesen.
Pfeiffer, David, siehe Titz.
Pfüntel: comoedie aus der grammatica des
magister Martin Pf. 252.
Pondo , Georg, seine Griseldis, siehe diese.
Pool, Eeginald 175, anm. 3.
Eeichardt, Benedict, deutsches gedieht
P. Gerhardts auf ihn 202 fg.
Reuter, Christian, durch das volksdrama
beeinflusst 119. Stranitzkys abhängig-
keit von ihm 119.
Rhenauus, Johannes, Spcculum aestheti-
cum 252.
Einckhart, Martin, stoff seines Eislebi-
schen christlichen ritters behandelt in
einem Sterzinger, aus dem manuscript
des Vigil Eaber herausgegebenen fast-
uachtspicl, Eex mortis 188 fg.
Eosa, Sam., lateinisches gedieht P. Ger-
hardts auf ihn 202.
Eudolf von Ems, reimchronik, be-
schreibung des bruchstückes einer hand-
scluift 257. Schreibweise derselben 257
fgg. vergleichimg des Inhaltes mit der
Genesis 260 fgg. text 262 — 71.
r u n e n i n s c h r i f t , älteste gotländische, auf
einem Bornholmer taufstein 488 fgg.
Euttart (Ruthald), Matth. 182, anm. 3.
Sabinus siehe Titz.
Sachs, Hans, Die ungleichen kinder Evae,
abhängig von Alber siehe diesen. — Gri- •
seldis siehe dieses.
Salvator (= gott) in spielen des 15. und
16. Jahrhunderts 478, anm. 1.
Scharfenberg, Albrecht von, siehe Al-
brecht.
Schinks Gianetta Montaldi siehe drama.
Schreck, Valentin, Griseldis siehe dieses.
Sebisius, freund von Opitz 32, anm. 4.
167, anm. 1.
Senftleben, Andreas, briefe von Opitz an
ihn 24 fg. — brief von ihm an Coler
182 fg.
Sigfrid-mythus siehe mythologie.
Sinner, Caspar, brief von Opitz an ihn
36 fg. — brief von ihm an Opitz 180 fgg.
Spangenberg, Johannes, Bellum gramma-
ticale 251 fg. ähnlichen Inhaltes Isaac
Gilhausens drama Grammatica, Joh.
Ehenanus Spcculum aestheticum, Co-
moedie aus der grammatica des Martin
Pfüntel, Harsdörffers gesprächsspiele IV,
Casp. V. Stielers Willmut 252.
Sterzinger fastnachtspiel Eex mortis siehe
Einckhart.
Stieler, Caspar v. , Willmut 252.
Stranitzkys abhängigkeit von Eeuter 119.
tagelied, das deutsche, romanischen Ur-
sprungs 244 fg. Verhältnis der späteren
tagelieder der Volksdichtung zum höfi-
schen miunegesang 247.
Teubner, füi-stl. Lieguitzischer rat 22,
anm. 4.
theater: Wandertruppe der Sophie Julie
Elenson 281 fg. vgl. diese und drama.
Thogersen, Peter, comoedie de Mundo et
Paupere 479 — 86. vgl. drama.
Tirs, liedersamlung der Catheiiua, siehe
kirchenlied.
Titurel, der jüngere, siehe Albrecht von
Scharfenberg.
Titz, Joh. Peter, Lucretia 310. der-
selbe Stoff bearbeitet von Heinr. Held
und Joh. Franck 310 fg. übeiiragung
zweier dichtungeu des Holländers Jacob
rr. VERZEICHNIS DER BESPROCHENEN STELLEN
507
Cats 311. Rhodope und das deutsche
geselschaftslied 312 fgg. ahmt in sei-
ner lyrik Dach nach 313 fg. ankuüpfung
an Opitz 315. einfluss der neulateini-
schen dichtung von Pfeifer, Hein.sius,
Sabinus, Müncer 315 — 19. einfluss der
epigramme Owens 320. Übersetzung
Owens 327.
Tius Things siehe mj'thologie.
Tobias, drama eines dänischen anonymus
478 fg.
Toblers beziehuugen zu Goethe siehe diesen.
Tronimer, David, von der dichtung der
neulateiner beeiuflusst 319 fg. vgl. Titz.
Vehr, Petrus, lateinisches gedieht Paul
Gerhardts auf ihn 201 fg.
vögeln amen aus dem nördlichen Böh-
men 207 — 11. fuudgruben für deut-
sche vulgäruameu von vögeln 211 — 14.
voUislied, geistliches, siehe Idrchenlied. —
tagelied der Volksdichtung siehe jenes.
Waldenser siehe bibeldrucke.
"Wessel, söhn Johanns 27, anm. 1.
AYieland, beeinüusst von Lessing 336.
Witzel, Georg, Streitschrift Albers gegen
ihn, siehe diesen.
"Wolfram von Eschenbach in derdar-
stellung der frauen im Parzival ab-
hängig von seiner quelle 48 fg. Ursache
49. daher die Widersprüche in seiner
sitlichen lebensanschauung 49 fg. des
dichters frauenideal 50 fg. erklärung
bedenklicher Situationen 51 fgg. betrach-
timg der einzelnen frauen nach diesen
gesichtspunkten : Amphlise 55 fgg. Be-
lacane57fgg. Herzeloide 59 fgg. Jeschute
61 fgg. Sigune 62 fgg. Kundwiramur
64 fg. Obie und Obilot 65 — 68 Orge-
luse 68 — 72. Itonje 72 fg. — das the-
ma des Parzival (e= glaube oder ehe)
232- — 40. 383. in der französischen
vorläge (Guiot) spiegeln sich die reli-
giösen gegensätze der zeit wider 241 fg.
— AYolframisches im Jüngeren Titui'el
418 fg. vgl. Albrecht von Scharfenberg.
Ziegler, Liüse siehe Goethe.
Zürich, Goethes bezieh ungen zu Z. siehe
Goethe.
IL VERZEICHNIS DER BESPROCHENEN STELLEN.
Tacitus , Germania
c. 14' s. 254 fg.
Saxo Grammaticus (ed. Mül-
ler-Yelschow)I,139s.200.
Lieder -Edda:
frymskv. 12, 1 s. 109.
Harb. 80 s. 109.
Hav. 109, 3 s. 109.
Hym. 33, 4 s. 108 fg.
Lokas. 12, 4 s. 109.
Vaf|)r. 3, 3 s. 109.
6, 3
14, 3
Voluspa 2"
s. 109.
s. 109.
s. 126.
ö- s. 127.
11 3-^ s. 127.
13'^ s. 127.
181 g 127.
19- s. 127.
241 s. 127.
251 s. 127.
30^ s. 127.
31 2 s. 127.
32 2 s. 127.
33- s. 127 fg.
41, 3»' s. 108.
45, 4 s. 108.
Snorra-Edda: I, 252 s. 343.
Kormaks saga (ed. Möbius)
5'--^= s. 369.
Beowulf 43
s. 355.
241
s. 355.
269
s. 355.
390
s. 355.
787
s»355.
797
s. 355.
1037
s. 355.
1071
s. 355.
1129
s. 355.
1224
s. 355.
1286 fgg. S.361
1631
s. 365.
1665
s. 364.
1881
s. 363.
2502
s. .365.
2524
s. 355.
2660
s. 355.
2715
s. 363.
3106
s. 364.
3122
s. 364.
Wolfram von Eschenbach
Parzival 70, 7—12 s. 55 fg.
362.26— 30 s. 66, anm 1.
468, 5 s. 235 fg. 383 fg.
479, 21—23 s. 2.39,
anm. 1.
MF. 4, 35 und 5, 7 s. 243.
244.
39, 18 s. 243. 244 fg.
Burggraf vonLüenz (Bartsch
D. L. 153) s. 246.
Reinke de Vos (ed. Prien)
2.vorr. § 5 (s.5, 1.3) s.248.
81 — 83 s. 248 fg.
127 s. 249.
764 s. 249.
983 s. 250.
1136 s. 249 fg.
2131 s. 249.
2786 s. 250.
3973 fg. s. 2.50 fg.
Albrecht von Scharfenberg
der jüngere Titurel (ed.
Hahn)
3515 fgg. s. 406 fg.
5019 fgg. z. 405 fg.
Ulrich Füetrer, der jüngere
Titurel 35% 4 fgg. s. 405.
Laurembergs Scherzgedichte
(ed. Braune)
I, 352 s. 2.56.
II, 125 s. 256.
Lessing, Hamb. dramaturgie
S.18L. s. 199 fg.
Goethe, Faust I.
177 — 80 s. 330 fg.
186 s. 331.
200 fg. s. 331.
508
III. WORTREGISTER
Goethe, Faust I.
203 S.329.
206 fgg. s. 331 fg.
219 fe. s. 332.
228 — 33 s. 332 fg.
234 — 35 s. 333.
Wieland (Hempel)
XXX, 263 s. 336.
Anastasius Grün
n, 355 s. 335.
Altfriesisch.
äsega s. 8.
Beda s. 12.
bodthiug s. 12.
fimmelthiug s. 12.
Fimmila s. 12.
Altnordisch.
Byleiptr s. 104.
enn s. 108.
esomk (er.) s. 105. 369.
eyrinde (or.) s. 105.
-fa{)ir, -fo|)r (in compos.)
s. 105 fgg.
go3i s. 10.
Hagbarf)r s. 370.
haucstaldr s. 370 amn.
hvern s. 109.
iarn (jarn) s. 108.
I{)min s. 105.
lagastafr s. 105.
lagmadr, logm., logSQgumadr
s. 9.
sigtöptir s. 104 fg.
Svarangr s. 105.
vosomk (vor.) s. 105. 369.
III. WORTREGISTER.
Altlioclideutscli.
esago s. 11.
goto , gote s. 10.
Aiig-elsäclisiseh.
andhätor s. 361.
breotan s. 356.
gefaga s. 356.
*fylce s. 356.
helrüna s. 357.
oferswtdan s. 358.
sigl, sigle s. 357.
slsepan s. 357.
styl, style s. 357.
swTgra s. 358.
gej)ingan s. 358.
gewegan s. 358.
weorce s. 358.
gewef , gewif s. 358.
Mittelhoelideutseli .
stiezen s. 255 fg.
Xiederdeiitseli.
dat s. 249 fg.
deren s. 153, anm. 1.
kere s. 155, anm. 2.
kuraxt s. 161, anm. 2.
melsuesse s. 1.54, anm. 2.
meyerayn s. 153, anm. 2.
overmiddes s. 156, anm. 1.
piysen, sik-an s. 251.
snaren s. 141 , anm. 2.
swone s. 152, anm. 1.
verwent s. 159, anm. 2.
Französisch.
merlette s. 335.
?ireiihochdeutsch.
catzencismus s. 459 , 20.
erkentnis s. 440, 9.
erst, mit s. 447, 1.
feilen s. 441, 21.
fetzen, zu pfetzen ligen
S.443, 23.
grundter s. 450, 1.
hellebrennen s. 436, 4.
kappe, klappe s. 449, 2.
keudeln s. 451, 15.
meinen, jemand s. 441, 1.
rechnen (=: rächen) s. 444,
11.
schünden s. 462, 2.
verstehen s. 448, 1 .
zigen s. 440, 14.
Zukunft s. 448, 5.
Halle a. S. , Buchdmckerei des Waisenhauses.
0
csrrT,
8 ly^
PF
3003
Z35
Bd. 21
Zeitschrift für deutsche
Philologie
'^P
PLEASE DO NOT REMOVE
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET
UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY